1785-07-26 Magistratsversammlung Gotha

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 15 Dokumente 90, in Kopie 91
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 113 Schwedenkiste, Protokolle der Versammlungen in Syrakus (=Gotha) und eingesandte Berichte aus den Ordensprovinzen, v.a. an Bode, 1770-1786
  • Ordensdatum: 26. Tir 1155
  • Datum: 26.7.1785
  • Vorsitz: Wehmeyer (Cleobulus)
  • Anwesende: Wehmeyer (Cleobulus), Haun (Thomasius), Bohn (Spanheim), Becker (Henricus Stephanus), Ewald (Cassiodor)
  • Bearbeitung: Christian Wirkner

Ablauf

  • Wehmeyer verliest ein Schreiben Rudorffs. Darin empfiehlt er dem Orden ein 14jähriges Genie: Friedrich Leberecht Hederich (späterer Ordensname Baglivi). Die Brüder sollen sich überlegen, wie man es am Besten fördern könne. Um die Fähigkeiten des jungen Friedrich zu beweisen hatte Rudorff zwei Aufsätze des Genies mit eingesandt. Nach Verlesung der Werke sind sich alle einig, dass Rudorffs Schützling richtig denke. Ob er ein Genie sei müsse sich jedoch erst noch zeigen. Um dies zu beurteilen solle Rudorff folgende Fragen beantworten: 1. Wie lange und durch wen wurde Friedrich wissenschaftlich ausgebildet? 2. Arbeitet er schnell und flüchtig oder langsam und mühevoll? 3. Welche Bücher liest er? 4. Ob er sich bei seinen Übungen häufig wiederhole? 5. Arbeitet er bis spät in die Nacht? 5. Ist er umgänglich und drückt sich gepflegt aus? 6. Ob der in den Aufsätzen angeschlagene Ton in seiner Schule üblich sei? 7. Was er in Zukunft werden wolle? 8. Ob er eine starke oder schwache Konstitution habe?

Vorgetragene Beiträge

Transkript


Pr[ä]s[endum]
Cleobulo
Thomasio
Spanheimio
Henr. Stephano
Cassiodoro


In der heutigen Magistrats-Ver-
sammlung, bey welcher der hochwürd-
dige Bruder Cleobulus, wegen Ab-
wesenheit des erleuchteten Superiors
Chrysostomus, den Vorsitz führte,
theilte derselbe den Brüdern ein
Schreiben von unserm Bruder Ali zu
Picenzia, mit, worinn ein
junger Mensch, Namens Friedrich
Lebrecht Hedrich daselbst, 14 Jahr
alt, wegen seiner in diesem Alter
ungewöhnlichen Talente und Ap-
plication empfohlen wird, und
die Brüder ersucht werden, ihm Cau
telen mitzutheilen, wie man dieses
junge Genie vor Überspannung
bewahren könne, ohne jedoch dassel-
be von tieferen Eindringen und
weitern Fortschritt in der Erkennt-
niß zurückzuhalten. Der hochwür-
dige Bruder Ali hatte, zur Beur-
theilung der Fähigkeiten des jun-
gen Menschen zwey Aufsätze von
demselben mitgetheilt, nemlich ei-
ne moralische Abhandlung über die
Faulheit, und eine Hymne in ge-
reimten Versen. Nachdem beyde
Aufsätze verlesen waren, fäll-
ten die Brüder das Urtheil, daß,
obgleich die Abhandlung in dem ge-
wöhnlichen moralischen Lehrton ab-
gefaßt sey und keine neuen Auf-
merksamkeit erregenden Gedanken
und Wendungen enthalte, auch das
Feuer, womit die Abhandlung ange-
fangen worden, bald nachlasse,|<2>
doch die Ordnung im Denken und die
bis auf wenige Stellen, beobachtete
Richtigkeit des Ausdrucks bey Menschen
von einem solchen Alter, etwa un-
gewöhnliches sey. In dem Gedichte zei-
ge sich das Talent, poetische Vorstel-
lung und Anlage zur Dichtkunst,
aber hier und da noch Härten, kein
durchgeführter Plan, sondern nur
einzelne abgerissene Gedanken.

Was die verlangten Cautelen und
praktische Anweisung betreffe, so kön-
ne man aus den vorgelegten Proben
nicht ersehen, ob der junge Mensch mit
großer Anstrengung arbeiten, und
ob er ein wirkliches Genie sey? Die
Brüder wünschten also zuvörderst von
ihrem lieben Mitbruder, in dessen Ein-
sichten und Beurtheilungskraft sie
ein vollkommenes Vertrauen setzen,
folgende Fragen beantwortet zu
sehen.

Wie lange und durch wen der junge
Hedrich wissenschaftlich unterrichtet
worden?

Was er für Bücher lese, und was be-
sonders seine Lieblingslektüre sey?

Ob er sich bey seinen Lektionen
viel präparire und repetire?
Ob er deswegen die Gesellschaften
fliehe, wie er sich in Gesellschaften
und Umgange betrage, ob er den-
selben Ton, worin er schreibe, auch
im Umgange führe?

Ob auf der Schule zu Picenzia|<3>
der in der Abhandlung herrschende
Ton, ebenfalls herrschend sey?

Was der junge Hedrich künftig
zu werden sich vorgesetzt habe?

Ob sein Körper stark oder schwäch-
lich sey?

Cassiodor

Anmerkungen