1787-06-29 Wahl (Castellio): QL

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Kommentar

Transkript

Man gab mir ohnlängst die Vorschrift über folgende
Säze nachzudenken ,,was ist das Wesen der Rchtschaf-
fenheit und Tugend. 2) Was hat die Religion für Ein-
fluß auf sie 3.) In wie fern kann Tugend nicht
gerecht werden, ohne positive Religion? ,,
Was ich hierüber gedacht habe und nachdenken
werde, soll in diesem Zettel von nun an

  1. scheinen.


Es klingt immer etwas wunderbar, wenn ein Mit-
glied der Academie zu Petersburg bey Zerglied-
erung der alten Definition der Tugend glaube:
daß die Bedeutung des Wortes Tugend keiner
genauren Bestimung fähig sey, weil verschiedene
Definitionen zu verschiedenen zeiten, verschiedene
Begriffe davon verbunden hätten. Siehe Be##
Monatsschrift 1786 December.
Sieht der Mann damit blos auf heidnische
Völker, so kann ich eins wohl einigermasener-
klären, wie es möglich sey daß der Begriff
von Tugend so verschieden und unbestimmt
ausfallen müße. |<11115002>

Da Tugend immer Beziehung auf Gottheit und ihren
Willen hat und haben muß wenn sie Tugend
seyn soll; so konnte wohl bey der Menge ihrer
Gottheiten und bey deren oft selbst so unarti-
gen Handlungen ihres Willens, eigentliche Men-
schentugend nicht anders als verschieden, und
eben so verschieden als die Tugend ihrer
Götter selbst seyn. Wie also auch anders
der Begriff und die Bedäutung des Wortes:
Tugend? _
Aber es unter Völckern, die die Einheit ei
nes Gottes erkennen und nächst dem Lichte der
Vernunft desjenen und nur allein, und natürlich
oft d## genug leuchtete, auch das Licht
der Offenbarung verehren, der Fall der VEr-
schiedenheit des Tugendbegrift statt habn
sollte; ist eine andere Frage. _
Mich dünkt es wäre unter uns selbst
übel genug, daß man den Unterschied
zwischen vernünftiger und ohnchristlicher
Sittenlehre noch duldete. Ist etwa |<11115003>

die christliche Sittenlehre unvernünftig, weil jenes
die Vernünftige ist?
So wie uns eine wahre Tugend ist und seyn
kann; so dächt ich so## es auch nur eine Tugend
lehre geben; und die genaueste Vereinigung
von beyden ## sich ohne Zweifel, da beyde
Vernunft und Offenbarung, Himmelskinder sind,
geschwisterlich vertragen. *
Daß die Bedäutung des Wortes Tugend keiner genauern
Bestimung fähig sey, weil verschiedene Völcker verschiedene
davon gedacht und mancherley Begriffe damit ver
bunden hatten; klingt fast eben so, als wenn
man beweißen wollte; daß darum keine
Tugend in der Welt sey; weil man vor ihr
oft in solchen Ausdrücken redete und schrieb
die zu weilen auch in einem üblen Sinn ge-
braucht werden ##: die Wollust des Epicurs.

  • Auf Academie wird nach meinem Gedanken dadurch

eine gute Zeit verdorben, daß man erst und ##
sonderst Vernünftige oder philosophische und dann ohnchristliche
Moral hört; das sich aber nicht zu gedenken, daß der
ange## Juriste, Medic## Philosoph, den ohnchristliche |<11115004>

Moral ## wird, weil er sie nicht für sich; sondern
nur für den angef## Theologen bestimmt
glaubt.
Fortsetzung folgt.
Picenz
d. 29. Chordad
1157.
Castillio.|<11115005>

Anmerkungen