Difference between revisions of "1786-08 Bode (Basilius): Reproche an Schenk (Robertus Stephanus)"

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:* '''Aufsatz:''' [[1786-04-16 Schenk (Robertus Stephanus): Etwas über die Beerdigung der Selbstentleibten]]
 
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* '''Erschließung:''' [[User:Christian Wirkner|Christian Wirkner]]
 
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== Transkript ==
 
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Amte, wenn ich Sie nicht <strike>warnte [?]</strike> vor solcherley Auf-
 
Amte, wenn ich Sie nicht <strike>warnte [?]</strike> vor solcherley Auf-
 
sätzen, selbst nur in O[rden]s-Versammlungen vorzulesen.
 
sätzen, selbst nur in O[rden]s-Versammlungen vorzulesen.
Cui bono? Die M. Versammlung ist ja nicht Richter über die Richter. Weiter: Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen eigenschaften die Resultate des Nachdenkens anderer Männer nicht nur als verwerflich darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie behandeln, wie etwa ein Mann thun könnte, der mit und von kindern spräche, dabey überhaupt in einem so fast schneidenden, entscheidenden Ton reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zugelassen hätte gemäsigtere Ausdrücke zu suchen, oder Ihren styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden! Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint wenigstens zu sagen: als ob allein Sie im besitz des moralischen Microscop wären!!! Falsch ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Stich von Geitz durch den Charakter eines guten Haushalters gehe. Falsch ist es, das Falschheit zum Mißtrauen, und Mißtrauen zur Vorsicht nöthig sey. Schenks Behauptung, dass es in alten Zeiten weniger Selbstmörder und Huren (bzw. uneheliche Kinder) gegeben habe, sei unbewiesen. Heute könne man auf Journale zurückgreifen, doch aus früheren Zeiten lägen solche Berichte nicht vor. Und alte Kirchenbücher würden zur Thematik auch keine Auskunft geben. Ich verabscheue, als Christ, als Ordens Bruder und als Menschen den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten Nationen Selbstmörder giebt. Aber so fest möchte ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen kann? Selbst in der aufgeklärtesten Nation gebe es schließlich noch unaufgeklärte Menschen. Wer aufgeklärt sei, würde sich nicht selbst töten. Ergo seien Selbstmörder verrückt.
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Cui bono? Die M[inerval]-Versammlung ist ja nicht Richter über  
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die Richter. Wenn Sie es noch für Zeit hielten, die Vollzie-
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hung der Urtheile Einhalt zu thun, so wären [?] vesseee Wegen [?].
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war [?] es dazu zu spät; so hätte die ganze Abeit keinen
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andern Zweck, als Ihnen Schar,  zsehr unlaoko-
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onisch an einem Orte aus zu strömen, wo man allerdings
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mit dem bescheidentlich geklagten Leiden der Br[üder]
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das herzlichste und thätigste Mitleiden fühlt, aber
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es docj mie billigeb kann, wenn das falsche Glaß der
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Leidenschaften, die Objekte verzerrt, und wenn der
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Deklamator erzwingen will, daß eingeblendete Augen
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Nicht anders sehen sollen, als die Seinigen. Das m[ein] Br[uder]
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Könnte doch nur Ihre Absicht sein, so unrichtig bewahre
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Die Mittel zum Erfolg auch seyn mögten. Gesetzt bey
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Alledem die Thatsachen und Grundsätze die Sie bey-
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bringen, wären alle wirklich wahr: so bliebe doch
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die Art des Vortrages, das Gelindeste davon zu sagen
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<u>unschicklich</u>. Und ein Mann, in Ihrem Verhältniß beson-
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ders, hat eben so sehr auf das Schickliche, als aufs
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Wahre zu acten.
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Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf  
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ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich  
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von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz  
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wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer  
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fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen Einsichten
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doe Resultate des Nachdenkens<ref>''des Nachdenkens'' nach Randanweisung eingefügt,</ref> anderer Männer nicht nur als verwerflich  
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darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie  
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behandeln, wie etwan ein Mann thun könnte, der mit und  
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von kindern spräche, dabey überhaupt in einem  
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so fast schneidenden, entscheidenden Ton  
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reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zuge-
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lassen hätte gemässigtere Ausdrücke zu suchen,  
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oder Ihren Styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden!
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Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint we-
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nigstens zu sagen: als ob allein Sie im Besitz des  
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moralischen Microscops wären!!!
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<u>Falsch</u> ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil  
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Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Strich von Geitz  
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durch den Charakter eines guten Haushalters gehe.|<4>
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Falsch ist es, daß Falschheit zum Mißtrauen, und Miß-
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trauen zur Vorsicht nöthig sey.
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Es ist noch gar nicht soausgemachtm daß es in alten
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Zeiten der Selbstmörder und Hure weniger gegeben
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Habe, als zu neueren Zeiten; um ihre Behauptung zu
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Erweisen, müßten auch eben so gute Nachrichten von
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Solchen Vorfällen aus den alten Zeiten haben können
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Als jetzt die Journale über den Selbstmord, und die Kirchen-
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register über die unehelichen Kinder geben. Aber Journale
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gab es fast gar nicht; wer schlägt alte Kirchen-Bücher
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in dieser Rücksicht nach? Und die Hurerey ohne Folgen
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war zu keiner Zeit in ein ordentliches Verzeichniß zu
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bringen. ---
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Ich verabscheue, als Christ, als Ordensbruder und als  
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Mensch den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es  
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mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten  
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Nationen Selbstmörder giebt. Aber so hart möchte  
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ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur  
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den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das  
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nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen könne?
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Luxus, mein Bruder, ist nicht Aufklärung; und in einer
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sehr aufgeklärten Nation, sind nicht alle Menschen
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aufgeklärt. Wer wirklich aufgeklärt, und seine holde
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Vernunft <u>recht</u> zu brauchen gelernt hat, wird bie
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Bis zu dem sinnlosen Kleinmuth herabsinken, zu wähnen<ref>''zu wähnen'' nach Randanweisung eingefügt.</ref>
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Leiden sey ohne alle Hülfe, oder über alle seine Kräfte
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Daß also Selbstmörder verrückt sind, werden Sie nicht
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Bloß in ironischen Ton zugeben. Wenn Sie zugeben
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Daß jeder der nach falscher Ehre ringt, darin wenigsten
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Ein Narr und Verrückter ist und in dem Falle war der
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Deutsche in London. Den soe so etwas heimlich trieumphieren
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Anführen. Denn selbst sein Zeddel in der Tasche ##
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Weiset seine grosse Narrheit. Sind aber Narren aufge-
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Klärt? Doch diese Nation ist schon von Philosophen
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Und Theologen für die <u>Ich</u> Ehrfurcht habe, bis zur Ent-
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scheidung behandelt, und es ist wohl ganz überlegter
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Weise, sonderm um brillant zu seyn, gesagt: die <u>Weich-
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herzigkeit</u> (eine Kindereigenschaft) greife in die bürger-
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lichen <u>Rechte</u>, wenn man es hart findet, daß eine Familie
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Für die Verrücktheit eines Antrometen[?], mit dem guten
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Willen er gewiß nicht das Verbrechen begeht, gestraft werde.
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So viel für heute. Wenn Sie bedenken, daß ich mit Ihnen
 +
als Ihr Freund unter 4 Augen, im Dunkeln rede, so werden Sie
 +
nicht über <u>uns</u>zuraen[?]. Meinen Sie daß ich Unrecht habe, so
 +
so sagen Sie es unbefangen; denn ich kann dieses nicht aus Eitel
 +
Stolz oder Rechthaberey sagen, sonderm bloß zu Ihrem besten.
 +
 
 +
<u>Basilius</u>
 
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== Anmerkungen ==
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<references/>
  
 
== Transkript ==
 
== Transkript ==

Revision as of 14:24, 20 July 2016

Kommentar

Transkript

Es ist ein wirklicher Fehler der Policey einer
Stadt, wenn ein solcher Unfug, worüber Sie in Ihrem
Q.L. klagen, stattfinden kann. Bey dieser muß
Hierüber Vorstellung geschehen, und zwar von den
Nachbar, welche dadurch, zur ungebührlichen
Zeit a, nöthigen Schlafe gehindert werden.
Indessen, wenn solche Fälle nur selten vorkommen,
so thut der Nachbar, und selbst die Policey ganz
wohl, wenn sie über eine ausschweifende
Fröhlichkeit zuweilen ein Auge zudrücken.

Wenn Sie also tobendes Nachtschwärmen oft bemerken
sollten, so zeigen Sie es ungescheut an bey der Policey,
und reden es mit andern wackern vernünftigen |<2>
Menschen ab, darüber mit Ernst und Spott in Gesell-
schaften zu reden. Der gemeine Mann wird in Syracus
ja eben so empfindlich gegen das qu’en dirent-on
seyn, als die Einwohner on dem Orte. ---

Doch Sie möchten glauben ich wollte einen satirschen
Zug gegen Sie anbringen; Welches aber wahrhaftig meine
Meynung nicht ist. – Ich wünsche vielmehr eine gewisse
Strenge im Beurtheilen der Menschen und Sachen, die
selbst in der Rohnbrüchen[?] aus Ihrer Seele zu bringen;
und zwar bloß deswegen, weil es Sie nicht so
glücklich seyn läßt, als Sie es ohnedem seyn könnten.
Diese fast harte Strenge, die ich nun schon oft an Ihnen
wahrgenommen, stört Ihre eigene Ruhe, selbst dann
wenn Sie sich auch nicht darüber äusserten. Die ruhige
Grösse, wornach wir Menschen streben sollten, liegt nicht
So wohl in gleichgültiger Verachtung der Übel um uns
Her (de[r] T[r]ieb zur Vollkommenheit im Allgemeinen,
ist gewiß der Edelste im Menschen) sondern in Ertragung
der Schwachheit anderer, und in unerschütterlicher Duldung
der Widerwärtigkeiten, die wir nicht ändern können; be-
sonders solcher, die uns selbst treffen; und wenn uns
ja, als Menschen der Schmerz überwältigt, solchen nicht
unanständig auszudrücken. Dieser anständige, nicht
kleine, unwürdige Ausdruck der höchsten Schmerzen
ist die anschauliche Grösse
im Laokoon. Bin ich Ihnen nicht schon verständlich
wenn ich hier Ihren Aufsatz, über die Beerdigung der
Selbstmörder
nenne? Wie weit stehen Sie da dem
Laokoon nach! -- Aber, wie sehr schaden Sie ihrer eige-
Nen Glückseeligkeir, wenn Sie Ihre strengen Urtheile
Äussern, besonders wenn Sie so ziemlich heftig in
Ihrer eigenen Sache
richten! Erstlich, waruzm fliehet
man gewöhnlich denUmgang alter Menschen? Ist es auch
deswegen, weil sie so gerne klagen? So gern alles um
sich her tadeln? Als junger Mann, der es wagt,
den Gese[z]geber seines Staates, bitter anzugreifen, weil
er oder die Seinigen, immer nur noch nach seiner eigenen
Neiung, unter einem Gesetze Unrecht hätten. Handelt
der wohl mit der Besonnenheit, die alle unsere Schritte
begleiten sollen und müssen, wenn Wir nicht ohne
Noth und Nutzen uns Feinde, wohl gar mächtige Feinde
Machen wollen? Verstehen Sie mich nicht unrecht
Mein lieber Bruder! So lange jener Aufsatz nicht ausser
Dem Zirkel der Br[üder bekannt wird, haben Sie seinetwegen|<3>
Keine Feinde darüber zu besorgen. Aber der Orden wäre
Nicht Ihr Freund, und ich würde ein Verräther an meinem
Amte, wenn ich Sie nicht warnte [?] vor solcherley Auf-
sätzen, selbst nur in O[rden]s-Versammlungen vorzulesen.
Cui bono? Die M[inerval]-Versammlung ist ja nicht Richter über
die Richter. Wenn Sie es noch für Zeit hielten, die Vollzie-
hung der Urtheile Einhalt zu thun, so wären [?] vesseee Wegen [?].
war [?] es dazu zu spät; so hätte die ganze Abeit keinen
andern Zweck, als Ihnen Schar, zsehr unlaoko-
onisch an einem Orte aus zu strömen, wo man allerdings
mit dem bescheidentlich geklagten Leiden der Br[üder]
das herzlichste und thätigste Mitleiden fühlt, aber
es docj mie billigeb kann, wenn das falsche Glaß der
Leidenschaften, die Objekte verzerrt, und wenn der
Deklamator erzwingen will, daß eingeblendete Augen
Nicht anders sehen sollen, als die Seinigen. Das m[ein] Br[uder]
Könnte doch nur Ihre Absicht sein, so unrichtig bewahre
Die Mittel zum Erfolg auch seyn mögten. Gesetzt bey
Alledem die Thatsachen und Grundsätze die Sie bey-
bringen, wären alle wirklich wahr: so bliebe doch
die Art des Vortrages, das Gelindeste davon zu sagen
unschicklich. Und ein Mann, in Ihrem Verhältniß beson-
ders, hat eben so sehr auf das Schickliche, als aufs
Wahre zu acten.

Ich kann mich wegen Mangel an Zeit, nicht darauf
ein lassen, Ihnen durchgängig zu zeigen, wie Sie sich
von Ihrer Leidenschaft haben hinreissen lassen, ganz
wahre Sätze, falsch anzuwenden; wie Sie mit einer
fast unbegreiflichen Zuversicht auf Ihre eigen Einsichten
doe Resultate des Nachdenkens[1] anderer Männer nicht nur als verwerflich
darstellen, sondern so gar mit einer Art von Ironie
behandeln, wie etwan ein Mann thun könnte, der mit und
von kindern spräche, dabey überhaupt in einem
so fast schneidenden, entscheidenden Ton
reden, als ob die Kürze der Zeit ihnen nicht zuge-
lassen hätte gemässigtere Ausdrücke zu suchen,
oder Ihren Styl nach Ihrem Verhaltniß zu bilden!

Wollen Sie Beweise? Der erste Satz gleich, scheint we-
nigstens zu sagen: als ob allein Sie im Besitz des
moralischen Microscops wären!!!

Falsch ist es, daß zur wahren Tapferkeit ein Theil
Grausamkeit gehöre. Falsch, daß ein Strich von Geitz
durch den Charakter eines guten Haushalters gehe.|<4>
Falsch ist es, daß Falschheit zum Mißtrauen, und Miß-
trauen zur Vorsicht nöthig sey.

Es ist noch gar nicht soausgemachtm daß es in alten
Zeiten der Selbstmörder und Hure weniger gegeben
Habe, als zu neueren Zeiten; um ihre Behauptung zu
Erweisen, müßten auch eben so gute Nachrichten von
Solchen Vorfällen aus den alten Zeiten haben können
Als jetzt die Journale über den Selbstmord, und die Kirchen-
register über die unehelichen Kinder geben. Aber Journale
gab es fast gar nicht; wer schlägt alte Kirchen-Bücher
in dieser Rücksicht nach? Und die Hurerey ohne Folgen
war zu keiner Zeit in ein ordentliches Verzeichniß zu
bringen. ---

Ich verabscheue, als Christ, als Ordensbruder und als
Mensch den Selbstmord, von ganzer Seele. Ich sehe es
mit innigem Bedauern, das es auch unter aufgeklärten
Nationen Selbstmörder giebt. Aber so hart möchte
ich mich an der Aufklärung nicht versündigen, nur
den geringsten Zweifel zu äussern, wie Sie, ob das
nicht vielleicht an der Aufklärung selbst liegen könne?
Luxus, mein Bruder, ist nicht Aufklärung; und in einer
sehr aufgeklärten Nation, sind nicht alle Menschen
aufgeklärt. Wer wirklich aufgeklärt, und seine holde
Vernunft recht zu brauchen gelernt hat, wird bie
Bis zu dem sinnlosen Kleinmuth herabsinken, zu wähnen[2]
Leiden sey ohne alle Hülfe, oder über alle seine Kräfte
Daß also Selbstmörder verrückt sind, werden Sie nicht
Bloß in ironischen Ton zugeben. Wenn Sie zugeben
Daß jeder der nach falscher Ehre ringt, darin wenigsten
Ein Narr und Verrückter ist und in dem Falle war der
Deutsche in London. Den soe so etwas heimlich trieumphieren
Anführen. Denn selbst sein Zeddel in der Tasche ##
Weiset seine grosse Narrheit. Sind aber Narren aufge-
Klärt? Doch diese Nation ist schon von Philosophen
Und Theologen für die Ich Ehrfurcht habe, bis zur Ent-
scheidung behandelt, und es ist wohl ganz überlegter
Weise, sonderm um brillant zu seyn, gesagt: die Weich-
herzigkeit
(eine Kindereigenschaft) greife in die bürger-
lichen Rechte, wenn man es hart findet, daß eine Familie
Für die Verrücktheit eines Antrometen[?], mit dem guten
Willen er gewiß nicht das Verbrechen begeht, gestraft werde.

So viel für heute. Wenn Sie bedenken, daß ich mit Ihnen
als Ihr Freund unter 4 Augen, im Dunkeln rede, so werden Sie
nicht über unszuraen[?]. Meinen Sie daß ich Unrecht habe, so
so sagen Sie es unbefangen; denn ich kann dieses nicht aus Eitel
Stolz oder Rechthaberey sagen, sonderm bloß zu Ihrem besten.

Basilius

Anmerkungen

  1. des Nachdenkens nach Randanweisung eingefügt,
  2. zu wähnen nach Randanweisung eingefügt.

Transkript

Anmerkungen