1785-03-21 Rudorff (Ali): Wie ist der gesellschaftliche Zeitvertreib nützlich zu machen, ohne, daß er langweilig oder pedantisch werde?

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Kommentar

Man hätte hier etwas erwarten können, was auf den Zeitvertreib unter Illumi-naten Bezug nimmt – findet jedoch kaum Verbindungslinien.

Grund-Tenor ist ein eher vernichtendes Urteil über bestehenden Zeitvertreib und über die Chancen, ihn zu verändern. Er unterliegt Moden – spannend hier die Passage über die Ausbreitung des Clavierspiels von den oberen Kreisen hinab in den Mittelstand. Die Frauen von Secretären spielen nun.

Gegen das Konzept der Moden ist das der bewussten Wirkung von oben in An-schlag gebracht, die vom Regenten selbst ausgehen muss, dessen „Herrscher-Wonne“ im Glück des Volkes besteht. Mit Predigen kann er besseren Zeitvertreib nicht durchsetzen, mit vorbildhaftem Verhalten schon.

Transkript

N: III

Über die Aufgabe:
Wie ist der gesellschaftliche Zeitvertreib nützlich zu machen,
ohne, daß er langweilig oder pedantisch
werde?

Nützlich ist eigentlich ieder gesellschaftliche Zeitvertreib, der
uns zur Erholung von Geschäften dient; aber er ist es nicht
immer so, wie er es seyn könnte. Der Umgang mit Menschen,
war uns überhaupt zur Erleichterung des Lebens und zum Ver-
gnügen gegeben; er sollte gegenseitiges Wohlwollen, Belehrung
und Hülfe befördern, sollte als Erquickung dienen, uns auf
dieser gemeinschaftlichen Pilger-Reise zu stärken; aber
wir haben dieses Stärkungs-Mittel durch falsche Zusätze
verdorben; es leistet nicht mehr, was es leisten könnte;
Etiquette, Luxus, leere, fade Zerstreuungen in den
gesellschaftlichen Zusammenkünften, sind an die Stelle einer
edlern Endzwecke getreten; unsere Gesellschaften, wenn sie
auch mit vielversprechenden Titeln prangten, sind mehren-
teils Schauplätze geworden, wo unter dem Nahmen der|<2>
Freundschaft, kalte Ceremonie, unter der von Zeit zu Zeit
beobachteten Annäherung, Politeße, und unter der angeblichen
Erholung von Geschäften, die Versäumniß so mancher wichtigen
Pflicht, wo nicht des Berufs, doch der häußlichen Angelegenheit,
der Kinderzucht, und des indüstriösen Beyspiels für dieselben,
wechselweiße auftreten und ihre Rollen spielen.

Mit Recht entsteht daher die Frage: wie ist der gesell-
schaftliche Zeitvertreib nützlich zu machen? oder, wie ist es
anzufangen, daß die Moralität, das Würcken durch Beyspiel,
die Kinder-Erziehung, die Religion, die Indüstrie, und
iedes andere der Menschheit nahe liegendes Intereße,
mehr als bißher, dabey gewinnen mögen?

Gesellschaften, deren Zeitvertreibe sich auf diese ieztbenannten
Stücke beziehen sollten, erfordern meines Erachtens eine genaue
Auswahl der Gesellschaften selbst, die auf den moralischen Ton
und iede edle, nüzliche Absicht überhaupt, gestimmt seyn müßen.

Diese Gleichheit muß unter ihnen das Band knüpfen. Liebe
für einander, ergebene Treue, kluge, bescheidene Offenherzigkeit,
Nachgiebigkeit, wo dieser ienen eines Beßern überzeugt, müßen|<3>
sie beleben. Sie müßen durch wohlwollende Merckmale des
Höchsten im Volck unterschieden werden, um unter diesem
Schilde allerley Urtheile und andere Hinderniße desto sicherer
zu überwinden, und eine überwiegende Hofnung, ihre
guten Absichten mit glücklichem Erfolg belohnt zu sehen,
muß das unbedingte alleinige Gesetz seyn, dem sie folgen.
Nur unter diesen und anderen ähnlichen Voraussetzungen,
laßen sich gesellschaftliche Zeitvertreibe erwarten, die
den Nahmen der nützlichen verdienen.

Allein, welch eine gigantische Idee für ietzige
Zeiten! Und welch eine fremde unschmackhafte Würze
für den Gaumen unserer Mode-Gesellschafter und Gesellschaf-
terinnen! Zu sehr an den bloß sinnlichen Begriff vom gesell-
schaftlichen Zeitvertreib gewöhnt, würden die allermehresten
über dergleichen Einrichtung spotten, und lieber den Ent-
schluß faßen, sich auf sich selbst einzuschränken, als an solchen
Arten des Zeitvertreibes, der freylich, bevor er lieb gewonnen
worden, mehr eine neue Arbeit zu seyn, als das Wesen
des Zeitvertreibes an sich zu haben scheint, einigen Antheil|<4>
zu nehmen. Es würde heißen: dieß überlaßen wir den
„Predigern und Schulmeistern! Wir wollen nicht vor dem
„Catheder sitzen, indem wir gute Freunde besuchen. Die Welt
„ist so alt geworden, ohne diese Neuerung. Der Mensch
„wird es nie biß zum Engel bringen, u. s. w!

Dieß sind die gewöhnlichen Einwürfe, die in solchen Fällen
gemacht zu werden pflegen.

Und doch, zum Glück! daß Einwürfe das Gute noch nie
gänzlich rückgängig machen konnten, und daß es durch sie
nicht selten nur einen desto stärkeren Reiz und Antrieb erhält,
seinen Gang fortzusetzen und eine immer größere Sphäre
zu umschließen.

Die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Zeitvertreib nüzlich
zu machen, oder, wie oben gesagt worden, ihn so einzurichten, daß
die Moralität und Indüstrie dabey gewinnen mögen, wird
ieder Edle fühlen, nicht, weil er edel ist, sondern weil er
einsieht, daß große Schwierigkeit nicht zugleich auch eine
gänzliche Unmöglichkeit involviere.

Man sehe die bereits gewöhnlichen Zeitvertreibe in
Gesellschaften an, das Clavierspielen z. Beweiß, welches sowohl|<5>
vergnügt als nüzt, weil es das Gefühl des Schönen
erweckt; wer hätte glauben sollen, daß eine so mühsame
Sache, die noch dazu einen beträchtlichen Aufwand für
Instrument, Musicalien und Unterricht erfordert, so
sehr in Gebrauch kommen könnte? Gleichwohl ist sie da.
Wenige Fürstinnen, Gräfinnen, Baroneßen vielleicht,
hielten dieses Studium ihrer Bemühung würdig, und es ging
zur Secretärs-Frau, biß in die niedrigern Stände über.

Gewiß, eine Würckung des Beyspiels, die keinen Zweifel
übrig läßt, daß nicht auch durch eben dieses Mittel des
gegebenen Beyspiels, (ohne, daß es eben immer unmittelbahr
von den höhern und höchsten Claßen von Menschen herabsteigen
müßte) weit intereßantere Gegenstände zu gesellschaflichen
Zeitvertreiben sollten gemacht und eingeführt werden
können.

Man darf nurein anfangen, pracktische Hand
an solche Wercke zu legen; gute Menschen dürfen nur
wollen, dem herrschenden Vorurtheile, der tyrannischen Mode,
dem vielleicht sehr oft unrecht verstandenen Begriff von
Lebensart, der falschen Ehre, der Begierde nach Beyfall der|<6>
verkehrten Welt, der Philosophie der Leidenschaften, und
dem persönlichen Verhältniße, Opfer zu bringen; und es
wird zwar ihr Bestreben anfänglich eine Zeit lang mit dem
mächtigen Paris in einer bedenckliche Gährung liegen, allein
unter vortreflichen Regenten (die setz ich voraus!) wird ihnen
weder der beißende Spott, noch der verfolgende Haß, noch das
Zischen des doch nur pöbelhaften Neides, einigen Schaden
zufügen. Sie werden auf die gerechte Sache des Besten
der Menschheit gestüzt, keinem von diesen Feinden fallen.
Man wird sie bald darauf vertraulich fürchten, weiterhin
halb aus Klugheit, halb aus Überzeugung nachahmen,
und – endlich sie würcklich lieben.

Wie sehr sollte es mir zum Vergnügen gereichen, wenn
sich über die Frage: wie ist der gesellschaftliche Zeitvertreib
nützlich zu machen pp zugleich auch ein pracktischer Entwurf
wollte beyfügen laßen! Allein wir sind noch im bloßen
Sammeln der Ingredienzen begriffen; die praktische Ausführung
selbst, wird von künftig anzustellenden würcklichen Versuchen
abhangen, davon die erste zu abstrahiren seyn dürfte.|<7>

Indeßen suchen wir dieße einzelnen Halme auf, um
eine Garbe daraus zu binden, die ein volles Maaß der
edelsten Früchte mit Gewißheit verspricht.

O, möchte die alte Tugend, unter deren glücklichen
Scepter sich die Vorwelt so wohl befand, noch einmahl ihr
Haupt wieder empor heben! Möchten die guten Sitten bald
wieder in ihr rechtes Klima, auf den Grund der Religion
versezt werden! Möchten Beherrscher der Erde, iene wahre
Fürsten-Wonne, ein gutgesittetes aufgeklärtes Volck zu
regieren, wieder genießen, und so zu sagen den verlohrnen
schönsten Stein aus ihren Cronen wiederfinden! Möchte
deß allgemeinen Elendes weniger, des Vertrauens und des
wechselseitigen Beystandes mehr werden! Möchten wir
uns nicht selbst finden, des Lebens Freuden aus einer
Quelle zu trincken! Möchten wir alle Hand anlegen, das
wieder zu werden, was wir seyn könnten, Menschen
nehmlich und Herren einer ganzen sichtbaren Natur, die
genießen dürfen, nur Güter nicht durchbringen!

Und was anderes ist die Zeit, die wir in Gesellschaften|<8>
ohne Nutzen verschwenden, als ein uns anvertraute[s]
Guth, das wir bewachen müßten? Syrac. den 1. Phar
1155.

Ali.

Anmerkungen