1783-12-12 August von Sachsen-Gotha-Altenburg (Walther Fürst): Zu Garves Übersetzung von Ciceros Abhandlung über die Pflicht und die Auflösung des Widerspruchs zwischen Pflicht, Nutzen und und Tugend

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Kommentar

Dieser Text ist zwischen den Text SK13-7 (Walther Fürst [= August von Gotha], Replik auf Cassiodor/Ewald zur Frage was das Gewissen gegenüber dem Gefühl und dem Verstand ist) gebunden und besitzt daher keine eigene Zählung.

Lob auf die Gegenwart, in der klar ist, dass man sich lediglich in die Person eines anderen Urteilenden versetzen muss, um zwischen zwei Handlungen die der Tugend und der Pflicht zu wählen. Aufruf, sich mit der Frage nach dem Tyrannenmord auseinander zu setzen (den Cicero potentiell legitimiert).

Dies ist der Ausgang einer Debatte um die Natur des Gewissens, auf die Cassiodor/Ewald in SK13-025 antwortet, was wiederum eine Replik von Fürst/August v. Gotha nach sich zieht.

Transkript

Es wird Ihnen vermuthlich die vortreffliche Übersetzung von Cicero’s Abhand-
lung, Über die menschlichen Pflichten, bekannt seyn, die wir seit kurzem, dem Herrn
Professor Garve zu verdanken haben:[1] ein Mann welchen wir in jeder Be-
trachtung zum Mitgliede einer Gesellschaft wünschen müssen, welche das Wohl
und die Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zur Absicht hat. Im dritten Buche
des erwähnten Werkes, richtet der römische Sittenlehrer hauptsächlich sein Augenmerk
auf die Untersuchung, Über den Fall des Widerspruches zwischen Pflicht und Vortheil. Er
sagt schon im dritten Capittel desselben: „Socrates soll oft dem geflucht haben,
welcher zuerst diese von der Natur unzertrennlich-verbundenen Dinge“<u> (nähmlich
Pflicht gegen die Menschen, und eigenen Vortheil) „von einander gerissen. Diesem
Socratischen Ausspruche“ (setzt er hinzu) „<u>haben die Stoicker dergestallt beygepflichtet,
daß sie es zu einem Grundsatz angenommen haben; daß alles was moralisch gut ist,
auch nützlich; und nichts nützlich sey, was nicht moralisch gut ist
“ [Garve, S. 205.]

So schwer, so thöricht, so eigenliebig es scheinen möchte, einem Cicero
hierin vorgreiffen zu wollen; so leicht dünkt mich die Auflösung dieser moralischen Frage.
Sie werden ohne Zweiffel mit ihm voraussetzen, daß die Rechtschaffenheit oder die Ge-
rechtigkeit der Grund aller guten Handlungen ist. Demnach werden Sie wahrnehmen,
daß es hier, im angenommenen Falle, nicht auf ein Urtheil unseres Verstandes,
unserer größeren oder geringeren Einsichten in die Lage der Dinge und Umstände;|<2>
sondern vielmehr auf den Ausspruch unseres Gewissens ankomme. Und ich kann, im
Vorbeygehen, nicht unbemerkt lassen; daß man nur allzuoft Gegenstände des Herzens
einem vermeinten Scharfsinn, und Vorwürffe eines reifen Nachdenkens den inneren
geheimen Gefühlen der Vorliebe oder Abneigung unterwirft, und diese so sehr verschie-
denen Richterstühle mit einander verwechselt; kurz, daß man dabey eben so unbesonnen
verfährt, als wenn man seine Augen, über musicalische Töne, und sein Gehör, über
Farben zu Rathe ziehen wollte. Man könnte einwenden, daß unsere Leidenschaften biß-
weilen so laut reden, daß sie den leisen Zuruf unseres Gewissens einem völligen Still-
schweigen desselben gleich machen. Allein, wenn dieß geschiehet, so stehen wir ja nicht
einmahl in demjenigen Zweiffel, von welchem Cicero spricht; und niemahls wird uns
eine Wahl leichter, als wenn unser Herz schon gewählet hat. Folglich ist hier der
Widerspruch, zwischen Pflicht und Vortheil, beinahe gar kein Widerspruch für uns; sobald
wir dermaßen verblendet sind, daß wir ihn gar nicht mehr gewahr werden können:
denn unser Philosoph redet nicht mit lasterhaften, sondern bloß mit schwachen, unschlüssigen
Menschen: welche zwar das Gute wünschen und wollen, die es aber noch, wie die Wahr-
heit, in der Tiefe eines Brunnens suchen. Nunmehr befinden wir uns, dünkt mich, auf
dem wahren Standpuncte, wo wir seyn müßten, um dieses Gemählde ungehindert
zu überschauen.

Es stellet uns nämlich entweder einen einzelnen Menschen, oder unser Vater-|<3>
land, oder das ganze Menschengeschlecht von einer Seite, und unseren kleinen, oft nur einge-
bildeten, geringfügigen Vortheil von der andern, unser armes Selbst, diesen Tropfen m
Gegensatze mit dem großen Weltmeer vor: denn die Frage betrifft eine Pflicht, die
wir zu erfüllen, nicht eine bloße Gefälligkeit, welche wir nach unserem Gutdünken,
zuerzeigen haben, und die wir auch versagen können, wenn uns eine geschehene Zu-
muthung unbescheiden und unbillig vorkommt.

Gesetzt also, es entstände ein Zweiffel in uns, ob wir jezt ungerecht
handeln, und der allgemeinen Menschenliebe vergessen sollten, um uns selbst
Vortheil zuverschaffen, und unserem eigenen Götzenbilde ein Opfer zu bringen?
Gesetzt ferner, wir wären uns dieses Widerspruches, dieses Gegeneinanderstoßes
unserer gesellschaftlichen Verbindlichkeiten, mit einem vorüberfliegenden Gewinnste
oder Verluste, wirklich bewußt; was wäre wohl das kürzeste Mittel, unserer
Unschlüssigkeit ein schnelles Ziel zu setzen? Ich glaube dieses: – Uns an die Stelle
unseres Nächsten, oder des geliebten Vaterlandes, oder des gesamten Menschengeschlechtes
zu setzen; wo nicht? – Uns wenigstens einen unserer Nebenmenschen in unserer
gegenwärtigen Lage zu denken, und nun ein bündiges Urtheil zu fällen Wir dürfen uns
nur selbst fragen: Wann unser Nachbar dasjenige wirklich gethan hätte, was wir zu voll-
ziehen geneigt sind; wie würden wir ihn betrachten? – Als einen starken oder schwachen,
als einen weisen oder thörichten, als einen tugendhaften oder lasterhaften Mann? u. s. f.|<4>
Ich bin überzeugt, daß nach einer so leichten Veränderung der Person, nach Auslöschung [des]
kurzen, einsyllbigen Wortes, Ich, oder Wir, die Pflicht sehr schnell den Sieg über den [Vortheil][2]
erhalten würde, und daß Sie Alle dieser Meinung sind.

Cicero hat es seiner nicht unwürdig geachtet, dieser Frage ein ganzes B[uch zu]
widmen, worin er zwar noch mehrere Unterabtheilungen derselben macht; [???][3]
wir müssen uns Glück wünschen, in einem Zeitalter zu leben, wo es so et[was]
geringes ist, sie zu beantworten, und wo es ein jeder kann; zumahl da ein [jeder?]
die den Tyrannen, Phallaris[4], betreffende Frage, welche Cicero [De officiis, Lib. [??][5]
Cap. 6.] zu begünstigen scheint, mit Ja beantworten würde, und welche ich S[ie]
besonders nachzuschlagen ersuche; obschon wir uns nicht rühmen dürfen, daß nach [ge-]
fälltem Urtheile, die Handlungen der heutigen Welt viel besser sind als in Cice[ros]
Tagen. – Italien, pfleget Frankreich die Gerechtigkeit wiederfahren zulassen, da[ß es][6]
sehr richtige allgemeine Grundsätze von der Tonkunst hervorgebracht; allein, [von]
offenbar französischer Music will kein italienisches Ohr etwas hören.

Anmerkungen

  1. Christian Garve, Abhandlung über die menschlichen Pflichten in drey Büchern aus d. Lat. d. Marcus Tullius Cicero übers. von Christian Garve (Breslau: Wilhelm Gottlieb Korn, 1783). – Philosophische Anmerkungen und Abhandlungen zu Cicero's Büchern von den Pflichten: Anmerkungen zu dem Dritten Buche. Neue verbesserte und mit einigen Anmerkungen und einer Abhandlung über die Verbindung der Moral mit der Politik vermehrte Ausgabe (Breslau: Wilhelm Gottlieb Korn, 1788).
  2. Wort sinngemäß ergänzt. Die betreffende Stelle ist zur Gänze im Falz verschwunden, da die Seite am Rand mit dem darunterliegenden Blatt verklebt wurde.
  3. Von der Zeilenlänge her könnte hier ein Wort stehen; die betreffende Stelle ist aber zur Gänze im Falz verschwunden, da die Seite am Rand mit dem darunterliegenden Blatt verklebt wurde.
  4. Phalaris von Akragas. Von etwa 570 bis 555 v. Chr. Tyrann der griechischen Kolonie Akragas (dem heutigen Agrigent) in Sizilien.
  5. Stelle komplett uneinsehbar, könnte aber aus Cicero ergänzt werden
  6. Sinngemäß ergänzt; die betreffende Stelle ist zur Gänze im Falz verschwunden