1787-07-07 Gadow (St. Evremont): Sind die Wissenschaften, und Gelehrsamkeit als zwey verschiedene Dinge anzusehen?

From Illuminaten-Wiki
Jump to: navigation, search


  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-103
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Sind die Wissenschaften, und Gelehrsamkeit als zwey verschiedene Dinge anzusehen? Und wenn ihre Begriffe verschieden sind, worin liegt die Verschiedenheit? Wie wäre ihr Werth gegeneinander zu bestimmen, und was für Klugheitsregeln ließen sich wohl in Ansehung der Erwerbung derselben für den, der sich ganz den Wissenschaften widmet, für den, der sie nur der Ausübung wegen erlernt, und für den, der sie zu seinem Gewinne eigentlich nicht zunächst braucht, feststetzen?"
  • Autor: Zuweisung nach Schriftvergleich Hans Ulrich von Gadow (St. Evremont)
  • Datierung: Butus 7. Tir 1157 also Jena 1787-07-07
  • Bearbeiter: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: 5155-5170 (mit Wiederholungen)

Commentary

Hier ist noch ein Schriftvergleich durchzuführen insbesondere unter den Jenaer Schriften.

Der Aufsatz ist eher flach in seinem Ergebnis, es gibt hier keinen durchgreifenden Unterschied zwischen Wissenschaftlern und Gelehrten. Die heutige Differenzierung, dass Wissenschaftler mit Forschung befasst sind, Wissen schaffen, und dass Gelehrte ihr Wissen durch die Lehre und damit Lektüre gewinnen, greift hier kaum im Ansatz, dort, wo es am Schluss um die Wissenschaften als Mittel zum Zweck geht – der Zweck ist dabei die Gelehrsamkeit, vordem eingeführt als die große Qualität, mit der sich der Mensch über das Tierreich erhebt.

Im Großen und Ganzen ist hier eher quantitativ differenziert: Wissenschaft ist Wissen über einen Gegenstand, den Gegenstand der jeweiligen Wissenschaft. Gelehrsamkeit greift aus. Dem Gelehrten ist in einem Fach nichts fremd, sie ist das Ganze und das Große, wo Wissenschaft der kleine Teil ist.

Dürftig und Teil des Mangels ist die Reflexion wie es zu Wissen kommt – sie fällt für beide Bereiche gleich aus: durch Empirie und Vernunftschlüsse wird alles Wissen hergestellt. Es kann unter dieser Prämisse letztlich hier zu keiner weiteren Differenzierung kommen, geschweige denn zu einer Abrechnung moderner Wissenschaften mit krauser (barocker) Gelehrsamkeit.

Der zweite Teil des Aufsatzes gilt den Klugheitsregeln, die bestehen sollen, um Wissenschaften und Gelehrsamkeit – hier wird nun nicht länger unterschieden – zu erlangen. Die neue Unterscheidung gilt den Klassen von Menschen, die sich den Wissenschaften widmen. Alle sollten das tun und dabei den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen gerecht werden. Wer Wissenschaft zum Broterwerb benötigt, sollte neben der erforderten Hauptwissenschaft eine Nebenwissenschaft betreiben, um nicht in ein unfruchtbares System des Denkens zu fallen. Der Wissenschaftler von Beruf wird dem Gärtner und der Biene gleichgestellt – hier blüht eine eigene unausgegorene Poesie der schönen Gleichnisse:

    Aehnlich einer ämsigen Bienen, die kein Blüm- chen des blumenreichen Thals vorüberschwärmt, ohne daraus den Saft in sich zu schlürfen, den sie weil ihre Genoßen zur süßen wohlschmeckenden Nahrung sich bereiten, will auch er alles was ihn auf seiner Wall- fahrth nach Kenntnißen aufstößt.


Transcript

Butus am 7. Tir 1158[1]



Sind die Wissenschaften, und Gelehrsamkeit
als zwey verschiedene Dinge anzusehen? Und
wenn ihre Begriffe verschieden sind, worinn
liegt die Verschiedenheit? Wie wäre ihr Werth
gegen einander zu bestimmen, und was für Klug-
heits-Regeln ließen sich wohl in Ansehung der Er-
werbung derselben für den, der sich ganz den
Wissenschaften widmet, für den, der sie
nur der Ausübung wegen erlernt,
und für den, der sie zu sei-
nem Gewinne eigentlich
nicht zunächst braucht,
feststetzen?

__



Es ist eine überaus angenehme Wahrheit
meine Brüder, welche mehr als alles im
Stande ist, uns auf den Namen eines
Menschen stolz, und für die Würde un-
serer Gattung recht fühlbar zu machen,
daß unser Geschlecht unter allen empfin-
den Wesen dieses Erdballs das einzige
ist, welches mit dem Empfindungs-Vermögen
noch die weit edlere und schätzbarere Denk-
kraft verbindet, welche uns erst lehrt von
den äußern durch die Sinne erlangten|<2>
Empfindungen und Eindrücken den besten und
zweckmäßigsten Gebrauch auch zu machen.
Sie ist es, welche uns fähig macht die Spu-
ren der Gottheit in der Schöpfung des Welt-
alls beynahe bis ins unendliche zu ver-
folgen, die unverschattet ihre Wahrheiten
von Größe und Zahl auf allgemeine
Grundsätze zurückzuführen, und über alle
Gegenstände, sehen sie nicht ganz außer
unserem Gesichtskreise liegen, meistentheils
hellers Licht, allemal wenigsten ein dem
ähnliche Dämmerung zu verbreiten.
So mannigfaltig nun diese Gegenstände
sind, so mancherley ist denn auch die Art
und Weise sie zu beobachten, zu unter-
suchen und ihre Natur und Eigenschaften
zu erforschen, so verschieden und mancherley
also auch die Beschaffenheit der Erfahrungen
und Kenntnisse, die wir dadurch erlangen.
Das ganze Feld des menschlichen Wißens
läßt sich jedoch hauptsächlich in zwei Abthei-
lungen bringen. Die erste begreift
die Wahrheiten die uns unmittelbar
durch die Erfahrung mit Hilfe unserer|<3>
Sinne gelehrt worden sind; die 2te aber
machen denjenigen aus, von welchen
wir uns erst durch Vernunftschlüße a
posteriori sowohl als a priori überzeugt haben.
Reine Reihe solcher Verfahren beyder Art
welche mit einander in genauer Bezie-
hung und Verbindung stehen, und gleichartige, wenigstens
nicht ganz heterogene Gegenstände betreffen,
machen eine Wissenschaft aus, und
vollständige Kenntniß derselben, wenigstens
zum gröstten Theil nebst einer deutlichen
Einsicht in ihren Zweck und Zusammenhang
wird erfodert, um von einem Subject
sagen zu können, daß es diese oder jene
Wißenschaft inne habe oder besitze.

Wer nun mehrere Wissenschaften besitzt,
oder wenigstens nicht ganz geringe Kennt-
nisse darin hat, von dem sagt man, daß
er Wißenschaften habe, wiewohl der Sprach-
gebrauch diese Benennung auch auf diejenigen
ausdehnt, die in vielen Wißenschaften etwas
ohne Ordnung und Zusammenhang wissen,
und doch in keiner etwas zu leisten
im Stande sind.

Gelehrsamkeit hingegen würde ich|<4>
den vereinten Besitz mehrerer Wißenschaften
nennen, welche derjenige, der auf den
Namen eines Gelehrten Anspruch machen
will, so zu eigen gemacht haben muß, daß
ihm nichts in dem ganz Gebiete derselben
fremd und unbekannt ist, vielmehr alle
Wahrheiten und Begriffe die damit in
Verbindung stehen, mit seinen Gedanken-
system so verwebt sind, daß er sie gleich-
sam als sein Eigenthum ansehen kann.
Ein eigentlicher Gelehrter sollte in
keiner Wißenschaft überall fremd seyn,
sondern auch außer dem den Haupt-
Gegenstand seines Nachdenkens aus-
machen, wenigstens due allgemeinsten
Grundsätze, und die ersten Begriffe der
übrigen sich auch zu erwerben suchen;
Ueberhaupt ist der Name eines Gelehrten
ein so wichtiger, vielsagender Name,
daß einst ein Kardinal zu Rom einen
reisenden Teutschen auf die Aeußerung
daß er ein Gelehrter sey, voll Befremdung
die passende Frage that: Ein Gelehrter sind
Sie? Wer ist ein Gelehrter?[2]

Es kann jedoch auf diesen Namen auch|<5>
derjenige nicht unbillig Anspruch machen,
der auch nur eine Wißenschaft nebst den
damit verbundenen und verwandten Kent-
nißen mit vorzüglicher Gründlichkeit
inne hat, und etwas außerordentliches
darinne leistet.

Dieß m[eine] B[rüder] ist die Verschiedenheit,
welche meines Erachtens in den Begriffen
von Wissenschaften und Gelehrsamkeit
liegt, und wodurch die beste Grenzlinie
zwischen beyden gezogen zu haben glaube
obschon mir nicht unbekannt ist, daß
diese Ausdrücke im Sprachgebrauch des
gemeinen Lebens in gar verschiedenen
gleichbedeutenden und entgegengesetzten
Sinne genommen werden, welches aber hier, wo
es auf Bestimtheit und Festigkeit der
Begriffe ankomt, nicht in Betrachtung
zu ziehen ist. – Der Werth der Wißen-
schaften gegen den der Glehrsamkeit ist nun
ohne Schwierigkeit zu bestimmen; er ist nemlich
der des Theil gegen das Ganze, des Ge-
ringen gegen das Größere, der Mittel
gegen den Zweck, und wird dadurch noch mehr
festgesezt, daß es wohl möglich ist Wißenschaften
ohne Gelehrsamkeit zu besitzen, aber nicht im
umgekehrten Fall auch ohne Wißenschaften
gelehrt zu seyn.|<6>

Was nun noch die Wissenschaften der Sitten-
lehre und die Klugheit bey Erwerbung
der Wißenschaften und der Gelehrsamket.
so lassen sich solche wie mich dünkt, am
besten auf folgendes zurückführen. Da
die Vervollkommnung seiner selbst und
anderer der erste Zweck jedes Menschen
ist, und diese hauptsächlich und am besten
eben durch die Erwerbung nützlicher Kennt-
niße befördert, und durch die immerwährende
Vermehrung derselben endlich erreicht werden
kann, so ist es schon im Allgemeinen die
Pflicht eines Jeden nach seiner Lage und Kräften,
sich dieser Mittel so viel möglich zu bedienen,
wodurch er seine Denkkraft schärfen und erhöhen,
seine Erfahrungen vermehren, seinen Geist
ausbilden und von Vorurtheilen reinigen
kurz sich selbst der höchstmöglichen Stuffe
der Vollkommenheit am nächsten bringen,
und eben dadurch sich in den Stand setzen kann
auf die Beförderung de Wohl und der Voll-
kommenheit anderer mit gutem Erfolge
bedacht zu seyn. Daher hat auch derjenige
der nach seiner Lage und Umständen eben
nicht genothiget ist die Erlangung der
Wissenschaften zu einer Quelle seines Unterhalts|<7>
zu machen, noch immer Bewegungsgründe genug,
nicht ganz Fremdling in dem Gebiete der-
selben zu bleiben, sondern sich denjenig[en]
Theil desselben herauszuheben, auf den seine
Wahl bey einer summarischen Uebersicht,
theils in Rücksicht des Nutzens, welcher, welcher für ihn
und andere daraus erwachsen könnte,
theils in Betracht der angenehmsten und
zweckmäßigsten Beschäftigung, und der
seinem Geiste am meisten angemesse-
nen Nahrung vor allen andern gefallen ist.
Diesen muß er fodern nach Masgabe seiner
Fähigkeiten, Neigung, Absichten und Zwecke
erlernen durchdenken, und o möglich durch
eigenes Forschen und Untersuchen ver
mehren und erweitern. – Wenig
anders verhält es sich mit dem der blos um
der Ausübung willen eine Wissenschaft
erlernt. Auch er muß such mit derselben nach
ihren ganzen Umfang bekannt mahen,
von den ersten Grundsätzen ausgehen, und
darauf zurückführen, denn nichts ist zu
begründung einer guten und nicht schwan-
kenden Theorie besser und anwendbarer|<8>
als eben dieß, weil man nur den dem
was auf Grundsätzen beruht, sagen
kann, daß es wahr und unumstößlich
sey. Es ist auch dieß für ihn um so noth-
wendiger, weil eine Ausübung ohne Theorie
eben so wenig denkbar ist, als eine bloße
Theorie ohne Praxis einigen Nutzen für ihn
haben kann. Neben einer ausführlichen
Kenntniß seiner Brodwissenschaft aber, wäre
einem solchen noch sehr zu empfehlen, daß
er zur Abwechslung, eine andere Ne-
benwissenschaft sich erwählte, welche
jedoch wo möglich einigen Bezug auf
sein Hauptstudium haben müste, und
darauf die Muße verwandte, welche ihm
sein Beruf übrig läßt. Es würde durch
deises Mittel einer gewissen Einseitigkeit
und Einförmigkeit welche sonst in sei-
nen Gedankensystemen leicht entstehen
könnte, am leichtesten und besten
vorzukommen seyn.

Um endlich auf den zu kommen, der sich
ganz den Wißenschaften widmet, so
würde dieses gerade derjenige seyn, der
am wenigsten einer Vorschrift zur|<9>
Auswahl und Erwerbung seiner Kennt-
nisse bedürfte. Das ganze weite
Feld der Wißenschaften, liegt vor ihm
offen, er durchwandelt es, so weit sein Fuß
in diesem Leben ihn tragen kann. Kein
Pläzchen darin darf ihm fremd, keine Quelle
zu erhebender Schätze unbekannt bleiben.
Aehnlich einer ämsigen Bienen, die kein Blüm-
chen des blumenreichen Thals vorüberschwärmt,
ohne daraus den Saft in sich zu schlürfen,
den sie weil ihre Genoßen zur süßen
wohlschmeckenden Nahrung sich bereiten, will
auch er alles was ihn auf seiner Wall-
fahrth nach Kenntnißen aufstößt. Kein
Wurm ist so gering, keine Pflanze so unbedeutend,
daß sie nicht lehrreich, nicht die Quelle neuer
Erfahrungen für ihn werden sollten. Wie ein
sorgsamer Landmann seine Felder bebaut,
um von allen den größtmöglichen Nutzen
zu ziehen, so bebaut er mit ähnlicher Sorgfalt
die Gefilde der Wissenschaften, keines,
so weit sein Auge reicht, läßt er brachliegen,
alle tragen ihm die herrlichsten Früchte.
Doch vor allem erwählt er sich ein Pläzchen
seines Gebiets – Neigung und größere |<10>
Fruchtbarkeit bestimmen seine Wahl. Dieses
wird unter seinen Händen bald zum blü-
henden Garten. Blumen und Früchte
aller Art findet man da in Menge bey-
sammen, keine die der Boden erträgt, sucht
man vergeblich. Vergnügungen und
Nutzbarkeit sind hier wie unzertrennliche
Schwestern vereinigt; und jeden Freund
des Schönen und Nützlichen entfährt der
Wunsch: Möchte es solcher Gärten viele,
viele so sorgsame Gärtner geben!

__

Notes

  1. Jena, 7. Juli 1787.