Beulwitz (Fleury): Wenn Sie sich den Tod unter einem Bilde denken mögten, welches würde es seyn?

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 14, Dokument SK14-043, ein als "Copia" ausgewiesenes Dokument in Schmuckschrift.
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 112 Schwedenkiste, Reden und Gedichte, 1775-1787
  • Titel: "Wenn Sie sich den Tod unter einem Bilde denken mögten, welches würde es seyn?"
  • Autor: Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz (Fleury)
  • Querbezüge: Die anderen Aufsätze zum Thema
  • Erschließung: Olaf Simons
  • JPG: 3064-3067

Kommentar

Transcript

Wenn Sie sich den Tod unter einem Bilde dencken
mögten, welches würde es seyn?

Soll ich Ihnen anjezt, m[eine] g[eliebten] Br[üder] das Bild zeigen
unter welchem ich mir den Tod dencken mögte, so müs-
sen Sie sich entschließen, Ihren Blick von den fro-
hen Scenen, die Sie vielleicht umgeben, auf einige zeit
wegzuwenden, und mit ihrer Betrachtung mich in
die nächtlichen Gefilde des Frabes zu begleiten.
Beben sie indeßen von diesem Schritt nicht zurück!
Nicht in die Gefilde des Schreckens und der Verwe-
sung sollen Sie mich begleiten, sondern in die
Gefilde der Ruhe und des Friedens! Kein Schauer
erregendes Bild, kein Knochen-Gerippe mit dro-
hender Sense soll Ihnen daselbst entgegen kommen,
sondern ihren Freund, ihren wohltätigen Genius,
einen schönen Jüngling, so wie ihn die Alten
auf ihren Denkmählern als den Bruder des
Schlafs darstellten, will ich Ihnen zeigen, der mit
sanfter Hand das Andencken unserer hienieden
erdulteten Leiden wegwischt und freundl[ich] und
mild in jene beßere Welt uns hinüber leitet,
die unser bestimmtes Erbtheil ist, und unser
eigenthümliches Vaterland – dieß m[eine] g[eliebten] Br[üder]
ist das Bild unter welchem ich mir den Tod|<2>
denken mögte, unter welchem ich mich ihn täglich-
Zu denken bestrebe. – Nur dem kann er
schrecklich seyn der Tod – der seiner hohen Ab-
kunft vergeßend, so sehr in die Bande der
Sinnlichkeit verwickelt ist: daß er nie wagte
seinen Geist jenseits des Grabes zu erheben.
– Nur der kann die Vernichtung seines Da-
seyns befürchten, der so tief gesuncken ist, daß
er statt einer mütterlichen zur allmähligen
Ausbildung ihn leitenden Vorsicht den blinden
Zufall zu seinem Gott erwählte – – –

Aber der Mensch, der seiner hohen Bestim-
mung bewußte, und mit dem Glauben an eine
beßere Zukunft gestärckte Mensch, kann ohnmögl[ich]
vor der Annäherung des Augenblickes erzit-
term, der ihn in den Genuß der seeligsten Wonne
versezen soll. Er wird ihn vielmehr als den
glücklichsten seines Lebens segnen, und mit
Freuden sein Haupt in den Todesschlummer
dahin neigen, der, wie jener liebenswürdige
Schriftsteller[1] sich ausdrückt: „eine wohlthätige
Betäubung ist, die unser Wesen umhüllet, in-
dem jetzt die organischen Kräfte zur neuen
Ausbildung streben. Wir selbst wären
vielleicht nicht starck genug diesen Kampf
zu übersehen oder zu regieren – wir ent-
schlummern also und erwachen schöner aus-
gebildet wieder.“ – Er muß sich daher freuen|<3>
der Mensch, den neschwerlichsten Theil seiner Erziehung,
den Stand seiner Prüfung zurückgelegt zu haben –
Er muß sich freuen, die Keime, die Dunkel
und verborgen in ihm lagen unter einer mil-
den Sonne zu schönen Pflanzen sich entwickeln zu
sehen, und in Gemeinschaft zu jener edelsten Wesen,
die hier schon unsichtbar ihn umschwebten und
ihn ihm ihren Mitbürgern, den Erben der Ewigkeit
liebten zum Anschauen deßen zu gelangen, zu
deßen Bilde er geschaffen ist. –

O daß wir ihn immer so dencken möchten
den Tod – m[]eine] Br[üder]! Dieser Gedancke würde hie-
nieden unser bester Lehrmeister seyn. Er
würde uns lehren: den Werth der Dinge richtig
zu beurtheilen, und dies gegenwärtige Leben
am Staub stets in Verbindung mit einer beße-
ren Zukunft zu dencken. O, wohlthätiger Ge-
dancke, Gedancke des Todes, wo ist irgend eine
Lage, in welcher du uns nicht Trost, Stärcke und
Beruhigung in reichlicher Fülle gewähren könnest
wie glücklich ist der Mensch, der dich zu seinem
Lieblingsgedancken erwählt hat! – Voll Ueber-
zeugung kann er mit dem erhabenen Sänger
des Meßias[2] ausrufen:


    O du mein künftiges Seyn, wie jauchz‘ ich dir entgegen
    Wie fühl‘ ich es in mir wie klein ich bin,
    Aber wie fühl‘ ich es auch
    Wie groß ich werde seyn – |<4>
    O du die da steiget zum Himmel hinauf
    Hofnung gegeben von Gott
    Ein kurzer schneller geflügelter Augenblick
    Er heißet: Tod. – dann werd ich es seyn.

    Claudius Fleury.

Anmerkungen

  1. Selbst unter dem Namen „Damasus Pontifex“ Ordensmitglied: Johann Gottfried Herder (1744-1803) zur Metaphorik von Raupe und Schmetter-ling in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit
  2. Friedrich Gottlieb Klopstock. Wikipedia