1784-09-23 Helmolt (Chrysostomus): Nach meiner siebenwöchentlichen Abwesenheit von Syrakuß

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Transcript

Nach meiner siebenwöchentlichen Abwesenheit von
Syrakuß, die meine kleinen Privat- und FamilienAngele-
genheiten nothwendig machten, habe ich heute wieder die innige
Freude, dieser stillen Versammlung edler und rechtschafner
Brüder persönlich beyzuwohnen, und mich in ihrer heiligen
zum allgemeinen Wohl des Menschen-Geschlechts fest ge-
schloßenen Kette des geseegneten Fortgangs der besten
Sache von ganzer Seele zu erfreuen. Mein Hertz war indeßen
immer mit und unter Ihnen, meine geliebtesten Brüder,
und war es nicht würksame Thätigkeit, so waren es doch
tägliche warrme[?] und treue Wünsche zu dem Unergründlichen,
für ihr und unsers Bundes Wohl, die gewiß nicht
unerfüllt bleiben werden. Unaussprechlicher Dank sey
dem Ewigen, der unsere unbemerkten Arbeiten für
Tugend, Beßerung und wahren Adel der Seele so vä-
terlich und augenscheinlich beschützet und die herrlichen
Vorschriften unserer Erlauchten und weisen Obern,
nach ihrem mit so vieler Einsicht und Menschenkentniß
ausgezeichneten schönen Plane, zu den heylsamsten Zwekken ge-
deyhen läßt. Freylich stehen wir noch auf der ersten und
untersten Grundstufe des großen weitumfaßenden Baues
zur Vervollkommung des jetzt[?] lebenden und kommenden Men-|<2>
schen-Geschlechts. Wahre Weisheit leidet keinen Sprung[?]. Man
muß sich erst selbst bearbeiten, in sein innerstes redlich hinein
schauen, die Schleyer der Leidenschaften und schädlichen Vorur-
theile muthig hinwegreißen, jeden krummen Gang der tiefverbor-
gensten heuchlerischen Selbstschonung ausspähen und gerade
ziehen, um sich ihren göttlichen Lehren wahrhaftig em-
pfänglich zu machen. Der junge Mann muß sich nach und
nach an ihrem Lichte erwärmen, er muß selbst fühlen,
wie wohl es ihm unter dem Einfluße ihrer himmlischen Strah-
len wird, er muß allmählich in ihrer Schule erzogen, zum
edlern Menschen umgebildet, und so gantz zu seinem
Besten umgeschaffen werden, daß er gar nicht anders
als weise, tugendhaft und rechtschaffen denken und
handeln kann, und seine gröste Zufriedenheit, sein
dauerhaftestes Glük nur darinnen überzeugend findet,
so und nicht anders gedacht und gehandelt zu haben.
Als denn einen nähern Schritt zum Lichte zu thun, ist
herrlicher Lohn für den Edel-beharrenden; und der
Ewige stärkt gewiß auch das geheimste Sehnen und
Streben seines Nachbildes nach wahrer Vollkommenheit,
mit hinlänglichen Kräften, dem edelsten Ziele standhaft
entgegen zu arbeiten. Ihnen, Hochwürdiger und |<3>
geliebtester Br[uder] Cato, bin ich den wärmsten und reinsten
Herzensdank schuldig, daß Sie so liebreich und brüderlich, das mir
von unsern Erlauchten Obern bey dieser edlen Versammlung anver-
traute Amt, in meiner Abwesenheit zu übernehmen sich haben
gefallen laßen wollen. Es war in den besten treuesten
Händen. Gott wolle Sie dafür seegnen, und ihre Tage
die Sie mit so ununterbrochener Standhaftigkeit dem
mühsamsten und theuresten Ordens-Geschäften widmen,
mit Freuden, und dem seeligsten Erfolge ihrer redlichsten
Absichten krönen.
Wir feyern heute, meine guten Brüder, eins der Haupt-
feste unsrer menschenfreundlichen Verbindung, die Vor-
schriften unserer verehrungswürdigsten Erlauchten Obern
erheischen, uns an den Hauptperioden der Zeiten, Monate
und Jahre zu versammeln, und die vorzüglichsten derselben
festlich zu begehen. So ist es unsere eigentliche Pflicht
bey jedem Eintritt des Neumonds Minerval Kirche
zu halten; und zu der heutigen Versammlung hat uns
das Andenken der zweyten Tag und NachtGleiche in
diesem 1154sten OrdensJahre eingeladen. Diese die
weisen Gründe dieser Veranstaltungen, werden
meine geliebten Brüder, ohne mein Erinnern, und
ohne große Erklärung darüber von mir zu verlangen, |<4>
von selbst einsehen. Dem gewöhnlichen Menschen, der
so manchen theuren Augenblik, wenn er seinem natür-
lichen Hange folget, unbenutzt vorüber streichen läßt,
und wenn er auch noch so aufmerksam auf seine Handlun-
gen ist, dennoch manches Leere in der durchlebten Zeit
gewahr wird, das er beßer edler und nützlicher hätte
ausfüllen können, ist nichts ersprieslicher, als oft
wiederhohlte Anmahnungen, den Tropfen Zeit, wel-
chen ihm Gott hinieden schenkt, als ein kluger und
sparsamer Wirth, zu seiner Veredlung und zum besten
des Menschengeschlechts, auf das getreuste zu benutzen.
Bey jedem neuen Zeitpunkte, den wir auf unserer
Wallfahrt erreichen; fordern uns unsere weisen
Obern einen ungeheuchelten Rükblik auf die ver-
floßenen, und gestählten Vorsätze zur Beßerung
und Veredlung für kommende Epochen, auf unsere
abgelegten Ordenspflichten, ernstlich ab. Thue Rechen-
schaft, heißt es hier, von dem dir anvertrauten Pfunde[?],
von deinen GeistesKräften, von deinen Talenten,
f~ von deinen Fortschritten im Guten und Edlen;
dein innerer unbestechbarer Richter wird dir treulich
sagen, wo du geirrt, wo du gestrauchelt hast, und wie |<5>
weit du noch auf dem Wege deiner Bestimmung zurükk
bist. Stillstand im guten gräntzt so nahe an Rükfall,
daß wir nicht alle von dem Ewigen uns verliehene Kräfte
muthig anstrengen sollten, die Lükken auszubeßern,
welche die reine h~tte Bahn auf der wir wandeln, verunstalten.
Laßen Sie uns also von Gott neuen Eifer und verdoppelte
Kräfte erbitten, dem edlen Kleinode, welches er uns durch
unsere Erlauchten und weisen Obern verliehen hat, treu
redlich und werkthätig anzuhängen. Wenn gleich
nach der heutigen Periode Epoche, eine lange Zeit
hindurch, natürliche Nacht das hellere Tages-Licht
merklich überwiegen wird; so müste uns der künftige
Umschwung der Zeiten, da Tag wieder Nach ver-
ringert, bey hellern und reinern Lichte in unsern
Seelen, in unsern Herzen, und in unserm gantzen
Lebenswandel antreffen. Wehe uns! Wenn die
Nacht der Natur das in uns angezündete sonnen-
helle Licht der Veredlung und Aufklärung schwächen,
oder gar verdunkeln sollte. Mein Hertz aber, und
ihrer aller Herzen und fester Wille sind mir Bürge[?]
dafür, daß Sie, meine geliebtesten Brüder, treu und
redlich, wie bisher, fortfahren werden, des edlen |<6>
Bundes, den wir im Angesicht des Ewigen schloßen, bey
allen Lebens-Verhältnißen, unverbrüchlich und unver-
rückt eingedenk zu seyn. Wie freudig ermuntert uns
hierzu der blühende Fortgang der besten Sache in unserm
geliebten Vaterlande, und insbesondere in dieser unsern
Herzen so nahe gelegen liegenden Minverval Kirche. Gott
schenkte uns diese herrliche Belohnung, auch für den
kleinen Theil Antheil unserer vereinigten Werkthätigkeit.
Er wolle uns ferner seegnen und über uns wachen.
Erlauben Sie mir, ihnen schlüslich noch, meine geliebten
Brüder, Ihnen aus dem Seneka eine Stelle mitzu-
theilen, die mir auf die Einrichtung und Nützlichkeit
unserer stillen Versammlungen, einen sehr paßenden
Bezug zu haben scheint. Hier ist Sie Ich fand sie
in dem 108ten[1] seiner Briefe „Qui ad philosophorum
scholas venit, quotidie secum aliquid boni ferat;
aut sanior domum redeat aut sanabilior. Redibit
autem. Ea autem philosophiae vis est, ut non
solum studentes, sed etiam conversantes juvet.
Qui in solem venit, licet non in hoc venerit, co-
lorabitur: qui in unguentaria taberna resederunt,|<7>
et paulo diutius commorati funt, odorem loci secum
ferunt; et qui apud philosophum fuerunt, traxerint
aliquid necesse est, quod prodesset etiam negligentibus.
attende quid dicam: negligentibus, non repugnan-
tibus.“
Wer die WeisheitsSchulen besucht, der nehme
immer etwas gutes für sich mit heraus; er gehe beßer,
oder Beßerungsfähiger nach Hause. Und dies thut wird er gantz
gantz gewiß thun. Denn die Weisheit hat so viel
Kraft, daß sie nicht allein diejenigen, welche sie würk-
lich studieren, sondern auch denen, welche nur mit ihr
umgehen und sich vor ihr unterhalten, wahren Nutzen
schaft. Wer in die Sonne tritt, wird von ihr gefärbt und beleuchtet,
ob er schon nicht selbst in den SonnenCörper hinein
kommen kann; wer in Magazinen von köstlichen
Wohlgerüchen und Eßenzen[?] gewesen ist und sich nur
ein wenig darinnen aufgehalten hat, bringt sicher
etwas Wohlgeruch mit und um sich heraus. Eben so ist es mit
denen, die die die[sic!] Schulen der Weisen besucht haben,
etwas gutes hängt ihnen immer an, das sogar den nicht
sonderlich drauf achtenden nützlich ist. Wohl zu
merken: Dem der nicht sonderlich drauf achtenden ~d~~.
keinesweges aber dem Wiederstrebenden. Diesen müste
ohnedem unsre Losung sogleich entfernen.

Anmerkungen

  1. Seneca: Epistulae morales ad Lucilium, 108.4.