1786-04-16 Gadow (St. Evremont): Etwas über Geschichte und ins Besondere über Geschichte der Aufklärung

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Kommentar

Der Aufsatz geht im – zu erwartenden – Topos des Bildungswissens von Ciceros Lob der Historie als „testis temporum, lux veritatis, vita memoriae, magistra vitae, nuntia vetustatis“ aus.

Alle empirische Wissenschaft, jedoch selbst die abstrakten benötigten die Geschichte, was man daran erkenne, dass ein Kant erst in der Gegenwart das jetzige zu philosophieren im Stande sei.

Die Geschichte der Aufklärung müsse wiederum unter den Geschichtsstudien einen zentralen Stellenwert gewinnen.

Eine lange Passage die sich in Lichtmetaphorik ergeht, leitet in das Thema ein – als eine Rezeptionsanweisung, welche Gefühle wir bei Erwägen der Aufklärung in uns suchen sollten.

Unter der Ausgestaltung des emotionalisierenden Bildes finden genauere Aussagen zur Aufklärung nicht mehr statt. In ferner Zukunft werden aufgeklärte Menschen über unseren vermoderten Gebeinen wandeln, so die eher barocke Metaphorik in die sich Vanitas Emblematik des 17. Jahrhunderts von schönen doch zerplatzenden Seifenblasen mischt.

Die zentrale Frage ist, ob sich eine Fortschrittsthese in Anbetracht der Geschichte wirklich rechtfertigen lässt. Das gegenüber der Antike moderne Griechenland als rückständiges Land bietet hier ein negatives Beispiel, das zweite bietet die größere Kultur des Westens, die im Mittelalter in „selbst verschuldete Rohheit“ versank – hier findet die Lichtmetaphorik ihren finsteren Gegenpol.

Der Fortschritt siegt, so die These gegenüber den Bildern des Abstiegs in der größeren Perspektive.

Gedeckt ist das zum einen ganz offen angesprochen durch die Theodizee. Gottes Plan wirkt noch immer in der Geschichte. („Und wollten wir daraus den Schluß ziehen, daß diß alles nicht zum allgemeinen Wohl gereiche, daß der Plan der ganzen Schöpfung nicht der beste sey? Gewis, dieß thun wir.“ Verbunden ist das andererseits mit der alten These der Kette oder Stufenleiter der Lebewesen, der chain of beeings, die hier von der statischen Positionierung der verschiedenen Lebewesen zu einer flexiblen Option vom fortlaufenden Aufstieg, den wir selbst auf dieser Stufenleiter zu leisten haben fortentwickelt ist:

Der Aufsatz fällt in den Bereich der Aufsätze zur Aufklärung wie in den Bereich derer zur Geschichte.

Transkript

Etwas über Geschichte
und ins Besondere über Geschichte
der Aufklärung



Wenn Cicero die Geschichte die Zeugin des
Alterthums, das Licht der Zeiten, die Lehrerin
des Lebens nennt,[1] so ist dieß die würdigste
und erhabenste, aber auch die treuste und
ungeschminkteste Lobrede, welche dieser Wissen-
schaft konnte gehalten werden. Wenn wir
an ihrer Hand die unermeßlichen Gefilde
der Vergangenheit durchwandeln, und mit
aufmerksamen Ohren auf die Zeugniße horchen,
die sie uns von dem Veränderungen unseres
Erdballs, von den Schicksalen der Menschen
die ihn vor uns bewohnten, ablegt, so sehen wir
nicht nur die unabsehbare Kette der Begeben-
heiten, so weit unsere durch sie schon geschärften Blicke
zu sehen dringen vermögen, aufgedeckt, und durch
das Licht, das sie über dieselbe ergießt, hell
und deutlich vor uns; sehen nicht nur aufs
genaueste den Zusammenhang und die Verbindung
aller Glieder in dieser Kette, bis auf das
Glied, womit Vergangenheit an Gegenwart
geknüpft ist; sondern auch auf diese noch fällt
der Schimmer ihres Lichtes zurük, und sie wird
im eigentlichsten Verstande die Leh-|<2>
rerinn unseres Lebens. Die Erfahrun-
gen so vieler Jahrtausende werden unsere
Erfahrungen, und wir haben eben den
Nutzen, als ob wir zu allen diesen Zeiten
gelebt hätten.

In dem ganzen Felde der Wissenschaften,
das dem menschlichen Verstande zu be-
arbeiten gegeben ist, wird man, glaube
ich, auch nicht eine finden, die nicht ent-
weder ganz auf Erfahrung beruhte, oder
doch wenigstens unmerklich von ihr unterstützt
würde; ja, ich bin kühn genug, die Vermu-
thung zu wagen, daß auch die abstraktesten
Wahrheiten der Metaphysik hievon nicht aus-
genommen sind, und daß wir ohne Erfahrung,
die hier wenigstens mittelbar einwürkt, nie
so weit in diesem Theile der Philosophie
gekommen wären, als es ein Kant
und ein Mendelsohn in unsern Tagen
gebracht haben, wenn gleich der eigentliche
Grundstein, auf den solche Spekulationen
gebaut werden mußten, nicht aus empiri-
schen Grundsätzen bestehen konnte. Nicht ganz
unkräftig scheint mir diese Vermuthung durch
die Erfahrung bestätigt zu werden, daß bey
einzelnen Menschen so wohl, als bey gan-
zen Nationen, immer erst Erfahrungen voran-
gehen müßen, ehe sich der Geist zu Spe-|<3>
culationen erhebt – Wäre diß nicht, so
könnte ein neugebohrnes Kind von der Natur
der nothwendigen Substanz philosophiren an-
fangen, und unter den Hottentotten könnten
Metaphysiker aufstehen. Wenn also nur Er-
fahrungen uns nicht nur fürs praktische Leben
so nöthig, nicht nur zur Menschenkenntniß so un-
entbehrlich sind, sondern uns auch da, wo wir
ihrer am wenigsten zu bedürfen scheinen, wohl-
thätig und nützlich werden, und auf alle menschliche
Dinge überhaupt den heilsamsten Einfluß
äußern; so muß nothwendig eine Wissen-
schaft, welche uns mit den Erfahrungen
der Vorwelt bekannt macht, welche die unsrigen
so sehr vermehrt und vervielfältigt, und uns
alte erst recht nützen und gebrauchen lehrt; so
muß die Geschichte, als die Mutter unserer
übrigen Kenntnisse, und als eine wahre
Lehrerinn unseres Lebens, für uns der erste
und wünschenswertheste Theil alles mensch-
lichen Wissens seyn.

Die Geschichte selbst, und der Nutzen den
ihr Studium gewährt, ist so verschieden und
mannigfaltig, als die Gesichtspuncte aus denen
man sie betrachtet, und die Absichten, warum
man in ihr Heiligthum eingeht.

Sie gleicht einer wohltätigen Quelle, welche
ihr erfrischendes Wasser eben so willig darbietet,|<4>
um den Durst des ermüdeten Landman-
nes zu stillen, als um seine ausgedörrten
Wiesen zu wässern. Anders nützet
sie dem Staatsmanne, der aus ihr sich Regeln
für die beste Verwaltung des Staats zieht,
anders dem Weltweisen der mit prüfendem
Blicke in ihr die Gedanken und Meinun-
gen seiner Vorgänger von dem fernsten
Alterthum an durchgeht, und dieselben theils
als Irrthümer verwirft, theils als Wahrheiten
aufnimt, um auf diesen Grundstein ein
festes und vollkommenes Gebäude aufzuführen,
andern nützet sie anders, aber allen nützet sie,
und keiner ihrer Schüler wird gewis je un-
befriedigt aus ihrem Tempel herausgehen,
was für Schätze er auch in demselben gesucht
haben mochte.

Zu den wichtigsten und interessantesten
Theilen der Geschichte gehört unstreitig die Geschichte
der Aufklärung des menschlichen Geschlechts;
ja, sie ist wichtiger und interessanter als
alle übrigen, wenn es wahr ist, daß der
höchste Grad der Aufklärung die erste erhabenste Stuffe
der Vollkommenheit, und diese die höchste
Staffel der Glükseeligkeit ist: eine Meinung,
die, wenn sie gleich nicht apodiktisch zu er-
weisen seyn sollte, doch in der That sehr viel
Würdiges und Ehrenvolles für die Menschheit
enthält.|<4>

Wenn wir nun aus diesem Gesichtspunkte die Auf-
klärung betrachten, und dann unsere Blicke auf
ihre Geschichte heften, so muß dieser Gegenstand unsere
Seele ganz fesseln, und unsere ganze Aufmerk-
samkeit auf sich ziehen. Unsere Gefühle werden
den Empfindungen eines Menschen gleichen, der an
einem heitern Morgen auf einer An-
höhe die Sonne aufgehen sieht. – Erst ist
alles dunkel um ihn her – bald unterscheidet
sein spähender Blick in der kommenden Dämmerung
die Gegenstände – nun sieht er am östlichen
Horizont die Sonne sich erheben, und in einem
kleinen Cirkel um sich her den Schatten in
Licht zu verwandeln; dann verbreitet sich
dieses Licht immer weiter in der Gegend umher,
und wechselt mit den Schatten auf das man-
nigfaltigste ab; und sein trunkenes Auge hängt
an diesem majestätischen Anblicke, bis endlich die
Königinn des Lichts in ihrem völligen Glanze
hervortritt, und ihre Stralen ihn nöthigen,
unter der schützenden Laube ein Obdach zu suchen.

Sehr viel Ähnlichkeit mit diesem Bilde hat
die Geschichte der menschlichen Aufklärung, und
wenn wir gleich ihr Licht noch nicht völlig
über unsern Horizont ausgebreitet, sondern
noch immer mit mehr oder weniger dichtem
Schatten vermischt sehen, so ist dieß Glück
vielleicht unsern Nachkommen aufbehalten,|<5>
die nach mehreren Jahrtausenden auf un-
sre in Staub verwandelten Gebeinen
einhergehen werden. Uns sey es genug,
zu wissen, daß diese Zeit unfehlbar einst
erscheinen wird, indem unsere Betrachtungen
hierüber, durch die Geschichte unterstützt, uns
auf das Resultat führen, daß die Aufklärung
unter unserm Geschlecht, im Ganzen ge-
nommen, nie rükwärts gehe, nie stehen
bleibe, sondern immer zunehme, und
immer mehr dem lezten Grad von Vollkom-
menheit sich nähere, dessen sie fähig ist.
Ich sage im Ganzen genommen, denn so wahr der
Satz unter dieser Einschränkung ist, so wenig
würde er doch in einzelnen Theilen, bey
besondern Völkern oder Ländern anzuwenden
seyn, vielmehr überzeugt uns die Geschichte
durch mehrere Beyspiele hinlänglich vom Ge-
gentheil. An statt aber nur einiger weni-
ger zu erwähnen, darf ich nur an den großen
Unterschied in der Kultur erinnern, der zwischen
jenen alten Griechen zu den Zeiten eines Socrates, [2]
eines Perikles,[3] eines Sophokles, [4] und den jetzigen
ausgearteten Bewohnern Griechenlands statt findet,
die mit einer Dose Opium das Andenken an ihre
Sklaverey eben so gut als das Bewustseyn
ihrer vielleicht selbst verschuldeten Roheit
verbannen; darf nur jener Zeiten des
Mittelalters gedenken, wo unser Vaterland
sich so sehr von dem Wege der Aufklärung
entfernt hatte, daß es in einen der Barbarey|<6>
ähnlichen Zustand versunken zu seyn schien, wo Aberglaube
Fanatismus und Priestermacht einen schrecklichen
Bund wider alle Fortschritte des menschlichen Geistes, ja,
wider die gesunde Vernunft selbst, und wider die
ersten Grundpfeiler unsers Denkens geschlossen hatten,
wo alle, auch die gemeinnützigsten Wissenschaften
des ausschließende Eigenthum einer Classe
von Menschen geworden waren, welche sie zum
Theil ganz brach liegen liessen, zum Theil in
ihre düstern Wohnörter vermauerten, daß ja nicht
etwa ein schwacher Schimmer von Licht durch die
allgemeine Nacht hervorbräche. – Doch
ich ziehe den Vorhang über dieses niederschlagende
Gemälde, um mich zu der Vorstellung zu
wenden, die allein im Stande ist, unsere gerecht-
scheinenden Besorgniße zu verscheuchen; zu dem
Gedanken, daß diese, und andre Perioden, auf
die wir in der Geschichte der Aufklärung stoßen,
so sehr sie auch dem ersten Ansehen nach den
Fortgang derselben zu hemmen, und sich ihr zu wider-
setzen scheinen, dennoch am Ende zu ihrer Beför-
derung im Ganzen dienen müssen, daß,
was dem Einzelnen hie und da abgeht, dem Ganzen
reichlich wieder ersezt werde. – Sehen wir nicht
in der physischen und moralischen Welt täglich analoge
Auftritte? Und wollten wir daraus den
Schluß ziehen, daß diß alles nicht zum allgemeinen
Wohl gereiche, daß der Plan der ganzen Schöpfung
nicht der beste sey? Gewis, dieß thun wir|<7>
nicht, um so mehr, da wir aus Vernunftschl[üßen]
sowohl, als aus mannigfaltigen Erfahrung[en]
erkennen, daß ununterbrochene Fortschr[eitung]
vom Geringern zum Größern, vom Unv[oll-]
kommnen zum Vollkomnen, eins der erste[n]
Naturgesetze ist. Warum sollten wir al[so]
dieß nicht auch bey der Aufklärung anneh[men]
wenn wir gleich den Zusammenhang nicht
deutlich genug einsehen sollten, um aus ih[m]
diese Fortschreitung darthun zu können.

Wenn wir einst auf der Leiter der Wes[en]
von Sprosse zu Sprosse soweit fortgerükt sin[d,]
daß wir den Großen Plan des Ganzen üb[er-]
schauen, so wird uns die Anlage und Au[s-]
führung desselben auch hierinn wohl unbeka[nnt]
bleiben, – und wir werden verstumm[en]
und anbeten!

St: Evremont

Anmerkungen

  1. Cicero in De oratore, lib. II.9 „Historia vero testis temporum, lux veritatis, vita memoriae, magistra vitae, nuntia vetustatis, qua voce alia nisi oratoris immortalitati commendatur?“
  2. Siehe den Wikipedia Artikel Sokrates.
  3. Siehe den Wikipedia Artikel Perikles.
  4. Siehe den Wikipedia Artikel Sophokles.