1785-10-20 Schlichtegroll (Gronovius): Tagebuch einer Reise nach Leipzig

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Kommentar

Aufsatz aus dem größeren Feld der Aufsätze zum Nutzen der Geschichte.


Transcript

Abgelesen in der M[inerval] K[irche][1]

Bruchstück aus einem Tagebuche auf der Reise.

Im Mai, 1785.

Ich kam nun auf die unübersehbar große Fläche bei Lützen,[2] die sich so ohne Hügel und Thal bis
über Leipzig hinaus erstreckt. Der Gedancke an Gustav Adolph u[nd] an seinen bekannten Stein[3]
in der Gegend drang sich mir hier gleich auf. Ich fand einen Stein, ziemlich gut ausgehauen,
worauf A. R. (August Rex) stand, das ich aber für Adolph Rex nahm, u[nd] nun glaubte
Gustavens Stein gefunden zu haben. Voll Ehrfuhrcht sezte ich mich ueber ihn nieder, und
sah nun in die ausgebreitete Ebene hin. Meine Seele versetzte sich in die Zeiten der Vergangen-
heit; u[nd] mahlte dis blutige Schauspiel mit allen Farben aus. Das Andenken an
den Helden stieg in meiner Seele empor u[nd] ich dachte wie ihre alle Züge die seine erhabene Denkungs-
art verrathen, u[nd] ich dachte mir ihn in seinem Muth u[nd] in seiner Größe. Ich sah die zahllosen
Kämpfer auf der Fläche verbreitet, die Furchen der Aecker voll Blut, die Wohnungen des
Landmanns in Flammen auflodernd, hörte den Donner der Gestücke, das Geschrei der Sterben-
den, das Stöhnen der Sterbenden! – Wie ganz anders war die Scene jetzt. Ruhig pflüg-
ten allenthalben gesundene [!] zufriedene Bauern ihr Feld; grüne Saaten wallten,
wo man nur hinsah, u[nd] die Abendsonne warf ein freundliches Licht auf die stillen
glücklichen Dörfer in der Reihe umher, u[nd] auf ihren gothischen Thürmen. Ich sah hier
ein Bild von der unbegreiflichen Weisheit des Ewigen u[nd] seines Schicksaals. Also
mußten erst, dacht’ ich, diese Gegenden mit Menschenblut getränkt werden,
u[nd] die Erde tausende ihrer unschuldigen Kinder hier in ihren Schoos begraben,
also mußte erst hier der Sieger wüten, u[nd] der besiegte sterbende mit banger
Verzweiflung ringen; also mußte erst die Thräne der Mutter u[nd] Gattin fließen,
u[nd] der Schmerz der Braut Fluch auf euch, ihr Felder, herabbeten; ehe hier ruhig
der Landmann sein Feld bauen, u[nd] frölich den Seegen der Erndte einsammlen,
in ungestörten Frieden, ohne Wunde u[nd] Schwere Greis werden, u[nd] im
Zirkel seiner Enkel lebenssatt sterben konnte! Also mußte erst hier
einer der größten Könige sein Heldenleben ausbluten u[nd] im Lauf
seiner erhabenen Thaten niedersinken, ehe es uns vergönnt war frey
zu glauben, wovon uns Vernunft u[nd] Nachdenken überzeugten, frei
unseren O [?] anzubeten, das Licht der Wahrheit zu entschleiern, u[nd] zu ihr, der|<2>
großen Göttin, nur näher hinauf zu streben; ehe die Menschheit ihre vollen Rechte wieder
erlangte, die Fürsten [nicht] mehr Sklaven der Päbste waren u[nd] die heilige sanfte Religion.
– So geht alles hier unten seinen gemeßenen Gang, unter dem Willen des weisen
Aeters, der die Welten regiert. Hadere daher nicht mit ihm, Kurzsichtigerm wenns
eben vor deinen Augen dämmert, wenn dein Ohr eben nichts als Misklang hört.
Was jetzt Unglück scheint, wird Glück für die Nachwelt. Der Tod jener Männer
war Whlthat für künftige Jahrhunderte, für uns u[nd] unsere Kinder; das Wimmern
der Sterbenden unsere das fürchterliche toben der Sieger paßte als nothwendiger, wohl-
klingender Akkord in die große erhabene Harmonie menschlicher Schicksale.
Aber denke mit Ehrfurcht denke an sie, jene Märtyrer der Weisheit des Ewigen; daß du
das bist; was du bist, ist ihr Werk. Eure Seelen, gestorbene Helden Verschwender
eures edlen Lebens, schweben um mich, u[nd] wie Heroen ehre ich Enkel eu-
er Andenken. Denkmale habt ihr nicht; aber das ungeheure Feld, ausge-
breitet wie die Meeresfläche, das eure Gebeine dekt, u[nd] die Aufklärung des
18. Jahrhundert, u[nd] Friedrich u[nd] Joseph sind eure Denkmale, die auch die spä-
tere Nachwelt noch kennen, in ihren euch noch verehren wird! – –

– In Lützen erfuhr ich, daß der Stein, der meine Empfindungen so weckte,
nur ein Meilenstein war, u[nd] daß der, wo Gustav wirklich fiel, erst auf
dem Verfolg meines Wegs komme. Man wollte mich bis zu dem Stein begleiten
aber ich verbat es; denn den kennst du ja wohl nun nicht verfehlen; dachte ich.
Ich gieng u[nd] mein aufmerksames Auge suchte weit umher, u[nd] fand sich nie
befriedigt. Immer fort forschte ich nach dem Stein des erhabenen Königs, suchte
rechts u[nd] links, gieng zu jeden Gränzstein, u[nd] suchte! ich war sein Denkmal
vorübergegangen, ohne es zu erkennen. Denkmal nenn ich’s? Das heißt
kein Denkmal was ein aufmerksamer, suchender übersehen kann.
Unmuth erfüllte mich. Also sollte ich deiner nicht denken, Halbgott, an dem
Orte, wo du starbst, wo du, fremder König, für die gute Sache, für deutsche
Freiheit, für unsere Aufklärung stabst? sollte dir der du, auf deinem|<3>
Todenaltar, u[nd] die Gesinnungen eines für große Thaten fühlenden, dankbaren
Herzens [nicht] opfern? – Im Jahr 1732 hat man eine Menge großer steinerner
Pyramiden zu Meilenzeigern an den Weg hergesezt; und deinen Hügel ehrte man
[nicht] mit einem Stein, der den Wanderer sagte: Hier fiel der Vater unseres jezigen
Wohls. In der Gegend liegen viele große Granite am Weg; warum nahm
man nicht einige u[nd] baute auf dem Ort ein Mahl auf, wo dein Blut zuerst
herunter tröpfte? Oder warum trug [nicht] jeder Vorüberreisende, der deinen Werth
fühlte, ein Steinchen bey, u[nd] du hättest jetzt einen großen Steinberg, zum Mau-
soleum? – Wollen wir warten, deutsche Brüder, Sachsen, bis der fremde Schwede
kömt, u[nd] seinen König, der für uns starb auf unserm Boden ein Denkmal sezt?
Hat keiner von den Mächtigen und Reichen, die den Weg kamen, eben so gedacht wie ich, u[nd]
gethan, was icj nur wünschen kann? O warum gab mir der Himmel [nicht] Gold, nur ##
ich lies einen großen Marmorblock herwälzen, einfach u[nd] gros, wie der Held
selbst war, u[nd] nur darauf geschrieben: Hier fiel Gustav Adolph, der Vater unserer Freiheit.

– – So dacht’ ich damals, als icj die Straße zog. Nachher habe ich erfahren, daß
meine Vermuthung, ob andere [nicht] eben das gewünscht u[nd] zu bewerkstelligen gesucht
hätten, gegründet war. Der Fürst von Deßau[4] erzählte man mir, wollte ihm
hier ein Denkmal setzen laßen; aber der Beichtvater am katholischen Hofe Chur-
sächsischen Hof verhinderte es; daß man das Andenken eines nicht katholischen Für-
sten, eines Verfechters der gesunden Vernunft u[nd] der beßten Religion, in
eine, protestantischen Lande, deßen Erretter er war, mit einem Denkmal
ehrte. Der arme blinde Mann! Er meinte also, Religion geböte es, die Gefühle
der Dankbarkeit zu unterdrücken wenn der Mann gegen den wie sie fühlen
eine andere Morgenseegen gebetet [darübergeschrieben: Glaubensformel geerbt] habe, als wir. Religion, die du die edel-
sten Gesinnungen des Menschen alle erzeugst, u[nd] mütterlich ernährst, leider ist
es [nicht] das erstemal. Wo man deinen sanften Nahmen misbraucht, um die un-
eigennützigste Tugend in ihrer Thätigkeit zu hemmen! Hier kostet es dem
Menschenverstand Mühe, sich zu halten, und die Verblendeten Schwachsinnigen
die dich so misbrauchen nicht auch mit einem Anathema[5] zu belegen, mit dem|<4>
sie sich so fertig gegen andere zu waffnen wißen. Aber der gute Fürst, den die
Vorsehung bestimt zu haben scheint, in so mancherley Rücksichten eine Leuchte zu seyn, sei-
nem Zeitalter, lies der Bigotterie ihren Triumph [nicht] ganz. Auf dem Weg von Deßau
nach Wörlitz baut Franz jetzt ein Lusthaus, das dem Andenken Gustav Adolphs
gewidmet ist. Ueber der Thüre ist eine große Platte. Auf der man den edlen
Schweden zu Pferde im Basrelief sieht. Mit Segenswünschen für den Er-
bauer diesen schönen Denkmals geht man nun in den Paradiesen umher, die er gepflanzt
hat, u[nd] freut sich des Fürsten, deßen Seele den Werth der Tugend, der Aufopferung
u[nd] großer Thaten so tief zu fühlen scheint, u[nd] dem die Pflichten einer dankbaren
Liebe so fähig sind! –

– – Ich habe es gewagt, w[erthe] B[rüder] hier einen Theil meiner Empfindungen
vorzulegen, wie sie durch das Studium der Geschichte in mir erweckt wurden.
Vielleicht erhält es ihren Beifall. Geschichte der Menschen und Völker immer mit
solchen Anwendungen u[nd] Rücksichten zu studieren. Was gewinnt der menschliche
Verstand u[nd] das Herz dabei; wenn man auch gleich die Begebenheiten aller
weltalter weis, u[nd] die [nicht] auf Moral u[nd] Beförderung der Tugend zurückführt
wenn man dadurch den Zweck des Daseyns [nicht] näher kömt? Das muß der
Centralpunkt seyn, in dem alle erdenkliche Kenntniße als radici zusammen-
fließen; wenn aber erst dieses große, freundschaftliche Band aller Wis-
senschaften getrennt wird, dann stirbt jede einzelne zur elenden Wuth [?]
eines Gedächtnisvorrathes [Alternativ über der zweiten Worthälfte: werks] herunter, u[nd] verdient kaum noch Achtung,
Aber wenn du, Jüngling die Geschichte erlernest, um aus den Beispielen
einzelner Männer weiser u[nd] beßer zu werden, durch Betrachtung der
Schicksaale ganzer Nationan aber mit hellerem Aug in den weisen Plan
des Unendlichen zu sehen, u[nd] mit den Wegen, die er das Menschengeschlecht
führt, bekanter zu werden, dann hast du den rechten Gesichtspunkt gewählt
die Muse der Geschichte wird dir dann Lehrerin der Weisheit u[nd] Klugheit,
deine Führerin zum Tempel aller Tugenden werden.

G[ronovius]

Anmerkungen

  1. Vorgetragen am 20. Oktober 1785, siehe Protokoll
  2. Siehe den Wikipedia-Artikel Schlacht bei Lützen
  3. Siehe den Wikipedia-Artikel Gustav-Adolf-Denkmal (Lützen)
  4. Siehe den Wikipedia-Artikel zu Leopold III. Friedrich Franz (Anhalt-Dessau)
  5. Siehe den Wikipedia-Artikel Anathema