1785-11-29 Wahl (Castellio): QL Klage über fahrlässige Betreuung von Gebärenden am Ort

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 14, Dokument SK14-084
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 112 Schwedenkiste, Reden und Gedichte, 1775-1787
  • Titel: ohne Titel
  • Autor: Johann Georg Anton Wahl (Castellio)
  • Datierung: Buttstädt, 29. November 1785, in der Chronologie der überlieferten Quibus Licet offenbar das erste.
  • Erschließung: Olaf Simons
  • JPG: 6016-6019

Kommentar

Interessant in der Mischung aus persönlichem Erleben und Ereignis, das Folgerungen zu ziehen verlangt.

Transkript

Es ist beßer, daß ein Mensch oder mehrere – daß eine arme
Mutter mit dem geliebtesten Sprößling ihres Herzens jämmerlich
sterben, als daß bey guter Witterung, bey hellen Mondschein und
auf einen nur mit einigen Schnee bedeckten Wege, ein
Pferd seinen Hals brechen – könne. Eine Denkungsart die
den Philosoph und Christ nicht ohne Schauer denckt, und viel-
leicht so mancher der keines von beyden ist der blose Natur-
mensch darum für unmöglich halten wird, weil er einmal
gehöret, daß das Jahrhundert in dem er lebt, das so gar helle
und aufgeklärte und mithin in Absicht auf Menschheit
das vorzüglichste sey.

Eine Denckungsart die leider auch unter meinen Mitmen-
schen einmal (und ich will wünschen niemals wieder) herrschte
und eine der schwärzesten, für mich niederdrückendsten Thaten
bewirckte.

Ich wurde vor nun bald zwey Jahren, Abends gegen 7 Uhr zu einem
Weibe eines armen Tischlers gerufen, von der man mir
sagte: daß sie schon lange in der Angst des Gebährens liege
und unrettbar sterben werde und müsse. –

Ich kam und that, was ich unter den traurigen Mitgefühl des
Elendes einer für mehrerer unerzogene Kinder; goß durch Gebeth
und Vergegenwärtigung einer sie erwartenden beßeren Welt
so viel Licht und Labung in ihr Herz, daß sie ruhiger
wurde: unterlies aber auch nicht von der Stubenthühr|<2>
mich genau zu erkundigen, von welcher Zeit an dieses Weib
im Gebähren begriffen sey; und bekam zur Antwort: seit
gestern Nachmittag mithin über 34 Stunden. Ich verwies
hierauf sehr empfindlich den zuerst gerufenen Amme ihre
Verwahrlosungs nicht die ihr ohne Zweifel aus Stolz; daß sie
vierzehnt Tage in Jena studiret hatte, nicht erlaubte den glau-
ben daß etwas hie nicht möglich machen könne, auch kein ande-
rer Mensch auf Erden im Stande sey; ohnerachtet diese Weiber
den Befehl haben in mislichen Fällen als bald noch den Heb-
ammenmeister an welchen sie gewiesen sind, schicken zu laßen.

Ich forderte so gleich den Mann der Leidenden, der nach vieler Mühe, und
nach dem ich ihm dazu einiges geld gegeben, gleichwohl keinen Bothen
nach Weimar[1] deswegen bekommen konnte, weil die, welche er
deshalb angesprochen hatte, ihn vielleicht zur Bezahlung des Wegs
für zu arm hielten, zur Obrigkeit, und blieb bis zur Antwort
im Hause.

Wir bekamen die erfreuliche Antwort, daß ein Mann sogleich ein
Schlitten nach W[eimar] zu fahren beordert sey. – Nun war ich froh
da ich schon einige Rettungen solcher Personen und ihrer Kinder
durch den Herrn Herold erlebt habe. Allein kaum war ich
nach Hause; so hatte der bestellte Mann, ich weis nicht durch
was, Mittel gefunden sein Versprechen nicht zu halten. Der
Mann des unglücklichen Weibes kam selbst und gab mir unter
Thränen diese Nachricht.

Ich eilte sogleich zum amthierenden Vorsteher der Bürgerschaft
und bath was ich konnte, Nachdruck in seinen Befehlen
zu gebrauchen, um wo möglich Das Leben von zwey Menschen
zu retten. Er that alles; schikte sogleich seinen Diener an|<3>
eine Anzahl Inwohner, die zusammen viele Pferde gesund und wohl
behalten, und für sich in dieser Nacht und kommenden Morgen, ganz
unbrauchbar, herzugeben hatten, mit der Versprechung einer
mehr als gewöhnlichen Belohnung aus dem Stadtaerario [?], wenn
sie nur eines davon zum Wege nach W[eimar] abgeben würden. Aber –
umsonst! Des einen gesunde Pferde waren kranck – die des andern
waren nicht zu Hause, und warens gewiß; auch andere waren
schon für Morgen gemiethet, und gewis schwerlich; der Knecht des
einen war angeblich auch der Bierbanck und speißt wohl eben
iezt in seines Herren Hause das Abendbrodt, und die mehresten
ungnädigen Herren hatten lose Wecke, oder die ihrigen wandten
vor daß dieselben vereist am Sorgestuhl entschlummert wären
und schwer zu ermuntern wären; aber alle glaubten sie gewiß es
müste ein Pferd von ihren Schaden leiden, oder wenigstens
den Schnupfen bekommen; denn mehr war nach meiner
Ueberzeugung nicht möglich.

Welch schreckliche Gefühle ich unter solchen Umständen damals empfand, mag
ich auch meinem Hartherzigern, als ich seyn mag, nicht wünschen!

Endlich nach Verlauf einiger Stunden, fand sich ein Anverwandter
der beym Tagelohn seiner Drescherarbeit nichts von dem allenge-
hört hatte, und gieng gutmüthig in einem für ihn weit un-
gebähnteren und gefährlichen Schnee als er den Pfernden der
andern seyn konnte, den verlangten Weg.

Herr H[erorld] kam schnell genug früh gegen 5 Uhr (im geringsten aber waren
doch 90 Stunden verflossen) aber eine halbe Stunde vorher, war die
erwähnte Unglückliche, mit ihrem Kinde gestorben, da vielleicht
mit diesem Kinde und seinen künftigen Generationen, wer weiß
wie mancher würdige Mann hervorgetreten wäre, der den Nachkommen
derer, die durch ein Pferd dem Armen nicht den Mann schaffen
wollten, den ihm zum Daseyn hälfe, beglückt hätte.

Anmerkungen

  1. Die Distanz zwischen Buttstädt und Weimar liegt bei etwa 22 km Wegstrecke.