1787-10-03 Wahl (Castellio): QL

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Kommentar

Transkript

Aber lehrt nicht die tägliche Erfahrung, daß wenn
man alle die vorstehenden schönen Tugenden genauer
betrachtet, sie gleichwohl sehr oft nichts anders als
Werke des blosen Naturtriebes und der Leiden
schaften sind?
Es ist nicht zu leugnen daß die sinnlichen Triebe und
Leidenschaften in aller Absicht Antheil _ großen Antheil
an aller menschlichen Tugend haben und _ haben müßen.
Ich weiß auch wohl daß man dem Christenthum den
abscheulichen Versuch gemacht hab, als ob es darauf
dringe sinnliche Triebe und Leidenschaften als ursprün
glich böse zu verdammen und befehle Triebe wieder aus
zu rotten, die die Hand unsers allweisen Schöpfers, selbst
in uns legte. Dieses that der ehemalige stoische Fana
tismus, und der heutige _ thuts auch, mit welchem
Grunde, ist leicht zu erachten. Der Fanatismus glaubt
Gott zu ehren indem er seine Werke verschreiert, aber
wahre Religion ehret## hoch und weis daß sie den
Schöpfer darinnen schäzt und hält sie selbst für
beste Natur.
Was Gott und die Natur erschuf
das muß das Beste seyn!
Der große Stifter unsrer Religion, der mit allumfaßen
den Blicke die Natur des Menschen übersah und kannte,
hatte gewiß nie die Absicht dies Werk seiner
ewigen Weisheit und Güte, durch seine Lehre, wie
der aufheben und zerstöhren zu wollen. |<11115018>

sein großer Zwek war durch die Wiederherstellung ihrer
ursprünglichen Ordnung, sie zu ihren wahren Bestimmungen wie
der zu erheben, und die Vernunft durch die ihr ertheilte Ha##
die Herrschaft wieder zu geben die ihr gebührt; damit
sinnliche Triebe und Leidenschaften mit Sicherheit ##
zur Be##iederung unsrer Glükseligkeit leiten, und ##
Mäsigung erhalten können. Dies ist die große wohl
thätige Absicht des Schöpfers bey dieser Anlage
unsrer Natur.
Alle sinnliche Triebe sind si beschaffen, daß sie durch
weise leitung der Vernunft | und keine Leitung durch
Vernunft kann weiser seyn als dieienige ist, welche Gottes
Gesez bestimmt | selbst wahre wohlthätige Tugend
werden; daß sie der Vernunft in Ausübung der
Tugend selbst zu Hülfe kommen, und so gar bey allem
Mangel an Leitung dennoch in ihrer Wirkung
so viel es von blinden Triebe geschehen kann, ##
Stelle der Tugend vertreten müßen.
Picenz
d. 3. Meher
1157.
Castillio. |<11115019>

Anmerkungen