1786-01-24 Geißler (Cicero): Worinne oder wodurch ist Klugheit von Verschwiegenheit unterschieden?

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Kommentar

Vorgetragen in der Gothaer Minerval-Kirche am 24 Januar 1786

Eine Standardfrage der politischen Klugheit aus dem 17. Jahrhundert, verhandelt dort von Balthasar Gracian bis zu Christian Thomasius, geht hier als gestellte Aufgabe an Georg Geißler, der Ende 1786 eine ähnlich gelagerte Frage um Diskretion noch selbst stellen wird – und mit einer kritischen Reflexion von Ordensgehorsam beantworten wird.

Der Standard der Klugheitsdebatte des 17. Jahrhunderts ist das Lob auf die Verschwiegenheit. Wer Pläne hat muss sie verschwiegen handhaben, da er ansonsten seinen Feinden die Chance gibt, sie zu durchkreuzen. Gracian gestaltete den strategischen Grundgedanken zu einer wahren Ästhetik des Geheimnisses und der Verschwiegenheit aus. Wer bei Hofe wie ein offenes Buch agiere, der gewinne keine Achtung. Wer dagegen sich auch nur mit der Aura des Geheimnisses und der Verschwiegenheit umgebe, der erwecke den Eindruck große Pläne zu verfolgen und dabei verlässlich zu sein.

Mit der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts wurde das Thema dem politischen Bereich überantwortet. Die großen Helden der Empfindsamkeit sehen sich außer Stande Menschen mit geheimen Plänen zu betrügen. Sie vertrauen sich anderen an – und werden im selben Moment zu Helden einer neuen Privat- und Intimsphäre.

Hier nun, im Geheimorden, der sich dem Guten verschreibt, liegt der Kontext anders. Die Mitglieder sehen sich zu Verschwiegenheit verpflichtet.

Heftiger noch als die Verschwiegenheit wird im 17. Jahrhundert die Klugheit diskutiert – als wertvolle Eigenschaft in einer Randzone zum moralfreien Verhalten. Komplex verliefen im selben Moment die Unterordnungen unter die Moral. Thomasius verpflichtete sie auf das Kalkül des langfristigen Glücks und konnte im selben Moment beteuern, dass der Christ (der auf die ewige Seligkeit rechnet) mit dem langfristigsten Kalkül agierend auch am sichersten darin gehe, die Klugheit moralisch zu handhaben.

Geißlers Exposition ist unmittelbar moralisch: Es müsse bei der Differenzierung darum gehen, den Wert beider Eigenschaften zu bestimmen und sie über eine Differenzierung dieses moralischen Wertes voneinander zu trennen.

Die Definition von Klugheit fällt knapp aus „daß der kluge Mann immer zweckmäßig handelt“ – sie ist im selben Moment noch moralfreier als die von Thomasius ein Jahrhundert zuvor in Anschlag gebrachte, immerhin noch an das Glück gebundene.

Das Kluge handeln, und hiermit kommen Machtstrukturen ins Spiel könne nicht erzwungen werden – im Gegenteil: Zwang erzeuge Furcht und Furcht schränke einen im Handeln ein. Heiteren Gemüts sei es am leichtesten klug zu handeln.

Klugheit bedürfe allerdings der Verschwiegenheit. Dieser wiederum wird relativ weit unten in der Werteskala angesiedelt. Zur Verschwiegenheit kann man gezwungen werden, sie setzt kleine Klugheit voraus, nur Entschlossenheit dem Gebot zu folgen. Klugheit ist tätig, Verschwiegenheit dagegen untätig und unproduktiv – das Nicht-reden ist letztlich ein Nicht-handeln.

Die Verschwiegenheit kann an dieser Stelle der Klugheit untergeordnet werden:

    Der wahrhaft kluge Mann wird also immer auch verschwiegen seyn, wo er es seyn soll,|<5192> und seine Verschwiegenheit wird umso viel mehr innern Werth haben, da sie sich nicht blos auf ein oft dunkles, verworrenes oder wohl gar abergläubisches Gefühl von Pflicht gründet, sondern auf die deutliche Überzeugung, daß Verhältniße und Umstände Verschwiegenheit nothwendig machen.

Klar ist auf der anderen Seite dass es Verschwiegenheit außerhalb der Klugheit gibt. Und dass die Klugheit ihrerseits der Verschwiegenheit dienlich ist – wer klug ist, ist auf andere, klügere Weise verschwiegen.

Der Aufsatz endet wie ein Schulaufsatz enden würde – mit der Bekundung des Verfassers, er habe damit gesagt, was ihm einfalle. Die Formulierung thematisiert nebenbei, dass hier eine Frage vorgelegt und eine (unangenehme) Verpflichtung abgearbeitet wird:

    Dieses ist es alles, was ich zu Beantwortung der vorgelegten Frage zu sagen weiß.

Spannende Fragen sind außen vorgelassen: die des Missbrauchs – in der Frage der Grenzen der Klugheit, wie in der Frage der Grenzen der Verschwiegenheit.

Die Bezugnahme auf Logen und andere Geheimbünde ließ mehr an dieser Stelle erwarten.

Transkript


Worin oder wodurch
ist Klugheit von Verschwiegenheit unterschieden?

Wenn es darauf ankommt, den Werth zu bestimmen, den dergleichen Dinge
gegen einander haben, so ist dazu unstreitig kein beßeres Mittel, als ihre
Verschiedenheit überhaupt auseinanderzusetzen, weil es sich bey einer
solchen Auseinandersetzung meistens sehr leicht und sicher ergibt,
in wieferne dasjenige, worinne sie von einander verschieden sind,
ihren gegenseitigen Werth vermehrt oder vermindert. Von
dieser Seite betrachtet, scheint mir die vorgelegte Frage: Worinne
oder wodurch ist Klugheit von Verschwiegenheit unterschieden? sehr
interessant zu seyn, denn ihre Untersuchung führt sehr natürlich
auch eine genaue Bestimmung des verhältnißmäßigen Werthes
beyder Eigenschafften; ein Resultat das jedem richtig seyn muß,
der sich in Logen und Verbindungen befindet, in welchen man Ver-
schwiegenheit und Klugheit von ihm erwartet. Deswegen darf ich
wohl auch Verzeihung hoffen, wenn ich bey Aufsuchung der Unter-
schiede jener Eigenschafften, auf diese so naheliegende, und so interessante|<2>
Bestimmung ihres gegenseitigen Werthes, mehr Rücksicht nehme, als
die Beantwortung der vorgelegten Frage an und für sich erfordern
würde.

Der erste und auffallendste Unterschied der beyden oft genann-
ten Eigenschafften, ist unstreitig der, daß Klugheit nie erzwungen
werden kann, wohl aber die Verschwiegenheit. Ohne mich hier
auf eine förmliche Erklärung der Klugheit einzulaßen, darf ich
mir aus dem Begriffe, den man sich im gemeinen Leben von dieser
Tugend macht, voraussetzen, daß der kluge Mann immer zweckmäßig
handelt. Ist dieses unleugbar, so fällt es von selbst in die
Augen, daß Klugheit nie erzwungen werden kann, auch nicht
durch Furcht. Wer seine Handlungen zweckmäßig einrichten
soll, deßen Verstand muß heiter und ungestört wirksam seyn,
um den vorgesetzten Zweck immer gegenwärtig zu behalten, und
das Verhältniß seiner Handlungen zu demselben, richtig beurthei-
len zu können. Ein solcher Zustand ist aber mit der Furcht
so wenig als mit irgend einer andern heftigen Gemüthsbewegung|<3>
vereinbar. Furcht also anstatt die Klugheit zu befördern oder
gar zu erzwingen, würde nur dazu dienen sie zu verhindern und zu
stören. Mit der Verschwiegenheit verhält es sich ganz anders.
Sie zu beachten ist weder tiefe Einsicht, noch aufmerksame Über-
legung nöthig, sondern blos die feste Überzeugung, oder das un-
widerstehliche Gefühl, daß sie ausgeübt werden muß. Deswegen
kann sie nicht nur unbedingt anbefohlen, sondern auch durch Furcht
vor Ahndung, durch Furcht vor den Strafen des Meineids, erzwungen
werden, in welchem Falle sie aber offenbar mit ihrer Freywilligkeit
auch den Nahmen und den Werth einer Tugend verliert.

Doch auch alsdenn, wenn Verschwiegenheit freywillig und wirkliche
Tugend ist, bleibt sie noch sehr von der Klugheit verschieden. Der
freywilligen Verschwiegenheit ist offenbar jeder fähig, der nur im
Stande ist, einen festgefaßten Vorsatz auszuführen, ohne durch
Furcht und Zwang dazu angehalten zu seyn. Zur Klugheit ist
dieses bey weitem nicht hinreichend. Wer in irgend einer Lage
mit Klugheit handeln soll, muß nothwendig diese Lage, die Menschen|<4>
und Umstände die darauf Einfluß haben, kennen, seine Einbil-
dungskraft muß vermögend seyn ihm alles dieses getreu und lebhaft
darzustellen; sein Verstand muß gesund, heiter und geübt seyn,
um schnell und richtig darüber urtheilen, und zweckmäßig Entschlüsse
Fassen zu können. Alles dieses sind Eigenschaften, die zu Beobach-
tung der Verschwiegenheit keinesweges nothwendig sind, die aber den
Vorzug der Klugheit vor ihr, unstreitig erhöhen, wenn es unleugbar
ist, daß eine Tugend um so mehr geschätzt zu werden verdient, je
mehr anre gute Eigenschaften sie bey dem voraussetzt, der sie be-
sitzt.

Ein andrer und nicht minder wichtiger Unterschied der Klugheit
von der Verschwiegenheit, auch da wo sie Tugend ist, liegt in der Art
wie beyde Eigenschaften sich äusern. Offenbar ist bloße Ver-
schwiegenheit immer untätig, Klugheit meistens thätig. Bloße
Verschwiegenheit verhütet nur den Schaden, den ihre Vernachläßigung
nach sich ziehen könnte, aber sie stiftet nichts gutes. Sie kann
sich nur durch Unterlaßung und Zurückhaltung äusern; Klugheit|<5>
äusert sich zwar auch zuweilen auf diese Art, aber doch öfterer
durch äusere Thätigkeit, und wirkliche Handlungen. Dieser
unterschied scheint mir so einleuchtend, und das Übergewicht wel-
ches er dem Werthe der Klugheit, über den Werth der Verschwie
genheit giebt, so unverkennbar zu seyn, daß ich nicht nöthig zu
haben glaube, mich länger dabey aufzuhalten.

Noch ist ein Unterschied der Klugheit und der Verschwiegenheit
zu erörtern übrig, der aber um desto wichtiger ist, da er es außer
Zweifel setzt, daß alles was der Verschwiegenheit Wichtigkeit und
Werth giebt, auch der wahren Klugheit zukömmt, weil sie nie ohne
Verschwiegenheit seyn kann, wohl aber die Verschwiegenheit ohne Klug-
heit. Dieses ist, wie mir deucht, vollkommen klar, denn
delbst nach den Urtheilen des gemeinen Lebens, ist es in jedem
Falle äuserst unklug nicht zu schweigen, wenn die Umstände,
und also auch, wenn förmliche Verpflichtungen, da wo sie Statt
finden, Stillschweigen fordern. Der wahrhaft kluge Mann
wird also immer auch verschwiegen seyn, wo er es seyn soll,|<6>
und seine Verschwiegenheit wird umso viel mehr innern Werth
haben, da sie sich nicht blos auf ein oft dunkles, verworrenes
oder wohl gar abergläubisches Gefühl von Pflicht gründet, sondern
auf die deutliche Überzeugung, daß Verhältniße und Umstände
Verschwiegenheit nothwendig machen. Auf der andern Seite
hingegen, ist es wohl ebenfalls außer Zweifel, daß man
vollkommen verschwiegen seyn kann, ohne übrigens auf Klug-
heit Anspruch machen zu dürfen. Denn ungeachtet
es unleugbar ist, daß Klugheit die Ausübung der Verschwiegenheit in sehr
vielen Fällen ungemein erleichtern, und besonders oft vor
der Verlegenheit die Rolle eines Geheimnißvollen öffentlich spie-
len zu müssen , verwahren kann, so ist es doch eben deswegen,
weil Verschwiegenheit sich unbedingt befehlen, ja sogar erzwingen
läßt, und weil zu ihrer Beobachtung der erste Vorsatz hinrei-
chend ist, ganz außer Zweifel, daß sie ohne Klugheit, die sich
weder mit unbedingten Befehle noch mit Zwang veträgt, und zu
deren Ausübung der bloße Vorsatz nie hinreichend ist, bestehen|<7>
kann welches auch die Erfahrung in sehr vielen Fällen bestätigt.

Dieses ist es alles, was ich zu Beantwortung der vorge-
legten Frage zu sagen weiß.

Anmerkungen