1787-08-30 Wahl (Castellio): QL

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Kommentar

Transkript

Ich habe demnach gesagt: Tugend sey möglichste Thätigkeit, pp
und nach diesem Begriff kann auch der einfältigste, wenn
er will noch tugendhaft seyn.
Wo ich aber nicht irre, so glaube ich gehört und gelesen
zu haben, daß man Tugend ohne Zweifel auf Kosten
der G##wirkungen |für eine Fertigkeit ##
erklärt, und ## Mensch möchte ia wohl
eigentlich tugendhaft seyn? Wo möchte man
auch unter den Besten und Edelsten einen reinen
im höchsten Verstande dieses Wortes finden?`wer
mag sagen dieser Mensch ist edel * der Tugend ##
der, wenn er viel zu schwach und unaufgeklärt ist
Gottes Geseze nach ihrer Ausdehnung und nach ihren
Umfange zu kennen, unmöglich tugendhaft seyn
kann, wenn Tugend Fertigkeit senyn soll, nach
Gottes Gesezen zu handeln? diese Fertigkeit ist
ohne Zweifel höhren unbesch## Geister-
aufbehalten, und kann von der ersten stufe
vernünftiger Wesen, schwerlich allgemein erwartet
werden. _
Tugend ist möglichste thätigkeit nach Gottesgesezen ##.
Ich verstehe unter dem Ausdruk möglichst, nicht was
an sich betrachtet, sondern unter Umständen | der Erziehung
etwa u.d.g.| diesem oder jenem Individuum möglichstes
Bestreben und seyn kann nach Ottes ##

  • Jerusalems Betr: d. ## wahrh. der ## ##. 1 p. 69.

das Ideal dieser moral. Schönheit |der Tugend| findet sich nie

    1. sie ist wie ihn der königl. natur 
      vertheilt. _ |<11115014>


Wenn demnach der einfältige von Gottes willen und
Gesezen nur so viel wüste: Gott vertrauen fleisig
bethen und eben so fleisig seinen Beruf abwarten macht
den Menschen in diesem Leben glüklich, und hat von
Gott für das Leben nach dem Tode Versprechungen eines
Lohns erhalten; und wandte unter allen Umständen sei
ne Kräfte wirklich auch dazu an; so wär er tugend
haft, denn er hätte nach möglichsten Kräften, nach
dem was er von Gottes Willen wuste, thätig sich
erwiesen. Freilich gebe ich zwar zu daß diese
möglichste Thätigkeit nach Gottes Gesez zu handeln
auch den möglichsten Fleis Gott und sein Gesez
zu kennen _ und die Bewegungsgrunde sich eigen
zu machen, warum man diese Geseze erfüllen
müße, vorausseze und in sich begreife, denn
freilich kann und wird der weisteste Gesezgeber
von dem, dem wenig gegeben ward, auch und we-
nig fordern. Das sagt auch der höchste Gesezgeber
der Christen, wenn er versichert: daß auch der

    1. kalten Waßers, gesezmäßig, oder dem

Gesez der Liebe gemäß dargereicht, seine Beloh-
nung habe. ein überaus schönes Gedicht
über Tugend, schön nach seinem Gehalte si
wohl als nachs einen treflichen ##bau, ver-
eint hier aus Gleims Halladat p. 84.
nachgelesen zu werden, weil es iedem Leser er-
freuen wird _ erfreuen muß. Ich schreibe |<11115015>

dochs einer Länge wegen, nur einige St## daraus
hier nieder.
Tugend ist:
dem Nackenden von zweien Linnen eins
um seiner Blöße selbst ihm schmiegen, und
von zweien Broden eines dem Hungrigen
darreichen, und aus seinen Quell dem mann
der frisches Wasser bitte, einen Trunk
selbst schöpfen, flöß er noch so tief im thal ##
Ihr meine lieben Menschen Tugend ist:
dem Gotterschaffenen Erhalten seyn,
dem Lebendigen das Leben ##isten, rohen Stoff
umwanden, so daß er durch neuen Fleis
einst Leben zu dem Leben bringen muß.
Ihr meine lieben Menschen, Tugend ist:
die summe dieses Guten, welches Gott
in seine Welt gelegt, an seiner Theil
verehren, wann und wo und wie sie nur
verehrt werden kann! Vermehrst du
die Summe dieses Guten; dann u dann
sey König oder Bettler, du gefällst
den Geistern deines Gottes, die um dich
und deinen Thun, wenn einsam du dich dünkst
unsichtbar schweben, du gefällst, gefällst
dem Schöpfer alles guten, deinem Gott! _
Fortsezung folgt!
Picenz
d. 30 Mordad.
1157 Castillio |<11115016>

Anmerkungen