1783-09-30 Kästner (Amasis): QL: Amasis

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-109
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Amasis", wie sich beim Abgleich mit den Quibus Licet erweist, der Aufsatz zum Namensgeber des Verfassers: Amasis oder auch Ahmose II., ägyptischer Pharao, 570 v. Chr. bis 526 v. Chr. Wikipedia
  • Autor: Johann Friedrich Kästner (Amasis)
  • Datierung: In Rekonstruktion der Quibus Licet Folge vermutlich 30. September 1783
  • Querbezüge: SK11-046, das QL, in dem die erste und im Verlauf einzige Aufgabe gestellt wurde - sie pflegte der Aufsatz zum Namen zu sein.
  • Bearbeiter: Olaf Simons
  • JPG: 5211-5231

Kommentar

Vorgelegt ist hier ein Aufsatz zum eigenen Namen vergleichbar 1784-06-26 Rudorff (Ali): QL: Über den Namen Ali. Der gesamte Text ist komplex recherchiert. Man müsste nachsehen, ob der Verfasser sich wirklich der antiken Geschichtsschreiber bediente oder eines historischen Handbuches. Spannend ist an Amasis II, 570 bis 526 v. Chr. die dubiose Herkunft. Hier putscht sich letztlich ein Soldat an die Macht. Im Rückblick auf die Blütezeit unter ihm wird die niedere Herkunft zum Vorteil. Amasis verstand besser als andere, mit Untertanen aller Stände umzugehen.

Der Verfasser offenbart eine Perspektive auf die Geschichtswissenschaft, der er anlastet, zu lange auf Fakten öffentlicher Berichterstattung konzentriert gewesen zu sein. Das Private sollte mehr interessieren, da es als Schlüssel eines komplexeren (man könnte im Anachronismus sagen: psychologisch grundierten) Verständnisses taugte.

Transkript



Amasis.

Die Geschichte alter Völcker
und Zeiten liegt, sowohl
wegen der Entfernung der
Zeit als wegen Mangel &
Widerspruch der Nachrich-
ten in so tiefem Dunkel,
daß der Blick der scharf-
sinnigsten Geschichtsfor-
scher nicht hinreichend ge-
wesen ist einige Klarheit
und historische Gewiß-
heit hervorzubringen.
Alle Bemühungen, welche
hierauf gewendet wor-
den haben größten Theils
zu nichts weiter gedient
als die Unsicherheit und
Unzuverläßigkeit in
Rücksicht auf Thatsachen
Personen und Zeit zu
beweisen.|<2>

Diese Anmerkung trift
mit dem größten Recht
die ältere Geschichte von
Egypten. Wer sich davon
überzeugen will lese:
die Schrift des H. Meiners
Versuch über die Religions-
geschichte der ältesten Völ-
ker, besonders der Egyp-
tier.[1]

Ohne also vor die Zeitbe-
stimmung und Ächtheit
der Begebenheiten haf-
ten zu können, beson-
ders, da ich weder Zeit
noch Beruf gehabt habe,
selbst zu untersuchen;
gebe ich was ich weiß
und gefunden habe.

Es haben in Egypten 2 Kö-
nige gelebt, die den Namen|<3>
Amasis geführt haben oder
auch Amosis. Der erste
herrschte ungefehr vom
Jahre der Welt 2252 bis
2277 und hat den Ruf
eines Unterdrückers und
Tyrannen. Unter ihm
soll der Erzvater Jakob
in Egypten gestorben
seyn. Eusebius in Chron.[2]

Amasis der 2te war
von geringer Herkunft
und, wie Plato sagt[3]
in der Stadt Siuph[4] in der
Landschaft Thebais gebo-
ren. Voll heftiger Begier-
den überließ er sich in
seiner Jugend denen ent-
ehrendsten Ausschweifun-
gen der Lüderlich-
keit und dem Müßiggang,|<4>
welche ihn auch zum Stehlen
verleiteten. Doch half
ihm seine Verschlagenheit
durch, so oft die Richter
oder Orakel ihm gefähr-
lich wurden, so daß er
nachher die Orakel alle
verachtete, welche er hin-
tergangen hatte. Er wähl
te, entweder weil sein
Vater Soldat war, oder
weil die kriegerischen
Beschäftigungen mit sei-
nen Neigungen und Ge-
wohnheit zu leben über-
einstimmte, diesen Stand,
und schwang sich durch Tap-
ferkeit, Klugheit und Glück
zu dem Posten eines Offi-
cirs auf unter dem A-
pries[5] einem kriegerischen|<5>
stolzen eigenwilligen und
oft grausamen König
dessen Gunst er sich voll-
kommen zu erwerben
gewußt hatte. Dieser
König gab ihm eine Probe
seines Vertrauens, wel-
ches nicht stärker seyn
konte bei folgender Ge-
legenheit.

Die Libyer, waren von
denen Lyrenäern[6] einer
griechischen Colonie aus
ihrem Lande verdrängt
worden, sie hatten sich an
dem Apries gewendet, ihn
um Schutz gebeten und ihn
völlige Unterwerfung
versprochen; die ihnen
zu Hülfe gesendete Armee
aber, war von denen|<6>
Lyrenäern nicht nur geschla-
gen sondern bei nahe ganz
niedergehauen worden.
Die Egypter, ob sie sich
gleich im [!] auf denen Zügen
die sie mit ihm gegen die
Phönicier und Cyprier sehr
bereichert
gethan gesiegt
hatten und mit schwerer
Beute zurückgekehrt war-
ren konnten doch den Stolz
und die Grausamkeit ih-
res Königs nicht länger
ertragen, welcher sie ohne
Bedenken ieder Ehrgeizigen
Aufwallung aufopferte.
Der neue Verlust schmerzte
sie so sehr und erregte ein
so allgemeines Mißvergnügen,
besonders da
sie glaubten, daß er es|<7>
gethan habe um die übrigen
desto leichter zu unterdrük-
ken und seine Grausamkeit
an ihnen auszuüben. Auch
diente dieses nicht wenig
den Unmuth zu vergrößern,
daß er denen Griechen,
welche seit Psamitichus[7] Zeit
sich in Egypten niederge-
laßen hatten vorzüglich
begegnete. Es entstand
ein Aufruhr und Apries
meinte keinen geschicktern
und sichrern Mann finden
zu können, um die Rebellen
zur Unterwürfigkeit zu
bewegen als unsern Amasis.
Aber dieser wußte sich denen
Egyptern bei dieser Unter-
handlung so zu empfehlen,
daß sie ihn einhellig zum
König ausriefen.|<8>

War es ihm gelungen den
Thron zu besteigen, so fehlte
es ihm weder an Klugheit
noch Geschicklichkeit und
Tapferkeit ihn zu behaupten.
Er hatte das Heer, welches
ihn umgab völlig in seiner
Gewalt. Apries schickte
einen treuen Diener den
Patarbemis[8] ab um den
Amasis zu ihm zu bringen
aber dieser war sehr ent-
fernt von dem Richterstuhl
desselben zu erscheinen.
Patarbemis kehrte ohne
den Amasis zurück und
Apries ließ ihm Nase und
Ohren abschneiden.

Diese neue Grausamkeit
vollendete sein Verderben
er wurde ungeachtet der
Tapferkeit seines Heeres|<9>
welches aus 30000 Man frem-
der Soldaten bestand, bei
Momemphis[9] nicht weit von
dem nachhererbauten Ale-
xandrien, besiegt und
zu Sais erdroßelt. Er
erfuhr, daß die Götter
und Menschen ihn so leicht
als ieden Tyrannen vom
Thron stürzen konnten, woran
er in seinem Übermuth ge-
zweifelt hatte (Herodot[10])
wahrscheinlich ist er der
grose Drache von welchem
Hesek[iel] (c[apitulum] 29, 3) redet und der
Pharao Hophra des Jeremias
c[apitulum] 13, 30. Diese Bgeben-
heit fällt ins Jahr d[er] Welt
3415.[11]

Als er König und die Ruhe
wieder hergestellt war
fieng das Volck, welches|<10>
ihn in der Hitze und ohne Über-
legung erhoben hatte an,
nachzudenken und ihn we-
gen der Niedrigkeit seiner
Geburt zu verachten.

Ob nun gleich Amasis seine
Herrschaft vollkommen
befestigt sahe, weil er die
Colonie der Griechen welche
Psamitichus aufgenommen
nach Memphis gezogen und
seine Leibwache so gar aus
ihnen errichtet hatte, auch
ihnen vielmehr Gnade und
Wohltaten erwies als einer
seiner Vorgänger und also
auf ihre Treue sicher rechnen
konnte; so schmerzte ihn doch
der Anstoß, welchen die
Egypter an seiner Herkunft
fanden nicht wenig, umso
mehr, da es ihn hindern|<11>
konte viele seiner guten An-
schläge auszuführen. Um
nun seine Unterthanen von
ihrem Vorurtheil zu heilen
ersann er ein Mittel, welches
dem Volck auf dem Grad
der Kultur, die noch nicht
sehr gros war, nicht ange-
nehmer hätte seyn können,
indem es auf die Sinnlichkeit
und Einbildungskraft der
Egypter wirkte. Er ließ
ein goldenes Becken, woraus
er mit seinen Gästen die
Füße zu waschen pflegte
in einen Gott umgestalten
und zur öffentlichen Vereh-
rung aufstellen. Als nun
ganze Schaaren sich um daßelbe Bild
versamlet hatten, zeigte
er denen Vornehmsten die
frühere Bestimmung und
Gebrauch des Metalls, welches|<12>
sie iezt verehrten, machte
die Anwendung auf sich
und überließ die folgen-
den Schlüße ihrem eigenen
Nachdenken.

Die Anwendung des Gleich-
nisses war leicht und er
genoß sein übriges Leben
Die Ehrerbietung, welche
man Königen zu erweisen
pflegte.

Egypten stand unter ihm im
grösten Flor. Plin[ius] lib[rum] V. 29.[12]
durch die vortreflichen Ein-
richtungen die er machte,
durch die Gesetze und Ver-
ordnungen, die die besten
Erfolge hatten. Man rühmt
unter vielen andern, daß
ieder seiner Unterthanen
iährlich gewißen darzu
verordneten Personen|<13>
Rechenschaft ablegen sollte
von seiner Lebensart, Ge-
werbe, Vermögensumstän-
den und dergl[eichen], welches Solon
der ihn besucht hatte nachher
bei denen Atheniensern,
einführte Plut[arch] in Sympos[ion].[13]
Er unterstüzte den Acker-
bau, den Handel und die
Künste. Er baute den
prächtigen Tempel der Isis
zu Memphis und einen be-
dekten Vorhof an dem Tempel
der Minerva zu Sais.
Eine aus einem Stück Fels von
21 Ellen lang 14 breit
und 8 hoch verfertigte
Capelle ließ er an dem
Eingang des Tempels stehen
weil ein Mensch, indem sie
in den Tempel geschaft wer-
den sollte erdrückt worden
war.|<14>

Die Fruchtbarkeit Egyptens
war unter seiner Regie-
rung außerordentlich durch
die regelmäsigen Ergies-
sungen des Nilstrohms und
das Reich zählte 20000
volckreiche Städte.

Die Griechen überhäufte er
mit Gnadenbezeugungen
er ließ sie zu Naukrat[14]
wohnen, verstattete ihnen
Tempel zu bauen, unter-
stützte sie mit Geldsummen
wie die Delphier zur Wie-
deraufbauung ihres ver-
branten Tempels.

So entstand das schöne
Hellenikon,[15] der schönste
griechische Tempel in Nau-
kratis, die asiatischen
Griechen, die Dorier, Io-
nier und Aeolier erbau-
ten ihn.

Die andern Griechen bauten
vor sich Tempel, die Aegi-
neten[16] dem Jupiter, die
Samier[17] der Juno, die Mi-
lesier[18] dem Apoll. Hatten
sich die Egypter bis iezt von
denen Griechen entfernt
gehalten, so vermischten sie
sich nun völlig mit ihnen,
sie wurden mit der griechi-
schen Sprache, mit auslän-
dischen Sitten, Meinungen
und Religionsbegriffen be-
kant. Dieses war die
erste Ausartung der
Egyptischen Religion und
ihre Vermischung mit der
griechischen Mythologie.

Unter seine kriegerischen
Unternehmungen gehört
die Eroberung der Insel
Cypern, welche er sich zins-
bar machte.|<16>

Bis hir war er nicht glücklich.
Aber nun nahete sich ihm mit
dem Wachsthum der Persi-
schen Macht, welche unter
dem Cyrus[19] das Babyloni-
sche bezwungen hatte, sein
Verderben. Er hatte sich
mit dem Crösus[20] König
der Lidier gegen den
Persischen Helden verbun-
den gehabt, und es scheint
obgleich die Geschichtschrei-
ber davon schweigen, daß
er sich den Eroberer unter-
werfen und zinsbar wer-
den mußte.

So viel ist gewiß daß er
mit dem König Cambyses[21]
in Krieg verwickelt wurde
weil er ihm anstatt seine
Tochter, die er (zur Gema-
lin oder als Tribut ist un-
entschieden) verlangte eine
gemeine Weibsperson ge-
sendet hatte.|<17>

Der Krieg war unvermeid-
lich, und wurde dadurch
noch schlimmer, daß Pha-
nes,[22] welcher seine griechi-
schen Hülfsvölcker kom-
mandirte zum Cambyses
übergieng und Polykrates[23]
der zu Samos regierte
ihn eine Flotte anbot zur
Erleichterung seines Einfalls
in Egypten. Beide Männer
waren von Amasis beleidigt
worden.

Schon drohte die Gefahr als
Amasis an einer Krank-
heit starb und derselben
entgieng.

Sein Tod erfolgte im Jahr
der Welt 3458 im 44sten Jahr
seines Leben Herodot lib[rum] II.
im 54 & 55 nach Euseb[ius] im 42
nach Diodor 1,95 im 55ten.|<18>

Er genoß viel glückliche Stun-
den und war besonders
bei der Mahlzeit und bei
guten Freunden so munter
und fröhlich, daß er nicht
selten die Grenzen über-
schritt. Seine Hofleute
nahmen einmal Gelegen-
heit ihm Vorstellungen zu
thun; aber er antwortete
der Mensch könne eben zu
wenig immer ernsthaft
als ein Bogen stets gespannt
seyn.

Er scheint auch mit dem Elend
des Menschlichen Lebens
bekannt und mit dem Kummer[24]
bekannt gewesen zu seyn.
Sein häußliches Leben, wo-
von, wir nicht viel wissen
würde hierin mehr Licht
geben, wenn nicht die|<19>
Geschichtschreiber von ieher
die unglückliche Gewohn-
heit gehabt hätten, nur
Begebenheiten zu erhalten
die öffentliches Aufsehen
machen, und das, was uns
die Menschen, näher würde
kennen lernen, ihr Privat-
leben mit denen ihrigen,
zu Hauß, und bei ihren
Belustigungen &c. zu ver-
nachläßigen. Seine Gemählin
war Ladice[25] eine Cyre-
nerin.[26]

Man trägt sich noch heutiges
Tages, (habe ich gefunden),
mit einem Briefe von ihm
an den Polykrates: über
das mit dem Kummer ver-
mischte Glück. Ich habe
ihn nicht ausfinden können,
mag also über seine Ächtheit
nichts sagen, bis ich ihn gesehen habe.|<20>

Er besaß grosen Verstand
tiefe Einsichten, war geübt
durch Erfahrung, großer
Entwürfe fähig geschmei-
dig, listig, und standhaft
sie auszuführen. Wußte
sich der Gelegenheit gut
zu bedienen. Er kannte
sich und die Menschen, mit
denen er lebte und, welche
er beherschte, er wußte
was sie bewegt und wie sie zu lenken
sind. Verschafte sich Ansehn
Furcht und Liebe, ohne zu
viel, oder zu wenig daraus
zu machen. Aber er hatte
auch die untern Stände durch
gangen und vom gemeinen
Soldaten bis zum unter-
geordneten Befehlshaber
sich das Gefühl iedes Zu-
standes erworben, eine|<21>
Sache, die wenigen Prinzen
zu Theil wird, dann hatte
er als Liebling die Macht
und den Genuß der köni-
glichen Gewalt mit dem Apries
getheilt, Egypten kennen(5)
lernen(6) und(2) seine(3) Verfaßung
war König geworden und
that nun, was ihm seine
Einsichten und Gefühle als
gut und nützlich vorstellten.

Anmerkungen

  1. Offensichtlich handelt es sich um eine Geschichte, die von Herodot übeliefert wird: http://www.reshafim.org.il/ad/egypt/herodotus/apries.htm
  2. Ebenfalls Herodot.
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Naukratis
  4. http://www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de/de/antike-meisterwerke/das-besondere-objekt/archiv/aegineten.html
  5. Einwohner von Samos.
  6. Einwohner von Milet.
  7. http://de.wikipedia.org/wiki/Kambyses
  8. Das Wort ist fast zur Gänze mit dem darunterliegenden Blatt verklebt und wurde daher sinngemäß ergänzt.
  9. http://en.wikipedia.org/wiki/Ladice_%28Cyrenaean_Princess%29
  10. Kyrene im heutigen Libyen.