1786-04-16 Mereau (Thuanus): War der unseren alten teutschen Vorfahren nachgesagte Hang zu starcken Geträncken Ursache oder Folge der Unwissenheit, worin sie lebten?

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Kommentar

Der Aufsatz fällt in die kleine Gruppe, in der es letztlich vor allem um eine Ehrenrettung der deutschen Nation im Blick auf deren dunkle Zeiten – die Vorzeit und das Mittelalter – geht. Die Aufklärung und Nationalismus werden hier als Themen verknüpft, die Frage historischer Quellen und ihrer Aussagekraft bei kritischer Betrachtung kommt hinzu.

Tacitus bezichtigt die Germanen der Trunksucht und der Rauheit (respektive Rohheit).

Zentral sind hier die Kapitel 22 und 23:

    (22.) Den Tag und die Nacht durch Saufen zu verhängen, bringt Keinem Schimpf. Die, wie eben unter Trunkenen, häufigen Zwiste werden selten mit Schimpfreden abgethan, häufiger mit Mord und Wunden. Indessen auch über gegenseitige Aussöhnung der Feinde und Schließung von Schwägerschaften, über den Anschluß an Häuptlinge, über Frieden endlich und Krieg berathen sie meist bei Gelagen, wie wenn zu keiner Zeit mehr das Herz für wahre Gedanken sich öffne oder für große erglühe. Dieses Volk, nicht listig und durchtrieben, erschließt annoch die Geheimnisse des Herzens in der Ungebundenheit der Lust. Daher wird der enthüllte und offene Sinn Aller am nächsten Tage noch einmal behandelt. Und beider Zeit Verfahren ist wohlgehalten: sie besprechen, während sie nicht zu heucheln wissen; sie beschließen, während sie nicht irren können. (23.) Als Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen, in eine gewisse Aehnlichkeit mit Wein umgefälscht; die Nächsten im Uferland erhandeln sich auch Wein. Ihre Speisen sind einfach: Feldobst, frisches Wildfleisch, oder geronnene Milch. Ohne künstliche Zubereitung, ohne Leckereien vertreiben sie den Hunger; gegen den Durst nicht dieselbe Mäßigung. Wenn man der Trunkenheit willfährt und herbeischafft so viel sie gierig wünschen, werden sie nicht weniger leicht dem Laster unterliegen, als unsern Waffen.[1]

Roheit steht hier für den Zustand gegenüber der kulturellen Verfeinerung – eine komplexe Situation, da die Verfeinerung der Kultur (das Wort fällt mehrfach) zwar synonym für Aufklärung stehen kann, während Rauheit indes längst positive Konnotationen hat – die des Urwüchsigen, Natürlichen, Echten, des noch nicht verweichlichten Naturzustandes. Tacitus selbst nutzte in der Germania die Rauheit für den impliziten Vorwurf einer römischen Verweichlichung. Seinen Lesern hielt er hier ein Volk vor, das in seiner Vitalität und Unverdorbenheit noch auf einer Stufe stand mit den Römern, wie sie selbst einmal waren. Einzig eben die Trunksucht hebt Tacitus als Negativum hervor. Resultierte sie aus der Rauheit der Germanen oder erzeugte sie diese Rohheit?

Mereau begibt sich im ersten Schritt in das aufklärerische Terrain einer kritischen Auseinandersetzung mit allen kursierenden Aussagen – in diesem Fall historischen Aussagen, die der Quellen bewertende Historiker von Vorurteilen bereinigen können sollte. Das nationale Projekt einer Ehrenrettung der alten Teutschen, kommt indirekt ins Spiel. Dem aufgeklärten Autor geht es vielmehr um eine Ehrenrettung, die in jedem Fall einen Gewinn darstellen müsste:

    Ein Volck von einem ungegründeten Verdacht befreyen, es in einem vortheilhaftern Lichte zeigen, blos dadurch, daß man die ihm eigenthümliche Gestalt auf zu decken sucht, der Gedancke, es dadurch zu rechtfertigen, ist gewis die reinste Belohnung, die ein Geschichtsforscher von seinem Fleis erwarten kann.

Die Aushebelung der – vermeintlichen – Vorurteile erfolgt in mehrsträngig:

  • Das Klima erzeugte diese Rauheit – oder auch: es ließ keine Verfeinerung zu; so die alte in die Klimatheorie, so jedoch nicht minder die alten und neuen Kulturkritiker und die neuen Geschichtstheoretiker von Iselin und Home, Lord Kames bis zu, Rousseau. Wir sprechen hier entweder von einer Verfeinerung, die nicht kommen konnte, oder von einem tatsächlichen Vorzug an Vitalität.
  • Die besagte Rauheit bestand nicht wirklich, jedenfalls nicht als Zustand der Unbildung – das sieht man, wenn man annimmt, dass die Germanen so feinfühlend waren, wie die Schotten, deren Ossian sich seit 1760 als fein empfindender Vorfahr erwies. Das sieht man nicht minder an den Gesetzen, die weit entwickelt waren, mehr noch an der Kultur, die die Menschen bewegte ihre Gesetze auch wirklich zu achten und dabei insbesondere Keuschheit und Reinheit in der Ehe zu wahren…
  • Die Römer selbst urteilten nicht objektiv, da sie
  • im eigenen Nationalstolz sprachen
  • nur von den Germanen sprachen, die sie als Sklaven hielten oder an den Grenzen trafen – und die sie selbst durch den Wein verdorben hatten. Bei romanisierten Germanen mochte in der Tat die Trunksucht grassieren, nicht aber bei den Germanen im Inneren der Nation, die sich gegen alles Römische stellten, um ihre alte Kraft zu wahren.

Bleibt am Ende die Frage, ob der „Gerstensaft“, den die wahren Germanen als ihr Nationalgetränk tranken, überhaupt ein Rauschgetränk sei – nicht einmal das sei erwiesen, so die Wendung, die an die Ausgangswendung zurückführt, die Kritik der Quellen und der Vorurteile, die da als mutmaßliches Quellenwissen kursieren.

Transkript

J. A. Thuanus


War der unsern alten teutschen Vor-
fahren nachgesagte Hang zum star-
ken Geträncken Ursache oder Folge der
Unwissenheit, worinn sie lebten.
–– Ni fallor[2] ––

Angenehm und werth schon war mir diese Aufgabe
die mir von meinen E[rlauchten] Obern gegeben worden,
ihres generellen Inhalts wegen, weil sie
in die Geschichte schlägt, noch angenehmer aber
wird sie mir dadurch, daß ich Gelegenheit
finde, meine Gedancken über die Cultur und
Ausbildung der Teutschen an den Tag zu
legen und zu zeigen, daß vielleicht kein
Volck so wenig den Vorwurf einer aus-
zeichnenden Unwissenheit verdiente, der
unsern Vorfahren doch fast allgemein
gemacht wird. – – Ein Volck von einem
ungegründeten Verdacht befreyen, es
in einem vortheilhaftern Lichte zeigen,
blos dadurch, daß man die ihm eigenthümli-
che Gestalt aufzudecken sucht, der Gedanke,
es dadurch zu rechtfertigen, ist gewis die
reinste Belohnung, die ein Geschichtsforscher
von seinem Fleis erwarten kann. – Dieses
munterte mich so sehr auf, daß, wiewol
ganz von meiner Schwäche überzeugt, ich
nicht anstehen konnte, um so mehr, da
mir die Aufschrift der Abhandlung – Ver-
anlassung dazu gab, auch mein Scherflein,
so gering es immer seyn mag, hier zu
opfern. – Ehe ich aber zur Vertheidi-
gung der Teutschen selbst schreite, glaube |<2>
ich vorher nach den Grund, der zu der Be-
schuldigung Anlaß gab, forschen zu müs-
sen.

Nach meinen wenigen Einsichten
scheint es mir in nichts andern zu liegen,
als darinn, daß wir ihre innere Einrich-
tung viel zu wenig kennen, daß wir
folglich so manches nichts wissen, was ein
ganz anderes Licht über die Nation ver-
breiten würde, daß wir so manches andre
aus einem falschen Gesichtspuncte betrachten,
und endlich daß wir alles nach den Römern
beurtheilen, jenem Volcke, das damals den
Gipfel seiner Vollkommenheit erreicht hatte.
Und gleichwol auch dann, wenn wir auch
dieses leztere thun, so erscheinen die Teut-
schen zwar als eine rohere Nation, aber
deswegen verdienen sie nicht unwissend
genannt zu werden. – Vergebens suche
ich, wenn ich mich in den Geist der damali-
gen Welt versetze einen einzigen Fall aus-
findig zu machen, wo sie diesen leztern
Namen ohne ungerecht zu seyn, verdienten,
aber vergebens war bisher mein Forschen.
Ja gewissermasen mogte [= möchte] ich sie dann so-
gar von einem zu grossen Grad der Roheit
freisprechen, die ich selbst ihnen jezt noch
schuld gab.

Aber, was ist Unwissenheit, was Roheit?
Unwissend nenne ich das einige Volck,
welches in einem falschen Zustande sich
noch befindet, daß es noch gar keine|<3>
Hofnung macht, es bald aus seiner Finster-
nis befreiet, aus den Schlaf seiner Un-
wissenheit erwacht zu sehen.

Roh hingegen glaube ich kan iedes Volck
noch seyn, das jene erste Schule seines Wer-
dens schon abgelegt und in welchem die
Keime zu einer bessern Ausbildung liegen;
obgleich seine Fortschritte in derselben
öfters fast noch unmercklich sind.

Dies leztere findet man bei den Teut-
schen, so wie bei jedem andern Volcke, ehe
es sich zu dem ausbildete, wodurch es die
Aufmercksamkeit seiner Nachbarn und
die Bewunderung der Nachwelt auf sich
zog. Wenig Mühe würde es kosten zu zei-
gen, daß die Römer 700 Jahre vorher, ehe sie
näher mit den Teutschen bekannt wurden,
oder vielmehr ehe ihre Schriftsteller an-
fiengen, Beschreibungen von diesem Vol-
ke zu liefern, denen wir vielleicht zu stren-
gen Glauben beymessen, daß sie damals
in einem eben so hohen Grad von Roheit
sich befanden, als die Teutschen; sie, die
doch von einem der cultivirtesten Völ-
ker Italiens, von Albalonga,[3] abstammten.

Nein gewis wenn wir alle scheinbare
Kleinigkeiten in Erwägung ziehen, die
wir doch bey Beurtheilung eines Vol-
kes am wenigsten aus den Augen lassen dürfen,
wenn wir nicht zu übereilt und eben
dadurch ungerecht seyn wollen, so wer-
den wir auch unter den Teutschen, an-
statt Unwissenheit, einen gewissen Grad
von Wissenschaften, fast möchte ich sagen|<4>
Aufklärung wahrnehmen. Dann aber
müssen wir auch Rücksicht auf alles und
iedes nehmen, was bewürcken konnte,
daß sie andern Völckern in der Cultur
so sehr nachstanden, und womit solte da
wohl der Anfang füglicher gemacht wer-
den können, als mit der Rauhigkeit ihres
Clima's.[4] Schon dies war ein Hinderniß
das ihnen unüberwindlich im Weg lag, den
Fußstapfen ihrer Nachbarn zu folgen, aber
wer wolte sie deswegen wohl unter die Klas
se der unwissenden Völcker zählen. Dies
muß allenfals uns nur aufmercksamer
in Beurtheilung ihrer machen und uns
immer mehr auf den Satz führen, sie
zwar mit ihren Nachbarn zuvergleichen,
jedoch nicht sie nach dem Maaßstab zu-
messen, wie diese damals waren, son-
dern wie sie wol vorher gewesen
seyn mochten. Als eine natürliche Folge
vom Clima und als Würckung dessel-
ben sind ihre starcke Leibesconstitution
und hingegen ihre weniger vorstehen-
den Seelenkräfte anzusehen, – aber
eben hier steigt mir ein Zweifel auf:
Wie, hatten sie nicht Barden[5]? hatten
sie nicht damals schon Druiden?[6] was
waren dies anders als ihre Dichter und
was hält uns ab zu schliesen, daß nicht die-
se vielleicht den Dichtern ihrer Nachbarn
die Spitze hätten bieten können, wenn
etwas von ihrer Dichtung wäre übrig|<5>
geblieben, um mit diesen verglichen zu
werden. Warum solte dies unmöglich
seyn? vielmehr eben jene Härte des Cli-
ma’s, jene Rauhigkeit, die in ihrer Lebens-
art herschte, solte uns muthmasen lassen,
daß sie wo nicht solcher feinen doch viel-
leicht desto stärckerer Empfindungen, desto
nerveuserner Ausdrücke fähig waren.
Am meisten aber wird diese Muthmasung
bestärkt, wenn wir des Scalden,[7] Ossians,[8]
Lieder lasen. Der gemeinen Meinung nach
war er ein Schotte. Wie roh diese ganze
Nation noch ist*[9] und wie unmercklich
ihre Schritte zu einer gewissen Cultur sind,
ist beckannt genug. Dies aber berechtigt
uns gewissermasen die Zeiten Ossians
mit den Zeiten der teutschen Druiden und
Barden zu vergleichen, und wie vortheil-
haft dies für den Geist der Teutschen wäre,
liegt am Tag. Freylich gestatten
Muthmaßungen noch keinen sichern Be-
weis etwas daraus zu folgern, am
wenigsten da, wo man schon Gewis-
heit vom Gegentheil zu haben glaubt.
Doch wer gab sie uns diese Gewisheit? –
Irgend die Römer? Aber deren Urtheile,
ja selbst deren Nachrichten sind mir we-
niger als blose Muthmasungen, denn
kannten sie die Teutschen hinlänglich,
waren sie mit ihren Sitten und
Gewohnheiten, mit ihrer ganzen innern
Verfassung beckannt genug, um sie
aus dem rechten Gesichtspunct zu betrach-
ten, oder sind wir nicht vielmehr ganz|<6>
vom Gegentheil durch ihr eignes Geständ-
nis überzeugt, ja selbst durch die schwan-
kenden und ungewissen Nachrichten, die
sie uns mit unter von so manchen Sachen
mittheilen? Beweiß hiervon mag die Erdbe-
schreibung seyn, die sie uns von Teutsch-
land geben. Dies einzige Beispiel glaube
ich, ist hinreichend uns gegen die Beschrei-
bungen der Schriftsteller Roms mißtrau-
isch zu machen. Aber noch kommt herzu
jener Stoltz der Römer, der ihnen schlech-
terdings nie erlaubte einem fremden
Volcke, das nicht ihr Sclave war und sich
nach ihnen formte, im geringsten Gerech-
tigkeit widerfahren zu lassen. Dies
leztre macht wahrscheinlich, daß sie alles
dasjenige, was fähig gewesen wäre uns
den Geist unserer Urväter aufzudecken
entweder wegen zu geringer Kenntniß
und Einsicht in die teutsche Sprache oder
eben wegen jenes Stolzes keine Auf-
mercksamkeit würdigten. Und wer
steht uns dafür, daß dies nicht der
Fall in mehreren Stücken war. –

Was kan wohl ein Volck mehr characteri-
siren, – was den Stand seiner Cultur
genauer bestimmen und gewis festsez-
zen, als die Gesetze durch die es regiert
wird. Und wenn wir diese nun nach
dem äuserst wenigen, was davon zu un-
serer Wissenschafft kam, untersuchen wol-
ten, finden wir da noch die geringste
Spur von Unwissenheit? Oder zeugen diese|<7>
nicht vielmehr von einem gewissen Grad von
Cultur der sie manchem civilisierten Volcke
gleichsezte? Ihre Gesetze über den Müssiggang
waren ihnen zwar mit ieder rohen Nation,
die noch nichts von Verschiedenheit der Stände
weis, gemein,[10] aber können wir das eben-
falls behaupten, wenn wir auf die Stren-
ge mercken, die in ihren Sitten herschte,[11]
auf die Gesetze sehen die gegen den Ehebruch
und überhaupt gegen jede Unordnung in
der Ehe gegeben waren? Können wir
das nämliche behaupten, wenn wir auf
ihre Gewissenhaftigkeit, ihre Treue und
Redlichckeit achten, nein, gewis ein Volck,
das dergleichen Grundsätze verräth, kan
und darf nie mit dem Namen unwissend
belegt werden, vielmehr hat es einen gro-
sen Schritt schon in der Kultur gethan,
indem gewis diese 3 Stücke die Hauptstützen
sind, worauf sich die künftige Wohl-
farth und Blüte eines Staats gründen
muß.

Daß aber die Teutschen gleichwol so we-
nig mercklich in ihrer Bildung fortschrit-
ten, daß sie bei allen diesen guten
Anlagen noch immer ihre Rauhigkeit
beibehielten, hieran war meinem Be-
düncken nach ebenfals nur die zu nahe
Nachbarschafft der Römer schuld. Sie sa-
hen alle die Fehler oder vielmehr Laster,
die diesem Volcke eigen waren, und
was mehr als alles andre auf sie würck-
te, die Entwürfe, die diese stolze Nation
machte, auch sie unter ihr Joch zu bringen.|<8>
Persönliche Tapferkeit mußte das einzige
seyn, was sie gegen dieses in der Kriegs-
kunst der damaligen Zeiten am weite-
sten vorangedrungene Volck sichern konnte,
sie fühlten ihre Vorzüge in Ansehung der
ersten, aber in der leztern erkannten sie
gewis auch die Uiberlegenheit der listigen
und ofters meineidigen Römer, ihnen dar-
inn gleich zu kommen, nur den Geist ihrer
Nation, der teutschen Redlichkeit[12] zu wider,
und wäre außerdem auch schlechterdings
unmöglich gewesen, also blos Tapferkeit
blieb ihnen übrig, wie konnten sie diese
aber erhalten, wenn sie die Rauhigkeit ab-
legten, die doch offenbar ganz ihrer bes-
sern Bildung entgegen lief. Und endlich
woher solten sie diese Bildung erhalten,
als von den Römern selbst, dies aber war
gleichfals unmöglich, denn sie haßten diese
viel zu sehr, als daß sie sich hätten ent-
schliesen sollen, das geringste von ihnen,
ihren Sitten und Gebräuchen anzunehmen.
Und nur erst aus allen diesem glaube ich folgern zu dürfen,
daß die eben angeführten Ursachen, mehr
an der Rohheit die ihnen so lange noch eigen
blieb, schuld waren, als ihr Hang zu
starcken Geträncken. Ja fast mögte ich
behaupten, daß eben dieser Hang eine
mittelbare Ursache zu ihrer nachherigen
Cultur wurde. So widersprechend nun
auch dieser Satz dem ersten Anschein nach
vorkommen mag, so verliert sich doch dies
wenn wir ihn durch die Geschichte näher be-
stimmen. Sie sagt uns, daß die Teutschen an|<9>
der Donau zuerst mit den Römern in
gewisse Tractaten[13] sich einliessen, und daß
sie dazu unter andern vorzüglich der Wein,
mit dem sie die Römer beckannt gemacht hät-
ten, bewog. Sie sagt uns ferner, daß eben
diese Völcker durch den Verkehr den sie mit
den Römern hatten, die Sitten dieser lez-
tern annahmen und so an Bildung und
Cultur die innern Bewohner Teutoniens
bald übertrafen. Diese aber waren ihren
Grundsätzen treu geblieben, hatten jede
nähere Verbindung mit ihren Erbfeinden
vermieden, ja ihr Haß war so starck
gegen sie, daß sie auch nicht einmal dies
Beispiel ihrer südlichen Brüder und die
Annehmlichkeit des Weins, mit den der Rö-
mer sie gleichfals schon bekannt gemacht
hatte, bewegen konnte, von ihren Vor-
satz abzugehen; sie zogen ihren weniger
reitzenden Gerstentranck und mit ihm ihre
Freiheit jedem andern Vortheile vor, der
sie zugleich weichlicher und folglich
mit der Zeit ohnfehlbar abhängig von den
Römern gemacht haben würde, wie sie
das Beispiel davon schon an ihren Nachbarn
hatten.

Ob aber der gedachte Gerstentranck ihre
Geisteskräfte abstümpfte und folglich auch ein
Hinderniß in den Fortschritten ihrer Cultur
war, dies ist eine Frage, die vielleicht gänz-
lich verneint werden könnte, wenn ich
so glücklich wäre, diese Nation vom Ver-
dacht der Völlerey zu befreyen.

Meine erste Frage ist hier wieder: Wer
beschuldigt sie derselben? Abermals ein|<10>
Römer. Tacitus sagt von ihnen:


    Si indulseris ebrictati suggerendo quan-
    tum concupiscunt haud minus facile vi-
    tiis, quam armis, vincentur.[14]

Aber gewis er ist auch hier wie in so viel an-
dern Fällen irrig, er stellte sich vermuth-
lich vor, das innere Teutschland entspreche
hierinnen seinen schon halb aus gearteten
Bewohnern an der westlichen und südlichen
Gränze, wie er dieses selbst zu verstehen giebt,
indem er sagt:


    Proximi ripae et vinum mercantur.[15]

Diese mochten wol durch die Annehmlichkeit
des Weins gereizt, ihren Nationaltranck mit
jenem vertauscht haben und mochten nun
wie jede rohe Nation im Genusse ausschwei-
fen. Dieses aber konnte gar nicht der Fall
bey den inneren Teutschen seyn, ihr Land da-
mals noch viel zu rauh, erlaubte ihnen
nicht welchen zu bauen und gegen die Römer,
als die einzigen von denen sie denselben
hätten erhalten können, waren sie zu
sehr eingenommen, als daß sie um ihren
Gaumen zu kützeln, das Grundgesez, das
ihnen ihre Freiheitsliebe auferlegte, jede
nähere Verbindung mit dieser Nation zu
vermeiden, hätten brechen sollen.

Oder glaubte vielleicht Tacitus die übri-
gen Germanier nach jenen wenigen ihrer
Landsleute beurtheilen zu müssen, die die
Römer nach Italien brachten und durch
ihr Beispiel und Aufmunterung sich selbst
ähnlich gemacht hatten, und wenn nun die-
se, wie in anderen Stücken so auch vorzüg- |<11>
lich im Truncke ausschweiften; wolte man
nach ihnen ihre ganze Nation beurtheilen? nach
ihnen, die schon dadurch, wozu sie sich zum
theil brauchen liesen, hinlänglich zeigten,
daß sie zugleich, da sie ihr Vaterland ver-
liessen, auch ihrer väterlichen Sitten, ihres
Freiheitssinns, ja ich sage nicht zu viel, ihrer
Tugend, vergassen.

Endlich wie hätte die Keuschheit, wie
die auserordentliche Grösse, die allein
sie den Römern anfangs schon furchtbar
machte mit diesem nach Tacitus Schilderung
Nationalfehler bestehen können? Und
nun glaube ich folgern zu können, daß der
Bewohner des innern Teutschlands, viel-
leicht nie den Wein gekannt habe, sondern
auch hierinn den väterlichen Sitten getreu,
habe er auser den Getränken, die ihm die
Natur darbot, auser Quellwasser und
Milch, kein anderes gekünsteltes Ge-
träncke, als seinen Gerstentranck gekannt.

Ob aber dieser sogar nur berauschend
war, dies halte ich noch nicht für ganz
erwiesen, ja fast möchte ich
es bezweifeln, da
selbst die Römer,
an den Orten wo
sie uns dies Geträn-
ke beschreiben, nichts
davon erwähnen, und gesezt auch dies wäre,
so hoffe ich doch durch das, was ich über
die Cultur der Teutschen gesagt habe,
sie wenigstens von dem Verdachte befreyet zu
haben, als ob die starcken Geträncke, die
sie genossen, schuld an der ihnen ange-
dichteten Unwissenheit gewesen wä-
ren.

Ja könnte ich mir im geringsten
schmeicheln, etwas Uiberzeugendes ange-
führt zu haben, so würde dann, da ich läug-|<12>
nete, daß sie ja unwissend zu nennen
waren, auch die Frage die zum Grunde
meiner Abhandlung liegt, gänzlich weg-
fallen, weil sie das eben voraussezt, was
ich bis jezt noch für ganz unerwiesen halte,
und was ich mich zu widerlegen bemü-
hete. ./.

Anmerkungen

  1. Anton Baumstark (übers), Die Germania des Tacitus (Freiburg im Breisgau: Herder’sche Verlagsbuchhandlung, 1876), S. 24-25. Wikisource
  2. Lat. Wenn ich mich nicht irre.
  3. Alba Longa, Stadt im antiken Latium, etwa 20 Kilometer südöstlich von Rom, auf dem Hügelkamm der Albaner Berge, vermutlich am Ort des heutigen Castel Gandolfo. In der römischen Mythologie wird die Gründung der Stadt auf Ascanius, Sohn des Trojaners Aeneas, um das Jahr 1152 v. Chr. zurückgeführt. Die beiden ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus waren, so die sage, Söhne der Rhea Silvia, einer Vestalin, und des Kriegsgottes Mars. Rhea Silvia widerum war Tochter des Königs von Alba Longa, Numitor Silvius, daher die Idee von Alba Longa als der Mutterstadt Roms. Der historisch nicht belegte dritte König von Rom, Tullus Hostilius, soll im Jahre 665 v. Chr. Alba Longa zerstört und seine Bewohner auf dem Caelius in Rom angesiedelt haben. Holger Sonnabend: Alba Longa. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 1, Metzler, Stuttgart 1996, Sp. 437.
  4. Den Argumentationsrahmen bietet hier die seit der Antike diskutierte Klimatheorie nach der die statischen Faktoren unterschiedlicher Klimate die unterschiedlichen Volks-Charaktere schufen. Die Theorie findet sich im 18. Jahrhundert breit unterstützt, da sie es erlauibt zu erklären, warum manchen Kulturen (wie die des Nordens) sich erst spät entwickelten – rational verwaltet etwa Iselin diese Grundlagen. Andererseits findet sich die Klimatheorie zu diesem Zeitpunkt längst kontrovers diskutiert siehe Reimar Müller, "Montesquieu über Umwelt und Gesellschaft – die Klimatheorie und ihre Folgen", Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 80 (2005), 19–32 leibnizsozietaet.de
  5. Das Nachdenken über die deutschen Barden (das Wort kommt aus dem keltischen Kulturraum) wurde insbesondere von den Schweizern Bodmer und Breitinger im Streit mit den Gottschedianern vorangetrieben und leitete die breite Erforschung mittelalterlicher Literatur ein. Ein Meilenstein war hier Johann Jakob Bodmers Character der teutschen Gedichte ([Zürich]: [s.n.], [1734]). e-rara.ch
  6. Druiden eigentlich auch in den 1780er Jahren klar dem keltischen Raum zugeordnet, hier relativ unkritisch für nordische Völker reklamiert.
  7. Skalden, die Sänger des skandinavischen Kulturraums – als Äquivalent der Barden gehandelt etwa im Stichwort Barde in Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften (Frankfurt a. M., Varrentrapp und Wenner, 1778 ff.), S. 849-50.
  8. Die Gesänge Ossians aus der Feder James McPhersons, seit 1760 veröffentlichte Serie, von der die Öffentlichkeit nur durch McPhersons Übersetzungen ins Englische erfuhr. Die Gesänge sollten aus dem dritten Jahrhundert datieren und noch immer Teil der mündlichen Tradition im schottischen Hochland sein – und beflügelten die Geschichtsforschung des späten 18. Jahrhunderts zu spektakulären beweisen ihrer Authentizität, während die einzelnen Fragmente selbst Karriere als Bildungsgut machten.
  9. [Fußnote Text:] * Ich rede hier von denjenigen Schotten, die wir jezt auch unter dem Nahmen der Berg-Schotten kennen.
  10. Tacitus berichtet in der Germania von einem Volk, das räuberische Kriegszüge einer anhaltenden Arbeit vorzieht. Die hohe Gruppe der Krieger führt ein Leben in Schlaf und Trägheit, außerhalb der Waffenpraxis und die Kampferprobten überlassen die Arbeit den Schwächeren und den Frauen – so etwa Kapitel 15.
  11. In der Germania notiert Tacitus diesen Vorrang guter Sitten über Gesetze im 19. Kapitel.
  12. Hier gibt es einen langen Diskurs der bereits im frühen 18. Jahrhundert seine Bedrohung durch die Satire hat – der man wiederum das ernste Bekenntnis zu eben dieser Redlichkeit entgegensetzen kann – siehe etwa Moritz P. (P. Mauritium Nattenhusanum), Homo simplex et rectus, Oder Der alte redliche Teutsche Michel. Das ist: Sittliche, aus Göttlicher Heiliger Schrifft, mit anmuthigen Historien, schönen Gleichnussen und Sprüchen der heiligen Vätter verfaßte Sonn- und Feyertägliche Predigen (Augsburg: Georg Schlüter, 1702).
  13. Im Sinne von Verträgen,
  14. „Wenn man der Trunkenheit willfährt und herbeischafft so viel sie gierig wünschen, werden sie nicht weniger leicht dem Laster unterliegen, als unsern Waffen“ – Anton Baumstark (übers), Die Germania des Tacitus (Freiburg im Breisgau: Herder’sche Verlagsbuchhandlung, 1876), Kapitel 23, S. 24. Wikisource
  15. Ebenfalls aus dem 23 Kapitel. Die vollständige Passage lautet in der Übersetzung Baumstarks: „Als Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen, in eine gewisse Aehnlichkeit mit Wein umgefälscht; die Nächsten im Uferland erhandeln sich auch Wein.“