1786-11-01 Lenz (Lipsius): QL: Lernte in Göttingen Ernst (Tasso) kennen, möchte ihn in Jena einführen

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Commentary

Transcript

Göttingen den 1. Meh Aban Jzddrgrd 1156

Ich habe zwar, E. Ob., eine meiner pflichten, Ihnen monatlich
Q.L. einzuschicken, im vorigen monat übertreten: allein, ich hoffe dieses
fehlers wegen verzeihung zu erlangen, wenn ich Ihnen sage, daß
ich zu dieser zeit noch unterwegs auf meiner reise nach Göttingen war,
und also dieselbe nicht zu der gehörigen zeit einsenden konnte.
Den tag vor meiner abreise von Jena machte ich eine entdeckung,
die ich Ihnen mitzutheilen für pflicht halte. Ein freund von mir,
M. Ernst (Tasso mit dem O. Namen), der Katholik und Professor in Eichstädt
war, aber zur protestantischen religion übergegangen ist, und itzt in Je-
na theologie studirt, sagte mir, daß er Illuminat sey. Ich trug kein be-
denken, einem Illuminaten zu gestehen, daß ich es auch sey, und er-
fuhr von ihm, daß er nichts sehnlicher wünsche, als wieder bey uns mit seinen
brüdern in verbindung zu kommen. Von dem daseyn der Ill. In Butus
hatte er nichts gewußt, aber wohl, daß eine kirche in Rudolstadt wäre,
wohin er sich desfalls wenden wollte. Ich sagte, ich würde es mir
angelegen seyn lassen, ihm zu den versammlungen des Orden zutritt
zu verschaffen, und sprach deswegen mit dem bruder Oldendorp, der
denn ohne zweifel dafür sorgen wird. Tasso ist ein aufgeklärter und
sehr edel denkender mann, der gewis aus keiner andern ursache sein
vaterland, sein amt und seine religion verlassen hat, als weil ihm der druck
der Katholikern und Jesuiten ferner unerträglich war, weil er sah, wie
wenig er dort gutes stiften konnte, und weil der drang nach mehrerer
aufklärung im protestantischen Deutschland bey ihm unwiderstehlich
war. Er hat ehmals in Ingolstadt studirt, und ist ein schüler und vereh-
rer des br. Spartacus. Ich hoffe, nicht vergebens diese bitte bey
Ihnen gethan zu haben, und ich werde mich erfreuen, wenn ich hö-
re, daß der wunsch meines freundes erfüllt worden.


Auf meiner letzten kleinen reise besuchte ich einen meiner ältesten
Und vertrautesten freunde, Warlich in Auleben, und blieb einige tage bey
ihm. Ich habe Ihnen diesen jungen mann schon ehmals vorgeschlagen,
als ein subjekt, das mir für den O. sehr brauchbar schien, und ich wiederho-
le itzt ausführlicher meinen wunsch, und lege zugleich nachrichten von
ihm in einer tabelle bey. Sie erlauben, dass ich von seinen umständen noch
etwas hier gedenke, was sich unter die fächer der tabelle nicht bringen lässt.
Er kam von Rosla in Stollbergischen auf das gymnasium nach Gera,
wohin ihn die in gera sich aufhaltende gräfin von Stollberg, von der
unterstützt wurde, brachte. Wir machten als Schulcameraden sehr la[nge]
vertraute bekanntschaft, die sich auf unsre gleiche moralische denkungsart
sowohl als auf unsren gemeinschaftlichen hang zu den humanioren grün-
dete. Er gieng hierauf nach Göttingen, wo er sich mit theol., philos., ge-
schichte und pädagogik beschäftigte. Er brachte nach Göttingen 30 t#
mit. Diese und ein freytisch waren alles, wovon er zu studiren da#
Und doch erhielt er sich daselbst drey jahre, unterstützt durch verschi[edene]
freunde, worunter er besonders einige FrMrer rühmt. Ungeachtet
der armuth und des beständigen drucks, unter dem er schmachtete, brachte
er es doch in seinem wissen und ausbildung weiter, als der gewöhnliche
schlag von menschen. In vergangener messe ist von ihm ein kleines
büchlein erschienen: geschichte des Th. Münzens, für die jugend bear-
beitet.
So angenehm mir mein aufenthalt in Göttingen ist, so sehr bedaure
ich, hier mich außer aller nähern verbindung mit brüdern des [Ordens]
zu befinden, ausgenommen meinen lieben Gronovius, und muß ich
gestehen, daß für mich wenigstens der O hier todt ist. Ich verh[ar-]
re mit vollkommenster hochachtung, E. Ob.,
                                                               Ihr gehorsamster
                                                                  Justus Lipsius

Anmerkungen