1786-06-29 Rudorff (Ali): Etwas über die Pflicht des Wohlwollens

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Kommentar

Die Debatte ist vorstrukturiert von Aussagen antiker römischer Philosophen, insbesondere Cicero Buch Von der Pflicht die jedoch nur indirekt angesprochen warden. Sie geben dem Aufsatz Rhetorik mit den Beispieltypen, die er ausmacht und römisch benennt. Das Alte Testament steht mit dem Dictum der Gottebenbildlichkeit des Menschen und christlicher Ethik der Nächstenliebe im Raum. Hinzu kommt ein Amalgam empfindsamer Philosophie durch das Leibniz (letzterer mit der Theorie der vielen Welten aus der Theodicee) und Shaftesbury (mit der These des Glücks, das wir altruistisch handelnd empfinden), hindurch schimmern.

Transkript


C.

Etwas
Über die Pflicht des Wohlwollens.

Wie schön und unentbehrlich die
Pflicht des Wohlwollens für die
menschliche Gesellschaft sey, dies liegt
sehr überzeigend in eines ieden Empfin-
dung. Sie ist die Grundlage und das
erste Gesetz, worauf das Glück
und die Dauer der Gesellschaft be-
ruhet. Ohne Wohlwollen giebt es
kein wahres Intereße, keinen frohen
Genuß des Lebens. Es ist für alle
Ständte [!] und Claßen ein unentbehr-
liches Bedürfniß, und selbst Fürsten
haben es nicht selten unangenehm em-
pfunden, wenn sie bey allen ihren
Vorzügen dennoch das Glück des
Wohlwollens anderer entbehren
mußten.

Ich habe mir gegenwärtig vor-
genommen, eine kurze Betrachtung
über diesen Gegenstandt zu ver-
suchen, um Sie, theuerste, ge-
ehrteste Anwesende! sind so gütig,
mir auf wenige Augenblike Ihre
Gedult zu schenken, da Sie einen
Redner mit ungeübter Zunge vor
sich sehen.

In der gantzen Anlage zu unserer
Glückseligkeit, bemerken wir|<2>
überhaupt, und der beßere Mensch
bemerckt es mit Rührung, wie ein
einziges Band durch die ganze Natur
gezogen, alles unter sich verbindet, an
einander hält, und zu einer wunder-
baren Würcksamkeit anziehet. In dieser
Verbindung nahm der Mensch die
vorzüglichste Stelle ein; er erhielt
den stillschweigenden Auftrag, sich
besonders seinem Geschlechte zu wid-
men, und, als Mittel hierzu, wurde
ihm das Wohlwollen eingeprägt.

Diese Einrichtung des weisesten, und
diese Wohlthat zugleich des gütigsten
Schöpfers; ist selbst so sehr erhabenes
Beyspiel des Wohlwollens, und eine
so starcke Aufforderung zu dieser
Pflicht für uns, daß sich der Gedan-
ke: du bist nicht für dich, du bist
auch für andere da, nothwendig
unsers Herzens bemeistern muß.

Ja! alles fordert uns zum Wohl-
wollen auf! Gott, die Ansprüche der
Gesellschaft, und unsere eigene Glück-
seligkeit.

Sey wohlwollend! so spricht die
Stimme des Schöpfers. Auf meinen
Fußtapfen wandelte Güte, ehe du
noch gebildest [!] warest, und mein Wohl-
wollen gegen dich hatte so wenig
Grenzen, daß ich deiner Bildung|<3>
selbst zum Original diente. Keine
der tausend Welten, schuf ich für mich
oder zu meinem Besten; mein Wohl-
wollen allein hat sie hervorgerufen.
Ich habe begünstigen, nie empfangen
nie genießen wollen. Sey billig, und
verkenne in dir die Zeichnung nicht, die
nach mir entworfen ist! Mache dich
ihrer würdig, indem du mir durch
Schönheit der Seele, durch theilnehmende
edle Empfindung für deine und ande-
rer Vollkommenheiten, nachahmst!
Verschaffe dir dieses Vergnügen, das
dich allein beseeligen kan! Betrachte
die Güte des Herzens, als den Haupt-
zug deines Charakters und deiner
Bestimmung! Wirst du sie vernachläßi-
gen, so wird deinem Bilde das schönste
Colorit fehlen. Du wirst zur Häß-
ligkeit herabsinken und – (wie
ungern bedrohe ich dich damit!) du
wirst mir, deinem Urbilde, nicht
mehr gefallen!

Sey wohlwollend! dies erfor-
dert auch unser Verhältniß gegen
die Gesellschaft und unsere eigene
Glückseligkeit.

Den isolierten Menschen, der sich
auf sich selbst einschränckt, sich selbst
eine Welt seyn will, wird kein
Vernünftiger glücklich schätzen.
Er ist ein Philosoph von besonderer|<4>
Art, der weder Kopf, noch ein ge-
sundes Herz besitzt, weil er seine
Bestimmung verkennt, und sich den
Genuß der edelsten Freuden entzieht,
die aus der Pflicht des Wohlwollens,
der Theilnehmung, aus der Verstär-
ckung unserer individuellen Kräfte
mit den Kräften der Gesellschaft,
und aus den angenehmen Erfolgen
von allem diesen, entspringen.
Wie sollten wir auch nicht ein Reci-
prokum lieben, das einen göttlichen
Ursprung hat, uns mit Freuden,
die unserer würdig sind, belohnet,
unseren hiesigen Aufenthalt und
unsere Pilgerschaft erleichtert.

Freuet sich doch der Wanderer,
einen Reisegefehrden zu wißen
von dem er sich Dienste der
Freundschaft versprechen kan,
und welche Reise bedürfte
des wechselseitigen Beystandes
mehr, als eben die durch das
gegenwärtige Leben, welches
ein Inbegriff der Schwachheit
ein Labyrinth des Irrthums,
und ein Zusammenhang von
Bedürfnißen ist, die wir|<5>
ohne Beyhülfe der Sozietät, nie
selbst befriedigen können.

Keine Erfindung, keine Wißenschaft
könnte da seyn, noch uns mit Ver-
gnügen, Vortheil und Bequemlichkeit
beglücken, wenn die erste dunckele
Idee dazu, nicht von mehrern Köpfen
und Händen aufgefaßt, bearbeitet,
unterstützt, und durch Wohlwollen
zur Vollkommenheit gebracht wor-
den wäre.

Mein Haus, denkt der, ohne
Wohlwollen dahinvegetirende Cajus[1]
ist für mich schön genug, –
was soll ich dran verbeßern? –
und dieser Apfel schmeckt mir
wohl, – was habe ich nöthig, zu
untersuchen, wer den Baum pflanzte
oder zu denken, daß mir der Gau-
men gekitzelt, und mein Blut
durch die frischen heilsamen Säfte
des Obsts, verbeßert wird?
Cajus ist nicht wohlwollend!

Sempronius[2] hingegen, kan
eine empfindsame Zähre weinen
wenn er sieht, was seine Neben-
menschen Gutes stiften, wie|<6>
unermüdet sie sind, Glück über die
Zeitgenoßen und über die Nachwelt
zu verbreiten. Welche Veranlaßung
nimmt er nicht, wie eilt er nicht
mit warmen Herzen, Gelegen-
heit aufzusuchen, wo er sich ähn-
liche Verdienste um die Menschheit
erwerben kann! Er läßt sich nicht
darum anflehen, ein wohlwollender
Mensch zu seyn, vielweniger sind
Ruhm, Stoltz, oder Eigennutz, der
Maasstab seiner Triebe. Dort sieht
er die Tugend seines Nechsten sin-
cken; dieser Umsturz erschüttert
seine Seele; er fühlt den Verlust
für die Welt, wenn sie einen
Tugendhaften verlieret; er
denkt im Stillen auf schonende aber
kräftige Mittel, dem Fallenden
aufzuhelfen, und hält es überal
vor Pflicht, sich um das Glück des
Nechsten, wie um sein eigenes
zu bemühen.

Und niemals, unter allen Umstan-
den, dürfen wir uns dieser vor-
treflichen Gesinnung weigern.

Sind Helfen, Trosten, Rathen,|<7>
als die höhern Grade des Wohl-
wollens, nicht immer in unsern
Kräften, so ist es doch das Nützen,
und zum mindesten wird ein
sanfter, wohlwollender Blick uns
noch übrig seyn, der die Ruhe unserer
Nebenmenschen befördert.

Indeßen ist es eben so schwer
als es weitaussehend seyn würde,
alle die verschiedenen Modificationen
zu berühren, durch die sich die Pflicht
des Wohlwollens zu Tage legen
kan. Ein iedes abgewendetes Uebel
ein ieder beförderter Nutze,
ein jeder bedeckter Fehler, eine
iede Gedult gegen Beleidigungen,
ein iedes Lob der Verdienste, und
ieder andere, noch so geringe
Beytrag zur Vervollkommung des
Nechsten, ist Zweig dieses herr-
lichen Stammes, deßen Wurzel
in den Grund unseres Herzens
gewachsen ist.

F. C. Rudorf.

Anmerkungen

  1. Gaius oder Caius empfahl sich vielleicht durch seine etymologische Bedeutung. Nach dem Liber de praenominibus, einem anonymen Anhang zu den Factorum et dictorum memorabilium des Valerius Maximus, leitet sich der Name vom gaudium, der Freude der Eltern über die Geburt, her.
  2. Anders als Cajus ist Sempronius kein klassischer Vorname, sondern Name des Geschlechts der Sempronier. Gaius Sempronius Gracchus, geb. 153 v. Chr., gest. 121 v. Chr., war römischer Volkstribun – was dafür spricht, dass die Namen eher zufällig als Platzhalter vergeben sind, denn das sie sich auf eine spezifische Figurenkonstellation beziehen.