Difference between revisions of "1786-08 Bode (Basilius): Reproche an Schenk (Robertus Stephanus)"

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*''Es ist ein wirklicher Fehler der Policey einer Stadt, wenn ein solcher Unfug, worüber Sie in Ihrem Q.L. klagen, stattfinden kann.'' Die geschädigten Nachbarn müssten bei der polizei vorstellig werden und sich persönlich über die Ruhestörung und Schlafmangel beklagen. Allerdings, insofern die Lärmbelästigung selten vorkomme, täte die Polizei Recht daran, ein Auge zuzudrücken. ''Wenn Sie also tobendes Nachtschwärmen oft bemerken sollten, so zeigen Sie es ungescheut an bey der Policey, und reden es mit andern wackren vernünftigen Menschen ab, darüber mit Ernst und Spott in Gesellschaften zu reden.'' Der ''gemeine Mann'' würde ebenfalls so denken. ''Doch Sie möchten glauben ich wollte einen satirschen Zug gegen Sie anbringen; welhes aber wahrhaftig meine Meynung nicht ist. _ Ich wünsche vielmehr eine gewisse Strenge im Beurtheilen der Menschen und Sachen, die selbst in der ##, aus Ihrer Seele zu bringen; und zwar bloß deswegen, weil es Sie nicht so glücklich seyn läßt, als Sie es ohnedem seyn könnten.'' Die Strenge, die er schon so oft an Schenk wahrgenommen habe, störe dessen ''eigene Ruhe''. Der Mensch solle aber nach ''gleichgültiger Verachtung'' für die Übel um ihn herum streben; dies sei der Weg zur Glückseligkeit. Und weiter: ''Bin ich Ihnen nicht schon verständlich wenn ich hier Ihren Aufsatz, über die Beerdigung der Selbstmörder nenne?'' schenk schade nur seiner eigenen Glückseligkeit, wenn er so streng - auch über sich selbst - richte. ''erstlich, warum flieht man gewöhnlich denUmgang alter Menschen? Ist es auch deswegen, weil sie so gerne Klagen? So gern alles um sich her tadeln?'' Als junger Mann müsse Schenk anpacken und verbessern, nicht lamentieren. Schenk solle daher seinen Aufsatz nicht vorlesen, auch nicht in den Ordensversammlungen. ''Die M. Versammlung ist ja nicht Richter über die Richter.'' Weiter: ''Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen eigenschaften die Resultate des Nachdenkens anderer Männer nicht nur als verwerflich darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie behandeln, wie etwa ein Mann thun könnte, der mit und von kindern spräche, dabey überhaupt in einem so fast schneidenden, entscheidenden Ton reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zugelassen hätte gemäsigtere Ausdrücke zu suchen, oder Ihren styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden! Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint wenigstens zu sagen: als ob allein Sie im besitz des moralischen Microscop wären!!! Falsch ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Stich von Geitz durch den Charakter eines guten Haushalters gehe. Falsch ist es, das Falschheit zum Mißtrauen, und Mißtrauen zur Vorsicht nöthig sey.'' Schenks Behauptung, dass es ''in alten Zeiten'' weniger Selbstmörder und Huren (bzw. uneheliche Kinder) gegeben habe, sei unbewiesen. Heute könne man auf Journale zurückgreifen, doch aus früheren Zeiten lägen solche Berichte nicht vor. Und alte Kirchenbücher würden zur Thematik auch keine Auskunft geben. ''Ich verabscheue, als Christ, als Ordens Bruder und als Menschen den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten Nationen Selbstmörder giebt. Aber so fest möchte ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen kann?'' Selbst in der aufgeklärtesten Nation gebe es schließlich noch unaufgeklärte Menschen. Wer aufgeklärt sei, würde sich nicht selbst töten. Ergo seien Selbstmörder verrückt.
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Stadt, wenn ein solcher Unfug, worüber Sie in Ihrem
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sonders solcher, die uns selbst treffen; und wenn uns
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wenn ich hier Ihren Aufsatz, <u>über die Beerdigung der  
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man gewöhnlich denUmgang alter Menschen? Ist es auch  
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der wohl mit der Besonnenheit, die alle unsere Schritte
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begleiten sollen und müssen, wenn Wir nicht ohne
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Noth und Nutzen uns Feinde, wohl gar mächtige Feinde
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Mein lieber Bruder! So lange jener Aufsatz nicht ausser
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Dem Zirkel der Br[üder bekannt wird, haben Sie seinetwegen|<3>
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Keine Feinde darüber zu besorgen. Aber der Orden wäre
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Nicht Ihr Freund, und ich würde ein Verräther an meinem
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Amte, wenn ich Sie nicht <strike>warnte [?]</strike> vor solcherley Auf-
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sätzen, selbst nur in O[rden]s-Versammlungen vorzulesen.
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Cui bono? Die M. Versammlung ist ja nicht Richter über die Richter. Weiter: Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen eigenschaften die Resultate des Nachdenkens anderer Männer nicht nur als verwerflich darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie behandeln, wie etwa ein Mann thun könnte, der mit und von kindern spräche, dabey überhaupt in einem so fast schneidenden, entscheidenden Ton reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zugelassen hätte gemäsigtere Ausdrücke zu suchen, oder Ihren styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden! Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint wenigstens zu sagen: als ob allein Sie im besitz des moralischen Microscop wären!!! Falsch ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Stich von Geitz durch den Charakter eines guten Haushalters gehe. Falsch ist es, das Falschheit zum Mißtrauen, und Mißtrauen zur Vorsicht nöthig sey. Schenks Behauptung, dass es in alten Zeiten weniger Selbstmörder und Huren (bzw. uneheliche Kinder) gegeben habe, sei unbewiesen. Heute könne man auf Journale zurückgreifen, doch aus früheren Zeiten lägen solche Berichte nicht vor. Und alte Kirchenbücher würden zur Thematik auch keine Auskunft geben. Ich verabscheue, als Christ, als Ordens Bruder und als Menschen den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten Nationen Selbstmörder giebt. Aber so fest möchte ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen kann? Selbst in der aufgeklärtesten Nation gebe es schließlich noch unaufgeklärte Menschen. Wer aufgeklärt sei, würde sich nicht selbst töten. Ergo seien Selbstmörder verrückt.
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== Transkript ==
 
== Transkript ==

Revision as of 11:23, 20 July 2016

Transkript

Es ist ein wirklicher Fehler der Policey einer
Stadt, wenn ein solcher Unfug, worüber Sie in Ihrem
Q.L. klagen, stattfinden kann. Bey dieser muß
Hierüber Vorstellung geschehen, und zwar von den
Nachbar, welche dadurch, zur ungebührlichen
Zeit a, nöthigen Schlafe gehindert werden.
Indessen, wenn solche Fälle nur selten vorkommen,
so thut der Nachbar, und selbst die Policey ganz
wohl, wenn sie über eine ausschweifende
Fröhlichkeit zuweilen ein Auge zudrücken.

Wenn Sie also tobendes Nachtschwärmen oft bemerken
sollten, so zeigen Sie es ungescheut an bey der Policey,
und reden es mit andern wackern vernünftigen |<2>
Menschen ab, darüber mit Ernst und Spott in Gesell-
schaften zu reden. Der gemeine Mann wird in Syracus
ja eben so empfindlich gegen das qu’en dirent-on
seyn, als die Einwohner on dem Orte. ---

Doch Sie möchten glauben ich wollte einen satirschen
Zug gegen Sie anbringen; Welches aber wahrhaftig meine
Meynung nicht ist. – Ich wünsche vielmehr eine gewisse
Strenge im Beurtheilen der Menschen und Sachen, die
selbst in der Rohnbrüchen[?] aus Ihrer Seele zu bringen;
und zwar bloß deswegen, weil es Sie nicht so
glücklich seyn läßt, als Sie es ohnedem seyn könnten.
Diese fast harte Strenge, die ich nun schon oft an Ihnen
wahrgenommen, stört Ihre eigene Ruhe, selbst dann
wenn Sie sich auch nicht darüber äusserten. Die ruhige
Grösse, wornach wir Menschen streben sollten, liegt nicht
So wohl in gleichgültiger Verachtung der Übel um uns
Her (de[r] T[r]ieb zur Vollkommenheit im Allgemeinen,
ist gewiß der Edelste im Menschen) sondern in Ertragung
der Schwachheit anderer, und in unerschütterlicher Duldung
der Widerwärtigkeiten, die wir nicht ändern können; be-
sonders solcher, die uns selbst treffen; und wenn uns
ja, als Menschen der Schmerz überwältigt, solchen nicht
unanständig auszudrücken. Dieser anständige, nicht
kleine, unwürdige Ausdruck der höchsten Schmerzen
ist die anschauliche Grösse
im Laokoon. Bin ich Ihnen nicht schon verständlich
wenn ich hier Ihren Aufsatz, über die Beerdigung der
Selbstmörder
nenne? Wie weit stehen Sie da dem
Laokoon nach! -- Aber, wie sehr schaden Sie ihrer eige-
Nen Glückseeligkeir, wenn Sie Ihre strengen Urtheile
Äussern, besonders wenn Sie so ziemlich heftig in
Ihrer eigenen Sachey/u> richten! Erstlich, waruzm fliehet
man gewöhnlich denUmgang alter Menschen? Ist es auch
deswegen, weil sie so gerne klagen? So gern alles um
sich her tadeln? Als junger Mann, der es wagt,
den Gese[z]geber seines Staates, bitter anzugreifen, weil
er oder die Seinigen, immer nur noch nach seiner eigenen
Neiung, unter einem Gesetze Unrecht hätten. Handelt
der wohl mit der Besonnenheit, die alle unsere Schritte
begleiten sollen und müssen, wenn Wir nicht ohne
Noth und Nutzen uns Feinde, wohl gar mächtige Feinde
Machen wollen? Verstehen Sie mich nicht unrecht
Mein lieber Bruder! So lange jener Aufsatz nicht ausser
Dem Zirkel der Br[üder bekannt wird, haben Sie seinetwegen|<3>
Keine Feinde darüber zu besorgen. Aber der Orden wäre
Nicht Ihr Freund, und ich würde ein Verräther an meinem
Amte, wenn ich Sie nicht warnte [?] vor solcherley Auf-
sätzen, selbst nur in O[rden]s-Versammlungen vorzulesen.
Cui bono? Die M. Versammlung ist ja nicht Richter über die Richter. Weiter: Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen eigenschaften die Resultate des Nachdenkens anderer Männer nicht nur als verwerflich darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie behandeln, wie etwa ein Mann thun könnte, der mit und von kindern spräche, dabey überhaupt in einem so fast schneidenden, entscheidenden Ton reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zugelassen hätte gemäsigtere Ausdrücke zu suchen, oder Ihren styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden! Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint wenigstens zu sagen: als ob allein Sie im besitz des moralischen Microscop wären!!! Falsch ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Stich von Geitz durch den Charakter eines guten Haushalters gehe. Falsch ist es, das Falschheit zum Mißtrauen, und Mißtrauen zur Vorsicht nöthig sey. Schenks Behauptung, dass es in alten Zeiten weniger Selbstmörder und Huren (bzw. uneheliche Kinder) gegeben habe, sei unbewiesen. Heute könne man auf Journale zurückgreifen, doch aus früheren Zeiten lägen solche Berichte nicht vor. Und alte Kirchenbücher würden zur Thematik auch keine Auskunft geben. Ich verabscheue, als Christ, als Ordens Bruder und als Menschen den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten Nationen Selbstmörder giebt. Aber so fest möchte ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen kann? Selbst in der aufgeklärtesten Nation gebe es schließlich noch unaufgeklärte Menschen. Wer aufgeklärt sei, würde sich nicht selbst töten. Ergo seien Selbstmörder verrückt.

Transkript

Anmerkungen