V-18: Antwort auf die Fragen wegen der Feste Roms und Griechenlands

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  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-097
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Antwort auf die Fragen wegen der Feste Roms und Griechenlands"
  • Autor: Das Dokument ist ohne klaren Namen gezeichnet - siehe Abbildung der letzten Seite, die Schrift findet sich nicht in SK10-SK16 nochmal, so die kursorische Sichtung.
  • Datierung: ohne Datierung
  • Erschließung: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: 5064-5073

Commentary

Die Schrift zeigt zwar leicht wiedererkennbare Elemente, findet sich jedoch nicht in SK10 bis SK16 ein weiteres Mal. Eine Unterschrift gibt es, doch ist unklar, wem sie gehören soll und was man hier liest. „v. - Iω.“ möglicherweise auch ein römisches v und ein handschriftliches w?

Das Transkript birgt noch eine Reihe von offenen Stellen durch ~ gekennzeichnet. Sie tauchen vor allem dort auf, wo Namen genannt werden. Die Auflösung ist bei der im selben Moment zu leistenden Verfußnotung aufwendig. Wir wissen im Moment noch nicht, ob wir den Text in das Untersuchungsfeld einbeziehen.

Der Verfasser antwortet offenbar auf eine konkrete Frage mit Unterfragen, die hier nicht noch einmal wiedergegeben sind, als Fachmann für antike Geschichte.

Soweit ersichtlich wurde diese Arbeit nicht verlesen – die Zeilen richten sich eher an den unbekannten Oberen, der indes Hilfen geben könnte. Auch ist hier kein Aufsatz geliefert, sondern ein Katalog an Cautelen, was bei einem Buch über die Feste Roms und Griechenlands alles zu bedenken wäre.

Grundlegend ist der Autor auf eine kritische Position aus. Man wird antike Schriftsteller nur mit Vorsicht auswerten können, wird Kunstwerke und Inschriften von Objekten hinzunehmen und sich im breiten Katalog der Phänomene dem Problemfeld nähern.

Spannend sind die Erwägungen in religionshistorischer Sicht, da sie der genese der antiken Götterwelt gelten wie ihrer politischen Instrumentalisierung: Griechen und Römer verdeckten, dass man sich hier mit verschiedenen lokal geborenen Gottheiten befasst, die ihre lokalen Zentren beibehielten. Sie hatten unterschiedliche Gründe, in fremden Göttern die eigenen wiederzufinden: Die Griechen, da sie sich gegen alles fremde wehrten und hier eine subtile Assimilation betrieben, wo sie denn doch Fremdes annahmen. Die Römer dagegen werden als synkretistische Nation eingeführt. Sie importieren Bürger aus ganz Italien mit deren Gottheiten und organisieren dann in die Kulte in einem Prozess der staatlichen Durchdringung. Gerade dem Hellenistischen zeigen sie sich im Verlauf offen.

Interessant der Begriff der Nation, der hier Ausgangspunkt und Zielpunkt ist: Nationalcharaktere prägen die Lage und sollen wiederum aus den Analysen beleuchtet werden.

Transcript

Antwort auf die Fragen
wegen der Feste Roms und Griechenlands

1.) Die Revision der Feste Roms und Griechenlands und der darüber vorhandenen
    Sammlungen ist allerdings der Mühe werth. Wenn die Verfasser in den
    Sammlungen des Grävius[1] und Gronovius[2] (Meuvsais[3] nicht ganz, so;
    daß Voltaire hierinn mitsprechen könne, wüßt ich nicht.) raften alles zu-
    sammen, was sie in den Alten fanden, ohne auf den so nöthigen Unterschied
    der Zeiten Rücksicht zu nehmen, Und dieser, dünkt mich, muß zuerst beob-
    achtet werden, um den Geist der griechischen und römischen Feste getreu
    zu fassen. Die Panathenäa[4] des freien Atheners mögen wohl ganz ver-
    schieden gefeiert worden seyn, von den Panathenäa zu Demetrius[5] Phalare-
    us[6] und Sylläs[7] Zeiten. Und nur so sieht man den gegenseitigen Einflus
    des Characters der Nation auf ihre Feste, und ihrer Feste auf ihren Character.
    Wiewohl sich nicht sich aus Umständen dieser Feste, die dieses oder jenes
    moralisch-characteristische zu verrathen scheinen, schliessen läßt, daß dieses
    characteristische auch noch damals bei der Nation gewesen seye, wo der
    Schriftsteller das bezeichnende desselben bei den Festen angiebt. Meinun-
    gen verliehren sich früher, als die religiosen auf diese Meinungen gegrün-
    deten Ceremonien.

2.) Die Ausführung dieser Materie würde gewis Dank verdienen. Auser jenen
    drei in der Frage angegebenen Puncten, würde die Geschichte der Verbin-
    dung und des Zusammenhangs der Nationen der alten Welt z.B. der Phönizier,[8]
    Thrazier[9] und Egypter mit Griechenland, der Phönizier mit Etrurien,[10] dieser
    und der keltischen Nationen mit Rom wahrscheinlich sehr vieles gewinnen
    können. Geschichtsdata sind meines Erachtens, wenigstens für die griechischen
    Feste, genug vorhanden. Es komt nur darauf an sie gehörig zu samlen,
    kritisch zu prüfen und was darinn ungezwungen liegt, daraus zu fol-
    gern. Pausanias,[11] die Scholisten der alten Dichter, vornehmlich der tragi-
    ker, die Lexicographen, besonders Suidas,[12] denk‘ ich, müssen noch man-|<2>
    ches enthalten, was noch nicht aufgeführt war, oder auser dem Zusammenhang bis-
    her falsch angewendet wurde – Ob auch für die Römischen Feste? Daran zweif-
    le ich. Wenigstens Ovids Festi dünken mir kaum zuverlässige Quelle.
    Seine Phantasie ging wahrscheinlich zu oft mit der Priester- oder Volks-Dog-
    matik seiner Zeiten durch. Dionys von Halikarnas[13] und Livius[14] sind in den
    ältern Zeiten eben so wenig zuverlässig. Des erstern ängstliches Bemühen,
    überall seine Griechen zu finden, und des leztern leichtgläubiges Zusammen-
    raffen aller Traditionen, die er vorfand, oder auch nicht vorfand, sind allzu
    sichtbar. Der älteste Ursprung der römischen Religion, also auch der römischen
    Feste muß doch wahrscheinlich bei den keltischen Nationen gesucht werden. Beau-
    fort[15] in seiner Römischen Republik 1. Band[16] giebt gute Winke hierüber. Ma-
    crob, [17]Athenäus, [18] etliche Dichter, die Fragmente des Varro[19] würden zuverlässige-
    re Data an die Hand geben Hauptsächlich aber würden Aufschriften und
    Denkmäler benuzt werden müssen. Fabricius[20] nennt mehrere hieher gehörige
    Schriftsteller in seiner Bibliogr[aphia] antiquar[ia] p. 450 sq. Edit. a[nn]o 1760. Ein ganz
    neues hieher gehöriges Werk sind die Acta Fratrum Arvalium, [21] die Mori-
    ni[22] 1779 zu Rom herausgab.

3. und 4.) Ich verbinde diese beyden Fragen, weil ihre Antwort zusammenfällt.


    a.) Ich würde als Einleitung die Grundsäze vorausschicken; nach welchen die
        Zeugnisse des Alterthums, die theils aus den Schriftstellern, theils aus In-
        schrifen, theils Kunstwerken genommen werden müssen, brauchbar seyn
        können. Zwar wäre zuerst zu bestimmen, welche Schriftsteller, welche von
        ihren Nachrichten und in wiefern diese Nachrichten tauglich seyen. Der nehmli-
        che Schriftsteller erzählt zuweilen simple Dogmatik, zuweilen allegorisirt
        er, zuweilen redt er aus halbverstandenen oder von frühern schon korrum-
        pirten Sagen. Beide leztere Fälle können keine Beweise geben. Übrigens
        muß es leicht in die Augen fallen, welcher von diesen drei Fällen in einer
        gegebenen Stelle vorwalte. Oder wenn er simple Dogmatik vorzieht;
        war es noch Dogma, Ceremonie, Anstalt, Feierlichkeit seiner Zeit, oder
        einer längst verflossenen? Hierauf kommt sehr viel an. Inschriften
        sind am untrüglichsten. Philipp a Turre, [23] Spon, [24] Ursin, [25] Druter[26] enthal-|<3>
        ten eine reiche Erndte. Geschnittene Steine, Basreliefs, Gefässe und andere
        Kunstwerke sind es schon nicht mehr so. Die Unwissenheit der Künstler in
        den spätern Jahrhunderten vermischte tausendmal heterogene Dinge,
        christliche Geschichten mit heidnischen, Ceremonie des einen Festes mit Cere-
        monien des andern Festes, Ceremonien ebendesselben Festes bei verschie-
        denen Völkerschaften, in verschiedenen Städten, aus verschiedenen Zeiten.
        Als hätten sie das Kunstwerk eines alten Künstlers vor sich, ahmten
        es nach und behängten es mit neuen Lappen. Hier ist sorgfältigste
        Unterscheidung nöthig.

    b.) Eben so sorgfältig mus die Verschiedenheit der Zeit beobachtet werden.
        Ohne diese läßt sich kein deutlicher Begriff von dem äussern dieser Feste
        geben, noch viel weniger darüber philosophiren. Man erzählt von manchen
        Heiligen in ihrer Legende Wunder, zu deren Hervorbringung gewis
        widersprechende, einander zerstörende Kräfte nöthig wären. Eben so
        gings mit den Völkern der Griechen und Römern. Hundert
        Jahre früher trug sich vielleicht eine auserordentliche Begebenheit zu – und
        wie viel Begebenheiten scheinen den Menschen in ihrer Kindheit nicht auser
        ordentlich! – man verdankte sie einem gewissen Gotte; zur Erhaltung
        des Andenkens daran sezte man seinem Feste eine gewisse symbolische
        Ceremonie bei. Hundert Jahre später ereignete sich eine andre ähn-
        liche Begebenheit. Wenn sie gleich das Gegentheil von jener ersten war,
        die aber nur noch dunkel durch die symbolische Ceremonie des Festes
        im Gedächtnis hieng; so machten Umstände, daß man auch diese dem Gotte
        zuschrieb, und vermehrte also neuerdings sein Fest mit einer neuen neuen sym-
        bolischen Ceremonie. Wie unrichtig müßte nun, ohne Beobachtung
        dieser Zeitverschiedenheit, die Entwicklung des Geists dieser Feste werden.
        Denn jene symbolische Ceremonie ingredirte gar nicht mehr in
        die Wirkung, die das Fest bei der Nation hervorbrachte, wenigstens ab-
        zwekte. Sie war nur noch blose Ceremonie, die man aus Ehrfurcht
        für die alte Heiligkeit beibehielt, ohn‘ ihren Sinn zu verstehen.|<4>

    c.) Die Localverschiedenheit ist eben so wichtig. Jeder Gott ist nicht nur in den
        verschiedenen Städten, in welchen er angebetet wurde, als ein besonderes
        Individuum anzusehen, von dem jede Stadt eigene Localanectdoten wuß-
        te, auf denen die Ceromonien seiner Feste beruhten, sondern auch so viele
        Tempel er in jeder Stadt hatte, in so viele neue Individuen zerfällt
        er, so zu sagen, wieder von neuem. Die Menge von Beinamen, die
        ein einziger Gott oft hatte (Jupiter Capitolinus,[27] Feretrius, Latialis
        Stator;[28] Mars Quirinus, [29] Gradivus[30]) und die meistens sorgfältig in
        Seegers Götterlehre[31] gesammelt sind, beweisen dieß. Oft fanden besonders
        die Römer, bei einer fremden Nation während ihrer Eroberungen einen
        Gott, sie entlehnten ihn auch von derselben, führten ihn in Rom ein
        und weil sie zwischen diesen und einem andern schon längst bei ihnen ange-
        beteten Gotte Aehnlichkeit, fanden, so gaben sie ihm denselben Namen
        und unterschieden ihn blos von demselben durch einen Beynamen; oder
        sie verliesen die Legende, die sie bisger von ihrem Gotte hatten, und
        nahmen die andre an, die die andre Nation von einem ähnlich ge-
        glaubten Gott erzählte. So ist Mars Quirinus gewis eine nordische
        Gottheit; aber seine Legende wurde nachgehends von dem griechischen
        Άλησ [?][32] genommen. Nach dieser Bemerkung sind die allgemeinen Nach-
        richten der alten Schriftsteller kritisch-genau anzuwenden, um nicht
        alles, was diese von unbestimten Festen eines Gottes überhaupt sagen
        in die Beschreibung eines einzelnen bestimmten Festes zusammen
        zu werfen.

    d.) Müßte hauptsächlich auf den Ursprung eines Festes und eben so auf
        den Ursprung der einzelnen Ceremonien desselben Festes Rücksicht ge-
        nommen werden. Jenes müßte die älteste Geschichte der griechischen und
        römischen Religion selbst und noch nebenbei die Geschichte des Zusam-
        menhangs und der Verbindung der ältesten Nationen, die Geschichte
        der Bildung und Kultur der beiden gegebenen Völker, der Griechen
        und Römer, und endlich manches in der ältesten politischen Geschichte der-
        selben aufklären. Wo die Geschichtsschreiber über diesen Ursprung selbst
        schweigen, würden ihre Nachrichten von der Kleidung der Priester bei diesen
        Festen, von ihren Zeugnissen dabei u[nd] s[o] w[eiter], oder die Denkmale, auf welchen|<5>
        diese Dinge abgebildet sind, herrliche Dienste thun. Denn wahrscheinlich nahmen
        sie die gottesdienstliche Kleidung, Insignien, s[o] w[eiter] von der Nation, von der
        sie das Fest selbst entlehnten. Ja ich würde fast lieber auf diese Dinge, als auf
        die deutlichsten Zeugnisse mancher Schriftsteller fussen. Zwar können in diesem
        Falle, wo es blos auf getreue Abbildung des Costume ankam, kaum trü-
        gen, wenn man nur ein geübtes Auge für den Unterschied der Natio-
        nal Kleidungen der alten Völker aus ihren Kunstwerken hat. Die
        Schriftsteller hingegen um so leichter. Der Grieche wolte alles von sich
        selbst haben. Er gab daher seinen häufigen, von Ausländern geborgten,
        Dingen durch seine, aus der geographischen und physischen Beschaffenheit
        seines Landes erdichteten Erzählungen, mit welchen er jenes Anlehnen
        verschleierte, eine solche locale Anstalt von den älteren Griechen her, daß
        der spätere Grieche, der sich ohnediß wenig um die Gebräuche des Auslands
        bekümmerte, selbst nicht mehr unterscheiden konte, was eigen und was ge-
        liehen war. Der Römer hingegen wolte durchaus Grieche seyn. Die
        Geschichte von dem Ursprung der Gottesverehrung des Herkules bei den
        Griechen Römern, so wie sie Livius erzählt, [33] ist deutlichster Beweiß. Dieser
        Herkules und sein Fest waren nichts weniger als griechischen Ursprungs;
        aber die Römer fanden durchaus Hellenismus darinn.

        Die Geschichte des Ursprungs der allmählig zu einem Feste hinzugekommenen
        Ceremonien, wie auch die Geschichte der Entstehung späterer Feste ist nicht min-
        der richtig. Sie zeigt am deutlichsten, in welchem Verhältnis die Nation
        sich zu ihrem Gotte dachte, oder wie die Häupter des Staats die Vorstellung
        der Nation von diesem Verhältniß zu ihrem politischen Interesse gebrauchten,
        oder auch misbrauchten, und ihr den Aberglauben als das Gängelband
        anlegten, um sie ganz nach ihren Absichten an demselben zu leiten.
        Wenn nach diesen Rücksichten die Feste der Griechen und Römer antiquarisch beschrieben
        wären, so müßten alsdann Data genug vorhanden seyn, um in einer beson-
        deren Schrift die Folgerungen daraus für die älteste Geschichte, den zeitigen Cha-|<6>
        racter der Nation, den Einflus auf die Moralität, auf die Politik, s[o] w[eiter] der
        Gang des Luxus, die Aufklärung alter Schriftstellen s[o]. w[eiter]. zu ziehen. Ob es,
        ohne unangenehme Dehnung, ein gleich starkes Bändchen, wie das erste,
        geben würde, zweifl’ ich sehr. Bei diesen Folgerungen müßte man
        sorgfältig sich davor verwahren, daß man bei dem Feste einer Stadt,
        oder einer Nation nichts allgemeines für das ganze Land herleitete;
        z[um] B[eyspiel] aus einem Datum bei einem athenischen oder lacedämonischen
        Feste nichts für den allgemeinen Geists des ganzen Griechenlands.
        Es käm’ also, meiner Einsicht nach, auf folgende Puncte alles hinaus.

    α.) Der Ursprung des Fests. Ob er national, oder entlehnt? und von
        welchem Volke?

    β.) Die Ceremonien dabei. Wie sie nach der Zeitordnung hinzugekommen
        oder abgeschaft worden? aus welchen Gründen?

    γ.) Die Zeit seiner Begehung.

    δ.) Die Personen, die dran Theil nehmen durften. Ob beide Geschlech-
        ter? ob alle Alter? ob alle Stände der Nation, Adel und Volk? ob auch Sclaven?

    ε.) Die Priester dabei. Ob sie blos Priester waren? ob sie Antheil an
        den Staatsämtern hatten? welchen Nuzen sie aus dem Feste
        zogen? s[o]. w[eiter].

    ζ.) Die Absichten des Fests. Ob es nur politisch oder auch moralisch
        würkte? was es in der Geschichte, den Gesinnungen der Nation
        aufklärt? wie die dabei gewöhnlichen Gebräuche Luxus oder
        Simplicität verrathen? s[o]. w[eiter].

    η.) Nuzen der Beschreibung dieses Festes für das Verständnis – welcher
        Schriftsteller? welcher Kunstwerke? s[o]. w[eiter].


4.) Kirchenväter (hieher gehören vornehmlich Origenes, [34] Tertullian, [35] Euse-
    bius[36] in seiner Praeparatio und Demonstratio evangelica, [37] Lactanz, [38] beson-
    ders in seinem ersten Buch der Institutionen; [39] vielleicht auch Septimus
    Severus[40] und Selrian [?].[41]) können nur mit gröster Sorgfalt Vorsicht ge-|<7>
    braucht werden, aber müssen dennoch. Sie müssen, weil sich mehrere Zeug-
    nisse älterer, für uns verlohrner, heidnischer Schriftsteller bei ihnen
    finden. So bald sie sich aber nicht auf diese oder auf eine allgemein ange-
    nommene Dogmatik eines Priesterordens berufen, so bald ist ihr Zeugniß
    verdächtig. Oft erlaubten sich diese großentheils schwache Leute, ohne Gewissens-
    scrupel, eine Unwahrheit, wenn sie nur frommte. Fürchteten doch Voltaire, [42]
    Cranz, [43] u[nd]. a[ndere]. eben so wenig, ihren neuern Zeitgenossen, Unwahrheiten, Schimpf
    und Spott über Dinge ähnlicher Art ins Gesicht zu sagen. Der römische und
    griechische Laye war vielleicht auch leicht zu bereden. Denn wie ist es wahrschein-
    lich, daß dieser genauere Kentnis seiner Religion gehabt haben solte, als so viele
    Christen sie heut zu Tage nicht haben. Oft hatten die Kirchenväter auch, viel-
    leicht selbst heidnische, Auctorität für das, was sie sagten, und doch konte
    es falsch seyn; aus zwey Gründen: 1.) die aufgeklärten Heiden spotteten
    schon lange über die scandalösen Mythen in ihrer Religion, auf welche
    doch grosentheils die Ceremonien ihrer Feste gegründet waren. Diß hatte ihnen
    ihre ganze Religion lächerlich oder verächtlich gemacht. Sie äusserten diese Ge-
    sinnungen selbst in Schriften, und konten diß ohne Aergernis, weil Lectüre
    noch nicht unter den Pöbel sich verbreitet hatte. 2.) Die tolerante Philosophie
    des Ammonius[44] hatte manchen griechischen und römischen Mythen eine
    Wendung gegeben, wodurch sie vernünftig werden solten. Weil man
    nicht alle auf diese Art retten konte, so gab man sie dem Spotte der Christen
    manchmal Preis. Oder, wie’s oft geht, aus Begierde, allem einen vernünf-
    tigen Sinn zu geben, wurde dieser oft durch den gezwungenen Wiz sehr unvernünftig.
    Die Kirchenväter, deren viele in Alexandrien gebildet wurden, ergriffen diese
    Dinge begierig, und machten Folgerungen daraus, die zwar darinn lagen,
    aber welche die Religion, die sie bestriten, nicht eingestand.

5.) Die Memoires der Pariser Akademie der Inschriften[45] enthalten viele sehr
    brauchbare Abhandlungen. Goguet[46] Geschichte des Ursprungs der Geseze, Kün-
    ste und Wissenschaften. Maejrotto über Sitten und Privatleben der Römer, [47]
    besonders im zweiten Bänchen. Der schon genante Beaufort. Meiners|<8>
    neustes Werk und etliche Abhandlungen in seinen vermischten Schriften. ~ig-
    nes Virgil, die erste Ausgabe, und etliche seiner antiquarischen Schriften. Etliche
    Abhandlungen über alte Kunstwerke von Gesner[48] in den göttingschen Commen-
    tarien. [49] Zu Lüttich kam 1779 von einem Mahler, Namens Lens, [50] ein Essai
    sur les habillemens & les Usages de plusieurs peuples de l‘antiquité, sau-
    vé par les Monumens, [51] in sechs Büchern mit 51 Kupfern heraus, in denen
    er die Kleidungsstücke der Egypter Griechen, Syrer, Meder, Perser, Scythen, Par-
    ther, Hebräer, Römer, Etrurier, Latiner, Sanniter, s[o] w[weiter] nach allen Klassen, ~ie-
    den, Zeiten, u[nd] Abwechslungen durchgeht, u[nd] auf gleiche Weise ihre religiose u[nd] a[ndere]
    Gebräuche, ihre Hausgeräthe, und alles, was darauf einige Beziehung hat, dar-
    stellt. Selbst hab ich das Buch nie gesehen.

6.) Mir däucht, bei den später aufgekommenen römischen Festen sey es
    durchaus richtig, daß Politik sie stiftete. Die ersten Feste Roms kommen in
    die Stadt, wie seine ersten Einwohner, aus allen Gegenden und Völ-
    kerschaften Italiens her. Jeder Ausländer, der unter Romulus dahin
    kam, brachte seinen NationalGott und die, bei dessen Dienst in seinem
    ehemaligen Vaterlande gewöhnlichen, Ceremonien mit. Romulus selbst
    konte noch keinen eigenen Nationalgottesdienst in seinem Staate
    einführen. Daher wahrscheinlich seine unpolitische Eintheilung in Curien,
    deren jeder er ihre eigenen gottestdienstlichen Gebräuche und Personen
    gab, oder vielmehr lies. Ich stelle mir nehmlich vor, er sammelte in jeder
    Curie diejenigen Ankömmlinge zusammen, die einerlei Gott und einer-
    lei oder wenigstens sich sehr ähnliche, Ceremonien bei seinen Dienste
    hatten. Natürlich wurde dadurch gerade das gehindert, was erster Zweck
    bei Errichtung seines Staats hätte seyn sollen, nehmlich das Untereinan-
    dermischen all der verschiedenen, aus so viel verschiedenen Völkerschaften
    zusammengelaufenen, Bürger, daß sie selbst sich nicht mehr von einender
    hätten herauskennen können. (Wie weit dieser Gedanke über den Ursprung|<9>
    und die erste, auf diese Art nothwendige, Errichtung der Curien wahr
    seye, kan ich vorjezt nicht sagen. Ich gebe sie vor blose Hypothese,
    die mir aber aus den, der Curie zugetheilten, eigenthümlichen
    Opfern und gottesdienstlichen Personen wahrscheinlich wird. Historische
    Nachrichten dazu hab’ ich bisher noch keine. Sollten dem Verfasser dieser
    Fragen welche für oder wider diese Hypothese aufgestossen seyn, so wird
    er mich durch die Mittheilung derselen sehr verbinden) Numa[52] erst
    scheint diesen Fehler in der Religion seines Staats bemerkt und durch den
    vorgegebenen Umgang mit der Göttin Egeria[53] so sehr auf den Aber-
    glauben seiner Unterthanen gewirkt zu haben, daß er nun aus den
    vielen, in seinem Reiche durch die Römischen Curien auctorischen,
    Religionen Ein Ganzes zusammenschmelzte, das nachgehends immer be-
    sonders durch den Griechen Tarquin[54] neue Geseze erhielt. Vielleicht
    wurde die Ausführung dieses Plans des Numa mehr, als durch die geglaubten
    Lehren der Göttin Egeria, dardurch befördert, daß die Einwohner Roms
    durch die Entfernung aus ihrer ehemaligen Vaterstadt ihre Götter allmä-
    lig gleichgültiger anzusehen gelernt, besonders weil nach den Begriffen
    der alten Welt der Einflus eines Gottes vorzüglich in der Stadt gegen-
    wärtig war, in welcher der Gott seinen vornehmsten Tempel hatte, (daher
    die Evocationen[55]) und wechselweise Götter von ihren Mitbürgern ange-
    nommen und an sie abgegeben hatten. Die Salischen[56] Ceremonien des
    Numa beruhten nun auf der Politik, dem Volke die Ueberzeugung von
    der ewigen Dauer des erst aufkeimenden Staats zu geben; seine andern
    gottesdienstlichen Geseze beruhten auf derselben, um sein kriegerisches
    Volk an Feldbau zu gewöhnen; z[um] B[eyspiel] die Geseze: Die ex infutata
    vite ne libanto[57]. Die ~~ et mola falsa suplicanto. So waren
    die E~tialischen Ceremonien, welche Ancus, [58] wenn nicht zuerst anordne-
    te, doch besser ausbildete, blose Politik, um seinen Soldaten Muth durch|<10>
    die Ueberzeugung zu geben, der Krieg, den sie jedesmal führten, sey
    aus den gerechtesten Ursachen unternommen; eben so die Feria a~~
    no, um Rom zum Mittelpunkt der Lateinischen Völkerschaften zu
    machen. Bei den späteren Festen allen scheint mir dieselbe Politik
    auffallend. s[o] w[eiter].

v. - Iω.

Notes

  1. Vgl. Wikipedia.
  2. Muss wohl „Latiaris“ heißen, vgl. ebd.
  3. Numa Pompilius, zweiter König von Rom, Nachfolger Romulus‘.