1783-09-15 Christian Georg von Helmolt (Chrysostomus): Brief an Rudolph Zacharias Becker (Henricus Stephanus)

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Inhalt

Transcript

Cannawurf den 15. September. 1783.

Sehr würdiger und hertzlich geliebter Bruder,

Auch Ihnen bin ich noch eine Antwort auf ihr
liebes Schreiben vom 24. August schuldig. Ver-
geben Sie mir brüderlichst meine kleine Saum-
seeligkeit und schreiben Sie dieselbe auf die Rech-
nung verschiedener dringender Geschäfte, eini-
ger O[rdens]Arbeiten, und auf die Rechnung der außer-
ordentlichen Zerstreuungen, in welchen ich während
der Anwesenheit des Bischofs v[on] Osnabrück in Gotha
bey meinem kurzen Aufenthalte daselbst, her-
um getrieben worden bin. Just im ägrsten Wir-
bel[?] dieses Geräusches erhielt ich ihren Brief von
unserm guten Br[uder] Bohn. In Gotha war es keine
Möglichkeit ihn zu beantworten. Tausend Dank
sey Ihnen, mein geliebtester Bruder für das
beygelegte Zeitungsblat [1]. Der Inhalt deßelben
hat mich beynahe zu Thränen gerührt. Sie sind
ein herzensguter und menschenliebender Mann. Gott
wird es Ihnen reichlich[?] vergelten; und ihr eigens |<2>
Herz durch das Bewustseyn, edel und treu für
die nothleidende Menschheit gehandelt zu haben.
Wir wollen von hiesiger (nemlich Gothaischer) Loge
recht willig dem rechtschafnen Sintenis[2] etwas
zur Unterstützung seiner höchstbejammernswürdigen
Dürftigen beytragen; so viel nehmlich, mein
guter Bekker, als es unsere Kräfte, und die
mehre Nothdurft unsrer eigenen StadtArmen
erlauben. Denn letztere müßen uns doch immer[?]
die Aller-Nächsten seyn. Haben Sie nur die Liebe,
mich bey meiner Zurükkunft in Gotha, welche
[Blatt beschädigt] den 29. September festgesetzt ist, entweder
selbst schriftlich daran zu errinnern, oder durch
den guten Bruder Bohn errinnern zu laßen.
Ich bin ein alter vergeßlicher Mann, der aber
gerne seine Schuldigkeit thut, und es auch gerne
siehet, wenn er von guten Brüdern daran erin-
nert wird. Ich bin sehr begierig von Ihnen
zu erfahren, ob der Herzog Ferdinand, der würklich
ein guter menschenfreundlicher Mann ist, seine
Logen zu einigen Beyträgen für den Konsistorial |<3>
Rath Sintenis hat bewegen können. Ich
wünsche es von gantzen Herzen. Ein sehr guter
mit diesem Fürsten genau verbundener Bruder
schien einigermaßen zu zweifeln.
Kommen Sie nur bald zu uns, mein geliebtester
Bruder! Mein Hertz wird gegen Sie offen seyn.
Und ihre zur wahren Veredlung von Menschen-
Bestimmung gestimmte, und für Beglükkung und
Aufklärung der Menschheit unermüdet ar-
beitende Seele wird gewiß mit den Aufklä-
rungen zufrieden seyn, die ich Ihnen in An-
sehung der Hauptzwekke unserer guten Frey-
maurerey zu geben im Stande bin. Es ist eine
Kette fürtreflicher Menschen, die so gantz in
ihrem Sein und deutungsArt[?] hinein gehen,
welche auf sie wartet.
Der Br[uder] Caesar liefert abermal ein Bey-
spiel, wie leichte ein freundliches Fürsten-
Gesichte blenden kann; um auf bloße Höflich-
keit sogleich einen kleinen Plan von W~~~~~ <4|>
machen zu wollen. Sie, mein bester Be-
ker
, müsten unsern verehrungswerthen
Herzog, und den Br[uder] Caesar nicht kennen
wenn sie glauben sollten, daß letzterer
ersten couvenierte. Ich halte den Br[uder] Ca[esar]
für einen recht redlichen und guten Mann,
aber sein äußerliches Betragen, sein Ton
war so auffallend; daß er sich weder des
Beyfalls unsers Herzogs, noch des Prinzen Au[-]
gusts
schmeicheln kann. Dies sage ich Ihnen
geliebter Bruder im engsten Vertrauen. Em-
pfehlen Sie mich übrigens dem Br[uder] Caesar
aufs freundschaftlichste; und sagen Sie ihm
zugleich, daß es hier außerordentlich schwer
für einen Fremden[sic!] hielte, ohne die b~~~ [?]
digste Vorsprache und Anempfehlung in hie[-] [?]
ßige dienste zu kommen; um desto schwerer, da
alle Collegia überzählig besetzt sind. Leben Sie
wohl, bester Bekker. Ich bin von gantzem Hertzen
der Ihrige
Helmolt

Anmerkungen

  1. Bei der Beilage könnte es sich um einen Auszug aus der Dessauischen Zeitung für die Jugend und ihre Freunde handeln, in der Becker das Wirken Sintenis zur Armenversorgung anpreist. Vgl. Dessauische Zeitung
    für die Jugend und ihre Freunde
    , 1783, 35. Stück, S. 265 ff.
  2. Christian Friedrich Sintenis (1750-1820), zum damaligen Zeitpunkt Konsistorialrat in Zerbst.