1787-05-06 Lenz (Justus Lipsius): QL: neue Vorschläge

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Commentary

Transcript

Andrus d. 6. Ardibehescht 1157.

Für Ihre vortreffliche antwort auf meine letzten Q.L. sage ich Ihnen,
Erlauchter Oberer, den verbindlichsten dank. Nie lese ich Ihre bemer-
kunge, erinnerungen und ermahnungen ohne innigste theilnahme
und rührung, nie ohne mich aufs neue vom eifer für einen so guten
O[rden] durchdrungen zu fühlen, nie ohne die feurigsten entschlüsse, gu-
tes zu thun u[nd] darin nicht müde zu werden, aufs neue zu fassen.

Auffallend ist die gar nicht tröstliche bemerkung, daß, trotz der aufkl-
rung unserer tage und der vereinigten bemühungen der vormünder der
menschheit, der unsittlichkeit in geselschaftlichen Gesprächen zu steu-
ern, dieses übel sich nicht nur nicht vemindert sondern wohl gar
vermehrt habe. Im neuesten stück Moritz-Peckelschen Magaz[ins] z[ur]
Erfahrungsselenkunde[1] las ich unlängst einen interessanten aufsatz der
in psychologischer hinsich den gründen dieser negung nachspürte.
sehr wohl hat mir Kampens[2] vorschlag in seiner reisebeschreibung ge-
fallen, eine commission alerwärts niederzusetzen, die auf das betragen
gegen reisende, besonders gegen frauenzimmer, strengte aufsicht hielt,
u[und] alle beleidigungen scharf ahndete.

Mit vergnügen melde Ihnen, daß sich unser kleiner circle von brüdern
durch br[uder] Gronov[3] in einem hause wohnt, vermehrt hat. Möchte doch unser
Marc Antonin[4] dahin zu bringen seyn, wieder ordentliche O[rdens]versamm-
lungen zu halten, u[nd] diesem nützlichen institut sich nicht durch
vieleicht zu weit getriebene besorgniß zu ganz entziehen! Itzt erlauben
Sie mir, Ihnen einen jungen mann vorzuschlagen, den ich zwar erst|<2>
seit einigen monaten persönlich kenne, aber so kenne, daß ich ihn mit der größ-
ten zuversicht Ihrem O[rden] empfehlen zu können glaube. Es ist ein junger forst-
mann, Brenneke[5] aus Jühnde einem Hannöverischen amte bey Transfeld
das dem Landdrost v. Grote. der in Peterkese bey Hannover wohn, gehört, [es]
liegt 3 stunden von Andrus. Der Vater des jungen mannes ist der dasi-
ge Förster, ein mann der sich um das praktische des forstwesens sehr
verdient gemacht hat. Ich lernte den sohn, der jetzt gehülfe seines
alten vaters ist und zugleich mit dem dasigen amte arbeitet, in
andrus als einen mann von sehr santftem charakter, viel bildung, u[und]
auserordenicher bescheidenheit, kennen: wurde aber noch mehr für ihn
u[nd] seine ganze familie eingenommen, als ich zu Ost[ern] einige tage mich
dort aufhilt. Wider forstmänner hat man immer das nicht ganz ungegrün-
dete vorurtheil, daß sie von rauhen sitten u[nd] wildem wesen sind. Hier
fand ich das gegentheil sowohl bey den liebreichen, freundlichen alten,
Als bey den nicht minder liebenswürdigen kindern; ja sogar belebt
der geist der sittsamkeit u[nd] bescheidenheit alle ihre lehrbursche. Den
sohn, von dem ich spreche, schätze ich 25-28 Jahre alt. Er hat die gründ-
lichsten kenntnisse in seiner wissenschaft u[nd] in der mathematik. Er
hat die forste seines reviers aufgenommen, hat sich eine schöne
sammlung von hölzern gemacht, u[nd] sammelt itzt für sich zu einer
praktischen schrift über die holzarten nach dem plane des gleditschi-
chen werks[6] Ich fand bey ihm einige kleine M[au]rerschriften, u[nd] be-
merkte an ihm die begierde M[au]rer zu werden, lediglich in der absicht
um durch verbindung mit andern braven männern mehr zu lernen
Noch zeichnet er sich durch helle ensichten in die religion u[nd] moral,|<3>
und überhaupt durch einen hellen bick in allen dingen u[nd] gesunde urtheile
aus. Seine einsichten stehen mit sinem lebenswandel in keinem widerspruch.
Außer diesem habe ich noch einem in Butus sich aufhaltenden jungen mann
Ihnen in Vorschlag zu bringen, namens Huschke[7] aus Sachsen, der in der
Schulpforte,[8] u[nd] hierauf in Jena mit mir philologie u[nd] schöne wiss[enschaften] studirt hat.
Er gieng vor einigen Jahren nach Liefland in condition, u[nd] kam vor[igen] herbst
von da mit seinen zöglingen wider nach Butus, wo er noch itzt die hofmei-
sterstelle begleitet u[nd] sekretär der lat[einischen] gesellschaf[9] ist. Ich u[nd] mehrere brüder
des O[rdens], besonders br[uder] Oldendorp, wünschen ihn mit uns vereinigt zu sehen, u[nd] glauben, daß er dieser verbrüderung würdig sey. Außer ei-
nem sehr offnen kopf, gesundem richtigen urtheil, einem sanften
wohlwollenden herzen, besitzt er kenntnisse, die ihn in seinem fache
der philologie, besonders critik u[nd] ästhetik, zum schriftsteller qua-
lificiren.

Künftigen monat denke ich Ihnen die beantwortung der mir aufgegebenen fragen, nach meinen geringen kräften, einreichen zu
können, der ich übrigens mit der größten ehrfurcht verharre

Erlauchter Oberer

Ihr

gehorsamster
Justus Lipsius

Anmerkungen

  1. Friedrich Heinrich Adolph Schlichtegroll
  2. Marcus antonius wäre Bernhard Wilhelm Hardt - eine unwahrscheinliche Besetzung. Wahrscheinlicher ist Marcus Aurelius, Feder
  3. Brenneke
  4. Immanuel Gottlieb Huschke