1785-01-21 August von Sachsen-Gotha-Altenburg (Walther Fürst): Von zwey Classen der Irrthümer

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Kontext

Wie August von Sachsen-Gotha-Altenburg im Quibus Licet vom 25. Januar 1785 offenbart, hat er sich das Thema selbst gestellt. Ebenso will er selbst für das Elektrizitäts-"Bild" verantwortlich zeichnen - das ihm noch beim Vortrag des Aufsatzes am 21. Januar 1785 in Gothas Minervalkirche Kritik eingebracht hatte. Man schlug ihm, so seine Notiz im Quibus Licet, vor, doch besser von subjektiven und objektiven Irrtümern zu sprechen.

Der Aufsatz fand eine kritische und den Ansatz insgesamt demontierende, selbst allerdings nur partiell - nämlich durch August selbst - überlieferte Replik von Rudolph Zacharias Becker. Zudem reagierte, weit positiver, Johann Ernst Christian Haun auf ihn in Über die Abhandlung vom negativen und positiven Irrthum.

Der Aufsatz bietet einen Versuch, alle denkbaren Irrtümer in zwei Klassen zu teilen: in solche, die auf fehlerhafter Analyse beruhen – Beispiel ptolemäisches Weltsystem – und in solche, die keine Chance haben, von der Erfahrung eingeholt zu werden: Astrologie. Bemüht wird für die Unterteilung die aktuelle Differenzierung der Elektrizität in positive und negative. Es gebe positive Irrtümer, die uns anzögen, und negative, die wir nur bei einer Überwindeung von Widerständen annähmen.

Becker stellte einiges zur aktuellen Auffassung von Elektrizität klar. Man würde aus der späteren Positivismusdebatte eher auf eine Unterscheidung drängen zwischen Aussagen, die sich verifizieren bzw. falsifizieren lassen, gegenüber anderen wie der Astrologie, bei denen die Falsifikation ausgeschlossen ist. An eine vergleichbare Objektivierung ist hier nicht gedacht - insofern ist das Angebot, das August auf der Sitzung laut Quibus Licet gemacht wurde, von Subjektivität als Definiens zu sprechen, durchaus präzise.

--Olaf Simons (talk) 13:07, 19 June 2014 (CEST)

Transkript


Von zwey Classen der Irrthümer

Es würde zu gewagt von mir seyn, M[eine] B[rüder] wenn ich in dieser Versammlung noch von Aufklärung
reden wollte, da schon einige unter Ihnen diesen wichtigen Gegenstand mit so viel Einsicht und Scharfsinn abgehandelt haben.
Erlauben Sie mir, Sie gegenwärtig blos von den Hindernissen derselben, nähmlich von den Irrthümern zu unterhalten, die ich,
um mich faßlicher zu machen, vorerst nur in zwey Hauptclassen eintheilen möchte.

Mich dünkt, M[eine] B[rüder] wir würden die Irrthümer zu allgemein betrachten, wenn wir ihnen keine andere
Quelle als Unwissenheit zuschrieben, und die Aufwallungen einer brausenden Einbildungskraft, die weder von Erfahrung
noch Beweis unterstüzten Erklärungen, und zulezt die einer ewigen Kindheit so eigenthümliche Leichtgläubigkeit nicht mit
dazu rechneten. Freylich müßten wir Engel oder Götter seyn, wenn wir nie Gefahr laufen sollten, uns zu irren,
oder mit anderen Worten, wenn wir in alle Dinge eine so anschauliche Einsicht hätten, daß der Fall des Irrthums
für uns ein ganz unmöglicher Fall würde. Alsdann, und nur unter einer solchen Bedingung, würde unsere
herumflatternde Einbildung gänzlich zum Stillschweingen gezwungen seyn, alle Erklärungssucht von selbst auf-
hören, und Leichtgläubigkeit aus unserem moralischen Wesen verschwinden. Allein, so lange wir unsern
Planeten bewohnen, bleibt eine solche Veredlung menschlicher Kräfte unmöglich, weil wir von allen Seiten
mit Betrug der Sinne, mit geheimen Wünschen leidenschaftlicher Herzen, mit Hang zum Schlummer des Verstandes
und tausend Arten geistiger Feinde zu fechten haben, in deren Bekämpfung wir gemeiniglich unterliegen.
So wie man die Electricität in eine positive und eine negative Art einzutheilen pflegt; so wäre ich geneigt,
positive und negative Irrthümer anzunehmen; die gewiß, so wie jene vielleicht, zulezt nur in Eins zusammen
flössen. Die einen würden uns gleichsam anziehen, damit wir uns, durch Selbstbetrug und eigene Schuld irren müßten;
die anderen hingegen uns, durch innere Mängel der Erkenniß und äussere Täuschungen der Sinne von der Wahrheit
ab- und in Finsterniß zurückstoßen. So niederschlagend dieses Bild seyn würde, wenn wir es allzubuchstäblich aufnähmen,|<2>
und seinetwegen, so zu sagen, mit unserem geistigen Loose auf dieser Welt haderten; so sehr wäre es zu wünschen, daß
eine Gesellschaft, deren edelster Zweck es ist, so viel möglich, Irrthümmern und Vorurtheilen zu steuern, sich ein ernst-
liches Geschäfte daraus machen möchte, die Gränzlinien zwischen den beyden Classen zu ziehen; die ich nur noch, wie
hinter einer dämmernden Wolke, vielleicht blos zu sehen wähne.

Wenn ich meinen Gedanken (so dunkel er mir ist, so unrichtig er seyn mag) durch ein Beyspiel er
läutern darf, so läßt er mich wenigstens meiner Absicht wegen einige Nachsicht von Ihnen hoffen.
Man hat lange geglaubt, die Sonne wende sich mit ihrem ganzen System um die Erde, wie um
einen gemeinschaftlichen Mittelpunct. Jezt möchte nicht leicht ein einziger Astronom in Europa mehr seyn, der
dieser verjährten Meinung beyträte. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß sie ein auf Mangel genauerer Aus-
messungen und Berechnungen der Formen und Bewegungen der Himmelskörper beruhender Irrthum war; welcher
in der Folge, durch schärfere Beobachtungen und Erfindung vollkommenerer Werkzeuge gehoben worden. Als sich
aber die fabelhafte Kunst des Sterndeuters zu einer falschen Astronomie gesellte; erhob sich nicht ein neuer Irrthum
mit den Flügeln einer kranken Einbildungskraft? nahm nicht die Schwachheit die Schicksale der Menschen und Reiche
erklären und weissagen zu wollen, dabey ihren Antheil? und faßte die Leichtgläubigkeit der Betrogenen und der
vielleicht sich selbst täuschenden Betrüger der thörigte Astrologie nicht begierig mit beyden Händen auf? Hiervon,
dünkt mich, könnten wir die Schuld nicht der Unwissenheit allein beymessen: wenigstens scheint es nicht bloßer Mangel
näherer Einsicht zu seyn, wenn man zu wissen wähnet, was kein Mensch wissen kann; und was nicht einmahl durch
Sinnenbetrug zu einer scheinbaren und vermeinten Erfahrung wird, so lange es nicht angenommene Vorurtheile
späterhin durch ungegründete Versuche bestätigen.

Ich stelle es ihrer tieferen Einsicht anheim, M[eine] B[rüder] ob es nicht Mittel gegeben könnte, die Merk-
mahle dieser positiven und negativen Irrthümer (wie ich sie vorher, der Faßlichkeit wegen, nannte) zu entdecken,
und ob es nicht ein wahrer Dienst seyn würde, den einer unter Ihnen dem allgemeinen Besten leistete, wenn er dadurch|<3>
Jugend und Alter in Stand sezte, sie in so ferne gehörig zu unterscheiden, daß wenigstens die Summe solcher
Irrthümer, die nicht bloß auf Mangel menschlicher Erkenntnis beruhen, nicht noch täglich wie ein Wasser anwüchse,
das Felder und Hütten verwüstet?

Verzeihen Sie mir, M[eine] B[rüder] wenn ich Sie mit bey mir nur halb entwickelten Gedanken aufge-
halten, und Ihnen nichts als das Unvermögen gezeigt habe, selbst die Hand an ein Werk zu legen, das
mich gerade in einem Zeitpuncte so nothwendig dünkt, der sich in meinen Augen hauptsächlich dadurch
unterscheidet, daß zugleich der tiefsten Untersuchung nichts zu dunkel, der gränzenlosesten Leichtgläubigkeit
nichts zu ungereimt, und der äussersten Verwirrung aller Begriffe nichts deutlich genug zu seyn scheinet.

Syrakus d. 21 Din
1154. verlesen in der
Minervalkirche.[1]

Walther Fürst[2]

Anmerkungen

  1. Siehe das Protokoll 1785-01-21 Minervalkirche Gotha
  2. i.e. August von Sachsen-Gotha-Altenburg