SK12-a111

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Kommentar

Transkript


Henr. Steffanus für Schariver 1155

Mein lieber Bruder Heinrich Stephanus.

Nach Ihrem lezten Q.L. wären wir miteinander
einverstanden. Meine Freymüthigkeit hat Ihren Bey-
fall, und seyn Sie gewiß, ich liebe die Ihrige. Glauben
Sie mir, es ist nicht Mangel an Liebe, noch Uebersicht
Ihres Vermögens, auf manchen jungen Bruder viel
Gutes zu wircken, daß Sie nicht bisher in unserer
Verbindung auf einen andern Platz gestellt sind.
Ich kann Ihnen für jezt weiter nichts sagen, als
seyn Sie versichert, es wird geschehen sobald es mög-
lich ist.
Unterdeßen, mein geliebter Bruder! steht in
der ganzen Schöpfung Gottes, Niemand an einer un-
rechten Stelle, wenn wir die Verhältniße und Ver-
bindungen zuweilen gleich für uns für unerklär-
bar halten. Gäben wir uns, bey dergleichen An-
schein von Misverhältniß, die gehörige Zeit und Mühe|

alle Umstände mit ernst und Fleiße zu betrachten,
so würden wir zwar nicht Alles, aber doch Vieles
von den Absichten der Fürsehung einsehen lernen,
warum ein Mensch hier stehet und nicht dort: so
auch in unserer Verbindung. Was Sie darüber
sagen, daß Sie jüngere Brüder in höheren Classen
(dies Wort höher stehet hier eigentlich nur in einer
figürlichen Bedeutung, indem wir uns im Grun-
de alle für gleich erkennen, und nur der Un-
terschied unter freundschaftlichen Erziehern
und Jünglingen obwaltet, und sie schon gefunden
haben müßen, daß Sie bereits Antheil unter
die Erstern genommen haben) gefunden haben,
so muß ich Ihnen darüber sagen, daß solches
vielleicht in andern Orten der Fall seyn mag;
nun ist aber einmal unsere unverbrüchliche Regel,
von dem, was an andern Ordens-Plätzen
vorgeht, vorzüglich ihre innere policey betreffend,
keine Notiz zu nehmen; Und in Syracus, ver-
sichere ich Sie, ist der Fall nicht vorhanden,
Ich wiederhole es, (weil ich dazu die Erlaubniß |

habe,) sobald es möglich seyn wird, sollen Sie auch, durch
die Bekanntschafft mit folgenden Hefften, einen Be-
weis der Hochachtung und des Vertrauens Ihrer
ältern Brüder erhalten.

Einem Manne, wie Ihnen, sind wenige Worte ge-
nug! das dacht ich allemal, wenn ich einige kurze Winke
zur Discretion gab; Sie haben recht errathen, daß sich
solche auf Ihr blat bezog. Ich kannte Ihre Lebhaftig-
keit, welche Sie etwas leicht reizt, über Dinge, die Ihrem
Kopfe und Herzen als Unrecht auffallen, Ihren Unwil-
len in etwas starcken Ausdrücken zu zeigen, und
kenne dabey die Welt genug (halten Sie dies von
einem Unbekannten für keine Prahlerey) um überzeugt
zu seyn, daß eine gewiße Art von öffentlich geäu-
ßerter Freymüthigkeit anstatt zu beßern, die meiste
Zeit nur erbittert, und daß dem Wahrheits-Geiger oft
der Bogen nach dem Kopfe steigt, dabey liebe ich Sie
und wünsche, daß Sie viel nützen möchten. Ich würde
auch gerne mich zuweilen über besondere Stellen ge-
gen Sie geäußert haben; wenn Sie aber bedenken,
daß die Anzahl meiner monatlichen Correspondenz mit
Brüdern nicht gering seyn kann, so werden Sie bald
die Ursach finden, welche mich davon abgehalten hat, um |

so mehr, da ich wußte, es brauchte bey Ihnen, nur
Winke. Ubrigens indem ich mich auf mein Voriges
beziehe, ist auch einem Bruder Ihrer Gegend, der Sie
vorzüglich liebt, von mir aufgetragen, gelegentlich
über diesen Gegenstand, im höchsten Vertrauen mit
Ihnen zu sprechen; welches vielleicht schon geschehen
ist, oder noch geschehen wird.

Je freyer und offenherziger indeßen, Ihre Q.
L. sind, je lieber hab ich solche; denn, sollten Sie sich
darinnen hin und wieder über Etwas irren, so
werde ich eben so frey und offenherzig, einen solchen
Irrthum zu heben suchen. Ein Hauptzweck unserer
Correspondenz mit! Leben Sie wohl! und seyn
Sie versichert. der Hochachtung und Liebe
                               Ihres
                                 Basilius
                                    30. Ad.
                                      55

Anmerkungen