Konferenz:Aufsätze als Medien der Charakterbildung und Menschenführung in der Spätaufklärung

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Calls for Papers

Gotha, 25. bis 27. Juni 2015

Das Schreiben von Aufsätzen gewann im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts weite Verbreitung nicht allein in den höheren Schulen, sondern auch im intellektuellen Leben. Die zahlreichen Journale der Zeit veröffentlichten Abhandlungen zu ganz unterschiedlichen, häufig auf nützliche Reformen gerichteten Themen; zugleich generierten Preisfragen eine lebhafte Produktion von kürzeren oder längeren Antworten, die separat, in Zeitschriften oder in Sammelbänden publiziert wurden. In den im 18. Jahrhundert in großer Zahl entstehenden Sozietäten wurden nicht nur Reden und Vorträge gehalten, sondern auch Aufsätze verlesen. Das Spektrum der Gesellschaften, die sich an dieser Praxis beteiligten, reicht von Akademien und ökonomisch-patriotischen Gesellschaften über die Freimaurer bis hin zu Geheimbünden wie der Berliner Mittwochsgesellschaft und den Illuminaten.

Unsere Konferenz möchte sich diesem Phänomen des Aufsatzschreibens in der Zeit von ca. 1770 bis 1800 unter besonderer Berücksichtigung der praktischen Zielsetzungen - von der Provokation öffentlicher Debatten bis hin zu den Ansprüchen an Charakterbildung und Menschenführung im Schulunterricht, in Logen und Geheimbünden - widmen. Dabei wird zunächst in einem zeitlich wie thematisch breiteren Zugriff zu fragen sein, wann und in welchen Kontexten das Aufsätzeschreiben aufkam, welche gesellschaftlichen Bereiche es erfasste, warum es nach 1770 solche Verbreitung fand, was seine Vorläufer und Vorbilder waren und in welcher Beziehung es zu verwandten Formen des Schreibens (Übungsbriefe, Denkschriften, Bekenntnis, Essay u.a.) stand. Hier sind insbesondere auch die Verwurzelung des Aufsatzes in rhetorischen Traditionen (Oratorien, Predigten) und deren performatives Weiterwirken in den Blick zu nehmen, wie es im mündlichen Vortrag von Aufsätzen etwa in Logen und Geheimbünden sichtbar wird.

Unser Interesse gilt sodann Themen, medialen Kontexten und den Akteuren von den Autoren bis zu den Lesern: Worüber wurde geschrieben, wie wurden die Themen gewählt (bzw. wer vergab sie?), gab es Beschränkungen oder Traditionen bei der Themenwahl, lassen sich Präferenzen oder gar „typische“ Gegenstände ausmachen? Was war im Rahmen der Gattung „Aufsatz“ überhaupt „sagbar“? Wie verlief die Distribution von Aufsätzen und Themen? Lassen sich größere Rezeptions- und Diskussionszusammenhänge erkennen bzw. rekonstruieren? Was versprachen sich die Initiatoren von Preisfragen und Themenvorgaben, wie wirkten Aufsätze und was sollten sie bewirken, bei ihren Lesern, aber auch gerade bei ihren Autoren? Welche Folgen hatte das Aufsatzschreiben für seine Autoren, im positiven wie im negativen Sinn? War Kritik intendiert, wie wurde sie geäußert und wie mit ihr umgegangen? Sollten Aufsätze der Selbsterforschung und Selbstverbesserung im Sinne aufgeklärten Perfektibilitätsdenkens dienen? Oder erschienen sie bloß als probates Mittel, um Zusammenkünfte inhaltlich zu füllen und Mitglieder zu beschäftigen? Kurz: Inwiefern können das Anfertigen(lassen) und der mündliche Vortrag von Aufsätzen als Praktiken der Menschenführung angesehen werden?

Essays as media of character building and social engineering in the late Enlightenment

Gotha, June 25th to 27th, 2015

The writing of essays gained enormous importance in the last third of the 18th century – not only in higher schools, but in the era's wider intellectual life. A flood of journals published papers on all sorts of topics, often with an interest in practical reform; prize questions generated a lively production of shorter and longer answers that could be published in magazines and in anthologies. Scientific academies filled their sessions with speeches and lectures and with essays to be read out to the audiences. The spectrum of organizations and institutions that adopted the essay as a social practice ranged from the scientific academies and patriotic and economic societies of the age to the Freemasons and to secret societies like the Illuminati.

We are interested in the practicalities of essay writing in the period from about 1770 to 1800. What were the specific objectives? Were they supposed to serve as triggers of public debates or as pedagogical tools of character building, education, intellectual surveillance and guidance not only in classrooms but also in lodges and the assemblies of secret societies? Our primary questions will address the broad thematic scope: What were the contexts in which essay writing emerged? What was its social background? How could these practices gain this amount of public attention in the latter part of the 18th century? What were the models? How did essay writing relate to traditional forms of writing as they had been established for training purposes (such as exercises in letter writing, the composition of rhetorical speeches, or confessional self explorations)? How did these practices of written and oral presentation unfold in the new environments of lodges and secret societies?

We are interested in themes, in media contexts and in the different agents and their roles (whether as authors or as audiences). Who gave the topics (if topics were given)? Were there typical topics? What were their traditions? What were the limitations, the prohibited topics, the generic restrictions? How was the distribution of articles and topics organized in different organizational contexts? Can we reconstruct wider contexts of reception in which essay writing flourished? What were the aims of those who initiated prize questions? What did they want to achieve in potential authors and in the wider audience? What – positive or negative – consequences could the writing of essays have for the authors? Was criticism intended, how was it formulated, and how was it received? Or were the essay questions rather supposed to induce processes of self-exploration and self-improvement? To what extent did the essay become with all these aspects the integral part of an enlightened ideology and practice of self-perfection and social engineering? Or were these essays mostly an effective means to employ those who became the members of idealistic societies and who attended meetings as such members? To pull these aspects into a single question: To what extent did the commission and the writing of essays turn into a social practice of the Enlightenment?


Dr. Markus Meumann / Dr. Olaf Simons
DFG-Projekt „Illuminatenaufsätze der Spätaufklärung“
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
Schloss Friedenstein, Pagenhaus
D-99867 Gotha

Programm / Programme

Tagungsplakat / Flyer

Internationale Konferenz / International Conference

„Aufsätze als Medien der Charakterbildung und Menschenführung in der Spätaufklärung“ „Essays as media of character building and social engineering in the late Enlightenment“

Donnerstag, 25. Juni 2015 /Thursday, 25 June 2015

Ort: Schloss Friedenstein, Herzog-Ernst-Kabinett der Forschungsbibliothek

14.00 – 15.30

    Martin Mulsow (Gotha):
    Begrüßung / Welcome address

    Markus Meumann, Olaf Simons (Gotha):
    Einführung / Introduction

    Erdmut Jost (Gotha):
    Vom „Aufsetzen eines Schreybens“ zur „Kunst, Aufsätze zu verfertigen“. Bemerkungen
    zur Karriere einer literarischen Gattung (1650–1800)


15.30 Kaffeepause / Tea and coffee

16.00 – 17.45

    Jens Nagel (Gotha):
    Glückwünsche, Kondolenz und Schulrhetorik – Die Vorgänger des Schulaufsatzes
    in der Frühen Neuzeit

    Michael Rocher (Halle):
    „Fleiß ist die halbe Tugend schon: Liebet ihn, herzlich ist sein Lohn.“
    Schülerarbeiten als moralische Charakterbildung von Schülern Ende des 18. Jahrhunderts


18.00 Öffentlicher Abendvortrag / Keynote

    John A. McCarthy (Nashville/TN):
    Denken, schreiben, lesen, ethisch handeln. Quellen und Kontext der Essayistik der Illuminaten


Freitag, 26. Juni 2015 / Friday, 26 June 2015

Ort: Schloss Friedenstein, Seminarraum des Forschungszentrums Gotha

9.00 – 10.45

    Lucinda Martin (Gotha):
    Conformity in Nonconformity: Letters in radical Pietist 'Philadelphian' networks

    Barbara Becker-Cantarino (Columbus/OH):
    Rechenschaft und Kontrolle: Herrnhuter Lebensläufe aus der 'Indianermission'
    in Nordamerika ca. 1750-1800


10.45 Kaffeepause / Tea and coffee

11.15 – 13.00

    Martin Urman (Berlin):
    Zwischen "prix de dévotion" und Wissensreflexion. Die Preisfragen als literarische und epistemische Gattung
    an den französischen Akademien seit dem späten 17. Jahrhundert

    Sebastian Kühn (Hannover):
    Feder – Mund – Auge – Ohr. Soziale und epistemische Logiken von Aufsätzen
    in den naturforschenden Akademien um 1700


13.00 Mittagspause / Lunch break

14.30-16.15

    Olaf Simons (Gotha):
    Der Illuminatenorden als geheimer Preisrichter: Rudolf Zacharias Beckers öffentliche Preisfragen

    Andreas Golob (Graz):
    Paratextuelle Einblicke in die Entstehungsbedingungen der multidisziplinären Aufsätze
    im Anhang der Grazer Bauernzeitung


16.15 Kaffeepause / Tea and coffee

16.45-18.30

    Markus Meumann (Gotha):
    „Uibungslogen“. Zur Praxis des Sprechens und Schreibens über vorgegebene Themen
    in der Freimaurerei

    Renko Geffarth (Halle):
    „… es sey beßer aus seiner eigenen Quelle zu schöpfen, u. sich der Deutlichkeit zu befleißigen,
    u. niemals suchen Räthsel durch Räthsel zu erklären” – Aufsätze bei den Gold- und Rosenkreuzern

    Martin Mulsow (Gotha):
    Die Gothaer Illuminaten als fortgeführte "gemeinnützige Privatgesellschaft"?
    Die Aufsatzpraxis der Gothaer Sozietät von 1778 und die Minervalkirche von 1783-87


Sonnabend, 27. Juni 2015 / Saturday, 27 June 2015

Ort: Schloss Friedenstein, Seminarraum des Forschungszentrums Gotha

9.00 – 10.45

    Peggy Pawlowski (Cambridge, UK):
    Die Mitglieder der Gothaer Illuminatenloge im Spiegel ihrer Ordensaufsätze. Untersuchungen am Kern des Illuminatismus

    Anthony Mahler (Tübingen):
    Essaying the Body: Illuminati Self-Writing as Dietetic Technology


10.45 Kaffeepause / Tea and coffee

11.15 – 13.00

    Andrew McKenzie-McHarg (Cambridge, UK):
    Invisible Educators: the Role of the Unknown Superiors in the Illuminati Order

    Reinhard Markner (Innsbruck):
    Unbekannte Gradtexte der Illuminaten


13.00 – 13.30

    Schlussdiskussion /Closing discussion