1785-02-25 Haun (Jacob Thomasius): Über die Abhandlung vom negativen und positiven Irrthum

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Kommentar

Haun (Jacob Thomasius), vgl. Protokoll vom 25. Feb. 1785; der Schriftvergleich (mit SK14-078) stützt diese Annahme.

Die Stellungnahme selbst ist inhaltlich uninteressant – sie bietet einen Rekurs auf SK13-004 und gegenüber SK13-064 die langweilige Option der durchgehenden Affirmation. Zuweilen gibt es Erweiterungen von Beispielen, die die die Ausgangsschrift nicht bot – so etwa eine zu den konvulsivischen Nervenkrankheiten, die die Juden nicht als solche Verstanden und darum in Fehldeutungen erklärten…

Neu die These, dass die positiven in negative Irrtümer münden können und sich auch addieren können.

Transkript


Ueber
die Abhandlung vom negativen u[nd] positiven Irrthum

Der durchl[auchtigste] Br[uder] Walther Fürst hat uns neulich die Eh-
re angethan, uns zu einer nähern Darstellung seiner witzigen
Eintheilung von negativen und positiven Irrthum auf-
zufodern. Für nichts anders kann ich diese Auffoderung an-
sehen, als für eine Wirkung von derselben ausserordentli-
chen Bescheidenheit, indem ich nach genauer Durchlesung
des mir gnädigst mitgetheilten Aufsatzes finde,
daß sowohl die Beschaffenheit des angegebenen Unter-
schieds, als auch der Ursprung und die Mittel gegen die
so nachtheiligen Irrthümer aufs vollkommenste an-
gegeben sind. Deutlich wird dieses sichtbar werden
wenn ich anstatt des schönen ästhetischen Gewands, mit
welchem der H[err] V[erfasser] den Gegenstand der Untersuchung
zu umkleiden gewußt, ihn in der einfachen Tracht der
Schulsprache darstellte, durch welche Unternehmung ich
doch [?] mehr meinen guten Willen zu bezeigen, als etwas
anderes zu bewirken beabsichtige.

Ist Irrthum genau betrachtet nichts anders, als ein
unrichtiger Begriff, den man sich von einer Sache macht, so
erhellet ganz deutlich, daß er auf eine zwifache Art
entstehen könne, einmal nemlich, wenn man eine wirkliche
Eigenschaft des Gegenstandes verkennt oder ableugnet
und deshalb nur eine unrichtige oder mangelhafte Vor-
stellung von denselben hat; und zweytens, wenn man diesen
Mangel durch etwas andres ungegründeter weise er-
setzt, oder der Sache eine solche Beschaffenheit, Entste-
hungsart, Wirkung oder Folge andichtet.

Die erstere Art des Irrthums wäre negativ, und
die der zweite positiv.

Daß die alten Astronomen der Erde keine fort-
laufende Bewegung zuschrieben, das war ein verneinender
Irrthum, so wie die hingegen einen bejahenden begehen,
die die fabelhafte Kunst der Sterndeuterey behaupten.|<2>

Die Entstehungsarten dieser beyden sehr verschiedenen
Irrthümer sind auch richtig und bestimmt angegeben worden.
Die Mutter der negativen ist die Unwissenheit, welche die
wahre Beschaffenheit der Sache im Ganzen oder in Beziehung
auf einen Theil derselben verkennt, dadurch nun Lücken
in der Einsicht und mithin auch einen irrigen Beweiß veranlaßt.

Die Quelle des positiven Irrthums hingegen ist ein übel-
geleiteter Verstand, welcher den aus Unwißenheit ent-
sprungenen Mangel ungegründeter weise zu ersetzen
oder das Gebiete des Wahren und Bekannten durch die
Ausfälle einer begeisterten Einbildungskraft zu
erweitern sucht.

So war das ein negativer Irrthum, daß die Juden
die wahre Ursache der konvulsivischen Nerven-Krank-
heiten nicht kannten, und deshalb einen unvollständigen
irrigen Begriff von denselben hatten. In der Folge
wurde er verstärkt durch einen zweifach positiven,
erst[ens] nemlich, daß sie zur Ausfüllung der von dem
negativen verursachten Lücke den Ursprung der Krank-
heit gewissen unsichtbaren bösartigen Geistern
fälschlich zuschrieben: Durch Leichtgläubigkeit geht der posi-
tive Irrthum auf andere über.

Die Veranlaßungen zu diesen Irrthümern
sind nicht minder in der erwähnten Abhandlung
berührt worden; 1) nemlich natürliche Eingeschränktheit
des menschlichen Geistes, 2.) Mangel an Kenntnißen,
3.) Betrug der Sinne, 4.) ein nicht genugsam heller
durchschauender Verstand, 5.) Trägheit und Schlummer
deßelben, 6) Leidenschaft für oder wider eine Sache, die
die Einsichten blendet, 7.) eine voreilige und zu kühne
Erklärungssucht, 8.) die verkehrte Begierde, die positiven
Bestimmungen einer Sache lieber zu erforschen, als
die negativen Irrthümer aus dem Weg zu räumen
9.) Stolz über die Grenzen menschl[ichen] Wißens zu dringen,|<3>
durch welchen man sich gar leicht aus den Reich des Wirklichen
in das Reich der Einbildung verliehret, 10) endlich das
zu große oder zu geschwinde Zutrauen zu Anscheinlich-
keiten, oder die Leichtgläubigkeit.

Willig wird man mit unsern V[erfasser] annehmen, daß diese
Veranlaßungen zu Irrthümern nie ganz weggeräumet
werden können, so lange wir uns in der Kindheit unseres
Daseyns, auf diesen Planeten der niedrigsten Klaße
vernünftigen Wesen befinden; zugleich aber auch mit
denselben den Wunsch nähren, soviel wenigstens zur
Verringerung falscher und mangelhafter Vorstellungen
beigetragen als nur möglich.

Die Regeln, nach welchen dieses zu bewirken wäre,
fließen aus dem Vorgehenden; Sich nemlich genugsame
Kenntniße von dem Ursprunge, der Beschaffenheit und
den Wirkungen der Dinge zu erwerben; seinen Ver-
stand und den Gebrauch deßelben zu vervollkommnen;
in munterer Aufmerksamkeit zu erhalten; vor
dem Betrug der Sinne, vor blendenden Leidenschaften,
vor Begierde zu glänzen, vor den Ausschweifungen
der Einbildungskraft, und vor Leichtgläubigkeit sich
zu hüten. Besonders wäre die Regel einzuschärfen, ne-
gative Irrthümer zu vermeiden, als dem sichersten Mit-
tel den positiven zu entgehen; im Fall der Unmöglichkeit
die mangelhafte Kenntniß auf eine gegründete Art zu
erzeugen, lieber seine Unwißenheit eingestehen,
als sie zu bemänteln und mit falscher Materie die
Lücken auszufüllen; oder gar dem ganzen, weil zu vor-
eilig vor auch nicht genugsam gestützten Fundament, etwas
neues zu setzen wollen.

Uebrigens muß ich gleichermaßen hier der Ab-
handlung Schranken setzen, indem die weitere Aus-
führung dieser Regeln in das Gebiet der Logik, oder
zu der Beantwortung der Aufgabe gehört, einen kranken
Verstand gesund zu machen, wenn ich nemlich unter des-
sen abhelfbarne Krankheit, wie billig, Leichtgläubigkeit,
Unwißenheit, zu flüchtige Beschauung und Erwegung|<4>
vorkommender Gegenstände, oder gar Unachtsamkeit
Trägheit, zu große Sinnlichkeit, Voreiligkeit im Urtheil
Eigensinn, Stolz und Geniesucht rechne. Wollte
indessen meine Brüder diese Stücke nach und nach [in?]
Beziehung des Hauptgegenstandes einzeln durcharbeiten,
so würde ich gerne auch meine wenige Kräfte und Zeit
dazu mit anwenden, so wie ich auch glaube, daß ein
solches Unternehmen in aller Rücksicht dem Zweck?
unsers Instituts ersprieslich seyn müßte.

Anmerkungen