1785-01-21 Gadow (St. Evremont): Wenn man sich den Todt unter einem Bilde denken könnte, welches würde es seyn?

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Kommentar

Autor nach Schriftvergleich und Minervalkirchen-Protokoll vom 21.1.1785 identifiziert. Der Aufsatz ist kurz und dem bereits von anderen diskutierten Thema gewidmet. Die Ausführungen bleiben unterhalb des Diskussionstandes den Lessing lieferte.

Die Ausgangsdefinition will zu keinem Bild einladen. Der Tod ist ein „Negativum“: die Absenz von Leben. Dennoch lässt sich der Verfasser auf die gestellte Aufgabe ein – dies im Blick auf bereits kursierende Bilder. Die Antike sei dem Negativum gerecht geworden, indem sie kaum ein eigenes Bild entwickelte – der Gegenpol ist hier im Verlauf das Gerippe mittelalterlich christlicher Darstellungen.

Eine wesentliche Frage ist unter der Hand, was mit dem Bild von Tod zu bewirken ist – eine pädagogische Frage und eine Frage des persönlichen Gefühlsmanagements. Hier will ein Desiderat sein, dass man möglichst konstant und oft an den Tod denkt – in jeder Minute – um entsprechend moralisch zu handeln, und dass man gleichzeitig mit trötenden „angenehmen“ Gefühlen an den Tod denkt. Gott tritt hier als der „Allweise und Allgütige“ in die Argumentation ein, ohne dass ganz klar wird wie: ist er es, der uns mit diesem memento mori in der Veretation versorgt, oder ist es, dass wir seiner Allweisheit und Allgüte uns besonders bewusst werden, da wir sie beim Blick auf absterbende Vegetation erkennen – grammatikalisch ist das nicht ganz klar:

    alles diß führt und auf den Gedanken zurück, daß auch uns einst früh oder spät, das Loos der Zerstörung erwarte, und oft ist dieser Gedanke so lebhaft in uns, daß er unsere ganze Seele erfüllt und kein anderer neben ihm Platz findet. – auch hierin erkennen wir die Hand des Allweisen und Allgütigen!

Zwei andere Passagen scheinen mir unter dem Blick, dass hier illuminatisch geschrieben wird, interessant: Der Tod bringe uns der Vollkommenheit einen Schritt näher – das irdische Leben wird dabei in einem „Grad“-System erfasst, das Leben nach dem Tod ist der nächste Grad.

Die eigene Position des Autors ist interessant: sie wird „gestanden“ – in einem Eingeständnis vor einer Gruppe, die dieses Geständnis herausfordert. Der Aufsatz ist hier mal wieder als Mittel des Geständnisdrucks gehandhabt – ein kleines grammatisches Indiz, dass es hier um mehr als eine Erkenntnis der Mitglieder geht…


Transkript


Wenn Sie sich den Tod unter
einem Bilde denken mögten, welches
würde es seyn?



Das unvermeidliche Loos jedes organischen
Körpers, vom Grashalm bis zur Maschine des Men-
schen ist Zerstörung, oder wie man es eigent-
licher nennen könnte, Auflösung, Absonderung
der Theile von dem Ganzen das sie bisher
bildeten, und Verwendung derselben zu
andern Zwecken. Bey den menschlichen
und thierischen Körpern nennen wir
dieses Tod; den Zustand dieser Körper
hingegen, in welchem sie sich vor
dieser Auflösung befinden, da die Seele
noch auf sie würkt, nennen wir Leben.

Der Tod ist also weiter nichts, als der
Zeitpunkt, da das Leben aufhört, das|<2>
heißt, da die Würkung der Seele auf den
Körper nachläßt, und dieser sodann zu an-
dern Zwecken aufgelößt wird.

Der Begrif des Todes ist also ein blos negativer
Begrif, den man, da er noch dazu sehr
abstrakt ist, sich philosophisch betrachtet, unter
gar keinem Bilde denken kann, so wenig man
im Stande ist, sich von dem Nichts, oder
von einem Geiste ein Bild zu machen.

Kein geringer Beweiß für diesen Satz ist,
daß die Alten, die doch sonst alles zu
versinnlichen und zu personifiziren pflegten
die aus Flüßen und Bäumen, physischen
und moralischen Eigenschaften sich Gott-
heiten schufen, daß diese den Tod
nicht auch zu einer Person machten, son-
dern sich begnügten, ihn durch Sinnbilder
anzudeuten, welche ihn noch dazu auf
eine sehr entfernte und mildernde Art
bezeichneten. Die gewöhnlichsten|<3>
diesen Sinnbilder waren, ein Liebesgott der sei-
ne brennende Fackel umkehrt, eine Rose
auf einem Grab, oder auch eine Reihe von
Wolken, wodurch sie wahrscheinlich andeuten
wollten, wie wenig uns von unserm Zu-
stand nach diesem Leben bekannt ist.

In der That diese Sinnbilder sind äußerst
angenehm für Menschen, die gerne so wenig
als möglich an das Traurige des Gegen-
standes erinnert seyn wollen, und in dieser
Rücksicht haben sie ihren großen Nutzen. Auch
bedienten sich die Alten ungern des Wortes
Tod, sondern pflegten lieber an deßen
Statt die Ausdrücke Schlaf, Nacht, Ruhe
zu gebrauchen, wie sie denn diesen
Gegenstand immer so sehr als möglich in
ein angenehmes Licht zu stellen suchten.

Ich gestehe auch, daß, wenn sich der
Tod unter einem Bilde denken läßt,
ich mir ihn unter diesen Sinnbildern,|<4>
und am liebsten unter dem Bilde einer wel-
kenden Blume denken würde. Durch die
angenehme Vorstellung einer Blume, die am
Morgen blüht, und am Abend verwelkt ist,
wird man am meisten an die Hinfälligkeit
und Kürze dieses Lebens erinnert, ohne jedoch,
daß diese Erinnerung mir einer unan-
genehmen Empfindung verbunden wäre;
vielmehr liegt etwas sehr sanftes und
rührendes in dieser Vergleichung.

Weniger angenehm und schonend, aber der
Natur der Sache angemeßener, ist der Ge-
brauch der neuen Künstler den Tod durch
ein Skelett vorzustellen. Denn das
Widrige welches der Anblik eines Gerippes
bey den meisten Menschen erregt, abgerechnet,
wäre diß doch das treffendste Bild des
Todes, weil es würklich der Zustand ist, in
welchen der Körper nach der Verwesung
versezt wird. Die Vergleichung des
Todes mit dem Schlaf ist sehr paßend,|<5>
auch ist sie schon in den ältesten Zeiten bekannt
gewesen, und schon Homer nennt den Schlaf
einen Bruder des Todes. Wie angenehm ist
es nicht, sich den Tod als einen langen Schlaf
vorzustellen, von dem wir zu einem glükli-
chern, vollkommnern Zustand erwachen, und
unserer Bestimmung um einen Grad näher
rücken werden.

Überhaupt genommen aber, würde es auch ausserdem
um so weniger nöthig seyn, sich den Tod
unter irgend einem besondern Bilde zu
denken, das die Erinnerung an ihn zu
Erzielung moralischer Vortheile zur Ab-
sicht hätte, da uns fast in jeder Minute
unsers Lebens Gegenstände vorkommen,
mit welchen diese Erinnerung unzer-
trenlich verbunden ist. – Jedes welkende
Gras, jede verblühende Blume, jeder abge-
hauene Baum, jede Zerrüttung in
unserer Maschine, selbst die ganze Natur,|<6>
wenn sie in ihr Wintergewand gehüllt, uns gleichsam
abgestorben zu seyn scheint, – alles diß
führt uns auf den Gedanken zurük, daß auch
uns einst früh oder spät, das Loos der Zerstörung
erwarte, und oft ist dieser Gedanke so lebhaft
in uns, daß er unsere ganze Seele erfüllt
und kein anderer neben ihm Platz findet. –
Auch hierin erkennen wir die Hand des All-
weisen und des Allgütigen!

Wohl dann dem, welchem diese Erinnerung an-
genehme Erinnerung ist, der mit dem beseeli-
genden Bewußtseyn ausgerüstet, gut gelebt,
das Wohl seiner Mitmenschen auf alle Weise
befördert zu haben, freudig dem Tod ent-
gegensieht.

Anmerkungen