1784-05-19 Helmolt (Chrysostomus): Mit zu Gott gerührten Herzen zähle ich den heutigen Tag zu den seeligsten meines Daseyns

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 14, Dokument SK14-050
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 112 Schwedenkiste, Reden und Gedichte, 1775-1787
  • Titel: Ohne Titel "Mit zu Gott gerührten Herzen zähle ich den heutigen Tag zu den seeligsten meines Daseyns", Rede anlässlich der Einweihung der Minervalkirche und der Aufnahme seines Sohnes in den Orden
  • Autor: Christian Georg von Helmolt (Chrysostomus)
  • Datierung: im Text 19. May 1784 - damit das Dokument zu 1784-05-19 Minervalkirche Gotha
  • Erschließung: Olaf Simons, Transkript: Erik Liebscher
  • JPG: 4001-4004

Kommentar

Transcript

19. May. 1784

Mit zu Gott gerührten Herzen, zähle ich den heutigen Tag zu den
seeligsten meines Daseyns. Meine nach wahrer Ruhe und Glük-
seeligkeit, zu welcher doch gewiß jeder Erden Sohn auch dießeits
des Grabes von dem Ewigen berufen ist, strebende Seele, schmachtete
schon lange umsonst nach diesem edelsten Kleinode in des Men-
schen Bestimmung. Lange tappte ich im Finstern, und fand
keinen wohltätigen Stab auf den ich mich stützen, keinen er-
quikkenden Ruhewinkel, wo ich bey meiner ermüdenden Wallfahrt
neue Kräfte sammeln konte, den sich vor mir hinstrekkenden
beschwerlichen und in unserm gesunkenen Zeitalter beynahe
gantz ungebahnten Pfad Weg, muthig fortzuwandeln. Wie oft wurde
ich aus dem Tummel des Lebens und der Weltverhältniße, aus
dem Geräusche betäubter sich selbst und ihrer eigentlichen Be-
stimmung muthwillig entgegen handelnder Sterblichen, in verschloßene
Einsamkeit zurükke gescheucht, wo auch wohl zuweilen dem
Auge über das Verderben unserer Zeiten eine ungesehene Thräne
entfiel. Auch diese gewähren Erquikkung und Trost, wenn sie gleich
nur einzeln als fromme Wünsche, wie ein unmerklicher Tropfen
in dem unermeßlichen Weltmeere, unerkennbar mit fort-
gerißen werden. Ich sehnte mich nach wahren Freunden; ich
sehnte mich nach edlern auf Wahrheit und Weisheit und folglich
auf Menschen-Glük abzwekkenden engern Verbindungen.
Von zeiner[?] großen Wahrheit durch Menschenkentniß und ziemlich
lange langen Erfahrung völlig überzeigt: daß der einzelne
gute Mann mit dem besten Willen, und mit allen Kräften, die
er mit menschlichen Schwachheiten umgeben, aufbieten kann,
nur wenig würken; in Verbindung aber mehrern, gleich
edel denkenden und an Tugend und Rechtschaffenheit un-
erschüttert feste haltenden Männern, sich den herrlichsten
Würkungskreiß zum Guten verschaffen kann. Die
Vorsicht schenkte mir Freunde; wenige, (wer kann auf
viele rechnen?) aber in diesen wenigen, eine lange Reyhe
von Jahren hindurch geprüfte, und bey allen Wechseln der
Schiksaale bewährte Freunde, die mich zum Edlen stärkten,
meinen Muth zur Rechtschaffenheit treulich anfeuerten,
und mir auch meine Fehler und Schwachheiten mit un-
geheuchelter Redlichkeit, nicht verhehlten. Ihr eigen
Herz; und Gott sey ihr Lohn. Auch traf ich auf dem Wege
meiner Wanderung auf eine in ihren Grundbegriffen
und köstlichen Lehren, wahrhaftig herrliche geheime Verbindung[.]
Freudig schloß ich mich an ihre Kette an, ich suchte mich selbst
zu bearbeiten und zu beßern, und strengte zugleich alle mir
von Gott verliehene menschliche-Kräfte an, meinen Mit-
brüdern und der Menschheit ~~ thätig nützlich zu seyn.
Ich fand in der so reitzenden Hofnung, Gute stiften und be-
würken zu können, eine Zeit lang Ruhe der Seelen und wahre
Zufriedenheit. O! möchte mich mein gutes Hertz niemals
getäuscht haben, von gantz gewöhnlichen, Men äußerlich
gut scheinenden Menschen, die in der warmen Stunde der
ersten feyerlichen Rührung alles versprachen, mehr zu erwarten,
als sie hernach würklich leisteten und leisten wollten. Wenn
je Täuschung einige Freuden gewähren kann, so ~~~ ist
diese gewiß nicht gantz freudenleer, und um desto
verzeyhlicher, wenn sich der getäuschte Redliche nur[?]
nicht selbst Vorwürfe zu machen hat. Ein Schwall
von Menschen, die gröstentheils nicht für einander
pasten, die aus gantz contrastierenden Absichten
zusammen kommen, mit der leeren Schaale tändeln,
und den Nahrhaften ungsreichen[?] Kern nicht suchen mögen noch
wollen, und von deren Herzen die wärmsten Lehren
der Weisheit wie von kalten Eisbergen, ohne Eindruk
zurükke prallen, machen den gutmeinenden Sterblichen,
der auf sie würken soll, das Leben herzlich schwer.
Geliebte hier gegenwärtige Brüder unserer älteren Verbindung, ihr
unbefan[?] ungeheucheltes Zeigniß kann bestätigen, daß ich
hier Wahrheit rede, daß ich bey jenen Verhältnißen ~~~
zuletzt wenig froh wurde, aber desto mehr innerlich litt;
und daß bey unsern vertraulichen Unterhaltungen der
heiße Wunsch ofte laut wurde, die Guten heraus sammeln
zu können, und durch ihre regere, Verbin von einem Hertzen und
einer Seele belebten, Verbindung, uns einen Himmel auf
Erden zu schaffen. Diese glükseelige von uns so sehnlich
erwartete Stunde ist endlich gekommen, meine Theuersten! Der Ewige
laße sie eine Stunde ununterbrochenen Seegens für uns selbst,
und für die uns dereinst folgende noch beßere Nachwelt seyn.
Unaussprechlicher Dank sey dem Allweisen und Allgütigen, daß er
mir, bey meinem herannahenden Alter noch die den Tag der Freu[-]
den erleben lies, in dem guten Suyrakuß die feyerliche Einweyhung einer Miner-
val Kirche bewürken zu helfen. Von treuer Verehrung durchdrungen
und mit innigst gerührten dankbahren Hertzen für das in mich brüder[lich]
gesetzte Vertrauen, befolge ich den Wink unserer Erlauchten
verehrungswürdigsten Obern, diese menschenfreundliche Bild[ungs-] [?]
und AufklärungsSchule, froh und muthig zu eröfnen. Hät[te]
ich wohl eine herrlichere Belohnung für mein schwaches Bestreben,
gut und nützlich zu seyn; in diesem Leben erwarten können? M[ein]
vorgestektes[?] Daseyns-Ziel neigt sich mit starken Schritten
zu seiner Vollendung. Ich will aber gerne und willig den
Rest meiner Wallfahrt, ja jeden Tag den mir die Vorsicht noch
hernieden[?] schenken will, mit unverwandter unserm Orden sch[ul-][?]
diger Treue dazu anwenden, die edeln Pflichten meiner Bestimmung
aufs pünktlichste zu erfüllen. Zu Freudenthränen rührt mich das
vorzügliche Glük, meinen geliebten Sohn bey noch früher Jugend, [in]
dieser seeligen Stunde, im Schooß der Tugend aufgenommen zu seh[en.]
O! wachen Sie über die Seele des noch unverdorbenen Jünglings, me[ine]
weisern Brüder; der biedere Vater wird es Ihnen dereinst vor dem
Thron des Ewigen verdanken. Bilden Sie ihn mit väterlicher Liebe, Erm[ah-][?]
nungen und Unterricht zu ihrer eignen Freude und zum Besten des
kommenden Menschen Geschlecht; damit er einmal, wenn mich Gott von
hinnen ruft, meine Ste[?] an meine Stelle trete, und als ein Mann da
stehe, der Laster und Thorheiten muthig bekämpft, und nur aller
sein Glük und in Tugend und Rechtschaffenheit suchet. Ich komme auf [mich][?]
selbst zurük, und lege mir noch mit ~~ aufrichtigen Gesicht meiner

[1]menschlichen Schwachheiten,
den köstlichen Denkspruch,
Nosce te ipsum[2] , an
mein Hertz. Thun Sie ein
gleiches, meine gelieb-
ten Brüder; und wir
werden gewiß durch die
Beher tägliche Behertzigung
dieses Kernsatzes alter
Weisheit, insgesamt beßer
und glüklicher werden.

Anmerkungen

  1. Von hier an setzt sich das Schreiben auf dem linken Seitenrand fort.
  2. Erkenne dich selbst.