1786 Hofmann (Zinzendorf): Geburt, und Tod haben alle Menschen mit einander gemein

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-090
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Geburt, und Tod haben alle Menschen mit einander gemein. Jene ist der Anfang ihrer irdischen Bestimmung; dieser die Grenze. Beide sind sehr wichtige Veränderungen, denen die Menschheit unterworfen ist, welche uns die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen lehren. Es giebt also keine eigentümliche Vorzüge, wodurch sich Prinzen und Regenten bei ihrer Geburt und bei ihrem Ende von andern unterscheiden."
  • Autor: Gotthelf Wilhelm Hofmann (Zinzendorf)
  • Datierung: Datiert auf dem Deckblatt Lycopolis 1156, also Erfurt 1786
  • Bearbeiter: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: 5003-5013

Commentary

Zum Titel: Im Erfurter Kontext zu suchen. Radikaler Anfang, der Prinzen und Bettler als Säuglinge (und Sterbende) einander gleichstellt. Zufall, wohin man gebotren wird, ein Spiel der „Vorsehung“ – mit der die Gleichheit unter der Hand jedoch auch schon wieder aufgehoben ist.

Ist das der Aufsatz über die Vorsehung, der 1786-05-15 in Erfurt zum Thema Vorsehung verlesen wird? Dafür spricht, dass der Aufsatz zu Aufklärung und Vorsehung als solcher in den Protokollen verzeichnet ist, dagegen spricht, dass es im vorliegenden vordringlich um die Frage zu Aufgaben und Bestimmungen des Regenten geht – eine Frage indes, die noch auf der zweiten Seite die Vorsehung in das Zentrum stellt.

Den Regenten unterscheidet nicht Geburt noch Tod vom gewöhnlichen Sterblichen, so die Exposition, die ein Absolutismus-kritisches Potential haben könnte, gleichzeitig jedoch zurückgeht in die mittelalterliche Totentanz Metaphorik. Noch auf der zweiten Seite bietet die offene Exposition die Wendung mittels derer gerade in der Offenheit des „Alle sind gleich“ eine härtere Fixierung der Ungleichheit gefunden wird. Wo man geboren wird, davon allein hängt ab, ob man König oder Bettler wird, die Vorsehung mithin hat dies entschieden:

    Purpur, und Windeln, worinnen der künftige Beherrscher eines mächtigen Volcks eingehüllet ist, sind zwar von der Umhüllung eines armen Säuglings unterschieden, aber sie gehören doch nur zu der zufälligen Bestimmung ihrer Geburt, woran die Gunst des Glücks oder vielmehr die Vorsehung, welche die Menschen leben, und sterben heißt, nur allein Antheil hat. – Und eben so treten auch beide von dem Schauplatz der Welt wider ab.

Die göttliche Vorsehung ist dabei selbst nicht egalitär (eine erstaunliche Position gegenüber dem Neuen Testament, in dem Jesus noch die Armen und die Kinder besonders privilegierte). Die Regenten stehen im Fokus der göttlichen Vorsehung:

    Je gröser, und wichtiger die Endzweckke sind, die Gott durch Menschen erreicht wißen will, desto gröser auß seiner Vorsorge sind bei der Veranstaltung und Lenkung der Mittel, die zu diesen Endzwekken führen. Zu welcher grosen und edlen Absichten sind nicht Fürsten und Regenten von Gott ausersehen.

Ein rhetorisch aufgeladener Forderungskatalog wird daraus abgeleitet:

    Sie sind bestimmt die Väter des Volks, die die Beschützer der Unschuld, die Helfer der Bedrängten, die Versorger der Verlaßenen zu sein!

Freilich steht fest, dass nur die wenigsten Regenten die an sie gestellte Forderung erfüllen. Es gibt große Fürsten und verheerende Fürsten. Die Vorsehung liefert dabei eine Anlage, die Erziehung muss sie entfalten:

    Diese gute Anlage des Herzens, wird durch eine kluge und sorgfältige Erziehung immer mehr entwickelt und ausgebildet, und macht sie dereinst des Ruders der Regierung würdig, so daß sie das Wunder und die Liebe der Völker werden. – Und hat der Fürst bei der Nachwelt dies Glück, daß er geliebt und bewundert wird, so hat er gewiß seinen Namen unsterblich gemacht. Allein die wenigsten können sich dieses Glüks rühmen.

Die meisten Fürsten werden nur bewundert, nicht geliebt und hier wird der Ruhm ab 5007 untersucht und aufgeteilt in den Ruhm derer, die uns Verwunderung für ihre eigentlich schrecklichen Taten abverlangen und die Liebe, die wir denen schulden die ihre Mission zum Heile ihrer Nation erfüllen. Bewunderung sein „eine Tochter der Unwißenheit“ . Ma bewundert das, was „seltsam, unerwartet, und schwer“ ist.

Um Liebe der Untertanen und wahren Ruhm bei der Nachwelt zu verdienen, genüge es nicht, dass der Regent seinen Aufgaben als Rechtswahrer nachkommt (und Störer der öffentlichen Ordnung hinrichtet). Er muss die Nation schaffen, sie in einen besseren Zustand versetzen als sie zuvor war:

    Er muß weit über die Schrancken der Gesezze hinausgehen, er muß mehr Glückseligkeit, mehr Wohlfarth, mehr Sicherheit in seinen Staaten verbreiten, als schon die Gesezze dem Untertan versprechen. er muß gleichsam der andre Schöpfer der Nation werden;|<5009> über die er herrscht; er muß die Genies aufsuchen und sie ermuntern; er muß die Sitten eines ganzen Volcks um faßen; dem Ausbruch des Lasters durch strenge und gute Anstalten vorbeugen, Religion und Tugend allgemein machen; Künste und Wißenschaften ins Land ziehen, der Handlung und dem Gewerbe einen Schwung geben.

Die Passage mit die Genies aufsuchen, ist hier von Interesse, sie schafft eine neue Gruppe in der Gesellschaft, die heimlich über den Regenten steht: die der Experten, die wissen, wie die Nation vorankommt und deren Wissen der Regent verwenden muss. Dem Illuminatenorden könnte das einen Arbeitsauftrag geben.

Der Kriegsruhm darf nur in Verteidigung des Landes eingesetzt werden. In einem Nebenstrang des Arguments taucht die andernorts behandelte Frage auf, ob es mehr gute als böse Menschen gebe – sie ist an dieser Stelle eine Frage nach der Natur der Untertanen: Überwiegend sind sie gut. Niemand würde sich den Preis für die größte Bosheit abholen, so der Beweis (der seltsam anmuten müsste, hätte doch dieser Preis, für den, der ihn sich abholte gravierende Nachteile).

Die Gedankenspiele gehen von hier aus auf den Fürsten über. Dieser kann sich wohl auf seine Macht als Kriegsherr stützen, doch gewänne er allenfalls Furcht seiner Bürger. Wenn man ihm die Armee nähme, dann würden sie ihm nur Verachtung zollen. Beispiele von Herrschern, denen wenig Liebe entgegengebracht war kommen – Nero ist unter ihnen. Beispiele von Herrschern, die lehrten, dass der gute Herrscher geliebt wird, stehen dem gegenüber – Antonius, der Vater von Commodus, steht hier oben an. Die Leibgarde könne einen solchen Herrscher nicht schützen – allein die Vorsehung tue es, das lehre das gescheiterte Attentat Damiens auf Ludwig XIVI. Die Vorsehung zeigt hier ein gewaltiges Interesse, die Fürstenmacht als potentiell gute Einrichtung zu stabilisieren. Die Landesreform von oben steht hier klarer als in anderen Aufsätzen im Zentrum. Regimekritik wird hier durch die Vorsehung des Gottesgnadentums obsolet.

Transcript


[Vorblatt]



Lycopolis[1]

Zinzendorf Lycopolit[anus]
1156[2]|<2>



Geburt, und Tod haben alle Menschen mit einander
gemein. Jene ist der Anfang ihrer irdischen Be-
stimmung; dieser die Grenze. Beide sind sehr
wichtige Veränderungen, denen die Menschheit unter-
worfen ist, welche uns die ursprüngliche Gleich-
heit aller Menschen lehren.

Es giebt also keine eigentümliche Vorzüge, wo-
durch sich Prinzen und Regenten bei ihrer Geburt
und bei ihrem Ende von andern unterscheiden.

Der Prinz, der im Pallaste das Licht der Welt er-
blikt, und der Bettler, der in der Strohhütte ge-
boren wird, sind sich unter diesen Umständen gleich.
Beide bedürfen zu ihrem Fortkommen der Pflege
ihrer Nebenmenschen. Sie würden, müßten sie derselben
entbehren, weit unglücklicher, als die unvernünftigen
Thiere sein, für deren Unterhalt die gütige Natur
gleich bei ihrer Ankunft in die Welt, die nötigsten Ver-
anstaltungen getroffen hat. –

Der Schmeichler, der sich so gern um die Grosen der
Erde versammelt, findet hier also keine wesentliche [?]|<3>
Bestimmung, wodurch der Vorzug der Geburt des
einen, vor der Geburt des andern entschieden würde.
Purpur, und Windeln, worinnen der künftige Beherrscher
eines mächtigen Volcks eingehüllet ist, sind zwar
von der Umhüllung eines armen Säuglings unterschie-
den, aber sie gehören doch nur zu der zufälligen
Bestimmung ihrer Geburt, woran die Gunst des
Glücks oder vielmehr die Vorsehung, welche die Men-
schen leben, und sterben heißt, nur allein An-
theil hat. – Und eben so treten auch beide von
dem Schauplatz der Welt wider ab. – Sie ver-
blühen, und werden Staub. – Und oft verläßt
derjenige, der den Stab in den Händen trug mit einer
ruhigern Gemütsfaßung, die Welt, als derjenige, den
Kronen, und Scepter zierten. Haben nun gleich Fürsten
vor andern Menschen in dieser Rücksicht nichts zum
Voraus, und sind wir andre Menschen den allgemei-
nen Gesezzen der Natur unterworfen, so waltet
doch von ihrer Geburt bis zum Grabe, die Vor-
sicht des Himmels weit mehr über sie wegen der
Wichtigkeit ihrer Bestimmung, als über andere, die
nicht zu solchen Absichten auserkohren sind. –|<4>

Je gröser, und wichtiger die Endzweckke sind, die Gott
durch Menschen erreicht wißen will, desto gröser
muß seine Vorsorge sein bei der Veranstaltung und
Lenkung der Mittel, die zu diesen Endzwekken führen.
Zu welchen grosen und edeln Absichten sind nicht Fürsten
und Regenten von Gott ausersehen. Sie sollen seine
Statthalter auf Erden sein, die sein Bild, das Bild des
Wohlwollens und der Gerechtigkeit an sich tragen. Sie
sind bestimt die Väter des Volks, die die Beschützer
der Unschuld, die Helfer der Bedrängten, die Ver-
sorger der Verlaßenen zu sein! –

Die Vorsehung hat es ihrem Busen von Anfang ein-
geprägt, und bildet sie zu den hohen und erhabenen
Eigenschaften, die einen grosen Fürsten machen.
Diese gute Anlage des Herzens, wird durch
eine kluge und sorgfältige Erziehung immer mehr
entwickelt und ausgebildet, und macht sie dereinst des
Ruders der Regierung würdig, so daß sie das
Wunder und die Liebe der Völker werden. –
Und hat ein Fürst bei der Nachwelt dies Glück,
daß er geliebt und bewundert wird, so hat er
gewiß seinen Namen unsterblich gemacht. Allein
die wenigsten können sich dieses Glüks rühmen.
Viele werden bewundert, aber nicht geliebt. Wenige
geliebt aber nicht bewundert, und wer ist von die-
sen wohl der gröste? – Diese Frage verdient
eine kurze Untersuchung. –|<5>

Wenn die Bewunderung eine Tochter der Unwißenheit ist,
wie sie die Weltweisen nennen, so muß das, was wir be-
wundern von uns für seltsam, unerwartet, und schwer
gehalten werden. Wie der Naturkundige anfing den Spuren
der Natur mit aller Aufmerksamkeit nachzugehen,
und so glücklich war in ihre Geheimniße zu dringen,
da sahe unser Verstand die Möglichkeit von vielen
Begebenheiten ein, welche der Witz schlauer Köpfe das
Gepräge des Wunderbaren deswegen aufgedrückt hatte,
um den einfältigen Pöbel zur Erreichung seiner
niederträchtigen Absichten desto sicherer zu bewegen.
Je mehr man aber der Natur in ihren Wirckungen
nachspürte, desto mehr stürzte der Aberglaube
des Volks dahin, das jede [!] ungewöhnliche aber dabei
doch natürliche Ereigniß mit starren Auge angafte!
Wenn ich also von der Bewunderung eines Prinzen
rede, so ist hier keineswegs an Wunder, und über-
natürliche Begebenheiten zu denken, welche die
Kräfte der Natur übersteigen, und sich gegen den
gewöhnlichen Lauf der Natur zutragen. –

Dies ist nur allein einer unendlichen Macht vorbehalten.
Vielmehr ist hier nur von solchen Begebenheiten
die Rede welche eine Anstrengung vieler
Kräfte und Fähigkeiten; die eine vortrefliche Grund-
lage zu grosen, und für die Wohlfart der menschlichen
Gesellschaft fruchtbaren und gemeinnüzzigen Handlungen
voraussezzen. – |<6>

Grose Absichten und Zwekke, die er aus weisen
Entschlüßen sich vorsezzet, die besten Mittel sie
auszuführen, die ihm Bedachtsamkeit und Nachdenken
entdeckken, Standhaftigkeit und Muth bei unvermuteten
Hindernißen, die er nicht vorhersehen konnte, müßen
bei jedem Fürsten angetroffen werden, der bei der
Nachwelt will bewundert sein. –

Nicht genug, daß der Regent weiter nichts thut, als
was die Ruhe, und Sicherheit der Bürger, die er
beherrscht, nothwendig macht. – Nicht genug, daß er
den Räuber zum Galgen und Rad verdamt, und
den Mörder dem Scharfrichter überliefert, oder den
Lästerer der Ehre tugendhafter und um den Staat ver-
dienter Männer am Pranger darstelt. –

Nicht genug, daß er den Baum, den sich der arbeitsame
Landmann pflanzte, stehen läßt, und nicht ausreißt.
Nicht genug, daß er die Hütte, die mühsam aufge-
baut ist, nicht niederreißt. Er muß noch mehr thun,
wenn er bei der Nachwelt bewundert sein will.
Er muß weit über die Schrancken der Gesezze
hinausgehen, er muß mehr Glückseligkeit, mehr Wohl-
farth, mehr Sicherheit in seinen Staaten verbrei-
ten, als schon die Gesezze dem Untertan versprechen.
Er muß gleichsam der andre Schöpfer der Nation werden;|<7>
über die er herrscht; er muß die Genies aufsuchen und
sie ermuntern; er muß die Sitten eines ganzen Volcks um-
faßen; dem Ausbruch des Lasters durch strenge und gute
Anstalten vorbeugen, Religion und Tugend allgemein machen;
Künste und Wißenschaften ins Land ziehen, der Handlung und dem Ge-
werbe einen Schwung geben. – Er darf nicht bloß dem müden
Arbeiter den dürren Bißen in Ruhe verzehren laßen, den
er sich im Schweiß seines Angesichts errungen hat. Nein
er muß ihm auch selbst Mittel und Wege zum Erwerb, zum
Uiberfluße und zum Reichthume zeigen, und ein Feld er-
öfnen, aus dem er nicht bloß Dornen und Disteln ausjä-
ten darf. –

Ein Fürst, der auf diese Art seinen Obliegenheiten
ein genüge thut, braucht als denn sein Schwerd nie
zu neuen Eroberungen, sondern nur zum Schuzze
des Vaterlands – Er braucht nie sein Heer, das Heer
mutiger Krieger, zum Werkzeug des Elends und
der Verwüstung von Städten, und Fluren. – Er selbst
an der Spitze seiner Armee, ist weniger Held, aber desto
mehr Engel und Schutzgeist seiner Provinzen. Er ist
zufrieden, wenn er die Schwerter fremder Krieger
von seinem Lande abhält. – Er verbindet Gnade
mit Weisheit, Weisheit mit Gerechtigkeit, Gerechtig-
keit mit schonender Nachsicht. Er ist immer nur
Vater und Freund seines Volcks. –

Dies nur ist der Glanz, der den Fürsten über
die Fürsten erhebt. Dies die wahre Pracht, die
ihm Bewunderung verschaft, – und in den Herzen|<8>
der Untertanen das Denkmal der Liebe errichtet. –
Aber wenige betreten diesen Weg, um sich auf ihm Ehre
und Ruhm zu erringen. –

Der Fürst, der bloß Erstaunen, und Bewunderung er-
ringen will, setzt sich nach Machiavells Grundsätzen zum
Ziel heroische Thaten, denkt sich seine Untertanen
für sich erschaffen, und nicht sich für seine Untertanen. –

Nicht mehr Ehrbegierde sondern Ruhmsucht und Eitelkeit
sind die Triebfedern so mancher Helden oder vielmehr Tyrannen. –
Schweig sagte jener Weise zum Alexander, der ihm er-
zählte, wie viele Schlachten er gewonnen, wie viele
Tausende sein Schwerd erwürget, wie viele blühende
Städte er in Aschenhaufen verwandelt, wie viele
fruchtbare Fluren er verheert; schweig, erzähle mir
lieber, wie viele Du glücklich gemacht. – Wofern du
das nicht kannst, so rühme dich nicht, sonst hören es die
Götter und strafen einen solchen Bösewicht. –
Hier ist Erstaunen aber nicht Liebe.

Tyrannei ist es die man dem Fürsten predigt, wenn man
ihm einbildet, es sei beßer gefürchtet, als geliebt zu
werden. Man macht ihn zum Bösewicht, wenn man ihn zu
überreden sucht, daß das ganze menschliche Geschlecht, un-
dankbar, falsch, heimtückisch, eigennüzzig, und unbeständig sei.
Man schärft ihm ein; die Natur des Menschen sei ganz
verdorben – aber wie unbillig handelt man da nicht. Die Natur
des Menschen ist noch nie von ihrer Vollkommenheit so tief herab-
gesunken, daß sich gar nichts gutes bei derselben finden liese.|<9>
Die Welt würde eine Hölle sein, wenn ein jeder so viel
Bosheit in seinem Busen tragen solte, als man vorgibt. –
Wahr ist es, es giebt Ungeheuer unter den Menschen, wovor
man erschrickt. Allein so wenig man von der Dummheit und
Einfalt einiger auf alle schliesen kann, eben so wenig ist man
befugt dem Fürsten einzubilden, daß alle seine Untertanen
auf einer gleichen Stufe der Bosheit stünden. –

Zur Ehre der Menschheit behaupte ich, daß, wenn man
auf das abgefeimteste Bubenstük einen Preiß
sezte, Niemand denselben erlangen würde. – Ein neuer
Beweiß, daß die Menschheit noch nicht so verrucht ist, als man vorgibt.
Man kann zugeben, daß im Staate undanckbare,
träge, falsche, verläumderische Unterthanen, Räuber
und Mörder angetroffen werden – Aber wie gering ist ihre
Anzahl. Noch immer wird ein Fürst danckbare, fleisige,
arbeitsame, rechtschaffene, grosmütige Bürger haben.
An ihm liegt es, ob er recht viele haben will. –
Belohnung, Huld und Gnadenbezeugungen gegen
verdienstvolle Bürger werden den Trägen und Nachläßigen
und Furchtsamen aufmuntern, jenen, die der Fürste
liebt, ähnlich zu werden. –

Gesezt, doch immer zugestanden, daß alle Untertanen
gleiche Bösewichter wären, soll denn so gleich durch
die Gewalt eines fremden Kriegsheers, wie die
Lehrer einer falschen Staatskunst den Fürsten anraten,
seinen Untertanen die Furch gegen sich einjagen, oder
soll er nicht drauf [?] bedacht sein, solche Bösewichter zu ver-
beßern? Wie gefährlich ist nicht jenes Mittel, worauf
der Regent die Sicherheit seines Thrones stüzzen will.|<10>
Man laße dem Fürsten unter einem scheinbaren Vor-
wand durch auswärtige Truppen seine Staaten plündern,
und seine Bürger ermorden, damit er seinen Unter-
thanen Furcht gegen sich einjage, um desto zügelloser herr-
schen zu können! Wird nicht aus dieser sklavischen
Furcht, Haß und Feindschaft entspringen? –
Und die Bosheit ist alsdenn sinnreich genug,
Mittel ausfindig zu machen, ihm den Dolch mitten
unter dem Schutz seiner Leibwache ins Herz zu
stosen. –

Ludwig den XIVtn,[3] schützte vor Damiens[4] Bosheit die
Leibwache nicht, und Stanislaus[5] entkam den Händen seiner
Mörder nur allein durch die Vorsehung, die über unser
Leben wacht. –

Und wer sind dieser Prinzen? Väter des Vaterlands
Wohltäter ihrer Untertanen. Sind diese nicht einmal
ihres Throns, und sogar ihres Lebens bei allen
Wohlthaten gegen ihre Untertanen sicher, wie wenig
wird es der Fürst sein, der auf Leichen er-
würgter Untertanen seinen Thron stüzzet. –

Und was für Verehrungen kann ein Fürst erwarten,
der nicht geliebt wird. Man wird ihm die Knie beu-
gen, aber im Herzen fluchen. – Man wird seinem
Befehl gehorchen, aber aus Furcht vor der Züchtigung,
die seine Grausamkeit erdenckt. Man wird ihm mit
der einen Hand seinen Tribut bezahlen, aber mit der
andern die Kaße bestehlen. –

Man nehme dem Fürsten, der nach dieser falschen
Staatskunst erzogen wird, sein Kriegsheer, man nehme
ihm die Werckzeuge seiner Hoheit, die Henkersknechte,
Spott, Schaam und Verachtung werden von allen Seiten
auf ihn hereindringen. Sobrius Flavius sagte
nach Tacitus Zeugniße,[6] dem Nero unter die Augen:
Du hast keinen getreuern Soldaten gehabt, als mich, da
du noch verdientest geliebt zu werden, aber nun
haß ich dich, nachdem du ein grausamer Mörder
geworden. Der weise Antonius[7] sagte kurz vor
seinem Tode zu seinen Freunden, denen er seinen Prinz
Commodus[8] anvertraute, sagt meinem Sohn, daß die Reichtümer
der ganzen Welt für die Verschwendung eines
Tyrannen zu wenig sind, und daß ihn keine Trabanten
vor dem Haße der Untertanen schützen könnten.
Ein weiser Fürst, der sein Volk liebt, herrscht nicht
über Sklaven, die aus Furcht alles tun, was er
gebietet, sondern regiert über ihre Herzen. Mächtig
durch ihre Liebe ist er ein Freund und Vater seiner
Untertanen, deren Wohlfart das einzige Ziel seiner Wünsche
und Bestrebungen ist. –

Notes

  1. Erfurt
  2. 1786
  3. Gemeint ist Ludwig XV., geb. 15. Februar 1710 in Versailles; gest. 10. Mai 1774 ebenda, vom Volk „der Vielgeliebte“ (frz. le Bien-Aimé) und später „der Ungeliebte“ (frz. le Mal-Aimé) genannt, 1710–1715 Herzog von Anjou, von 1715 bis 1774 König von Frankreich und Navarra.
  4. Robert-François Damiens oder Damien, geb. 9. Januar 1715 in La Thieuloye bei Arras; spektakulär hingerichtet am 28. März 1757 in Paris, verübte 1757 ein fehlgeschlagenes Attentat auf den französischen König Ludwig XV.
  5. Stanisław II. August, eigentlich Stanisław Antoni Poniatowski, geb. 17. Januar 1732 in Wołczyn, heute Woutschyn (Воўчын), Weißrussland; gest. 12. Februar 1798 in Sankt Petersburg, war ab 1764 König von Polen und Großfürst von Litauen, bis zu seiner Abdankung 1795 gewähltes Staatsoberhaupt von Polen-Litauen. Insbesondere durch die polnische Verfassung von 1791 ging er in die Geschichte als bedeutender Aufklärer ein. Entging 1771 einem Attentatsversuch. Kupfer DHM
  6. Subrius Flavus, Tribun in der Praetorianer Garde und verstrickt in die Pisonische Verschwörung gegen Nero wurde 65 vor Chr. hingerichtet Tacitus schreibt darüber in den Annalen 15,48-74.
  7. Mark Aurel, geb. 26. April 121 in Rom; gest. 17. März 180 in Vindobona oder eventuell Sirmium, von 161 bis 180 römischer Kaiser und als Philosoph der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa. Als Princeps und Nachfolger seines Adoptivvaters Antoninus Pius nannte er sich selbst Marcus Aurelius Antoninus Augustus.
  8. Commodus (geb. 31. August 161 in Lanuvium; gest. 31. Dezember 192 in Rom) war römischer Kaiser von 180 bis 192. Der Name wechselte mehrfach: geboren als Lucius Aurelius Commodus, hieß er ab Erhebung zum Mitkaiser 177 Imperator Caesar Lucius Aurelius Commodus Augustus, bei der Übernahme der Alleinherrschaft im März 180 Antoninus übernahm er schließlich im Oktober desselben Jahres auch das Pränomen seines verstorbenen Vaters Mark Aurel: Caesar Marcus Aurelius Commodus Antoninus Augustus. Sieges- und Beinamen kamen hinzu, ab 172 Germanicus, 175 Sarmaticus, 177 Pater Patriae, 182 Germanicus Maximus und schließlich 184 Britannicus. 183 erscheint in der Titulatur erstmals der Beiname Pius und 185 Felix. 191 legte er die Namensbestandteile seines Vaters wieder ab, übernahm dafür aber den Gentilnamen Hadrians: Imperator Caesar Lucius Aelius Aurelius Commodus Pius Felix Augustus.