1787-01-26 Rudorff (Ali): Vom Einfluß der Geschichte auf die Erkenntnis der Religion

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Kommentar

Transkript

[Vorblatt]


B.

Vom Br[uder] Ali eingesandt. Din 56|<2> [möglicherweise Bodes Schrift]

Theuerste! und Hochzuehrende! [anderthalb Zeilen bis zur Unkenntlichkeit durchgestrichen]

Ist irgend eine Wissenschaft von grosen beträchtlichem
Umfange; so ist es ohnstreitig die Geschichte.

Sie eröfnet uns ein unübersehbares Feld von
Begebenheiten, ohne welche unsere Erkentnis sehr
mangelhaft, und unsere Beurtheilungskraft die Be-
urtheilung eines Blinden seyn würde, der von dem
oder jenem Gegenstande, welchen er nicht sehen kann,
die wahre Beschaffenheit angeben sollte.

Durch sie, die Geschichte, siehet man, wie Völker, Staa-
ten, Regierungen, Gesetze, Verfall und Flor des Men-
schengeschlechts entstehen. Sie zeigt uns die mannigfal-
tigen Gestaltem, welche Nationen durchliefen, ehe sie zu
einem gewissen Grade von Kultur und Bildung ge-
langten; ehe sie stark, mächtig, beliebt, und der Nachah-
mung würdig befunden wurden.

Sie dienet zur angenehmsten und nützlichsten
Unterhaltung, wodurch edle Neugier befriedigt wird.|<3>

Sie lernet uns viele grose vortrefliche Männer,
obschon auch viele kleine, elende, von Leidenschaften
hingerißne Menschen kennen; und, wenn Erstere
uns zurufen: b[e]eifre dich, uns gleich, oder ähnlich zu
werden! So sagen uns die Letzteren hingegen, mit
niedergeschlagner beschämter Mine: Siehe,
hier stehen wir öffentlich am Pranger, lerne durch
unsern Schaden klug werden; beide Klassen halten
uns zugleich in Absicht auf moralische Vollkommen-
heit, oder Unvollkommenheit den bewährtesten
Spiegel vor; worin wir sehen, welchen Ausgang
die Guten, und welchen Ausgang die Bösen ge-
nommen haben.

Aus der Geschichte entnehmen wir also, die un-
trüglichste Menschen-Kentnis; hier wie Menschen
sich beeiferten, durch Tugend des Endzweck ihres
Daseins zu erfüllen; dort, wie Menschen von Begierden
und Leidenschaften hingerissen, den nehmlichen
Endzweck verfehlten.

Die in ihr erzählten Begebenheiten haben
alle das Gepräge einer höhern, unsichtbaren|<4>
Regierung Gottes, durch die sie geordnet, zu-
sammengefügt, zu guten Absichten gelenkt, und
innerhalb der Grenze der allgemeinen menschlichen
Wohlfahrt erhalten und fort geführt werden.

Ja; was unser Menschengeschlecht nach und nach
geworden; wie es von natürlicher Wildheit und
Unwissenheit zum steilen Pfade der Tugend, der
Weisheit, der Künste empor gestiegen; wie es
sich aus einem tiefem, engen Bezirke dunkler
Vorstellungen heraus in ein helleres Licht gear-
beitet; wie es seinen eignen Werth kennenge-
lernt; und selbigen durch glückliche Verbesserung
des Verstandes auf die rühmlichste Art erhöhet
habe; alles dieses gewährt uns das angenehme
und nützliche Studium der Geschichte.

Doch, wir haben ihr noch ein weit Mehreres,
weit Wichtigeres zu verdanken; nehmlich: sie
führet uns auch in die reizenden, seligen Gefilde
der Religion hinüber, die unseren Gesichtskreis über
alles erweitert, die uns den ersten und letzten
Punkt unseres Daseins vorzeichnet, die ihre
Verehrer reichlich belohnet, und mit Ruhm und Ehre|<5>
krönet, wenn auch keine allgemeine oder besondere
Geschichte ihrer gedenket.

Ich habe mir also vorgesetzt, [Worte durchgestrichen]
etwas weniges

Von dem Einfluße der Geschichte auf die Er-
kenntnis und auf das Gefühl für der Religion,


          zu reden. Und

Sie, Theuerste [durchgestrichene Worte]!
sind so geneigt, meine geringen Kräfte, die
ich [durchgestrichene Worte] auf ihre gütige Nach-
sicht hin wage, nach dem guten Willen abzu-
messen, der in solchen Fällen als That pflegt
angenommen zu werden. Diese mir erzeigte
unverdiente Güte wird
[?]unbedeutender Geschichte wie in der
angemaßten Züge verbreiten.


Der Einfluß der Geschichte auf die Erkennt-
nis und auf das Gefühl für der Religion
, ist
also der Gegenstand von dem ich jetzt zu reden
gedenke.|<6>

Allerdings lehret die Geschichte religiöse Wahrheiten.

Und sie lehrtet sie, indem sie sich mit wirklichen That-
sachen, nicht mit abstrackten Begriffen, Hypothesen,
Folgerungen beschäftiget, weit leichter, faßlicher, deut-
licher, als irgend ein darüber geschriebenes Lehrgebäude.
– – Wollen wir von der Vergänglichkeit, Hinfäl-
lichkeit, vom Unbestande aller Dinge, so wie von
unserer eigenen Natur geschwind, und gleichsam
mit einem Blick überführet seyn; so dürfen wir nur die
Geschichte fragen, und die wird von allen Seiten Bilder
der Vergänglichkeit, des Unbestandes, und kurz, immer den
Gedanken vor uns aufstellen, daß die gegenwärtige
Welt kein Land der Vollkommenheit sei; sondern daß viel-
mehr die Gegenstände die uns hier umgeben, immer etwas
zu wünschen übrig lassen, und dieses Etwas ist allein in
der Religion zu finden.

Vom Regenten an durch alle Klassen hindurch,
herrscht dieses allgemeine Gefühl nach Befriedigung.

Jener besitzt Länder und Städte, sein Rang und
Ansehn ist erhaben, tausend Nacken beugen sich gegen
ihn, alles wartet auf seine Befehle, und beeifert sich, sie
zu vollbringen; er kann beinahe was er will, wenn|<7>
unzählige andere nur wollen müssen was sie können.

Sobald wir aber die Geschichte zur Hand nehmen, als das
Licht, ihn und seine Wonne näher zu beleuchten, und
näher kennen zu lernen, welche Entdeckung machen
wir? Seine Länder und Städte waren ihm nicht ge-
sichert, er konte die Eifersucht seiner Nachbarn nicht
verhindern, der Natur nicht gebieten, den Elementen
keine Grenzen setzen, die sein Glück zerstörten; Er war
Mensch: das Schicksal entweder, oder eine gewisse fata-
le Verbindung der Umstände, oder auch seine eigenen
Leidenschaften, richteten seine Ehre, sein Ansehen zu
Grunde; die gebogenen Nacken hörten auf, sich vor ihm
zu beugen; seine Befehle wurden nicht mehr mit eben
dem Eifer vollzogen; er konnte nicht mehr was er
wollte; er sahe sich also genöthiget, den Unbestand der
Dinge anzuerkennen, auf eine höhere Regierung und auf
das einzige Mittel wahren Glücks, und wahrer Beruhi-
gung, auf die Religion zurückzukommen, und unwill-
kührlich, durch sein Beispiel der Nachwelt Erkentnis
und Gefühl für Religion zu lehren.

Eben diese [Streichung] geben uns Wahrheit bestätigen auch alle andern
in der Geschichte aufgezeichneten Begebenheiten
Charaktere; vom wohlthätigen Patriot, vom blutigen|<8>
Held, vom geschäftigen Minister, vom grosen Genie,
bis zum erstaunlichen Künstler.

Der praktische Philosoph bemühet sich, seinen Ver-
stand aufzuklären, Wahrheit zu erkennen, und der
erkannten Wahrheit den Willen unter zu ordnen.
Er hält es für unanständig, in Rücksicht dieser Art zu
denken und zu handlen, auf einer niedrigeren, oder
doch gewöhnlichen Stufe zu stehen.

Der Afterphilosoph hingegen, oder der gute
Kopf ohne Herzens-Güte, verwendet auch seine
Anlagen; er verwirrt, intriguirt die Welt, ver-
führet, blendet sie, wie ein Irrwisch ohne solides
Licht.

Das Genie, der starke Geist, der künstlerische,
tiefdenkende, schlaflose Erfinder, der Weltumsegler,
der Eroberer, der Tugend-Märtyrer, der Patriot,
und wie die verschiedenen Charaktere heisen,
welche die Geschichte für unser Andenken, und für
unsere Belehrung aufgezeichnet hat; – – –
alle diese haben sich ein jeder nach seiner Vorstel-
lung geschmeichelt, das Wohl der Welt befördert[1],|<9>
gegründet, ihre wichtigsten Interessen befördert,
und ihre gleichsam unzerbrechliche Pfeiler unter-
gesetzt zu haben. Aber ein vernünftiger Leser
findet sogleich die Schlacken unter diesem als echt
verkauften Golde, welches die Probe nicht hält.
Der Schluß trügt ihn nicht, daß, weil der Mensch
Gutes zu wirken im Stande ist, er solches auch
in der That gewirkt habe. Die vernünftige
Betrachtung der Geschichte, macht uns durch je-
den Schimmer, durch jede scheinbare Vollkommenheit
hindurch schauen. Der vernünftige Leser
wird bald das Mangelhafte von dem Vollkommenen
unterscheiden; er wird beides auf die Wage legen;
das Unvollkommene wird die Schaale niederzie-
hen; eine trübe Empfindung wird sich seines
Herzens bemeistern: der Gedanke, daß Voll-
kommenheit hier nicht zu erwarten sei, wird
sich an ihn andrängen, er wird sich nach Gütern
umsehen lernen, die befriedigender, schöner,
und dauerhafter sind; er wird die Religion
an der Hand fassen, sehen, wie sie allein
alles zur wahren Ruhe und Zufriedenheit des Herzens|<10>
vermag, und wahrhaftig beyträgt, ganz allein wirklich beglücket.

Diesen Vorteil gewähret uns die Geschichte;
doch sie gewähret auch einen Zweiten, fast noch noch viel wich-
tigeren Vortheil, denn sie liefert uns auch zugleich die
stärksten und glaubwürdigsten Beweise für die
Wahrheit der christlichen Religion, und zwar nicht
nur in Absicht der allen Völkern als unentbehrliches Bedürf-
nis ans Herz gelegten allgemeinen Verehrung dieses
höhern Wesens, sondern auch vornehmlich
[?]insbesondere in Absicht auf
unsere christliche Religion, für deren Wahrheit die
Beweise größten Theils auf der Geschichte beruhen.

Wie sie also bezeugt, daß ein mächtiges, weises, gü-
tiges Wesen diese Welt regiere; daß die ganze Natur
an diesem höhern Wesen ihr Dasein, ihre Ordnung
und Gesetze haben müsse; daß besonders des Menschen
Schicksal nicht in seiner Gewalt stehe; daß alles
zu einem allgemeinen Besten, u[nd] selbst das Böse zur
Beförderung des Guten gelenkt werde; so ziehet
sie zugleich unser Auge von den Dingen der Erde auf ihre die
größre Schönheit der Religion hin, nimmt uns für sich sie ein, und wir giebt
bekommen uns an ihr eine Gefehrdin des Lebens, die wir|<11>
fanden, wo wir sie nicht vermuthet hatten.

Ja, so ists! Die Gottheit hat uns in keinem
Falle dem blosen Ohngefähr überlassen, am we-
nigstens aber in der für uns so wichtigen Angelegenheit
des Gefühls für der Erkenntniß der Religion; und wenn wir in der Geschich-
te sehen, wie die Fähigkeiten, Anlagen u[nd] Triebe des
Menschen, sich von einem Jahrhundert zum Andern ent-
wickelten, verfeinerten u[nd] immer höher stiegen; so werden
wir durch die Fortschreitung so ganz natürlich zu dem
Gedanken einer bis zur Hoffnung der Untsterb-
lichkeit fortgehenden Gradation hingeleitet, die sich durch
jenen in uns liegenden Wunsch nach Glückseligkeit
nur desto mehr bestätiget.

Wir haben demnach schon die ersten Grundlinien
zum Erkentnis u[nd] zum Gefühl für Religion der
Geschichte zu verdanken, die uns nicht nur eine
Menge von Thatsachen liefert, sondern uns
auch den ersten Begrif einer Gottheit lehret, wel-
che die geschehenen, dem Anschein nach verworren[en]
durcheinander liegenden Dinge zu ordnen und zu
unsern Besten, zum Besten des Ganzen weis-
lich auseinander zu setzen verstehet.
|<12>

Doch, was ich bisher über den Einfluß der Geschichte
auf die Erkentnis und auf das Gefühl für der Religion
überhaupt berührte, das bestätigt sich vorzüglich auch in
Absicht auf unsere Christus-Religion.


Die historische Richtigkeit über die ganze Person
Christi, als des Stifters unsers Glaubens, war immer
eine der vorzüglichsten Stützen, war Grundfeste, die
kein Spötter, kein Widersacher jemals erschüttern
könte. Und nicht was die Apostel darüber sagen,
sondern was selbst jüdische und heidnische Scriben-
ten nicht erinnern, macht der Geschichte Ehre,
beweist di Wahrheit unserer Religion, erwärmt
das Herz für sie, bereitet es zu, sie zu empfangen,
zu lieben, ihr zu folgen, Beruhigung in ihr zu
finden, und mit ihr, wie an einem festen Stabe
durch die Welt hindurch zu wandeln.

Sie, die Geschichte, wird uns von zween
höchst interessanten Seiten zur Wohlthäte-
rin. Stellt sie auf der einen Seite nicht das
vortheilhafteste Gemählde über den Menschen
uns vor Augen; hat er selbst die schönsten
Züge durch eigene Schuld wieder verlöscht, oder
doch unkentlich gemacht; so sehen wir, wie
uns die Geschichte auf der anderen Seite auch
mit einem Jesu bekant macht, der die häufigen |<13>
dunkeln, widrigen Schatten in diesem Bilde auf-
hellte, seine Freundschaft gegen uns nicht etwa
auf gemeine Wohlthätigkeit einschloß, sondern sie
bis zu einem unerhörten Grade der Liebe andehnte,
seine vortreflichen Lehren durch eignen vortrefl[ichen]
Wandel bestätigte, ihnen das Gepräge der Gött-
lichkeit durch Wunder der Allmacht aufdrückte,
und sie durch Blut und Tod versiegelte.

Und, wo finden wir diese für uns so heilsamen
Nachrichten? Wo die Uiberzeugung? Daß dieser
göttliche Mann dem Menschengeschlechte unter
gewissen Kennzeichen versprochen worden, dann
gekommen sei, und alles erfüllt habe, was die
Erwartung der ersten Welt zum Glauben und
Hoffen reizte, was seine redlichen Zeitgenossen
gewöhnlich an ihn feselten, und was die späte
Nachwelt noch ietzt geneigt macht ihn mit wil-
liger, obschon schwacher, Nachahmung zu verehren.

Freilich, sagt uns dies alles hauptsächlich die
bieblische Geschichte, deren Verfasser Freunde und
Schüler Jesu gewesen sind, allein ihre Authen-
ticität ist dadurch völlig geechtfertiget, daß selbst
die jüdische Nation, in deren Händen [Randeinfügung: u[nd] Synagogen] sich die
Abschriften dieser heil[igen] Geschichte befanden, |<14>
selbige nie einer Verfälschung, oder auch nur einer ein-
zigen untergeschobenen Stelle haben beschuldigen
können.

Josephus Wahrheits-Liebe siegt über die Liebe
seiner Landsleute; und wenn Lentulus an den Tiberius
schreibt: „Es ist in dieser Zeit ein Mensch mit Namen
Jesus erschienen, der grose Thaten verrichtet,
und vortrefliche Tugenden besitzt, die Toden er-
weckt und allerlei Krankheiten heilt; er hat
ein angenehmes, ehrwürdiges Angesicht, wer ihn
siehet, der muß ihn lieben; er redet weniger, aber
sehr bedächtig; im Lehren ist er lieblich, im Stra-
fen ernsthaft, und hält sich als ein ehrbarer Mann;“
so dünkt mich, braucht man eben nicht Empfindler, oder
Enthusiast zu seyn, um sich durch diese simple Erzählung,
die so ganz im ungeputzten Gewand der Wahrheit erscheinet,
für den Charackter dieses Jesu einnehmen zu lassen,
u[nd] deine liebenswürdige Parthie zu ergreifen.

Gefühle also für die Religion, und die wirkliche
Erkentnis derselben, wer könnte ihren Einfluß auf uns
dem Studium der Geschichte absprechen?

Beinahe wird sich der Satz formiren lassen: wer
kein Freund der Geschichte ist, der ist es auch nicht für
die Religion, und so umgekehrt; er wünscht sich keine
Uiberzeugung von ihr, weil er den historischen Glauben
allzugering schätzet; es ist ihm gleichgültig, ob es Propheten|<15>
oder Apostel, oder einen Paulus iemals gegeben habe;
ob diese Männer, die nicht nur keinen irrdischen Vortheil von
ihrer Lehre hatten, sondern auch deswegen noch die beschwer-
lichste Mühe, das elendeste Leben und den bittersten Tod
übernahmen; ob diese Männer sag ich, unsinnige Träu-
mer oder wahre vernünftige gewesen sind; ob sie selbst
ihren Richtern durch ihren einfachen Vortrag, durch ihre
ungekünstelte Vertheidigung, durch ihr unerschrockenes
Wesen, welches immer so ganz mit dem Gepräge der einen
Wahrheit gezieret war, die Köpfe wärmte; ob Paulus ein-
nen mächtigen Sieg über den Felix erfocht, ob iene nie-
dergeschlagne Stille bei der unläugbaren Auferstehung
Jesu; ob das traurige, nachher erfolgte Schicksal der Jüden
Beweise für die Religion abgeben, oder nicht; ob in der
Religion ein bleibender Besitz lige; ob sie uns hier schon den Vor-
zug giebt wie Sterne indunkler Nacht zu glänzen; ob sie uns,
wenn wir von den beständigen Veränderungen des Erdenle-
bens ermattet sind, durch ihren erquickenden Zuruf aufheitert,
belebt, stärket, tröstet; alles dieses ist für den Gleichgültigen
überhaupt verlohren; aber weit anders und besser denkt über
den Einfluß der Geschichte auf das religiöse Gefühl, der
Mann, der werth ist ein Mensch und Christ zu seyn ;
jeder Ausschluß über die Existenz und Wahrheit der Re-
ligion ist ihm willkommen; selbst dann, wenn sie ihm auch
nur für dieses Leben beruhigend u[nd] vortheilhaft seyn
sollte, ob sie schon viel weiter hinaus reichen wird.
Die Vernunft verbindet uns ja, uns mit Erkenntnissen, vor-
zügl[ich] aber mit solchen zu nähren, die den Geist u[nd] das Herz
befriedigen, diese Befriedigung aber wird am besten er-
folgen, wenn wir überhaupt erst Geschmack an Moralität
und ihren Vorschriften gewinnen, und unser Herz und
Leben gleichsam in Händen tragen lernen; wenn wir un-|<16>
sere Aufmerksamkeit auf Beispiele richten, wodurch mor-
ralische Grundsätze für uns verständlicher werden; wenn wir
aus den Eigenschaften der Personen, die besonders in der
heil[igen] Geschichte handeln, Schlüße u[nd] Resultate für das Göttliche
unserer Religion ziehen, Stimmung und Gefühl für sie
dadurch bekommen, durch sie als die einzige Triebfeder zur Tugend,
uns wirkl[ich] zur Tugend zum Dank zur Ehrfurcht, zum Ver-
trauen gegen Gott, zum Glauben zur Liebe, zur Hofnung, zur
Gedult und zur Standhaftigkeit reizen und antreiben lassen;
wenn nichts unserem moralischen Auge entfliehet; wenn wir
sehen, wir ein oft sehr geringes Mittel die größten und wich-
tigsten Endzwecke, und deren oft viel auf einmal bewirkt.
wie Gott den freien Willen des Menschen Gutes und Böses
in einer wunderbaren Vermischung durch einander hin-
gehen läßt; wie tausend Dinge in dem Verhältnisse des Wider-
spruchs sich zu durchkreuzen, zu stoßen und zu zerbrechen scheinen;
dann, gleich als nach einem fürchterlich-drohenden Gewitter,
wo die Elemente stritten, Gleichgewicht unter sich herstell-
ten, die Sonne wieder lächelte, zum öfteren die wichtigsten
und heilsamsten Auftritte erfolgten, ohne daß dabei das Ganze
im Mindesten etwas verlohr, welches in dessen nur zu einem desto
höhern Grede vder Vollkommenheit fort gerückt worden war.

So muste erst Barbarei und Götzendienst und Aberglaube
und Unwissenheit das Menschen Geschlechte beherrschen, ehe ein
helleres Licht, reinere Erkenntnis Gottes, menschlicheres Betragen
und feineres Gefühl stattfinden konnte. Dann die Masse war
nur der besseren Eindrücke fähig, sie muste nach und nach zu-
bereitet werden, feinere Eindrücke anzunehmen, und die Fähig-
keit erlangen, das Gute vom Bösen, die Tugend vom Laster zu
unterscheiden. Diese Energie des Herzens sollte von ihren
kleinsten Anlagen bis zur Fertigkeit anwachsen. Dazu gehör-
ten Beispiele von Handlungen und ihren Folgen, die man sah, hörte, las, |<17>
die unsere Empfindung reizten, die guten Triebe stärker spannten,
und die Menschen gewöhnten, das Edle zu lieben, das Schlechte zu
hassen, und beides richtiger beurtheilen zu lernen.

Diesen Weg der Riegierung Gottes finden wir in der Geschichte
aufgezeichnet. Wie gros wird uns ihr Werth! Wie vortreflich ihr
Unterricht! Sie belehret uns nicht blos für das Gegenwärtige,
sondern verbreitet auch Licht über das zukünftige Ewige, als den
Mittelpunkt, wo die schwachen Stralen unserer Erkentnis einst
zusammentreffen, wo alles zur Einheit wird, und wohin die allgemeine
Aussicht des Menschen Geschlechts gerichtet ist.

Diese Vorzüge trauet man der Geschichte beim ersten An-
blick schwerlich zu; schwerlich überredet man sich, daß sie die nech-
ste Quelle sei, religiöses Gefühl und wirkl[iche] Erkentnis der
Rreligion [sic] daselbst zu schopfen. Aber in der That sind Kentnis
der Religion und Kentnis der Geschichte zwo untheilbare Be-
griffe. Man hat keine Idee des Einen, ohne zugleich die Idee
auch des Andern zu haben. Sie lehret das Was? und das Wie? einzig
in diesem Falle, nehmlich: daß die Verehrung eines höhern Wesens allen
Menschen ins Herz geschrieben sei, und daß sie diese Verehrung auf
verschiedene Weise ausübten, dies sagt uns die Geschichte.

War lange Zeit keine Uiberenstimmung hierin; opferte
man, sich selbst geschafenen Gottheiten; muste die Religion feindl[ichen]
Angriffe erdulten; so haben eben diese irrigen Verherungen zum
wahren Gottesdienst, und eben diese feindlichen Angriffe zu sehr
gründlichen Vertheidigungs-Schriften, so wie zur Reinigung von
menschl[ichen] Zusätzen und Ausschmückungen, einen Anlaß gegeben,
wobei der Finger Gottes desto sichtbarer wird, der die Menschen
nach Art eines getreuen Erziehers zum rechten Wege leitete,
vom Öeichtern zm Schwerern anführte, das Grose durchs
Kleine entstehen hies, und da seinen unbegreiflichen göttlichen
Verstand am stärksten offenbahrte, wo er vom Niedrigen, vom
Einfachen, und vom Verächtlichen ausging.|<18>

Euch arme, in Niedrigkeit geborne Jünger Jesu, die
ihr zu Geschäften des gemeinen Mannes erzogen waret, und
auf den erhabenen, ehrwürdigen Beruf göttlicher Gedancken nie
Anspruch gemacht hattet, noch machen kontet, euch wünschte ich
wohl gekannt oder gesehen zu haben. Entblößt von allen Hülfs-
mitteln des Ansehens und der Gelehrsamkeit, wurdet ihr indessen
vor würdig gehalten, einen so hohen Posten zu bekleiden, und
die größte aller Wissenschaften unter unzähligen fürchterl[ichen]
und fast unüberwindlichen Hindernissen durch die Welt zu
verpflanzen. An euch ists offenbar, wie Gott vom Kleinen
ausging, um einen grosen Endzweck zu erreichen.

Und, dich, erhabener Jesu! Wer unter deinen Ver-
ehrern möchte nicht mit dir in deinen Kindes-Jahren, worü-
ber uns zu wenig Nachricht hinterlasen ist, vertraut gewesen
seyn. Wo du so unbedeutend aufwuchsest, wahrscheinlich wenig
freuden genossest; im schlechten und gerechten Ganze armer,
doch frommer Eltern dahin wandeltest, du dich durch ein-
fältige Jugend auszeichnetest! Du warst indessen der
Auserwählte Gottes, an dem er Wohlgefallen hatte, u[nd]
Du führetest seinen höchsten Rathschluß, unsere Versöhnung
mit ihm so herrlich hinaus.

Auch dich, der du standest, selbst wenn die Welt
voll Teufel war, dich Luther, kann man sich ohne Rührung
nicht denken, wie du als Knabe deinen Unterhalt vor den
Thüren suchen mustest, noch nicht an dein schönes, heroisches
Lied gedacht hattest: „Ein feste Burg ist unser Gott.Oder an den
Ausdruck: „Sie lehren eittel falsche List, was eigen Witz erfindet
ihr Herz nicht eines Sinnes ist, in Gottes Wort gegründet.“
[2]
Aber der du dich dennoch in denen mänlichen Jahren der verfallenen
Sache annahmest, sie wiederherstelltest, und die Bewundrung und
der Stolt des wahren Christenthums geworden bist. |<19>

Welch eine unabsehliche Oekonomie in dieser Gottes-
Welt! Welch ein Reiz zur Dankbarkeit muß uns entflammen,
kein unterstes, sondern ein oberstes Wesen darin zu seyn!
Und endlich, welche Pflicht liegt uns ob, uns sowohl in
Rücksicht des Irrdischen, als auch in Rücksicht des Uiberirdi-
schen, von der Güte und Weisheit unseres Schöpfers immer mehr
zu überzeugen.

Diese Würde im Menschen zu seyn, und gleich in jedem Be-
tracht rühmen zu können, daß ein Schöpfer, der auch ohne uns,
eben so gros, so ganz in sich selbst glückl[ich] und selig seyn würde,
so überschwengl[ich] für uns gesorgt, und alle die weisesten Veran-
staltungen zu unserm Besten gtroffen habe, müsse uns immer
und unter allen Umständen erfreuen.

Ein Mensch, heiliger Gedanke! Heilig in Absicht
der Pflichten die uns obliegen, heilig in Absicht des Dankes,
welchen wir allein nur durch die getreue Beobachtung zu[3] dieser Pflichten
zu bezahlen vermögen. Heilig endlich, in Absicht unserer künf-
tigen, ewig dauernden Bestimmung, wo wir die Vortheile der Re-
ligion in ihrem völligen Genusse ernden, u[nd] Gott für die uns hier
dargebotnen Mittel zum Gefühl für sie, und zu ihrer Erkentnis
zu gelangen, ein Loblied nach dem andern anstimmen werden.

Anmerkungen

  1. Das Wort wurde nicht gestrichen, sondern augenscheinlich ausradiert bzw. rasiert.
  2. Bei dieser Passage handelt es sich um die ersten vier Zeilen der zweiten Strophe von Luthers Lied „Ach Gott, vom Himmel sieh herein“ (1524)
  3. Das Wort wurde wiederum rasiert.