1783 Feder (Marcus Aurelius): Über die Zwecke und Maaßregeln unserer Verbindung

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Kommentar

Transcript

Über
die Zwecke und Maaßregeln unserer Verbindung,
An die Verehrungswürdigen Brüder in Africa,[1]
von Marc Aurel.

Ein Glaubens-Bekänntniß durch welches er hoft,
Ihnen einen Bericht von der Übereinstimmung
seiner Denckart mit der Ihrigen zu geben.

[Ornament]|<2>

I.

Daß die höchste und lezte Absicht unserer Verbindung keine
andere sey, und die seyn dürfe, als Beförderung der wahren
Wohlfahrt unserer Nebenmenschen; davon ist ein ieder von
uns so überzeugt, daß es kaum mehr erinnert zu werden
bedarf.

Auf diese Überzeugung gründet sich unser Enthusiasmus;
durch sie fühlen wir uns erhaben über den großen Haufen
gemeiner Maurer, und unterscheiden uns von allen
den Aftermaurern, welche die königliche Kunst, wie
sie sie noch immer nennen, zu einem kindischen Spiel,
zum geschmacklosen Zeitvertreib, wo nicht zu größern
Thorheiten und Schändlichkeiten herabgewürdiget haben;
wie Licht sich unterscheidet von der Finsterniß, Tugend
vom Laster. Dieser Überzeugung ist es zuzuschreiben,
daß so viele der rechtschaffensten, aufgeklährtesten,
und thätigsten Männer, denen der Nahme eines
Freymaurers lange schon zu verächtlich, wenigstens
zu zweydeutig geworden war, in unsere Verbin-|<3>
dung eintraten, und noch mit allem Eifer ihr anfangen.

Die Mittel, durch welche wir diese Absicht zu er-
reichen suchen, bekommen, nach eines ieden Fähigkeit
und Verhältnißen, unübersehlich viele und mannichfaltige
Bestimmungen. Dennoch laßen sie sich auf gewiße
Claßen und einige allgemeine Grundsätze zusammen-
bringen. Den äußerlichen Bedürfnißen nothleidender
Nebenmenschen
zu Hülfe zu kommen, ist die anerkannte
Pflicht aller Maurer. Und sehr viele [Logen] gemeiner Maurer
verdienen das Los, daß sie alles hierinnen geleistet haben,
was von warmer großmüthiger Menschen-Liebe gefordert
werden kann. Unser Vorsatz ist, ihnen an Güte zu gleichen,
und an Weißheit, an zweckmäßiger Austheilung dieser
äußerlichen Güter, es ihnen vielleicht zuvor zu thun; be-
sonders durch, keiner Partheylichkeit nachgebende, keine
Beschwerde der nötigen Untersuchung scheuende Fürsorge,
daß nicht Wohlthaten an Unwürdige verschwendet, und
Müßiggang nebst andern Lastern dadurch befördert
werden.|<4>

Aber Allmosen sind noch lange nicht alles, was in
Absicht auf ihren äußerlichen Wohlstand die bedrängte Mensch-
heit von uns erwartet. Mangel leiden, ist nicht das schwerste
der vielen Leiden, unten deren Druck sie seufzet, und wodurch
sie oft zur Verzweiflung gebracht wird. Und einer Noth
abhelfen, ohne die Quelle zu tilgen, aus welcher sie im nechsten
Augenblicke aufs Neue entspringen und über Hunderte
sich verbreiten kann, denen unmittelbaren Beystand zu
leisten, wir vielleicht nicht im Stande sind, hieße unsern
Beruf kaum halb erfüllen.

Dort leidet das Ehrgefühl und der Thätigkeitstrieb
eines edlen und kraftvollen Mannes bey ungerechter Zurück-
setzung und Vernachläßigung. Hier stiehlt ein feiner
Augendiener[2] einem unermüdeten Arbeiter das Verdienst
seiner gemeinnützigen Sorgen und Nachtwachen. Dort
schmachtet die Natur unter abergläubischem Zwange.
Hier taumelt die Unschuld Fallstricken entgegen,
von Ruchlosen gelegt, darin die Tugend ein leerer|<5>
Nahme, und Gott ein Phantom ist. Hier schmiedet man
noch Feßeln dem erhabensten Vorrechte des Menschen,
frey und vernünftig zu dencken; Dort zerfleischt noch
die Sclaven-Geißel den Rücken der Menschen; als
wären es Lastthiere.

Hier, meine Verehrungsw[ürdigen] Brüder! hier ist unser
Kampfplatz! Hier sind erhabene Gesichtspunckte für
unsern Muth, für unsere Menschenliebe. Aber, wie
ist es möglich, daß Menschen so liebloß und ungerecht
an ihren Brüdern handeln? So liebloß an sich selbst?
Denn so, wie wir nicht andern Gutes thun können,
ohne unsere eigene Glückseligkeit durch die erhabensten
Kraft- und Wonne-Gefühle zu vermehren; so können
wir auch nicht Böses an andern thun, ohne uns
selbst zu schaden, durch Stöhrung der Harmonie
unserer Triebe unter sich, und mit der ganzen
übrigen Natur.

Darum, nur darum sind Menschen feindseelig
gegen einander gestimmt und Mörder ihrer eigenen|<6>
Glückseligkeit, weil sie nach blinden Trieben und zufälligen
Beyspielen handeln, weil sie die wahren Güter nicht kennen,
sie zu begehren nicht gewöhnt, sie zu suchen und zu
genießen nicht geübt genug sind. Das Laster ist alle-
zeit die Frucht des Irthums und der Verblendung; alle-
zeit Thorheit.

Darum meine Verehrungsw[ürdigen] Br[üder] ist Aufklährung
so vorzüglich eine unserer mittlern[3] Pflichten; Belehrung
der Menschen über ihre wahre Bestimmung, über die Mittel
und Hinderniße der Glückseligkeit. Darum haben die
höchsten Obern es uns so sehr zur Angelegenheit gemacht,
auf Erziehung und Religion, auf Lehrer in den Schulen
und in der Kirche, und auf die Schriftsteller Einfluß
uns zu verschaffen; die brauchbarsten unter ihnen
in unsere Verbindung zu ziehen, und sie da mit ge-
läuterten Begriffen, mit weisen und standhaften Eifer
fürs Gute zu erfüllen.

Aber wie dieß die wichtigste unserer bestimmteren
Absichten ist; so ist es auch dieienige, welche die größte|<7>
Vorsicht und reinste ausgebildete Weißheit derienigen,
die sich für sie verwenden wollen, erfordert.

Die Begierde, Aufklährung zu befördern, und selbst
mit aufzuklähren, ist in unsern Zeiten zur ansteckenden
Seuche geworden. Die traurigen Folgen davon, offenbahren
sich an mehr als einem Orte. Die Vorsehung wird auch
aus diesem Greuel Gutes hervor zu bringen wißen.
Aber wir wollen des Greuels nicht mehr machen. Auf-
klähren wollen wir und Aufklährung begünstigen,
aber nach den ewigen Gesetzen wahrer Weißheit und
Rechtschaffenheit. Diese erfordern:

     Daß man nicht allen alles sagt, was man für
     wahr hält, sondern auch das Ausgemachteste
     und Bewährteste nur denen, die es zum Guten
     verwenden wollen und können;

     Daß man nicht dieienigen von positiven Gesetzen
     und der Gewalt des Ansehens frey machen, welche
     die reine Vernunftwahrheit in ihrem ganzen
     Umfang einzusehen zu stumpf, oder getreu|<8>
     ihr zu folgen zu schwach, zu verdorben sind.

Den großen Haufen der Menschen – und dazu möchten
wohl iezt noch die meisten von den sogenannten Gelehrten
und vornehmen Ständen gehören – vom Ansehen positiver
Gesetze und einer geoffenbahrten Religion frey machen;
heißt nichts anderes, als ihren Leidenschaften, oder den
rechten Sophisten, Betrügern, und Schwärmern sie Preiß
geben.

Aufklährung oder Befestigung ihrer dunckeln Religions-
Gefühle und schwanckenden Begriffe, suchen in der Mau-
rerey nicht wenige der liebenswürdigsten ihrer Mitglieder.
Eine ächte Maurerische Verbindung ist auch eines
der geschicktesten Mittel, solche Menschen dies Seelen-
Bedürfniß zu befriedigen. Wir können es vor
vielen andern; wir wollen es. Aber nicht wie die
Pharisäer und Sadducäer,[4] sondern wie Vertraute
der Weißheit und Priester der Tugend.

Die wahre Weißheit und ihre Lehrerin, die Er-
fahrung, haben es längst außen allen Zweifel|<9>
gesezt: daß dieienigen nicht geschickt sind, gemeinnützige
Aufklährung unmittelbar zu befördern, die selbst noch
Sclaven lasterhafter Leidenschaften, deren Seelen noch
nicht ganz der Tugend geheiligt sind. Sie schaffen
einen Irthum, ein Vorurteil weg, und setzen andere
oft schädlichere, an die Stelle. Sie reißen mit ihren
Sitten ein, was sie mit ihren Lehren aufbauen,
und, was das Schlimmste ist, sie hindern die Bemühung
ächter Aufklährer durch den Verdacht und die Schande,
die sie diesem Nahmen zuziehen.

Und ebenso wenig sind dieienigen geschickt dazu,
die nicht lange und anhaltend über die Natur und
Bestimmung des Menschen nachgedacht haben; über
das Wesentliche und Zufällige, Wichtige und Gleichgül-
tige in den Meinungen und Gebrauchen der Men-
schen; über die ihnen oft selbst unmerckliche Einigkeit
bey ihren Streitigkeiten, und die Verschiedenheit
ihrer Begriffe bey einerley Art zu reden; über den
wechselseitigen Einfluß der Neigungen und der|<10>
Meynungen, und über die unzähligen Arten von Ver-
blendungen, Täuschungen und Hindernißen der Erkänntniß
und Überzeugung. Endlich auch nicht dieienigen, die
nicht ihren Eifer bey den besten Absichten, wenn es Zeit
ist, zu verbergen, zu mäßigen, und nach den Umstän-
den sich zu bequemen gelernt haben. Übereilung
ist hier eben so schädlich, als Unthätigkeit.

Alle diese guten Absichten können einige unter uns
durch ihren entscheidenden Willen, andere durch das
Gewicht ihres Raths und Ansehens unmittelbar beför-
dern. Alle können wir es durch gelegenheitlich
wohl angebrachte Urtheile; alle durch unser Beyspiel.
Und diese lezte Art des Einflußes auf die Bildung
und Lenckung der Menschen, ist im Ganzen gewiß
die Allerwichtigste. Das Beyspiel des Schimmer-
reichen Lasters hat eine große Gewalt. Das Beyspiel wahrer
ganz der Natur angemeßener Weißheit u[nd] Tugend,
hat eine noch größere. Gute Seelen zieht es un-
wiederstehlig an, und Bösewichte stehn wenigstens|<11>
erstaunend davor stille, oder treten beschämt zurück.
Wenn wir dieß nicht oft genug in der Erfahrung so
finden; so kommt es nur daher, daß unsere Tugend
nicht oft genug ganz rein und lauter, unsere Weiß-
heit nicht ganz der Natur angemeßen ist. Oder auch
daher, daß wir zu schnell Würckungen sehen wollen,
und die innerlichen, die bösen Antriebe wenigstens
schwächenden, wenn auch nicht ganz überwindenden
Wirckungen, nicht genug wahr werden.

O! meine Brüder, unser Beyspiel, unser Beyspiel
muß das Meiste thun. Außerdem ist eitler
Dünkel und unnatürliche Anmaaßung, wenn
wir im Reiche der Sitten große Dinge ausrichten
wollen. Aber dieser Gedancke, die Welt verschlimmern
und beßern, unglücklicher oder glücklicher machen zu
können durch unser Beyspiel; unausbleiblicher das
Eine oder das andere dadurch zu bewircken, als
durch iede andere Art des Einflußes; um so mehr es
zu thun, ie erhabener die Stelle ist, auf der wir
stehen. – O! meine Brüder, erhabene, weise, und|<12>
edle Männer, was kann uns mehr begeistern, mehr
in steter Aufmercksamkeit auf uns selbst erhalten,
mehr zur täglichen Gewißensprüfung uns erwecken,
als dieser Gedancke? Aber, was auch mehr uns be-
seeligen, als das Bewußtseyn, täglich durch unser
Beyspiel zur Veredelung der Menschen etwas beygetragen
zu haben? Unsere Reden, unsere Urtheile müßen immer
mehr zum Ansehen sicherer, zuverläßiger Aussprüche der
Wahrheit und Weisheit gelangen, unter denen, auf die
wir wircken wollen.

In minder aufgeklährten Zeiten waren die Urtheile
der Weisen, Göttersprüche.

Welche Überlegung, welche Bedachtsamkeit werden wir
daher nicht anwenden müßen bey diesen unsern Urtheilen;
wenigstens so oft sie sittliche Gegenstände, Religion, Cha-
rackter und Handlungen, betreffen?

Je geselliger das Leben der Menschen geworden ist,
ie weniger Zeit sie dem einsamen Nachdencken widmen,
ie mehr sie durch den herrschenden Ton der Gesellschaft
sich stimmen laßen; desto mehr können, desto mehr|<13>
müßen weise Männer durch gelegenheitliche Urtheile
in Gesellschaften wircken. Wenn ihre nie übereilten
so oft schon bewährt gefundenen Urtheile, als Aussprüche
der Wahrheit und Weißheit verehret werden; was können
sie nicht alsdann mit einem Worte, mit einem bedeu-
tenden Blicke, mit ihrem Ausdrucksvollen Stillschweigen
ausrichten? Wie oft die ungerechten, verführerischen
Urtheile leichtsinniger, vermeßener, tadelsüchtiger,
verläumderischer, ruchloser Menschen zurückhalten,
oder ihren Einluß auf die Urtheile und Gesinnungen
anderer vermindern? Ein unschätzbarer Gewinn von
Ansehen, so über sich selbst stets wachende Weisheit dem
Menschenfreunde verschafft!

Mehr Ernst und Entschloßenheit des Wiederstandes
und Entgegenwirckens mit den Lichtwaffen der Wahrheit,
fordert unser selbst gewählter erhabener Beruf alsdann
von uns, wenn mächtige Thoren und Betrüger Anschläge
schmieden zur Unterdrückung der Wahrheit u[nd] Unschuld;
wenn dieienigen, die Gerechtigkeit verwalten sollten,|<14>
dem Eigennutze, oder der Rachbegierde feil sind; wenn
dieienigen, die Fürsten rathen sollten, sie schändlich hinter-
gehen; die, welche ihr Gewißen wecken sollten, es ein-
schläfern.

Nie ergreifen wir Mittel dagegen, welche die gemeine
Ruhe und das Ansehen der Gesetze untergraben. Nie er-
lauben wir uns, auch bey den gerechtesten Absichten, das
geringste, was wir uns schämen müßten, vor der
ganzen Welt zu gestehen.

Aber, wenn wir gewiß sind, daß uns selbst nicht fal-
scher Schein, übereilter Argwohn, Verläumdung, Leicht-
gläubigkeit oder Leidenschaft täuschen; wenn wir der
Sache gewiß sind; so verbinden wir Muth mit wahrer Klugheit.
Unserer sind viele. Mit gemeinem Rath einander be-
stimmen, und mit vereinigten Kräften in solchen Fällen wircken
zu können, ist ein Hauptzweck in unserer Verbindung.

II.

Eine zweyte Hauptgattung unserer Pflichten und Maaß-
regeln bezieht sich auf die gemeine Maurerey. Gegen|<15>
diese müßen wir überhaupt Schonung, und so viel mög-
lich Achtung bey ihren Mitgliedern so wohl, als bey der
profanen Welt, beweißen. Denn einmahl ist sie die
bequemste Mascke, unter der wir unsere wahre Ge-
stalt und Absichten verbergen.

Vor gewißen Leuten und in gewißen Verhält-
nißen, ist es uns zwar vortheilhaft, diese Mascke
abzulegen; überhaupt aber können wir sie nicht ent-
behren. Dieser Art geheimer Verbindung ist man gewohnt,
und achtet nicht mehr viel darauf. Der Nahme, Maurer,
stellt uns also vor allen nachtheiligen Untersuchungen
am Besten in Sicherheit.

Sodann wäre es auch unbillig, die Maurerey über-
haupt verachten zu wollen. So viel Nachtheiliges sich
auch von ihren Ausartungen und Mißbräuchen sagen
läßt; eben so viel, wo nicht noch mehr Gutes, läßt sich
auch mit aller Wahrheit von ihr sagen. Wir können
überzeugt seyn, daß schon längst viele einzelne Mit-
glieder derselben, und manche [Logen], von demselben
Geiste beseelt gewesen sind, der uns belebt, und nach|<16>
demselben Ziele strebten, wenn sie gleich nicht unsern
Nahmen führten, oder auch nicht nach einem so entwi-
ckelten Plane, und in einer so zahlreichen und ausge-
wählten Verbindung arbeiten. Und die Maurerey
überhaupt machen nicht nur die vielen milden Stiftun-
gen und für die Armuth wohlthätigen Verordnungen
verschiedener Art, der Menschheit ehrwürdig, sondern
groß in den Augen des tiefblickenden Beobachters
sind auch die Wirckungen, die sie auf die Religions-
Verbeßerungen, und auf die Einschränckung mehrerer
sittlicher und politischer Übel, bißher schon unter vielen
Völckern gehabt hat. Aber den abscheulichen Mißbräuchen
die sich in dieselbe eingeschlichen haben, den Schwärme-
reyen und Tändeleyen, die sie Menschen von gesunden
und ernsthaften Verstande, so oft verächtlich machen
müßen, Einhalt zu thun, sie auszurotten; die
würdigsten Mitglieder derselben vom blinden
Haufen auszusondern und mit uns zu verbinden,
und durch diese und andere Wege unsere erhabenen
Begriffe in eine der vorzüglichsten Logen nach der|<17>
andern einzuleiten; diese bleibt eben so sehr unsere an-
haltende Bemühung, als iedwede andere auf die
Menschen-Beßerung abzweckende Arbeit.

Ich habe vielleicht ein anderesmahl die Ehre, meine
Gedancken hierüber ausführlicher vorzulegen.

Wenn wir aber auch noch so gut gegen die Maure-
rey gesinnt bleiben, und mit aller Vorsicht uns hüten,
keine Parthey derselben durch unnöthige Beleidigung
gegen uns aufzubringen; so müßen wir doch immer
darauf gefaßt machen – und die Erfahrung hat es
uns schon gelehrt – daß ihrerseits aller Bemühungen
uns zu schaden, und in der Absicht uns auszukund-
schaften, nicht unterbleiben werden. Dieß ist eine
nothwendige Folge von der Verschiedenheit der Denck-
arten, dem Parthey-Geiste, der Eigenliebe, dem Neide.
Wir wollen auf unserer Hut seyn; solche, der allge-
meinen maurerischen Ehre auch zum Nachtheil ge-
reichende Gesinnungen nicht verursachen, und nie
aus Rachbegierde oder andern niedrigen Leiden-|<18>
schaften sie erwiedern.

Um den Nachforschungen mißgünstiger und heuch-
lerischer Maurer, uns desto beßer zu entziehen, wäre
es wohl rathsamer, unsere unterscheidenden Nahmen
von M[aurern] und I[lluminaten] seltener als bisher zu gebrauchen, und
sie unsern Zöglingen der ersten Grade, lieber ganz
zu verschweigen. Um so mehr, da auch diese Nahmen
hie und da schon unvortheilhafte Neben-Ideen veran-
laßen. Nennen wir uns ächte Maurer, nennen wir
unsere Verbindung den inneren Orden, und unsere
Einrichtungen und Absichten sind damit eben so gut, und
noch treffender bezeichnet, als mit iedem anderen
Nahmen. Doch ist meine Meynung nicht, daß iene
Nahmen gar nicht mehr, sondern nur, daß sie
sparsamer und vorsichtiger gebraucht werden
möchten.

III.

Wovon aber die Beständigkeit und der Nutzen unserer
Verbindung hauptsächlich abhängt, dieß ist das Betragen,
welches wir unter uns selbst und gegen niemanden|<19>
beobachten.

Die Pflichten des Gehorsams auf der Einen, und der Bil-
ligkeit
und Gefälligkeit auf der Andern Seite, sind in
unseren Instrucktionen so deutlich und so nachdrücklich
angegeben, daß ich nichts hinzu zusetzen weiß. Auch
läßt sich vermuthen, daß dieser Theil unserer Pflichten
am wenigsten bißher vernachläßiget worden seyn
mag.

Aber ob eben so sorgfältig die Regel beobachtet
worden ist, unsere neuen Mitglieder zwar wohl von
der Realität und Wichtigkeit unserer Absichten zu
überzeugen, aber nicht mit übermäßigen, täuschenden
Erwartungen
geheimer, sonst nirgends zu findender
Weißheit, zu erfüllen; daran läßt sich mit Grunde
zweifeln. Unsere Hefte selbst, enthalten einige Stellen,
welche dahin mißdeutet werden könnten, daß sie
zur Vernachläßigung einer Regel verführten.
Außerdem kann daß auch aus eigenem Enthusi-
asmus, oder unzweckmäßiger Begierde, andere|<20>
geschwind und lebhaft zu reitzen, endlich aus Unver-
mögen, mit wahrem Grunde eine Sache geschickt zu
vertheidigen und geltend zu machen, bißweilen ge-
schehen. Aber die Klugheit sowohl, als die Rechtschaffen-
heit, unser erstes und heiligstes Grundgesetz, erfordern
es, daß wir alle iene, auch schon durch die Gesetze der
gemeinen Maurerey verbothene Kunstgriffe, immer
mehr und mehr aus unserer Mitte verbannen.

Deswegen hat es auch mir und mehrern unserer
erlauchtesten Brüder, bedencklich geschienen, daß in
unserm Lehr- und Fortführungs-System, fast bey
iedwedem Grade, Aussichten zu höheren Graden
gegeben werden.

Alle schmeichelhaften Versprechungen, und alles
Fortführen durch noch so viele Grade, würden unsere
Mitglieder nicht lange, und die würdigsten unter ihnen
am wenigsten befriedigen, wenn sie nicht Hand ans
Werck gelegt, und durch anhaltende gemeinschaftliche
Beschäftigung, unsere großen Absichten wircklich befördert
sehen.|<21>

Die monatlichen Quib[us] Licet[5], können allein für eine
solche Beschäftigung nicht angesehen werden, vielmehr
müßen sie bald unangenehm werden, wenn nichts weiter
hinzukommt; wenn dieienigen, von denen man sie
fordert, in derselben Unwißenheit und Unthätigkeit
gelaßen werden, in der sie vorher waren.

Unterdeßen muß über diese Q[uibus] L[icet] als einem wichtigen
Theil unserer Maschinerie, allerdings gehalten werden.
Wenn man auch einigen Mitgliedern darunter in so
weit nachsieht, daß man nicht iust ieden Monat der-
gleichen mit Strenge einfordert, so müßen sie doch
daran erinnert und belehret werden, daß das öftere
Einreichen der Q[uibus] L[icet] auch wenn man nichts Wichtiges
zu berichten hat, nicht nur als ein Zeichen des Gehor-
sams und der Anhänglichkeit an die gesellschaftliche
Ordnung, sondern auch deswegen gut sey, damit
nicht, wenn es nur bey wichtigen Anläßen geschähe,
es alsdann für die nechsten Obern auffallend
werde, und Argwohn errege.|<22>

Ungleich wichtiger zur Unterhaltung einer zweck-
mäßigen Thätigkeit unter unsern Mitgliedern, sind
die Minerval-Versammlungen,[6] wegen der dabey
gewöhnlichen Verlesungen und Unterredungen.
Daher verlangen die höchsten Obern, daß solche eingeführt
und fleißig fortgesezt werden, wo es die Umstände des
Orts nur irgendwie verstatten.

Der Nahme ist dabey gleichgiltig, ob man sie patri-
otische,
oder gelehrte oder Lese-Gesellschaften, oder noch
anders nennt.

Wenn wir aber eine allgemeinere Thätigkeit in
den O[rden] bringen wollen, so ist es nöthig, daß wir die
aus unsern lezten Absichten entspringenden Beschäfti-
gungen,
von niemanden absondern, und unter die Mit-
glieder nach eines ieden Neigungen und Fähigkeiten
vertheilen. Ich habe schon vor einiger Zeit einen bestimmten
Vorschlag dazu den höchsten Obern vorgelegt, und bin von ihrem
Beyfall versichert worden. Die Idee ist diese:

Wir haben Geschäftsmänner, Gelehrte und Künstler von|<23>
mancherley Art in iedwedem unserer Kreise und Provinzen.
Mache man es einem ieden derselben zur Ordenspflicht,
Aufmercksamkeit und sein Nachdencken zu richten auf irge[end]
eine Art der vaterländischen Einrichtungen und Ereig[nisse].
Einigen seyen Schulen, Stadtschulen, Landschulen, an[deren]
Landwirtschaft, Fabricken, Schriftstellerey, Armenin[stitute?]
Justiz-Verwaltung, Gefängniße, Medizinalwesen

u[nd] s[o] w[eiter] Gegenstand der Beobachtung und des Nachden-
ckens. Seine Bemerckungen über das, was ihm [eine?]
Verbeßerung nöthig zu haben scheint; seine Gedancken
wie diese anzufangen und zu bewürcken seyn [möge?]
theilet ein ieder seinem nechsten Obern mit. Eine be-
stimmte Zeit kann dabey freylich nicht vorgeschrieben
werden. Aber durch allgemeine Anfragen, und [noch?]
mehr durch bestimmte Aufgaben, können die Obern
dann und wann den Eifer anfachen und erneuern.
Es versteht sich, daß dergleichen Papiere beym Provi[ncial][7]
liegen bleiben, und von ihm gewißenhaft aufbewahrt
werden müßen.

Aus eigener Bewegung, oder auf Verlangen [theilt]|<24>
er den höhern Obern davon nur so viel mit, als seine
Pflicht gegen das Vaterland und gegen das Mitglied,
von dem es herrührt, gestattet.

Außerdem wird unsere gesellschaftliche Wircksam-
keit immer auch dadurch auf eine würdige Weise er-
halten werden, wenn wir nicht ablaßen, uns unter ein-
ander als Brüder zu betrachten,
als Genoßen eines
Bundes engerer, zärtlicherer Freundschaft und Men-
schenliebe.

So wird ieder durch Liebe volle Mittheilung, seine
Freuden zu Freuden der Brüder machen; seinen Zu-
wachs an guter Erkenntniß, das Intereßante seiner
Lecktüre, seiner Correspondenz, oder der Aufschlüße,
die seine Untersuchungen und sein Nachdencken ihm
verschaffen, oftmahls unter ihnen verbreiten. Ohne
einen beschwerlichen Aufseher und Richter zu machen,
wird einer den anderen, seine häußlichen und öffentlichen
Verhältniße und Handlungen in stiller Bescheidenheit
beobachten; aufmercksam seyn auf die Urtheile
anderer über einen Bruder, und was er zu seiner|<25>
Belehrung und Zurechtweisung dienlich erachtet, zur gelegenen
Stunde
ihm eröfnen, so vorsichtig und scheuend, aber auch
aufrichtig und zärtlich, als es die Sache, und die persöhnlichen
Verhältniße anrathen. Wenn ie ein böser Verdacht gegen
einen Bruder im andren entsteht, so verschließe er ihn
nicht länger in sich, als er vermuthet, denselben durch [ihn?]
selbst aufklähren und wegnehmen zu können; er möchte
sonst unvermerckt sein Betragen verändern, ihn kalt,
empfindlich, beledigend machen, und, aus einem
eingebildeten Übel entsprungen, Ursache eines wahren
werden. Mit brüderlicher Offenherzigkeit, aber im
Ton, wie die das Beßere zu glauben noch immer ge-
neigte Bruderliebe angiebt, gestehe er seine Zweifel,
seine Unruhe; höre gelaßen den sich verantworten-
den Bruder, und richte – nach der Liebe – einmahl,
zweymahl, dreymahl. Es ist beßer, zu gelinde
richten, als zu strenge. Durch eines schaden wir
insgemein nur uns, durch dieses uns und andern.
Iener Schade erstreckt sich selten weiter, als auf
unsere äußerlichen Güter; dieses verschlimmert|<26>
unser Gemüth. Auch haben wenige Menschen von ienem
Fehler, wenn es auch Fehler ist, so sehr Ursache, sich zu
fürchten, als vor diesem; weil zu diesem der gemeine
Naturtrieb der Selbstliebe und Eigenliebe mehr geneigt
macht.

Auch entfernten Brüdern in ihren Privat-Angelegen-
heiten
durch seine Einsichten und Verbindungen zu
nützen, ist für ieden unter uns pflichtmäßige Be-
schäftigung. Die Billigkeit macht es aber auch hierbey
einem ieden zum Gesetz, nicht ohne Noth andern
Mühe und Kosten zu verursachen; derienigen
am meisten zu schonen, von denen man weiß, oder
vermuthen kann, daß sie schon auf mannichfaltige
Weiße beschäftigt und beläßtigt sind, und überhaupt
in seinen Angelegenheiten nie anderen Mühe
aufzulegen, nur um sich selbst abzunehmen.

Wenn man auf diese vollkommene Billigkeit
und Bescheidenheit nicht bey allen Gliedern des Ordens
sicher rechnen kann; so liegt schon hierinne ein Grund,
weswegen die Bekanntwerdung aller, und am meisten|<27>
der angesehensten Mitglieder, möglichst zu verhindern
ist. Eine für manchen sehr große Beschwerde, die dann
entsteht, sind für sich allein schon die vielen Zuschriften
und Besuche. Aber die möglichste Verheimlichung der
Mitglieder, ist überhaupt ein so wesentliches Stück
in der ganzen Einrichtung unsers O[rden]s, daß in Ver-
nachläßigung deßelben mir der größeste, am
schwersten wieder gut zu machenden Fehler zu seyn
scheint, der überall begangen worden ist. Die
Nahmen großer Männer reitzen freylich zur Zu-
gesellung; aber wer nicht fähig ist, durch seinen
eigenen Nahmen und Charackter anzuziehen, über-
laße die Zuführung neuer Mitglieder, anderen.
Und wer durchaus nur durch viele große Nahmen
angereizt werden kann, bleibe von uns. Diese
Vorschrift ist zwar allen frühe genug gegeben
worden; aber wir müßen darauf dencken, wie
durch unser eigenes Beyspiel, durch wiederholte|<28>
nachdrückliche Erinnerung und durch angemeßene
Ahndung der leichtsinnigen Übertretungen, eine sorg-
fältigere Beobachtung derselben gemeiner gemacht
werden möge.

Der unwürdigen und wiederspenstigen Mitglie-
der uns wieder zu entledigen, hat an sich keine
große Schwierigkeit. Wenn man für die Q[uibus] L[icet]
die man verlangt, nichts Intereßantes weiter
mittheilet, so werden sie bald kalt, und ziehen sich
zurück. Nur ist doch zweyerley dabey zu bedencken,
einmahl, daß diese Unzufriedenen nicht Verräther
und Verläumder unserer Absichten werden. Sodann,
daß es unsere Pflicht ist, alle Menschen zu ver-
vollkommnen, so lange sie noch irgend bereit-
willig und fähig sich dazu zeigen. Am wenigsten
aber dürfen wir dieienigen durch Kälte und
Vernachläßigung vollends von uns abwendig
machen, wenn sie sich unzufrieden und unthätig|<29>
beweißen, denen wir selbst gerechte Ursache zur Unzu-
friedenheit durch allzu schmeichelhafte Verheißungen
oder auf andere Weiße gegeben haben. Wenn diese
Männer von brauchbaren Eigenschafften sind; so
ist es viel klüger und rechtschaffener, unsere Fehler
und die Unvollkommenheit unserer bißherigen
Verfaßung, ihnen aufrichtig zu gestehen, und durch
Aussichten, auf mögliche Verbeßerungen, sie aufs
Neue zu ermuntern, und an uns zu ziehen.

Anmerkungen

  1. Siehe Ordensgeographie
  2. Grimms Wörterbuch: "augendiener, adulator, nnl. oogendienaar, mhd. ougenschalc. Amgb. oigendiener. Schürens chron. das heer geschäftiger augendiener. Lessing." Grimms Wörterbuch online.
  3. im Sinne von vermitteln, als Mittel zu gebrauchen.
  4. Stichwort Saducäer Brockhaus (1841), Stichwort Sadduzäer Wikipedia
  5. Die internen monatlichen Berichte, die jeder Illuminat an den unbekannte Oberen zu schreiben hatte. Siehe Quibus Licet
  6. Minerval-Versammlungen - sie entsprachen den freimaurerischen Logen-Versammlungen, siehe das Stichwort Minerval-Versammlung.
  7. Dem Verantwortlichen für eine Privinz - siehe Ordenshierarchie.