Die Verwendung von Briefmarken als Propagandamittel im Kontext der Saarabstimmung

Das Briefmarken mehr sind als einfache Quittungen, deren Aufgabe allein darin besteht, nachzuweisen, dass die für eine Dienstleistung – den Transport einer Postsendung – zu erbringenden Gebühren beglichen worden, ist nicht erst seit Hans Jürgen Köppels Buch über die „Politik auf Briefmarken“ aus dem Jahr 1971 bekannt. Vielmehr ist der Einsatz von Briefmarken als Medium der Propaganda auch in anderen Zusammenhängen schon vielfach und breit untersucht worden.[1]

So richtig die Erkenntnisse dieser Untersuchungen auch sind, so wird in diesen jedoch der Blick in der Regel und vorrangig auf eine Seite der mediealen Funktion gelenkt, nämlich den Entstehungsprozess der einzelnen Marken und die damit verbundenen Intentionen des Herausgebers. Auch wenn diese Perspektive selbstredend von zentraler Bedeutung ist, gilt es doch zu bedenken, dass eine Briefmarke die in sie vom Herausgeber gesetzten Erwartungen an ihre mediale Wirksamkeit erst dann erfüllen kann, wenn sie in eben jenem Sinne auch von denjenigen verwendet wird, die sie zur Frankatur ihrer Postsendungen benutzen. Eine Briefmarke kann somit erst dann als wirksames Propagandamedium fungieren, wenn der Postversender ihr diese Funktion bewusst oder unbewusst einräumt.

Den Nachweis darüber, ob eine Briefmarke in einem ganz konkreten Kontext als wirksames Mittel der Propaganda fungieren konnte, können daher nicht die Marken allein, sondern lediglich die überlieferten Belege und – durchaus im Sinne einer Social Philately – die in diesen enthaltenen Informationen zum Beweggrund sowohl des Postversandes als auch der Frankaturauswahl, geben. Dabei bleibt es natürlich nicht aus, dass eine quellenkritische Analyse des Materials durchaus Fragen offen und damit Spielraum für Interpretationen lässt.

Das die Sammlung und Auswertung entsprechender Belege durchaus interessante Feststellungen oder zumindest Vermutungen über die tatsächliche Wirksamkeit des Mediums Briefmarke im Allgemeinen wie einzelner Ausgaben im Besonderen – wenn auch schwerlich in einer quantitativ belastbaren Form – ermöglicht, soll im Folgenden an einer Reihe ausgesuchter Belege zum Thema Saarabstimmung gezeigt werden.

Die Saarabstimmung von 1935: Zum historischer Kontext

In Konsequenz des verlorenen Ersten Weltkrieges wurde das Saarbecken zwar nach Intervention der Amerikaner nicht dauerhaft von Frankreich annektiert, stattdessen jedoch laut Versailler Vertrag (Art. 45–50) für 15 Jahre unter die Verwaltung eines den Völkerbund vertretenden Ausschusses gestellt. Zudem wurden die alleinigen Ausbeutungsrechte der im Saargebiet vorhandenen Kohlevorkommen an Frankreich übertragen, um als „Ersatz für die Zerstörung der Kohlegruben in Nordfrankreich und als Anzahlung auf die von Deutschland geschuldete völlige Wiedergutmachung der Kriegsschäden“ (Friedensvertrag von Versailles, Art. 46) zu dienen. Nach Ablauf dieser Zeit sollte durch einen Volksentscheid über die zukünftige staatliche Zugehörigkeit des Gebietes entschieden werden.

Der auch während der Zeit der Treuhänder-Verwaltung in vielen Teilen der saarländischen Bevölkerung nicht abreißende Wunsch, ins Deutsche Reich zurückzukehren, der zudem durch entsprechende Propaganda aus deutschnationalen Kreisen verstärkt wurde, erhielt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland weiteren Auftrieb. Alle einflussreichen politischen Parteien abgesehen von den Sozialdemokraten, die – seit Juli 1934 in Einheitsfront mit der KPD – für den Beibehalt des status quo warben, verfolgten nunmehr das Ziel einer Rückkehr in das Deutsche Reich.

Mit einem Ergebnis von über 90 Prozent der abgegebenen Stimmen votierte die große Mehrheit der Saarländer für eine Vereinigung mit Deutschland. Das Saargebiet wurde daraufhin am 18. Februar 1935 in das deutsche Zollgebiet aufgenommen und vom Völkerbundsrat mit Wirkung zum 1. März 1935 an das Deutsche Reich zurückgegliedert.

Briefmarken und Sonderstempel als Medien im Abstimmungskampf

Im Vorfeld der für den 13. Januar 1935 geplanten und medial stark politisch aufgeladenen Volksabstimmung wurden bereits Ende 1934 eine Reihe vorhandener Postwertzeichen des Saargebiets – hier vor allem aus den Serien Landschaftsbilder (Michel 108–121 und 143) und Volkshilfe (Michel 171–177) sowie auch Flugpostmarken (Michel 126–127 und 158–159) – mit entsprechendem Aufdruck („Volksabstimmung 1935“) versehen ausgegeben (siehe Abbildung 1).

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Volksabstimmung 1935 Aufdruck auf Flugpostmarke (Michel 197) und Volkshilfe-Ausgabe (Michel 199)

Zudem wurden sowohl im Vorfeld der Abstimmung als auch währenddessen und danach verschiedene Zusatzstempel verwendet, um auf die Abstimmung selbst bzw. anschließend auf das darin erzielte Resultat hinzuweisen.

  

Abbildung 2: Verwendete Sonderstempel im Kontext der Saarabstimmung

Darüber hinaus gab auch die Reichspost neben einer Vielzahl entsprechender Post- und Ansichtskarten ebenfalls passende Postwertzeichen heraus. Bereits im Juli 1934 erschien so ein Satz von zwei Marken, die zum einen ein in zwei Händen gehaltenes Stück Kohle, die wichtigste natürliche Ressource des Saargebietes, zum anderen einen Reichsadler zeigen, die beide die Aufschrift „Saar“ zeigen. Zudem erschien drei Tage nach der Abstimmung ein Satz von vier bildgleichen Marken, die eine eichenlaubbekränzte Frau zeigen, die vor einer an einen Glorienschein erinnernden Sonne ein junges Mädchen in den Arm nimmt. Über den am oberen Bildrand platzierten Schriftzug („Die Saar kehrt heim“) werden die beiden als Personifikationen des Deutschen Reiches (die Mutter) und des Saarlandes (die Tochter) ausgewiesen. Die kurze Zeit, die zwischen Abstimmung und Ausgabe liegt, zeigt deutlich, wie sicher sich die Reichsregierung bereits im längeren Vorfeld über den Ausgang der Volksabstimmung gewesen sein muss. Hans Jürgen Köppel schließt daraus, dass die von Berliner Künstlerin Emmy Glintzer (1899–1992) entworfenen Marken aufgrund des langwierigen Entstehungsprozesses bereits vor der Abstimmung „fix und fertig in reichsdeutschen Schubladen lagen“[2].

Abbildung 3: Von der deutschen Reichspost verausgabte Postwertzeichen zur Saarabstimmung

Der Abstimmungstag

Allen diesen Marken war selbstredend eine propagandistische Wirkung zugedacht, sollten sie doch entweder die bevorstehende Abstimmung oder nachträglich das entsprechende Ergebnis der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen bzw. der saarländischen im Besonderen nicht nur vor Augen führen, sondern die politisch gewünschten Schlüsse daraus ziehen. Das diese Intention durchaus von Erfolg gekrönt war zeigen die zahlreichen Belege, die am Abstimmungstag mit den entsprechenden Marken und dem für diesen Tag gültigen Sonderstempel („Heute Volksabstimmung im Saargebiet“) versehen, an Adressen in- und außerhalb des Saarlandes versandt wurden. Teilweise enthielten diese Postkarten keinerlei Informationen, sondern wie Abbildung 4 zeigt lediglich einen Abstimmungsgruß. Das bei der Versendung entsprechender Postkarten und Briefe nicht immer und wenn nicht ausschließlich politische Motive im Vordergrund gestanden haben, zeigen eben jene Belege, die offenlegen, dass insbesondere philatelistisch Interessierte die Gunst der Stunde nutzten, um einen historisch einmaligen Beleg zu schaffen, gab es diese besondere Kombination von Marken und Sonderstempeln nur an eben jenem 13. Januar 1935. So schrieb beispielsweise der Absender einer Postkarte, die am Abstimmungstag von Saarbrücken nach Heidelberg lief (siehe Abbildung 5), an den Adressaten:

„Mein lieber Hans! Hiermit sende ich Dir Grüße von der Saarabstimmung, Karte u[nd] Marken (Stempel) haben nicht nur Sammlerwert, sondern vor allem historische Bedeutung. Grüße an die Eltern u[nd] die Großmutter. Heil Hitler Dein Onkel Fritz.“

Der intendierten propagandistischen Wirkung tat die Versendung von solchen Sammlerbelegen freilich mitnichten einen Abbruch, da sich damit ja, auch wenn die jeweiligen Absender dem Geschehen selbst nicht eine so große politische wie historische Bedeutung beimaßen wie der oben zitierte Postkartenschreiber, nicht nur die Zahl der mit Abstimmungs-Postwertzeichen und Sonderstempeln versehenen Postsendungen erhöhte, sondern auch der Versand der für diesen Anlass hergestellten Postkarten erhöhte (siehe Abbildung 6). Auf diese Weise wurde die politische Botschaft demnach durch diese Sammlerbelege noch verstärkt. Fraglich bleibt jedoch, ob dies an dem letztlich so eindeutigen Abstimmungsergebnis überhaupt einen Anteil hatte.

Abbildung 4:Postkarte von Saarbrücken nach Neustadt an der Haardt. Gelaufen am Tag der Abstimmung (13. Januar 1935) mit entsprechendem Sonderstempel („Heute Volksabstimmung im Saargebiet“)

Abbildung 5: Postkarte von Saarbrücken nach Heidelberg. Gelaufen am Tag der Abstimmung (13. Januar 1935) mit entsprechendem Sonderstempel („Heute Volksabstimmung im Saargebiet“)

Abbildung 6: Propagandapostkarte zur Saarabstimmung, gedruckt in Saarbrücken, Vorderseite der Belege in Abbildung 4 und 5

Nach der Abstimmung

Wie bereits erwähnt endete der Einsatz von Postwertzeichen als propagandistischem Medium für die Saarabstimmung nicht am Abstimmungstag, sondern fand seine Fortsetzung in den Saar-kehrt-heim-Marken des Dritten Reiches, auf denen das Ergebnis der Abstimmung inszeniert wurde (Abbildung 3). Auch in diesem Fall war die politische Botschaft eindeutig. Daher lohnt auch hier ein Blick auf die postalische Verwendung der jeweiligen Marken und somit die überlieferten Zusammenhänge zwischen Briefinhalt und -frankatur. Ein Blick auf die verschiedenen Angebote des Briefmarkenhandels zeigt schnell die ungeheure Zahl von Briefen, die mit dem vollständigen Satz (Michel 565–568) frankiert, und damit deutlich überfrankiert waren – 46 statt 12 Pfennig im Fernverkehr für einen normalen Brief. Dieser Befund allein sagt wenig aus, da doch viele Sammler ihre Briefe mit vollständigen Serien frankierten, um diese dann als besonders schönes Stück ihrer Sammlung beizufügen. Eine Antwort auf die Frage, in wie weit die Saar-kehrt-heim-Marken tatsächlich und bewusst in dem ihnen zugedachten Sinne verwendet wurden, kann demnach nur der Inhalt der Briefe übermitteln. Nach mittlerweile über 80 Jahren ist dies freilich schwierig, gingen die Briefe doch seither meist durch eine Vielzahl von Händen, die sie entweder von ihrem Inhalt befreiten oder die Marken ganz vom Brief lösten. Um so interessanter sind dann die wenigen Einzelfunde, in denen der ursprüngliche Briefinhalt noch erhalten geblieben ist.

Einer dieser Funde ist ein mit allen vier Werten der Saar-kehrt-heim-Serie frankierter Brief (Abbildung 7), der am 1. März 1935 und damit am Tag der Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland, von Uchtelfangen im heutigen saarländischen Landkreis Neunkirchen nach Wuppertal lief und welcher ein Schreiben mit folgendem Inhalt enthält:

„Uchtelfangen den 1.3.35. Lieber Fritz und Frau u[nd] Kinder. Die herzlichsten Grüße von hier sendet euch Hans[.] Es war ein [E]rlebnis die schöne Fahrt durchs Saargebiet. Zu Hause erzähle ich euch [mehr.]“

Der Absender hatte demnach ob geschäftlich oder privat bereits am ersten Tag der offiziellen Zugehörigkeit des Saarlandes zu Deutschland eine Reise durchs Saargebiet unternommen und die kurze Mitteilung an Familie oder Bekannte passend mit den entsprechenden Postwertzeichen frankiert. Die Auswahl der Briefmarken war daher kein Zufall, sondern sollte die im Brief enthalten Botschaft noch einmal unterstreichen. Briefinhalt und Frankatur stehen also in einem Zusammenhang, der die vom Herausgeber intendierte propagandistische Wirkung der Postwertzeichen erfüllt.

Abbildung 7: Brief von Uchtelfangen nach Wuppertal inkl. Inhalt. Gelaufen am Tag der Rückgliederung des Saarlandes an das Deutsche Reich (1. März 1935) und frankiert mit der vollständigen Serien „Die Saar kehrt heim“ (Michel 565–568)

Fazit

Anhand einiger weniger Belegexemplare zu einem ganz konkreten Beispiel wurde hier der Versuch unternommen, aufzuzeigen, dass die propagandistische Wirkmacht des Mediums Briefmarke erst durch ihre Benutzung zum Tragen kommen kann. Eine Untersuchung der Briefmarke als Medium politischer Propaganda kommt daher nicht umhin, über den Entstehungsprozess der Marke und die ikonografische Analyse des Markenbildes hinaus, auch deren tatsächliche Verwendung mit in den Blick zu nehmen. Eine Erweiterung des bislang in der Geschichtswissenschaft üblichen Methodenrepertoires um philatelistische Ansätze wie die Social Philately erscheint damit unabdingbar. Dies jedoch verlangt nach einer deutlich stärkeren Verzahnung der universitären Geschichtswissenschaft und der außeruniversitären Philatelie.

Anmerkung in eigener Sache

In Vorbereitung eines weiterführenden Aufsatzes zu diesem Thema würde ich mich sehr über Zusendungen von Bildmaterial freuen, die gerade den hier an wenigen Beispielen illustrierten Aspekt der Propagandafunktion von Postwertzeichen verdeutlichen.

 

Abbildungsnachweise:

Abbildungen 1,3: wikipedia.de

Abbildungen 2,4,6–8: Sammlung René Smolarski

Abbildung 5: ebay.de

 

 

 

 

[1] Zu nennen wären hier unter anderem Gottfried Gabriel, Werner Boddenberg … hier noch andere nennen

[2] Köppel: Politik auf Briefmarken, Düsseldorf 1971, S, 61.

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