1781-03-20 Röntgen (Averroes): Woher kommt es, daß bis itzt so viel Ungewißheit in der Arzeney Kunst herrscht?

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 14, Dokument SK14-018
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 112 Schwedenkiste, Reden und Gedichte, 1775-1787
  • Titel: "Woher kommt es, daß bis itzt so viel Ungewißheit in der Arzeney Kunst herrscht? Ist nicht unsere Kenntniß noch zu wenig berichtiget, oder liegt der Fehler sonsten irgendwo?"
  • Autor: Ludwig Röntgen (Averroes)
  • Datierung: Neuwied 20. März 1781
  • Erschließung: Olaf Simons
  • JPG: 1060-1063

Kommentar

Transcript

Woher kommt es, daß bis itzt so viel Ungewißheit in der
Arzeney-Kunst herrscht? Ist nicht unsere Kenntniß noch zu
wenig berichtiget, oder liegt der Fehler sonsten irgendwo?

Wo die Grundlage nicht fest ist, da muß das Gebäude schan-
ken. So geht es der Arzney-Kunst. Doe Wissenschafften
welche die Basis der Arzney-Kunst sind liegen noch
zu tief in der Unwissenheit; Physik und Chymie sind
das noch gar nicht was sie seyn könnten, seyn sollten.
Reichten diese den Schlüssel zur Kenntniß des innern
thätigen Theils der Cörper; hätten diese die Grund-
begriffe von Krafft, Bewegung, Leben etc. fest
gesetzt; so würde gewiß die Arzney-Kunde weiter
seyn als sie nicht ist; sie würden vielleicht eben so
wie die Mathematik, die Nahmen einer Unzwei-
felhaften Wissenschaft tragen. Noch ist sie nicht
Wissenschaft, wenn anders diese nur Wissenschaft
ist was man ais unbezweifelten Grundsätzen die Rich-
tigkeit jeden Satzes darzuthun im Stande ist. Noch ist
sie nichts als Empyrie, ein Gemische nicht gantz pas-
sender Bruchstücke. Noch haben wir keine ana-
lytischen Kentnisse weder von Krankheit noch
ihrem Wesenm noch von Gift oder Arzney. Alles
was wir wissen sind einzelne Beobachtungen und
wenn wir zu denken glauben, so machen wir doch
nur Vergleichungen ähnlicher Fälle|<2>

Wenn nun ein jeder überzeugt ist, daß zwey gantz
ähnliche Fälle nie gefunden werden, wenn überdies
die Fälle sehr verwinkelt sind, so begreift man gar
wohl wie leicht mann schwanken und irren kann.
Indessen praejudiziert dies der Arztney-Kunst nichts; sie
ist nicht die einige Wissenschaft worinnen Ungewiß-
heit herrscht; man beleuchte die zerschiedenen Systeme
der Gottes Gelahrten, die weitschweifigen, wiedersprechenden
gesetz-Bücher der Rechtsgelehrten, oder das leere Geschwätz
sogenannter Philosophen; überall Ungewißheit! Betrachtet
man dagegen hinwiederum wie weit es die Aerzte in
der Kenntniß des Baues des thierischen Cörpers gebracht
haben, wie genau sie die mehresten Krankhiten und
ihre Zeichen beschrieben haben; wie sicher die Wirkung
so vieler Arzney-Mittel zum voraus bestimmt werden können
so übersiehet man die schawache Seite der Arney-Kunst gen
man läst ihr Gerechtigkeit wiederfahren, wenn man
sagt daß sie unter ihren Schwestern die nützlichste, die beste
sey. Auch sie kann sich rühmen daß
durch sie die Wissenschaften die mehreste Aufklärung
erfahren haben; die groesesten Mathematiker, die
grösten Chymisten, wenn Aerzte, und wenn in
der Naturlehre ein Licht aufgieng; so waren es Aezte
die es aufsteckten. Sie wusten daß der Arzt|<3>
mit rechter Natur-Kenntniß, mathematischen, chymischen und
physischen Wissenschaften ausgerüstet seyn muß, wenn
er hell in der Medizin denken und gewiß handeln will.
Sie studierten den Bau der thierischen Maschine, lernten ihre
Theile und ihre Verbindungen kennen, genug sie thaten,
was man thun muß, sie samleten Materialen, und dies
war alles was sie thun konnten. Zum Unglück verliesen
sie diesen herrlichen Weeg zur Wahrhgeit zu früh. Bauten
Systeme und legten den Grund zu Irrthümern und Unge-
wißheit. Jede gute Erfindung, statt zu nutzen wurde
zurr Quelle von Verderbung. Der erfundene Kreißlauf
führte auf Erleichterung des Umlaufs durch Verdünnung des
Blutes – lasst Ader, trinkt Wasser war die medizinische
Losung. Die entdeckte unmerkliche Ausdünstung hat viel
Licht in die Medizin gebracht; aber bald auch viel Irrthum –
alles soll tanspirieren alle Krankheiten vertranspirireb
und so wurde des Transpirirens kein Ende.

So gieng es auch mit thätigen guten Arzney-Mittels
mann lernte den Wehrt des Quecksilbers, Arsenick, Schier-
lings und anderer Gifte aus den Pflanzenreich
kennen – bald wurde dieses bald jenes Mode
und lange zeit wurde nur eins dieser wircksam-
men Artneyen in hartnäckigten Krankheiten ge-
barucht biß ein anderes dieses aus dem Besitz brachte
bald wurde Arzney zu Gift und Gift zu Artzney
je nachdem der Arzt heller sehen konnte oder nicht.|<4>

Alles unser Wissen ist Stückwerck, wir glitschen
auf der Oberfläche herum und sprechen von dem
Innern wie der Blinde von der farbe. Alles dieses
aber liegt in unserer Natur der Eingeschräncktheit
unserer Verstandes – lange – lange wird es
noch währen biß wir zu einem höheren Grad
von Gewißheit gelangen, wenn es anders je
geschehen kann. Unser Kreiß ist uns angewiesen
und schwerlich werden wir ihn überschreiten können.

Aber, wie ich oben schon erinnert habe es ist
vergeblich wenn man an der Arztney-Kunst bessern
will, und nicht bey ihren Grundwissenschaften anfängt.
Chymie und Physick müssen auf gewisse feste Grund-
sätze gebracht werden ehe man mehr Gewißheit
in der Medizin erwarten darf. Diese Wissen-
schaften müssen nicht mehr blose Tändeleyen und Spiel-
werck seyn, der Physicker muß nicht mehr erschrecken
wenn man ihn fragt was Licht, Feuer etc.
sey wie bißher. Auch der Chymiste muß nehr
wissen als kochen, sieden und braten der Metalle.
Ist es dahin gebracht daß der Grund fest steht;
so bin ich gut davor daß das Gebäude nicht
mehr schwankt.

Averroes

Neuwied d[en] 20ten Mertz
1781

Anmerkungen