Strikte Observanz

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Bei der Strikten Observanz handelt es sich um ein freimaurerisches Hochgradsystem, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts die meisten deutschen und eine Vielzahl europäischer Freimaurerlogen ihrem Einfluss unterwarf. Im Gegensatz zum egalitären englischen Drei-Grad-Freimaurersystem bot die strikte Observanz ihren Mitgliedern eine komplexe, dem untergegangenen Templerorden nachempfundene Hierarchieabstufung.

Die Abstammung der Freimaurerei vom Templerorden ist nie stichhaltig nachgewiesen worden und wird heute von keinem ernsthaften freimaurerischen System mehr behauptet. Das Vorhandensein freimaurerischer Templer bereits im Jahre 1743 wird als Erfindung des Reichsfreiherrn Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau angesehen, der selbst nachweisbar erst 1751 den ersten freimaurerischen Templerorden gründete.[1]

Ausbreitungsphasen

Die Ausbreitung der Strikten Observanz kann in vier Phasen eingeteilt werden.

In der ersten Phase (1751–1762) wurde das System entwickelt. Hierbei war vermutlich nur eine kleine Gruppe von Personen beteiligt, die sich überwiegend um die Person des Reichsfreiherrn von Hund bewegten. Für die Frühephase ist jedoch auch eine Verbindung zur britischen Insel nachgewiesen. Diese Verbindung bezieht sich wahrscheinlich auf oppositionelle schottische anti-englischen Gruppierungen, die eventuell als Ziel hatten, die englische Position in Nordamerika zu schwächen.[2]

Mit dem Ende des Siebenjährigen Krieges konnte die kleine Gruppierung (etwa 20 Personen) um Freiherr von Hund die von den abziehenden preußischen Truppen zurückgelassenen Freimaurerlogen des „Clermont'schen Systems“ 1764 übernehmen. Auf dem Konvent von Altenberge bei Kahla im selben Jahr wurde Freiherr von Hund als Führer der Strikten Observanz schließlich bestätigt. Damit begann in Kursachsen und in Sachsen-Weimar-Eisenach der Expansionskurs der Strikten Observanz.

In dieser Organisation sammelten sich von nun an Personen, die zusammenfassend als Ständeopposition bezeichnet werden können: Personen aus Adelsfamilien oder auch hohen Verwaltungsbeamten mit mindestens einem Ratstitel, der durch die Strikte Observanz einen (nicht-weltlichen) Rittertitel erhalten konnte. Viel wichtiger als der Rittertitel dürfte für die beteiligten Personen aber das sich bietende Netzwerk der Organisation gewesen sein, das Unterkunft und Kontakte bei kleindiplomatischen Reisen ermöglichte und so auch der Ständeopposition eine Vernetzungsmöglichkeit gegenüber ihren latent absolutistischen und nach dem Siebenjährigen Krieg hoch verschuldeten Landesfürsten ermöglichten. Hier wurde also Politik betrieben, mit all ihren Nebenwirkungen: so entschloss sich die Organisation, die mittlerweile aus gut 200 Personen bestand, ihre Arbeit einzustellen, als eines ihrer Mitglieder für den Mainzer Kurfürstenstuhl kandidieren konnte und die um dieses Amt konkurrierenden politischen Gruppen die Strikte Observanz in diesem Zuge hätten versuchen können zu zerschlagen.

Erst nach Beendigung dieser Krise konnte sich die Strikte Observanz ab 1772 wieder neu aufstellen. Nach der Ersten Teilung Polens von 1772 entdeckten auch die regierenden Fürsten ihren Bedarf an einem Vernetzungsinstrument. Die Reichsverfassung schien mit der Rivalität zwischen Österreich und dem nun groß gewordenen Preußen in ihrem Bestand gefährdet. Freiherr Johann August von Starck (1741-1816), der 1761 in Göttingen zum Freimaurer aufgenommen wurde, behauptete, er sei in Besitz des eigentlichen „klerikalen Systems“ der Tempelherren.[3] Freiherr von Hund begrüßte diese Neuerung, schloss sich mit ihm zusammen und 1772 fand auf einem Konvent auf dem Rittergut Kohlo in der Niederlausitz die Vereinigung mit Starcks klerikalem System statt. Freiherr von Hund wurde das Heermeisterpatent zuerkannt und Herzog Ferdinand von Braunschweig übernahm als Magnus superior ordinis und Großmeister aller schottischer Logen die leitende Rolle.

Damit begann die Fürstenphase der Strikten Observanz. Um 1772 waren bereits 26 deutsche Fürsten in der Strikten Observanz vertreten. Die Organisation expandierte gewaltig und wuchs in den folgenden 10 Jahren auf etwa 1.300 Mitglieder aus regierenden Häusern oder anderen einflussreichen Positionen an. Aber auch diese verstärkte diplomatische Nutzung der Organisation führte zu einer schweren Krise: Das erstarkende Schwedische Königshaus weitete unter Gustav III. seine Macht in Skandinavien aus und griff in Person seines Bruders, des Herzogs von Södermanland, in die Strikte Observanz ein. Dieser versuchte als Inhaber einer der höchsten Positionen, auch Dänemark dem Einfluss der Strikten Observanz zu unterwerfen. Dies führte jedoch zu erheblichem dänischen Widerstand, der mithilfe des Landgrafen von Hessen–Kassel wieder zu einer Abspaltung des Schwedischen Systems von der Strikten Observanz führte (1781). Von nun an schien die Organisation zerrüttet zu sein. Vielleicht war die skandinavische Erfahrung eine politische Überdehnung des Netzwerkes.

Anmerkungen

  1. Runkel I, S. 195
  2. Hierzu ist Hermann Schüttler
  3. Fr. Uhlmann: Die große Werklehre der Freimaurerei. Stuttgart 1931, Ernst Heinrich Moritz Verlag.

Literatur

  • Joachim Bauer, Gerhard Müller: „Des Maurers wandeln, es gleicht dem Leben“. Tempelmaurerei, Aufklärung und Politik im klassischen Weimar. Hain-Verlag, Rudolstadt u. a. 2000, ISBN 3-89807-007-7, (Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte Beiheft 32).
  • Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Ein Höhe- und Wendepunkt in der Geschichte der deutschen und europäischen Geheimgesellschaften. Schneider, Heidelberg 1980, ISBN 3-7953-0721-X, (Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung 5, 2).
  • René Le Forestier: Les Illuminés de Bavière et La Franc-Maçonnerie Allemande. Hachette, Paris 1914, (Auch Nachdruck: Slatkine-Megariotis, Genf 1974).
  • Eugen Lennhoff, Oskar Posner: Internationales Freimaurerlexikon. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage (Stand Februar 2000) der Ausgabe von 1932. Herbig, München 2000, ISBN 3-7766-2161-3.
  • Ferdinand Runkel: Geschichte der Freimaurerei. 3 Bände. Hobbing, Berlin 1932, (Auch Nachdruck: Mit einem aktuellen Nachwort von Peter Broers: Edition Lempertz, Königswinter 2006, ISBN 3-933070-96-1).
  • Hermann Schüttler: Zum Verhältnis von Ideologie, Organisation und Auswanderungsplänen im System der Strikten Observanz. In: Monika Neugebauer-Wölk, Richard Saage (Hrsg.): Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert. Vom utopischen Systementwurf zum Zeitalter der Revolution. Niemeyer, Tübingen 1996, ISBN 3-484-81004-1, (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 4), S. 143–168.