Peggy Pawlowski:„...sich begnügen, im Geheimen für das Gute zu wirken“. Der Beitrag Johann Adam Weishaupts zur Pädagogik des Illuminatismus (VI)

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Contend thyself to be obscurely good.
Addison, Cato

VI. Johann Adam Weishaupt als Beförderer der pädagogischen Idee der Aufklärung

1. Pädagogische Impulse im postilluminatischen Schrifttum Weishaupts

Um ein umfassendes Bild von der Position Weishaupts zu entwerfen, ist es notwendig, auch seine Tätigkeit nach der Auflösung des Ordens, die sich hauptsächlich in seinen schriftstellerischen Versuchen manifestiert, in den Blick zu nehmen. Daher sollen im folgenden seine weiterführenden pädagogischen Ideen, eingebettet in den Kontext der Aufklärung, aufgewiesen werden.

Den Beginn der fast unfreiwilligen Tätigkeit Weishaupts als Schriftsteller markieren seine apologetischen Schriften. Er wurde über anderthalb Jahrzehnte nach der Aufdeckung des Ordens durch anonyme Schriften, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Pamphleten häufig beleidigt und mit dem Stigma der Verschwörung zur gebrandmarkten Persönlichkeit. In der Schrift Eine Rede über den Illuminaten-Orden aus dem Jahre 1793 behauptet der in hannoverschen Diensten stehende Arzt und Illuminatengegner Johann Georg Zimmermann beispielsweise, die Illuminaten seien trotz des Verbotes weiterhin aktiv: "Beynahe alle unsere Fürsten sind mit Illuminaten umgeben."[1] Sie hätten "nichts verändert als ihren Namen" und brächten "Despotismus übers Menschengeschlecht."[2] Mit den Mitteln der Übertreibung wird in dieser Schrift ein verzerrtes Bild von den Illuminaten gezeichnet, das deren eigentlichen Aktivitäten völlig entgegenstand.[3] Zimmermann holte zum Rundumschlag gegen "Illuminatismus, Jakobinismus und Philanthropinismus"[4] aus, indem er unterstellte, sie speisten sich aus ein und derselben Quelle. Die diesen Bewegungen eigene freiheitlich-aufklärerische Grundhaltung nimmt er zum Anlaß für eine pauschale Verurteilung.

So wie er verhielten sich auch andere Anhänger der Reaktion gegenüber den Illuminaten, besonders Ludwig Adolph von Grolman {Gratianus}, der bis zum Regenten aufgestiegen war. Er setzte seine Kenntnis des Ordens zu harscher Kritik und Polemik ein. Seine Argumentation, vor allem gegen Weishaupt, basiert z.T. auf Unterstellungen. Neben ihm gelten der ebenfalls vormalige Illuminat Leopold Alois Hoffmann {Sulpicius}, Begründer der Wiener Zeitschrift sowie der Prälat und Freimaurer Johann August Starck zu den erklärten Feinden der illuminatischen Idee. Sie machten die Illuminatendebatte zu einem der Hauptthemen in den reaktionären Publikationsorganen wie der Eudämonia oder dem von Starck begonnenen St Nicaise-Streit[5] Sie zeigten sich gut organisiert und vermochten es, die Öffentlichkeit geschickt einzubeziehen. Die von ihnen für die Beweisführung herangezogenen illuminatischen Schriften wurden mit tendenziösen Kommentaren bedacht oder lediglich auszugsweise und ohne Kontext wiedergegeben, in einem bloß buchstäblichen Sionne ausgelegt und nur insoweit sie der Intention ihrer Verfolger dienten, verwendet.

In den apologetischen Schriften erfolgt die gedankliche Neuausrichtung des Weishauptschen Konzeptes, die ihm eine Rehabilitierung verschaffen sollte. Er sieht sich als nicht vollkommen gescheitert an, sondern nimmt die Aufhebung des Ordens zum Anlaß für neue Überlegungen und Klärungen. Weishaupt hat aus seinen Fehlern gelernt: "Das Glück giebt Ueberfluß und äußerliche Ehre, aber beschränkt zugleich die Erkenntniß: und das Unglück entschädigt durch die hohen Weisheitslehren, auf die es führt, um das Bittere zu versüßen."[6] Er wollte also keinesfalls sein Vorhaben aufgeben, deshalb machte er deutlich, daß mit ihm noch zu rechnen war. Fern lag ihm, was seine Gegner erwartet oder erhofft hatten, "daß ich aus Mangel von erheblichen Gegenvorstellungen von nun an verstummen, und in meiner Beschämung und Erniedrigung das Feld räumen würde."[7] Seine Apologetik zeigt, daß die Aufhebung des Ordens den Gründer zur Rekapitulierung seines Tuns und damit zu einer Verdichtung und Konsolidierung seiner Ideen bringt. Die Schwierigkeiten trugen sogar dazu bei, daß seine "Begriffe immer geläuterter und besser"[8] wurden. Den Illuminatenorden sah er als einen ersten Versuch einer Bildungsanstalt im Sinne der Aufklärung, die ihre Bildungsarbeit an umfassenden anthropologischen Prämissen ausrichten sollte. Im Blick auf den Entwicklungsweg des illuminatischen Systems stellt er rechtfertigend fest, daß es "von einem sehr kleinen und unbedeutenden Anfang ausgegangen sey, daß nichts in der Welt in seinem ersten Entstehen vollkommen sey." Er fügt selbstkritisch hinzu, daß es anfänglich an hinreichender Kompetenz fehlte, daß er "sowohl als alle übrige, die dazu nöthige Ausbildung erst erhalten sollten; daß uns die zu einem solchen Unternehmen nöthige Erfahrung gemangelt."[9] Als Lenker des Illuminatenordens hatte er darauf vertraut, den Weg zu finden und die richtigen Mittel zur Hand zu haben, um persönliche Unzulänglichkeiten zu beheben. Er wollte das Konzept schrittweise verbessern und war darauf bedacht, gegebenenfalls "auch andere aus ihrem Irrthum zu reißen."[10] Es war seine ausdrückliche Intention, seine Ideen mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen und sie zu einem Faktor des Fortschritts zu machen. Auf die Realisierung legte er großen Wert und behauptete von sich selbst, daß er "das Gute nicht blos gekannt, gewollt, oder wie so viele Lehrer nicht blos gelehrt", sondern, daß er "mehr gethan, daß [er] zu seiner größeren Verbreitung würkliche Anstalten getroffen, daß [er] dazu eine eigene Schule gegründet habe; daß [er] der erste war, der auf diese Art Menschen, von Thorheiten abgewandt, und von Verirrungen zurückgehalten"[11] habe.

Der Orden war zur Erreichung seiner Ziele auch darauf eingestellt, sich aus eigener Kraft immer wieder zu erneuern und gegebenenfalls eine andere Richtung einzuschlagen. Das große Entwicklungspotential, das vorhanden war und das man jedem Mitglied zusprach, machte ihn höchst reformfähig, so daß er imstande war, hinderliche Verhaltensweisen und Einstellungen sowie Fehlentwicklungen zu korrigieren, z.B. "allzu enge Schranken niederzureißen, womit Eigennuz und kleinliche Denkungsart die Herzen so mancher verschanzt hat"[12] und seine Mitglieder "zu belehren, daß auch Menschen, welche eine andere Religion, eine andere Sprache, andere Regierungsform und Sitten haben, Anspruch auf unsere Liebe, unsere Achtung, und wenn es ohne Abbruch der uns näher gelegenen Pflichten geschehen kann, unsere Hülfe und Beystand zu machen berechtiget sind"[13] Hier äußern sich Offenheit und Toleranz und ein Kosmopolitismus, der von mancher Seite dem Vorwurf ausgesetzt war.

Weishaupt konnte in seiner Apologetik mit Fug und Recht behaupten, die Adepten des Illuminatenordens hätten sich durch eine solide Bildung hervorgetan: "ausgezeichnete Kenntnisse in nützlichen und andern Studien aller Art, waren fast allgemeine Kennzeichen"[14] und der Orden selbst zeichne sich vor anderen Gesellschaften, wie den Freimaurern, dadurch aus, daß er es nicht bei einem pädagogischen Programm belassen, sondern seine Mitglieder ohne das Zwangsmittel der Autorität vielseitig gebildet habe. Als Bildungsanstalt sei der Orden "Zufluchtsort, eine Heimath der Freyheit"[15] geworden.

Daß der Orden im Geheimen operierte, rechtfertigte Weishaupt folgendermaßen: "weil eben das Gute, und nichts so sehr als das Gute so häufige Widersacher hat; weil die Verborgenheit, nach aller Erfahrung, der Sache einen größern Reiz giebt: weil gewisse Dinge nicht für alle Menschen sind, und folglich durch ihre Kundmachung mehr schaden, als nutzen würden; weil gewisse Sachen erst durch gehörige und langwierige Vorbereitung so können verstanden werden, wie man sie verstehen soll; [...] weil die christliche Religion selbst in ihrem Entstehen eine geheime Gesellschaft war, die einen großen Theil ihrer Lehren und Gebräuche verborgen."[16] Bezüglich der Geheimhaltung berief er sich nicht nur auf das Urchristentum, das in seinen Anfängen gezwungen war, sich vor der Öffentlichkeit zu verbergen, sondern auch auf die Pythagoräer. Den Namen Illuminaten glaubt er bei den spanischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert zu finden[17] Der Jesuitenorden war Vorbild für das illuminatische Disziplinierungssystem, die Beobachtungspraxis und das Novizentum.

Die Verwahrung wirksamer Lehren im arcanum besitzt Tradition. Sie erzeugt eine Erwartungshaltung, die – wenn mit einem Bildungsprogramm verbunden – in hohem Maße motivierend sein kann: "Alle Mitglieder einer geheimen Gesellschaft erwarten etwas mehr, als sie in der Welt hören, sie erwarten mit Recht etwas ausgezeichnetes und großes, etwas, das nicht jedermann weiß."[18] Der Reiz des Verborgenen erscheint Weishaupt als ein pädagogisch bedeutsames Moment, aber er möchte auch auf die Schwächen des Menschen Rücksicht nehmen, ihn mit der Wahrheit nicht unvermittelt konfrontieren, sondern diese allmählich erschließen: "Alle, alle Weltweisen kommen darin überein, daß die Wahrheit unter einer Hülle vorgetragen werden müsse. Nicht aus der Ursache, als ob sie das Licht scheute, sondern, weil die Menschen so schwach sind, sie in ihrer Nacktheit zu erkennen."[19] Die Illuminaten betrachteten es als eine wichtige Aufgabe, eine leistungsfähige Didaktik und Methodik zu entwickeln, das Lernen zu stimulieren und zu intensivieren. Es sollen "neue Beweise, iedem auf seine Art, aufgestellt, das Interesse lebhafter gemacht, und Lagen ersonnen werden, durch welche diese Gedanken zum Bedürfniß gemacht, Menschen aus der Zerstreuung in welcher sie leben, gesammelt, und vor allem andern die Sophismen aufgedekt werden durch welche man die widrigen Folgen zu entfernen sucht."[20] So könnte der Kampf gegen Desinteresse, Autoritätshörigkeit und die falsche schulmeisterliche Praxis geführt werden.

Weishaupt spricht in seiner Schrift Gedanken über die Verfolgung der Illuminaten vom Wert des "geheimem Unterrichts" – dieser Begriff findet in seiner Apologetik zum ersten Mal Erwähnung – weil er "tiefer in die Seele"[21] eindringe. "Ein Unterricht, dessen eigentlicher Urheber unbekannt, vorgetragen von Männern, welchen wir unsre ganze Achtung und Vertrauen geschenkt, an einem Ort, von welchem alle Zerstreuung entfernt ist, zu einer Zeit, wo wir das Bedürfnis darnach fühlen, das man unmerklich in uns erweckt: ein Unterricht, der uns gegeben wird, nachdem man vorher alles sorgfältig entfernt, was eine günstige Wirkung erschweren könnte, ganz nach unserm dermaligen Fassungsvermögen eingerichtet, vorgetragen, im Mittel gleichgestimmter, von uns verehrter Menschen, in einer feyerlichen Stille, dargestellt als Mittel, um an das Ziel unsrer eifrigsten Wünsche zu gelangen, und eben darum zum Geschäft, zur eigenen Lebensangelegenheit gemacht, durch häufige zweckmäßige Uebung beständig erneuert, und noch vollends uns allein, aus bloßem Vertrauen, Liebe und Wohlwollen mitgetheilt, allen übrigen verborgen und unbekannt."[22] Er verspricht sich von "geheimem Unterricht", daß die Adepten Voreingenommenheiten nicht so leicht entwickeln können. Der Initiator werde nicht genannt, die Lehrenden seien genötigt, sich, unter Wahrung der gebotenen Distanz, die Akzeptanz der Lernenden zu verdienen. Der Schüler sollte das Bedürfnis nach Unterweisung haben, das Lernen individualitätsgerecht unter Gleichgesinnten an einem Ort der Abgeschiedenheit lebenslang geschehen. Weishaupt war von der überlegenen Wirksamkeit des geheimen Unterrichts überzeugt: "Ich kenne kein besseres Mittel, die individuelle Gedenkungsart, Karakter, Talente, Fähigkeiten der Menschen auf das genaueste zu erforschen, Erfahrung, Welt- und Menschenkenntnis zu sammlen, sich in Führung der Menschen, fern von aller Gewaltthätigkeit, zu üben, gesunde Grundsätze zu verbreiten, [...] Reiz für Tugend und Sittlichkeit zu erwecken, auf das Innere der Menschen zu wirken, und die Verbindlichkeit zu natürlichen sowohl, als bürgerlichen Pflichten zu verstärken."[23] Die "feierliche Stille" hält Zerstreuung und Ablenkung von den Lernenden weitgehend fern und begünstigt konzentrierte Arbeit. Nicht bloß Wissen, sondern auch Einfühlungsvermögen und pädagogisches Engagement der Lehrkraft werden bald erkennbar und auch, ob die Einstellung des Lehrenden von Wohlwollen, wie es Weishaupt gefordert hat, getragen wird, ob sie dem Wortsinne nach wahre Philanthropen sind. Der Lehrer selbst sei Vorbild in dem, was die Zöglinge erreichen sollen: "Mache dich innerlich so vollkommen als du kannst, versuche das nemliche bey andern, und lehre sie ein Gleiches zu thun. Verlange nicht mehr und sey ruhig, betrachte alles übrige als Gewinn, und überlaß es der Vorsicht und dem Gang der Zeit. Die Folgen werden sichtbar werden, wenn die Zeit dazu gekommen ist." [24] Und er brauche Geduld für seine Unterrichts- und Erziehungstätigkeit, eine Tugend, die erlernt werden könne.

Weishaupt forderte ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrer und Zögling, das auch Kritik seitens des Zöglings ermöglichte. Lehrende sollten sich des Zwecks ihrer Tätigkeit und ihrer Verantwortung bewußt und zu Selbstkritik fähig sein: "Allzeit ist der Fehler an dem Lehrer der Wahrheit, an der Art seines Vortrages, wenn er Widerstand findet. Er glaubt so gern, was ihm bewiesen scheint, müße eben darum allen anderen nicht weniger bewiesen seyn; er bedenkt nicht, daß sich ieder die Sache nur auf seine Art denken kann, und daß es offenbare Gewaltthätigkeit und unordentlicher Geisteszwang ist, von dem andern zu fordern, daß er an sich geschehen lasse, was man an sich selbst niemahls erfahren will."[25] Es ist das Verdienst der Aufklärungspädagogik, dem Zögling Individualität zuerkannt und ihm dadurch den Weg zu eigenständigem Denken und kritischem Umgang mit der Welt geebnet zu haben. Weishaupts Forderungen decken sich mit den pädagogischen Neuerungen seiner Zeit. Aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit den Methoden der Jesuiten in Ingolstadt plädierte er für taktvolle Distanz zwischen Lehrer und Schüler, "wenn sich jeder in die Lage des andern dächte, wann er diesem nichts thäte, was er nicht wollte, daß ihm selbst widerfahre, wenn jeder dem andern helfen und ihn lieben würde, wenn jeder alle niedrige Güter nicht so übermäßig, nur als Mittel seiner innern Vervollkommnung begehren würde."[26] Vornehmlich jedoch müßten sich Lehrende darum bemühen, diesen habituell zu machen. In den zentralen pädagogischen Gedanken in Weishaupts Apologetik kommt der Kern des Illuminatismus zum Vorschein, das politische und pädagogische Engagement des Ordens. In seinen späten Schriften wollte er der Welt beweisen, daß er integer war und lebte, was er gelehrt hatte[27]

Erwähnenswert ist eine Schrift, deren Idee mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits der Illuminatenzeit entstammte und deren Kürze nahelegt, daß sie ursprünglich als Aufsatz im Sinne eines illuminatischen pensums konzipiert war: Ueber die Schrecken des Todes. Sie wurde parallel zu den ersten apologetischen Schriften sowie zu der 1786 beginnenden Auseinandersetzung Weishaupts mit Kant veröffentlicht. In ihr beschäftigt er sich mit dem Tod, der in vielfältiger Weise dem Leben begegnet und in es eingreift. Weishaupts Lebenseinstellung ist vom Gedanken der steten Gegenwärtigkeit des Todes geprägt[28] "Aus der Vergessenheit unsrer Sterblichkeit schreiben sich unsere Entwürfe und Plane her; diese bleiben unvollendet, denn sie reichen über unsere Jahre hinaus, und erschweren den Übergang in ein Leben, wo höhere Gegenstände unsre Kräfte beschäftigen, und alle Geschäftigkeit der Erde bis zum Kinderspiel herabsezen."[29] Dem Ende des Lebens wird bei der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst in der Regel mit Schaudern begegnet. Nach Weishaupts Auffassung ist die häufig anzutreffende Abwendung vom Tod, das Ausklammern der Endlichkeit des Lebens aus dem Bewußtsein, ein gravierender Fehler. Der Tod sollte bei der Gestaltung des Lebens miteinbezogen werden. Weishaupt geht sogar soweit vorzuschlagen, der Mensch sollte aus der Erkenntnis seiner Endlichkeit dem Leben Sinn und Ausrichtung geben: "Unternimm etwas, das ewig dein ist, was keine Zeit und keine Ewigkeit von dir trennen kann. Und was ist so sehr dein als du selbst, als die Aeusserungen und Entwicklungen deiner Kräfte, als die innre Vollkommenheit, die du hier unten erworben?"[30] Dieser Gedanke ist ihm Anlaß, um zum Handeln aufzurufen und das memento mori für sein pädagogisches Anliegen zu nutzen. Für Weishaupt war das Ende des menschlichen Lebens der Übergang in eine andere, bessere Daseinsform. Der irdische Lebensweg ist lediglich Präludium in höhere Erkenntniswelten. Die Konfrontation mit der Todesthematik verhelfe dem Menschen zu einer Seelenruhe, die ihn die Vorfälle des Lebens mit Gleichmut ertragen lasse. Ein Mensch, der sich in diesem Sinne verhalte, laufe weniger Gefahr, sich von äußeren Einflüssen oder Gefühlen stören zu lassen: "Aus der Seelenruhe, aus der Gleichheit des Geistes ganz allein kann der ächte Schüler der Weisheit erkannt werden." [31] Wer innerlich unruhig ist, lebt fern der Weisheit: "so lang du noch unruhig bist, den Neid fühlest, vor den Schrecken des Todes erzitterst, so lang du dich noch ärgerst und nicht die Kunst verstehest, aus allen Vorfallenheiten des Lebens Vergnügen zu ziehen, so lang ist deine Weisheit sowohl als Glückseligkeit schwach und unvollendet."[32] Gleichmut verändert die Sicht auf Ereignisse und Umstände. Der gleichmütige Mensch räumt dem unmittelbaren Erleben weniger Bedeutung ein, er konzentriert sein Handeln auf sein geistiges und seelisches Fortkommen. Die Umorientierung hin zum Gleichmut vollzieht sich langsam. Es bedarf daher der sukzessiven Unterweisung und korrektiven Auseinandersetzung mit den Geschehnissen, um den Menschen dahin zu bringen, seine Lage zu verstehen, sie einzuschätzen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für sich zu nutzen: "Vergleicht euch nicht mit falschen Idealen, vergleicht euch mit dem Zweck der Welt: und ihr werdet finden, daß euch nichts mangele, daß ihr alles seyd, was dieser erfordert, und dieser erfordert ein stuffenweises Besserseyn; und dieses stuffenweise Besserseyn erfordert, daß ihr nicht schon im Anfang seyd, was ihr später werden sollt."[33] Das Wissen um den Tod kann zum Antrieb werden, sich bestmöglich zu entwickeln und zu bilden, sich zu bemühen, innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges seinen Platz zu finden und sich dienend in die bestehende Ordnung einzugliedern: "Höre also auf, thörichte Wünsche zu fassen, füge dich als ein Theil in die Ordnung und die Gesetze des Ganzen."[34] Doch dazu braucht der Mensch Unterstützung durch andere. Die Pädagogen sollen ihn an dem mentalen Ort, an dem er sich befindet, abholen, ihn Stufe für Stufe weiterführen. Abholen, das heißt, zöglingsgerecht agieren. Für Knigge ist dies ein elementarer "Grundsatz der Kinder-Erziehung"[35] In einem Brief an Weishaupt schreibt er, daß man sich dem, den man erziehen wolle, "gleich stellen [...] muß, um etwas auszurichten."[36]

Um die rechte Lebenseinstellung zu finden, soll man sich freihalten von negativen Erfahrungen. Sie seien die Ursache unseres Leidens und beruhten auf Irrtümern und unlauteren Motiven. Deshalb sei es geboten, daß der Mensch seine Handlungen und die zugrundeliegenden Absichten analysiert und die wahren Ursachen des Elends aufdeckt. Man werde dann erkennen, "daß es eine gewisse Stimmung des Geistes gebe, welche über das Mißvergnügen erhebt, daß unser Elend nicht unheilbar sey, daß sich mit der Läuterung unserer Absichten unser Vergnügen vermehre, daß die Klagen der Menschen unleugbare Beweise von der Unlauterkeit ihrer Absichten seyen, daß jede unlautere Absicht ein Irrthum des Verstandes sey, der Mißvergnügen zur Folge hat."[37] Eine lautere Gesinnung hingegen läßt jegliches Unglück ertragen.

Dem Zusammenhang zwischen dem Leiden und den sog. Handlungsursachen, geht Weishaupt den beiden Schriften Apologie des Mißvergnügens und des Uebels sowie Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts nach. In ihnen erläutert er in Form eines Dialogs seine Vorstellung von einem bewußt handelnden Individuum; es ist imstande, seine Absichten zu korrigieren. In dem drei Teile umfassenden ersten Lehrgespräch Apologie des Missvergnügens treffen zwei gegensätzliche Auffassungen vertretende Protagonisten aufeinander. Eine an Weishaupt gemahnende Ich-Figur kommt mit einem als "Leidender" charakterisierten Archetypen ins Gespräch. Beide legen in einer Debatte über den gesellschaftlichen Zustand der Welt ihre Auffassung dar. Der Leidende, der pauschalierende ins Negative verkehrte Ansichten vertritt, wird nach und nach durch die Argumente des starken Ichs davon überzeugt, daß sein Leiden auf seinen Standpunkt, den er der Welt gegenüber einnimmt, zurückzuführen sei. Ihm wird im Verlaufe der Konversation auseinandergesetzt, daß seine Haltung nicht Resultat der auf ihn wirkenden Einflüsse ist, sondern aus seiner irregehenden Sichtweise auf die Dinge resultiert. Er wird zu der Einsicht geführt, daß eine Korrektur von Intentionen und Handlungen die Gemütslage wandeln kann und so zum glückseligen Leben führt.

Weishaupt kritisiert damit eine häufig bei Menschen, die sich schwierigen Situationen gegenübersehen, anzutreffende passive Haltung. Sie sind geneigt, den äußeren Umständen nachzugeben und machen häufig andere für ihre Situation verantwortlich. Wenn dies wirklich zuträfe, konstatiert Weishaupt, dann "sind die Gegenstände außer uns, unsere Herren und Gebieter; wir sind nichts weiter als ihre Sklaven, ihre Machinen auf welchen jeder nach Gefallen sein Spiel treibt. Wir hangen von allem ab; nichts hängt von uns ab; sie sind die einzigen thätigen Geschöpfe, wir sind bloß leidende Geschöpfe, ohne alle Wirksamkeit und Kraft, oder wozu hätten wir solche, wenn es so unmöglich ist, entgegen zu wirken?"[38] Er propagiert die Eigenständigkeit des Individuums, indem er aufzeigt, daß dem Menschen Entscheidungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume gegeben sind und er selbst für sein Tun verantwortlich ist.

Da Urteile über Handlungen zu fällen, keineswegs zu den notwendigen Einsichten führt, ist es erforderlich, den Motiven der jeweiligen Handlung nachzuspüren: "Die Ursachen der menschlichen Handlungen, sowohl als ihre Unterlassungen, sind keine anderen als die Absichten, welche jeder Handelnde hat, das vorhergesehen Gute, das er durch solche hervorbringen will. Diese Absichten mußt du erforschen, diese müssen dir bekannt seyn."[39] Das Erkennen von Handlungsabsichten gehört nicht zu den Fähigkeiten, über die ein Mensch von sich aus verfügt. Er ist dazu nur durch gezielte und vorurteilslose Beobachtung und dadurch nach und nach erworbene Erfahrung in der Lage. Zum Erkennen von Intentionen und Motiven stellt Weishaupt eine Beobachtungsmethode bereit. Er illustriert sie am Beispiel des Lernverhaltens und rät, folgendermaßen vorzugehen: "mache dir alle mögliche Absichten und Zweke bekannt, welche du bei verschiedenen Menschen, bei ihrer Begierde zu lernen bemerkt hast [...]. Diese zeichne sehr fleißig auf, um bei anderen ähnlichen Fällen davon Gebrauch zu machen."[40] So ermittelt er beispielsweise die Motivation, die eine Neigung zum Lernen auslöst. Er gibt zehn Motive vor, läßt von den genannten lediglich zwei gelten: "um Andern dadurch zu nuzen"[41] und "aus Überzeugung seiner inneren Verbindlichkeit und Verbindlichkeit, um sich über seine wahre, dauerhafte Verhältnisse aufzuklären, um seine höhere Bestimmung zu erfüllen, seine Seelenkräfte zu entwicklen, seinen Willen zu vervollkommnen, höhere Bewegungsgründe für die Sittlichkeit zu erhalten."[42] Anderen wie "Zwang", "um anderen Menschen zu gefallen, sie zu unterhalten"[43] oder "um des Unterhalts willen"[44] räumt er keine oder nur bedingt Berechtigung ein. Indem er aufzeigt, daß sich für die zunächst unerklärlich scheinenden Handlungen des Menschen Gründe und Nachweise finden lassen, rüttelt er an dem "Glauben an die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Herzens".[45] Anhand von Analogien sollte es nach seiner Auffassung möglich sein, dem Wesen eines Menschen auf den Grund zu kommen und Strategien zur Verbesserung von Absichten und damit Handlungen zu entwickeln. Das bedeutet, daß der Mensch seine Motive verändert, daß er "endlich auf eine Absicht stoßen muß, die ihn beßer befriedigt".[46] Dazu ist es geboten, negative Strebungen im eigenen Denken und Handeln zu erkennen und sie zu läutern.

Unlautere Absichten sind erst ausgemerzt, wenn das persönliche Interesse im Einklang mit ethisch vertretbaren Normen steht. Die Nichtbeachtung des ethischen Prinzips, der Wunsch, daß "die Leidenschaft [...] der Richter ist"[47] führt in Verstrickung und Leiden. Deshalb appelliert Weishaupt an den Menschen, Geduld im Leiden zu haben, seine wahre Bestimmung durch "durch alle Hindernisse [zu] verfolgen, sich durchaus gleich [zu] bleiben, aufrecht [zu] halten, aus[zu]dauren, und sich allein in unhörbaren Selbstgesprächen [zu] ermuntern."[48]

Die Ideen der Apologie des Mißvergnügens, die wohl noch in die Zeit von Weishaupts Wirken für den Orden fallen[49] erfahren eine Fortsetzung in einem zweiten Dialog, der von manchem ehemaligen Illuminaten sehnlichst erwartet wurde.[50] Dieser wurde zwischen einem als "Zweifler" und der schon bekannten Ich-Figur aus dem vorigen Band geführt. In der Schrift Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts, die ein Jahr nach der Apologie erschien, ist das Ziel des Lehrgesprächs, zu erkennen, daß der Mensch sich und andere zur Vollkommenheit bringen kann. Voraussetzung hierfür ist die Beherrschung seiner selbst. Der Gedanke vom Menschen als sich selbst überantwortetem Wesen wird hier wieder aufgegriffen und weiter ausgeführt. Der Mensch an sich besitzt nicht nur die Fähigkeit, sich zu seinem Besten zu entwickeln. Er kann gleichzeitig anderen Beistand gewähren, indem er ihnen hilft, die Ursachen ihrer Umstände zu erkennen sowie die Beweggründe ihrer Absichten zu veredeln: "Wir sind Zweck und zugleich um unsrer selbstwillen sind wir Mittel, und wir müssen beitragen, selbst durch Unfälle und widrige Schicksale beitragen, damit auch andere werden, um diese Ordnung zu gründen, um sie immer höher und anschaulicher zu machen, um dadurch die Quellen unsers Vergnügens zu mehren."[51] Diese Hilfeleistung hat zur Voraussetzung, daß er, ohne natürlich in seiner Entwicklung einzuhalten, demjenigen, dem er die Hand bieten soll, voraus ist, d.h., den Zustand verkörpert, den es zu erreichen gilt.

Weishaupt spricht in diesem Zusammenhang von dem Unterweisenden als einem Seelenarzt, der dem Menschen so nötig sei wie der Arzt des Körpers. Daraus wird ersichtlich, daß er – wie die Pioniere der Psychologie im 18. Jahrhundert – dieser Wissenschaft eine beträchtliche Bedeutung beigemessen hat. Weishaupts Gedanken bewegen sich in diesen beiden Schriften um Kernideen der Pädagogik. Er konstatiert die Bildsamkeit des Menschen und räumt ihm Chancen ein zu einer ethischen Existenz, die er aus sich selbst heraus aufbauen kann. In der Vermittlung für andere festigt der Mensch überdies das, was er weiß und zeigen kann. Weishaupt würdigt die besonderen Möglichkeiten des Lernens durch Lehren. Beide Tätigkeiten sie ergeben sich als natürliches Bedürfnis des Menschen. Der Lehrende, der mit wachem Bewußtsein handelt, ist am ehesten in seinem Tun unabhängig von persönlicher Voreingenommenheit und weiß, woran es dem Lernenden in seiner Entwicklung noch mangelt. Ungeachtet der jeweiligen Situation gehören Bewußtheit und Selbstkontrolle zum Handeln eines jeden aufgeklärten Menschen. Sie sind im Verein mit der Übung Voraussetzung für den Zugewinn an Erfahrung und Erkenntnis: "Wir lernen also, bei einer künftigen Gelegenheit manche Umstände, die uns sehr unbedeutend waren, als wichtiger zu betrachten, und den Gegenstand selbst von allen Seiten zu beleuchten. was kann es also schaden, wenn die ersten Versuche mißlingen? Wer ist jemals ohne Fehler klüger geworden? Die Übung wird unsern Blick verfeinern, wird machen, daß wir nach und nach glüklicher rathen. Durch die Uebung bilden wir uns zu jedem Geschäft."[52] Mit dem Hinweis auf die Übung unterstreicht Weishaupt ein wesentliches Element seines Konzepts, wie er es bisher vertreten hatte, und betont die Wichtigkeit des Übungsgedankens auch für künftige pädagogische Unternehmungen.

In der Trilogie Über Wahrheit und sittliche Vollkommenheit wollte Weishaupt die Physiologie der Seele ergründen, deren Pathologie darstellen, praktische Weltweisheit vermitteln sowie Anleitung zu Lebensweisheit und Glückseligkeit geben. Im Hinblick auf die Bildung des Menschen bekräftigte er die Notwendigkeit für den Erzieher, die Anlagen des Menschen zu beachten: "Wer den Menschen heilen und bessern will, muß daher offenbar, dahin arbeiten, daß er ihn zu dem mache, was er seiner Natur und Anlage nach werden kann und soll. Bei der Besserung und Veredlung der Menschen kommt daher alles auf die Begriffe an, welche jeder von dem hat, was der Mensch werden kann, welchen Begriff sich jeder von dem gesunden und mangelfreien Zustand der Seele macht, worinn jeder die Vollkommenheit sieht. Sind diese Begriffe falsch, so werden aus dieser Schule nichts anderes als sittliche Carricaturen hervorkommen."[53] Obwohl das, was jeder einzelne vermag, den jeweiligen Entwicklungsweg bestimmt, ist es unumgänglich, Bildung und Erziehung an einer ethischen Norm zu orientieren. Diese findet Ausdruck im Begriff der sittlichen Vollkommenheit, an dem Weishaupt sämtliche pädagogischen Ziele und Maßnahmen ausrichtet. Die Frage "was ist alle Erkenntnis, wenn sie nicht beruhigend ist?"[54] macht auf einen wichtigen pädagogischen Anspruch aufmerksam. Der Lehrende ist verpflichtet, sich zu "bestreben, das, was ungewiß ist, gewiß zu machen."[55] Er ist nicht nur zur Wissensvermittlung sowie zur Entwicklung seines Einfühlungsvermögens verpflichtet, er muß darüber hinaus in dem, was er als Pädagoge tut, Standfestigkeit zeigen und dem Zögling Gewißheit geben können.

Weishaupt stellt die Bedeutung der Erkenntnis für die Vervollkommnung des Menschen heraus und greift den Gedanken der Glückseligkeit als Bestimmung des Menschen wieder auf. Glückseligkeit könne nur dann erreicht werden, wenn das, was der Mensch für sich erkannt hat, stetig überdacht und u.U. revidiert werde. Der Wert der Erkenntnis bestimmt sich danach, in welchem Maße sie zur Glückseligkeit führt, die im Zuge praktischer Erkenntnis erreicht werden kann. Theoretische Erkenntnisse dienen lediglich der Untermauerung der Praxis. Es kommt daher nicht darauf an, sich immer neue Erkenntnisse zu verschaffen, sondern das einmal Erkannte optimal für die eigenen Belange zu nutzen. In einer weiteren Schrift Die Leuchte des Diogenes, die 1804 erschien, erläutert Weishaupt, daß es des planmäßigen Vorgehens bedarf, um auf den Weg der Vervollkommnung zu gelangen: "Wo kein Plan ist, da ist auch keine Weisheit, da geschieht alles durch die Gewalt des Ungefährs."[56] Diese Erkenntnis beruht u.a. auf den Erfahrungen aus der Anfangsphase des Illuminatenordens. Planmäßigkeit stützt den pädagogischen Prozeß, der Mensch braucht klare Zielvorstellungen und darf nicht "ohne weitere Zurechtweisung sich selbst überlassen werden"[57] Wer pädagogische Weisungen geben will, "muß ein Ziel vor den Augen haben."[58] Ist der Erzieher sich seines Zieles bewußt, kann er erfolgreich an der Verbesserung der Welt arbeiten. "Wohlthäter des Menschengeschlechts"[59] oder gar "Schöpfer einer neuen und bessern moralischen Welt"[60] könne er nur werden, wenn es ihm "gelingen würde, die Begriffe von gut und bös, recht und unrecht, wahr und falsch zu fixieren, und die Menschen von dem alle Moral und Vernunft vernichtenden Wahn zu heilen, als wenn diese Begriffe blos relativ oder die Folge einer Konvention und Verabredung wären, als wenn es keine absolute Güte, Wahrheit und Recht gäbe."[61] Mit dieser Einschätzung verweist Weishaupt auf die Grenzen von Erziehung und Bildung. Mögen diese auch dazu beitragen, dem Menschen zu seiner Bestimmung zu verhelfen, können sie doch nicht die Urkonflikte des menschlichen Wesens lösen. Sie bedürfen, um an dieser Klippe nicht zu scheitern, der ethischen Orientierung. Obwohl der Mensch bildsam ist und Erziehung und Bildung möglich macht, bewegt sich der Pädagoge auf schwierigem Terrain. Er sieht sich der diffizilen Aufgabe gegenüber, das Gleichgewicht zwischen angestrebtem Ziel und freier Entwicklung zu wahren. Dazu braucht er Offenheit und Flexibilität, wodurch wiederum eine objektive und prinzipienfeste Orientierung fragwürdig wird. Weishaupt geht in seiner Zeitschrift "Materialien zur Beförderung der Welt- und Menschenkunde" sogar so weit zu behaupten, daß jede pädagogische Position zwangsläufig relativ sei, weil die Bestimmung der Wirklichkeit nicht eindeutig gelinge: "Wer kann wissen, ob es nicht wir selbst sind, welche alle Realität und Gesetze in die Welt denken? ob es wirklich Gegenstände außer uns giebt? ob nicht ich selbst der Schöpfer dieses Ganzen, mein eigener Lehrmeister und Schüler bin?"[62] Handeln müssen in nicht eindeutiger Situation, das ist das grundlegende Dilemma der Pädagogen. Sie dürfen aber nicht die Möglichkeiten des Menschen unterschätzen und sich in Untätigkeit flüchten. Sie sind herausgefordert, müssen bereit sein zum Wagnis und auf die Vernunft bauen: "Wer der Vernunft Stillstand gebieten, und dem Menschen sagen darf: bis hierher und nicht weiter sollst du gehen" muß "dadurch beweisen, daß er selbst an der Gränze aller menschlichen Wißbegierde und Thätigkeit stehe, oder es liegt ihm ob, zu zeigen, wo diese Gränzen sind, und gesucht werden müssen."[63] Da dies niemand vermag, ohne in der einen oder anderen Richtung restriktiv zu wirken, besteht die Aufgabe eines Lehrenden darin, stets eingedenk des bestehenden Risikos und der eigenen Fehlbarkeit zu handeln. Sich Irrtümer einzugestehen, sie als Teil der eigenen Wesenheit anzunehmen und entsprechend auch mit den Fehlern anderer umzugehen, gehört zu den pädagogischen Aufgaben der Lehrenden. Sie müssen sich bewußt sein, daß der Mensch "seiner Natur nach ein Sklave seiner Angewöhnung"[64] ist. Es geht aber darum, ihn aus dieser Rolle herauszuführen. Diese Möglichkeit besteht, weil die Gewöhnung des Menschen "seine weitere Veredlung nicht ausschließt, sobald es möglich ist, daß sich mit den Umständen die Ursachen verändern."[65]

Eines der Hauptthemen, denen sich Weishaupt in dieser Schrift zuwendet, betrifft den Streit der "Schule mit der Welt", d.h., die Diskrepanz, die zwischen vermitteltem Wissen, idealen Lehrgebäuden und ihrer Verwirklichung besteht. Er sieht hierin das Haupterschwernis bei der Bildung der Gesellschaft. Auch kann vieles von dem verfügbaren Wissen nicht zur Anwendung gebracht werden, da es sich der Lebenswelt der meisten Menschen entzieht. Der Praktiker und der Theoretiker, "Weltmann" und "Philosoph", vermögen es aufgrund ihrer nahezu gegensätzlichen Wahrnehmung der Welt nicht, sich einander zu nähern. Weishaupt sieht den Grund für diese Unzulänglichkeit nicht primär bei den geistigen Kapazitäten des Weltmanns, sondern glaubt, daß Gelehrte sich weniger zu einer Annäherung bewogen fühlen könnten: "Mir ahndet sogar, der nur in der Erfahrung und in Thatsachen lebende Weltmann werde der friedlichen Annäherung weniger Hindernisse entgegen stellen, als der von seiner Theorie geblendete und irre geführte Philosoph."[66] Die bei Weishaupt anzutreffende äußerst kritische Haltung gegenüber der Welt der Gelehrsamkeit besteht vor allem gegenüber bereits etablierten Erziehungseinrichtungen, denen er vorwarf, sie würden ihren Schülern das Leben vorenthalten und sie statt dessen mit Theorien überfrachten. Er hegt sogar den Verdacht: "Unsere Großen fürchten die Wahrheit; unsere Lehrer erfüllen die Köpfe ihrer Zöglinge mit Wortkram, Hypothesen, Speculationen und Sophistereyen."[67] Trotz seiner Skepsis sieht er in den Philosophen mehr als in den Weltmenschen das Potential, Menschen zu unterweisen und zu bilden. Ihre Bildung verpflichtet sie dazu, ihre Mitmenschen für die Bildungsgüter zu interessieren und ihnen eine Teilhabe zu ermöglichen. Ganz besonders die Schriftsteller, zu denen er sich beim Erscheinen der "Materialien" bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten selbst zählte, sollten sich als Menschheitslehrer verstehen. Schriftstellern und Philosophen allein hätte man jedoch diese Obliegenheit nicht übertragen können. Weishaupt sah in ihnen nicht die Hauptakteure auf dem Gebiet der Bildung, sondern verlangte lediglich den ihnen möglichen Beitrag. Die volle Verantwortung zur Bildung des Menschen konnte im Grunde nur von der Gesellschaft als Ganzes übernommen werden. Sowohl der Staat und als auch die Kirche sollten sich aufgrund der ihnen offenstehenden Möglichkeiten dazu verpflichten, den Menschen in das Zentrum ihrer Bemühungen zu stellen: "Dann ist der Mensch nicht Mittel sondern Zweck, und kann von seinen Führern verlangen, daß er als solcher behandelt, und seiner Bestimmung gemäß gelehrt und erzogen werde."[68]

In seinen späteren Schriften, also nach den Ereignissen der französischen Revolution, nimmt Weishaupt in Fragen des Staatswesens und der Regierungsform eine indifferente Position ein. Aufgrund der Erfahrungen während der turbulenten Revolution war er zu dem Schluß gekommen, daß es letztlich keine immer gültige Staatsform geben könne: "Eine Regierungsform, welche für alle Zeiten und Völker paßt, muß daher mit Recht in das Land der Träume verwiesen werden."[69] Für ihn war die Abhängigkeit der Pädagogik von der herrschenden Staatsform unbezweifelbarer Tatbestand und er meinte, daß Erziehung und Bildung nur so gut sein könnten, wie die jeweilige staatliche Ordnung dies zuließe. Seine Hoffnung war, der Staat möge "nie vergessen, daß er selbst ein Theil, eines ungleich größern Ganzen ist. Er sollte bedenken, daß seine ihm zugetheilte Rolle temporär und vorübergehend ist. Er sollte wissen, was aus diesem Ganzen werden soll, wohin sich am Ende alles neigt."[70] Weishaupt wollte dem Staat pädagogische Verantwortung übertragen und ihm die Aufgabe zuweisen, den Menschen Möglichkeiten zu ihrer Entfaltung zu bieten. Der Illuminatenorden sollte den Staat unterstützen, auch deshalb wollte er – wie er 1782 in einem Brief an die Münchner Areopagiten ausführt – das Gradsystem von vornherein so gestalten, daß Regenten zu gegebener Zeit ihre Staaten an dem Vorbild und den Prinzipien der Illuminaten hätten ausrichten können: "Die Machine muß so einfach werden, daß sie ein Kind dirigiren, und in Bewegung setzen kann. Hoc nondum est: sie wäre es aber, wenn man mich nicht gehindert hätte. Die Grade müßen nicht nur allein nichts für uns gefährliches, zweydeutiges enthalten, sondern sie müßen so eingerichtet seyn, daß uns Fürsten bitten, sich in ihren Landen niederzulassen, und solche ein­zurichten."[71] Er hatte die Verbindung mit und die Einflußnahme auf Landesfürsten recht früh im Kalkül und beabsichtigte, mit ihrer Hilfe eine leistungsfähige Institution ohne Korruption und Begünstigungen aufzubauen. Während der Illuminatenzeit gab es bereits einen Regenten, der sich diesen Ideen ganz besonders öffnete und sich nach Meinung der Illuminaten als tauglicher Partner erwies. Es war Ernst II. von Sachsen – Gotha – Altenburg, der seine Herrschaft zum Wohle der Menschen ausübte. Sein Großvater Herzog Ernst I., auch genannt der Fromme, hatte bereits im 17. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht in seinem Herzogtum eingeführt. Ernst II. wurde zu Pflichtbewußtsein erzogen. Er und sein Bruder August erhielten zur Beförderung ihrer Kenntnisse Aufträge, mußten deren Erfüllung in einem Heft dokumentieren, das in regelmäßigen Abständen von ihrer der Aufklärung offenen Mutter Herzogin Luise Dorothèe kontrolliert wurde. Es ist augenfällig, daß diese Praxis der der pensa und quibus licet nicht unähnlich war. Ernst gehörte bereits seit seiner Jugend Geheimbünden an. Er war im Freimaurerorden aktiv und Mitglied des Ordre des Hermits de bonne humeur am Gothaer Hof. Die humanistischen und aufklärerischen Gedanken, die von diesen Bünden vertreten wurden, prägten den Herzog. Die früheren Geheimbunderfahrungen führten ihn auch zu den Illuminaten.[72] Aber anders als in Weishaupts Idealvorstellungen hatte nicht der Herzog die Illuminaten kontaktiert. Sie hatten ihn umworben, was im Orden nicht unumstritten war, Bode hatte ihn überzeugt. Ernst protegierte die ihn umgebenden Illuminaten über einen langen Zeitraum. Er hatte in den Gothaer Illuminaten hoch qualifizierte und gebildete Ratgeber.

Ernst war von den Illuminaten als "treuen zur höchsten Sittlichkeit gebildeten Menschen"[73] überzeugt, welche "gelehrt worden, alles innere mehr als das äußere zu schätzen, welche dem Ehrgeiz, der Sinnlichkeit, der Geldgierde weniger ergeben"[74] waren. Die Besetzung staatlicher Ämter mit solchen Persönlichkeiten versprach Nutzen für das gesellschaftliche Ganze, doch wurden die Anstellungen noch immer nicht ausschließlich nach dem Leistungsprinzip vergeben, sondern häufiger nach dem gesellschaftlichen Stand. Weishaupt sah sich auch später genötigt zu der kritischen Feststellung: "Die bloße Geburt gibt noch immer ein ausschließendes Recht auf öffentliche Stellen." [75] Er propagierte vernünftige Monarchie in konstitutioneller Form, hielt es jedoch für eine irrige Vorstellung, daß der Regent und seine Familie als Eigentümer eines Landes gelten sollten. Vielmehr sollten diese wahrhaft ihrem Volke verpflichtet sein, vorbildlich leben und für die Bildung und Sittlichkeit ihres Staates wirken. Er trat dafür ein, daß der Regent sich die Vervollkommnung seines Volkes zur Aufgabe macht und auf dem Weg in die Zukunft voranschreitet: "Der größte Revolutionär des Staates sollte daher der Regent seyn."[76] Er muß "vorhersehen können, was gefordert werden kann. Er muß unmerklich allen Forderungen zuvorkommen."[77] Dazu bedarf es tiefer Einsicht in die Disposition des Menschen. Der Staatslenker ist moralisch in die Pflicht genommen, seine Tätigkeit zum Besten seiner Bürger zu verrichten. Er vertritt in einem Sittenregiment die Stelle des aufgeklärten Menschen, so daß die Untertanen auf dem Weg zur Vollkommenheit sich an ihm orientieren können. Der Regent wird zum Erzieher des Volkes. Weishaupt fordert die Umkehrung der machiavellistischen Auffassung, in der die Untertanen sich der vom Fürsten bestimmten Politik fügen. Wo "wahre Staatskunst"[78] herrscht, "ist der Mensch etwas großes. Im System des Machiavellismus ist er nichts."[79] Das Geschäft der Regierung sollte "für nichts weiter angesehen werden, als für eine Art von Vormundschaft, welche gleich dieser mit der Volljährigkeit des Mündels aufhört und hinwegfällt. Diesem zufolge kann keine Regierung bei ihren Untergebenen den Gang der Cultur hindern, so wenig als der Vormund berechtigt ist, die Volljährigkeit seines Pupillen aufzuhalten oder zu verzögern. Daher ist auch jede Verlängerung, jede Verzögerung, jedes geflissentliche Hinderniß einer höhern Cultur, jedes Verbot und Beschränkung der Aufklärung, jede Anstalt zur Beförderung der Dummheit und des Aberglaubens ein Attentat gegen die unveräußerlichen ersten Rechte der Menschheit, eine wahre und eigentliche Usurpation. Aus gleichen Ursachen kann und darf keinem Menschen, er sey welchen Standes er wolle, keine Wahrheit und kein Aufschluß über seine Rechte vorenthalten werden." [80] Erziehung und Bildung sind nicht nur eine Funktion des Staates, sein ganzes Wesen muß auf ihren Prinzipien fußen, soll er den Menschen und ihrer Vervollkommnung dienen. Diese Vorstellung deckte sich jedoch nicht mit der Realität. Staat und Politik zeigten oft wenig oder gar kein Interesse an Mündigkeit und Selbständigkeit der Bürger und versuchten sogar, von dem vorherrschenden Untertanengeist zu profitieren. Weishaupt kritisierte, daß der Staat dem Prozeß der Volksaufklärung oftmals noch im Wege stehe, "daß es durch die Staats-Einrichtungen sehr möglich wird, ohne höhere Läuterung der Absichten zur Macht und zur Ehre zu gelangen, [...] daß der Staat kein Interesse zu einer höhern, mehr geläuterten Menschenkenntniß gibt, [...] daß folglich die Staatsverbindung allein genommen auf keine Art ein zureichendes Mittel ist, um die noch übrige primitive Unwissenheit, Trägheit und Eigenmächtigkeit ganz zu vertilgen, die menschliche Thätigkeit für die höchsten Güter zu reitzen, und den Menschen auf die ihm mögliche Art zu vervollkommnen."[81] Bildung und Erziehung könnten unter diesen Umständen keinesfalls der alleinigen Obhut des Staates anvertraut werden. Weishaupt schlußfolgert daraus, daß "noch etwas, eine weitere Anstalt erfodert wird, welche dem Unvermögen des Staats zu Hilfe eilt, wenn der Mensch seine Bestimmung und das letzte Ziel seiner Wünsche erreichen soll."[82] Sein Interesse gelte vorwiegend dem Bürger, weniger dem Menschen. Weishaupt sah sich nunmehr als Ratgeber des Staates und legte dar, welcher Voraussetzungen es bedürfe, um auf dem Wege der Erziehung einen gesellschaftlichen Wandel im Sinne des Gemeinwohls zu anzuregen: "Eine Reformation, welche wahrhaft seyn soll, muß auf das Ideal der menschlichen Vollkommenheit arbeiten [...]. Sie muß ein Ganzes seyn, sie muß den übrigen Lauf der Welt so wenig stören als möglich ist; sie muß nicht verlangen, was durch die Umstände nicht möglich ist, sie muß ein Kind der Überzeugung und des Bedürfnißes seyn, sie muß folglich niemanden aufgedrungen werden, sie kann nur bei denjenigen anfangen, welche das Bedürfniß fühlen. Diesen liegt es ob, dieses Bedürfniß durch zweckmäßigeren Unterricht oder Anstalten bey mehrern nach und nach entstehen zu machen."[83] Keine der öffentlichen Einrichtungen hätte zum damaligen Zeitpunkt eine solche Aufgabe vollbringen können. Dieser Befund veranlaßte ihn dazu, die Idee der geheimen Gesellschaft unter veränderten Vorzeichen wieder ins Spiel zu bringen.

Die Bildungsarbeit einer Geheimgesellschaft sollte als Erweiterung des staatlichen Bildungsangebotes verstanden werden. Sie könnte neue Impulse schaffen, ihre gezielte Inanspruchnahme durch den Staat dazu beitragen, Defizite im Bildungswesen zu beseitigen. Für Weishaupt waren geheime Verbindungen "unleugbar eine Art von Menschenvereinigung; [...] ein Versuch, ein Bestreben, das bisherige Band enger zu schließen, die Geselligkeit zu erhöhen und zu erweitern; [...] Wenn es auch ausgemacht seyn sollte, daß die bürgerliche Gesellschaft, die höchste menschliche Erfindung ist; so ist es nicht minder ausgemacht, daß diese bürgerliche Vereinigung einer noch weitern Vervollkommnung fähig ist."[84] Die Existenz von Geheimgesellschaften und ihre Bildungsbestrebungen sollten vom Staat nicht nur akzeptiert werden, sondern ihre effektiven Strukturen sowie Erziehungs- und Bildungspraxis sollten zum Vorbild werden für ein sukzessive auszubauendes flächendeckendes System in staatlicher Verantwortung. Pädagogische Konzepte könnten erprobt und der Übernahme erfolgreicher Modelle in das staatliche Bildungssystem könnte risikolos vorgearbeitet werden. Nach Weishaupts Konzept hätte das illuminatische System eine staatlich sanktionierte Geheiminstitution werden können. Die im Dienste des Staates agierende Gesellschaft hätte, unter der Voraussetzung, daß ihre Ziele und Mittel lauter seien und ihre Aktivitäten im Verborgenen liefen, mindestens "so lange gebraucht werden können, bis der Zweck erreicht"[85] war, was aber realiter bedeutete, daß sie doch eine dauerhafte Institution werden müßte.

Ein im Geheimen erteilter Unterricht hätte eine höchstmögliche Versachlichung des erzieherischen Verhältnisses und, "unpartheyischere Urtheile zu hören"[86] bewirken können. Der Erzieher wäre im Hintergrund geblieben, wie ein "Maler, [der] sich hinter sein[em] Gemälde"[87] verbirgt. Der erste Schritt zur Vorbereitung auf die volkspädagogische Aufgabe der Geheimgesellschaft bestünde in der Heranbildung von Lehrern nach dem Konzept, das für die Ausbildung des Ordensnachwuchses im Gradsystem maßgebend war.

Der Staat sollte nicht mit Disziplinierungsmaßnahmen und Drillmethoden seine Bürger erziehen wollen. Weishaupt stellte fest, daß "nicht die Menschenliebe, sondern die traurigen Folgen einer sehr vernachlässigten Erziehung, einer ebenso vernachlässigten Armen-, Kranken- und Rechtspflege; ihr widriger Einfluß sowohl auf das Ganze, als auf einzelne Bürger, [...] Schulen, Armen-, Kranken- und Waisenhäuser, Gerichtshöfe und eine ordentlichere Rechtspflege"[88] notwendig gemacht hätten. Er behauptet sogar, pädagogische und karitative Einrichtungen seien von unlauteren Motiven bestimmt: "Aus der Ursache, aus welcher wir unsere Todten begraben, damit sie uns Lebenden nicht zur Last werden, hat die menschliche Eigenliebe sich entschloßen, auch für andere zu sorgen."[89] Die für den Reformprozeß in Staat und Gesellschaft notwendige mentale Umorientierung sollte mit der Einstellungsänderung der Lehrenden beginnen. Diese sollten die Disposition und Lebenslage ihrer Schüler wahrnehmen lernen und ihre Lernhilfen entsprechend individualisieren. Weishaupt kritisierte den Zwang in Schule und Öffentlichkeit. Er ging von der Erfolglosigkeit von Zwangsmitteln aus und fragt kritisch, "wer kann Absichten erzwingen?" [90] Vielmehr sei es so, daß Zwang Spontaneität bei den Schülern ersticke, Desinteresse hervorrufe und Vertrauen zerstöre. Schüler zu motivieren verlange, ihre Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und zu erkennen, daß ihre Motivation von entwicklungsgemäßen Aufgabenstellungen abhängt. Weishaupt sah sich veranlaßt, die institutionellen Träger der Erziehung und Bildung der unpädagogischen Haltung zu zeihen: "Mir scheint es, die Kirche sowohl als die Schule lassen sich nicht genug zur menschlichen Schwäche herab, sie fordern auf einmal zu viel, und kommen dieser Schwäche nicht genug zu Hülfe. Der Mensch ist nun einmal so beschaffen, daß er nie ohne Interesse thätig wird; wenn er handeln soll, so muß er ein Gut vorhersehen, zu dessen Erreichung die Kraft seiner Anstrengung zureichend ist, ein Gut, das er kennt, das für ihn ein Gut ist, so lange er diese Denkungsart besitzt."[91] Er forderte aus der Erfahrungswelt der Zöglinge stammende Inhalte zu vermitteln und didaktische Prinzipien zu beachten, d.h. mit dem Lebensnahen zu beginnen und erst allmählich sich Komplexerem zuzuwenden. Lehrende würden den Zöglingen ständig Leistungen abfordern, selbst aber nicht an ihrer eigenen Weiterentwicklung arbeiten und in dem Bewußtsein agieren, ihr Status sei unantastbar. Ein einmal zum Lehren Befähigter erhebe einen Allmachtsanspruch, dem zu widersprechen nicht ratsam und sogar riskant sei. Allein schon des Amt des Lehrers verleihe diesem Autorität, er müsse sich keiner weiteren Herausforderung oder gar Evaluierung stellen, um sie zu verdienen.

Weishaupts Kritik an den Bildungseinrichtungen der Kirche zielte auf das Vorenthalten von Persönlichkeitsrechten. Der Zögling werde in der kirchlichen Pädagogik "zu einer bloßen Maschine umgeschaffen, welche Gott und der Satan wechselweis bewegen."[92] Letztendlich entstehe dadurch der Eindruck, der Teufel sei mächtiger als Gott selbst. Eine misanthropische Einstellung befördert die Neigung, Adepten zu zwingen und zu verfolgen anstatt sie zu belehren und zu unterrichten. Sie bewirke eine weltfremde Abrichtung, überbetone Wissen und Intellekt und stelle sich dem Glück der Schüler entgegen. Die Herzensbildung werde vernachlässigt. Dies gelte insgesamt für die öffentlichen Schulen. Aus ihnen "kommen mehr gelehrte als gute und große Menschen hervor."[93] Mag seine Kritik auch übertrieben sein, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß Schule und Unterricht durch eine Verabsolutierung des Verpflichtungs- und Disziplinierungsgedankens ihren umfassenden pädagogischen Auftrag leicht aus den Augen verlieren.[94] Weishaupt beklagt das Fehlen einer Schule der Vorbereitung auf das Leben: "Wir haben keine Erziehungsanstalt, welche eine Uebungsschule der Tugend wäre, in welcher die aufkeimenden Leidenschaften in ihrem Grund angegriffen, wo die Quellen des Leidens und Mißvergnügens untersucht, wo die Absichten geprüft werden. Wir haben keine Erziehungsanstalt, wo junge Gemüther, ehe sie in die Welt treten, mit der Welt bekannt und auf alles vorbereitet werden, was dort ihrer wartet; wo sie die große Kunst gelehrt werden, den Werth der menschlichen Handlungen wahrhaft zu beurtheilen, ihre Erwartungen herab zu stimmen, vernünftiger zu begehren, sich in alle künftigen Lagen zu finden, um aus allen widrigen Vorfällen Vergnügen zu schöpfen, wo sie auf den bevorstehenden Uebergang aus der Schule in die Welt und vorzüglich auf den auffallenden Widerspruch zwischen beyden vorbereitet, und gegen das sodann entstehende Mistrauen über die Brauchbarkeit höherer Grundsätze verwahrt werden. Es mag seyn, daß es solche Anstalten gibt, aber ich kenne keine Schule, deren erstes Augenmerk der Mensch ist."[95] Die von ihm geforderte Lebensschule begreift den Menschen als Maß der Dinge. Sie sollte ihre Adepten befähigen, Menschen richtig einzuschätzen und situationsbezogen zu handeln. Es wurde eine Charakterbildung angestrebt, die den Menschen zur Standfestigkeit verhelfen sollte. Der innere Drang zum Lernen sollte genährt werden durch Erfolgserlebnisse und positive Rückmeldungen. Erfolg erzeugt ein "anhaltendes, dringendes Bedürfniß, seine Absichten zu veredeln, diese Veredlung als ein großes Gut zu begehren."[96] Als eine wesentliche Ursache für das Versagen der Schule erweist sich der Mangel an Ermunterung der Zöglinge, der "Beyfall" für sie. Ermunterung ist ein Zeichen der Bejahung. Sie vermittelt dem Zögling das sichere Bewußtsein, daß der Lehrende auf seiner Seite steht. Der gute Pädagoge trägt diesem elementaren Bedürfnis, der "Begierde nach Beyfall" [97] und dem Bedürfnis "subjectiv behandelt [zu] seyn"[98] Rechnung.

Alle Pädagogen, gleich, welche gesellschaftliche Position sie bekleiden, sollten nicht nur über Gelehrsamkeit verfügen, sondern auch von ihrem Auftrag erfüllt sind und über Sendungsbewußtsein verfügen: "Wer kann für die höchsten Güter andere empfänglich machen, ohne selbst dafür zu glühen?"[99] Die Auswahl geeigneter Kandidaten und deren Ausbildung sollte zu den Angelegenheiten des Staates gehören. Die Festlegung der zu vermittelnden Lehrinhalte erweist sich als weniger problematisch als die Art der Vermittlung. Im Hinblick auf die Realisierung seines Vorschlages erlag Weishaupt jedoch keinerlei Illusionen. Er war sich 1790 vollauf bewußt, daß aufgrund der Illuminatendebatte und den gegen ihn bestehenden Vorbehalten, die öffentliche Meinung "geheimen Verbindungen durchaus entgegen ist, daß ihre günstigen Zeiten ganz vorüber sind."[100]

Weishaupt brachte seine bildungspolitischen Vorstellungen im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in erweiterter Form und anderen Bezügen noch einmal in die öffentliche Diskussion ein. In seinen Schriften Über die Staatsausgaben und -auflagen von 1817 sowie Über das Besteuerungssystem aus dem Jahre 1820 setzte er sich dafür ein, daß der Staat seine Bürger als mündig betrachtet und ihnen Eigentumsrechte zugesteht. Parallel zu seinen bildungspolitischen Ideen trug er auch beachtenswerte wirtschaftspolitische Überlegungen vor. Die soziale Diskrepanz, wie sie sich in den Besitzverhältnissen spiegelte, sollte gemindert werden und zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation führen: "Nicht der Luxus, welcher selbst nur Wirkung ist, sonder seine Ursache, – die zu große Ungleichheit der Reichthümer – ist die Ursache von dem Verfall der Staaten."[101] Das Beispiel Großbritanniens, dessen Staatsverschuldung nicht zum Niedergang der Nation, sondern zu ihrem wirtschaftlichem Aufschwung geführt hatte, nahm er als Indiz dafür, daß die Bürger eines Staates in schwierigen Wirtschaftslagen nicht zur Einschränkung gezwungen werden sollten, sondern, daß es der Wirtschaft dienlicher sei, Anreize zur Zirkulation von Waren und Finanzmitteln zu geben[102]

Seine Schrift Pythagoras sollte seiner Rechtfertigung dienen und den Beweis der Unschädlichkeit und Brauchbarkeit seiner Lehre erbringen. In ihr hob er hervor, daß seine Motive und Intentionen durchgängig die gleichen gewesen seien: "Wer sich die Mühe geben will, das letzte System mit dem ersten zu vergleichen, wird finden, daß meine Absicht immer dieselbige war,"[103] nämlich Aufklärung und Bildung möglich zu machen. Das illuminatische Anliegen, Staat und Gesellschaft zu dienen, war mit der Überzeugung verbunden, "daß Erziehung der einzige Weg seye, auf Menschen zu wirken."[104] Weishaupt hielt das Gros der Menschen aufgrund der am Ende des 18. Jahrhunderts vorherrschenden politischen Situation noch nicht für reif, um als selbstbestimmte Bürger handeln zu können. Unter der Voraussetzung jedoch, daß der Staat ein Interesse an der Mündigkeit seiner Bürger hat, sollte es möglich werden, die Bevölkerung nach und nach dazu zu befähigen, sollte die Erziehung ihr Ziel schließlich erreichen können.

2. Weishaupts pädagogische Lebensleistung

Wenn Friedrich Schiller im November 1789 anläßlich seiner Antrittsvorlesung an der Universität Jena von "Brodgelehrten"[105] spricht, um akademische Lehrer zu charakterisieren, die das Lehren lediglich als einen Beruf, nicht aber als Berufung ansehen, die von ihrer Aufgabe, ihr Wissen und ihre Erfahrung an andere weiterzugeben, nicht beseelt sind, dann kritisiert er denselben Mißstand im Bildungswesen, den Johann Adam Weishaupt dreizehn Jahre zuvor mit der Gründung des Illuminatenordens zu beheben suchte. Sowohl Weishaupt als auch Schiller forderten eine offene Haltung gegenüber einem Zögling, um pädagogische Erfolge zu erzielen. Die Qualität der Vermittelung ist abhängig davon, wie der Lehrende seine Aufgabe begreift und wie es ihm gelingt, dieser gerecht zu werden.

Aus den vorangegangenen Ausführungen wird ersichtlich, daß der Gründer des Illuminatenordens sich in seinen pädagogischen Bestrebungen um die Einlösung der Postulate der Aufklärung bemüht und ein beachtenswertes pädagogisches Konzept bereitgestellt hat. Weishaupt hat sich nach allen seinen pädagogischen Stationen vom Professor über den Ordenslenker bis hin zum Schriftsteller als Lehrer der Menschheit gesehen, des Menschen als zu vervollkommnendes Geschöpf, obwohl er selbst nur wenig Gelegenheit hatte, Personen anzuleiten. Eines der wenigen, dennoch prominenten Beispiele ist der schleswig-holsteinische Herzog Friedrich Christian, der zu Beginn des Briefwechsel mit Weishaupt sich von ihm in Menschenkenntnis unterweisen ließ. Auch hier erfolgte der Unterricht, wie im Illuminatenorden üblich, aus der Ferne. Weishaupt setzte auf sein Konzept der Menschenkunde und wies Friedrich Christian an, nach gründlicher Beobachtung Überlegungen zu den Ursachen menschlicher Handlungen anzustellen. Er bekam eine positive Rückmeldung: "So wie ich ihren Brief erhielt, habe ich angefangen, mir für jeden Tag einige Zettel zu rechte zu legen, auf welche ich meine Bemerkungen über die Gründe menschlicher Handlungen aufzeichne, und zugleich das, was ich dahin Gehöriges in meinem Gedächtnis finde, was mir entweder aus dem Unterricht meiner Lehrer oder aus meiner Lektüre aufgesamlet worden ist niederschreibe."[106] Weishaupt vermochte es jedoch nicht, den Herzog dauerhaft für seine pädagogischen Ziele zu begeistern. Schulz, der den Briefwechsel untersucht hat, nahm dies zum Anlaß, um Weishaupt mit ironischem Unterton als "Lehrer der Menschenkenntnis"[107] zu apostrophieren.

Weishaupts Leistung besteht nicht in ausgedehnter Lehrerfahrung und überzeugender eigener Unterrichtspraxis, sondern darin, daß er es verstanden hat, innovative pädagogische Köpfe seiner Zeit anzuziehen und sie im Sinne des Illuminatismus pädagogisch aktiv werden zu lassen. Die von ihm initiierte Pädagogik hatte eine allgemeine Menschenbildung zum Ziel. Die Mittel, die er zur Verbesserung und Veredlung des Menschen ersonnen hatte, wurden innerhalb und außerhalb der Ordensstrukturen wirksam. Pädagogen wie Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus} oder Jacob von Abel {Pythagoras Abderitis} griffen Weishaupts Ideen auf und halfen mit, sie im Raum der Schul- und Volksbildung zu verbreiten.

Die illuminatische Pädagogik stellte ihre Bemühungen in den Dienst des Individuums und setzte auf den Gedanken der Selbstbildung. Die Adepten sollten dazu befähigt werden, sich selbst zu führen. Sie konnten darauf bauen, daß der Orden sie entsprechend anregt und leitet und die jeweiligen Ergebnisse evaluiert. Ziel dieser Bemühungen war es, gebildete und urteilsfähige Menschen zu erziehen, und sie nach Eignung und Neigung zu Funktionsträgern der Gesellschaft heranzubilden. Weishaupts Forderung nach einer "Schul vom Unterricht"[108] einer ordensinternen Lehrerbildung, zielt darauf ab, von den mittleren Graden an, eine umfassend gebildete Lehrelite zu schaffen, die sich in den Dienst der Fortbildung anderer Mitglieder stellte. Ein Illuminat sollte also auch ein guter Lehrender werden und sich der Bildung und Führung seiner Mitmenschen annehmen.

Weishaupt vermochte es, der nach Unabhängigkeit strebenden bürgerlichen Gesellschaft genüge zu leisten und dadurch bei vielen Gehör zu finden, wie auch der Zulauf zum Orden beweist. Seine Theorie und Praxis der Erziehung des Menschen konnte sich – worauf bereits Agethen in den 80er Jahren hingewiesen hat – auf bewährte Ideen stützen.[109] Dies gilt z.B. hinsichtlich der Selbstkontrolle, die im Pietismus Usus war, der Disziplinierung, die im Jesuitenorden vielfältig praktiziert und der staatsbürgerlichen Erziehung, wie sie von der Aufklärung vorbereitet worden ist. Beim Blick in das Innere des Ordens zeigt sich jedoch, daß die Sicht Agethens einer Relativierung bedarf. Die pädagogische Praxis im Orden und gerade die Ideen in den höheren Mysterien stehen seiner Annahme entgegen, das illuminatische Erziehungssystem hätte die Ordensmitglieder zu maschinenmäßig funktionierenden Gliedern innerhalb eines straff organisierten Apparates abrichten können. So entschieden Weishaupt für die Bildung eindeutiger und einheitlicher Vorstellungen eintrat, so hat er nicht weniger durch die konsequente Individualisierung eine geistige Offenheit erzeugt, die jeglicher Uniformierung entgegenstand.

Der Verlauf der Unternehmung hat gezeigt, daß Weishaupts Pädagogik sich allmählich herausbildete und er erst nach und nach zu klaren Vorstellungen über die Elemente der pädagogischen Praxis gelangte. Rückblickend vergegenwärtigt er sich: "Wie sich der erste Keim einer Idee [...] von Zeit zu Zeit mehr entwickelt und läutert; wie ich immer näher zu meinem Ziele komme; und wie endlich aus diesen mangelhaften Versuchen, aus diesen Trümmern und Bruchstücken das Gebäude hervorsteigt, das ich letzhin bekannt gemacht."[110] Weishaupts pädagogisches Konzept ging aus den anthropologischen Prämissen der Zeit und verschiedenen Mysterienlehren hervor. Es entsprach in seiner Gesamtheit den pädagogischen Forderungen der Aufklärung.

Der Illuminatenorden wurde von Weishaupt verstanden als der erste Versuch einer allgemeinen Menschenschule, die sich an einem "Welterziehungsplan" ausrichtete. Sein Leitspruch war das sapere aude der Aufklärung, ergänzt um ein facere aude. Er gehörte zu denen, die entschlossen waren, ihre Pläne zur Verbesserung der Gesellschaft umzusetzen: "Das ist keine Kunst, einen grossen Ent­schluß zu fassen; aber der Zeit zu trotzen, es dagegen auszuhalten, was man groß gedacht, auch groß und standhaft auszuführen."[111] Er gab seine entschlossene Haltung auch später nicht auf, sondern zeigte sich optimistisch, weil auch das Scheitern einer Unternehmung neue Chancen bietet. Selbstbewußt fragt er fünf Jahre nach der offiziellen Auflösung des Ordens: "Warum verzweifeln, wenn der erste Versuch mißlingt, wenn nicht sogleich die vollendete Muster erscheinen?" [112]

Die erziehungspolitische Leistung des Gründers des Illuminatenordens könnte man darin sehen, daß er die tiefgreifenden Umbrüche der Zeit in ihrer gesellschaftsverändernden Bedeutung erkannt hat und willens war, die bisher vernachlässigten breiteren Bevölkerungsschichten zu unterstützen. Der Illuminatenorden spielte in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle und erzielte über sein ins Bildungswesen hineinreichendes Netzwerk eine beachtliche Breitenwirkung. So ist denn auch die Feststellung Hagbards berechtigt, Weishaupt habe "das alte pädagogische Regime gerade durch anerkennenswerte Neuerungen durchbrochen."[113] Auch wenn sich in der kurzen Zeit des Bestehens des Ordens verbindliche pädagogische Merkmale wie z.B. didaktische Modelle nicht bilden konnten, so bleibt doch zu konstatieren, daß Weishaupts Bestreben stets geleitet war von dem Anspruch, Aufklärung und Bildung realiter möglich zu machen. Sie sollten als Mittel fungieren, um die Teilhabe und Teilnahme aller am gesellschaftlichen Leben zu erreichen. Die von der Forschung mitunter geäußerte Kritik[114] die Vorstellungen der Illuminaten ließen sich nicht auf das Gesellschaftssystem übertragen, sind nach diesen Ausführungen nicht völlig berechtigt. Weishaupts Ideen stehen in der Nähe erfolgreicher, heute selbstverständlicher Erziehungs- und Bildungsmaximen, die für die Pädagogik von großer Bedeutung waren und sind, wie. z.B. die Einführung der Schulpflicht für alle Bürger des Staates, die einheitliche Ausbildung von Lehrkräften oder die Einbeziehung psychologischer Erkenntnisse in die Schulpraxis. Er wußte, daß der Illuminatenorden ein Versuch "zum Besserseyn, aber nicht [...] das Besserseyn selbst"[115] war und teilte mit anderen die Auffassung, man brauche zur Erzeugung der nötigen Reformkräfte eine geeignete Plattform. Sie sollte aber nicht bloß das sein, was sich Johann Georg Schlosser {Accacius} wünschte: "ein geheimes Paradies mit einem Cherub vor dem Eingang, wo man dann und wann hingehen, und sich wieder ausathmen könnte."[116] Das wäre ein Ort, "die kostbahre Ladung von Wahrheit [zu] bewahren [...] ohne Furcht daß Böße Buben nicht Galle darauf gößen."[117] Weishaupt wollte mehr. Sein Anliegen war, eine äußere Instanz zu schaffen, die eine Orientierung bot für eine Erziehung und Bildung zur Vervollkommnung des Menschen. Er befürwortete zwar, daß "im Grunde jeder sich selbst folge,"[118] doch sollte er auch den Willen entwickeln, auf das gesellschaftliche Leben zu wirken und die Verhältnisse für alle zu verbessern.

Den Weg zu diesem Ziel darzustellen, war eine der Intentionen der vorliegenden Arbeit. Das Bild, das sich aus dem ausgewerteten Material ergeben hat, könnte von Seiten der Erziehungswissenschaft durch die Sichtung weiterer, noch nicht erschlossenen Quellen vervollständigt werden. Es sollte in jedem Fall ergänzt werden durch Studien über die Einflüsse illuminatischer Pädagogik auf das öffentliche Bildungswesen. Dazu wäre erforderlich, das personale Netzwerk des Ordens und das pädagogische Schrifttum im näheren Umfeld in den Blick zu nehmen.

Weishaupts Grundanliegen war der aktive und gestaltende Eingriff in den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung. Seine politische und seine pädagogische Zielsetzung sind eins. Er selbst faßt seine Intentionen folgendermaßen zusammen:

Ich habe nicht seit heute erst, sondern solange ich lebe, die oberste Gewalt und Religion als wesentliche unabänderliche Bedürfnisse des Menschen betrachtet, und die Gründe dieser meiner Ueberzeugung lege ich der Welt in eben diesen Blättern vor; aber ich habe zu einer Zeit, wo des Spielens und Mißbrauchens in geheimen Gesellschaften kein Ende war, gewollt, daß diese Schwäche des Menschen zu reellern und würdigern Absichten, zum Wohl der Menschen benuzt werde. [...]

Ich habe gewollt, daß geistliche und weltliche Macht weniger gemißbraucht, und ihrer erhabenen Bestimmung gemäs zum Glück und Wohl des Menschen, um derentwillen beyde vorhanden sind, benuzt werden; dieß leztere will und wünsche ich noch, und werde nie aufhören, es zu wünschen. – Ich habe gewollt, daß die vernünftigern und bessern Menschen, um sich zu retten, um gegen die Verführungen und das Gelächter der Weltaushalten, und ihrer Ueberzeugung nicht untreu werden zu dürfen, sich zusammenhalten, sich in ihrer Ueberzeugung bestärken, in ihrem Kreise bilden, und dann der Erziehung bemächtigen sollen, um Menschen zu erziehen, welche Religion und Gewalt weniger mißbrauchen. Ich habe gewollt, daß bey einigen der bessern Menschen ein dringendes Bedürfniß nach einer genauern Menschenkenntniß und eigner innerer Vollkommenheit entstehen soll, indem ich sie in eine gefahrvolle Lage versetze, wo sie entweder ihres Zwecks zu ihrem Nachtheil ganz verfehlen, oder das Studium ihrer sowohl, als anderer Menschen zur ersten Lebensangelegenheit zu dieser dieser Gedanke groß, obgleich für solche Zeiten zu früh, und folglich unglücklich berechnet war.[119] Weishaupt hat ohne Zweifel erkannt, welche Veränderungen in der Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts nötig waren, um einem jeden ein würdigeres und menschlicheres Dasein zu ermöglichen. Es ist fraglich, ob er recht hat mit der Behauptung, er wäre seiner Zeit voraus gewesen. Unternehmungen von der Art des Illuminatenordens, in denen vieles von dem zusammenfließt, was die Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert umgetrieben hat, sind keineswegs avangardistisch, noch treten sie je verfrüht in Erscheinung, sie sind Ausdruck des im Menschen sich regenden, immerwährenden Strebens nach Besserung. Das Scheitern des Ordensprojektes an der öffentlichen Meinung des ausgehenden 18. Jahrhunderts hat zwar dem pädagogischen Versuch ein Ende gesetzt, doch konnte die illuminatische Weisheitsschule während der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits beträchtliche pädagogische Erfolge vorweisen. Dem Illuminatismus Weishauptscher Prägung gebührt, und dies beweis en die angeführten von ihm beeinflußten Projekte und Bestrebungen, Anerkennung als pädagogisches Phänomen der Aufklärungszeit.


Anmerkungen

  1. Zimmermann, S. 6
  2. ebd.
  3. Zwar hat es Versuche gegeben, den einmal errichteten illuminatischen Apparat zu erhalten, um ihn unter anderem Namen weiterzuführen und auf diese Weise den Fortbestand einzelner Logen und Provinzen zu gewährleisten, doch war einem Großteil dieser Unternehmungen keine lange Dauer beschieden.
  4. Zimmermann, S. 26
  5. Diese Streitschrift wurde von proilluminatischer Seite mit der Anti-St-Nicaise-Reihe beantwortet. Eine Beschreibung dieser Auseinandersetzung bietet z.B.: Kreutz, Wilhelm: "L'inscription qu'on pourra mettre sur les ruines des trônes, (...) peut être conçue dans ces deux mots: L'ouvrage de l'Illuminatisme! Johann August Starck und die Verschwörungstheorie." in: Ch. Weiß, W. Albrecht (Hg.): Von ‚Obscuranten' und ‚Eudämonisten'. Gegenaufklärerische, konservative und antirevolutionäre Publizisten im späten 18. Jahrhundert. St. Ingbert 1997, S. 269-304
  6. Apologie der Illuminaten, S. 132
  7. Weishaupt, Kurze Rechtfertigung, S. 3
  8. Weishaupt, Nachtrag zur Rechtfertigung, S. 9
  9. a.a.O., S. 4
  10. Weishaupt, Nachtrag zur Rechtfertigung, S. 18
  11. Weishaupt, Kurze Rechtfertigung, S. 25f
  12. "Beylage D. Anzeige eines aus dem Orden der Freymaurer und Illuminaten getrettenen Mitglieds, mit Anmerkungen." in: Weishaupt, Apologie der Illuminaten, S. 294f
  13. ebd.
  14. a.a.O., S. 112
  15. Weishaupt, Gedanken über Verfolgung, S. 42
  16. a.a.O., S. 40f
  17. a.a.O., S. 42
  18. a.a.O., S. 77
  19. a.a.O., S. 40f
  20. a.a.O., S. 146
  21. a.a.O., S. 89ff
  22. ebd.
  23. Weishaupt, Gedanken über Verfolgung, S. 36f
  24. Weishaupt, Apologie der Illuminaten, S. 129f
  25. Weishaupt, Nachtrag zur Rechtfertigung, S. 20
  26. a.a.O., S. 114
  27. a.a.O., S. 122
  28. Ein Blick auf das Themenspektrum der illuminatischen Abhandlungen zeigt, daß die Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Kindsmord und auch dem Suizid im Orden häufig gesucht wurde. So wurden Themen behandelt wie "Über Kindermord" von Ernst Wilhelm Eccard {Marquis de l´Hopital} "Der Tod" von Carl Gotthold Lenz {Gronovius}, "Beerdigung der Selbstentleibten" von Christoph Friedrich Chrysostomus Schenk {Robertus Stephanus} oder das von mehreren Mitgliedern bearbeitete Thema "Bild des Todes" z.B. von Gottlob Konrad Meyer {Tillotson}, Gotthelf Wilhelm Hofmann {Zinzendorf} und Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz {Fleury}. Vgl. hierzu Appendix, S.206ff.
  29. Weishaupt, Schrecken des Todes, S. 51ff
  30. ebd.
  31. a.a.O., S. 18
  32. ebd.
  33. a.a.O., S. 72f
  34. a.a.O., S. 77f
  35. Adolph von Knigge an Adam Weishaupt, [Frankfurt a. M.,] 26. 3. 1781 in: Markner/ Schüttler: Korrespondenz
  36. ebd.
  37. Weishaupt, Apologie des Mißvergnügens, S. 396
  38. a.a.O., S. 6
  39. a.a.O., S. 395
  40. ebd.
  41. ebd.
  42. ebd.
  43. ebd.
  44. ebd.
  45. a.a.O., S. 401
  46. a.a.O., S. 395
  47. a.a.O., S. 447
  48. a.a.O., S. 444
  49. Vgl. SK XI Dok. 379 quibus licet Justus Lipsius {Carl Gotthold Lenz}.
  50. Die Gothaischen gelehrten Zeitungen, obwohl sie nicht wie die in Jena erscheinende Allgemeine Literaturzeitung im Sinne der Illuminaten geführt wurde, rezensierten z.B. Weishaupts Apologie der Illuminaten überaus positiv: "Wenn man die Apologie liest, glaubt man, einen alten griechischen Weisen zu hören, so gedankenvoll und so voller echter Einfalt sind seine Darstellung. Wie sehr sich dieser in seinem Unglücke standhafte Mann mit dem Geiste der Alten genähret und sich dieselben zueigen gemacht hat, davon zeugen selbst die häufigen Allegate, deren Inhalt nicht glücklicher auf seine Texte und Umstände passen könnte." Rez.: Zur Apologie der Illuminaten, in: GGZ, 42. – 45. Stück, 1786, S. 850ff, hier S. 850 Die vorgebrachten methodischen Vorschläge zur Vervollkommnung des Menschen stießen bei ehemaligen Ordensmitgliedern, die Weishaupt noch gewogen waren auf durchweg positive Resonanz. So bittet Meggenhofen {Sulla} : "Vergessen Sie über Metaphysick nicht auf den 2ten Theil von der Gesch[ichte] der Vervollkommnung d[es] m[enschlichen] G[eschlechts], wonach sich [I]hre Freunde leidenschaftlich sehnen." Vgl. hierzu: Ferdinand Maximilian von Meggenhofen an Adam Weishaupt, Ried, 12.12.1788 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz Positiv äußert sich auch Justus Lipsius {Carl Gotthold Lenz}, der seine Eindrücke von der Lektüre folgendermaßen schildert: "Ich habe kürzlich Weishaupts Schrift: Apologie des Mißvergnügens gelesen. Meine theilnehmung daran war groß, theils, weil ich wusste, daß darinn grundsätze des Weishauptischen O. aufgestellt sind, theils weil der inhalt an sich für mich viel anziehendes hatte." quibus licet von Justus Lipsius {Carl Gotthold Lenz}, Andrus {Göttingen}, d. 8. Pir[meh] 1157 [8. 7.1787], SK XI Dok. 379
  51. Weishaupt, Johann Adam: Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts. Frankfurt und Leipzig 1788, S. 20
  52. a.a.O., S. 17
  53. Weishaupt, Sittliche Vollkommenheit I, S. XII
  54. a.a.O., S. 3
  55. a.a.O., S.13
  56. a.a.O., S. 307
  57. a.a.O., S. 98
  58. a.a.O., S. 91
  59. ebd.
  60. ebd.
  61. ebd.
  62. Weishaupt "Materialien" I.3, S. 500
  63. a.a.O., S. 70
  64. a.a.O., S. 36
  65. a.a.O., S. 63
  66. a.a.O., S. 349
  67. a.a.O., S. 390
  68. Weishaupt, Diogenes, S. 43
  69. Weishaupt, "Materialien" I.1, S. 115
  70. a.a.O., S. 65
  71. Adam Weishaupt an die Münchener Areopagiten, Ingolstadt, 15. 3. 1782 in : Markner/ Schüttler, Korrespondenz
  72. Vgl. hierzu: Forschungsbibliothek Gotha, Signatur Chart. A. 1164 Mémoirs de l' Ordre des Hermits de bonne humeur.
  73. ebd.
  74. ebd.
  75. Weishaupt, Pythagoras, S. 251
  76. Weishaupt, "Materialien" I.1, S. 33
  77. ebd.
  78. a.a.O., S. 34
  79. ebd.
  80. Weishaupt, Pythagoras, S. 21
  81. a.a.O., S. 338
  82. ebd.
  83. a.a.O., S. 254
  84. a.a.O., S. 23f
  85. a.a.O., S. 480
  86. a.a.O., S. 69
  87. ebd.
  88. a.a.O., S. 134f
  89. ebd.
  90. a.a.O., S. 324
  91. a.a.O., S. 343
  92. a.a.O., S. 362
  93. a.a.O., S. 379
  94. Dies trifft z.B. auf Friedrich Schiller zu, dessen Erinnerungen an die Ausbildung der Hohen Karlsschule zu Stuttgart trotz des hohen Bildungsniveaus geprägt sind von als übertrieben empfundenen Züchtigungsmaßnahmen.
  95. Weishaupt, Pythagoras, S. 375
  96. a.a.O., S. 388
  97. a.a.O., S. 300
  98. a.a.O., S. 261
  99. a.a.O., S. 416
  100. a.a.O., S. 7
  101. a.a.O., S. 69
  102. "Wenn wird einmal die Zeit kommen, wo die Fürsten und Völker begreifen werden, daß, wo alle ausgeben, Niemand verlieren kann? Daß alle diese Auflagen, durch die schöpferische Kraft der Circulation, nicht allein eine bloße Scheinausgabe sind, sondern sogar den Unterthan in den Stand setzen, seinen Wohlstand zu vermehren, und durch einen vermehrten Wohlstand, noch größere Abgaben mit einem steigenden Vortheil zu bezahlen?" Weishaupt, Johann Adam: Ueber die Staats- Ausgaben und Auflagen. s.l., 1817, S. 88
  103. Weishaupt, Pythagoras, S. 468
  104. Weishaupt, Apologie der Illuminaten, S. 138
  105. Schiller, Friedrich: "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Eine akademische Rede." in: "Der Teutsche Merkur." 4.Vierteljahr, November 1789, S. 107
  106. Schulz, Briefwechsel, S. 130f
  107. Vgl. hierzu Schulz, Hans: "Adam Weishaupt", in: Zeitschrift für Bücherfreunde N. F. 1 (1909-10), S. 194-203, hier S. 198.
  108. Weishaupt, "Höhere Mysterien: 2. Klasse. Doceten." in: Bode, Journal, S. 399
  109. Vgl. hierzu Agethen , S. 7.
  110. Weishaupt, Kurze Rechtfertigung, S. 14f
  111. Adam Weishaupt an Franz Anton von Massenhausen, [Ingolstadt] 30. 10. 1777 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz
  112. Weishaupt, Pythagoras, S. 444
  113. Hagbard, S. 24
  114. Vgl. hierzu Wilson, "Illuminaten" in: Schneiders, Lexikon, S. 185.
  115. Weishaupt, Apologie der Illuminaten, S. 126f
  116. SK VII Dok. 27 Johann Georg Schlosser an Johann Christoph Bode, 24. 4. 1785
  117. ebd.
  118. Weishaupt, Pythagoras, S. 162
  119. Weishaupt, Diogenes, S. 329ff