1785-03-21 Gadow (St. Evremont): Über Grausamkeit, Heldenmuth und Menschenliebe

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Kommentar

Autor über Schriftvergleich identifiziert siehe Gothaer Minervalkirchen-Protokoll vom 21. 3 1785.

Eingangsüberlegung im Sinne Kants. Bei der Beurteilung der Moralität einer Handlung muss die Motivation bewertet werden, nicht das Ergebnis – bei dem mancher Schurke, durch das zufällige Ergebnis seiner Handlung für seine Moral zu loben wäre, und mancher der Gutes wollte, durch ein dazwischenfahrendes Unglück zum Verbrecher.

Die theoretische Annahme über Moralität wird durch eine praktische Observation – empfindsam – untermauert: nicht zufällig hat der der aus böser Motivation heraus handelt, ein schlechtes Gewissen, das sich physiognomisch manifestiert wie die gute Disposition ihm gegenüber.

Es kommt mithin, so die an selber Stelle vorgezeichnete Bewegung in die Innerlichkeit hinein, auf die „innere Beschaffenheit eines Menschen“ an, sie ist es die die Handlung gut macht, womit die Motivationen Grausamkeit, Heldenmuth und Menschenliebe in den inneren Antrieben des Menschen verortet werden müssen (nicht im Ergebnis respektive den sichtbaren Handlungen).

Der Matrose, der mit einem Funken das Pulverfass an Bord hochgehen lässt, handelt im Versehen, auch wenn er Vernichtung bringt. Schwieriger ist Alexander (der seinen Freund Klitus im Rausch tötete) zu beurteilen. Das Gegenbeispiel ist hier Kambyses, der einem Knaben ins Herz schoss, um seine Zielsicherheit zu demonstrieren und dem Vater des Knaben zu beweisen, dass er nicht betrunken ist. Affekte kommen hinzu: Alexander war reizbar, Kambyses kalt und phlegmatisch mithin aus reiner unvermischter Bosheit bereit, den Jungen zu töten.

Heldenmut wird in der Folge von Tollkühnheit abgegrenzt – das Leben wird unter beiden Optionen riskiert, doch nur der Heldenmütige ist bereit, alle Konsequenzen, die er sieht hintan zu setzen und aus reinem Heldenmut zu handeln. Eitelkeit und Ruhmsucht müssen auch ausgeschlossen werden. Um die theoretische Erwägung zu fundieren werden wiederum historische Beispiele benötigt, bei denen sich der Verfasser auf die antiken Geschichtsschreiber verlässt, die letztlich nicht in die Motive hineingehen, sondern Handlungen berichten, die auf jeweils übergeordnete Motive schließen lassen, die sodann die Reinheit einer heldenmütigen Aktion beweisen.

Aus der Gegenwart kommt – als überlegenes – das Beispiel Paul Pellisson-Fontanier, des französischen Autors des 17. Jahrhunderts, der bereit war, zu seinem Mäzen (Nicolas Fouquet) zu stehen, als dessen Sekretär er arbeitete, noch da dieser unter Korruptionsverdacht in Haft geriet. Pellison riskierte die allgemeine Verachtung und zeigte dennoch Treue – und auch hier wird aus der Hintansetzung des eigenen Vorteils im Dienst eines anderen Heldenmut, nun der eines gelehrten Schriftstellers.

Der dritte Abschnitt des Aufsatzes gilt der Menschenliebe – sie wird vorab definiert und zu einem Grundantrieb erklärt:

    Allgemeine Menschenliebe überhaupt ist das Wohlwollen und die Zuneigung eines Menschen für alle seine Mitmenschen allgemein betrachtet und der Trieb den er fühlt, ihnen nüzlich zu seyn. Diese Menschenliebe ist gewiß aus keiner menschlichen Seele|<5185> gänzlich verbannt, sondern findet gewiß in allen statt; nur kömt es darauf an, ob sie durch Erziehung, Beyspiel und andre Umstände erstikt, oder unterhalten, genährt und auf edle Zwecke gerichtet wird

Die angeborene instinktive Menschenliebe muss im nächsten Schritt (wie der Heldenmut von der Tollkühnheit) vom Instinktpotential der unwillkürlichen Motivation bereinigt werden. Was unwillkürlich ist, kann nicht anders und kann darum nicht gut sein, so die Argumentation, die Willensfreiheit einfordert.

Die „seltenere, aber desto rühmlichere Menschenliebe ungemein, welche den wahren Menschenfreund“ auszeichnet, setzt sich wieder über konträre, sie verunreinigende Motivation hinweg. Wie in Mereaus Aufsatz SK13-078 wird bemerkt, dass die Geschichtsschreibung erst in der Gegenwart ein Interesse an Exempeln dieser Motivation hat. Antike Historiker suchten Heldenmut und waren am Kriegerischen Mehr interessiert. (Und auch hier werden die Exempel der Caritas aus dem Christentum in seiner ganzen Geschichte, insbesondere der katholischen Heiligenlegenden ausgeklammert wie die Exempel der Pietisten).

Das Exempel eines Kaufmannes, der nach einem Brand in seiner Stadt Gelder zur Verfügung stellte, statt sie in große Geschäfte zu investieren, steht hier für die Moderne (unklar wo es herkommt).

Transkript

Über
Grausamkeit, Heldenmuth und
Menschenliebe.


Ehe man sich in eine Untersuchung über irgend eine
gute oder schlechte Handlung einlassen kann, muß man noth-
wendig vorher die Frage bestimmen und beantworten, nach
welchem Maaßstabe die Moralität einer Handlung zu be-
urtheilen sey? Sollte man sie blos nach den Würkungen
beurtheilen, die sie hervorbringt, oder sollte man nicht viel-
mehr auf die innre Beschaffenheit der handelnden Person dabey
Rücksicht nehmen? Gewiß das Leztere; denn zu wie vielen
Irrthümern und Ungerechtigkeiten würde man nicht durch das
erstere verleitet werden! Wie oft würde man nicht dem
rechtschaffenen Manne Unrecht thun, wie oft nicht den
Bösewicht, den Glük und Ungefähr begünstigen, ungestraft
vorbey gehen lassen, wenn man die Handlungen beyder nur
nach ihrem Erfolge beurtheilen wollte – und doch ist dieß so
oft unter uns der Fall, so oft trügt uns der Schein, und
wir verkennen den Biedermann, und lassen uns von
der Maske des Heuchlers täuschen. Woher kömt dieß wohl?
Gewiß daher, daß wir uns nicht genug befleissigen, die
innern Triebfedern fremder Handlungen recht zu untersuchen;
dem Auge eines ernstlich forschenden Menschenkenners entgeht|<2>
nicht leicht der Redliche, selbst wenn der Schein wider ihn ist;
auch an dem kleinsten Zuge wird er ihn erkennen, und der Bösewicht
wird beschämt seine Maske fallen lassen, und in seiner ganzen
Blöße dastehen. Kann man aber dieses nicht, sieht man
nicht hell in einer Sache, so halte man sein Urtheil zurück, um
nicht einen Unschuldigen zu verdammen, oder, welches weniger
unrecht ist, einen Schuldigen loszusprechen.

Unter der innern Beschaffenheit eines Menschen verstehe ich haupt-
sächlich die Bewegungsgründe die ihn zu einer Handlung vermochten,
die Begriffe die er von der Moralität oder Unmoralität, von
der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit derselben hatte, die
Lage in der er sich befand, endlich sein natürliches Tempera-
ment, und die größere oder geringere Heftigkeit der Leidenschaft
die dabey würkte. Wenn wir dieß auf die Grausamkeit anwen-
den, so finden wir, daß eine Handlung desto weniger Grausamkeit ver-
räth, je größer und anziehender die Vortheile sind, die man sich da-
von verspricht, je weniger die Begriffe, die man sich von Recht
und Unrecht macht, bestimt und berichtigt sind, je verzweiffelnder
die Lage ist, in der man sich befindet, und je heftiger die Leiden-
schaft ist, von der man hingerissen wird. Das ist an sich klar,
daß Handlungen der Unvorsichtigkeit, wenn auch ihre Würkungen|<3>
noch so schädlich seyn sollten, doch nie auf die Rechnung des Unvor-
sichtigen geschrieben werden dürfen. Ein Seefahrender z[um] B[eyspiel], der
einen Funken ins Pulfermagazin fallen läßt, und dadurch
sich und alle seine Gefährten unglüklich macht, hatte gewiß nicht
mehr die Absicht zu schaden, als der Ziegeldeker, der durch einen
herabgeworfenen Stein einen Vorübergehenden erschlägt.

Wenn wir nach diesen vorangeschikten Grundsätzen die That
Alexanders als er den Klitus ermordete,[1] mit der des Kambyses[2]
vergleichen wollen, der einen unschuldigen Knaben erschoß, um
seine Geschiklichkeit im Pfeilschiessen zu zeigen, so werden
wir noch mehr von ihrer Allgemeinheit überzeugt werden.
Alexander tödtete zwar seinen Freund, seinen Rathgeber, seinen
tapfern Klitus, der ihm beym Granikus[3] das Leben gerettet
hatte, aber er tödtete ihn im Taumel der Trunkenheit, gereizt
durch beleidigende Reden, durch Schmälerung seines Kriegs-
ruhms, da er doch auf nichts stolzer war, als auf diesen; und
überdieß hatte er von der Natur ein hitziges aufbrausendes
Temperament erhalten. Kambyses, phlegmatischen Temperam
ments, aber desto unedlerer Handlungen fähig, mordete
einen unschuldigen Knaben; schon daß allein, daß der Ge-
genstand seiner Grausamkeit ein Knabe war, der, unfähig
ihn zu beleidigen, durch nichts seinen Zorn reitzen konnte,
schon dieß allein ist hinlänglich, jeden nicht ganz gefühllosen|<4>
Menschen gegen diesen Tyrannen zu empören; wenn man nun
noch erfährt, daß Kambyses als er die That begieng in einer
ganz ruhigen Gemüthslage war, daß er von keiner heftigen
Leidenschaft dazu angetrieben wurde, sondern daß er blos zu
seinem Vergnügen, und um sich als einen geschickten Bogen-
schützen zu zeigen, Mörder eines schuldlosen Geschöpfs wurde,
daß das doch eben so gut Mensch war wie er: dann wird man
nie genug dies Ungeheuer verabscheuen können. Ganz
entschuldigen läßt sich zwar die That Alexanders nicht; sie
wird immer grausam bleiben, immer ein Schandflek in seiner
Geschichte seyn; aber fast wird sie verschwinden in Vergleich
mit der lezteren. Denn mit kaltem Blute, ohne Leidenschaft,
zur Ergetzung eine Handlung zu begehen, bey deren Erzehlung
schon die Menschheit schaudert, dazu gehört eingewurzelte
Bosheit, und die schwärzeste Grausamkeit.

Eben diese Grundsätze lassen sich auch auf die Tugend
des Heldenmuthes anwenden.

Heldenmüthig nennen wir den, der ohne auf die
Größe der Gefahr die er bey einer Unternehmung läuft zu
achten, sich derselben gerne unterzieht, um eine großen
edlen Zweck zu erreichen, und wenn es auch mit Aufopfe-
rung seiner eigenen Vortheile, ja sogar seines Lebens
geschehen sollte; ferner würden wir auch den heldenmüthig
nennen, der in Ausübung seiner Pflichten einen so standhaften
Muth beweißt, daß er sich durch keine Gefahr, wenn sie
auch noch so groß seyn sollte, zur geringsten Abweichung|<5>
davon bringen läßt. Nur muß man sich wohl hüten, den
Heldenmuth nicht mit der Tollkühnheit zu verwechseln; der
Tollkühne scheut auch keine Gefahr, sondern stürzt sich im Gegen-
theil oft in solche, ohne daß es die Noth oder eine edle Ab-
sicht erfodert – aber er thut es ohne Grund, oft aus Ver-
zweiflung: Dahingegen derjenige, der auf wahren Heldenmuth
Anspruch machen will, mit reifer Ueberlegung handeln,
und auf einen rühmlichen Zweck losarbeiten muß. Auch darf
es nicht Eitelkeit, nicht Begierde sich einen Namen zu machen
seyn, die ihn zu einer solchen That antreibt, wenn sie den
Namen einer heldenmüthigen Handlung verdienen soll.
Es kann auch oft der Fall seyn, daß jemand dasjenige
was er aufopfert, oder in Gefahr sezt, wie z[um] B[eyspiel] sein
Leben, entweder gar nicht, oder wenigstens nicht in
dem Augenblike der Entschließung für ein würkliches
Gut hält, oder so sehr von andern Umständen betäubt
und hingerissen wird, daß er verhindert wird an die
Größe seiner Aufopferung zu denken; in diesem
Falle hört seine Handlung auf ein Zug von wahrem
Heldenmuthe zu seyn; denn etwas aufopfern, was
man nicht achtet, ist kein Verdienst.

Die alte Geschichte, besonders die Annalen der
älteren römischen Republik bieten uns eine große An-
zahl von Beyspielen großer, heldenmüthiger Handlungen
dar. Die Namen eines Mucius Scavola,[4] eines
Regulus,[5] Horatius Kokles,[6] der Decier[7] und anderer|<6>
glänzen darinnen vorzüglich. Doch unter allen verdient
gewiß Regulus den meisten Ruhm, und die meiste Be-
wunderung. Edel und heldenmüthig handelten zwar
die Decier und Horatius Kokles, als von patriotischem
Geiste beseelt, jene sich einem gewissen Tod Preis
gaben, um den Sieg auf die Seite ihrer Mitbürger zu
lenken, und dieser der augenscheinlichsten Gefahr trozten um den
Feinden den Eingang in die Stadt zu versperren; aber gewiß
hatte in ihrer That die Hitze des Treffens, die Betäubung in der
sie sich befanden, und dann auch die Vorstellung noch nach ihrem
Tode gerühmt und verehrt zu werden, keinen geringen Antheile.
Was den Mucius betrift, so that er, als er mit meuchel-
mörderischem Dolche bewafnet bis zum Porsenna drang,
nicht mehr, als was noch izt jeder gedungene Spion oder
Meuchelmörder thut; aber er unterschied sich von einem
solchen durch den Bewegungsgrund, den er zu seiner
That hatte, und der bey ihm gewiß wahre, obgleich zu weit
getriebene, und der Rechtschaffenheit zuwiderlaufende Vater-
landsliebe war; denn dieß bewieß er durch die Standhaftigkeit
womit er sein Schiksal erwartete, und durch die Unerschrok
kenheit mit der er seine Hand auf die glühenden Kohlen legte.
Aber nun betrachte man die That des Regulus. Dieser
edle Römer war von den Carthaginensern gefangen genommen,
und auf sein Ehrenwort nach Rom geschickt worden,|<7>
um die Auswechslung der Gefangenen zu bewürken. Sein
Ansehen im Senat war so groß, daß er dieß leicht hätte thun können,
allein er sahe ein, daß es dem Staat nüzlicher seyn würde, wenn die
Gefangenen nicht ausgewechselt würden, und darum rieth er
ganz seinem eigenen Vortheil zuwider, und suchte die Auswechslung
aus allen Kräften zu verhindern. Er wuste, daß bey seiner
Rükkunft nach Carthago ein trauriges Schiksal, vielleicht ein mar-
tervoller Tod ihn erwarte; alle seine Freunde und Verwandte beschworen
ihn, sein gegebenes Wort zu brechen, und nicht wieder zurükzukehren;
aber einer solchen Handlung war der gewissenhafte Regulus nicht
fähig, er verwieß ihnen ihren feigen Rath, tröstete sie durch sein
Beyspiel mehr als durch seine Worte, und so gieng er von ganz
Rom beweint, nach Carthago dem schreckenvollsten Tod ruhig ent-
gegen. Wenn man diese Handlung mit den vorhergehenden
vergleicht, so findet man, daß sie sich schon dadurch sehr von ihnen
auszeichnet, daß jene in der ersten Aufwallung von Muth und
Tapferkeit ausgeführt wurden, dahingegen diese die Frucht einer
unverbrüchlichen Rechtschaffenheit, und das Resultat fester
Grundsätze war; Hiezu kömt noch, daß Regulus gar keine Hof-
nung vor sich sahe, daß diese Verläugnung seiner selbst um der
Rechtschaffenheit willen, ihm grossen Ruhm und Ehre unter seinen
Landsleuten zu Wege bringen würde, um so mehr, da seine Rük-
kehr nicht einmal der Republik vortheilhaft, sondern blos an
sich edel und rühmlich war. Unter den neuern könnte diesem
edlen Römer der gelehrte Pellisson[8] an die Seite gesezt werden, welcher
eine That ausführte, die in ihm beynahe noch mehr Heldenmuth vor-
aussezt, weil er seinen guten Namen, der einem Mann von
Ehre eben so werth, oft noch werther seyn muß als sein Leben,|<8>
aus Anhänglichkeit an seinen Freund aufopferte.

Als Fouquet[9] bey dem er als Sekretär war, in Ungnade f[iel]
und gefangen gesezt wurde, wurde auch Pellisson mit in sein
Unglük verwickelt und in die Bastille gesezt. Lange bekannte
er nichts wider seinen Freund, endlich aber entdekte er, er habe
große Beschuldigungen wider ihn vorzubringen, und verlangte [im]
Verhör auf ihm confrontirt zu werden. Hier warf er ihm die
abscheulichsten Verbrechen vor, und als Fouquet, erstaunt seinen
Freund als seinen Ankläger vor sich zu sehen, diese mit Unwillen
von sich abwehrte, sagte er ihm mit Ton und Mine eines Aufgebrachten
„Sie würden nicht so hartnäckig leugnen, wenn Sie nicht wüsten,
daß ihre verdächtigen Schriften verbrannt sind“. In diesem Worten
erkannte jener sogleich seinen teuren Pellisson, und ein Bl[ick]
sagt ihm dieß. Denn der edle Mann hatte sich blos des-
wegen zum Ankläger seines Freundes aufgeworfen, um Gele-
genheit zu bekommen, ihm zu entdecken, daß er seine verdächtigen
Papiere verbrannt habe. Aber dennoch wurde er von jedem
verachtet, gehaßt und verabscheut, bis seine Unschuld und sein
edler Character ans Licht kamen; und er ertrug dieses mit
derjenigen Gelassenheit und Gemüthsruhe, die ein gutes
Gewissen, und das Bewustseyn unschuldig zu leiden geben.

Ich komme nun auf den dritten Theil meiner Aufgabe,
auf die allgemeinen Menschenliebe. Allgemeine Menschen-
liebe überhaupt ist das Wohlwollen und die Zuneigung eines
Menschen für alle seine Mitmenschen allgemein betrachtet
und der Trieb den er fühlt, ihnen nüzlich zu seyn.
Diese Menschenliebe ist gewiß aus keiner menschlichen Seele|<9>
gänzlich verbannt, sondern findet gewiß in allen statt; nur
kömt es darauf an, ob sie durch Erziehung, Beyspiel und
andre Umstände erstikt, oder unterhalten, genährt und
auf edle Zwecke gerichtet wird. Je größer nun diese wohlwol-
lende Neigung bey einem Menschen ist, und je weniger sie durch
entgegengesetzte Neigungen beschränkt und gehindert wird, desto
mehr wird sie sich auch in seinem Handlungen äußern.
Allein von dieser allgemeinen, uns so zu sagen angebohr-
nen Menschenliebe, unterscheidet sich die seltenere,
aber desto rühmlichere Menschenliebe ungemein, welche den
wahren Menschenfreund characterisirt. Ein Mensch der
blos nach jener handelt, hilft seinem Mitmenschen nur
dann, wenn es ohne seine eigene Unbequemlichkeit ohne
irgend eine Gefahr oder Aufopferung geschehen kann,
hilft ihm blos aus Instict, wenn ich mich so ausdrüken darf.
Ist er aber von dieser beseelt, so scheut er keine Gefahr, noch we-
niger eine Unbequemlichkeit, opfert gern alles, oft sein
Leben auf, wenn es darauf ankömt andern nüzlich zu
seyn, und seine Menschenliebe ist mehr auf Grundsätze
gebaut, als ihm von der Natur eingepflanzt. Auch würde
jemanden, der vermöge einer in seiner Natur liegenden Schwäche
der Seele, und eines leicht zum Mitleiden zu bringenden
Herzens, sich wohltätig und mitleidig bey der Noth seiner
Nebenmenschen bezeugte, dieses nicht als ein Verdienst and-
rechnet werden können, sondern der ist lobenswerth, der
wenn auch in seiner Seele nicht diejenige Schwäche sich
befindet die sogleich zum Mitleiden und zur Wohltätigkeit
hinneigt, durchaus aus einem edlen Gefühl, und durch
Grundsätze der Moral geleitet, edle, menschenfreundliche
Handlungen vollbringt.|<10>

In den Geschichtsbüchern der ältern Zeit finden die Beyspiele von
Menschenliebe nicht so häufig als in den neuern, eine Sache,
welche ohne Zweiffel ihren Grund hauptsächlich darin hat, da
in jenen Zeiten alles mehr auf die rauhen kriegerischen Tugen-
den abzwekte, und dabey die sanftern Gefühle der Menschen-
liebe meist vernachlässigt wurden. Da hingegen, so wie die Kultur
und Verfeinerung der Sitten stieg, auch diese immer mehr unter den
Menschen empor kamen. Folgendes Beyspiel verräth einen Grad
von Menschenliebe, dessen wohl wenige Menschen fähig sind.

In einer der kleinern Städte Deutschlands entstand vor mehreren
Jahren eine Feuersbrunst, wodurch ein beträchtlicher Theil derselben ein-
geäschert worden war, und die Einwohner das Ihrige eingebüßt hatten.
Unter den Abgebrannten befand sich ein sehr Reicher Kaufmann,
welcher auch das Haus und Waarenlager das er in dieser Stadt hatte,
durch den Brand verlohr. So beträchtlich auch dieser Schade war, hätte er ihn
doch leicht wieder ersetzen können, wenn er mit dem ihm noch übrigen
Vermögen eine neue Handlung angefangen hätte, welche ihm, wegen
durch den Brand gehäuften Bedürfnisse sehr viel eingebracht haben würde.
Allein dieß that er nicht, er wandte sein Vermögen zu Aufbauung der
abgebranten Häuser, und zu Unterstützung verarmter Familien
an; sich selbst behielt er nur so viel vor, um einen kleinen
Kaufhandel anfangen zu können, der ihn freylich nicht so be-
reicherte als sein blühender Handel – aber gewiß er war denn
als Krämer reicher, als er es je als Kaufmann gewesen war; denn
welcher Reichthum ist dem Bewußtseyn vorzuziehen Glücklich
gemacht zu haben, und die Gegenstände seiner Menschheit
und Wohlthätigkeit täglich vor Augen zu haben.

Anmerkungen

  1. Kleitos „der Schwarze“, gest. 328 v. Chr., Sohn des Dropidas und Bruder der Amme Alexanders des Großen, Lanike, verlor sein Leben in einem persönlichen Streit mit Alexander, dessen Leben er zuvor in der Schlacht von Granicus 334 v. Chr. gerettet hatte. Die historischen Darstellungen notieren einen Wortwechsel nach der Degradierung von Kleitos, in dem die Protagonisten unter Alkohol-Einfluss agierten. Überliefert ist übereinstimmend, dass Alexander die Ermordung – des Freundes – im Streit später bereute. Plutarch, Alexander, 16 und 50–51.
  2. Kambyses II., geb. um 558 v. Chr., gest. Juli 522 v. Chr., Sohn des Kyros II., regierte als 7. achämenidischer König von 529 bis 522 v. Chr. Die Geschichte der Probe, die er von seiner Kunst als Bogenschütze gab – zielsicher traf er das Herz des Sohnes des Prexaspes, nachdem dieser berichtete, dass die Perser Kambyses für trunksüchtig hielten – erzählt Herodot in den Orientalischen Königsgeschichten, Kapitel 13.
  3. Vergleiche obige Anmerkung zu Kambyses II.
  4. Gemeint ist der sagenumwobene Gaius Mucius Scaevola, der, wie Livius (Ab urbe condita, 2.12.1-13.5) berichtet, die Stadt Rom gerettet haben soll, als sie im Jahre 508 v. Chr. durch den Etruskerkönig Porsenna belagert wurde. Scaevola soll sich in das feindliche Lager geschlichen haben, um Porsenna zu töten. Als er hierbei ergriffen wurde, streckte er vor den Augen Porsennas seine rechte Hand in eine offene Flamme. Die Hand verbrannte, ohne dass Scaevola sich von den Schmerzen beeindrucken ließ. Porsenna war von diesem Beispiel an Standhaftigkeit derart überwältigt, dass er die Belagerung Roms abbrach.
  5. Der römische Konsul und Feldherr des Ersten Punischen Krieges Marcus Atilius Regulus (gest. um 250 v. Chr.), der, nach Cicero und Livius, von der Karthagern gefangengenommen auf Ehrenwort freigelassen wurde, um mit dem Senat zu verhandeln, diesen jedoch aufforderte, den Kampf fortzusetzen. Pflichtgetreu sei er angeblich nach Karthago zurückgekehrt und dort getötet worden.
  6. Horatius Cocles („einäugiger Mann“), sagenumwobener Held aus der Familie der Horatier, der 507 v. Chr alleine die nach Rom führende Brücke über den Tiber gegen die Etrusker verteidigt haben soll. Die Römer rissen, so die Sage, die Brücke hinter seinem Rucken ab. Livius berichtet in Ab urbe condita, 2,10–13, dass es ihm mit voller Rüstung gelang, nach Rom hinüberzuschwimmen. Polybios, Historien, 6,55 berichtet dagegen von seinem Tod im Wasser.
  7. Die drei Mitglieder der Familie Decius, die – Vater, Sohn und Enkel – jeweils den Namen Publius Decius Mus trugen und sich den Berichten nach in Schlachten aufopferten: der erste im Jahr seines Konsulats 340 v. Chr. in der Schlacht am Vesuv. Der zweite, ebenfalls als Konsul, 295 v. Chr. in der Schlacht bei Sentinum, der dritte als Konsul des Jahres 279 v. Chr. selben Jahres in der Schlacht bei Asculum.
  8. Paul Pellisson-Fontanier (geb. 30. Oktober 1624 in Béziers; gest. 7. Februar 1693 in Paris, in den 1650er Jahren eine wichtige Figur im Pariser Literaturbetrieb, gelangte 1657 in den Literaten- und Künstlerkreis um den Finanzminister und Mäzen Nicolas Fouquet. Veröffentlichte, als dieser 1661 unter Korruptionsvorwürfen verhaftet und eingekerkert wurde, einen Discours au roi, par un de ses fidèles sujets sur le procès de M. de Fouquet und eine Seconde défense de M. Fouquet – eine Publikation, die ihm selbst die Inhaftierung in der Bastille einbrachte, aus der er erst 1666 wieder freikam.
  9. Nicolas Fouquet (geb. 27. Januar 1615 in Paris; gest. 23. März 1680 in der Festung von Pinerolo, unter dem jungen Ludwig XIV. Finanzminister, wurde am 5. September 1661 verhaftet und nach fast dreijährigem Prozess gegen prominente Proteste zu lebenslanger Haft verurteilt.