1787-12-03 Wahl (Castellio): QL

From Illuminaten-Wiki
Jump to: navigation, search

Kommentar

Angefangener Aufsatz müsse wegen geschäftlicher Überbeanspruchung warten. Drei einzelne Gedanken, die dem Buttstädter wichtig erscheinen, nach oben weitergegeben zu werden. 1. Noch sind die Maßnahmen Kindsmord vorzubeugen halbherzig - man entehrt uneheliche Kinder. 2. Juden werden durch hohe Abgaben zum Betrug gezwungen. 3. Die Wege sind so schlecht, dass es schwer ist, ein Pferd zu beschaffen, um damit zu einer Entbindenden zu kommen.

Transkript

Die Fortsetzung des angefangenen Aufsazes wird im
kommenden Zettel erscheinen, da diesmalige häufige
Amtsgeschäfte, wie nicht wenigen auch ein an
einen guten Freund versprochenes Gedicht, das fertig
werden muß, solche iezt verhindern.
     Inzwischen fallen mir eben iezt einige Dinge ein
an deren Abschaffung alle vernünftige Welt
arbeiten sollte, und die meiner Seele immer
nur neue wahre Wunde[n] schlagen, wenn ich sie
wieder erscheinen sehe.
     1.) Hat unser Herzog alles gethan den Kindermord vorzu-
beugen sammt dem was dahin Bezihung haben kann,
und gleichwohl werden die unschuldigen unehrlichen
Kinder unter uns noch immer so blamiert, daß
eine große Absicht doch ganz verkannt zu werden
scheint. Man tauft sie nemlich nicht wie die
andern Nachmittags drey Uhr; sondern Mittags halb
zwölf Uhr, damit es ia ein blamierendes
Aufsehn errege; man gibt ihnen nicht drey
oder viere, sondern zu ihrer beschimpfenden Aus-
zeichnung zwey Pathen!|<2>
     2) Wenn sich ein auswärtiger armer Jude unter
uns verirrt und sein Brod mit dem ihm er-
laubten Hausieren verdienen will, so muß er
wie ich gehört habe in die Commun-Caße
vorher für ieden Tag einen Thaler bezahlen.
Wie will er diesen in einem Tag erwerben
und leben; oder zwingt ihn nicht selbst die
Obrigkeit dazu, daß er betrüge wo er kann
um das ihm abgedrungene Geld, heraus zu be[kommen]?
     3.) Wurde in dieser Nacht wieder ein Kind durch Accouchement[1]
gebracht, welches wahrscheinlich auch mit seiner Mutter
sterben müste, wohingegen bey iezigen übeln Wegen
nicht eben ein Anverwandten desselben, ein
Pfand gehabt und hergegeben hätte um nach Weimar
zu eilen. Ein Pfand – welches viele Menschen
nicht haben, und wenn sie es haben, nicht immer
gutwillig bey bösen Wegen zur Rettung eines
Christenmenschen hergeben.

Picenz den 3. Din
1157

Castellio

Anmerkungen

  1. Niederkunft, Entbindung