1784-10-13 Becker (Henricus Stephanus): Über die Aufklärung und die Einteilung der Völker in gesittete und wilde, Teil 2

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Kommentar

Leider fehlt hier der erste Teil. Der vorliegende ist interessant im Blick auf die Alternative, die Becker gegenüber der Einteilung der Volker in gesittete und wilde auftut. Sie integriert die illuminatische Philosophie der Selbstvervollkommnung, der eine parallele These der Vervollkommung von Nationen beigelegt wird. Geht man davon aus, dass der Mensch seine Glückseligkeit in der Selbstvervollkommnung erfährt, die ihn persönlich der Unsterblichkeit näher bringt, so gelte eben dies für menschliche Zusammenschlüsse. Sie scheiden sich von hier aus in Kulturen, die fortschreiten, und Kulturen die stagnieren. Beide lassen sich wiederum unterteilen, je nachdem, welche Stufe dabei erreicht wird - eine rohe oder verfeinerte, unaufgeklärte oder aufgeklärte.

Die Unterteilung ist für eine Ausweitung auf persönliche Anwendung angelegt. Die jungen Zuhörer erhalten als Programm Nationen der Antike darauf hin zu betrachten. Vollendet aufgeklärt waren sie nicht, sonst wären sie nicht im Verlauf niedergegangen. Becker selbst will wiederum diesen persönlichen Arbeitsauftrag über die eigene Person legitimieren. In seinem schwierigen Leben habe es ihn vom Selbstmord abgehalten, über die Bestimmung des Menschengeschlechts nachzudenken - und damit über die Bestimmung der eigenen Person als Mensch und als Bürger auf dem Weg zur Unsterblichkeit.

Transkript

Erl[auchte] S[uperior]e
Gel[iebte] Br[üder]

Ich hatte bey unserer letzten Versammlung in diesem
h[eiligen] Tempel des Lichts und der Weisheit das Vergnügen,
Sie mit einer Betrachtung über die Unrichtigkeit
jener bekannten und gewöhnlichen Eintheilung der Nationen
in wilde und gesittete zu unterhalten. Ich that
dieses hauptschlich in der Absicht, unsere jüngeren
Br[üder] zum Nachenken und zur Aufmerk-
samkeir bey allen Kenntnissen, womit sie ihren
geist nähren, zu ermuntern, und sie von der
Nothwendigkeit zu überzeugen, daß man sich auch
von den gemeinsten Gegenständen des Lebens
deutliche und richtige Begriffe bilden müsse,
wenn es im Verstande so hell werden
soll, daß das Herz seinem Lichte sicher folgen
kann. Weil wir aber nie einreissen sollen,
ohne wieder aufzubauen, so machte ich mich|<2>
anheischig, meinen gel[iebten Brüdern] eine andere Eintheilung der
Völker, die ich für bequemer und richtiger halte zur
Prüfung vorzulegen. Und hierzu erbitte ich mir für
jetzt ihre gütige Aufmerksamkeit, da mich der Befehl
unseres er[lauchten] Superiors berechtiget, Ihnen Rechenschaft davon zu
geben, was ich diesen Monat auf dem Wege der Veredelung
den wir unter seiner väterlichen Aufsicht mit einander
wandeln, für Schritte gethan habe.

Drey Ihnen allen bekannte Grundsätze aus unserer
Lehre vom Menschen und seiner Glückseligkeit schicke
ich voraus, meine Eintheilung darauf zu bauen: so
wie ich gern alles, was ich denke, will und thue mut
dieser großen Lehre in Verbindung bringen möchte.
Sie sind die folgende.|<3>

1) Die Rolle, die Menschen auf dem Schauplatze
der Schöpfung zu spielen haben, ist wissenschaftliche Mitlei-
denheit
mit allem was uns nahe kommt und absichtliche
Mitwirkung
, zum grossen Ziele des Ganzen. Es stehe
einer in der Welt, wo er wolle, sollte es auch auf einer
Felsenspitze mitten im Meere, oder auf dem Rabensteine[1]
seyn: So steht er mit allem, was ihn umgiebt, nicht blos
auf derselben Fläche, wie die Figuren eines Gemähldes;
sondern die Gegenstände drängen sich gleichsam durch die
ofene Thore der Empfindung in sein Selbstgefühl hinein.
Er unterscheidet ihre mannigfaltigen Eigenschaften,
eines thut ihm wohl, das andre wehe; zu einem neigt er
sich, das andre flieht er; und alle behandelt er dem
Eindrucke gemäß, den sie auf ihn machen. Und diese ge-
genseitige Wirkung der Dinge auf den Menschen und
des Menschen auf die Dinge ist kein Spiegelgefecht der
Einbildung; wie der Mann auf der Felsenspitze und dem
Rabensteine ohne Mühe begreifen werden; sondern be-
ruht auf einer wahren und wesentlichen Verbindung|<4>
des Menschen mit der Welt, durch sein Selbstgefühl. Aus dieser
entspringen alle seine Empfindungen, Gedanken, Neig-
ungen und Thaten, und sie sind wahr oder falsch, gut oder
böß, je nachdem sie dieser Verbindung mehr oder weniger
entspringen.

2) Wir haben hier einen beständig regen Trieb immer mehr
von den Dingen der Welt zu empfinden, zu verstehen,
wenigstens zu wissen; und zugleich unsere eigene Wirkungs-
kraft über dieselben immer weiter auszudehnen. Auch
bey den rohesten Völkern finden sich Spuren dieses Triebes
und die kleinen Kinder verrathen ihn schon bey ihren Spiele.
Je mehr es dabey zu wirken, über Menschen und Dinge zu
regieren giebt, desto vergnügter sind sie. Den schreibenden
gelehrten und den sitzenden Künstler spielen sie seltner als
den Soldaten, Kutscher, Jäger und Prediger; und dabey ist
jedes lieber Hund, als Hase, lieber Redner als Zuhörer.

3.) Durch die Befriedigung dieses Strebens nach Genuß
und Wirksamkeit werden unsere Fähigkeiten immer
mehr entwickelt, unsere Kräfte gestärket, und in dem Ge-
fühl der auf diese Art fortschreitenden Erhöhung unseres
wesens liegt unsere einzige wahre menschliche Glückselig-
keit; und der eigenthümliche Charakter der menschlichen|<5>
Gattung, der sie von andern Thieren unterscheidet. Ich würde ihnen
meine theuersten Br[üder] zu beleidigen glauben [?], wenn ich
dieses erst beweisen wollte, da sie ihre eigne Ruhe
und Befriedigung darin finden, täglich besser
und edler zu werden.

Wenn sich nun Menschen in Familien und Familien in Völ-
kerschaften verbinden, so können und dürfen sie wohl keine
andere Absicht dabey haben, als diesen dem Menschen eigen-
thümlichen Trieb sicherer und in höherem Maaße zu befrie-
digen, als es in der Einsamkeit geschehen könnte; eben so
wie die Bienen und andere gesellschaftliche Thiere ihre
Kunsttriebe gemeinschaftlich befriedigen, und durch ihre Ver-
einigung den Charakter ihrer Gattung behaupten. Die Ge-
setze, Gebräuche, politische, religiöse und Erziehungsanstalten,
die gegenseitigen Rechts und Pflichten der Stände, und die
ganze Verfassung eines Volks muß folglich im Ganzen auf
fortschreitende Erweiterung des wahren Empfindungs-Er-
kenntniß- und Wirkungskreises der Nation, den ihr die
natur vorzeichnet, abzielen, und die einzelnen Glieder der-
selben eben dahin leiten, wenn sie dem Wesen und der
Glückseeligkeit des Menschen angemessen seyn soll. Es ist
dabei leicht einzusehen, daß die besondere Art dieses|<6>
Fortgangs und die Folge der Fortschritte für jedes einzelne Volk nicht
bestimmt werden kann, ohne dessen Klima, Boden, Nachbar-
schaft, Lage und andere physische und politische Verhältnisse
zu kennen.

Prüfet man nun die wirklichen Nationen der vergan-
genen und gegenwärtigen Zeit nach diesen Grundsätzen
so theilen sie sich auf eine sehr natürliche Art in
stillstehende und fortschreitende;
welches die Eintheilung ist, die ich versprach.

Unter den mir bekannten Nationen, die ich einzeln
durchgegangen habe, findet sich keine, die nicht zu
einer oder der anderen dieser beyden Hauptklassen ge-
hörte. Zwar möchte es scheinen, daß auch diese Einthei-
lung schwankend sey; weil nicht leicht ein Volk so still-
steht, daß es in einem beträchtlichen Zeitraume gar-
keine neuen Kentnisse und Fertigkeiten erlangen; und
keine Anlage des Geistes und der Organisation ent-
wickeln sollte. Ein solcher Stillstand streitet auch
gegen die Natur des Menschen eben so sehr, als gegen
die Haushaltung Gottes im Universum, so weit wir
sie kennen. Allein ich habe schon gesagt, daß der
Stillstand nicht von der Masse der National-Ein-|<7>
sichten und Fertigkeiten zu verstehen sey: sondern
von der bürgerlichen Verfassung selbst. Führt diese
auf Erweiterung des Empfindungs- Erkenntniß-
und Wirkungskreises, so ist die Nation fortschreitend
als Nation
; wenn gleich der Weg, auf dem sie wan-
delt, sie zum Verderben führen sollte. Wird aber der
Zustand eines Volkes, durch Gesetze, Religion und Regierung
fixiert und festgehalten; dann ist die Nation still-
stehend
als Nation; wenn sie auch schon eine be-
trächtliche Stufe der Entwicklung erreicht hätte,
und einzelne Köpfe im Fortschreiten begriffen
wären. Man braucht auf diese Art nur die wirk-
lich vorhandenen bürgerlichen Einrichtungen, Zwecke
und Triebfedern eines Volkes aufzuzählen, und mit
den oben angeführten Grundsätzen zu vergleichen:
so sieht man gleich, zu welcher von den beyden
Hauptkassen es gehört. (Die Art und Weise, wie
die Völker stillstehen, oder fortschreiten, giebt nun
einige sehr leicht zu fassende und anwendbare
Unterabtheilungen derselben. Die stillstehenden
sind nämlich entweder noch auf einer der untersten
Stufen der Entwicklung, so daß sie sich durch ihre|<8>
Vereinigung wenig über das Thier erhoben haben:
oder sie stehen still, nachdem sie schon einen ge-
wissen Grad von Cultur erreicht haben. Der durch
ihre Staatsverfassung bewirkt worden ist, und
nun durch dieselben im Fortgange gehemmt wird.
Jene nenne ich ungebildete, diese gebildete,
stillstehende Nationen. Die ungebildeten theilen
sich wieder von selbst in rohe und wilde; wenn
man auf die Ursache ihres Mangels an Bildung
siehet. Jene sind es von Natur: diese sind durch
Schicksale von einer höheren Stufe der Mensch-
heit herab gesunken und verwildert. (Untersucht
man ferner, wie die verschiedenen Völker der
andern Hauptklasse vermöge ihrer bürgerlichen
Anstalten in der Entwicklung fortgeschritten,
welche Anlagen dadurch gebildet, welche Tugenden
oder Laster genährt, und ob die oben angeführte
einzig wahre Menschenglückseeligkeit im
ganzen dadurch erzielt werde:|<9>
so sollten sie sic auch in zwey Gattungen abtheilen
lassen, wovon die eine auf die rechten, die
andre auf falschen Wegen im Fortschreiten be-
griffen wäre. Jene würde ich einstweilen, bis
schicklichere Wörter erfunden werden, aufgeklärte
diese verfinsterte Nationen nennen
allein bey genauerer Prüfung findet sich daß
es weder jemals eine Nation gegeben hat, noch
jetzt giebt, welche in diesem Verstande den
Nahmen einer aufgeklärten verdiente. Auch
diejenigen, die es in der Entwicklung menschlicher
Fähigkeiten am weitesten gebracht haben, sind blos
als verfeinerte anzusehen: weil noch keine jene
einzige wahre Menschenglückseligkeit zum unmittel-
baren Ziel ihrer ganzen Verfassung gemacht
hat, noch machen konnte; weil es der Gang der
Begebenheiten selbst auch dem weiseste Gesetzgeber
nicht verstattet haben würde. Aus diesem Grunde haben sich
auch jene Muster der Staaten, die uns
die alte geschichte aufstellt, dem Ideal der
Aufklärung blos mehr oder weniger genähert,
und ihr erfolgter Verfall beweist schon, daß sie
nicht recht aufgeklärt waren. Es scheint aber
wirklich in dem Plane, den Gott mit den Menschen|<10>
auf der Erde ausführen will, zu liegen, daß die
Völker; und das ganze Geschlecht, eben so wär der
Einzelne, blos durch Erfahrung und Ursache nach und
noch klug werde. Der forschende Menschenfreund
erschrickt daher freylich, wenn er sieht, wie
wenig wahre Aufklärung bis jetzt unter den
Nationen, die wir für aufgeklärt halten, ver-
breitet ist: aber er freut sich auch, daß ihm
so ein grosses Feld noch offen steht, seine
Stelle als Mensch und Bürger würdig auszu-
füllen.

Ich könnte nun gewisse Gründe festsetzen, in
welchen sich die verfeinerten fortschreitenden Natio-
nen
der ächten Aufklärung nähern, oder von
ihr entfernen, nach welchen sich ihr wahrer Werth
bestimmen ließe. Allein dieses würde mich zu
weit von meiner Absicht entfernen, da ich
blos die Eintheilung der Völker in wilde und
gesittete mit einer bequemern vertauschen
wollte. Auch wäre es interessant, die bekannten
Nationen aller Zeiten wirklich unter die
oben abgegebenen Klassen und Gattungen zu
ordnen: wenn die Zeit nicht zu beschränkt wäre,
und ich nicht fürchtete die Aufmerksamkeit m[einer] Br[üder] zu ermüden.|<11>
doch kann ich den Wunsch
nicht unterdrücken, daß es diejenigen meiner jüngeren Brüder, die jetzt eben ihren
Geist mit der Geschichte und den klassischen Schrift-
stellern nähren, für sich thun möchten, weil ich
überzeugt bin, daß sie vielen Nutzen und Ver-
gnügen davon haben werden. Sie dürfen nur
die in der Geschichte und den Alten
verzeichneten Gesetze, Gebräuche, Religionslehren
und Regierungsart der verschiedenen bekannten
Völker der Erde durchgehen, und dann untersuchen,
ob ihre Anstalten so beschaffen waren, daß das
Volk dadurch in jeder menschlichen Vollkommen-
heiten immer weiter kommen mußte? oder ob
sie blos auf einzelne Stände abzielten? Wollen
Sie mir alsdann ihre gemachten Entdeckungen mit-
theilen, so werde ich es mit Dank erkennen: weil
ich nicht Zeit habe mir dieses Vergnügen selbst
zu machen
Im Voraus kann ich Ihnen sagen,
daß sie bey dieser Untersuchung zugleich auf
den wahren Grund kommen werden, warum auch
die besten unter den alten Staatsverfassungen|<12>
nur eine Zeitlang bestehen konnten, und warum
auch die gegenwärtigen blühendsten Staaten
nicht vor großen Veränderungen sicher sind.
Auch werden sie finden, daß der allgemein
angenommene Satz, daß für jedes Volk einb
gewisser Grad des Wohlstandes und der Auf-
klärung der höchste sey; nach dessen Erreichung
Sie von selbst wieder sinken müssen, kein Natur-
gesetz sey; sondern blos eine Folge davon,
daß die Staaten nicht nach den oben angeführten Grund-
sätzen eingerichtet wurden. Diese und andre für
Geist und Herz wichtige Wahrheiten werden
Ihnen aufstoßen, wenn sie einige müßige
Stunden zu dieser und ähnlichen Untersuchung
anwenden wollen, welche ihre Mühen wirklich vergelten werden.
Weil wir aber hier als Brüder versammelt sind, so
kann ich ihnen noch einen Grund sagen, warum ich|<13>
wünsche, daß alle meine jungen Freunde sich fleißig
mit Betrachtungen über den Menschen dessen Bestimmung
und Glückseligkeit
und Nationen beschäftigen möchten.
Die Vorsehung hat mich von meiner Kindheit an
durch Widerwärtigkeiten zu ihren Absichten geleitet.
Die vielfachen Leiden des Herzens, welche in diesem
empfindlichen empfindelnden und milzsüchtigen[2]
Jahrzehend manchen braven Jüngling ver-
derben, kenne ich leider! Aus Erfahrung. Mein
Schicksal war mehr als einmal so dunkel und
hofnungslos, daß mich nichts mehr an das irdische Leben
zu fesseln schien. Und wissen Sie, was mich er-
hielt? – Nichts anders als die Gewohnheit
über den Menschen und seine hohe Bestimmung
zur Unsterblichkeit so wohl, als über die Pflicht,
die ihm als Erdenbürger obliegen, nachzu-
denken, und die gesunden Resultate auf
meinen jedesmaligen Zustand anzuwenden.
ich fand dann, daß ich bey allen betrogenen
Hoffnungen, und Wünschen immer der blieb,
der ich war und seyn wollte. Denn die dunkelste Nacht ist
hell für den Wanderer, der seinen Weg
recht kennt: und wo Licht ist, ist auch
Trost.

Anmerkungen

  1. Die Burg in der Fränkischen Schweiz?
  2. milzsüchtig, hypochondrisch, reizbar, launisch, ärgerlich, verdrießlich. Siehe den Eintrag zur Milz im Brockhaus von 1838