1787-12-30 Wahl (Castellio): QL

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Kommentar

Transkript

Fortsezung des Aufsazes
über Tugend pp.

Und diese Schriftgeseze sind in der Bibel enthalten. Viele
derselben sind in der Natur des Menschen und seiner gesellschaftl[ichen]
Verbindung; die übrigen in der geoffenbarten Religion, gegründet.
Diese lezten nennt man Positiv Geseze; der ganze Inbegriff der
selben in der Bibel ist, verbunden mit jenem das Gesez unserer
Tugend – das Sittengesez.
     Kann nun aber der Mensch nicht tugendhaft seyn, ohne daß
er nach Gottes Gesez handle; so fragt sichs: wo in der Bibel
hat er dieses Gesez aufzusuchen? Etwa auch in dem alten Teste-
mente, und wohl gar ausschließend in den zehen Gebothen?
     Aber eben diese Gebothe sind ein Stück des Mosischen Ge-
sezes; das ganze Mosaische Gesezbuch aber hat blos bürgerliche
Ruhe und Wohlstand, nicht aber unmittelbar die Tugend
zum Zweck, wie jedes politische Gesezbuch. Selbst die zehn
Gebothe sind blos den Israeliten von Gott gegeben, und
nichts anders als ein Abschnitt ihres bürgerlichen Gesezes
das allein ihre Ehrbarkeit und Ruhe zur Absicht hatte. Selbst
die frühesten Lehrer der Christen Tugend die Apostel bedienen
sich nie der Geseze des alten Testaments, wenn sie die Men-
schen zur wahren Tugend verpflichten wollen; sie bedienen
sich nur bisweilen der Worte und Ausdrücke des a[lten] T[estaments]
zu ihren Lehrvorträgen, führen aber nirgends damit mora-
lische Beweise. Sie erklären sogar (2 Cor[inther] 3, 6. 7. seq.[1] Verb:|<2>
mit 2. Mos[es] 34, 28[2]) daß sie nicht Lehrer der zehn Gebothe sind
so wie das N[eue] T[estament] deutlich genug die Versicherung giebt: daß
keine Geseze des alten Testaments uns verbinden und
dieses ohne die mindeste Einschränkung – sagt. Und das
ist denn auch ganz natürlich. Bürgerliche und Localgeseze
wenn sie zweckmäsig abgefaßt sind, müßten nur auf die
Verfaßung des Volckes dem sie gegeben sind, paßen: unweise
und zweckwiedrig wären sie gewiß alsdenn wenn sie auf
Menschen unter allen Climaten, für den Crönländer und
den #chiten zugleich, und gleichgut zweckmäsig, anwendbar
seyn sollten. –
     Welches sind also für uns in der Bibel allgemeine verbindende
Positivgeseze, die man um Tugenhaft zu seyn befolgen muß?
Wir antworten: 1) alle Naturgeseze und alle diejenigen die uns
im neuen Testamente vorgezeichnet sind.
Nun ists zwar
an dem daß auch die zehn Gebothe mit ihren gesammten Gehalt
im N[euen] T[estament] enthalten sind; aber sie verbinden uns da nicht
deswegen, weil sie mosaisch sind, sondern weil die der göttliche
Stifter unsrer Religion aufnahm und als seine Geseze wieder-
holte und einhängte. Auch sind sie ja nicht der ganze In
begriff aller Positiven Geseze.
     Es sey ewig ferne mit diesen bisherigen Gedanken
auch nur um das mindeste der göttlichen Würde des
A[lten] T[estaments] zu nahe treten zu wollen, sein hoher Werth
und seine noch täglich segensvoller Einfluß auf
menschliche Tugend und Glükseligkeit ist darzu
mehr als entschieden. Denn obgleich (sagt D[octor] Beß,[3]|<3>
das A[lte] T[estament] in der Moral nichts beweisen kann.
so kann es doch bestimmen was Naturgeseze sind
2.) Neue [?] Maximen und Bestätigungen zu andern weit
erwiesenen Gesezen geben, und vornehmlich durch seine
vortrefliche[n] lehrreiche[n] Exempel beyder Tugend und
Laster anschauend, eine reizend, dieses aber abscheu-
lich machen.

Fortsetzung folgt.

Picenz
den 30. Din.
1157.

Castellio

Anmerkungen

  1. Luthers Übersetzung von 1545: (5) Nicht, daß wir tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken als von uns selber; sondern daß wir tüchtig sind, ist von Gott, (6) welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments, nicht des Buchstaben, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (7) So aber das Amt, das durch die Buchstaben tötet und in die Steine gebildet war, Klarheit hatte, also daß die Kinder Israel nicht konnten ansehen das Angesicht Mose's um der Klarheit willen seines Angesichtes, die doch aufhört, (8) wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist gibt, Klarheit haben!
  2. Luthers Übersetzung von 1545: (28) Und er war allda bei dem HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte.
  3. Könnte auch Leß oder Loß sein - nachweisbar wäre in Gotha verlegt Rudolph Christoph Lossius, indes mit einem Fokus auf Erbauungsliteratur für Jugendliche.