Alles auf einen Blick — Erhebung vom 15./16.03.2022

Eine Zusammenstellung der wichtigsten Befunde mit Abbildungen und Empfehlungen finden Sie im aktuellen Foliensatz.

Foliensatz herunterladen

Ausführlichere Analysen zu bestimmten Fragestellungen finden Sie auf den Themenseiten

Kurzzusammenfassung

Wir befinden uns aktuell in einer Situation, in der weiter zunehmend Entspannung erlebt wird – obwohl die Fallzahlen steigen und die Mehrheit auch weiterhin steigende Fallzahlen und sogar eine eigene Infektion eher erwartet, sind insgesamt weniger Belastung, weniger gefühltes Risiko, weniger Corona-Sorgen zu verzeichnen – und auch weniger Schutzverhalten als noch in der Delta-Welle. Es scheint, das Narrativ des „milden Omikron-Verlaufs“ hat sich durchgesetzt. Menschen, die Bekannte haben, die Corona hatten, empfinden allerdings ein höheres Risiko und sorgen sich auch eher um Langzeitfolgen von COVID-19 als Personen, die keine Erkrankten kennen. Die eigene Erfahrung mit dem Virus scheint also dazu beizutragen, dass Corona ernster genommen wird. Der Krieg in der Ukraine beherrscht derzeit das Nachrichtengeschehen; dennoch empfinden es die Befragten weiterhin als einfach, sich über Corona zu informieren. In den Daten zeigen sich aktuell auch keine Hinweise, dass der Stress, der durch das Kriegsgeschehen und die Folgen ausgelöst wird, zu weniger Corona-Schutzverhalten oder einer unbekümmerten Haltung bezüglich Corona führt. Sinkendes Schutzverhalten scheint daher v.a. mit der Wahrnehmung zusammenzuhängen, dass das Virus eine geringere Bedrohung als früher darstellt. Sobald Regelungen wie die Maskenpflicht entfallen, ist auch mit weniger Schutzverhalten zu rechnen. Insgesamt festigt sich weiter der Befund, dass Personen ohne Impfschutz ungeimpft bleiben möchten, mit einer Steigerung der Impfquote ist also ohne Weiteres nicht zu rechnen.

Hinweis in eigener Sache: Diese COSMO-Welle war die letzte geplante Welle. Das Erfurter Team dankt allen Partner:innen, Geldgeber:innen, Unterstützer:innen, Kritiker:innen und Nutzer:innen für zwei lange, intensive und lehrreiche Jahre.

Auf der Basis der bisherigen und aktuellen Ergebnisse der COSMO Befragung (Welle 61, 15.03. & 16.03.22, 1026 Befragte; deutschlandweite nicht-probabilistische Quotenstichprobe, die die erwachsene Allgemeinbevölkerung zwischen 18 und 74 Jahren für die Merkmale Alter x Geschlecht und Bundesland abbildet) leitet das COSMO-Konsortium folgende Empfehlungen zur weiteren Gestaltung der COVID-19-Lage in Deutschland ab:

Risikowahrnehmung, Schutzverhalten, Akzeptanz von Maßnahmen

Befunde: Die meisten Befragten erwarten aktuell, dass die Infektionszahlen weiter steigen werden. Auch wenn immer noch ein erhöhtes Infektionsrisiko wahrgenommen wird, ist das gefühlte Risiko weiter gesunken, auch der Schweregrad einer möglichen Infektion wird als geringer eingeschätzt als noch im Dezember 2021 oder in den vorhergegangenen Corona-Wellen. Menschen, die Bekannte haben, die Corona hatten, empfinden allerdings ein höheres Risiko und sorgen sich auch eher um Langzeitfolgen von COVID-19 als Personen, die keine Erkrankten kennen. Schutzverhalten ist stabil niedriger als in der Delta-Welle oder weiter leicht gesunken. Ausnahme sind Masken, die dauerhaft häufig getragen werden. Strikte Maßnahmen wie weitere Kontaktbeschränkungen oder Schulschließungen werden stärker abgelehnt als noch in der Delta-Welle. Die Nutzung von Homeoffice und Schnelltests haben sich seit der letzten Erhebung nicht verändert. Ca. 50% halten die Maßnahmen für angemessen, 27% gehen sie zu weit, 23% nicht weit genug.

Lockerungen

Befunde: Wenn perspektivisch keine anderen Maßnahmen mehr gelten und Masken wieder notwendig würden, wären sie am ehesten in Pflegeeinrichtungen und öffentlichen Verkehrsmitteln befürwortet. Einzelhandel und Grundversorgung sind ähnlich, aber weniger akzeptiert. Masken in der Schule sind am wenigsten akzeptiert. Geimpfte akzeptieren das erneute Tragen von Masken deutlich mehr als Ungeimpfte. Ein Survey-Experiment zeigte, dass ein Wegfall der Maskenpflicht bei den anstehenden Lockerungen deutlich die Bereitschaft zum Tragen von Masken reduziert. Verschiedene Szenarien, die angesichts steigender Fallzahlen Lockerungen oder erneute Verschärfungen wurden ähnlich bewertet; es scheint hier keine ausgeprägte Tendenz vorzuherrschen. Am ehesten wurden Verschärfungen etwas schlechter bewertet.

Empfehlung: Sollte Masketragen weiter sinnvoll sein, sollte über verpflichtende Regelungen nachgedacht werden, da die sinkende Risikowahrnehmung und die Gewöhnung an Pflichtregelungen dazu führen könnte, dass Masken bei einem Wegfall der Pflicht auch deutlich weniger getragen werden.

Vertrauen

Befunde: 54% haben was den Umgang mit Corona angeht geringes oder kein Vertrauen in die Regierung. Das Vertrauen in Institutionen (Ärzte, Wissenschaft) ist in der aktuellen Erhebung auch insgesamt etwas niedriger als im Dezember. Das Vertrauen in die Bundesregierung ist bei den Personen höher, die die Maßnahmen für angemessen halten. Es ist etwas geringer bei Personen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen und am niedrigsten bei Personen, denen die Maßnahmen zu weit gehen.

Impfen, Impfbereitschaft und Motive der Ungeimpften

Bitte zu beachten: Generell ist der Anteil der mindestens einmal Geimpften in der COSMO Stichprobe etwas höher als in anderen Impfquoten-Monitorings berichtet. Dies legt nahe, dass die Stichprobe in der COSMO Studie dem Impfen positiver gegenübersteht als die Allgemeinbevölkerung, wodurch möglicherweise der Anteil der Impf-Unwilligen unterschätzt wird. Auch werden hier nur Erwachsene im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt.

Befunde:

Impfbereitschaft. Die Impfbereitschaft unter den (weniger werdenden, verbleibenden) ungeimpften Personen ist sehr gering. Von allen Befragten waren 10% ungeimpft, der Rest hat mindestens eine Impfung erhalten. Unter diesen Ungeimpften sind in der aktuellen Befragung nur 4% impfbereit, 13% zögerlich oder unsicher, 83% sagen, sie wollen sich auf keinen Fall impfen lassen.

Genesene. Unter den ungeimpften Genesenen (kleine Stichprobe: n = 96 aus alles Erhebungen seit November) ist nur etwa ein Viertel bereit, sich impfen zu lassen, wenn das Zertifikat abgelaufen ist. Fast die Hälfte der ungeimpften Genesenen möchte sich auf keinen Fall impfen lassen. Auch hier ist also Aufklärungsbedarf festzustellen.

Empfehlung: Besonders bei der hoch ansteckenden Omikron-Variante und aufgrund der neuen Untervariante BA.2 ist eine baldig folgende Re-Infektion nach überstandener Erkrankung nicht ausgeschlossen, vor Allem bei Ungeimpften. Genesene sollten frühzeitig über den Sinn der Impfung aufgeklärt werden und eventuelle Ängste durch aktive Aufklärung genommen werden. Zum Abschluss der Isolation könnte Genesenen beispielsweise gezielt Informationsmaterial geschickt werden oder die Corona-War App könnte rechtzeitig vor Ablauf des Genesenen-Zertifikats zur Impfung aufrufen.

Einflussfaktoren. Ungeimpfte mit hoher und niedriger Impfbereitschaft unterscheiden sich etwas in ihren Gründen des Nicht-Impfens - sowohl untereinander als auch im Vergleich zu Geimpften: Wer sich auf keinen Fall impfen lassen möchte, hat deutlich größere Sicherheitsbedenken als Geimpfte; diese sind der Hauptgrund gegen das Impfen. Die Impfung wird zudem nicht als notwendig betrachtet; dies resultiert aus einer niedrigen Risikowahrnehmung durch die Erkrankung. Wer ungeimpft ist und noch zögerlich, den halten ebenfalls v.a. Sicherheitsbedenken ab, dies wiegt aber nicht so schwer wie bei den Verweigerern, ist jedoch der einzige starke Grund gegen eine Impfung. Bei Personen, die noch ungeimpft aber im Prinzip impfbereit sind, gibt es aktuell keine wesentlichen Unterschiede zu Geimpften. Diese Woche wurden auch die „Big 5“ der Persönlichkeitsforschung gemessen; keiner der Faktoren unterscheidet sich zwischen Geimpften vs. Ungeimpften.

Impfpflicht. In der aktuellen Befragung ist die Zustimmung zur Impfpflicht bei 58%. Eine weitere ausführliche Datenerhebung zur Impfpflicht findet sich in der COSMO PANEL Studie hier. Es zeigt sich in der zweiten von vier Befragungen derselben Personen, dass die Ablehnung der Impfung v.a. aus Angst und fehlendem Vertrauen in die Sicherheit erfolgt. Die drohende Impfpflicht löst daher starke Gefühle von Ärger und einen großen Wunsch nach der Umgehung der Pflicht aus: Die Mehrheit der Ungeimpften will Wege suchen, die Impfpflicht zu umgehen. Besonderheiten der Ausgestaltung einer Impfpflicht (ab 18, ab 50, mit oder ohne Beratungspflicht, mit oder ohne finanzielle Anreize) spielen hier weiter keine Rolle: wer ungeimpft ist, lehnt eine Impfpflicht ab, egal wie sie aussieht. Auch Anreize können hier nicht helfen, sondern wirken eher, wenn es um Booster-Impfungen für Geimpfte geht – allerdings nur, wenn nicht ohnehin eine Pflicht besteht.

Empfehlungen:

Bereitschaft, eigene Kinder impfen zu lassen

Befunde: Auch bei Kindern ist das Stagnieren der Impfbereitschaft zu beobachten – wer sein Kind impfen lassen möchte, hat das in der Regel getan. Unter den Eltern, die ungeimpfte Kinder haben, ist die Impfbereitschaft niedrig. Von den Eltern mit Kindern von 5-11 ist ca. die Hälfte bereit, die Kinder impfen zu lassen oder hat sie bereits impfen lassen; bei älteren Kindern liegt die erreichbare Impfquote etwas höher (75%; Achtung: COSMO hat eine eher „impffreudige“ Stichprobe im Vergleich zu anderen Studien, daher liegt der tatsächliche Wert vermutlich niedriger). Über alle Altersgruppen hinweg zeigt sich, dass Eltern mit geringer Bereitschaft, ihre Kinder impfen zu lassen, vor allem geringeres Vertrauen in die Sicherheit des Impfstoffs und eine niedrigere Risikowahrnehmung für ihre Kinder haben. Eltern, die ihre Kinder bereits geimpft haben, zeigen hingegen ein deutlich höheres Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft, v.a. bei älteren Kindern. Die Abwägung von Risiken und Nutzen der Impfung spielt bei befürwortenden und ablehnenden Eltern eine starke Rolle, während die Barrieren in der Ausführung in beiden Gruppen als (eher) gering empfunden werden.

Empfehlung: Da Kinder ab 12 auch zur relevanten Gruppe gehören, in der eine hohe Durchimpfung erreicht werden muss, sollten weitere Maßnahmen zur niederschwelligen und guten Aufklärung sowie Impfung von Jugendlichen und ihren Eltern erwogen werden. Fragen zur Sicherheit und Nutzen müssen beantwortet werden. Angebote über Schulen können viele Kinder und Eltern erreichen (z.B. online Frage-Antwort Stunden).

Persönlichkeit und Schutzverhalten

Befunde: Alle Persönlichkeitsfaktoren verzeichnen eine leichte aber statistisch nicht signifikante Zunahme. Auch wenn Persönlichkeit als zeitstabil betrachtet wird, können Extremereignisse eine Veränderung bewirken. Trotz großer Belastungen verschiebt sich jedoch in (dem hier untersuchten Ausschnitt) der deutschen Bevölkerung die Verteilung und Ausprägung der Persönlichkeitseigenschaften nicht bedeutsam. Einzelne Schutzmaßnahmen zeigen geringe Zusammenhänge zu Gewissenhaftigkeit (z.B. Lüften oder Hände waschen), sowie zu Verträglichkeit (z.B. Maske tragen oder Abstand halten). Das bedeutet, dass diese Verhaltensweisen von gewissenhaften/verträglichen Personen häufiger gezeigt werden. Andere Schutzmaßnahmen hängen nicht Persönlichkeitsfaktoren zusammen, z.B. die Selbsttestnutzung.

Belastung sinkt

Befunde: Generell ist festzustellen, dass die Belastung zurückgeht; ihre Spitze hatte die Belastung kurz nach dem Gipfel der Delta-Welle Ende November; seit der Omikron-Welle geht die Belastung kontinuierlich zurück. 41% fühlen sich aktuell belastet, Ende November waren es 51%. Spezifische Sorgen sinken ebenfalls weiter (z.B. dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte oder man geliebte Menschen verliert). Aus vorherigen Befragungen wissen wir, dass die Suche nach psychologischer Unterstützung im Vergleich zu vor einem Jahr deutlich angestiegen ist.

Empfehlung: Maßnahmen zur Unterstützung des Wohlbefindens und der psychologischen Widerstandskraft (Resilienz) sollten gefördert und beworben werden. Angebote sollten auch vermehrt für Kinder und Jugendliche geschaffen werden, die in dieser Studie nicht befragt werden.

Ukraine-Krieg und Corona-Schutzverhalten

Befunde: Der Krieg in der Ukraine beherrscht derzeit das Nachrichtengeschehen; 71% informieren sich derzeit häufig über den Krieg; nur 51% informieren sich häufig über Corona. Dennoch empfinden es die Befragten weiterhin als einfach, sich über Corona zu informieren; sie empfinden es auch als einfacher als sich über den Ukraine-Krieg zu informieren. Wer sich häufiger über die Themen informiert, fühlt ein höheres Risiko (und umgekehrt). In den Daten zeigen sich aktuell keine Hinweise, dass der Stress, der durch das Kriegsgeschehen und die Folgen ausgelöst wird, zu einer unbekümmerteren Haltung bezüglich Corona oder weniger Corona-Schutzverhalten führt. Ca. die Hälfte der Befragten fürchtet eine erhöhte Ausbreitung von Corona durch mehr Geflüchtete als zusätzliches Infektionsrisiko; dies sind v.a. ältere Personen und Personen, die auch generell mehr Angst vor Corona haben. Für eine Impfpflicht für Geflüchtete votieren 61% (im Vergleich: für eine allgemeine Impfpflicht votieren ähnlich viele, nämlich 58%).

Hamsterkäufe

Die Tendenz zu Hamsterkäufen v.a. bei Lebensmitteln ist erneut etwa so hoch wie zu Beginn des ersten Lockdowns genau vor 2 Jahren. Die Zustimmung zu einer Regulierung des Preises bei Einkäufen in mehr als haushaltsüblichen Mengen ist jedoch deutlich geringer als 2020.