1786-12-28 Geißler (Cicero): Soll ich meinem Freunde absichtlich Äuserungen entlocken deren Bekanntwerdung er fürchten muß, um ihn dadurch zu Beförderung eines moralischen guten Endzweckes desto fester an mich zu ketten?

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Kommentar

Ein interessanter Aufsatz, da es mit ihm um die Herstellung von Geheimnissen als einer Sphäre geht, in man sich Teilhaber verpflichtet macht.

Darf man Freunde zu Äußerungen bringen, mit denen sie sich öffentlich kompromittieren würden, falls man sie bekannt machen würde? Das wird ausgeweitet: Darf man sie in Unternehmungen verwickeln, die sie, bei Bekanntwerden kompromittieren würden – nur um sie dadurch erpressbar und bei der Stange zu halten.

Cicero selbst schickte diese Frage ins Rennen – eine Ausnahme von der Regel, wie es scheint. Allen Anschein nach kommen die Fragen sonst von oben. Die seine wurde anfangs von den Mitbrüdern für dunkel erachtet, er konnte jedoch Diognet gewinnen darauf mit ihm eine Antwort zu suchen – beide Antworten werden nebeneinander präsentiert, diese zuerst. Diskutieren kann Cicero im selben Moment, was ihn zur Formulierung der Frage bewegte, er bezweckt etwas mit der Frage, sie ist selbst ein Denkanstoß und eine Botschaft, die Interpretation verdient: Er findet sie im Zusammenhang des Bündnisses, das er einging wichtig.

Die Antwort die er selbst gibt, ist spannend: Einmal muss erwogen werden, dass es Interaktionen in einem Bündnis gibt, die eben zum guten Zwecken der Gruppe gehören –und die bei Bekanntwerden Teilnehmer kompromittieren können. Sie sind statthaft, da sie dem Ziel der Verbindung unterliegen.

Bleibt die Frage, ob die Vereinigung dergleichen potentiell kompromittierende Situationen aus gar keinem anderen Zweck herstellen darf, als dem Teilnehmer erpressbar zu machen.

Die Antwort ist ein überraschend klares Nein: Feinde in der Gruppe könne man nicht binden (sie wissen, dass sie sich unter Feinden bewegen und machen sich nicht erpressbar), Leichtfertige ließen sich wohl erpressen, doch erzeugen solche Proben der Loyalität bei allen anderen ein Mistrauen, das sie erpressbar gemacht werden, das am Ende kontraproduktiv ist und die Verbindung schwächt. Da es hier fortlaufend, anders als im Titel offengehalten, nicht um Privatfreundschaften sondern eine große Verbindung geht, wird man die letzten Seiten als Skizzen des Misstrauens der Mitglieder untereinander und als spannendes Stimmungsbild nehmen können.

Transkript


Soll ich meinem Freunde absichtlich
Äuserungen entlocken deren Be-
kanntwerdung er fürchten muß,
um ihn dadurch zu Beförderung
eines moralischen guten Endzweckes
desto fester an mich zu ketten?

Beantwortet von
Q. Cicero

Vorgelesen in der Min. K.
am 28sten Ader.
1156|<2>

Ich legte in einer unserer vorigen Versammlungen
ihnen M[eine] V[erehrten] BBr[üder] eine Frage vor, deren Beantwor-
tung mir, besonders für uns so viel Interesse zu
haben schien, daß ich wünschte es möchten sie einige_
von Ihnen, zum Gegenstande Ihres Nachdenkens
machen, und dann, mit mir zugleich, das Resultat
ihrer Betrachtungen mittheilen. Die Frage so wie
ich sie Ihnen vorlegte war folgende:
Soll ich meinem Freunde absichtlich Äuserungen
entlocken, deren Bekanntwerdung er fürchten
muß, um ihn dadurch zu Beförderung eines mo-
ralischen guten Endzweckes, desto fester an mich zu
ketten?
Man fand diese Frage dunkel, und gewiß nicht mit
Unrecht. Ich wollte sie so allgemein als möglich|<3>
ausdrücken, um sie ohne alle Rücksicht auf beson-
dere Verhältnisse, nach den allgemeinsten Grund-
sätzen beantworten zu können, und doch wollte ich
auch so bestimmt als möglich fragen, um nicht
misverstanden zu werden. Doch ist es mir ge
glückt den Hr. Diognet, der sich entschloß diese
Frage mit mir zu beantworten, über den Sinn den
sie nach meiner Meinung haben sollte, durch münd-
liche Unterredungen zu verständigen, und wir haben
uns nun vereiniget, unsere Gedanken über diese Frage
heute Ihrer Versammlung zur Beurtheilung
vorzulegen, ohne sie vorher einander mitgehteilt
zu haben. Ehe ich aber zu Beantwortung der
Frage selbst kommen darf, muß ich unstreitig
mich erst bemühen, auch Ihnen vollkommen deut-
lich zu machen, was ich eigentlich damit sagen wollte.|<4>
Wer kann es besser wissen als Sie M[eine] BB[rüder], daß
es moralisch gute Endzwecke giebt, deren Erreichung ohne
feste Verbindung mehrerer Menschen, mehrerer Freun
de unmöglich ist, und wer von Ihnen ist nicht überzeugt,
daß vielleicht zu den besten Endzwecken eine solche
Verbindung am nöthigsten ist. Aber was ist feste
Verbindung von Menschen? Braucht man etwa ein
großer Menschenkenner zu seyn, braucht man
wohl die Geschichte des Menschengeschlechts zu fragen, um
zu wissen, daß Verbindungen die für die Ewigkeit
gestiftet zu seyn schienen, oft durch plötzliche Gährung,
öfter durch allmählig langsame Auflösung sich trennten;
daß selbst die heiligen Bande der nähesten Blutsver-
wandschaft, daß die festen Ketten der Sympathie,
die mit den Menschen welche sie umschlossen zugleich
erschaffen zu seyn schienen, daß selbst sie zerrissen|<5>
wenn Eigennutz, Ehrgeitz und Neid sich zwischen sie
drängten. Und wer darf sich einer so untrügli-
chen Menschenkenntniß schmeicheln, daß er sich in
der Wahl seiner Freunde nie irrte, nie die wankel-
müthige Schwäche verkannte, nie von der Schlauig-
keit sich hintergehen ließ? Sollte es bey solchen
Bemerkungen nicht verzeihlich seiny, wenn selbst
der offenste Charakter sich dem Mistrauen über-
ließe, und aus herzlicher Liebe für die guten
Endzwecke, zu deren Erreichung er feste Verbin-
dung mit andern Menschen für unumgänglich nöthig
hält, ein Mittel zu kennen wünschte, die gänzliche
Trennung solcher Verbindungen unmöglich, oder
doch wenigstens dem guten Endzwecke unschädlich
zu machen. Unnatürlich wäre es wohl nicht, wenn
er in dieser Stimmung seiner Sache darauf ver-
fiele, denen die mit ihm zu edeln Zwecken ver-|<6>
bunden wären Äuserungen, Urtheile, Erzählungen
zu entlocken, sie in Unternehmungen zu verwickeln
die sie nicht gerne bekannt werden lassen wollten,
vielleicht gar nicht bekannt werden lassen dürften,
um sie, wenn etwa einmal die Bande der freund-
schaftlichen Vereinigung mit ihm schlaff werden
sollten, wenigstens durch die Furcht, daß er von
jenen Äuserungen zu ihrem Nachtheile Gebrauch
machen möchte, von der Trennung von ihm, oder
wenn diese unvermeidlich wäre, doch von Zerstö-
rung seiner Plane zurückzuhalten. Soll er sich
nun dieses Mittels wirklich bedienen? Soll er dem,
den er für einen aufrichtigen, eifrigen Freund
von sich und von der guten Sache hält, solche Äuse-
rungen absichtlich entlocken, ihn absichtlich in solche
Unternehmungen verwickeln, mit deren Bekannt-|<7>
machung er drohen könnte, wenn jener ihn
durch Verstellung hintergangen hätte, oder wenn
sein Eifer erkaltete? Freylich ist es in der
Natur jeder freundschaftlichen Verbindung,
daß sie den Verbundenen den Mund zu vertrau-
lichen Äuseungen öffnet, deren Bekanntwerdung
vielleicht grosse Nachtheile für sie haben könnte;
und freylich läßt es sich auch wohl noch begreifen,
daß zu Erreichung des besten Zweckes, in manchen
Verhältnissen Unternehmungen nöthig seyn können,
die der Teilnehmende nach seiner besonderen Lage
nicht bekannt werden lassen kann, ohne sich em-
pfindlichen Schaden zuzuziehen; aber von solche
freywilligen Äuserungen, von solchen Unter-
nehmungen, die die Beförderung des gemeinschaft-
lichen Zweckes nöthig macht, kann hier eben des-
wegen gar nicht die Rede seyn, weil sie|<8>
freywillig entstanden, oder die Natur des Zweckes
sie nothwendig machte. Unstreitig dienen auch
sie oft zu stärkerer Befestigung der Verbindung
welche sie veranlassen; und gewiß dürfen ohne
alles Bedenken die Mitverbundenen den wankel-
müthigen Schwachen, den sie verkannt hatten,
dem schlauen Betrüger der sich unter sie drängte
es fühlen lassen, daß sie auch Mittel in Händen
haben ihm zu schaden, wnen er sich unterfangen sollte
etwas gegen den guten Zweck ihrer Verbindung zu
unternehmen; allein in diesem falle bedienen sie
sich nur der Vertheidigungsmittel die ihnen die
Natur der Sache in die Hände giebt, aber sie veranstal-
ten diese Mittel nicht absichtlich, und nur davon, ob
sie dieses thun sollten redet meine Frage, die meinen
Einsichten nach, nicht anders als mit Nein beantwor-
tet werden darf kann. Ich kann nehmlich die|<9>
Veranstaltung solcher Mittel zu Befestigung
einer freundschaftlichen Verbindung, gerade dann
am wenigsten für gut und klug halten, wenn die-
selbe den besten moralischen Endzweck hat, denn es
scheint mir daß diese Mittel nur wenig ausrichten
können, und daß durch sie das Band der Vereinigung
unvermeidlich erweitert wird, wodurch natürlicher
Weise die Erreichung des Zwecks mehr verhindert
als befördert werden muß – zwey Gründe die
wohl mehr nur einer kurzen Erläuterung als eines
weitläuftigen Beweises bedürfen.
Wenn gute Menschen sich zu einem edeln Zwe-
cke verbinden, so haben sie unter den Mitgliedern ihrer
Verbindung nur zweyerley Feinde zu fürchten, die ihren
Plan zerstören könten, den schlauen Bösewicht,
der aus Nebenabsichten sich mit ihnen vereinigte,
und den wankelmüthigen Schwachen, der zwar|<10>
mit den besten Absichten zu ihnen kam, dessen
Eifer aber bald erkaltete, weil er vielleicht mehr
Vortheil für sich erwartet hatte als er fand, oder
auch nur weil in seiner schwankenden Seele
nichts fest und beständig bleiben kann. Gegen beyde
Arten von Menschen hilft die Veranstaltung jener
Mittel wenig oder nichts. Der Hinterlistige der
unter jene edlern Menschen vielleicht gar mit dem
Vorsatze trat, ihre guten Zwecke zu vereiteln,
wird gewiß auch verschlagen genug seyn, nichts von
sich hören zu lassen, nichts zu thun, mit dessen Be-
kanntmachung ihn seine Mitverbundenen, die er
vom ersten Eintritt an als seine Gegner ansahe,
dereinst drohen könnten; dem Schwachen hingegen,
der aus Unbeständigkeit, und weil er sich in seinen
überspannten Erwartungen betrogen sieht, der
Verbindung die er mit redlichem Eifer suchte,|<11>
abgeneigt werden, und aus Verdruß, oder auch nur
aus Leichtsinn und Schwatzhaftigkeit ihren edeln Ab-
sichten in den Weg treten könnte, ihn würde zwar
vielleicht die Furcht seine Äuserungen und Unter-
nehmungen bekannt gemacht zu sehen, davon zurück-
halten, sie würde ihn aber gewiß auch zur
Verstellung und schlauen Behutsamkeit zu größerem
Verdruß und zu stärkerer Abneigung gegen eine
Verbindung reitzen, für die man ihn durch Nachsicht gütige
Behandlung, und vernünftige Vorstellungen, wieder
hätte gewinnen und brauchbar machen können.
Doch wenn es auch vielleicht noch Fälle giebt, in welchen
solche absichtlich veranstaltete Mittel von einigem Nu-
tzen sind, wenn auch das Band der Vereinigung durch
sie etwas dauerhafter gemacht wird, so erschlafft es
dagegen gewiß auch durch das Mistrauen und die kalte
Vorsichtigkeit, die solche Anstalten unter den Mitver-
bündeten veranlaßen müssen, und der geringe|<12>
Nutzen für die Festigkeit der Verbindung, wird
durch den unersetzlichen Schaden der Lauigkeit auch
der redlichsten ihrer Mitglieder, und durch den gänz-
lichen Mangel alles Eifers für ihren Zweck, weit
überwogen. Das Daseyn solcher Veranstaltun-
gen kann dem Mitverbundenen, der auch nur einen
geringen Grad von Aufmerksamkeit und Scharf-
sichtigkeit besitzt, nicht leicht und nicht lange verborgen
bleiben; bey der geringsten Entdeckung aber, ja selbst
nur bey einer entfernten Vermuthung davon, muß
das Mistrauen in seine Redlichkeit, welches Veran-
staltungen der Art auch gegen ihn zu verrathen
scheinen, wechselseitig Argwohn gegen seine Mitver-
bundene in ihm erregen. Von ihm selbst durch
Thatsachen, durch jene Veranstaltungen belehrt,
daß man auf kein Versprechen, keine Proben
von Wohlwollen, von Begierde mitzuwirken zu|<13>
einem edeln Zwecke, sicher rechnen darf, wird er
bey allem was er ihnen sagt, bey allem was er
mit ihnen und für sie thut, mit ängstlicher Be-
dächtigkeit überlegen, ob er sich nicht vielleicht zu blos
giebt, ob auch bey diesem Schritte den er zu thun hat,
der Rückzug wenn er nöthig seyn sollte, gehörig ge-
deckt ist. Von dem Ziele der vereinigten Bestre-
bungen, nach welchen er Anfangs mit unverwand-
tem Auge hineilte, wendet er nun seinen Blick
auf sich selbst, auf seine eigne Sicherheit, und was
er auch ohne ihren Nachtheil thun zu können glaubt,
dazu bringt er nicht die lebhafte Thätigkeit, durch
die allein die Ausführung leicht gemacht, und das
Ziel glücklich erreicht wird. Ein Glück wär es noch
für die gute Sache der Verbindung, wenn dieses Mis-
trauen mit seinen üblen Folgen in jedem Mitgliede
von neuem entstehen müste, sich nicht schnell|<14>
von einem auf alle fortpflanzte; aber leider
geschieht dieses gewiß allemal. Verbreiten auch
nicht ausdrückliche Warnungen den Argwohn, so schleicht
er sich doch unvermerkt aus einer Brust in die andre,
erstickt die besten Vorsätze, und hemmt die edel-
sten Bestrebungen. Jeder der seinen Mitverbunde-
nen die Hand mistrauisch zurückziehen sieht, und die
spähende Behutsamkeit in seinen Blicken entdeckt,
wird selbst aufmerksam und bald auch mistrauisch;
sein Eifer sinkt mit seinem Muthe, und sein Geist
der vorher vielleicht voll von hohen Erwartungen,
von herzerhebenden Aussichten war, verliert sich
nun in immer wieder kehrenden Überlegungen
jedes geringfügigen Umstandes, von welchem
nachtheiliger Gebrauch gemacht werden könnte.
So erlischt in jedem der Verbundenen der letzte
Funke von Thätigkeit für ihren gemeinschaft[ichen]|<15>
Zweck, und so wird das Wesen der Verbindung [ver-]
nichtet, wenn auch ihre äusere Form noch stehen bl[iebe.]
Der Thor brüstet sich dann zwar noch mit ihrem # [?]
Nahmen, aber der Weisere weint ihrem entflohe[nen]
Geiste nach.

Anmerkungen