Quibus Licet

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Quibus Licet (lat. "welchen es gestattet ist"): Berichte, die von allen Mitgliedern monatlich (vom Noviziat alle zwei Wochen) an ihren direkten Ordensoberen zu adressieren waren und von diesem an die Ordensoberen weitergeleitet wurden, von denen sie wiederum mit monatlichen Reprochen beantwortet wurden.

Zentrale Quelle gegenwärtig Schwedenkiste Bände 11 und 12

Eingehender Peggy Pawlowski (2004), S. 134-136 mit der folgenden Beurteilung:

    Die sogenannten quibus-licet[1]-Berichte, die nach ihrer Einsendung von den Ordensoberen
    kontrolliert und beantwortet wurden, waren im Orden bald Usus geworden und dienten primär
    der Bildung seiner Mitglieder. Die Tendenz, die Berichte als Instrumente des Ausspionierens
    und Manipulierens zu deuten, ist vielleicht auch in Agethens Formulierung „Technik der
    Menschenführung“[2] im Spiel. Die quibus-licet-Praxis war jedoch keineswegs als
    Machtübung des Illuminatenordens intendiert. Es waren hauptsächlich pragmatische Gründe,
    die Weishaupt von Beginn an dazu veranlaßten, einen in schriftlicher Form einzureichenden
    Nachweis der Tätigkeit der einzelnen Mitglieder zu verlangen. Die quibus licet glichen eher
    der im Pietismus geläufigen Führung eines Diariums zu Selbstbeobachtung und
    Selbstkontrolle. Solange man nicht die Gewißheit hatte, Bildung und Erziehung der
    Eigeninitiative der Adepten überantworten zu können, sollte der Orden als Kontrollinstanz
    fungieren. Weishaupt neigte dazu, die Praxis der Berichterstattung im Hinblick auf die Praxis
    im Jesuitenorden als Beichte zu interpretieren.[3] Die von ihm gebrauchte Metapher deutet
    darauf hin, daß er jedes Mitglied mit der Anfertigung von Berichten einem Läuterungsprozeß
    zu unterziehen gedachte.

    Jedes Ordensmitglied war zu regelmäßiger Berichterstattung verpflichtet: „Diese Verordnung
    des einzuschickenden Blates, dauert durch alle Grade hindurch, und ist niemand davon
    ausgenommen.“[4] Daß die Mitglieder dieser Aufgabe gewissenhaft in ihrem „diario“
    nachkamen, beweist die Tatsache, daß allein in den Bänden XI und XII der Schwedenkiste
    806 quibus licet aufbewahrt sind[5]. In den Berichten findet sich neben „verschloßene[n]
    Beschwerden“[6], die „Schilderung von Charakteren“[7], hervorgegangen aus einem
    unmittelbaren Briefwechsel zwischen dem einzelnen Mitglied und seinem zuständigen
    Oberen. Aus Sicherheitsgründen behielten die Oberen eingegangene quibus licet ein,
    forderten jedoch ihre darauf gegebenen Antworten zurück. Die quibus licet waren ein
    wichtiger Bestandteil des Systems interner Kommunikation des Ordens. Die schriftliche
    Verbindung zwischen Mitglied und Oberem sowie zwischen den Oberen untereinander sollte
    gewährleisten, daß ihnen alles, was für den Orden bedeutsam sein könnte, bekannt wurde.

    Die Berichterstattung erfolgte in drei Stufen. Vom Noviziat an waren alle zwei Wochen
    quibus licet zu verfassen. Ab dem Grad des Illuminatus minor war der Report einmal im|<135>
    Monat fällig. Besondere Anliegen wurden direkt zur höheren Leitungsebene befördert, wenn
    der Bericht mit der Aufschrift soli eingereicht wurde. Um mit dem General des Ordens in
    Verbindung zu treten, war der Brief durch primo zu kennzeichnen.

    Den Regenten oblag die Öffnung und Kontrolle der quibus licet aller Mitglieder, die ihnen
    unterstellt waren. Es war ihnen ebenso gestattet, die soli-Berichte der kleinen Illuminaten,
    Magistraten und Illuminati maiores sowie die primo-Berichte der Novizen zu öffnen. Die
    quibus licet der Schottischen Ritter und Presbyter ebenso wie die primo-Berichte der
    Minervalen, die soli-Berichte der Ritter und Presbyter und quibus licet der Regenten selbst
    waren an das Provinzcollegio zu senden. Generell gingen die soli-Berichte dem Provinzial zu,
    die primo-Berichte wurden an den General weitergeleitet.

    Ausgenommen von dieser Praxis war lediglich Weishaupt, der als General des Ordens keinem
    der Grade angehörte. Dieser Umstand erwies sich bald als problematisch, was Knigge 1781
    veranlaßte, den General darauf aufmerksam zu machen: „Die quibus licet sind eine
    vortrefliche Einrichtung um die Mittel-Obern in Ordnung zu halten, aber man wird immer
    sagen: ‚Am Ende hängt doch alles vom Eigensinne des Generals ab, eines Mannes, den wir
    nicht einmal dem Nahmen nach kennen.’“[8] Um dieses berechtigte Bedenken auszuräumen,
    schlug Knigge vor „die Leute glauben [zu] machen, daß der General von dem höchsten
    Regenten-Grade,[9] oder den Areopagiten gewählt und abgesetzt werden könnte.“[10]
    Weishaupt hatte die Struktur des Ordens, wie sie sich in seiner Anfangszeit in München und
    Ingolstadt als günstig erwiesen hatte, beibehalten wollen, ohne die Folgen des Wachstums zu
    berücksichtigen. Knigge brachte diesen Kompromiß in die Diskussion ein, um weiterhin ein
    reibungsloses Ordensprocedere zu gewährleisten. Mag nach Knigges Auffassung das quibuslicet-
    System auch als nicht hinreichend konsequent erscheinen, im Blick auf seine
    pädagogische Funktion erwies es sich als höchst effizient.

    Die quibus licet wurden zum Großteil für die Beantwortung der obligatorischen Fragen an die
    Illuminaten aller Grade genutzt.[11] Ihre thematische Ausrichtung beschränkte sich nicht nur
    auf die in den Statuten festgesetzte Beantwortung von standardisierten Fragen, wie sie
    beispielsweise ein Novize einzusenden hatte, sondern konnte auch die Rückantwort auf zuvor
    erhaltene Reprochenzettel, auf Berichte über die Tätigkeit im Orden oder auf Berichte über
    die Aktivitäten der Logen beinhalten. Darüber hinaus waren quibus licet geeignete Mittel,
    dem Orden Vorschläge für in Betracht kommende Mitglieder zu unterbreiten. Mitunter|<136>
    dienten sie auch dazu, Einschätzungen und Charakterisierungen von anderen Mitgliedern zu
    geben oder wurden als Plattform theoretischer Erläuterungen und Essays in Form eines
    pensums genutzt.


Anmerkungen

  1. lat.: welchen es gestattet ist
  2. Vgl. hierzu den entsprechenden Abschnitt in Agethen.
  3. Weishaupt, Johann Adam: Pythagoras. Oder ueber die geheime Welt- und Regierungskunst. Frankfurt a.M. 1790, S. 351. Google Books
  4. Bassus, Thomas Franz Maria Freiherr von: Vorstellung, denen hohen Standeshäuptern der erlauchten Republik Graubünden in Ansehung des Illuminatenordens auf hohen Befehl vorgelegt. [Nürnberg] 1788, S. 14.
  5. Eine vollständige Übersicht bietet der Appendix S. 201ff, in dem das Verzeichnis der quibus licet Dokumente der Schwedenkiste in Abschrift vorliegt.
  6. „Statuten für die Minervalen.“ in: Faber, Ächter Illuminat, S. 49
  7. ebd.
  8. Adolph von Knigge an Adam Weishaupt, [Frankfurt] 29.5. – 2.6. 1781 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz
  9. Eine Übersicht von Fragekatalogen findet sich im Appendix, S. 237.
  10. ebd.
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