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Wenn sich also in jedem gegebenen Volk die Anzahl der  sittlichen Menschen vermehrt, in dem Maaß vermehrt sich die Sittlichkeit eines Volks: und wer einzelne Menschen ins bessere verändert, verbessert das Volk; und mit dieser Verbesserung mehrerer Völker wird das Schicksal der Erde ins bessere verändert.

 

Adam Weishaupt, Verbessertes System der Illuminaten

 

Contents

I. Zur Einführung

1. Illuminatismus und Pädagogik

Der Illuminatenorden und die in ihm vertretenen Ideen sind nach ihrem Bekanntwerden in der Öffentlichkeit und dem sich anschließenden offiziellen Verbot in Bayern als Vermessenheit in das Bewußtsein des ausgehenden 18. Jahrhunderts projiziert worden.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1" title="">[1]</a> Dies kann nicht verwundern angesichts der Pläne und Aktivitäten dieses Bundes, die dem absolutistischen System verdächtig vorkommen mußten, da sie vordergründig auf nichts weniger als dessen Ablösung gerichtet verstanden werden mußten. Man wird bei eingehender Betrachtung feststellen, daß sich in diesem Orden all jenes in verdichteter Form wiederfinden läßt, das die zu einem eigenen Bewußtsein gelangende bürgerliche Gesellschaft im Zuge der Aufklärung gegenüber der ihr verbindlichen Herrschaftsform als Anspruch formulieren konnte, namentlich die Nivellierung von Standesunterschieden, das Zusammenfinden als Interessengruppe, den Anspruch auf Bildung. Dem Illuminatenorden revolutionäre Sprengkraft im Sinne der Ereignisse von 1789 zu unterstellen, bedeutete jedoch eine Fehleinschätzung<a href="#_ftn2" name="_ftnref2" title="">[2]</a>.

Obwohl die Ideen der Illuminaten in ihrer Zeit<a href="#_ftn3" name="_ftnref3" title="">[3]</a>, in der sich gesellschaftliche Umwälzungen wie die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika und die französische Revolution vollzogen, von seiten vieler Machtausübender als umstürzlerisch verdächtigt wurden, haben sie sich vor allem für die neuere Forschung seit Mitte des 20. Jahrhunderts<a href="#_ftn4" name="_ftnref4" title="">[4]</a> als eine wertvolle Quelle der gesellschaftlichen Innovation erwiesen. Innerhalb der relativ kurzen Zeitspanne von den etwas mehr als zehn Jahren seines Bestehens hat der Illuminatenorden Impulse gegeben, die Wissenschaftler zu Studien u.a. über seine historische, politische oder soziologische Dimension herausgefordert haben. In den meisten dieser Arbeiten wird ihm eine Schlüsselposition bei der Umgestaltung zur modernen Gesellschaft zugestanden. Seine Bedeutung wird beispielsweise deutlich in der Charakterisierung „Prototyp einer radikalen Aufklärergesellschaft“<a href="#_ftn5" name="_ftnref5" title="">[5]</a>, die Monika Neugebauer-Wölk gefunden hat. Ein ähnlich vernehmliches Votum gibt in diesem Zusammenhang Klaus M. Kodalle, der konstatiert, daß „die ursprünglichen Anliegen der Geheimgesellschaften [...] inzwischen, im Fortgang der Geschichte, zu anerkannten öffentlichen Angelegenheiten“<a href="#_ftn6" name="_ftnref6" title="">[6]</a> geworden sind. Das von der Illuminatismusforschung in bezug auf den Orden entwickelte Sensorium ist vor allem gerichtet auf dessen Strukturen und Wirkmechanismen, die von verschiedensten Blickwinkeln, wie in neuerer Zeit dem des Esoterischen<a href="#_ftn7" name="_ftnref7" title="">[7]</a>, betrachtet werden.

Angesichts der großen Erkundungsdichte, welche die Illuminatismusforschung vorweisen kann<a href="#_ftn8" name="_ftnref8" title="">[8]</a> und der Tatsache, daß das 18. Jahrhundert sich als das pädagogische<a href="#_ftn9" name="_ftnref9" title="">[9]</a> verstand, das der Pädagogik, wie Manfred Agethen unterstreicht, den Rang einer Religion<a href="#_ftn10" name="_ftnref10" title="">[10]</a> zugewiesen hat, weil nahezu jede gesellschaftliche Regung von einem sowohl auf Bildung zielenden als auch erzieherischem Impetus getragen wurde, muß der Erziehungswissenschaftler verwundert feststellen, daß bisher über die pädagogische Programmatik des Illuminatenordens und seine damit einhergehenden in erster Linie praktischen Ambitionen keine einzige monographische Arbeit vorliegt.

Indizien für die Relevanz einer erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Illuminatenorden lassen sich in großer Fülle innerhalb der Korrespondenz der Ordensmitglieder, anhand des Procederes der Ordensversammlungen, des Gradsystems und nicht zuletzt der Schriften des sich im Orden Spartacus nennenden Gründers Johann Adam Weishaupt (1748 – 1830) ausmachen. Daraus wird erkennbar, daß Erziehung und Bildung als maßgebliche Beförderungsmittel zur Erlangung dessen fungieren sollten, was als Ziel aller Aktivitäten des Ordens angesehen wurde, die Vollkommenheit des Menschen. Dem Handeln wies Weishaupt den Primat zu, „denn nicht nur durch Reden, sondern durch Handlungen wird die Ehre des Ordens am meisten geschützt.“<a href="#_ftn11" name="_ftnref11" title="">[11]</a> Maximen wie diese prägten das Ordensprogramm und eben diese pragmatische Ausrichtung gab einem Pädagogen wie Pestalozzi den entscheidenden Anstoß zum Eintritt in den Orden.<a href="#_ftn12" name="_ftnref12" title="">[12]</a>  

Zwar ist das Fehlen einer einschlägigen Monographie zur Pädagogik der Illuminaten zu beklagen, doch sind Verweise auf die pädagogische Dimension des Illuminatismus in der mittlerweile reichlich vorhandenen Sekundärliteratur allenthalben zu finden, vor allem Arbeiten von Historikern weisen immer wieder auf das illuminatische Lehr- bzw. Erziehungssystem hin. Eines der frühen Standardwerke zum Illuminatenorden von René LeForestier aus dem Jahre 1914 verwirft jedoch den Gedanken einer eventuellen pädagogischen Relevanz des Ordens, obwohl die Quellenlage bereits damals ein anderes Bild darbot: « En réalité la valeur éducatrice de l´Ordre était nulle parce que la plupart des théories dont son fondateur etait le plus fier, non seulement sont fausses ou inapplicables, mais encore vont directement à l´encontre du but poursuivi. »<a href="#_ftn13" name="_ftnref13" title="">[13]</a> Dem entgegen steht beispielsweise das durch Julie von Zerzog an uns gekommene Urteil des Grafen von Montgelas {Musaeus}<a href="#_ftn14" name="_ftnref14" title="">[14]</a>, „Der Minerval-Grad des Illuminaten-Ordens [...] war der Inbegriff der menschlichen Tugend. Es gibt nichts Edleres, nichts Erhabeneres als das, was man da vom Menschen verlangte.“<a href="#_ftn15" name="_ftnref15" title="">[15]</a> Ebenso verteidigt Franz Maria Freiherr von Bassus {Hannibal} das Ordenssystem und stellt fest, ihm hätten die „bekannten Grade dieses Ordens und Einrichtungen, in jedem Betracht höchstrühmlich und bewundernswert geschienen; da sie nichts als wahre Tugend, Wissenschaften, und eine genauere Erfüllung der christlichen und bürgerlichen Pflichten zum Gegenstand haben“.<a href="#_ftn16" name="_ftnref16" title="">[16]</a> In Übereinstimmung mit diesen Auffassungen würdigt Jacques d’Hondt ganz explizit das pädagogische Anliegen des Illuminatengründers: „Tatsächlich setzte er  in der Hauptsache auf die Erziehung. Er glaubte, daß man alles dank einer guten Bildung und Erziehung umgestalten könne [...]. Wenn sich später Spuren des Illuminatentums im Preußen Hardenbergs und Altensteins finden sollten, dann womöglich gerade in seinem – übrigens verdienstvollen – Bemühen um den Aufbau des öffentlichen Bildungswesens.“<a href="#_ftn17" name="_ftnref17" title="">[17]</a> Das eindeutig positive Urteil d’Hondts über die pädagogische Intention und Leistung des Ordens bereitet damit den Boden für eine erziehungswissenschaftliche Betrachtung. Auch Michael Fischer hat in seiner Studie ganz nachdrücklich darauf hingewiesen, daß mit den Reformideen des Ordens ein bildungspolitischer Anspruch verbunden ist: „Der Orden ist nunmehr ein auf Reform der ganzen Gesellschaft hin orientiertes Bildungssystem“<a href="#_ftn18" name="_ftnref18" title="">[18]</a> Diesem System geht er in seiner Arbeit lediglich deshalb nicht auf den Grund, weil sie nicht als erziehungswissenschaftliche angelegt ist.

In einem Aufsatz über das Verhältnis Pestalozzis {Alfred}<a href="#_ftn19" name="_ftnref19" title="">[19]</a> zur französischen Revolution stellt Leonhard Friedrich die pädagogische und damit verbunden politische Akzentuierung der Illuminaten heraus, indem er anmerkt: „Das pädagogische und politische Programm der Illuminaten zielte über die Vervollkommnung des einzelnen auf Verbesserung des Gemeinwesens und der Verhältnisse überhaupt. Diese Hauptaufgabe sollte – im Sinne der Aufklärung – auf dem Wege der Erziehung, durch eine geistig-moralische Reform, gelöst werden.“<a href="#_ftn20" name="_ftnref20" title="">[20]</a>

Die gesamte Bandbreite an pädagogischen Bemühungen, mit denen der Illuminatenorden Wirksamkeit erlangen wollte, faßt Bassus {Hannibal} wie folgt zusammen: „Wohl der Menschheit, Beförderung ungeheuchelter Tugend und nützlicher Wissenschaften.“<a href="#_ftn21" name="_ftnref21" title="">[21]</a> All diese Charakterisierungen erweisen sich innerhalb des pädagogischen Programms des Ordens als zutreffend, es gilt daher, den einzelnen Momenten nachzuspüren und sie im Detail aufzuzeigen. In Ansätzen ist dies bereits geschehen, wie die Arbeit von Gudrun Burggraf aus dem Jahre 1967 beweist. Burggraf stellt den Philanthropen und Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann<a href="#_ftn22" name="_ftnref22" title="">[22]</a> in die Nähe der Illuminaten und zeigt Verbindungen zu anderen pädagogischen Konzepten der Zeit auf. Was hier angerissen wird, wurde von Christine Schaubs Mitte der neunziger Jahre wieder aufgenommen und vorwiegend unter institutionsgeschichtlichem Aspekt ausgebaut, dabei gelang der Autorin der Nachweis darüber, daß das Philanthropin Schnepfenthal als illuminatische Pflanzschule anzusehen ist, bei deren Gründung beispielsweise der Volksaufklärer und Illuminat Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus} eine zentrale Rolle innehatte.<a href="#_ftn23" name="_ftnref23" title="">[23]</a> Jedoch waren für derartige Projekte nicht alle damals etablierten pädagogischen Einrichtungen gleichermaßen geeignet: „Die angestrebte Revolution des menschlichen Charakters konnte ihren Anfang nicht in herkömmlichen Bildungseinrichtungen nehmen, denn die dort praktizierte Wissensvermittlung widersprach den Zielen der Illuminaten, ganz zu schweigen von den Methoden der Erziehung.“<a href="#_ftn24" name="_ftnref24" title="">[24]</a>

Einen richtungweisenden Vorstoß in bezug auf das Verhältnis von Illuminatismus und Pädagogik hat Manfred Agethen in seiner Dissertation Geheimbund und Utopie von 1984 gewagt. Agethen spricht drei relevante Aspekte innerhalb der illuminatischen Pädagogik an. Zunächst nennt er die Verbindung und Verschränkung der Ideen von Illuminatismus und Philanthropismus, denn führende Philanthropen waren aktive Mitglieder des Ordens. Darüber hinaus wendet er sich den illuminatischen Aktivitäten innerhalb der Volksaufklärung zu, wobei die Tätigkeit Rudolph Zacharias Beckers {Henricus Stephanus} im Mittelpunkt steht. Sein dritter Abschnitt, den er als ‚utopisches Modell im Erziehungssystem der Illuminaten’ überschreibt, geht vor allem auf die Erziehungspraxis in den unteren Graden ein. Agethen empfindet die illuminatischen Bildungsmittel als nicht ungefährlich im Hinblick auf die Manipulierbarkeit der Adepten. Er glaubt, sie wurden eingesetzt, um die Illuminaten „gefügig, einsetzbar, beherrschbar“<a href="#_ftn25" name="_ftnref25" title="">[25]</a> zu machen. Aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Quellen ist diese Beurteilung verständlich, dennoch ist sie bei näherer Betrachtung wenn überhaupt, nur im Einzelfall zutreffend.  Nichtsdestotrotz  kann diese Arbeit als einer der Grundsteine für eine systematisch erziehungswissenschaftliche Betrachtung des Illuminatenordens angesehen werden.

Auf eine Gruppe von Publikationen sei noch hingewiesen. Diese betrifft Studien zur Aufklärungspädagogik, deren Verfasser sich durchaus des illuminatischen Hintergrundes ihrer Protagonisten bewußt waren, aber aufgrund ihrer thematischen Ausrichtung diesem Aspekt kaum nähere Beachtung schenkten. Zunächst ist die Publikation von Christa Kersting<a href="#_ftn26" name="_ftnref26" title="">[26]</a> zu nennen, die sich mit dem von Johann Heinrich Campe und anderen Philanthropen verfaßten, sog. Revisionswerk auseinandersetzt. Die Allgemeine Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens, eine Art pädagogischer Encyclopédie, die von 1785 bis 1792 in 16 Bänden erschien, war der Versuch, den Geist des pädagogischen Jahrhunderts einzufangen. Ein Versuch auch, der im weitesten Sinne mit systematischen Intentionen verbunden war. Die wichtigsten Mitarbeiter an diesem Projekt, wie beispielsweise Ernst Christian Trapp oder Carl Friedrich Bahrdt, standen dem Illuminatenorden nahe, wie Johann Heinrich Campe selbst, und hatten dank ihrer fachlichen Kompetenz und ihres öffentlichen Ansehens die Möglichkeit der Einflußnahme auf das pädagogische Denken und Geschehen ihrer Zeit. So erscheint die Analyse des Revisionswerkes geboten, die auch seinen illuminatischen Hintergrund beleuchtet. Dies kann jedoch nur dann geschehen, wenn genügend umfänglich dargestellt ist, welche der pädagogischen Anliegen der Illuminaten eingeflossen sind.

Interessante Aspekte in bezug auf pädagogische Konzepte der Illuminaten erschließen sich bei der Lektüre eines Aufsatzes von Leonhard Friedrich aus dem Jahre 1967<a href="#_ftn27" name="_ftnref27" title="">[27]</a>. Der Anregung Herbert Schönebaums folgend, der 1928<a href="#_ftn28" name="_ftnref28" title="">[28]</a> bereits festgestellt hatte, daß das Jahrzehnt von 1780 bis 1790 in der Pestalozziforschung eine Lücke aufweist<a href="#_ftn29" name="_ftnref29" title="">[29]</a>, untersucht dieser Artikel den Briefwechsel Pestalozzis mit dem Hauslehrer der Familie Battier in Basel, Peter Petersen, unter dem Gesichtpunkt der empirischen Pädagogik. Obwohl die Verbindungen Pestalozzis zum Illuminatenorden zu diesem Zeitpunkt bekannt waren, kann zunächst keine Beziehung zwischen Pestalozzis Pädagogik und den Intentionen des Ordens festgestellt werden, da die Forschung lediglich das Faktum nennen, jedoch keine tieferen Bezüge herstellen konnte. Ein Vergleich der für Pestalozzis empirische Ansätze festgestellten Konstituenten mit einigen pädagogischen Mitteln des Illuminatenorden zeigt jedoch deutliche Parallelen. Es handelt sich hierbei im wesentlichen um tagebuchartige Aufzeichnungen, in denen Petersen Gemütsregungen, geistige Aktivitäten und Verhaltensweisen der von ihm betreuten Kinder festhalten sowie in Tabellen auswerten soll. Die u.a. zur Selbstbeobachtung herangezogenen quibus-licet-Hefte der Illuminaten oder die conduite-Tabellen, die als „statistisches“ Instrumentarium zur Erfassung von Daten zu den einzelnen Mitgliedern verwendet wurden, sind ein Indiz für den Einfluß der Illuminaten auf Pestalozzi und damit auf die Pädagogik des 18. Jahrhunderts.<a href="#_ftn30" name="_ftnref30" title="">[30]</a> Für das Verhältnis von Pädagogik und Illuminatismus, finden sich ohne Zweifel weitere Beispiele. Mit den hier referierten Meinungen ist in etwa das Terrain abgesteckt, in welchem sich die illuminatische Pädagogik verorten, ihr Verhältnis zur Aufklärungspädagogik bestimmen, ihr Lehrsystem beschreiben und ihre institutionsgeschichtliche Einordnung vornehmen läßt. Damit wird noch nicht hinreichend deutlich, was diese Pädagogik im ganzen Umfang ihrer Zielsetzung, ihrer Organisation und ihrer Mittel ausmacht.

Die mentale Verfassung der Gesellschaft im vorletzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts hat es ermöglicht, geheimbündlerische Institutionen als Plattform zur Durchsetzung pädagogischer Bestrebungen zu nutzen. Weishaupt glaubte sogar, daß mit der Etablierung solcher Bünde der gesellschaftliche Fortschritt einhergehe: „Mir scheint dieser so allgemeine Hang der Menschen nach geheimen Verbindungen, ein redender Beweis einer im Stillen herangewachsenen höhern Kultur zu sein.“<a href="#_ftn31" name="_ftnref31" title="">[31]</a> 

Rosemarie Haas hat in ihrer Dissertation von 1975 darauf hingewiesen, daß die Idee vom Geheimbund als Besserungsanstalt der Menschheit in den Köpfen vieler einflußreicher Geister der Zeit verankert war. Ein Beispiel hierfür sind die Freimaurergespräche Ernst und Falk <a href="#_ftn32" name="_ftnref32" title="">[32]</a> von Gotthold Ephraim Lessing. Haas hat die Beziehungen illuminatischer Ideen zum Konzept der Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahren erörtert und nicht nur illuminatische Elemente im Denken Johann Wolfgang Goethes {Abaris}, sondern auch bei Johann Gottfried Herder {Damasius Pontifex} und Christoph Martin Wieland nachgewiesen<a href="#_ftn33" name="_ftnref33" title="">[33]</a>.

Der Illuminatenorden kann als ein ausführendes Organ der pädagogischen Ideen der Aufklärung gelten. In dieser Arbeit wird von der Prämisse ausgegangen, daß gerade dieser Geheimbund, bedingt durch die ihm zugrundeliegende Pädagogikkonzeption beachtliche Wirksamkeit erlangt hat. Diese ist – wie die pädagogischen Systeme der Rosenkreuzer oder christlichen Freimaurer - vom Schleier der Geheimhaltung umhüllt, weil ihre Schöpfer glaubten, die Umstände erlaubten es noch nicht, ihre Bestrebungen und die dafür konzipierte Pädagogik öffentlich zu machen.

Die Pädagogik, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts allmählich als eigenständige Wissenschaftsdisziplin konstituiert<a href="#_ftn34" name="_ftnref34" title="">[34]</a>, kann allein aufgrund der personellen Verflechtungen nicht frei von illuminatistischem Gedankengut sein. Die Wirkung der illuminatischen Pädagogik auf die diesfälligen Bestrebungen der Zeit kommt auch auf sekundärer und tertiärer Ebene über Persönlichkeiten wie z.B. Wilhelm von Humboldt<a href="#_ftn35" name="_ftnref35" title="">[35]</a> zur Geltung, der - wie Hardenberg oder Altenstein - in der einflußreichen Position des Bildungspolitikers über ansehnliche Multiplikationskraft verfügte.

Diese Arbeit nun versteht sich als ein Versuch, der Illuminatismusforschung Aspekte zu erschließen, die bisher wenig Beachtung gefunden haben, die jedoch – wie von den einzelnen Forschern gelegentlich angemerkt - ein wissenschaftliches Desiderat darstellen. Das, wie Norbert Schindler es ausgedrückt hat, „ebensooft über- wie unterschätzte Wirken der Geheimgesellschaften“<a href="#_ftn36" name="_ftnref36" title="">[36]</a> tendiert in bezug auf die Frage des Verhältnisses von Pädagogik und Illuminatismus eher zur unterbewerteten Seite. 

 

2. Zum Stand der Illuminatismusforschung

Der Illuminatenorden gehört keineswegs zu den neu entdeckten Forschungsgegenständen. Mehrere Generationen von Wissenschaftlern haben sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt, eine Fülle von Erkenntnissen über den kurzlebigen Bund erschlossen und dadurch die Erforschung der Aufklärung in vielfältiger Weise bereichert.

Dennoch wurde bis in das 20. Jahrhundert hinein der Illuminatenorden u.a. wegen der abstrusen Verschwörungsthese als fragwürdiges Thema angesehen. Wissenschaftler, die den Illuminatismus als Forschungsgegenstand wählten, standen sogar in der Gefahr – wie die folgende Bewertung von Vernon Stauffer zeigt – von der scientific community disqualifiziert zu werden: “No student penetrates far into the study of the general topic without being made aware that not only were contemporary apologists and hostile critics stirred to a fierce heat of literary expression, but that a swarm of historians, mostly of inferior talents, have been attracted to the subject.”<a href="#_ftn37" name="_ftnref37" title="">[37]</a> Längst hat man die Haltlosigkeit solcher und ähnlicher Behauptungen bewiesen. Eine beachtliche Zahl an Studien beweist, daß der Illuminatismus zu den aufschlußreichsten Erscheinungen des 18. Jahrhunderts nicht nur der deutschen Aufklärung zählt.  Stauffer ist indes aber auch ein Beispiel für alle diejenigen, die sich in ausnehmend spektakulären Betrachtungsweisen des Phänomens angenommen haben, doch hat sein Beitrag den bis dahin unberücksichtigten Gesichtspunkt der Ausweitung des Illuminatismus auf die Neue Welt in die Forschung eingebracht, dem auf vorurteilsfreiere Weise als es Stauffer tat, noch einmal nachzugehen wäre. Seine Arbeit, die dem Illuminatenorden konspirative Tätigkeit in Nordamerika unterstellt und ihm einen negativen Einfluß auf die demokratische Ordnung zuschreibt, zeigt u.a. die Verführung, der leicht zu erliegen ist, wenn man sich seinem Gegenstand voreingenommen nähert<a href="#_ftn38" name="_ftnref38" title="">[38]</a>.

Die Illuminatismusforschung kann auf eine etwa zweihundertjährige Geschichte zurückblicken. Den Auftakt hierzu bildet der im Rahmen der Encyclopedie der Freimaurerei im Jahre 1820 verfaßte Artikel über den Orden.<a href="#_ftn39" name="_ftnref39" title="">[39]</a> Es zeigt sich hier eine Tendenz in der Forschung, den Illuminatismus im Freimaurertum zu verankern. Diese Tendenz ist auch in neueren Forschungsarbeiten erkennbar, beispielsweise in denen von  Ludwig Hammermayer und Helmut Reinalter<a href="#_ftn40" name="_ftnref40" title="">[40]</a>.   

Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende gründlichere Erforschung des Illuminatenordens und seiner Aktivitäten konzentriert sich auf die historischen Rahmenbedingungen illuminatischer Aktivitäten, die Aufarbeitung bzw. Sicherstellung von Dokumenten sowie auf Personenstudien. So hat beispielsweise der Frankfurter Freimaurer Georg Kloss<a href="#_ftn41" name="_ftnref41" title="">[41]</a> illuminatische Dokumente zusammengestellt und Orientierungshilfen durch Übersichten wie z.B. Mitgliederlisten gegeben. Ein anderes Beispiel ist Hermann Klenckes Veröffentlichung Aus einer alten Kiste,<a href="#_ftn42" name="_ftnref42" title="">[42]</a> in der er ohne Knigges Namen zu nennen, eine Edition von dessen Briefen vorgelegt hat, die als wertvolles Quellenmaterial in der weiteren Forschung häufig verwendet worden ist. Die Arbeiten von Bruno Bauer, Hermann Hettner, August Kluckhohn<a href="#_ftn43" name="_ftnref43" title="">[43]</a>, sind vornehmlich historische Überblicksarbeiten und charakteristisch für den Stand der Forschung zu dieser Zeit.

Gegen Ende des 19. und mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein merklich größeres Interesse für den Orden zu verzeichnen. Repräsentativ sind die Bemühungen von Max Lingg, Ludwig Wolfram oder auch Richard Graf du Moulin Eckart<a href="#_ftn44" name="_ftnref44" title="">[44]</a>. Bei ihnen steht die detaillierte Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge der Illuminaten im Vordergrund, wobei letzterer mit seiner Studie über Franz Xaver Zwackh {Cato} den bisher fast einzigen Versuch unternommen hat, diese für den Orden wichtige Persönlichkeit näher zu beleuchten.

Das sich verstärkende Interesse am Illuminatismus ist nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, daß im Jahre 1893 in Dresden ein neuer Illuminatenorden gegründet wurde, dessen Tätigkeit sich später nach Berlin verlagerte. Unter der Ägide von Leopold Engel wurde im weitesten Sinne das Anliegen der Illuminaten wiederaufgenommen und in den Zeitschriften ‚Das Wort’<a href="#_ftn45" name="_ftnref45" title="">[45]</a>, den direkt an Weishaupts Vorlage anknüpfenden ‚Materialien zur Beförderung der Welt- und Menschenkunde’<a href="#_ftn46" name="_ftnref46" title="">[46]</a> sowie in Engels 1906 erschienener Arbeit Geschichte des Illuminaten-Ordens<a href="#_ftn47" name="_ftnref47" title="">[47]</a> nach außen vertreten. Letztere wird trotz ihres zuweilen euphorischen Grundtons und ungenauer Angaben als maßgeblich angesehen, weil Engel Dokumente zur Verfügung standen, die der neueren Forschung durch die Folgen des letzten Weltkrieges nicht mehr zugänglich sind bzw. als verschollen gelten. Ähnlich verhält es sich mit dem oft als Standardwerk bezeichneten Werk René LeForestiers von 1914, das trotz mitunter fataler Fehlannahmen des Autors aufgrund der von ihm verwendeten heute immer noch vermißten Quellen häufig in Anspruch genommen wird. Der eingangs erwähnte Vernon Stauffer gehört neben anderen in diese Gruppe von Autoren des frühen 20. Jahrhunderts. In dessen zwanziger bis vierziger Jahren sind vom Umfang her eher kleinere Arbeiten zu verzeichnen wie die bereits angesprochene von Herbert Schönebaum oder die von Reinhold Grabe zum Geheimnis des Adolph Freiherrn von Knigge.<a href="#_ftn48" name="_ftnref48" title="">[48]</a>

Reinhart Koselleck erkannte 1954 in seiner Arbeit Kritik und Krise<a href="#_ftn49" name="_ftnref49" title="">[49]</a>, die einen Meilenstein interdisziplinärer Aufklärungsforschung darstellt, dem Orden, neben den Freimaurern, eine bedeutsame Rolle innerhalb des gesellschaftlichen Wandels im 18. Jahrhundert zu und ebnete auf diese Weise die Bahn für die ihm folgenden teilweise durch ihn angeregten Untersuchungen.

Durch Richard van Dülmens Arbeit Der Geheimbund der Illuminaten<a href="#_ftn50" name="_ftnref50" title="">[50]</a> aus dem Jahre 1975 wurde eine ganze Reihe von Studien ausgelöst. Dieser Schub wurde zusätzlich durch die sich  Mitte der 70er Jahre verstärkende Aufklärungsforschung intensiviert und verhalf dem Illuminatismus zu größerer Beachtung. Das Geheimbundwesen wurde u.a. durch van Dülmen entmystifiziert, was seiner Reputation als ernstzunehmendes Untersuchungsobjekt zugute kam. Vielseitig angelegte Studien kreisten den Illuminatenorden als Forschungsgegenstand mehr und mehr ein. Die Namen Christian Peter Ludz, Manfred Agethen, Ludwig Hammermayer, Helmut Reinalter und Hermann Schüttler<a href="#_ftn51" name="_ftnref51" title="">[51]</a> stehen für eine Reihe von Nachforschungen, welche hauptsächlich auf die strukturellen Zusammenhänge gerichtet waren. Sie können ohne Ausnahme als weiterführende Studien bezeichnet werden. 

Durch neu aufgefundenes bzw. wieder zugängliches Quellenmaterial erhielt die Forschung in den frühen 90er Jahren erneut Impulse. Mittlerweile interessieren sich Arbeitsgruppen z.B. die unter der Leitung von Monika Neugebauer-Wölk Strukturen und Strategien des Geheimbundes der Illuminaten im Kontext der Spätaufklärung am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung an der Universität Halle-Wittenberg oder die Internationale Forschungsstelle Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770 – 1850 in Innsbruck, verstärkt für den Illuminatenorden. Zur Zeit arbeiten Wissenschaftler unterschiedlicher Ausrichtung in Halle an der Edition der Dokumente der Ordenskorrespondenz. Die eingehende Beschäftigung mit dem Orden in den letzten Jahrzehnten hat die Bandbreite an Forschungsaspekten erweitert, indem das Forschungsinteresse neben der Organisationsstruktur nun verstärkt auf den Ideengehalt und die Konzeption gerichtet wurde. Die damit verbundene Ausweitung der Illuminatismusforschung führt zur Aufarbeitung von Quellen von denen bisher lediglich Notiz genommen wurde und verspricht neue Erträge.

Die Forschung kann auf umfangreiche Bestände an Quellenmaterial zurückgreifen. Das Gebot der strengen Geheimhaltung, das auch die Vernichtung aller schriftlichen Zeugnisse des Ordens in Notsituationen vorschrieb und das jeder Illuminat durch seine Unterschrift auf dem Eintrittsrevers einzuhalten gelobte, ist nicht in jedem Fall so strikt befolgt worden, wie der Ordensgründer es beabsichtigt hatte. Dies beweisen eine beträchtliche Anzahl von an uns gekommenen Dokumenten persönlicher und administrativer Art. Sie bieten dem Forscher Material in beträchtlichem Umfang.

Vor allem die seit ca. einem Jahrzehnt wieder zugängliche Schwedenkiste<a href="#_ftn52" name="_ftnref52" title="">[52]</a>, die Hermann Schüttler als „derzeit umfangreichste und bedeutendste bekannte Sammlung illuminatischen Materials“<a href="#_ftn53" name="_ftnref53" title="">[53]</a> deklariert hat, bietet Dokumente in reichlicher Zahl, die nach ihrer vollständigen Auswertung viele der offenen Fragen zu den Illuminaten und ihrem Um- und Wirkungsfeld, vor allem in der späten Phase der Existenz des Ordens, klären werden. Es bestehen Sammlungen in einzelnen Archiven und Institutionen wie dem ehemaligen Reichskammergericht in Wetzlar oder der Karlsschule in Stuttgart, deren aufschlußreiches Material das Bild von der Tätigkeit des Ordens vervollständigen hilft<a href="#_ftn54" name="_ftnref54" title="">[54]</a>. Nicht nur der Bodesche Nachlaß in Berlin, sondern beispielsweise auch der von Friedrich Münter in Kopenhagen, die Bestände im Hamburgischen Staatsarchiv oder die Korrespondenz von Weishaupt und Herzog Friedrich Christian von Schleswig Holstein im Staatsarchiv Schleswig zählen zu den Quellen, die bisher noch nicht vollständig ausgewertet sind. Dies sind nur wenige Beispiele, welche die relativ gute Materiallage verdeutlichen. Es kann außerdem kein Zweifel bestehen, daß im Zuge weiterer Studien neues Quellenmaterial bekannt werden wird. Ein wertvoller Zufallsfund war die Entdeckung von Teilen des Weishauptschen Nachlasses im sog. Engbundarchiv Hamburg Ende der neunziger Jahre. Dennoch muß man auch die nicht bezifferbaren Verluste ansprechen, die durch Vernichtung bereits im 18. Jahrhundert entstanden sind. Dies ist hinsichtlich der Papiere einzelner Logen der Fall. Andere Verluste sind auf die Zerstörungen und Plünderungen von Freimaurerarchiven während des letzten Weltkrieges zurückzuführen. 

Daß der Illuminatenorden bereits Zeitgenossen beschäftigt hat, beweisen nicht weniger als ca. 130 angeführte Titel in der Stillerschen Bibliographie zur Freimaurerei aus dem Jahre 1830<a href="#_ftn55" name="_ftnref55" title="">[55]</a>, worin nahezu sämtliche bis dahin relevanten Beiträge zur Illuminatendebatte aufgeführt sind. Weiteren Aufschluß bieten die Auseinandersetzungen und Apologien, die im Gefolge von Entdeckung und Verfolgung des Ordens erschienen. Einige davon haben nicht nur den Rang wichtiger Quellentexte, sondern stellen gleichzeitig eine Art früher wissenschaftlicher Aufarbeitung der Thematik dar. Hierzu gehört beispielsweise die anonym erschienene Schrift aus dem Jahre 1787 System und Folgen des Illuminatenordens aus den Originalschriften desselben<a href="#_ftn56" name="_ftnref56" title="">[56]</a> oder die ebenfalls anonym durch Ludwig Adolf Christian Grolman {Gratian} veröffentlichten Fragmente zur Biographie des verstorbenen Geheimen Rates Bode in Weimar<a href="#_ftn57" name="_ftnref57" title="">[57]</a>.

Zu den gedruckten Quellen der ersten beiden Dekaden nach dem Bestehen des Ordens gehören ebenso Darstellungen mit autobiographischer Akzentuierung, in denen ehemalige Ordensmitglieder über ihre Illuminatentätigkeit berichteten. Die Selbstbiographie Heinrich August Ottokar Reichards {Wiclef}, wie Johann Georg Heinrich Feders {Marc Aurel} Leben, Natur und Grundsätze oder auch Friedrich Wilhelm von Schütz’ Freie Bekenntnisse geben hiervon Zeugnis<a href="#_ftn58" name="_ftnref58" title="">[58]</a>. Interessant an diesen Veröffentlichungen ist, daß sich ihre Autoren noch Jahrzehnte später von ihrer Mitgliedschaft distanzieren.

Es sind bis in die heutige Zeit in fast steter Folge Dokumente des Illuminatenordens ediert worden. Ihren Anfang nahm die Erschließung von Quellen mit den bereits erwähnten Originalschriften des Illuminatenordens aus dem Jahre 1787. Die eigentliche Intention für diese Edition war die Aufdeckung und Verleumdung des Bundes mit propagandistischen Mitteln. Der Umstand, daß Eile geboten war, um zu diesem öffentlichen Schlag auszuholen, ließ wenige bis gar keine Manipulationen an den bei Zwackh {Cato} gefundenen Papieren zu, so daß diese Edition eine häufig herangezogene, verläßliche Quelle darstellt. Gleiches bzw. ähnliches trifft auf die Edition der bei Baron Bassus {Hannibal} beschlagnahmten Dokumente zu, die im Nachtrag von weitern Originalschriften<a href="#_ftn59" name="_ftnref59" title="">[59]</a> zusammengefaßt wurden.

Es ließe sich eine lange Reihe von Quelleneditionen aufzählen. Dazu gehören u.a. Friedrich Münters {Syrianus} Tagebücher (1944)<a href="#_ftn60" name="_ftnref60" title="">[60]</a>, die in einem anderen Zusammenhang bereits angesprochenen Publikationen du Moulin Eckarts (1895) oder Klenckes (1853). Moderne Editionen umfassen z.B. Richard van Dülmens Auswahl von Dokumenten u.a. aus dem OS/ NOS (1975), Jan Racholds Ausgabe grundlegender Illuminatenschriften aus OS/ NOS (1984) und aus der ihm zugänglichen Schwedenkiste, Hermann Schüttlers Edition der Höheren Mysterien Weishaupts (1994)  oder die Neuedition der Kniggeschen Freimaurer- und Illuminatenschriften (1993) im Rahmen einer Gesamtausgabe, die von Paul Raabe besorgt wurde.<a href="#_ftn61" name="_ftnref61" title="">[61]</a> 

Als weitere Quellen sind Zeitschriften und Periodika zu nennen, die z.T. illuminatische Anliegen verbreiten halfen, wie die „Jenaer Allgemeine Literatur Zeitung“ oder die „Gothaischen gelehrten Zeitungen“. Es existierten ebenso Zeitschriften, deren Herausgeber Illuminaten waren wie die „Deutsche Zeitung für die Jugend und ihre Freunde“ Rudolph Zacharias Beckers {Henricus Stephanus} oder die „Beiträge zur Ausbreitung nützlicher Kenntnisse“, das Organ der Bonner Illuminaten, u.a. von Christian Gottlieb Neefe {Glaucus} herausgegeben, sowie „Der Illuminat“ von Johann Heinrich Faber<a href="#_ftn62" name="_ftnref62" title="">[62]</a>.

Die zur Thematik verfügbaren bibliographischen Werke sind häufig in freimaurerisch ausgerichteten Arbeiten zu finden. Hierzu gehört zweifelsohne der bereits angeführte, recht frühe Versuch Stillers aus dem Jahre 1830, der bibliographische Angaben zum illuminatischen System in seine Gesamtbibliographie zur Freimaurerei aufnimmt. Weitere wichtige Hilfsmittel zur Erfassung der Quellen- und Forschungslage bieten Arbeiten wie die von August Wolfstieg (1925), die in vier Bänden vorliegt und in neuerer Zeit das 1994 erschienene zweibändige Archivverzeichnis von Renate Endler und Elisabeth Schwarze-Neuß<a href="#_ftn63" name="_ftnref63" title="">[63]</a>. Eine Bibliographie in einem weiter gefaßten Kontext, dem der demokratischen Bewegungen in Mitteleuropa, in den man den Illuminatenorden ebenfalls stellen kann, hat Helmut Reinalter bearbeitet und im Jahre 1990 veröffentlicht<a href="#_ftn64" name="_ftnref64" title="">[64]</a>. Im Internet findet man den Versuch einer ersten ausschließlich zum Illuminatenorden erstellten Bibliographie von Reinhard Markner und Hermann Schüttler, welche ca. 460 Titel anführt und den Vorteil bietet, daß sie ohne den üblichen publikatorischen Aufwand stetig erweitert werden kann.<a href="#_ftn65" name="_ftnref65" title="">[65]</a>

Von letzterem Autoren stammt ein Hilfsmittel der besonderen Art, das sich der Klassifikation fast entzieht und am ehesten den Bibliographien zur Seite gestellt werden kann. Es handelt sich hierbei um die Arbeit Die Mitglieder des Illuminatenordens<a href="#_ftn66" name="_ftnref66" title="">[66]</a>, welche die Beantwortung so mancher Frage hinsichtlich der Analyse, als auch der Interpretation illuminatischer Dokumente erleichtert. Es hat Versuche der Aufstellung solcher Mitgliederlisten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bei Kloss gegeben. Kurz vor Schüttler haben van Dülmen und auch Eberhard Weis derartige Versuche unternommen.<a href="#_ftn67" name="_ftnref67" title="">[67]</a> Diese sind wesentlich weniger umfänglich bzw. haben einen geringeren Informationsgehalt bezüglich der Angaben zu den einzelnen Mitgliedern als die Arbeit von Schüttler. Ihm gelang bereits 1991 die Ermittlung von ca. 1200 Mitgliedern, eine Zahl, die bei der demnächst zu erwartenden Überarbeitung noch überboten werden dürfte und der Schätzung von Weishaupts Sohn Wilhelm, der 2000 Mitglieder für realistisch hielt, näher kommt.<a href="#_ftn68" name="_ftnref68" title="">[68]</a>

Die Ausrichtung der Sekundärwerke zum Illuminatenorden ist vielfältig. Regionalhistorisch orientierte Studien zum Illuminatenorden erweisen sich als Mosaiksteinchen für ein repräsentatives Bild des Ordens im südwestlichen Teil Deutschlands und in Österreich. Andere Regionen, wie Nord- und Mitteldeutschland<a href="#_ftn69" name="_ftnref69" title="">[69]</a> oder der slawische Raum sowie Frankreich sind bisher nicht in dem gleichen Ausmaß beleuchtet worden. Einige Schriften von Ludwig Hammermayer<a href="#_ftn70" name="_ftnref70" title="">[70]</a>, der sich vor allem auf Bayern konzentriert, sind in diesem Zusammenhang zu nennen, ebenso die Winfried Dotzauers<a href="#_ftn71" name="_ftnref71" title="">[71]</a>, dessen Studien sich hauptsächlich auf den westdeutschen Raum konzentrieren. Unter ihnen befinden sich solche über die Städte Mainz, Trier oder Speyer in ihren Beziehungen zu den Illuminaten. Weitere Autoren, die regionalhistorische Studien u.a. zu den angesprochenen Regionen vorgelegt haben, sind beispielsweise Max Braubach, Walter Grab, Wilhelm Kreutz oder Wilgert te Lindert.<a href="#_ftn72" name="_ftnref72" title="">[72]</a>

Häufig sind Werke über Persönlichkeiten eng mit den vorgenannten verzahnt, so findet sich beispielsweise eine Arbeit über die Tätigkeit der Bonner Illuminaten im Spiegel eines ihrer Mitglieder, des Musikers und Lehrers von Beethoven, Christian Gottlob Neefe {Glaucus}.<a href="#_ftn73" name="_ftnref73" title="">[73]</a> Für den regionalhistorisch schlecht erfaßten Raum Mitteldeutschlands liegen vorwiegend auf Personen abgestellte Studien vor, wie die von Klaus Rob über Karl Theodor von Dalberg {Baco de Verulam}, von Gerhard Fuchs über Karl Leonhard Reinhold {Decius} oder von Joachim Kundler über den Prinzen August von Sachsen-Gotha-Altenburg {Walther Fürst}.<a href="#_ftn74" name="_ftnref74" title="">[74]</a> Biographische Skizzen sind des weiteren gezeichnet worden von Eberhard Weis über den Grafen de Montgelas {Musaeus}, von Helmut Reinalter et al. über Joseph von Sonnenfels {Numa/ Pompilius Romanus}, von Paul Hofer über Ignaz von Born {Furius Camillus}.<a href="#_ftn75" name="_ftnref75" title="">[75]</a>  Über den Freiherrn von Knigge {Philo} sowie Adam Weishaupt existieren ebenfalls mehrere, meist kurz gefaßte Studien.<a href="#_ftn76" name="_ftnref76" title="">[76]</a>

Die als soziologisch bzw. politologisch einzustufenden Publikationen bilden eine weitere Gruppe. In ihnen spiegeln sich die Interpretationen der einzelnen Verfasser. Zu den soziologisch ausgerichteten Arbeiten gehört in erster Linie die Dissertation von Hofter aus dem Jahre 1951, in welcher der Autor vor allem Zusammenhängen in bezug auf das illuminatische System nachgeht. Als Vertreter der explizit politologischen Sicht auf die Illuminaten hat sich Rudolph Vierhaus hervorgetan, der den Einfluß des Ordens auf das politische Bewußtsein Mitteleuropas vor 1789 deutlich gemacht hat.<a href="#_ftn77" name="_ftnref77" title="">[77]</a> Weiterhin haben sich Eberhard Weis, Michael Fischer<a href="#_ftn78" name="_ftnref78" title="">[78]</a> und auch Monika Neugebauer-Wölk von dieser Seite genähert. Diesem Aspekt wird momentan besondere Aufmerksamkeit zuteil. Ein Sammelband zur politischen Dimension von Geheimbünden unter der Herausgeberschaft von Monika Neugebauer-Wölk, in dem auch der Illuminatenorden Berücksichtigung findet, steht vor der Publikation. Neugebauer-Wölk hat sich darüber hinaus mit Studien zur Esoterik des Bundes hervorgetan und von 1995 an in steter Folge entsprechende Veröffentlichungen vorgelegt.<a href="#_ftn79" name="_ftnref79" title="">[79]</a> Das Moment des Esoterischen ist im Denken einzelner Mitglieder zweifelsfrei vorhanden. Man kann z.B. Bode {Aemilius} ein starkes Interesse für den Mesmerimus<a href="#_ftn80" name="_ftnref80" title="">[80]</a> nachweisen, dem er auf seiner Reise nach Paris im Jahre 1787 u.a. nachgeht. Agethen ordnet das Esoterische den ideellen Konstituenten des Illuminatenordens zu. Er nimmt eine Typologisierung vor, die den Bund in die Nähe der mittelalterlichen Sekten rückt und versucht zu zeigen, daß der Orden zu den chiliastischen Geheimgesellschaften gezählt werden kann. Er begründet dies mit der praktizierten Geheimhaltung, z.B. durch Vergabe von Decknamen.<a href="#_ftn81" name="_ftnref81" title="">[81]</a>

Reinhart Koselleck hat sich 1976 ein zweites Mal als Impulsgeber der Illuminatenforschung mit einem Aufsatz zu dessen geschichtsphilosophischer Ausrichtung gezeigt. Er sieht in Geschichtsphilosophie und Pädagogik den inhaltlichen Kern des Illuminatismus. Auch stellt er Weishaupts maßgebende Rolle in diesem Zusammenhang heraus. Ihm folgten zwei kleinere Arbeiten von Helmut Reinalter und Hermann Schüttler, in denen Weishaupts Geschichtsphilosophie zwar angerissen, aber nicht erschöpfend behandelt wurde. Auch Martin Mulsow in seinem Versuch über die Metempsychosislehre Weishaupts, nimmt diese Problematik in den Blick.

Ein mit philosophischem Anspruch verbundenes Werk lieferte Jan Rachold<a href="#_ftn82" name="_ftnref82" title="">[82]</a> im Jahre 1999, das sich hauptsächlich auf die u.a. auf Christian Wolff zurückgehende Popularphilosophie des 18. Jahrhunderts stützt. Mit diesem Versuch hat Rachold vor allem den Eklektizismus Weishaupts in den Blick nehmen wollen. Eine weitere Studie zur Philosophie im Illuminatenorden hat Martin Mulsow erarbeitet. Er nähert sich seinem Thema von den Mysterientexten her.<a href="#_ftn83" name="_ftnref83" title="">[83]</a>

Eine letzte hier anzuführende Gruppe von Publikationen bilden die literaturwissenschaftlich angelegten Forschungsarbeiten. Zu ihr gehören z.B. die Arbeiten von Hans Graßl und Hans-Jürgen Schings<a href="#_ftn84" name="_ftnref84" title="">[84]</a>, die gezeigt haben, daß einflußreiche Gestalten der Literaturproduktion wie Hölderlin oder Schiller, auch wenn sie sich nicht als Illuminaten verstanden, von deren Gedankengut beeinflußt waren. Ein solcher Einfluß läßt sich vor allem in der Gestalt des Marquis Posa in Schillers Don Carlos nachweisen, dessen als ungewöhnlich wahrgenommenes  Erscheinungsbild illuminatische Züge trägt. Einzig in ihrer Art ist die von Christoph Hippchen 1998 verfaßte Dissertation zur Publizistik des Ordens<a href="#_ftn85" name="_ftnref85" title="">[85]</a>, deren Stärken im Überblick über die gesellschaftliche Reaktion auf den Orden liegen, welche sich in der Zeitschriftenliteratur spiegelt, z.B. im „Grauen Ungeheur“ von Wekhrlin bis hin zur reaktionären „Wiener Zeitschrift“ von Leopold Hoffmann {Sulpicius}.

Eine andere Ordnung und Klassifikation von Material- und Forschungsstand bieten Helmut Reinalter, Jan Rachold sowie Ludwig Hammermayer<a href="#_ftn86" name="_ftnref86" title="">[86]</a>, der sich der Aufgabe gewidmet hat, eine Bilanz über die Illuminatismusforschung zu ziehen. Von ihm lag kurz vor Abschluß dieser Arbeit ein erstes Ergebnis vor, das die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Illuminatenorden sehr detailliert vom Ende des neunzehnten bis in die 70er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verfolgt. Die Fortsetzung dieser begrüßenswerten Unternehmung, die zu dem Zeitpunkt einsetzen wird, an dem die Illuminatenforschung ihre abseitige Position verläßt, wird das breite Spektrum an Herangehensweisen zutage fördern, deren Zusammenspiel es erst ermöglicht, den Illuminatismus in seiner Komplexität zu erkennen und auch zu beurteilen.

Die hier angeführten Beispiele sollen zeigen, daß die Forschung das Phänomen des Illuminatenordens durch ein differenziertes Repertoire von Methoden sowie unterschiedlichen, z.T. gegensätzlichen, Deutungsansätzen zugänglich gemacht hat: „Darüber zu vernünfteln, wer recht habe, wer nicht, wäre irrelevant und abwegig. [...] In bezug auf den Illuminatenorden ist ohnehin nichts anderes als eine Vielfalt der Standpunkte zu erwarten.“<a href="#_ftn87" name="_ftnref87" title="">[87]</a>  Der Illuminatismus ist eine Quelle mannigfaltiger Forschungsmöglichkeiten, die auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt keineswegs ausgeschöpft ist, vielmehr gibt es Grund zu der Annahme, daß durch die Erschließung der verfügbaren Ressourcen und erster richtungsweisender Vorstöße auch nach mehr als 200 Jahren die Sternstunden der Illuminatismusforschung noch bevorstehen.

 

 

 

3. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das pädagogische Konzept des Ordensgründers Johann Adam Weishaupt. Es sollen der illuminatische Bildungsgang nachvollzogen, die verwandten pädagogischen Grundbegriffe sowie die gesetzten Ziele in ihrem Zusammenhang aufgewiesen, die pädagogischen Mittel und damit die organisierte erzieherische Praxis des Ordens dargestellt werden. Die Entscheidung zu diesem Dreischritt und die damit verbundene Vorgehensweise bei der wissenschaftlichen Erschließung der Konzeption Weishaupts wurde von der Tatsache bestimmt, daß der bisher von der Forschung vernachlässigte Ordensgründer einen beachtlichen Beitrag zur Entwicklung der illuminatischen Pädagogik geleistet hat. Er wird hier als Pädagoge herausgestellt und findet in dieser Hinsicht überhaupt erstmals Beachtung. Insofern ist die Erforschung seines Werkes unter pädagogischen Gesichtspunkten ein Desiderat. Mit der Herausarbeitung seines Konzeptes kann mehr als nur der Grundstein für die auf den pädagogischen Bau der Illuminaten zu richtende Forschung sowie die historische Rekonstruktion der Pädagogik des Illuminatismus gelegt werden.

Dem Ordensgründer kam es „nicht auf schnelle und spektakuläre Erfolge an, er gedachte vielmehr, ein Jahrhundertwerk zu errichten,.“<a href="#_ftn88" name="_ftnref88" title="">[88]</a>, das gilt gerade auch im Hinblick auf das pädagogische Konzept. Er erscheint als der „umsichtige Professor, der in Zeiträumen dachte, die den Orden zwar erst Generationen nach ihm, dann aber mit um so gründlicherem und unumkehrbarem Erfolg hätten zum Ziel bringen sollen.“<a href="#_ftn89" name="_ftnref89" title="">[89]</a> Nach Weishaupts Vorstellungen hatte der Orden sich einem Langzeitprojekt zu stellen, doch u.a. mit dem Eintritt Knigges gewann die Ordensentwicklung<a href="#_ftn90" name="_ftnref90" title="">[90]</a> eine Rasanz, wie sie vielen Projekten der Aufklärung eigen war, die auch das Schicksal der Illuminaten besiegelte.

Bei der Darstellung der pädagogischen Konzeption Weishaupts wird demnach von der Annahme ausgegangen, daß sein illuminatisches Denken von der Ordensgründung an bis in das zweite Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts durchgängig mit einer pädagogischen Intention verbunden war. Es soll daher neben den ursprünglichen pädagogischen Vorstellungen während der Illuminatenzeit ebenso sein Schaffen nach der Auflösung des Ordens bis hin zur letzten offiziellen Wortmeldung, welche aus dem Jahre 1820<a href="#_ftn91" name="_ftnref91" title="">[91]</a> datiert, in den Blick genommen werden. Auch wenn, wie Reinalter konstatiert, kein homogenes philosophisches Konzept mit Weishaupts Gedankenwelt gegeben ist, so steht doch zu erwarten, daß der pädagogische Schlüssel den Zugang zu seinem Werk zu öffnen vermag.<a href="#_ftn92" name="_ftnref92" title="">[92]</a> Weishaupts pädagogische Konzeption weist eine unverkennbare Grundstruktur auf, doch hat diese im Laufe der Zeit unterschiedliche Facetten angenommen und Ergänzungen erfahren, die es ebenso aufzuzeigen und zu beschreiben gilt.

Im zweiten Kapitel der Arbeit werden zunächst Lebensweg und Denkungsart Weishaupts nachgezeichnet sowie sein Werk, das in mehr als 20 Schriften seinen Niederschlag gefunden hat, nach thematischen Bereichen und Schaffensperioden geordnet.

Es folgt im nächsten Kapitel eine detaillierte, an den Hauptklassen des Gradsystems der Illuminaten sich orientierende Darstellung, in der die einzelnen Grade auf ihren pädagogischen Gehalt hin untersucht werden. Neben einer Charakterisierung der Grade werden in diesem Kapitel die Konstitutiva der illuminatischen Pädagogik aufgewiesen.

Im vierten Kapitel wird die von Weishaupt verwendete pädagogische Terminologie eingehender erörtert. Es sollen die nach seiner Auffassung wichtigen Kenngrößen der illuminatischen Erziehung und Bildung, wie z.B. Beobachtungsgeist, Sittenregiment oder Menschenführung in den Blick genommen werden. Aufgrund einer ersten Analyse seiner Schriften ergeben sich die zentralen pädagogischen Begriffe, welche die illuminatischen Erziehungs- und Bildungsvorstellungen repräsentieren. Es handelt sich um die von Weishaupt hervorgehobenen, häufig gebrauchten und für die Pädagogik des Ordens zentralen Begriffe. Sie sollen nach Weishauptschem Verständnis interpretiert, in ihrer pädagogischen Funktion erläutert sowie in das pädagogische Denken der Aufklärung eingeordnet werden.

Im fünften Kapitel wird das pädagogische Instrumentarium und damit einhergehend die pädagogische Praxis des Ordens untersucht. Dies erfolgt anhand der Gothaer Ordensloge, da von dieser einschlägige Dokumente vorhanden sind und diese neben anderen beispielhaften Charakter für das Ordensleben besitzt.<a href="#_ftn93" name="_ftnref93" title="">[93]</a> Es gilt, die pädagogische Funktion der einzelnen Bildungsmittel aufzuzeigen sowie anhand ausgewählter Beispiele die inhaltlichen Ziele zu bestimmen und sie unter dem Aspekt der bildenden Wirkung zu diskutieren.

Mit der Untersuchung von Bildungsgang, der begrifflichen Konstitutiva sowie des pädagogischen Instrumentariums und der sich daraus ergebenden Praxis sind die Dimensionen des pädagogischen Konzeptes der Illuminaten aufgewiesen. Dennoch sollen der Aus- und  Weiterbau im Rahmen einer Schlußbetrachtung untersucht werden, da Weishaupt sich auch in seinen späteren Arbeiten als pädagogisch ambitionierter Schriftsteller dem großen Projekt des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung, gestellt hat.

Die Konzentration auf Weishaupt läßt sich damit begründen, daß der Ordensgründer auch nach seiner Übersiedlung nach Gotha die Aktivitäten des Ordens mitgestaltete und sich die Weiterentwicklung der illuminatischen Pädagogik an seiner neuen Wirkungsstätte zur Aufgabe machte. Wie andere namhafte Zeitgenossen hat er einen wesentlichen Beitrag zu Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung in seiner Zeit geleistet, der sich einfügt in das Konzept der Aufklärungspädagogik. Diesem bisher von der pädagogischen Geschichtsschreibung vernachlässigten Aspekt will die vorliegende Arbeit durch die Rekonstruktion des pädagogischen Systems der Illuminaten Geltung verschaffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin der Welt für künftig und allzeit eine Nulle. Ich kann ihr auch durch nichts weiter nützen als mein Beispiel. Ich bin einmal wider willen auf die Bühne dieser Welt hervorgezogen worden. Da stehe ich nun dem Urtheil und der Beobachtung ausgesetzt, und mir liegt es ob, die mir zugeteilte Rolle mit Würde und Anstand zu vollenden.

            J.A.Weishaupt an Herzog Friedrich Christian                  

                         v. Schleswig Holstein am 10.9. 1793

 

II. Johann Adam Weishaupt – der Gründer des Illuminatenordens

1. Zum biographischen Hintergrund

Johann Adam Weishaupt gehört zu den Persönlichkeiten der Aufklärungsepoche, denen bisher noch nicht in gebührendem Maße Aufmerksamkeit zuteil wurde.  Bedauerlicherweise hat die wenig ausgreifende und oft vorurteilsreiche Auseinandersetzung mit seiner charakterlichen Disposition häufig zu Aussagen geführt, die sich bei genauerer Betrachtung als wenig zutreffend erweisen.<a href="#_ftn94" name="_ftnref94" title="">[94]</a> Eine Biographie von Weishaupt existiert bisher nicht. Basale Daten zu seiner Lebensgeschichte hat Leopold Engel zusammengetragen. Trotz seiner wohlwollenden Absichten, konnte er nicht verhindern, daß Weishaupt weiter kritisch und vorurteilsvoll beäugt wurde. Eine detaillierte Beschreibung dieses Lebensweges aufzuzeigen, kann nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein, doch sollen für das Verständnis von Person und Werk wesentliche, mit der Ordensgeschichte in Verbindung stehende, biographische Momente beachtet werden.

Im ersten Drittel seines Lebens hatte es den Anschein, als würde Weishaupt, ähnlich Kant, dessen einzige Lebensstation bekanntlich Königsberg war, Ingolstadt als Wohn- und Wirkungsort bis zu seinem Tode beibehalten wollen. Er wurde hier am 6. Februar 1748 als Sohn Johann Georg Weishaupts, Professor für kaiserliche Institutionen und Kriminalrecht an der Ingolstädter Universität, geboren. An diesem Ort wuchs er als Halbwaise nach dem Tod des Vaters 1753 auf. Seine Mutter erreichte es, durch die Fürsprache seines Paten, des bayrischen Schulreformers Johann Adam Ickstatt<a href="#_ftn95" name="_ftnref95" title="">[95]</a>, ihrem Sohn die in Bayern übliche höhere Bildung und Erziehung durch die Jesuiten angedeihen zu lassen. Dies befähigte Weishaupt im Alter von 15 Jahren, die Kollegien der Rechte<a href="#_ftn96" name="_ftnref96" title="">[96]</a>, Philosophie und Geschichte an der Ingolstädter Universität zu besuchen, wo er, vergleichsweise jung im Alter von 20 Jahren 1768 mit einer Abhandlung zum Thema Ius civile privatum promoviert wurde. Das Wohlwollen Ickstatts und der Umstand, daß der Jesuitenorden im Jahre 1773 durch päpstliche Anordnung aufgehoben worden war und somit jesuitische Professoren ihre Ämter abgeben mußten, verhalfen ihm zum Lehrstuhl für Kirchenrecht und praktische Philosophie, den er als einer der jüngsten Professoren bekleidete.

Entrüstung über die noch spürbare Einflußnahme ehemaliger jesuitischer Amtsträger in Stadt und Universität wie auch über die Abwerbung herausragender Studenten in Geheimgesellschaften, vornehmlich der Rosenkreuzer, veranlaßten ihn 1776 zur Gründung des Ordens der Illuminaten.<a href="#_ftn97" name="_ftnref97" title="">[97]</a> An sich war dies nichts besonderes, da das Sozietätswesen zu diesem Zeitpunkt sehr rege war.<a href="#_ftn98" name="_ftnref98" title="">[98]</a> Was zunächst eine kleine Gemeinschaft von Studenten um einen pädagogisch ambitionierten Gelehrten war, wurde späterhin zu einer im arcanum funktionierenden Organisation, die sich in erster Linie für die Bildung und Aufklärung ihrer Mitglieder einsetzte. Im öffentlichen Raum begannen sich fast zum selben Zeitpunkt ähnliche Aktivitäten zu regen, wie die Gründung der ersten, der Aufklärung verpflichteten, pädagogischen Institute beweist. Beispiele hierfür sind Pfeffels und Basedows Philanthropine in Colmar bzw. Dessau in den Jahren 1773 bzw. 1774. Vom 1. Mai 1776 bis ins Frühjahr 1785 als das endgültige Verbot die Illuminatentätigkeit Weishaupts formal aufhob, widmete er sich der Ausarbeitung des Schulungssystems sowie der Organisation des Ordens. Zunächst sah er in dem Freiherrn Adolph von Knigge {Philo} einen engen Verbündeten, doch führte Knigges allzu eilfertiges und teilweise unvorsichtiges Vorgehen 1784 zur einvernehmlichen Trennung vom Orden. Weishaupts Stellung als Ordensgründer war bis zuletzt aufgrund der funktionierenden Geheimhaltung lediglich den Mitgliedern der höheren Leitungsebenen bekannt.

Die Aufhebung des Ordens, die Entlassung Weishaupts aus dem Universitätsdienst<a href="#_ftn99" name="_ftnref99" title="">[99]</a> sowie die Demaskierung als Ordensgründer nötigten ihn zur Flucht aus Ingolstadt. Er entging den Verfolgungen in der damaligen freien Reichsstadt Regensburg. Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg {Timoleon}, der seit 1783 als Illuminat sehr aktiv war, verlieh ihm das Amt eines Hofrats. Auf diese Weise blieb er verschont von dem Schicksal der Verfolgung, das einige seiner Anhänger wie z.B. Thomas Freiherr von Bassus {Minos},  Marchese di Costanzo {Diomedes} oder Maximilian Graf von Montgelas {Musaeus}<a href="#_ftn100" name="_ftnref100" title="">[100]</a> erdulden mußten. Im Jahre 1785 schien es sogar, als eröffne sich ihm die Möglichkeit, pädagogisch tätig zu werden. Er wurde, unterstützt von ehemaligen Ordensbrüdern, für das Amt des Prinzenerziehers in Zweibrücken vorgeschlagen, was u.a. aufgrund des frühen Ablebens des Sohnes und Titelerben des amtierenden Grafen nicht realisiert werden konnte.

Auch seine privaten Umstände, vor allem die zunächst ungeklärten Verhältnisse, die seine zweite Heirat mit der Schwester seiner verstorbenen Frau betrafen, gestalteten sich schwierig. Die Frau erwartete ein Kind, bevor der Papst seinen dispens zur Wiederverheiratung gegeben hatte. Die Angelegenheit, die auf das Jahr 1783 zurückgeht, wurde nach Bekanntwerden der OS 1787 zum moralischen Stolperstein, der sogar Schiller eine Stellungnahme abrang<a href="#_ftn101" name="_ftnref101" title="">[101]</a>. In den konfiszierten Ordenspapieren fand sich ein Brief Weishaupts an den Ordensbruder und Areopagiten Marius {Joseph Anton Hertel}<a href="#_ftn102" name="_ftnref102" title="">[102]</a>, dessen Inhalt ihn schwerwiegend belastete. Er stand jedoch zu seiner Verfehlung und nutzte die Situation, um als Betroffener „der Retter und Fürbitter so vieler Menschen zu werden, die sich nach mir in einer ähnlichen Gemütslage befinden werden.“<a href="#_ftn103" name="_ftnref103" title="">[103]</a> Er wich den auf ihn einhagelnden Anschuldigungen nicht aus, sondern versuchte, die gerade in dieser Zeit debattierte Problematik des Kindermords<a href="#_ftn104" name="_ftnref104" title="">[104]</a> und dessen mit gesellschaftlichen Vorurteilen behaftete Konsequenzen an seinem Beispiel in die öffentliche Diskussion einzubringen. Die Befürchtung, daß man ihn mit „allen moralischen Schwätzern in eine Classe werfen würde, daß nun alles verlohren seyn würde, wenn keine Auswege gefunden würden, um diese Mackel meines Lebens zu verbergen,“ bewahrheitete sich und zeitigte z.T. tiefgreifende Folgen.<a href="#_ftn105" name="_ftnref105" title="">[105]</a>

Nach seiner Flucht in die dem Aufklärertum offene Residenzstadt Gotha im Jahre 1787, wo er eine ausgesprochen gut organisierte und kompetent geführte Logen- und Minervalkirchentätigkeit vorfand, wurde Weishaupt von den dortigen tonangebenden Illuminaten, Johann Joachim Christoph Bode {Aemilius} und Herzog Ernst {Timoleon}, nicht angeboten, den Vorsitz der Loge zu übernehmen.<a href="#_ftn106" name="_ftnref106" title="">[106]</a> Es ist fraglich, ob er nach den Erfahrungen der Verfolgung überhaupt die Absicht hegte, sich an die Spitze des Ordens in Gotha zu stellen.

Weishaupt ist auch deshalb weitestgehend unbeachtet geblieben, und wenn überhaupt, dann negativ beurteilt worden, weil ihm der Illuminatismus als „Vergehen“ derart zur Last gelegt wurde, daß sich ein ernsthafteres und ausgreifendes Interesse an ihm kaum entwickeln konnte.<a href="#_ftn107" name="_ftnref107" title="">[107]</a> Wenn jedoch der Ordensgründer einen so wenig ehrenvollen Lebensweg beschritten hat, aus welchem Grunde hätten so viele eindrucksvolle Persönlichkeiten<a href="#_ftn108" name="_ftnref108" title="">[108]</a> des 18. Jahrhunderts sich den illuminatischen Ideen anschließen sollen? Tatsächlich kann man Zeitgenossen, die ihn persönlich kannten, wie Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus}, Glauben schenken, der ihn in einem Brief an Friedrich Justin Bertuch vom 21. April 1785 der Allgemeinen Literatur Zeitung anempfiehlt: „Ich habe ihn [Weishaupt] hier kennengelernt und bin über die hellen Begriffe und den präzisen, körnigten Ausdruck dieses Mannes erstaunt.“<a href="#_ftn109" name="_ftnref109" title="">[109]</a> Der bayrische Staatsminister Graf Lehrbach merkt zwar Kritisches an, bezeichnet ihn jedoch als „ein[en] kluge[n] Kopf, unübertrefflich, einen Plan zu entwerfen; dieser Plan muß aber allemal von Anderen durchgesehen und berichtigt werden.“<a href="#_ftn110" name="_ftnref110" title="">[110]</a>

Weishaupts Wirken wird meist nur unter dem Aspekt seiner Tätigkeit im Orden wahrgenommen, die nahezu vier Jahrzehnte seines Lebens nach dessen Aufhebung sind von der Forschung bisher selten beachtet worden. Er hat in der Zeit nach der Ordenstätigkeit sein pädagogisches Anliegen weiter verfolgt und sich primär der Frage nach der sittlichen Vollkommenheit und Menschenkenntnis zugewandt. Weishaupts Dasein in dem Thüringer Herzogtum, wo seine nunmehr zweite Familie bis 1792 neun Personen zählte, war bestimmt von seiner philosophierenden Schriftstellerei. Er fand hier, dank der Protektion durch den Herzog einen neuen Anfang, doch erreichte er seinen einstigen Einfluß nicht mehr. Zwar wurde von Herzog Ernst und Bode versucht, ihm zu einem Lehrstuhl an der Jenaer Universität zu verhelfen, doch verweigerte Herzog Karl August von Sachsen-Weimar {Aeschylus} seine Zustimmung.

Über Weishaupts Ansehen in Gotha berichtet Reichard {Wiclef}: „In meiner Vaterstadt galt Weishaupt, seinem öffentlichen Wandel zufolge, mit vollem Rechte allgemein für einen redlichen und hochachtbaren Mann“<a href="#_ftn111" name="_ftnref111" title="">[111]</a>. Ebenfalls von Reichard stammt die Aussage, daß er der Herzogin und dem Bruder des Herzogs, der als Walter Fürst eines der aktivsten Ordensmitglieder war, sehr nahe stand und häufig Umgang mit ihnen pflegte<a href="#_ftn112" name="_ftnref112" title="">[112]</a>. Weishaupt stand weiterhin in Kontakt mit einigen einflußreichen Persönlichkeiten, von denen er sich Unterstützung und Protektion erhoffte. Diese Bemühungen führten u.a. aufgrund seiner Reputation nicht zu einer adäquaten Anstellung. Es ist durchaus möglich, daß Weishaupt als Rezensent der „Gothaischen gelehrten Zeitungen“ gearbeitet hat<a href="#_ftn113" name="_ftnref113" title="">[113]</a>. Dieses Periodikum, das im Verlag von Carl Wilhelm Ettinger herausgegeben wurde, versäumte es nicht, seine in Gotha entstandene Schriften als Literaturempfehlung aufzunehmen und mehr als wohlwollend zu rezensieren.<a href="#_ftn114" name="_ftnref114" title="">[114]</a>

Auch die Verbindung zu Herzog Friedrich Christian von Schleswig-Holstein<a href="#_ftn115" name="_ftnref115" title="">[115]</a> verschaffte ihm zumindest teilweise Anerkennung und Unterstützung. Der Herzog ließ sich von Weishaupt in Menschenkunde unterrichten, er hatte von dem Ordensgründer eine hohe Meinung und teilte seine Ansicht, daß man unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen nur im Geheimen operieren könne, wenn man etwas in Gang setzen wollte: „In einem solchen Land müssen die wenigen Männer von Talenten und Kenntnissen sich unter einer unverdächtigen Hülle vereinigen, um den schlafenden Geist der Nation zu wecken, um Einfluß auf die Erziehung zu erhalten, und eine bessere erleuchtete Generation von Geschäftsmännern, Privaterziehern und Schullehrern zu bilden, und dazu ist also eine geheime Gesellschaft notwendig“<a href="#_ftn116" name="_ftnref116" title="">[116]</a>

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Christian und Weishaupt dauerte von 1791 bis 1813 und war geprägt vom Willen des Herzogs, Weishaupt zu unterstützen. Ein weiterer Förderer Weishaupts war der Erfurter Statthalter und Mitglied des Illuminatenordens Carl Theodor von Dalberg {Baco di Verulam}, der Weishaupts schriftstellerische Projekte unterstützte. Diese Umstände verschafften ihm eine teilweise Rehabilitation, obwohl er aus Bayern auf Lebenszeit verbannt war. Trotzdem wurde er im Jahre 1808 zum korrespondierenden Mitglied der bayrischen Akademie der Wissenschaften in München ernannt<a href="#_ftn117" name="_ftnref117" title="">[117]</a>, was ihm die Möglichkeit bot, wieder an der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion teilzunehmen, ihn jedoch keineswegs zufriedengestellt haben mag.

Aus den letzten beiden Lebensjahrzehnten Weishaupts ist wenig bekannt. Er widmete sich weiterhin der Schriftstellerei, er blieb bis zuletzt Denker der Aufklärung und Anhänger des Fortschrittsglaubens und hoffte darauf, daß spätere Generationen seine Verdienste würdigen könnten. Doch er sah keinen Grund, seine nach der öffentlichen Niederlage eingenommene pessimistische Haltung gegenüber der Gesellschaft bis zu seinem Tod am 18. November 1830 zu revidieren.

 

 

 

2. Weishaupts Denkungsart

Der Illuminatengründer Weishaupt wird gemeinhin nicht als hervorstechende Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts angesehen. Man muß ihm gleichwohl ein Gespür für die Belange seines Zeitalters attestieren, das in dem von ihm initiierten Illuminatenorden, dem Modellversuch einer der Aufklärung verpflichteten Sitten- und Weisheitsschule, seinen Niederschlag findet. Er hat Anteil an dem Wandel, der seit der Aufklärungszeit die europäische Denkungsart bestimmt. Weishaupt verfügte über ein ausgeprägtes Sensorium für gesellschaftliche Probleme, er neigte zum Eklektizismus und vertrat einen pragmatischen Begriff von Aufklärung. Diese drei Momente beeinflußten seine Ideenwelt maßgeblich, sie bildeten die gedankliche Grundlage des Illuminatenprojektes.

Sein Wesen war teilweise bestimmt von einer kühl-distanzierten Haltung. Ganz besonders wird diese deutlich in einer Äußerung, die er gegenüber Herzog Ernst von Sachsen-Gotha in bezug auf seine Familienverhältnisse während der Flucht nach Gotha hervorbringt: „zum großen Glück ist mein Drittes Kind nach 8 Tagen verstorben.“<a href="#_ftn118" name="_ftnref118" title="">[118]</a> Hier tritt der ihm von Hagbard zugeschriebene, als „philosophisch kalt“<a href="#_ftn119" name="_ftnref119" title="">[119]</a> bezeichnete Wesenszug besonders zutage. Es zeigt eine m.E. wesentliche Ausrichtung in Weishaupts Denken, das die zwischenmenschlichen Beziehungen dem Überpersönlichen, auf ein großes Ziel hindenkenden unterordnete, was ihn teilweise ethische Normen vergessen ließ. Die wohl zutreffendste Umschreibung von Weishaupts Charakter hat Reinhart Koselleck gefunden, der ihn als „von schüchterner Aufdringlichkeit“<a href="#_ftn120" name="_ftnref120" title="">[120]</a> bezeichnet hat.

Weishaupt zeigt in nahezu allen seinen schriftlichen Äußerungen ein ausgreifendes Interesse  an gesellschaftlichen Fragen, er verfügte über ein entwickeltes Sensorium für problematische gesellschaftliche Konstellationen und Prozesse. Reinhart Koselleck<a href="#_ftn121" name="_ftnref121" title="">[121]</a> hat ihn in eine Reihe mit St. Simon und Marx gestellt. Den Begründer des Kommunismus und Weishaupt verbindet ein ähnlicher Befund in bezug auf die Verhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaft: „In jedem ältern und neuern Staat, in monarchischen, wie in polyarchischen Staaten steht noch immer, so weit unsere Geschichte reicht, mit abwechselnden Glück, der gehorchende Theil mit dem gebietenden in einem fortdauernden Kampf, in dem Zustande eines bald öffentlichen, bald geheimen Krieges. Jeder Stand will sich auf Unkosten des Ganzen, zum Nachtheil seiner Mitstände, selbst einzelne Staatsbürger wollen sich über ihren Stand erheben.“<a href="#_ftn122" name="_ftnref122" title="">[122]</a> Hier werden ganz deutlich die Phänomene beschrieben, denen Marx später die Begriffe Klassengegensätze bzw. Klassenkampf zuordnete. Er glaubte, Sitten würden ausschließlich „durch Sitten geändert, und Meinungen durch das langsame unmerkliche Entstehen neuer Meinungen verdrängt.“<a href="#_ftn123" name="_ftnref123" title="">[123]</a> Der nicht zufriedenstellenden gesellschaftlichen Situation konnte nur durch eine im Hintergrund agierende Vereinigung begegnet werden. Weishaupt behauptete sogar, daß „Gott selbst den Trieb nach geheimen Verbindungen in die edlern und schönern Seelen der Menschen gelegt [hat], um den übrigen zurückgebliebenen Theil zur Vollkommenheit, zur Glückseeligkeit zu führen.“<a href="#_ftn124" name="_ftnref124" title="">[124]</a> Hauptsächlich unter dem Einfluß von Jean Jacques Rousseau<a href="#_ftn125" name="_ftnref125" title="">[125]</a>, aber auch durch die Schriften des französischen Sozialkritikers Raynal war er zu der Überzeugung gelangt, der Mensch müsse aus dem herrschenden gesellschaftlichen Zustand herausgeführt werden. Doch war ihm die bürgerliche Gesellschaft zu Zeiten des Illuminatenordens keine Alternative. Er wollte, „daß der Mensch den Bürger unendlich übertreffe.“<a href="#_ftn126" name="_ftnref126" title="">[126]</a> Der Mensch sollte sich selbst regieren lernen. Hatte er es darin zur Meisterschaft gebracht, würden sich gesellschaftliche Organisationsformen erübrigen. Hierin zeigt er sich nicht konform mit Rousseau, der in seinen gesellschaftkritischen Schriften die gleichzeitige Ausbildung zum Menschen und zum Bürger gefordert hatte.

Weishaupt war darauf aus, möglichst viele der sich im 18. Jahrhundert regenden geistigen Strömungen aufzunehmen, diese pädagogisch aufzubereiten und unter den Illuminaten zu verbreiten. Er konnte nicht für sich beanspruchen, die von ihm favorisierten Ideen grundlegend umgestaltet oder weiterentwickelt zu haben. Er verwendete sie versatzstückhaft<a href="#_ftn127" name="_ftnref127" title="">[127]</a> und betätigte sich eher als Eklektiker denn als originärer Denker. Er sagte von  sich selbst, seine Suche nach Ideen dauere so lange an, „bis ich durch ein Ungefähr entdecke, daß selbst weisere Menschen der Vorzeit und der neuern Zeiten nicht anders gedacht haben. Dies verursacht sodann, daß ich Muth fasse, und abermahls glaube, die Wahrheit gefunden zu haben.“<a href="#_ftn128" name="_ftnref128" title="">[128]</a> Er holte sich also die Bestätigung für die Richtigkeit seiner Ansichten größtenteils bei den für ihn entscheidenden Philosophen und Gelehrten, dabei spielte es weniger eine Rolle, ob die jeweiligen Ideen miteinander kompatibel waren. Entscheidend war ihre Verwertbarkeit für die von ihm verfolgten Ziele.

Sein Hang zum Eklektischen verbindet Ideen und Konzepte wie die strikte Subordination der Societas Jesu mit altertümlichen Kulten oder dem Aufklärertum eines Pope, Helvetius, Rousseau. Es gehörte nicht zu seinem Anliegen, mit einer völlig neuartigen Lehre aufzuwarten. Weishaupt verfolgte ein ganz anderes Ziel: „Unsre Lehren sind nicht neu und unbekannt: aber die Anstalten zur Ausführung, die brennende, heiße Begierde, dieß alles zu werden, ist neu, ist uns vor allen andern eigen.“<a href="#_ftn129" name="_ftnref129" title="">[129]</a> Ihm kam es darauf an, daß Ideen und Lehren zur Anwendung gebracht wurden und für das Leben des einzelnen Bedeutsamkeit erlangten. Er stellte mit Bedacht auf pragmatische, dem Handeln verpflichtete Grundsätze ab. Der Illuminatenorden sollte sich zu einem ausführenden Organ der Aufklärung entwickeln. Seine pragmatische Zielsetzung bestätigt die Auffassung Ernst Cassirers, die gesamte Epoche sei „von den vorangehenden Jahrhunderten abhängig geblieben. Sie hat nur das Erbe dieser Jahrhunderte angetreten; sie hat weit mehr geordnet und gesichtet, entwickelt und geklärt, als sie wahrhaft neue, schlechthin originale Gedankenmotive ergriffen und zur Geltung gebracht hat.“<a href="#_ftn130" name="_ftnref130" title="">[130]</a>

Die Widmung ‚Der Welt und dem menschlichen Geschlecht’, die Weishaupt seiner Schrift Verbessertes System des Illuminatenordens voranstellt, belegt, daß er sich im Sinne der Leitgedanken der Aufklärung betätigen wollte. Er verstand Aufklärung als Aufruf, die „selbstverschuldete Unmündigkeit“<a href="#_ftn131" name="_ftnref131" title="">[131]</a> zu überwinden und weist ihr im Verlaufe seiner Ausführungen eine ähnlich maßgebliche Orientierungsfunktion für den Bildungsprozeß wie Moses Mendelssohn zu. Mendelssohn, der Bildung als Produkt von Kultur und Aufklärung ansah, war von der „Bestimmung des Menschen als Maß und Ziel all unserer Bestrebungen und Bemühungen“ überzeugt, dies war für ihn der „Punkt, worauf wir unser Auge richten müssen, wenn wir uns nicht verlieren wollen.“<a href="#_ftn132" name="_ftnref132" title="">[132]</a> Diese Sicht deckt sich zu einem Großteil mit den Ambitionen des Illuminatismus. Der Feststellung Mendelssohns, daß ‚Bildung’ ein ‚Neuankömmling in der Sprache’ sei, damit zur ‚Büchersprache’ gehöre und als blutleeres Konzept im Raum stünde, steht das Bemühen des Illuminatenordens entgegen, die Diskrepanz zwischen programmatischem und handelndem Aufklärertum zu verringern: „Handeln ist also [...] erster Zweck, die Welt beßer und klüger zu machen.“<a href="#_ftn133" name="_ftnref133" title="">[133]</a> Auf die Illuminaten trifft Cassirers Wort zu, daß die Ideen vorangegangener Zeitalter „aus festen und fertigen Gebilden zu tätigen Kräften“<a href="#_ftn134" name="_ftnref134" title="">[134]</a> geworden seien.

Weishaupts pragmatischer Begriff von Aufklärung geht von der Interdependenz zwischen Individuum und gesellschaftlichem Umfeld aus: „Aufklärung ist zu wissen, was ich seye, was andere seyn, was andere fordern, was ich fordere: zu wissen, daß ich mir nicht allein erklecklich bin, daß ich ohne Mithilfe meiner Nebenmenschen nichts bin, sie als einen wesentlichen Theil meiner Glückseeligkeit betrachten, ihren Beyfall, Gunst zu suchen, zu wissen, daß ich solchen nicht erhalte außer durch Ausübungen, die ihnen nutzbar sind.“ <a href="#_ftn135" name="_ftnref135" title="">[135]</a>  Klarheit über die eigene Befindlichkeit wird zum Ausgangspunkt aller Tätigkeit des Menschen. Er sollte zuerst zu sich selbst finden, sollte wissen, wer er ist, sich selbst gegenüber in Toleranz üben. Dann konnte er „nachgiebig gegen Fehler, tolerant gegen anderer Meynungen, und mit seinem Schicksal zufrieden“ <a href="#_ftn136" name="_ftnref136" title="">[136]</a> sein. Der Mensch soll im Hinblick auf die Mitmenschen leben, seinen „Überschuß zum Nutzen anderer verwenden.“<a href="#_ftn137" name="_ftnref137" title="">[137]</a>

Es war ihm bewußt, daß dieser Anspruch nicht von allen eingelöst werden konnte, daß aber diejenigen, die sich hierzu tauglich zeigten, auf den richtigen Weg gebracht werden mußten. Illuminaten sollten zu „Streitern gegen Finsterniß“<a href="#_ftn138" name="_ftnref138" title="">[138]</a> werden und diese Haltung verinnerlicht haben. Klaus M. Kodalle hat auf die Elitefunktion des Ordens hingewiesen, die in diesem Gedanken ihren Ursprung hat.<a href="#_ftn139" name="_ftnref139" title="">[139]</a> Die Umgestaltung der Gesellschaft durch Aufklärung war zuvorderst eine Angelegenheit für eine überschaubare Gruppe bereits Aufgeklärter. Unter diesen galt es in erster Linie, Erreichtes zu erhalten und gewonnene Einsichten für das eigene Leben zu nutzen: „Könnt ihr nicht allen Menschen auf einmal diesen Grad der Aufklärung verschaffen, so fangt ihr, wenigstens ihr besseren unter euch selbst an. Dient, helft, versichert euch wechselweis, vermehrt eure Zahl, macht euch wenigstens unabhängig, und laßt das übrige die Zeit und eure Nachkommen thun.“<a href="#_ftn140" name="_ftnref140" title="">[140]</a> Aufzuklären hieß für Weishaupt nicht ungestümes Aufrufen zum Tätigsein für die Menschheit, sich loszulösen von allem Bisherigen. Vielmehr wollte er die Chancen, die dieser Moment der Besinnung auf das Menschsein hervorgebracht hatte, nutzbar machen für künftige aufgeklärtere Generationen. Er war wie andere Aufklärer der Auffassung, daß die Menschheit zu ihrer Vervollkommnung von sich aus fähig sei. Sein Menschenbild war von der Überzeugung geprägt, das Individuum verfüge über unerschöpfliche Potentiale, die es für sich und andere nach geeigneter Anleitung nutzen könne. Die Vervollkommnung des Menschen mußte bei jedem einzelnen begonnen werden. Mit seiner Absicht, den Menschen zu perfektionieren, stand er nicht allein, nahezu sämtliche Bemühungen um Erziehung und Bildung der Zeit galten der Vervollkommnung des Menschen<a href="#_ftn141" name="_ftnref141" title="">[141]</a>. Er wurde jedoch von den der Aufklärung abgeneigten bayrischen Herrscherkreisen geächtet, weil er sich mit dem Illuminatenprojekt entschlossen zeigte, die Bestrebungen der Aufklärer zu unterstützen.  Ebenso wie diese beabsichtigte er „alle Lebensbereiche planmäßig zu vervollkommnen, einen bis dahin ungeahnten Handlungsspielraum zu suchen“<a href="#_ftn142" name="_ftnref142" title="">[142]</a>, indem er sein Augenmerk auf die „Zukunft im Diesseits“<a href="#_ftn143" name="_ftnref143" title="">[143]</a>  richtete. 

Es finden sich allerdings wenige pädagogische Ansätze im 18. Jahrhundert, die auf eine Erziehungsanstalt zielten, die nicht in das Leben entläßt, sondern die das Leben selbst inkorporiert. Eine solche strebte Weishaupt an. Nach seiner Vorstellung sollte ein Illuminat sich dazu verpflichten, sein „ganzes Leben hindurch [dem Orden] anzugehören.“<a href="#_ftn144" name="_ftnref144" title="">[144]</a> Zu dem Zeitpunkt als die Aufklärungsbewegung auch in Deutschland in ihre Spätphase eingetreten war und die Pädagogik eine Schlüsselstellung erhielt, hatte Weishaupt den Illuminatenorden als „Tempel, in dem die Vollkommenheit einstens Wohnung nehmen würde“<a href="#_ftn145" name="_ftnref145" title="">[145]</a> konzipiert.

Weishaupt gehört ohne Zweifel zu denen, die sich dem pädagogischen Auftrag der Gesellschaft stellten, ihm wie vielen anderen seiner Zeit „schwebte als Zweck die Ausbildung der Menschheit zur reinen Sittlichkeit dunkel vor.“<a href="#_ftn146" name="_ftnref146" title="">[146]</a> Es ist durchaus gerechtfertigt, ihm Anregungspotential zuzuschreiben, das von Schrittmachern des ausgehenden 18. wie auch beginnenden 19. Jahrhunderts aufgenommen wurde. Anregungen direkt von ihm bzw. durch den Illuminatenorden erhielten beispielsweise die Staatsreformer in Bayern Graf von Montgelas {Musaeus} und Franz Xaver von Zwackh {Cato}, die beide selbst zu den Illuminaten gehörten. Bei ihren Bemühungen um das bayrische Schulwesen am Anfang des 19. Jahrhunderts kamen ihnen illuminatische Erfahrungen zugute. Beide standen mit Weishaupt auch späterhin in Verbindung und betrachteten ihn als ihren Lehrer. Auch Knigges {Philo} Schrift Ueber den Umgang mit Menschen ist ohne seine Tätigkeit für den Orden nicht denkbar. Rudolph Zacharias Beckers {Henricus Stephanus} Engagement für die Volksaufklärung erhielt starke Impulse durch die Illuminaten. Sein Noth- und Hülfsbüchlein wurde von ihnen gefördert.

Wir treffen in der Gestalt Weishaupts auf eine Persönlichkeit, die sich den Anforderungen ihres Zeitalters gestellt und trotz der konservativen Haltung an der Universität Ingolstadt und den Nachstellungen antiaufklärerischer Kräfte, nicht beirren ließ in seinen Bemühungen um eine Verbesserung des menschlichen Daseins. Sein Streben war von dem aufklärerisch-optimistischen Bewußtsein getragen, daß der Mensch durch Erziehung das, „was er aus sich selbst haben könnte, nur geschwinder und leichter“<a href="#_ftn147" name="_ftnref147" title="">[147]</a> erhält. Weishaupt gebührt nicht nur deshalb ein Platz in der Reihe all derer, welche die Formierung einer neuen Gesellschaftsordnung, weg von Absolutismus und Feudalismus, vorangetrieben haben.

 

3. Überblick über das Schaffen

Dem Schrifttum Weishaupts wurde von der Aufklärungsforschung kaum Beachtung geschenkt. Seine pädagogischen Gedanken und Visionen gehen in seinen Werken fast unter. Schon Leopold Engel beklagte die Vernachlässigung des Weishauptschen Werkes durch die Forschung und wünschte sich eine Darstellung, welche vorrangig pädagogischem Interesse, sollen der Vollständigkeit halber ebenfalls erwähnt werden.<a href="#_ftn148" name="_ftnref148" title="">[148]</a>

Schriften zum Gradsystem und zur ordensinternen Erziehung vermitteln zuweilen den Eindruck, als läge dem illuminatischen Bildungsgang eine in sich geschlossene Lehre zugrunde. Weishaupt suggeriert dies gelegentlich, wenn er schreibt, daß das, was er sich vorgenommen hatte, „ein sicherer, tief durchdachter, fester, unentweiheter Plan“<a href="#_ftn149" name="_ftnref149" title="">[149]</a> gewesen sei, dessen Umsetzung der Aufklärung rasch Vorschub leiste. Der Ausbildungsgang wurde jedoch erst ex post wirklich komplettiert, das System, das den Ordensalltag bestimmte, glich eher einem work in progress. Und in diesem Verständnis waren Veränderungen, wenn sie der Verbesserung der Grade dienten, für ihn eigentlich selbstverständlich. Erst ab ca. 1783 zeigt sich, einhergehend mit der Fertigstellung der Mysterien, eine Konsolidierung des Systems. Diese ermöglichte ein einheitlicheres Vorgehen innerhalb der Ordensniederlassungen.

Die Statuten und Anweisungen zu den einzelnen Graden, von denen jede Loge Abschriften erhielt, geben Aufschluß über das System. Dokumente dieser Art finden sich in der Schwedenkiste. Auch die in den Originalschriften enthaltenen Dokumente bieten Aufschluß über den Bildungsgang. Eine umfassende Übersicht der ersten Illuminatenklasse sowie des ersten Grades der zweiten Klasse bietet die Sammlung Der ächte Illuminat von Faber. An sie schließt sich nahtlos die von Grolman herausgegebene Schrift Illuminatus dirigens oder Schottischer Ritter an. Die untersten Grade der dritten Klasse sind in Grolmans Die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo widergegeben. Die Texte der höheren Grade sind als Beigabe abgedruckt in Bodes Journal. Diese Editionen, die vornehmlich auf Weishaupt zurückgehende Fassungen der Grade bereitstellen, markieren den ersten Abschnitt seines Werkes. Hinzu kommt die umfassende Überarbeitung der Grade in der Schrift Verbessertes System des Illuminatenordens. Auf die genannten Dokumente und Quelleneditionen stützt sich die Darstellung des Gradsystems.

Daß die Schriftstellerei weder zu den angesehensten noch einträglichsten gehörte<a href="#_ftn150" name="_ftnref150" title="">[150]</a>, läßt ein Brief des Freiherrn von Meggenhofen vermuten: „Daß Sie fleissig sind, und unaufhörlich Bücher schreiben, sehe ich, und würde mich darüber freuen, wenn mich nicht der Gedanken schenirte, daß Sie davon leben müssen.“<a href="#_ftn151" name="_ftnref151" title="">[151]</a> Es blieb Weishaupt jedoch keine andere Wahl, da alle Versuche, ihn in eine akzeptable Stellung zu bringen, an seiner Reputation scheiterten.

Die apologetischen Schriften Weishaupts resultieren aus den Verfolgungen und den polemischen Attacken gegen ihn, er sah sich herausgefordert, sein Anliegen öffentlich zu verteidigen.<a href="#_ftn152" name="_ftnref152" title="">[152]</a> In seiner Schrift Apologie der Illuminaten aus dem Jahre 1786 verteidigt er das illuminatische Ordensprojekt, wohl wissend, daß er damit nichts an der Haltung seiner Gegenredner zu ändern vermochte: „Wer sich einmal vorgenommen hat, aus allen Blumen Gift zu saugen, der findet sehr leicht in ieder Tugend ein Verbrechen, im Gebet des Herren Ketzereyen, und dem soll es ein leichtes seyn, daß die Sittenlehre die gefährlichste aller Wissenschaften sey.“<a href="#_ftn153" name="_ftnref153" title="">[153]</a>  Diesem Werk folgten bis 1787 sieben weitere Veröffentlichungen, in denen er sein Tun rechtfertigte, er mußte sich gegen Urteile zur Wehr setzen, von der Art, der Orden sei Zeit- und  Geldverlust, halte sich vornehmlich mit Predigen gegen den Patriotismus auf und betreibe falschen Kosmopolitismus. Die von Weishaupt präferierte Verteidigungsstrategie zeigt die starke persönliche Betroffenheit, die die massiven Angriffe bewirkten. Weishaupt ließ sich zu polemischen Erwiderungen hinreißen, welche seiner Argumentation nicht selten schadeten. Er hat jedoch nicht unrecht, wenn er anführt, innerhalb der Diskussion um die Illuminaten seien „Verdrehung und Verläumdung zum Gesetz gemacht“ worden.<a href="#_ftn154" name="_ftnref154" title="">[154]</a> Weishaupt beklagte, „daß man alle seit kurzer Zeit herausgekommene, Religion, Staat und Sitten beleidigende Bücher auf ihre [der Illuminaten] Rechnung geschrieben, sich aber in der Untersuchung selbst, nicht das geringste davon bestätigt habe.“<a href="#_ftn155" name="_ftnref155" title="">[155]</a> Die sich überschlagenden politischen Ereignisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurden den Illuminaten zum Verhängnis, da ihnen nahezu jegliches auf ihre Aufdeckung folgende Ereignis von Brisanz zur Last gelegt wurde. Nach den Umbrüchen in Frankreich, insbesondere nach 1792, wurde Weishaupt unterstellt, als Drahtzieher der französischen Revolution tätig gewesen zu sein, Menschen auf demagogische Weise manipuliert und ausspioniert zu haben etc.<a href="#_ftn156" name="_ftnref156" title="">[156]</a> Vorwürfe wie „die Menschen müssen einander fressen, wenn man sie früher frey als gut macht“<a href="#_ftn157" name="_ftnref157" title="">[157]</a> waren gegenüber Weishaupt nicht gerechtfertigt. Gerade der Gefahr, Menschen durch Revolutionen früher frei als gut zu machen, wollte er mit seinem Ausbildungsgang entgegentreten. Ihm widerfährt in dieser Beziehung Unrecht - im Gegensatz beispielsweise zu Knigge und Bode, die sich für die revolutionären Ideen begeisterten.

Noch im Jahre 1799 waren die Anschuldigungen gegen ihn so gravierend, daß er nach einer gerichtlichen Untersuchung verlangte. Er wollte beweisen, „daß ich niemand hintergangen habe, daß diese Verbindung nicht allein nicht gefährlich, sondern von allen übrigen bei weitem die unschädlichste , daß sie sogar trotz allen widrigen Scheins, groß und erhaben war, daß keine Schule für Selbst- und Menschenkenntniß gefunden werden dürfte, welche ihr gleichkäme.“<a href="#_ftn158" name="_ftnref158" title="">[158]</a> Indem er die Beweggründe für sein Agieren im arcanum anführt, ist er gleichzeitig gezwungen, seine pädagogische Motivation zu erläutern. Nach der Niederlage in Ingolstadt erhalten seine pädagogischen Ambitionen neuen Auftrieb, sie finden Ausdruck in der Apologetik. Er blieb bei seiner Überzeugung, daß die Menschheit zu ihrem eigenen Besten planmäßig unterwiesen werden müsse.

Zu den zwischen 1786 und 1787 in steter Folge erschienenen Schriften, zählen neben der Apologie der Illuminaten, der im Umfang noch wesentlich größere Nachtrag zu meiner Apologie und auch Vollständige Geschichte der Verfolgung der Illuminaten in Bayern. In ihnen nimmt Weishaupt hauptsächlich bezug auf seine illuminatische Tätigkeit. Seine Einlassungen in Kurze Rechtfertigung meiner Absichten und Nachtrag zur Rechtfertigung meiner Absichten sind eine Reaktionen auf die gegen seine Person vorgebrachten Anschuldigungen.

Die thematische Ausrichtung seiner in Gotha verfaßten Schriften verdeutlicht, daß sein weiteres Wirken als eine Weiterführung der Ideen, die bereits während des Bestehens des Illuminatenordens sein Denken bestimmten, angesehen werden muß. Die hauptsächlich moralphilosophisch angelegten Publikationen erfahren über eine Zeit von ungefähr zweieinhalb Jahrzehnten die eine oder andere Nuancierung, bewegen sich thematisch jedoch immer innerhalb des Spannungsfeldes von den die Gesellschaft konstituierenden Kräften des Denkens, Glaubens, Erziehens und Regierens. Diese „sind doch wahrlich Dinge, von deren bessern oder unedlern Beschaffenheit alle Ruhe der Glückseligkeit abhängt.“<a href="#_ftn159" name="_ftnref159" title="">[159]</a> Er mißt ihnen große Bedeutung bei, da sie der menschlichen Existenz erst einen Sinn verleihen, ihr Zusammenspiel ist die Grundvoraussetzung des gesellschaftlichen Miteinanders. Weishaupt sieht sich im Hinblick auf die Wirklichkeit zu einem eher resignativen Urteil veranlaßt: „In einer Welt, wo es gleichviel ist, wie jeder denkt oder handelt, was er glaubt, oder wie er regiert und erzogen wird: in einer Welt, in welcher jedem Lebenden nur Böses bevorsteht, wo alles nur angefangen wird, ohne jemals vollendet zu werden, wo sich alle Herrlichkeit in einem Traum endigt, und in Nichts verliert; - da scheint freylich das Seyn vor dem Nichtseyn wenig Vorzug zu verdienen.“<a href="#_ftn160" name="_ftnref160" title="">[160]</a> Dennoch hält er an seiner pädagogischen Grundauffassung fest, daß der Erziehung die größte Bedeutung zukomme. Denken, Glauben und Regieren werden durch Erziehung und Bildung erst zur Vollendung geführt. Die oben zitierte Passage enthält den Schlüssel zum Verständnis seines Werkes, das den sittlich vollkommenen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Weishaupts pädagogisches Anliegen tritt auch in den beiden Werken Apologie des Mißvergnügens und des Uebels (1787) sowie der Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts (1788) zutage.

Obwohl die Trilogie Ueber Wahrheit und sittliche Vollkommenheit (1793 –1797) als Streitschrift gegen Kant geplant war<a href="#_ftn161" name="_ftnref161" title="">[161]</a> und auch so rezipiert wurde, wird sie in dieser Arbeit der Gruppe der moralphilosophischen Abhandlungen zugeordnet. Der Titel dieser dreibändigen Arbeit suggeriert bereits, daß ein pädagogisches Interesse auch hier unterschwellig vorhanden ist. Weishaupt beabsichtigte in diesem Werk, das in der Zeit von 1793 bis 1797 erschien, die Physiologie der Seele und ihre Pathologie zu ergründen. Die hier diskutierten Ideen finden sich zu einem Großteil in der 1804 erschienen Schrift Die Leuchte des Diogenes wieder und erhalten dort einen stärkeren pädagogischen Bezug. Das Festhalten Weishaupts an seinen moralphilosophisch-menschenkundlichen Ideen ist bis zum Jahre 1810 nachweisbar und findet mit der Herausgabe der drei Fortsetzungen umfassenden Zeitschrift „Materialien zur Beförderung der Welt- und Menschenkunde“ seinen Ausklang. Allein schon die Form der gelehrten Zeitschrift verweist auf ein pädagogisches Anliegen. Weishaupt erläutert hier u.a. die Verantwortung des Schriftstellers als Lehrer.

Weishaupts Werk zeigt, daß sein Urheber auf ein Ganzes hin gedacht hat, das sowohl die Bildung des Individuums als auch dessen sittliche Verantwortung und seine Stellung in einem staatlichen Gefüge einschließt, „so muß die Moral der Politic den Weg bahnen. [...] Die Moral ist daher die Grundlage der Politic, oder vielmehr die wahre Politic besteht in der Kunst auf den Grund der Leidenschaften, auf die Gesinnungen aller Theile zu wirken und diese zu veredeln.“<a href="#_ftn162" name="_ftnref162" title="">[162]</a> Weishaupt war es späterhin ein besonderes Anliegen, seine Ideen auf direktem Wege in die Gesellschaft hineinzutragen. Er versuchte, sich an der gesellschaftspolitischen Diskussion zu beteiligen, indem er Ratschläge zur Durchführung von politischen Reformen, die von der Pädagogik getragen werden müßten, erteilte. Die Publikationen im Gefolge der Schrift Pythagoras oder über die geheime Welt- und Regierungskunst geben davon Zeugnis. In ihnen erläutert er Konsequenzen seines Denkens für Staat, Kirche sowie die Gesellschaft im allgemeinen<a href="#_ftn163" name="_ftnref163" title="">[163]</a>. Dabei erstarkt die Idee einer geheimen Gesellschaft, die Aufgaben zu erfüllen vermag, welche die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt nicht hätte bewältigen können. Weishaupt zeigt auf, wie ein ideal verlaufender Bildungsgang auf gesellschaftliche Institutionen wirken sollte. Die vornehmlichen Aufgaben des Staates bestünden darin, zu „versuchen, die vollkommenste, der höchsten Cultur angemessenste Regierungskunst zu finden, die Schule, in welcher man sich zu diesem Geschäft übt, der Mittelpunkt, in welchem sich die dazu nöthigen Kenntnisse und Erfahrungen sammeln, um sich dereinst auf die übrige Welt zu verbreiten.“<a href="#_ftn164" name="_ftnref164" title="">[164]</a>

Ihm war ebenfalls die Verbesserung und Erweiterung des Schulwesens auf alle Bevölkerungsschichten stets ein Anliegen. Seine letzten beiden veröffentlichten Schriften Über die Staatsausgaben und Über das Besteuerungs-System sind auf Fragen der Staatenführung gerichtet. Aus dem thematischen Spektrum der Schriften Weishaupts ist mehr als deutlich zu erkennen, daß sich der Gründer der Illuminaten in der Hauptsache pädagogischen Fragestellungen zugewandt hat. Da ihm praktische Ausübung nach der Auflösung des Ordens verwehrt blieb, kommt seinem Schrifttum im Hinblick auf pädagogische Fragestellungen ein umso größerer Stellenwert zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn unter Menschen eine Vereinigung zu besonderen Zwekken entsteht, so ist das ein Zeichen, daß diese Menschen noch nicht alles haben, was sie wünschen, daß sie noch etwas suchen, und daß sie in dieses Etwas, welches sie suchen, und ihnen mangelt, einen Theil ihrer Glückseligkeit sezzen, die bis zur Erlangung derselben unvollkommen ist.

Adam Weishaupt, Anrede bey der Aufnahme eines Illuminati minoris

 

III. Der Stufengang der Bildung

1. Das pädagogisch motivierte Gradsystem

Der von Weishaupt, zeitweilig unter Mitarbeit von Ferdinand Maria Baader {Celsus}, Adolph von Knigge {Philo}, Johann Friedrich Mieg {Epictet} u.a. ausgearbeitete illuminatische Ausbildungsgang ist als ein Versuch der Errichtung einer „geheimen Weisheitsschule“<a href="#_ftn165" name="_ftnref165" title="">[165]</a> zu werten. Zunächst sollten dem Orden und auf längere Sicht der Gesellschaft brauchbare und aufgeklärte Mitglieder herangebildet werden. Die ordensinterne Bildungsarbeit vollzog sich innerhalb eines Gradsystems<a href="#_ftn166" name="_ftnref166" title="">[166]</a>, wie es bereits zur Bildung von Freimaurern oder Rosenkreuzern<a href="#_ftn167" name="_ftnref167" title="">[167]</a> in Anwendung gekommen war. Ein solches System basiert auf dem Gedanken der Stufenfolge<a href="#_ftn168" name="_ftnref168" title="">[168]</a>. Es sollte die stufenweise Leitung der Edukanden, bei Weishaupt der sog. Insinuanten<a href="#_ftn169" name="_ftnref169" title="">[169]</a>, zu den höchsten Weisheitslehren gewährleisten. Die graduelle Hinführung zu den höchsten Weisheiten war verbunden mit dem Ziel, Bildungsstand und Charakter des Adepten zu heben. Jede Stufe sollte, wie den Beschreibungen der einzelnen Grade zu entnehmen ist, eine neue Ideenwelt eröffnen und eine andere Fähigkeit entwickeln. Es sollte „mit jedem neuen Organ der Vorhang hin weggenommen, der bisher undurchdringliche Schleyer aufgehoben“<a href="#_ftn170" name="_ftnref170" title="">[170]</a> und ein neuer  Ausbildungsabschnitt erfolgreich abgeschlossen werden. Die einzelnen Abschnitte wurden so aufeinander abgestimmt, daß sie „dem Menschen die Verbesserung seines moralischen Charakters interessant zu machen, menschliche und gesellschaftliche Gesinnungen einzuflößen, boshafte Absichten zu verhindern, der bedrängten, nothleidenden Tugend gegen das Unrecht beizuspringen, auf die Beförderung würdiger Personen zu denken und noch meistens verborgene menschliche Kenntnisse allgemein zu machen“<a href="#_ftn171" name="_ftnref171" title="">[171]</a> vermochten. Das Erziehungs- und Bildungsprogramm war umfassend angelegt. Oberstes Ziel war die Charakterbildung im Zusammenhang mit der sittlichen Bildung, die eine humane Gesellschaft ermöglichen sollten. Auch die intellektuelle Bildung hatte beachtlichen Stellenwert, wie das Bemühen um einen wissenschaftlich fundierten Unterricht im Orden erkennen läßt.

Zügige Progression war dem Edukanden erste Pflicht, er mußte die sukzessive Beherrschung und Verinnerlichung illuminatischer Grund- und Leitsätze nachweisen. Weishaupt legte darauf besonderen Wert, „um dem Fortrücken auf der grossen Leiter der menschlichen Vollkommenheit nicht still zu halten und auf der nemlichen Stelle zu verweilen.“<a href="#_ftn172" name="_ftnref172" title="">[172]</a> Ein Illuminat, der das im Gradsystem vorgezeichnete curriculum durchlief, sollte dazu befähigt werden, am Ende aus freien Stücken sagen zu können: „Man hat mich gelehrt, wie ich mich selbst und andere erkennen, lieben und regieren soll.“<a href="#_ftn173" name="_ftnref173" title="">[173]</a> Auf dem Wege zu diesem Ziel wurde er durch unterschiedlichste erzieherische Maßnahmen zur Selbständigkeit im Denken und Handeln angeleitet.

Weishaupts Intention war es, daß „die edleren, würdigeren Menschen in ein dauerhaftes Bündniß zusammentreten, um mit allen großen Menschen, die dermalen sind und einen gleichen Drang fühlen, mit allen, die dereinst seyn werden, nur ein Volk, eine Familie zu formiren, für alle Lande und Jahrhunderte zu leben, ihren wohlthätigsten Geist und Eifer auf die Nachwelt zu verpflanzen, und ein reiferes, sittlicheres Menschengeschlecht vorzubereiten.“<a href="#_ftn174" name="_ftnref174" title="">[174]</a> Sie sollten sich gegen „Irrthum, Unwissenheit und Leidenschaften“<a href="#_ftn175" name="_ftnref175" title="">[175]</a> durchsetzen.

Die aufgeführten philanthropischen Ziele sollten durch planmäßige Unterweisung erreicht werden. Der für die einzelnen Grade festgelegte Erwerb von Wissen, Erkenntnissen und Haltungen unterlag strengen Maßregeln. Man wollte erreichen, daß „alle Mitglieder von einem Geiste beseelt werden.“<a href="#_ftn176" name="_ftnref176" title="">[176]</a> Wissensstand, Loyalität dem Orden gegenüber und Geisteshaltung wurden bei der Initiation in einen neuen Grad immer wieder geprüft. Da mit dem Aufstieg im System die sukzessive Offenlegung des gesamten Apparates verbunden war, kam es darauf an, charakterliche Schwächen auszumerzen sowie Wissenslücken zu beseitigen. Als der Orden sich Ende der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts anschickte, zu einer vielbeachteten Instanz des Geheimbundwesens des Aufklärungszeitalters emporzusteigen, war Weishaupt davon überzeugt, daß das illuminatische System „das größte ist, was die menschliche Vernunft hervorgebracht hat.“<a href="#_ftn177" name="_ftnref177" title="">[177]</a>

Der Ausbildungsgang war durch drei pädagogische Grundelemente gekennzeichnet, die nahezu in jedem Grad anzutreffen sind. Es sind dies die aus der Einsicht in ihre Notwendigkeit resultierende Subordination, das pädagogisch funktionalisierte Geheimnis sowie die Übernahme pädagogischer Verantwortung durch die Lernenden.

Weishaupt setzte zur Erreichung seiner Ziele grundsätzlich auf „Abhängigkeit“<a href="#_ftn178" name="_ftnref178" title="">[178]</a> und „Anhänglichkeit“<a href="#_ftn179" name="_ftnref179" title="">[179]</a>. Die vor allem in den unteren Graden geforderte strenge Subordination galt der Disziplinierung der Adepten. Sie nahm, was häufig vergessen wird, den Orden gleichsam als Träger des Vertrauens der Edukanden in die Pflicht. Der jeweilige Obere fungierte als „rechtmäßiger Gesetzgeber<a href="#_ftn180" name="_ftnref180" title="">[180]</a>, der die Entwicklung der Unteren zum höchsten pädagogischen Ziel, „der Herrschaft über sich selbst“<a href="#_ftn181" name="_ftnref181" title="">[181]</a>, begleitete und überwachte. Der Edukand hatte nur begrenzt Einblick in das Ordenssystem, aber auch den Oberen wurde nur der Teil der Hierarchie dargeboten, den sie entsprechend ihres Grades nach unten hin überschauen konnten. Bis in die höchsten Grade verfolgten sog. „unbekannte Obere“<a href="#_ftn182" name="_ftnref182" title="">[182]</a> den Werdegang der Adepten. Dieses Vorgehen, das den Praktiken der Jesuiten, Rosenkreuzer und auch den Organisationsstrukturen der Strikten Observanz abgeschaut war, besaß Kontrollfunktion. Es gewährte gleichzeitig Schutz vor eventuellen verräterischen Handlungen<a href="#_ftn183" name="_ftnref183" title="">[183]</a> und sollte nicht zuletzt der Vermeidung kleinlicher zwischenmenschlicher Zwistigkeiten dienen. Illuminaten wollten, entgegen allen gegenteiligen Behauptungen, „keine Gläublinge ihres Systems, wollten Leute, die selbst über das, was sie sahen nachdenken, und nur eigner Ueberzeugung folgen.“<a href="#_ftn184" name="_ftnref184" title="">[184]</a>

Das Geheimnis, was von der Forschung zurecht als Faszinosum angeführt wird, ist anderen arkanen Gesellschaften entlehnt. Es wurde als ordenspolitische Notwendigkeit gesehen und war mit einer pragmatischen Intention verbunden, es sollte zur Motivierung der Mitglieder dienen: „Alles Verborgene hat mehr Reitz und Anhänglichkeit.“<a href="#_ftn185" name="_ftnref185" title="">[185]</a> Weishaupt glaubte, die Bindung der Adepten an den Orden vergrößern zu können, wenn sie „in der Ferne einige Größe hoffen“<a href="#_ftn186" name="_ftnref186" title="">[186]</a> konnten. Außerdem sollten sie „die zunehmende Güte ihres moralischen Charakters fühlen“<a href="#_ftn187" name="_ftnref187" title="">[187]</a> lernen. Der Orden nutzte diese Vorgehensweise, um Neugier potentieller Adepten zu entfachen. Häufig mag mehr vermutet worden sein, als zu erwarten war, jedenfalls können geschickt angebrachte Verweise auf Verborgenes große Wirksamkeit erzielen. Was sich im 21. Jahrhundert wie arglistige Täuschung ausnimmt, war im 18. Jahrhundert durchaus legitim. Diese Vorgehensweise steht beispielsweise im Einklang mit der vorherrschenden Staatsräson. Wenn es die Umstände geboten, konnte auch auf Mittel der Täuschung zurückgegriffen werden. Die illuminatischen  Lehren erschienen in einer Aura des Geheimen in einem helleren Licht. Darüber hinaus schützte das Geheimnis illuminatische Lehrinhalte vor unautorisierter Verbreitung. Weishaupt glaubte, die Lehren „verlieren [...] ihren Werth“<a href="#_ftn188" name="_ftnref188" title="">[188]</a>, wenn sie allgemein bekannt gemacht würden. Den Umgang der Ordensbrüder miteinander sollten Sachbezogenheit und Diskretion bestimmen. Persönliches sollte in den gegenseitigen Beziehungen keinen Platz haben: „Erlaubet Euch nie eine auffallende Vertraulichkeit. Ihr müßt Euch ewig lieben, und es ist aus der Erfahrung gewiß, daß nichts zu leicht die stärkste und innigste Freundschaft trenne, als zu starkes Gemeinmachen.“<a href="#_ftn189" name="_ftnref189" title="">[189]</a> Es galt, sich im distanzierten Umgang mit sich und anderen zu üben, eine überindividuelle Haltung zu entwickeln.

Im Gegensatz zur hierarchischen Struktur der Ordensorganisation wurde das pädagogische Verhältnis eher partnerschaftlich verstanden. Mitglieder, die über Kenntnisse verfügten, die Angehörige höherer Grade nicht besaßen, konnten diesen Unterweisung zu geben. Der Orden betrachtete sich als eine Schule wechselseitiger Belehrung und gemeinsamer Erkenntnisbündelung, als einen Ort „wo keine Erkenntnis verloren geht“.<a href="#_ftn190" name="_ftnref190" title="">[190]</a> Deshalb wurde bereits in den unteren Graden die Übernahme von erzieherischer Verantwortung praktiziert. Der Status des Lernenden war damit nicht aufgehoben. Eine sehr weitsichtige nicht nur didaktisch geschickte Maßnahme! Man vermittelte dem Edukanden das Gefühl, in die illuminatische Gemeinschaft einbezogen zu sein. Eine solche Verfahrensweise mindert das Artifizielle einer Schulsituation mit festgefügter Rollenverteilung. Der Adept ist nicht schlechthin Erzieher, er soll jedoch, wenn die Situation es gebietet, pädagogisch agieren. Daß wechselseitiger Unterricht dem Einzelnen und dem Ganzen zugute kommen kann, bestätigen Erfahrungen Pestalozzis aus seiner Armenanstalt in Stans: „So wie das ältere und fähigere Geschwister unter dem Auge der Mutter den kleinern Geschwistern leicht alles zeigt, was es kann, und sich froh und groß fühlt, wenn es also die Mutterstelle vertritt, so freuten sich meine Kinder, das, was sie konnten, die andern zu lehren. Ihr Ehrgefühl erwachte, und sie lernten selber gedoppelt, indem sie das, was sie wiederholten, andere nachsprechen machten. [...] Ich hatte in Kurzem unter meinen Kindern Mitarbeiter, die in den Fertigkeiten, die Schwächern das, so diese noch nicht konnten zu lehren, mit der Anstalt immer vorgerückt, und für die Augenblicksbedürfnisse der Anstalt ohne Zweydeutigkeit brauchbarer und vielseitig brauchbarer geworden wären, als angestellte Lehrer.“<a href="#_ftn191" name="_ftnref191" title="">[191]</a>

Der Bildungsweg im Rahmen des Gradsystem sollte dazu befähigen „große und erhabene Menschen zu bilden.“<a href="#_ftn192" name="_ftnref192" title="">[192]</a> Er beginnt mit einem Noviziat und endet nach dem Durchlaufen von drei Klassen und insgesamt bis zu zwölf Graden beim Doceten der sog. höheren oder größeren Mysterien. Die unterste als Pflanzschule bezeichnete, umfaßte ein Noviziat sowie die Grade des Minervalen und des Illuminatus minor, zusammen bildeten sie das illuminatische Propädeutikum. Die Hauptaufgabe des nächsten Bildungsabschnitts bestand in der Hinführung zum selbstbestimmten Handeln, zunächst im Grad des Illuminatus maior weitestgehend auf die eigene Person beschränkt und durch die Aufgaben des Illuminatus dirigens übergehend in selbständige Leitung anderer. In der letzten Klasse, den Mysterien, war der Beweis anzutreten, daß all die ausgebildeten Fähigkeiten verantwortungsvoll eingesetzt werden konnten. Innerhalb der kleineren Mysterien galt es, die bis dahin erworbene Gelehrsamkeit und Menschenkenntnis zusammenzuführen. In den höheren Mysterien erfolgte die Unterweisung der Kandidaten in den Weisheitslehren. Auf diese Weise erhielt der Adept eine auf Ganzheitlichkeit zielende Bildung, die ihm durch eine den jeweiligen Grad charakterisierende Disziplin sukzessive näher gebracht wurde.  Der Adept sollte zu „hoher practischer Weisheit“<a href="#_ftn193" name="_ftnref193" title="">[193]</a> geführt werden. Gewonnene Einsichten und Erkenntnisse sollten im Alltagsleben einen Platz finden und auf praktikable Weise in alle Lebensbereiche integriert werden.

Die Verweildauer, in der ein Mitglied die Aufgaben eines Grades zu absolvieren hatte, war zum Zeitpunkt der Aufhebung nicht genau festgelegt. Sie wurde anhand der Fortschritte des Lernenden durch die Oberen bemessen. Weishaupt veranschlagte beispielsweise für das Noviziat nach der Festigung des Systems zwei Jahre. Grundsätzlich galt, daß die Übereinstimmung des erworbenen Wissens und des Verhaltens der Edukanden mit den vermittelten Lehren gewährleistet sein mußte: „Kein neuer Grad wird ertheilet, bevor nicht der vorhergehende Unterricht in die Denkungsart übergegangen ist.“<a href="#_ftn194" name="_ftnref194" title="">[194]</a> Es sollte zudem nicht jedermann automatisch vom Noviziat ausgehend beim Docetengrad der höheren Mysterien anlangen: „Je höher die Grade werden, je auserwählter müßen die Leute seyn.“<a href="#_ftn195" name="_ftnref195" title="">[195]</a>

Über die einzelnen Illuminatenkarrieren lassen sich kaum allgemeingültige Aussagen treffen. Johann Benjamin Koppe {Accacius} wurde beispielsweise im Mai 1781 als Novize von Andreas Gottfried Schäfer {Prometheus} aufgenommen, im August 1782 zum Illuminatus dirigens, im November desselben Jahres in den Priestergrad befördert. Man überantwortete ihm das Amt des Präfekten in Göttingen {Andrus} von 1782 bis 1784. Während dieser Zeit erhielt er den Regenten- und den Philosophengrad. Ein solch zügiges und noch dazu planmäßiges Vorwärtskommen war nicht an der Tagesordnung. Der spätere Rektor der Universität Kopenhagen Daniel Gotthelf Moldenhawer {Godeskalk} wurde im Juli 1782 durch Knigge zum Novizen und unverzüglich bis zum Illuminatus minor befördert. Seine Laufbahn endete im Grad des Illuminatus maior. Es kam ebenso vor, daß ein neues Mitglied sofort die höheren Grade erteilt bekam, wie z.B. Johann Friedrich (von) Schwartz {Agesilaos}, der im März 1783 von Bode initiiert und im April desselben Jahres in den Regentengrad befördert wurde<a href="#_ftn196" name="_ftnref196" title="">[196]</a>. Besonders in der Anfangszeit wurden viele Mitglieder umgehend in die oberen Grade aufgenommen, dies sollte späterhin nur in Ausnahmefällen möglich sein.

Daß die Grade in ihrer Gesamtheit wie vorgesehen Anwendung gefunden haben, beweist die Arbeitsweise einer Vielzahl von Logen, wie der im thüringisch-sächsischen Raum, insbesondere in Gotha, deren Vorbildlichkeit nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß die Instruktionen und Inhalte konsequent befolgt wurden. Die Auswahl der Mitglieder richtete sich nach deren Gesinnung und ihrem Willen zur Veränderung der Gesellschaft. Weishaupt ging davon aus, daß der Mensch über unbegrenzte Möglichkeiten zu seiner freien Entfaltung verfügt: „O! Gewiß, mit und aus Menschen ist alles zu machen.“<a href="#_ftn197" name="_ftnref197" title="">[197]</a> 

Weishaupt suchte Menschen „von gutem natürlichen, praktischen Verstand, Freunde und Bekenner der Wahrheit“<a href="#_ftn198" name="_ftnref198" title="">[198]</a>, die sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu Kennern ihrer eigenen Wesenheit und darüber hinaus zu Gestaltern des gesellschaftlichen Lebens ausbilden zu lassen bereit waren. Er glaubte, daß sie die Disziplin des Gradsystems akzeptieren und die vorgezeichnete Laufbahn absolvieren würden: „Geister, die für diese Ideen gemacht sind, brauchen nur einen Wink, um in Flammen zu gerathen, und diese sind die eigentlichen Männer für uns.“<a href="#_ftn199" name="_ftnref199" title="">[199]</a> Die Rekrutierungspolitik der Illuminaten war von der Standeszugehörigkeit unabhängig. Entscheidend war der Wille, sich entwickeln zu wollen und frei von niederen Beweggründen zu sein.

Weishaupt positionierte sich selbst außerhalb der Grade. Er gehörte keinem Rang an, achtete penibel darauf, im Verborgenen zu bleiben und beabsichtigte, nach und nach fähige Mitglieder als Lenker des Ordens einzusetzen: „In dem O.s System, so wie sie es dermalen bearbeiten, finde ich mich weiter nichts als zum Rathgeben nöthig.“<a href="#_ftn200" name="_ftnref200" title="">[200]</a> Er sah sich lediglich als Organisator, dessen Aufgaben sich erübrigen würden, sobald das Projekt Erfolg versprach. Weishaupt schwebte nicht die Etablierung eines auf festen Traditionen und Strukturen gegründeten Schulungssystems vor, er wollte das curriculum des Bildungsganges „nach dem einrichten, was die Umstände erfodern. Die Zeit und der Erfolg sollte zeigen, was man zu ändern hat. Ich selbst lerne täglich, und sehe ein, daß ich das, was ich vor einem Jahr gemacht, dieses Jahr un­gleich besser machen würde.“<a href="#_ftn201" name="_ftnref201" title="">[201]</a> Da jedes Individuum auf unterschiedlichem Wege zu seinem Wissen gelangt, erfordere eine jede Epoche eine auf sie zugeschnittene Auseinandersetzung mit Lehrformen und -inhalten: „Jedes Zeitalter hat seine eigene Lehrart.“<a href="#_ftn202" name="_ftnref202" title="">[202]</a> So unterschiedlich und z.T. unvereinbar die im Bildungsgang des Illuminatenordens zusammengeführten Zeremonien und Mysterienlehren auch sein mögen, wurden sie mit dem Ziel verwandt, das Niveau der Belehrungen zu erhöhen, sie interessant zu gestalten. Sie waren nurmehr Mittel zum Zweck und bildeten nicht wie z.B. von LeForestier angenommen, das ultimative Ziel der Aktivitäten, vielmehr dienten sie dem pädagogischen Anliegen des Ordens. Knigge gibt beispielsweise zu bedenken: „Wie wäre es denn, wenn man jeden Grad in zwey Gestalten hätte, maurerisch und auf andre Art?“.<a href="#_ftn203" name="_ftnref203" title="">[203]</a> Es stand also nicht die jeweilige esoterische Lehre im Zentrum der Bemühungen, sie fungierte lediglich als Einkleidung des zu Lernenden. Auch Weishaupt sah die Bedeutsamkeit von Geheimlehren und den damit verbundenen Zeremonien hauptsächlich in der Motivation der Adepten, wenn er schreibt, er habe sich „Regeln für die Nothwendigkeit der Ceremonien abstrahiert. Der Urheber da­von war sicher kein schlechter Seelenkenner. Nehmen sie der katholischen Religion den Pracht ihrer Kirchen, die Musik, die besondern Kleidungen, die häufigen, und im kleinsten gut ausgedachten Ritus v. g. bey der Priesterweihe, bey dem öffentlichen Gottesdienst und Aemtern: so werden sie sehen, daß alles das, was soviel Aufsehens und Eindruck macht im Grunde gar nichts ist.“<a href="#_ftn204" name="_ftnref204" title="">[204]</a> Er wußte diese Einsicht unmittelbar für die pädagogische Praxis des Ordens zu nutzen, indem er die Oberen anwies, die Adepten sollten Ideen zu diesem Themenkreis sammeln: „Lassen sie zu diesem Ende ein Pensum über die Nothwendigkeit und Macht der Cere­monien und Liturgie verfertigen.“<a href="#_ftn205" name="_ftnref205" title="">[205]</a>

In den Ordensversammlungen wurden die Ideen zunächst ausprobiert, für gut befunden oder verworfen. Weishaupt ließ den Oberen Hefte mit Anweisungen zu den einzelnen Graden zukommen, ihre Aufgabe bestand dann in der Umsetzung und Rückmeldung: „Führen sie in der Zwischenzeit das aus, was ich ihnen anweise. Berichten sie mir den Erfolg getreu; denn ich baue in den weiteren Graden darauf.“<a href="#_ftn206" name="_ftnref206" title="">[206]</a> In der Praxis führte dies zu Irritationen, da mit der starken Vergrößerung des Ordens die Adepten bald ihr Soll erledigt hatten und auf weitere Grade warteten. Es kam auch vor, daß bereits eingesetzte Grade im Nachgang eine Neuausrichtung erhielten. Dies erregte naturgemäß den Unmut einiger Mitglieder wie z.B. den Ludwig Adolph von Grolmans {Gratianus}: „Spartacus verfertigte Sachen, wobey dieser nicht immer mit sich selbst einig war, und von Zeit zu Zeit manches geändert und zugesetzt hätte.“<a href="#_ftn207" name="_ftnref207" title="">[207]</a> Akzeptanz und Nachhaltigkeit der im Gradsystem verankerten Lehren forderten demnach die Ausmerzung solcher Ungereimtheiten.

Noch im Jahre 1780 schrieb Weishaupt an Zwackh {Cato}, - zu diesem Zeitpunkt bildeten zwei Grade das gesamte System - er wolle einen Mittelgrad einführen, „damit wir Zeit gewinnen, Leute anzuwerben, zu prüfen und auszusuchen.“<a href="#_ftn208" name="_ftnref208" title="">[208]</a> Nun war es nicht mehr Weishaupt, der den Gang seines Ordens bestimmte, er gehorchte eher den Zwängen seines Systems. Sein Vorgehen wurde vom Areopag, dem höchsten Illuminatengremium, jedoch nicht lange gebilligt. Ein Beschluß aus dem Jahre 1781 legte die Anzahl der Grade auf sechs in den damaligen kleineren Mysterien fest und verpflichtete ihn zur schnellstmöglichen Abfassung der noch nicht in Angriff genommenen. Knigges Unterstützung festigte von 1780 an die Struktur des Gradsystems, brachte jedoch auch Grade hervor, die nicht von allen leitenden Mitgliedern gebilligt wurden. Knigge wollte ebenso Zeit gewinnen, nach seiner Auffassung mußten „die Sÿsteme, welche wir mittheilten, allzeit ein Paar Rückhalte haben, daß wir sagen könnten: ‚Wir haben sie Euch nur vorgelegt, um Eure Denkungsart zu erforschen.’“<a href="#_ftn209" name="_ftnref209" title="">[209]</a>

Der Ausbildungsgang war, wie die Entwicklung der Illuminatengrade zeigt, in starkem Maße Veränderungen unterworfen. Die folgende Darstellung orientiert sich an der Ausformung des Systems nach den Editionen Fabers, Grolmans und Schüttlers<a href="#_ftn210" name="_ftnref210" title="">[210]</a>, da diese auf den Texten basieren, die im Orden kursierten. Die von den Herausgebern verwendeten Quellendokumente können daher als verbindlich im Hinblick auf die Ordenspraxis angesehen werden. Um Spezifika und Variationen aufzuzeigen, bedürfte es einer eigenen Untersuchung, die die Entwicklung der einzelnen Grade in den Blick nimmt. Dies kann die vorliegende Arbeit nicht leisten.<a href="#_ftn211" name="_ftnref211" title="">[211]</a>

 

2. Die erste Klasse – Propädeutische Bildung

   1. Das Noviziat – Erwerb von Arbeitstechniken

Die unteren Grade der Illuminaten wurden in der frühen Ordenskorrespondenz<a href="#_ftn212" name="_ftnref212" title="">[212]</a> als Pflanzschule oder Vorbereitungsschule bezeichnet. In dieser Klasse waren diejenigen Fertigkeiten zu erlernen, die der Erfassung der Weisheitslehren dienten. Sie stellten das methodische, wissenschaftliche und sittliche Rüstzeug für spätere Verpflichtungen. Im Noviziat sollte die Ausgangsbasis für den Werdegang hin zum aufgeklärten, vollkommenen Menschen geschaffen werden. Dieser erste propädeutische Abschnitt zielte auf die Einübung von im weitesten Sinne wissenschaftlichen Arbeitstechniken sowie auf die Ausbildung illuminatischer Tugenden. Das Noviziat bildete das Fundament einer Ausbildung, die das Potential des Adepten auszuloten und seine Entwicklung anzubahnen suchte.

Galt der Aufnahmerevers als ausdrückliches Zeichen des Einvernehmens zwischen Novizen und Orden, der die Befolgung illuminatischer Direktiven verbindlich machte, war der sog. Vorbereitungsaufsatz vornehmlich dazu bestimmt, potentielle Mitglieder auf den Orden einzustimmen, sie zu motivieren. Diese dem Interessenten vor dem Eintritt verlesene Abhandlung gehört dem Anschein nach als vereinheitlichendes Mittel der Anwerbung und Prüfung zu den später eingeführten verbesserten Maßnahmen im Gradsystem. Er kam nicht in jedem Falle zur Anwendung. Der Aufsatz diente der Information über die Anforderungen des Ordens und war Mittel der Prüfung, um herauszufinden, ob ein Kandidat zur Mitgliedschaft befähigt war. Er orientierte demnach über die Ziele des Ordens und zeigte den Bildungsweg auf, der mit dem Eintritt eingeschlagen werden sollte. Innerhalb der Darstellung wird die Programmatik des Gradsystems in komprimierter Form offenbar. Der Aufsatz war intendiert als Aufruf an den „beßern Menschen“<a href="#_ftn213" name="_ftnref213" title="">[213]</a>, sich anzuschicken zur „Erfüllung seiner Bestimmung“<a href="#_ftn214" name="_ftnref214" title="">[214]</a>, d.h. sich zu einem gefestigten und handlungsfähigen Individuum ausbilden zu lassen.

Der Provinzialobere von Sinope {Leipzig} August Gottlob Dörrien {Eginhard} hatte diese Maßnahme selbst kennengelernt, war von ihrer Wirksamkeit überzeugt und forderte deshalb, sie generell einzusetzen. Es müsse einem Kandidaten „doch eine allgemeine Notiz von der Sache gegeben werden, so, wie sie der Aufsatz enthält, den man mir vor Ausstellung des Reverses vorgelesen hat.“<a href="#_ftn215" name="_ftnref215" title="">[215]</a> Dem Aufnehmer oblag es, aufzuzeigen, daß der Illuminatenbund vor anderen Arkanorganisationen die geeignete Plattform für diesen Zweck darstellte. Er hatte die Vorzüge des Ordens hervorzuheben sowie dessen ernsthaftes Interesse an der Umsetzung dieses Zieles zu betonen. In acht Punkten wurden die wesentlichsten Grundsätze und Ziele des Ordens zusammengefaßt. Das potentielle Mitglied erfuhr, daß, „nur äußerst geprüfte Menschen darin aufgenommen“ werden, man „diese Menschen stuffenweise mit unbeschreiblicher Kunst“ bildet, damit „sie nach und nach alle menschliche Dinge mit denselben Augen ansehen“, der Orden „die sichersten Mittel [hat], seine Mitglieder auf das genaueste kennenzulernen“, „ein jeder seiner Richtung und seinen Fähigkeiten gemäß geführt und in Thätigkeit gesezt“ wird, „niemand Geheimnisse versprochen“ werden, alle tätig sind, „die Hindernisse zum Guten in der Wurzel anzugreifen“, „kein Stand, Ansehen etc.“ im Orden entscheidet und „jedem Mitglied [...] ein Gesichtspunct gezeigt [wird], wo er für das Ganze würken kann.“<a href="#_ftn216" name="_ftnref216" title="">[216]</a>

Die illuminatische Gesellschaft erschien nach diesen Zusicherungen als ein pädagogisches Refugium, innerhalb dessen die Belange des einzelnen ebenso Berücksichtigung fänden wie die der Gemeinschaft. Ein illuminatischer Novize konnte sich von der Glaubwürdigkeit dieser Maximen überzeugen, wenn er sich nach der Unterzeichnung des Eintrittsrevers mit den ersten Übungen für diesen Grad auseinanderzusetzen begann. Er war darauf eingeschworen worden, das Geheimnis dieser Verbindung unter keinen Umständen preiszugeben: „Ich, Endesunterschriebener verpflichte mich [...] gegen Niemand, auch nicht die vertrautesten Freunde noch Verwandte, auf keine irgend mögliche Art, weder durch Worte, Zeichen, Blikke, noch sonst niemal das geringste zu offenbaren“.<a href="#_ftn217" name="_ftnref217" title="">[217]</a> Gleichzeitig erklärte er sich zur Erfüllung der ihm angetragenen Aufgaben und Obliegenheiten bereit. Im Gegenzug wurde ihm seitens der Gesellschaft versichert, daß diese keine politisch, religiös oder sittlich fragwürdigen Ziele verfolge.

Gleich zu Beginn der Unterweisungen wurde ein Novize mit den ihn betreffenden Teilaufgaben des illuminatischen Lehrsystems konfrontiert. Diese unterschieden sich in spezifisch für diese Stufe der Ausbildung festgelegte Übungen sowie in für alle weiteren Grade gleichermaßen geltende Anweisungen. Diese in den „allgemeinen Ordensstatuten“ verankerten Instruktionen wurden ihm in der Regel verlesen. Das Arbeitspensum eines Novizen umfaßte verschiedene Einzelübungen, die in regelmäßigen Abständen von einer höheren auch dem Aufnehmer meist unbekannten Ordensinstanz kontrolliert, ausgewertet und kommentiert wurden. Jeder Novize war verpflichtet „zur Haltung eines diariums“, in dem alles aufzuzeichnen war, was er vom Orden erhielt bzw. an ihn abgab. Er mußte „beide an ihn übergebene Tabellen ausfüllen und einsenden“, von Zeit zu Zeit hatte er „Vorschläge für mögliche Ordenskandidaten einzureichen“, „einen Bogen Papier bereitzuhalten, bestimmt für folgende Fächer: gesammelte Charaktere, Handlungen und Denkungsart gelehrter und angesehener Männer alter und neuer Zeiten erhabene Gedanken, Sentiments und Kernsprüche derselben und aus den zum Lesen anbefohlenen Büchern“,  aller zwei Wochen war „die Abgabe des quibus licet Bogens“ fällig, schließlich sollte der Novize „Daten zur Biographie des Mannes, dessen Namen man vom Orden verliehen bekommen hat“<a href="#_ftn218" name="_ftnref218" title="">[218]</a> sammeln. Bevor er sich diesen einzelnen Aufgaben widmen sollte, war vom Novizen ein Hauptpensum einzureichen, „welches er zum Zeichen seiner Fähigkeit ausarbeiten muß.“<a href="#_ftn219" name="_ftnref219" title="">[219]</a>

Eine methodische Anleitung zum Verfassen schriftlicher Arbeiten war Anstoß zur Arbeit an sich selbst. Disziplin und Regelmäßigkeit, die Fähigkeit zum Abstrahieren, die Ausbildung eines kritischen Bewußtseins sowie die Schärfung des Beobachtungsvermögens wurden in vorbereitenden Übungen geschult. Diese Fähigkeiten sollten zur Gewohnheit werden, um für kommende Aufgaben gerüstet zu sein.

Das folgende Beispiel der Aufnahme des Novizen Johann Martin Heinrich Flügge {Marcus Varro} durch den Schottischen Ritter und Direktor der Präfektur Göttingen {Andrus} Andreas Gottfried Schäfer {Prometheus}, belegt, daß den Anweisungen und Statuten des Ordens gemäß verfahren wurde. Schäfers Protokoll dokumentiert den Vorgang: “Ich habe heut das Vergnügen, dem Orden ein neues Mitglied zuzuführen: Es ist der Amtsschreiber Flügge in [...]hausen. Ich habe ihm den Namen M Varro gegeben, und den Auftrag gemacht, über die Frage: Wie kann ein Landedelmann oder ein Beamter die moralische und phisische Glückseligkeit der ihm untergebenen Landleute am sichersten befördern? einen Aufsatz einzuschicken. Hier schliesse ich seinen Revers und die von ihm verfertigten Tabellen an, und wünsche, daß die Erl. Obern auch diesen meinen Schritt billigen mögen.“ <a href="#_ftn220" name="_ftnref220" title="">[220]</a>

Der Novize hatte monatlich schriftliche Arbeiten anzufertigen. Er sollte „gleich zu Anfang eines jeden Monats eins oder das andere Blatt zurecht“ legen, kontinuierlich alles aufzeichnen, „was ihm hierher gehöriges vorfällt“<a href="#_ftn221" name="_ftnref221" title="">[221]</a> und die Niederschrift am Monatsende abgeschlossen haben. Die schriftlichen Arbeiten, zu denen conduite-Tabellen, quibus licet, Aufsätze zu Preisfragen und Notizen der Beobachtungen zählten, waren einen wichtige materiale Basis des Bildungsganges, „der Grund von allem Künftigen. Sie müssen daher sehr genau gemacht werden; mehr erzählend als räsonnierend seyn.“<a href="#_ftn222" name="_ftnref222" title="">[222]</a> Die Aufzeichnungen waren auch im Hinblick auf die sukzessive zu erlangende Menschenkenntnis von Bedeutung. Der Orden war an den Ergebnissen der Beobachtung und Analyse von Menschen interessiert, die als „physiognomische Bemerkungen“<a href="#_ftn223" name="_ftnref223" title="">[223]</a> eingereicht werden sollten. Ebenso waren die auf empirischem Wege „gefundenen Regeln, menschliche Charaktere zu beurtheilen“<a href="#_ftn224" name="_ftnref224" title="">[224]</a> von Interesse. Eine weitere Aufgabe bestand in der Lektüre eines Schriftenkanons, sie diente der theoretischen Fundierung der Beobachtungsergebnisse. Im Noviziat „liest der Candidat die vorgeschriebenen Bücher, arbeitet an der Erforschung seiner Nebenmenschen, zeichnet alles fleißig auf, notirt auf eine gewisse eigene Methode, und sucht das Gelesene zu verdauen und auf seine eigne Art zu sagen.“<a href="#_ftn225" name="_ftnref225" title="">[225]</a> In selbsttätiger Arbeit sollte er also seine Erkenntnisfähigkeiten entwickeln und sich eine eigene Vorgehens- und Erarbeitungsweise angewöhnen.

Für den weiteren Verlauf der Ausbildung eröffnete der Orden Aussichten auf eine wissenschaftliche Bildung und erbot sich „durch seinen Unterricht dazu behülflich [zu] seyn.“<a href="#_ftn226" name="_ftnref226" title="">[226]</a> Der Receptus erhielt von seinem Rezipienten während der Aufnahme die Möglichkeit, „schriftlich sich zu erklären, zu welcher Kunst oder Wissenschaft er sich bekennen will.“<a href="#_ftn227" name="_ftnref227" title="">[227]</a> Dies verpflichtete den Orden im Gegenzug dazu, einen entsprechenden Unterricht anzubieten und dafür qualifizierte Obere bereitzustellen. Nach den Statuten waren die dafür vorgesehenen Lehrfächer „practische Philosophie, Natur und Naturkunde, Kameralwesen, Oeconomie, schöne Künste, Wissenschaften und Sprachen.<a href="#_ftn228" name="_ftnref228" title="">[228]</a>

Das Interesse an dem jeweiligen Novizen konzentrierte sich nicht ausschließlich auf den Werdegang innerhalb des Ordens, auch die Bewährung im täglichen Leben, im Beruf sowie im Privaten war eingeschlossen: „Verwaltet eure Aemter in der bürgerlichen Gesellschaft mit Treue, Eifer und Standhaftigkeit; steht euren Familien als gute Väter, Ehemänner, Herren vor; oder gehorcht als Söhne, Diener, Untergebene; wer Pflichten seines Standes, seines Amts vernachlässigt, wird auch die Ordenspflichten versäumen.“<a href="#_ftn229" name="_ftnref229" title="">[229]</a> Dem Orden war auch an der moralischen Vervollkommnung seiner Mitglieder gelegen, deshalb gehörte die Ausbildung von Tugenden wie Behutsamkeit, Verschwiegenheit, Mäßigkeit, Häuslichkeit sowie Zufriedenheit zu den Grundlagen der sittlichen Bildung eines Illuminaten. Es wurden Verhaltensweisen geübt, die den Umgang mit anderen außerhalb des arcanums bestimmen sollten.

Nach Weishaupts Lehrmethode erfolgte, in Anlehnung an die Gelübde monastischer Gemeinschaften, die Unterweisung des Novizen als Einzelunterricht. Man wollte zunächst prüfen, ob der Kandidat für die weiteren Stufen der Einweihung in das höhere Wissen geeignet war. Der Einzelunterricht sollte die konzentrierte und selbständige Durchdringung der Bildungsinhalte befördern, dies kam einer Zurückziehung gleich. Der Novize wurde trotz der Absonderung vom Gesamtorden bei der Erarbeitung seiner Aufgaben nicht sich selbst überlassen. Die Rezipienten fungierten als direkte Verbindung zum Orden, gleichgültig, wo sie in der Ordenshierarchie standen: „Der Recipient von jedem Candidaten ist auch sein Oberer.“<a href="#_ftn230" name="_ftnref230" title="">[230]</a> Das Verhältnis zwischen Oberen und Novizen basierte auf der Einsicht in die Notwendigkeit der Subordination: „Obere [...] leiten uns durch die Finsternis und im Irrthum, führen uns ab vom ungangbaren Wege. Da wird Beugsamkeit, Folgsamkeit zur Pflicht und selbst zur Dankbarkeit. Keiner wird sich also weigern, dem zu folgen, der für sein bestes arbeitet.“ <a href="#_ftn231" name="_ftnref231" title="">[231]</a>  Die Novizen waren vor eventuellen Willkürakten der Rezipienten weitestgehend geschützt, indem sie den unbekannten Oberen regelmäßig Bericht über ihre Aufnehmer zu geben hatten.

Im Regelfall bestand ein persönlicher Kontakt zum Aufnehmer, der Mentor war. Der Novize hatte ihn wöchentlich einmal aufzusuchen oder aber, wenn er nicht direkt vor Ort sein konnte, im vierzehntägigen Abstand schriftlich zu informieren. Auf diese Weise konnte der Orden zunächst noch im Dunkel bleiben und es war möglich, den Neuzugang zu beobachten und zu prüfen, so daß dieser bei Nichtbestehen der Anforderungen den Bund ohne ihm gefährlich zu werden, wieder verlassen konnte. Es gab eine Probezeit, die von Mitglied zu Mitglied unterschiedlich lang ausfiel, je nachdem, wie die gestellten Aufgaben bewältigt wurden. Der Rezipient als Verbindungsglied zwischen Einzuweihenden und dem im Verborgenen wirkenden unbekannten Oberen, die den Fernunterricht zentral überwachten, mußte mindestens dem Minervalgrad angehören, um facultas recipiendis, d.h. die Befähigung zu Aufnahme und Unterweisung von Novizen, zu erhalten. Er zeichnete dafür verantwortlich, daß der Novize die nötigen Direktiven erhielt, um seine Aufgaben im Sinne des Ordens zu bewältigen. Er „zeigt ihm die Art zu notiren, die Verfassung des Diarii und Quibus lic. giebt ihm Abschriften dieser Instruction, wenn es nöthig ist, liest mit ihm gute Bücher; läßt sich seine Excerpta zeigen, und bemüht sich überhaupt, ihn aufzuklären und vorzubereiten.“<a href="#_ftn232" name="_ftnref232" title="">[232]</a> Darüber hinaus gab der Rezipient ihm eine einfache Chiffre. In regelmäßigen Treffen mit den einzelnen Novizen wurden Lehrgespräche durchgeführt und gemeinsame Lektüre der empfohlenen Schriften betrieben.

Die Aufzeichnung der Beobachtungsergebnisse zur Charakterisierung des Novizen sowie zur Beurteilung seiner Progression zählte zu den wichtigsten Aufgaben des Oberen. Er sollte ihr gewissenhaft nachkommen: „Wenn der Obere Zeit hat, so theilt er die Tage der Woche unter seine Leute aus, er liest, notirt, und führt unterrichtende Gespräche mit ihnen.“<a href="#_ftn233" name="_ftnref233" title="">[233]</a> Der Rezipient hatte nachzuprüfen, ob die Novizen im Sinne des Ordens handelten, ihre Kenntnisse erweiterten, durch Übungen in praktischer Philosophie und Beobachtung ihre Vorurteile ablegten und ihren „moralischen Charakter“ vervollkommneten. Er war angehalten, Proben der Treue, des Stillschweigens, der Arbeitsamkeit sowie von Anhänglichkeit und Gehorsam durchzuführen. Der Rezipient mußte über das nötige Feingefühl verfügen, um den Novizen taktvoll und wirksam anzuleiten, seine pädagogischen Absichten aber nicht zu offensichtlich zu verfolgen: „die Leute müssen aber bei jedem Schritte fühlen und klar sehen, wohin man sie führt, warum man sie behutsam führt, und daß man nur zu ihrem Besten für sie arbeitet.“<a href="#_ftn234" name="_ftnref234" title="">[234]</a> Die Erfüllung dieser Pflichten sprach gleichzeitig von seiner Eignung.

Die für das Noviziat geltenden schriftlichen Anweisungen sind zwar funktional unterschieden, doch sind die Spezifika der Instruktionen für Aufzunehmende und die für Aufnehmer nicht immer hinreichend deutlich. Dieser Mangel wurde von Knigge bereits 1781 indirekt angesprochen: „Es würde mir sehr lieb seyn, einst ein Verzeichnis von denen Stücken zu erhalten, die die Grade ausmachen, und abgesondert von dem, was blos Instruction und Vorbereitung ist, um recht zu wissen, wie ich solche Leute zu führen habe, denen man Grade giebt, ohne sie von dem Operations-Plane zu unterrichten.“<a href="#_ftn235" name="_ftnref235" title="">[235]</a>  Dies war auch in der 1787 gedruckten Fassung bei Faber nicht völlig behoben. Ein Novizenoberer mußte sich im Vorfeld mit den das Noviziat betreffenden Ordensdokumenten gründlich vertraut machen. Außerdem hatte er darauf zu achten, daß den Adepten die Ordensinterna verborgen blieben.

Vom Eintritt an ist es den Mitgliedern erlaubt, andere für den Orden zu vorzuschlagen. Die Begründung für diese Praxis ist bemerkenswert: „Das Unange­nehme der Unterwürfigkeit wer­de bey uns gemäßigt dadurch, daß dem Candidaten gleich erlaubt wird, aufzunehmen, daß er auf solche Art gleich in den ersten Augenblicken selbst eine Herrschaft über seine Receptos erhalte. Er solle sagen, in welchem andern Orden er dieses finde, hier könne jeder durch häufige Aufnahmen sich sein Königreich selbst bauen etc.“<a href="#_ftn236" name="_ftnref236" title="">[236]</a> Ein Novize konnte jedoch nicht das Amt des Oberen übernehmen. Daß dieses Zugeständnis nicht in jedem Fall unproblematisch war, zeigt folgende Anmerkung des Mitgliedes Justus Lipsius {Carl Gotthold Lenz}, der in der Loge von Butus {Jena} organisiert war: „Das Recht, ja die Verpflichtung, die jeder neu aufgenommene hat, dem Orden neue Subjecte zuzuführen, bläht den jungen Mann, der sich selbst erst bilden sollte, auf, erzeugt unvermerkt eine gewisse Herrschsucht, wenn er als Recipient einen gewissen Vorzug und Macht über seinen Insinuanten hat.“<a href="#_ftn237" name="_ftnref237" title="">[237]</a> In der Realität dürfte der von Lenz beschriebene Effekt nicht solch dramatische Wirkung gezeigt haben.

Die Beförderung des Novizen in den nächsten Grad war – wie in den Statuten festgelegt - leistungsabhängig: „Viele Notaten, Bemerkungen, viele entworfene Charaktere aufgezeichnete Gespräche von Leuten, die man in der Sprache der Leidenschaft redend angetroffen, so wie auch die Erfüllung der O.Statuten und Folgsamkeit gegen der Obern, sind der sicherste Weg zur Beförderung.“<a href="#_ftn238" name="_ftnref238" title="">[238]</a> Die Aussicht auf Verkürzung der Novizenzeit durch zügige und zufriedenstellende Erfüllung des vorgeschriebenen Programms diente dem Ansporn, schneller zum folgenden Grad, dem des Minervalen als der eigentlichen Initiation in den Orden, aufzusteigen.

 

   2. Der  Minervalgrad – Wissenschaftliche Grundbildung

Im Minervalgrad waren Mitglieder zusammengefaßt, die den allgemeinen Ausbildungsweg beschritten, aber der Grad war ebenso dazu bestimmt, ausgewählte Minervalen auf eine Mitgliedschaft im Minervalmagistrat hin zu bilden, d.h. Geeignete erhielten bereits hier die Befähigung zur Anleitung anderer: „Diese Klasse ist also gleichsam die Schule, in welcher einige Mitglieder sich bilden, andern die nöthige Anleitung zu geben; und in welcher einem Jeden Hülfsmittel an die Hand gegeben werden, die er, sich allein überlassen, nie finden würde.“<a href="#_ftn239" name="_ftnref239" title="">[239]</a> Diese nächste Stufe des illuminatischen Propädeutikums hatte Platos Akademiegedanken zum Vorbild und sollte Zugang zu allen Wissenschaften ermöglichen. Der Verweis auf den griechischen Philosophen und Schulgründer soll die Nähe der illuminatischen Weisheitsschule zu dem Athener Vorbild betonen. Mit den während des Noviziats erworbenen Fähigkeiten und Arbeitstechniken war die Voraussetzung für fundierte wissenschaftliche Arbeit gegeben. Weishaupt sah in der Verbesserung des Verstandes sowie der Erweiterung der Kenntnisse „die Hauptbeschäftigung des O. in dieser Klasse“<a href="#_ftn240" name="_ftnref240" title="">[240]</a>, was mit einigen Veränderungen hinsichtlich der Durchführung der Unterweisung verbunden war. War der Novize bisher einzeln angeleitet worden und dem Rezipienten unterstellt, konnte er nach seiner Aufnahme Kontakte wiederum zu andern Minervalen und auch zu Oberen pflegen. Die sog. Minervalversammlungen, die durch ein streng reglementiertes Procedere gekennzeichnet waren, bildeten eine regelmäßige Anlaufstelle für den Introducendus. Die Aufnahme in diesen Grad wurde seitens des Ordens als ein gegenseitiger Vertrag angesehen. Dem Introducendus wurde bei der Aufnahme in den Grad zu Bewußtsein gebracht, daß der Status des Minervalen bedeutete, „sich neue Verbindlichkeiten auf[zu]bürden“<a href="#_ftn241" name="_ftnref241" title="">[241]</a> und die „natürliche Freyheit einzuschränken“.<a href="#_ftn242" name="_ftnref242" title="">[242]</a>

Der Aufnahmeakt besaß gleichfalls motivierenden Charakter. Dem Kandidaten wurde vermittelt, daß die verborgene Gesellschaft es nicht als notwendig erachtete, Personen aufzunehmen, deren charakterliche Disposition ihre Ansprüche nicht zufriedenstellte. Der für die Zeremonie verantwortliche Vorsteher der Illuminatenversammlung mußte von dem Fürsprecher des neu Aufzunehmenden wiederholt von dessen sittlichen und intellektuellen Qualitäten sowie dessen Beweggründen überzeugt werden. Der zukünftige Minerval verpflichtete sich zum Dienst an anderen sowie zur Erfüllung seiner Ordenspflichten: „Ich verspreche [...], daß ich alle Gelegenheiten, der Menschheit zu dienen, begierig ergreifen, meine Kenntnisse und meinen Willen verbessern, und meine nützlichen Einsichten zum allgemeinen Besten verwenden wolle.“<a href="#_ftn243" name="_ftnref243" title="">[243]</a> Außerdem nahm er seinen eigenen Werdegang kritisch in den Blick, verpflichtete sich, seine Defizite zu erkennen und diese auszumerzen. Er vollzog dies in dem Bewußtsein, daß er seine „natürliche Schwäche und Unvermögenheit erkenne[n], [...] doch immer nur ein Mensch wie andere Menschen bleibe[n]“<a href="#_ftn244" name="_ftnref244" title="">[244]</a> würde. Alles Persönliche war aus der Ordensarbeit herauszuhalten: „Ich thue in O.Sachen treulich Verzicht auf meine Privat-Einsicht.“<a href="#_ftn245" name="_ftnref245" title="">[245]</a> Eine sachliche Haltung war nach Weishaupt Voraussetzung vorurteilsfreier Erkenntnis.

Nachdem sich an einem Ort eine Illuminatenniederlassung konstituiert hatte, ging man in der Regel dazu über, sog. Minervalkirchen anzulegen, was bedeutete, daß nach der Etablierung der Basis, die zumeist aus hochrangigen Mitgliedern bestand, potentielle Nachfolger ausgebildet wurden. In diesem Grad beginnt die Ausrichtung der Zusammenkünfte an einem allegorischen Vorbild. Sie ist in diesem Falle der antiken Göttin der Weisheit gewidmet, auf deren römischen Namen, Minerva, die Bezeichnung des Grades zurückgeht. Minervalkirchen waren Einrichtungen, die im weitesten Sinne einen Weisheitskult pflegten. Die zugehörige Symbolik war nicht sehr verfeinert, erwies sich jedoch als adäquat für die in diesem Grad zu erreichenden Bildungsziele. Die über den Wolken schwebende, lorbeerbekränzte Eule, welche ein Buch in den Klauen hält, dessen aufgeschlagene Seiten das Motto P.M.C.V. (per me cœci vident)<a href="#_ftn246" name="_ftnref246" title="">[246]</a> zeigen, war das Sinnbild des Minervalgrades und wurde in einem Medaillon an einem grünen Band getragen. Wie der Vogel der Weisheit, der das Tageslicht scheut, weil er von ihm geblendet und von seiner Bestimmung abgelenkt wird, in der Dunkelheit unbemerkt und unzerstreut seine Aktivität entfaltet, so soll der Minerval Weisheit suchen: „Sie liebt die Stille in der Nacht;/ Wenn Luna´s bleiches Antlitz lacht,/ Täuscht kein geschmückter Tand. / Der Thorheit nimmt die Dunkelheit/ Ihr an der Sonne schimmernd Kleid/ und farbiges Gewand.“<a href="#_ftn247" name="_ftnref247" title="">[247]</a> Die Oberen waren dazu angehalten, vor den rituellen Handlungen ein Blendzeichen zu machen. Indem sie die flache Hand wie zum Schutze vor zu großer Lichteinstrahlung an die Stirn hielten, wurde die Pflicht des Tätigseins im Verborgenen persönlich bekräftigt. Im Minervalgrad wurde den Insinuanten vermittelt, daß sie sich auf das innere Heiligtum des Ordens zu bewegten. Um dort anzugelangen, bedurfte es der Einsichten auf dem Wege der Katharsis. Nur so war die Befreiung von Verblendung und Untugend zu erreichen: „Wer das Licht sehen will, dessen Herz sey rein, rein sein Verstand, rein seine Gedanken, Worte und Werke.“<a href="#_ftn248" name="_ftnref248" title="">[248]</a>

Die bereits im Novizengrad geltenden Verpflichtungen wurden bei den Minervalen keineswegs aufgehoben; sie wurden z.T. ergänzt. Die Aneignung von Kenntnissen, die strenge Beobachtung der eigenen Person sowie anderer wurde durch gezieltere Befragung erweitert, auch erhielt man Gelegenheit, über selbst gefundene allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten in der Minervalversammlung zu sprechen. Die in den quibus licet zu beantwortenden Fragen zielten auf die Erwartungen, die der Minerval gegenüber dem Orden hegte sowie seine eigenen Beiträge, die er einzubringen gedachte. Lektüre geeigneter Bücher und das Einsenden von schriftlichen Aufgaben blieben bestehen. Der Minerval hatte in den Versammlungen Bericht über seine Lesetätigkeit zu erstatten. Darüber hinaus war er angehalten, innerhalb eines Monats nach seiner Initiation ein Verzeichnis seiner Bücher einzusenden. Er sollte diese im Bedarfsfall dem Orden zur Verfügung stellen.

Minervalversammlungen dienten einer verstärkten Ausrichtung auf soziale Tugenden, wie  gegenseitige Achtung oder das Bemühen um ein harmonisches Miteinander im Freundschaftsverbund. Sie boten darüber hinaus Gelegenheit zum Austausch in akademischen Disziplinen. Minervale hielten Vorträge zu wissenschaftlichen Thematiken, verlasen Aufsätze, in denen eigene Erkundungen ihren Niederschlag gefunden hatten. In den Minervalenstatuten wurde der praktische Zweck dieser Übungen hervorgehoben. Die Ausführungen wurden erst dann als nutzbringend angesehen, wenn der Edukand sich mit den Inhalten kritisch auseinanderzusetzen und Position zu beziehen vermochte. Deshalb die Anforderung an die Minervale: „lernet fleißig, [...] braucht vorzüglich euren, nicht fremden Sinn; was andere gedacht und gesagt haben, denkt und sagt auf eure Art; [...] denkt auf die Ausübung und Anwendung des Gelesenen und Gedachten. Vor allem, forscht den Menschen nicht aus Büchern so sehr, als euch selbst aus der Betrachtung anderer und aus Schlüssen von ähnlichen Umständen auf andere abgezogen.“<a href="#_ftn249" name="_ftnref249" title="">[249]</a>

Die Einlösung des Versprechens, in sämtlichen wissenschaftlichen Fächern Unterweisung zu finden, erwies sich zunächst als problematisch. Knigge hat auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität hingewiesen: „Dem Minerval werden Aufklärungen in seinem Fache versprochen. Diese Aufklärungen soll die Mÿsterien-Classe geben. Diese soll sammlen und austheilen, und existiert nicht, soll auch noch gar nicht errichtet werden. Um also nicht zum beständigen Lügner zu werden muß ich beÿ 40 Anfragen, welche ich monathlich bekomme, vielleicht 90 Briefe an Gelehrte in allen Ecken schreiben – Und doch soll ich nicht wünschen endlich die höhern Classen hergestellt zu sehen? Habe ich nun einen im höchsten Grade aufgeklärten Mann vor mir, und er frägt mich um Dinge, über welche er täglich mit Vernunft raisonnirt; so soll ich ihn zur Ruhe verweisen, seine Erwartung so groß machen, und ihm nach 2 Jahren geben, was er vor 10 Jahren einsah.“<a href="#_ftn250" name="_ftnref250" title="">[250]</a> Daß der Minervalgrad den Anforderungen der Zeit an Bildungsinstanzen vor allem in der Spätphase gerecht wurde, belegt die positive Resonanz auf den innerhalb der Minervalkirchen durchgeführten Unterricht.

Das nachstehende Beispiel zeigt, inwieweit den Anweisungen Folge geleistet wurde und auch, daß das Zusammenspiel der einzelnen Bildungsaufgaben als eine systematische und grundlegende Schulung betrachtet werden kann. So berichtet der zur Hannoveraner {Tarsus} Loge gehörige Arnold Gerhard Denecke {Gelon} seinem Pronvinzialoberen Bode {Aemilius} von der dortigen Minervalkirchentätigkeit, „daß also wechselseitige Aufklärung durch eine gewählte Lectüre u durch zweckmäßige Aufsätze, der HauptGegenstand unsrer Beschäftigungen gewesen seÿ. Wir übten uns gemeinschaftlich in der praktischen Philosophie und suchten dieselbe in unsern Verhältnissen anzuwenden ‑ Wir hielten in der Minerv[al] Vers[ammlung] Vorlesungen über die Pflichten, denen wir nach unsrer individuellen Lage vorzüglich unterworffen waren ‑ deren Grenzen wir also so genau wie möglich kennen lernen mußten und deren Beobachtung oft von einigen unter uns vernachlässigt wurde. Wir liebten uns untereinander brüderlich ‑ beobachteten uns ‑ machten Charakteristiken ‑ gestanden uns offenherzig unsre Fehler u. Schwächen ‑ suchten sie mit vereinter Hülfe zu verbessern ‑ unterstützten uns in unsren guten Unternehmungen ‑ nahmen uns junger Leute von guten Anlagen an, um sie zu bilden ‑ und erreichten auf diese Weise eine seltene ‑ gleichgestimmte DenkungsArt und durch diese manche nützliche Zwecke zu unsrem und unsrer NebenMenschen Wohl.“<a href="#_ftn251" name="_ftnref251" title="">[251]</a> Es kann davon ausgegangen werden, daß sich in anderen, wenn auch nicht allen,  Minervalkirchen ein solches oder ähnliches Bild zeigte.

Die Oberen der Weisheitsschüler, die in der Regel Illuminati minores waren,<a href="#_ftn252" name="_ftnref252" title="">[252]</a> hatten bei ihren Bemühungen um „Bildung junger Leute zu würdigen Mitgliedern“ nun „gleichsam an die Stelle der Eltern und Lehrer [zu] treten.“<a href="#_ftn253" name="_ftnref253" title="">[253]</a> Im Unterschied zur Praxis im Noviziat war der Minerval umgeben von einer Reihe von Personen, die mit der Gestaltung der Versammlung und der Administration der Minervalkirche betraut waren. Die Versammlungen und auch die Initiationszeremonien erfolgten nach einem festem Plan, der stark liturgische Züge trug. Für die Durchführung zeichneten Mitglieder aus den höheren Graden verantwortlich. Dazu gehörte der Obere der Minervalen, der, mindestens Illuminatus maior, als Leiter der Versammlungen die Entwicklung der einzelnen Mitglieder überwachte sowie die höchste Verfügungsgewalt hatte. Der Quaestor war für das Protokoll und die Befolgung der Anweisungen des Oberen verantwortlich. Kanzler und Sekretär verkündeten die Befehle und Aufträge für die Minervalen und verlasen die Statuten.<a href="#_ftn254" name="_ftnref254" title="">[254]</a> Getreu der Maxime, „in unseren Versammlungen unsern Geist zu bessern und zu erleuchten“<a href="#_ftn255" name="_ftnref255" title="">[255]</a> wurden den Zöglingen während der Minervalversammlungen Proben abverlangt. Obere waren angehalten, die wissenschaftlichen Darbietungen der Minervalen zu beaufsichtigen, sie vergaben Themen zur Erörterung, überprüften die schriftlichen Arbeiten und schickten diese an die nächsthöhere Instanz ein. Sie werteten die Beobachtungen der Minervalen  aus und ließen die Sitzungen protokollieren. Schriftliche Arbeiten, deren Qualität hohen Standards gerecht wurden, waren den unbekannten Oberen zu übermitteln.

Der Minervalgrad ist offensichtlich in Anlehnung an Gepflogenheiten des während der Aufklärung prosperierenden Sozietätswesens entstanden: „In dieser Klasse verlangt der O. nur als eine gelehrte Gesellschaft betrachtet zu werden“ die zugleich darauf zu achten hatte, daß „das Beyspiel und der Unterricht das Herz bessern und den Verstand leiten.“<a href="#_ftn256" name="_ftnref256" title="">[256]</a> Der Orden verstand sich strukturell und auch von seinen inhaltlichen Ansprüchen her als Ort der Bildung, vergleichbar öffentlichen Bildungseinrichtungen. Minervalkirchen eigneten sich für eine unbemerkte Eingliederung des Gradsystems in privat initiierte bzw. auch finanzierte Schulprojekte. In der Korrespondenz zwischen Knigge und Weishaupt findet sich ein Beispiel, das entsprechende Überlegungen belegt. Die Absicht des Frankfurter Kaufmanns Johann Georg Heuser<a href="#_ftn257" name="_ftnref257" title="">[257]</a>, „sein Vermögen zum allgemeinen Besten anzuwenden“ und „eine allgemeine Accademie (mit einem Worte! eine Minerval-Schule hier [zu] errichten)“<a href="#_ftn258" name="_ftnref258" title="">[258]</a> will Knigge nutzen, die projektierte Bildungsanstalt illuminatisch auszurichten. Er teilt Weishaupt mit: „ich bin beschäftigt ihm einen Plan dazu zu entwerfen, wobey ich nicht versäume alles so anzulegen, daß das Institut in die Direction des O. kommen muß, besonders wenn wir H. H. aufnehmen, und dann die besten Zöglinge als Minervalen aufnehmen. [...] Dies Institut soll junge Leute zu Universitäten vorbereiten, und weil itzt so wenig Menschen dahin gehen, die genugsame Grund-Kenntnisse haben; so soll dies das Mittel zwischen Schule und Universität halten.“ <a href="#_ftn259" name="_ftnref259" title="">[259]</a> Die erwogene Kooperation zeigt das taktische Vorgehen der Illuminaten im Bildungsbereich. Der Minervalgrad sollte die Nahtstelle vom arcanum des Ordens zum Öffentlichen bilden und konnte z.B. als Schulgründung oder Lesegesellschaft getarnt, nicht nur zu Anwerbung neuer Anwärter für den Orden, sondern auch zur Verbreitung illuminatischer Anliegen genutzt werden<a href="#_ftn260" name="_ftnref260" title="">[260]</a>.

Das dem Minervalgrad innewohnende pädagogische Potential und dessen Attraktivität für das öffentliche Bildungswesen wußte auch Goethes Schwager Schlosser {Dion/ Euclides} geschickt ins Spiel zu bringen, als er 1785 Bode {Aemilius} vorschlug, die Geheimhaltung aufzugeben und den Minervalkirchen ein anderes Gepräge zu geben, um sie auf diese Art für den öffentlichen Raum anpassungsfähig zu gestalten. Er forderte, man solle dazu übergehen, „die Minerval Kirchen in Lesgesellschaften zu verwandeln.“<a href="#_ftn261" name="_ftnref261" title="">[261]</a> Dazu führt er folgendes aus: „Der Gedanke ist groß und nicht unwahrscheinlich auszuführen. Ich meinte z. B. Man stellte dem Kaiser, oder dem König] in Pr[eußen] oder sonst einem wichtigen Monarchen vor: daß alle Schulen, Academien, gelehrte Gesellschaften u. s. w. nicht wirkten. [...] Man schlüg ihm also vor, eine Academie der Wissensch[aften] zu errichten die, ohne Besoldung sich zum Zweck sezte, mit allen dergl. Gesellschaften in Verbindung zu tretten, [...] die Haupt-Academie sollte blos aus distinguirten Gelehrten bestehen, [...] sollten die [Facumberz] haben, mit allen diesen Lesegesellschaften zu corresp[ondieren] ihre Vorschläge zur lecture zu thun etc.“<a href="#_ftn262" name="_ftnref262" title="">[262]</a> Nach Schlossers Auffassung hätte man den Minervalgrad vor allem ohne die rituelle Ebene bis auf seinen pädagogischen Kern entkleiden und der akademischen Bildung beispielsweise in Form einer Eliteanstalt angliedern sollen. 

Minervalkirchen wurden während des Bestehens des Ordens von den weiteren Aktivitäten abgesondert. Eine mögliche Angliederung an den Orden sollte erst dann erfolgen, wenn sich die notwendige Routine im Bildungsbetrieb eingestellt hätte und pädagogische Erfolge vorzuweisen wären. Dies stand auch nach Knigges Meinung nicht so schnell zu erwarten: „Minerval-Kirchen und □□ werden in den ersten 50 Jahren noch nicht können zusammengeschmolzen werden.“<a href="#_ftn263" name="_ftnref263" title="">[263]</a> Die in dieser Klasse nachwachsenden Illuminaten galten zwar als vollwertig in den Kreis der Mitglieder aufgenommen. Man bescheinigte ihnen die Teilhabe am Lichte der Erkenntnis, zeigte ihnen jedoch zugleich, daß auf dem Weg zum endgültigen Ziel, der vollständigen Überwindung der Unkenntnis, noch Hürden zu nehmen waren: „Liebe Br. in meinen Augen in meinem Geiste wird es helle: könnt Ihr auch so wie ich das Licht sehen? [...] Eure Augen sehen heller, Euer Geist ist heiterer; Ihr habt einen Schritt näher zum Lichte gethan; aber ganz ist die Finsternis und Blödigkeit noch nicht von Euch gewichen.“<a href="#_ftn264" name="_ftnref264" title="">[264]</a>

   3. Illuminatus minor – Grundlagen der Menschenführung

War der vorige Grad der Vervollkommnung wissenschaftlicher Bildung gewidmet, sollte der Grad des Illuminatus minor auf die Unterweisung und Leitung der Minervalen vorbereiten. Wer auf dieser Ausbildungsstufe angelangt war, betrat nunmehr den Kreis der untersten Leitungsebene und wurde darauf eingeschworen, seine Verhaltensweisen entsprechend der zu bekleidenden Funktion auszubilden. Obwohl dieser Grad noch zum Propädeutikum der untersten Klasse des Ordens gehörte, sollten die hierfür bestimmten Aufgaben die illuminatische Ausbildung wesentlich voranbringen: „Hier fängt auch eigentlich die Hauptbildung an.“<a href="#_ftn265" name="_ftnref265" title="">[265]</a> Den Angehörigen dieses Grades wurde eine erste Probe ihrer Führungsqualitäten abverlangt: „Diese Klasse ist die Grundlage des Ordens; sie arbeitet darin an dem Grunde des Gebäudes, das für die Einigkeit zum Nuzzen des Menschengeschlechts dauren soll. Diese Klasse enthält keine Geheimnisse, aber sie führt zu den größten aller Geheimnisse, zu dem Geheimnis, das viele so sehnlich gewünscht, so oft fruchtlos gesucht haben, zu der Kunst, Menschen zu regieren, sie zum Guten zu leiten, sie bey dem Guten zu erhalten, und dann mit ihnen alles auszuführen, was den Mehresten bisher Traum und nur den Aufgeklärtesten möglich schien.“<a href="#_ftn266" name="_ftnref266" title="">[266]</a>

Die Aufnahme des Kandidaten erfolgte ohne Zeremoniell. Ein Fürsprecher mußte den Oberen davon überzeugt haben, daß der Kandidat sich aufgrund seiner erfolgreichen Bildung im Minervalengrad des nächstfolgenden Grades würdig erweisen werde. Dem Kandidaten wurde eröffnet, daß weiterhin große Anstrengungen und schwierige Aufgaben bevorstünden: „die Zeit des Strebens und Kämpfens ist noch nicht vorüber. Denken Sie sich die Sache nicht leicht, nicht als schon vollführt.“<a href="#_ftn267" name="_ftnref267" title="">[267]</a> Der Insinuant war jedoch nicht zum Aufsteigen verpflichtet. Nach der Devise, „die unterste Klasse adelt schon“<a href="#_ftn268" name="_ftnref268" title="">[268]</a>, hätte er, ohne einen Ansehensverlust hinnehmen zu müssen, auf der erreichten Stufe verbleiben können. Dieses Prinzip galt für jeden weiteren Grad. Weishaupt verfügte bereits 1778, es stehe „jedem frey, bis auf einen bestimm­ten Grad wieder zurückzutretten, wenn es ihm gefällt.“<a href="#_ftn269" name="_ftnref269" title="">[269]</a> Gab ein Kandidat jedoch seine Einwilligung zur Beförderung, unterstellte er sich der illuminatischen Lehre der Selbsterkenntnis, die in diesem Grad unter dem Leitgedanken Cave ne cadas<a href="#_ftn270" name="_ftnref270" title="">[270]</a> stand. Die Fähigkeit zum Erkennen der eigenen Wesenheit war die wichtigste Voraussetzung für die Übernahme der Unterweisung der Minervalen. Es galt also, die in den vorherigen Graden vorbereitete Selbststeuerung in noch stärkerem Maße auszubilden: „Es ist wahr, kein Kampf ist schwerer, als der gegen sich selbst, aber auch kein Sieg herrlicher. Diese Selbstverleugnung ist es also, wodurch Sie zeigen müssen, was Sie zu thun imstande sind.“<a href="#_ftn271" name="_ftnref271" title="">[271]</a> Selbstverleugnung hier meint nicht die extreme Form, wie sie in religiösen Reinigungsübungen verlangt wird, sondern zielte auf eine stabile, im weitesten Sinne rational fundierte innere Festigkeit des Kandidaten. Damit war keineswegs gemeint, die eigene Emotionalität zu unterdrücken. Die Anweisung zielte allerdings darauf, „die große Kunst [zu] lernen, vernünftig zu begehren.“<a href="#_ftn272" name="_ftnref272" title="">[272]</a> Dazu gehörte ein Verhalten im Sinne der illuminatischen Tugenden sowie die Unterordnung unter den Zweck des Ordens. Illuminati minores sollten sicheren Standes die Führung der ihnen Anbefohlenen übernehmen können.

Der Illuminatus minor sah sich nunmehr realiter zur aktiven Teilnahme am Orden aufgefordert. Das Hineinwachsen in eine Leitungsfunktion bedeutete die Intensivierung der eigenen Lerntätigkeit. Der Aufgabenbereich des Illuminatus minor konzentrierte sich „auf die Art der Vorbereitung, auf die Bildung der Minervalen, auf Erhaltung des Eifers und auf Gehorsam und Subordination.“<a href="#_ftn273" name="_ftnref273" title="">[273]</a> Diese vier Teilbereiche ergeben ein pädagogisches Arbeitsfeld, in dem ein in jeglicher Hinsicht umsichtiges Handeln gefordert war. Die Aufgabe der Vorbereitung bestand in der Überprüfung der Lernfortschritte der Minervalen, die der Bildung verlangte die szientifische Unterweisung, die Beantwortung von Fragen ebenso wie das selbständige Erteilen gradspezifischer Aufgaben. Mit „Erhaltung des Eifers“ war die Aufgabe umschrieben, die Adepten zu motivieren. Aufrechthaltung von Gehorsam und Subordination gehörte zu den anspruchsvolleren Pflichten des Illuminatus minor, zu der er Talent zeigen mußte.

Da von einem sich im Unterweisen Übenden nicht erwartet werden konnte, daß sich seine pädagogischen Fähigkeiten umgehend zeigen würden, mußte auch eventuellen Rückschlägen und Fehlhandlungen im Umgang mit den Adepten vorgebeugt werden.  Es wurde dazu geraten, die Lehrtätigkeit behutsam anzugehen, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Zöglinge nicht von vornherein gegen sich einzunehmen. Der Lehrende sollte dem Lernenden nicht fortwährend seine Überlegenheit, seine umfangreicheren Erfahrungen und tieferen Kenntnisse zu Bewußtsein bringen.

Die Unterweisung der Insinuanten erfolgte im Sinne der Ordensmaxime, im Geheimen zu wirken. Jedes Mitglied sollte durch die weitestgehend unauffällige Zutageförderung von Erkenntnissen gebildet werden. Der Illuminatus minor sollte seinen Edukanden Gelegenheit geben, selbst zur Einsicht gelangen, indem er sich ihnen gleichstellte: „so lassen Sie anfangs die Antworten Ihrer Zöglinge besser als die Ihrige scheinen; das erweckt Muth.“<a href="#_ftn274" name="_ftnref274" title="">[274]</a> Er sollte sie nicht sofort auf Fehler aufmerksam machen, sondern ihn von selbst auf die Konsequenzen fehlerhaften Handelns kommen lassen. Die Bildung der Minervalen sollte nachhaltig vonstatten gehen. Eine verbindliche Anweisung, wie der Unterricht abzuhalten war, gab es nicht. Der Unterweisende hatte einen gewissen Freiraum zum Experimentieren: „Wenn die Art der Behandlung fehl schlägt, so versuchen Sie eine andere bis Sie die wahre treffen.“<a href="#_ftn275" name="_ftnref275" title="">[275]</a> So konnte er auch Erfahrung im Lehren sammeln. Seitens des Ordens erhielt der Illuminatus minor Hilfestellung. In Instruktionsheften wurden pädagogische Richtlinien formuliert und ihm z.B. geraten: „zeigen Sie lebhaft, was Menschen sind und was sie seyn sollen [...] Erwerben Sie sich Liebe und Zutrauen, aber auch Ansehen und Ehre, vermeiden Sie Familiarität [...] Ihre Untergebenen müssen also arbeiten, lesen, denken, empfinden, handeln [...] aber Sie müssen jeden auf seine eigne Art behandeln, um [...] den Gegenstand anschaulich zu machen.“<a href="#_ftn276" name="_ftnref276" title="">[276]</a> In erster Linie sollte der Illuminatus minor den Zögling seinen Möglichkeiten gemäß und unter Beachtung seiner Individualität unterrichten und sein Vertrauen erwerben unter Einhaltung der gebotenen Distanz.

Der Orden verlangte, daß die dem Illuminatus minor Anbefohlenen zu „sein[em] eigne[n], sorgfältige[n] Studium werden; an ihnen muß er sich in Menschenkenntnis üben.“<a href="#_ftn277" name="_ftnref277" title="">[277]</a> Er war angehalten, die zwei bis drei Minervalen, für die er verantwortlich war, täglich zu sehen, wenn dies erforderlich war. Die den Illuminati minores übertragene Verantwortung, Menschen zu bilden, schloß aus, „dabey allen seinen Gemächlichkeiten nach[zu]gehen“<a href="#_ftn278" name="_ftnref278" title="">[278]</a>. Erfolg sollte erreicht werden durch „beständigen, vernünftigen, zu rechter Zeit angebrachten Zuspruch, durch gutes Beyspiel und beständige Sorgfalt.“<a href="#_ftn279" name="_ftnref279" title="">[279]</a> Man war überzeugt, „die Vorsorge guter, wachsamer, unermüdeter Menschen macht wieder gute Menschen.“<a href="#_ftn280" name="_ftnref280" title="">[280]</a> Von den Illuminati minores sollte Vorbildwirkung ausgehen. Sie galten als Multiplikatoren der Ordensmaximen, deren Glaubwürdigkeit sowohl von ihrer inneren Einstellung bzw. Loyalität dem Orden gegenüber als auch von ihrem Talent, die geforderten Kenntnisse und Tugenden lebendig zu vermitteln, abhing. Ein Illuminatus minor seinerseits konnte „indem er andere lehret, selbst lernen.“<a href="#_ftn281" name="_ftnref281" title="">[281]</a>

Der Orden erwartete vor allem moralische Integrität von seinen Mitgliedern, sie war das Hauptkriterium bei der Auswahl und Beurteilung geeigneter Adepten: „Das gute Herz ist, was Sie am meisten bey Ihren Leuten zu suchen und am sorgfältigsten zu bilden haben. [...] wer des Schwächern nicht spottet; wessen Seele fühlbar gegen große Entwürfe ist, begierig, sich gegen alles niedrige Interesse zu erheben und durch große Wohlthaten auszuzeichnen; wer den Müßiggang flieht, und keine Art von Kenntniß für unnütz hält, welche zu erlangen er Gelegenheit hat, aber Menschenkenntniß seyn Hauptstudium seyn läßt [...] das ist der Mann für uns.“<a href="#_ftn282" name="_ftnref282" title="">[282]</a> Es kam nicht darauf an, eine große Anzahl von Minervalen zu befördern, der „Erweiterungsgeist [sollte] hier gänzlich wegfallen“<a href="#_ftn283" name="_ftnref283" title="">[283]</a> Ein Minerval mußte durch seine Leistungen überzeugen.

Die Unterrichtung der Minervalen machte jedoch nur einen Teil der Tätigkeit der Illuminati minores aus. Eine andere Aufgabe bestand in der Vorüberprüfung der von den Edukanden eingereichten Materialien. Für Illuminati minores fanden monatliche Treffen statt, die an einem vom Oberen bestimmten Tag abgehalten wurden. Die Ergebnisse der Beobachtung von Edukanden waren in der Ordensversammlung zu präsentieren: „In den Versammlungen liest er sein in diesem Monat gemachten Bemerkungen ab; er zeigt an, wie er die hier bemerkten Maximen auf sie anwendet, und welcher Erfolg daraus erwachsen, wie er sie zu behandeln gedenket; was noch an ihnen zu ändern ist etc.“<a href="#_ftn284" name="_ftnref284" title="">[284]</a>  Die Berichterstattung war obligatorisch: „Unverzeihlich wäre die Ausrede, wenn jemand anführen wollte, er habe diesen Monat weiter nichts bemerkt: denn da jeder Mensch einen ganzen Monat doch reden und handeln muß, so zeugt es offenbar von der Faulheit des Beobachters, wenn er nichts anführen kann.“<a href="#_ftn285" name="_ftnref285" title="">[285]</a> Darüber hinaus mußten Berichte über den Werdegang der jeweiligen Minervalen gegeben werden: “Es muß kein Minerval seyn, der nicht zum Unterricht an einen Illuminaten angewiesen wäre, keiner, über den nicht in dieser Versammlung vollständig referiert würde.“<a href="#_ftn286" name="_ftnref286" title="">[286]</a> Die Befugnisse des Illuminatus minor gingen nicht so weit, daß die Kontrolle der Minervalen gänzlich von ihm abhing. Er hatte über seine Aktivitäten Rechenschaft abzulegen, bevor er eine Entscheidung treffen konnte, waren die nächsthöheren Oberen zu konsultieren.

Mit der Beendigung der Vorbereitungsklasse hatte ein Ordensmitglied den illuminatischen Bildungsgang im kleinen durchlaufen. Der Grundstein für alle weiteren Maßnahmen war gelegt, es galt, nunmehr die eigentlich zu bewältigenden Aufgaben in Angriff zu nehmen.

 

3. Die zweite Klasse – im Zeichen der Autonomie

   1. Illuminatus maior – Wege zur Selbst- und Menschenkenntnis

Nach Abschluß der Vorbereitungsklasse bot das Bildungsprogramm der Illuminaten zwei Wege an. Ein für würdig gehaltener Adept erhielt entweder die Möglichkeit, wenn er bereits die Freimaurerei durchlaufen hatte, direkt in den Grad des Illuminatus maior aufzusteigen oder aber mußte die Maurergrade außerhalb des Ordens in illuminatisch unterwanderten  Freimaurerlogen absolvieren. In jedem Falle war das Innehaben der drei Maurergrade, Lehrling-Geselle-Meister, Vorbedingung für den weiteren Aufstieg im Gradsystem.

Weishaupt hatte nach seinem eigenen Eintritt in die Münchener Loge „Zur Behutsamkeit“ 1777 die Inkorporierung der Freimaurerei in sein System erwogen: „Ich selbst habe die Einsicht in dieses Gebäude in meinen Plan aufgenommen.“<a href="#_ftn287" name="_ftnref287" title="">[287]</a> Seine Begeisterung für das Masonische hielt jedoch nur kurz an. Für ihn waren die Freimaurergrade ein Teilstück des Ausbildungsganges, das zu durchlaufen war, wenn zweifelsfrei feststand, daß sich ein Mitglied in den unteren Graden bewährt hatte: „das wahre Maurer System werde erst dann erscheinen, wann die Raupe von den bisherigen unreinen Menschen gereinigt ist. Der Minerval und andere Grade seyn erfunden worden, um die Nichtswürdigen durch das Arbeiten zu entfernen.“<a href="#_ftn288" name="_ftnref288" title="">[288]</a> Weishaupt verfolgte mit dieser Strategie die Vereinnahmung der masonischen Netzwerke für die Ziele des Ordens vornehmlich zur Rekrutierung neuer Illuminaten. Knigge hingegen war der Auffassung, durch das illuminatische System die vollendete Maurerei schaffen zu können, was Niederschlag in seinen Vorschlägen zur Ausgestaltung der Grade, insbesondere von Illuminatus minor bis zum Illuminatus dirigens gefunden hat. Die Eingliederung der masonischen Grade sollte so unauffällig wie möglich vonstatten gehen. Der jeweilige Obere war angehalten, die Adepten zu überzeugen, die Mitgliedschaft bei den Freimaurern brächte die illuminatische Ausbildung voran, doch durfte ein Kandidat nicht den Eindruck gewinnen, „daß man ihn dazu bewegen will, und daß seine weitere Beförderung davon abhängt; sondern es muß dieser Wunsch, wo möglich ganz von sich selbst in ihm bestehen.“<a href="#_ftn289" name="_ftnref289" title="">[289]</a> Eine ähnliche Strategie verfolgten einige Rosenkreuzervereinigungen, die ihre potentiellen Mitglieder die Freimaurerei durchlaufen ließen.

Nach Vollendung des masonischen Meistergrades wurde das rein illuminatische Bildungsprogramm fortgesetzt. Der Aufstieg zum Illuminatus maior ging einher mit der methodischen Schulung der Selbsterkenntnis. Das Motto dieses Grades wurde der Inschrift am Apolloheiligtum in Delphi entlehnt und in seiner latinisierten Form Nosce te ipsum<a href="#_ftn290" name="_ftnref290" title="">[290]</a> verwendet. Selbsterkenntnis wurde „als das nothwendigste Stück“<a href="#_ftn291" name="_ftnref291" title="">[291]</a> dieses Ausbildungsabschnitts angesehen. Das nosce te ipsum sollte dem Illuminatus maior Ansporn und Maßstab zugleich sein, er sollte sich – auf einer neuen Ebene – als Lernender verstehen.

Der Kandidat für die Versammlung der Illuminati maiores, das als „Noviziat der höhern schottischen Maurerey“<a href="#_ftn292" name="_ftnref292" title="">[292]</a> galt, hatte im Vorfeld bereits einige Proben seiner Eignung zu geben. Er wurde zunächst aufgefordert, einen Lebenslauf zu verfassen. Daß diese Aufgabe von den Mitgliedern überaus ernst genommen, wurde, verdeutlicht das Beispiel des Wetzlaer Reichkammergerichtsassessors Ditfurth {Minos}, der auf mehreren hundert Seiten den Verlauf seines Lebens bis zur Universitätsausbildung schilderte<a href="#_ftn293" name="_ftnref293" title="">[293]</a>. Während der Aufnahme wurde der Insinuant dann gebeten, ein Charakterprofil von sich zu entwerfen. Diese Art der „Evaluierung“ verlangte von einem Kandidaten einen hohen Grad an Distanz sich selbst gegenüber. Das Ergebnis der Selbsterkundung wurde mit einem von der Illuminatenversammlung im Vorfeld der Initiation gemeinschaftlich erstellten Charakterisierung des Betreffenden verglichen. Er wurde also nicht nur der Konfrontation mit sich selbst ausgesetzt, sondern erfuhr auch um die Wirkung, die er bei Mitmenschen hervorrief. Diese Vorgehensweise ist Ausdruck der die Grade durchziehenden stetigen Steigerung der Anforderungen im Hinblick auf Selbsterkenntnis. Die spezifische Bildungsaufgabe des Grades lag in der Entwicklung pädagogischer Führungskompetenz.

Für die Ausbildung des Illuminatus maior wurde die katechetische Lehrform gewählt. Das geradezu ritualisierte Abfragen erwies sich nicht zuletzt deshalb als vorteilhaft, weil die interessierenden Informationen aus Fakten und insofern aus empirischen Daten bestanden. Der an die Pforten des neuen Grades Tretende kam nicht unbedarft, er hatte sich ein Zutrittsrecht erworben und war auf dem Weg in das Heiligtum der höheren Mysterien, um zu letztendlicher Gewißheit zu gelangen. Er hatte sich bisher als würdiger Illuminat erwiesen, der von sich behaupten konnte: „Man hat mich gelehrt, wie ich mich selbst und andere erkennen, lieben und regieren soll.“<a href="#_ftn294" name="_ftnref294" title="">[294]</a> Der Illuminatus maior bekräftigte seine Bereitschaft zur weiteren Vertiefung seiner Kenntnisse sowie zum Ausbau seiner Fähigkeiten. Er verpflichtete sich zur Erkenntnis seiner selbst zu gelangen, sich kritischer Selbstbeobachtung auszusetzen, eigene Mängel zu erkennen, sich diese einzugestehen und zu beheben. Dadurch sollte den Gefahren der Selbsttäuschung entgegengewirkt werden: „Lernen Sie durch sich selbst, was andere sind, aber lassen Sie sich durch dieses betrügerische Glas nicht schmeicheln.“<a href="#_ftn295" name="_ftnref295" title="">[295]</a>

Diese Ausbildungsstufe war ebenso der Beginn der systematischen Unterweisung in Menschenkenntnis. Die während der Tätigkeit als Illuminatus minor gesammelten Erfahrungen in Menschenführung erhielten eine theoretische Fundierung. Die Verinnerlichung der Prinzipien der Menschenkenntnis sollte zu einem umfassenden Verständnis der menschlichen Natur führen: „Wir studiren das menschliche Herz: Aber je weiter man es in dieser Kunst bringt, desto nachsichtiger und duldender wird an, um desto mehr sieht man, wie sehr wir von Umständen und Leidenschaften regiert werden, wie wenig es oft an uns liegt, daß wir nicht besser oder nicht schlimmer sind.“<a href="#_ftn296" name="_ftnref296" title="">[296]</a> Die Analyse von Charakteren und die differenzierte Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen sollte dazu beitragen, auf den Grund des menschlichen Wesens zu sehen. Die gewonnenen anthropologischen Erkenntnisse sollten zum Nutzen des Einzelnen und der Gesellschaft verbreitet und angewendet werden. „Allein alle diese Kenntnisse sind nichts werth und gehen endlich für die Welt verlohren, wenn wir die Welt nicht klüger und besser machen.“<a href="#_ftn297" name="_ftnref297" title="">[297]</a>

Je nach Eignung wurde ein initiierter und in Selbst- und Menschenkenntnis kompetenter Illuminatus maior entweder einer sogenannten Arbeisloge zugeordnet oder als Oberer der Aufnehmer und Werber für untere Grade vorbereitet. Die Beamten der Arbeitsloge entwickelten Theorien und Verfahren zur Menschenkenntnis. Sie verrichteten die „Hauptarbeit dieses Grades, [...] die genaue Zergliederung der Charaktere“.<a href="#_ftn298" name="_ftnref298" title="">[298]</a> Ihr Auftrag bestand in der Ermittlung geeigneter Kandidaten unter den Illuminati minores, sie unterbreiteten Vorschläge für Neuaufnahmen, fällten jedoch keine endgültige Entscheidungen, dies oblag den Oberen aus den Reihen der Illuminati dirigentes.

Zu diesem  Zweck wurde den Illuminati maiores ein Fragebogen für die Erhebung von empirischen Daten zur Persönlichkeit eines Kandidaten ausgehändigt. Sie sollten auf der Basis einer „standardisierten“ Erhebung gemäß Beylage B – Fragepunkte, nach welchen der Charakter eines in diesen Grad Aufzunehmenden geprüft wird<a href="#_ftn299" name="_ftnref299" title="">[299]</a> ein Charakterportrait erstellen. Der Fragebogen umfaßte sechs Schwerpunkte: 1. Person; 2. Erziehung, Bildung, Kultur und Gaben; 3. Geist; 4. Herz; 5. Aufführung, Gewohnheiten und Handlungen;  6. Äußere Umstände, Lebensart und Verhältnisse<a href="#_ftn300" name="_ftnref300" title="">[300]</a>. Unter diesen Rubriken wurden über 600 Fragen, die der Erstellung eines verläßlichen Charakterportraits dienen sollten, zusammengefaßt. Den größten Anteil dabei hatten diejenigen, die sich auf die Rede und das Handeln bezogen, sie machten nahezu die Hälfte der Fragepunkte aus.

Den Angehörigen der Beamtenloge oblag die Aufsicht über die Minervalklassen und über den aus Illuminati minores bestehenden Minervalmagistrat. Ihr Verantwortungsbereich umfaßte auch die Berichtigung von eingereichten Tabellen der unteren Grade sowie deren Einsendung zur endgültigen Überprüfung an ihre direkten Vorgesetzten, die Illuminati dirigentes. Der große Illuminat verfügte in seiner Eigenschaft als Ausbilder der Aufnehmer über relativ ausgedehnte eigene Einflußmöglichkeiten. Er hatte zu gewährleisten, daß dem Orden möglichst nur geeignete Mitglieder zugeführt wurden und diese zu Subordination und Befolgung der illuminatischen Maximen bereit waren.

Die Illuminaten vertraten die optimistische Auffassung, daß der Mensch potentiell dem Guten zuneigt: „Es ist eine Wollust für den Menschenkenner, zu sehen, daß doch im Grunde die Menschen alle gut, daß sie nur verblendet sind und ihr Interesse nicht kennen.“<a href="#_ftn301" name="_ftnref301" title="">[301]</a> Es muß jedoch Anreiz und Hilfe geboten werden, um das Leben des Einzelnen darauf auszurichten. Der sittliche Auftrag des Illuminatus maior, der diese Zusammenhänge erkannt haben sollte, bestand darin, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Da die herkömmliche pädagogische Praxis, „das Lehren und Predigen“<a href="#_ftn302" name="_ftnref302" title="">[302]</a>, kaum etwas bewirkt hatte, bedurfte es geeigneterer Mittel  und  eines andersgearteten Vorgehens. Der Illuminatus maior wurde darauf während der Initiation in den Grad aufmerksam gemacht, man sprach ihn direkt an: „Da Sie selbst fühlen, wie wenig die Menschen bis jetzt ihre Bestimmung erfüllen, wie sehr alle öffentliche Anstalten ausgeartet sind, wie wenig es den Lehrern der Weisheit und Wahrheit bis jetzt gelungen ist, die Menschen auf einen andern Ton zu stimmen, und ihnen das Interesse, gut zu seyn, an das Herz zu legen; so sehen Sie auch leicht ein, daß es vorzüglich an den Mitteln gelegen haben muß, deren Sie sich bedient haben: Diese müssen also besser gewählt werden, wenn je Tugend und Weisheit wieder in der Welt herrschen sollen und dies ist das Geschäft unsers erlauchten Ordens.“<a href="#_ftn303" name="_ftnref303" title="">[303]</a> Die Einlösung dieses Anspruchs, Menschen auf das Gute einzustimmen, erforderte ein umfassendes und vielfältiges Erziehungskonzept. An die  Illuminati maiores wurde daher  appelliert, „jede Quelle der Nachforschung [zu] eröffnen, jedes unterdrückte Talent [zu] belohnen, jedes Genie aus dem Staube hervor[zu]ziehen, aller Orten reine Grundsätze nach der Constitution des Zeitalters [zu] lehren, uns der Erziehung der Jugend an[zu]nehmen, die besten Köpfe in ein unzertrennliches Band [zu] vereinigen, Aberglauben, Unglauben, Dummheit, kühn, aber mit Klugheit [zu] bestreiten, endlich alle unsere Leute so ab[zu]richten, daß sie über alle Gegenstände, gleiche, grade, richtige Begriffe haben.“<a href="#_ftn304" name="_ftnref304" title="">[304]</a> Es sollten die Menschen – gemäß den pädagogischen Intentionen der Aufklärung – „von Vorurtheilen gereinigt, der Kopf aufgeklärt, sodann mit gemeinschaftlichen Kräften die Wissenschaften von unüzzen Subtilitäten gereinigt, richtig aus der Natur geschöpfte Grundsäzze festgesetzt, und also dem Menschen der Weg geöffnet werden, ohne Hinderniße der reinen jetzt verdunkelten Wahrheit auf den Leib zu gehen.“ <a href="#_ftn305" name="_ftnref305" title="">[305]</a>  Diese Instruktionen verwiesen den Illuminatus maior auf seine pädagogische Pflicht. Sie lenkten all seine Aktivitäten innerhalb des Ordens. Seine Aufgaben bestanden in der Bereitstellung von Lehr- und Bildungsmaterialien, der Förderung Begabter, dem Unterrichten der jüngeren Mitglieder und der Festigung des Ordensverbundes.

 

   2. Illuminatus dirigens - Administration des unteren Ordensgebäudes

Ein Illuminatus dirigens – auch schottischer Ritter genannt - sollte daran arbeiten, „daß er die Harmonie wiederherstelle, seine Natur veredle, und sich also zum reinsten Werkzeug der Gottheit mache.“ <a href="#_ftn306" name="_ftnref306" title="">[306]</a> Er sollte dazu Mäßigkeit üben, seinen Geist erheben und für die ihm Anvertrauten tätig werden. Die Mitglieder dieses Grades organisierten sich im sogenannten geheimen Kapitel, zu dem Präfekt, Schwertträger, Zeremonienmeister, Kanzler und Schatzmeister, Oberaufseher, Altschottischer Obermeister, geheimer Sekretär, Priester  sowie bereits aufgenommene Schottische Ritter gehörten. Es sollten während der Zusammenkünfte mindestens 6 Personen, jedoch höchstens 12 bei der Initiation anwesend sein. Es ist für den Illuminatus dirigens ebenso eine an den Freimaurerritualen orientierte Aufnahmezeremonie durchgeführt worden. Der Neuaufzunehmende wurde an einem ihm unbekannten Ort, an den er zuvor mit verbundenen Augen geführt worden war, in verschiedenen rituellen Handlungen nach seiner inneren Einstellung befragt und schließlich zum sog. Andreasritter geschlagen. Daß die Verbindung zum Orden nunmehr ernstzunehmender war als noch im Noviziat, war selbstverständlich. Das Voranschreiten auf dem Weg bedeutete verantwortliche Mitarbeit. In einem zweiten Revers bekräftigte der neu aufzunehmende Illuminatus dirigens seinen Willen, von diesem Zeitpunkt an das ganze Leben hindurch sich den Belangen des Ordens zu unterwerfen. Der lange Weg seiner Entwicklung wurde dem Kandidaten ins Bewußtsein gehoben: „Ein Freund zeigte ihnen den Weg der Wahrheit. Man prüfte sie genau. Sie mußten erst eine Reise unternehmen.“<a href="#_ftn307" name="_ftnref307" title="">[307]</a> Es folgte die Konsolidierung und Überprüfung des Erworbenen, der Introducendus mußte „erst Proben gegeben haben, daß er sich denjenigen Unterricht, welchen man ihm im größten Illuminatengrade oder im Schottischen Noviziate zu Erkenntniß seiner selbst und anderer ertheilt, zu Nutze gemacht habe. Zu diesem Endzweck muß er sich fleißig üben, die Semiotik der Seele ins Helle zu setzen.“<a href="#_ftn308" name="_ftnref308" title="">[308]</a>  Darüber hinaus waren neue Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehörte die Anfertigung einer Lebensbeschreibung der Persönlichkeit, deren Namen der Schottische Ritter trug und die Abgabe noch nicht erfüllter pensa.

In diesem Grad wurde der Adept mit geschichtsphilosophischen Überlegungen konfrontiert. Ihm wurde erläutert, daß die Ursache der gesamtgesellschaftlichen Misere in dem Verlust einstiger Vollkommenheit läge: „Der Mensch, so wie er jetzt unsern Sinnen erscheinet, ist tief von seiner hohen Würde herabgesunken. Einst war seine Natur rein, geläutert, das Ebenbild der Gottheit. Fähig, das reinste Werkzeug der Urquelle zu seyn, stand er oben in der Stuffenreihe und freuete sich seiner Unsterblichkeit.  Bei einer gewissen großen Revolution in der Geisterwelt wurde sein feineres Wesen mit dieser gröbern Hülle, wie solche jetzt in unsre Sinne fällt, umgeben.“ <a href="#_ftn309" name="_ftnref309" title="">[309]</a> Der momentane Zustand der Welt müsse jedoch nicht so akzeptiert werden, sondern könne dank des Überdauerns des Geheimwissens in ausgewählten Gruppierungen überwunden, der Urzustand wieder erreicht werden: „Es konnte und sollte aber der Mensch wieder zu jener Höhe emporstreben, und einige Vertraute der ewigen Weisheit, die ihren Geist, um sinnlich zu reden, rein und unbefleckt erhalten hatten, gaben dem schwachen Menschengeschlechte in einer Bildersprache die Mittel dazu an Handen. – Diese Bilder, diese Offenbarungen, die ersten Buchstaben der ächten Gottesweisheit, wurden in geheimen Weisheitsschulen fortgepflanzt. [...] daß die Bessern empfänglich für diese hohen Gegenstände  durch einen treuen Freund geleitet, auf die Spur ihrer höhern Bestimmung kommen sollten.“<a href="#_ftn310" name="_ftnref310" title="">[310]</a> Hier wird das Bestreben des Ordens erkennbar, sich in die Tradition der gnostisch-esoterischen Gesellschaften einzureihen. Überdies tritt eine bemerkenswerte Analogie zu der Darstellung im Constitutionenbuch der Freimaurer zutage. Der Verweis auf das Alter des Ordens entspricht der Vorgehensweise bei der Einführung neuer Maurer, denen ebenfalls klar gemacht wird, daß das in diesen Orden gehütete Wissen von dem Urvater Adam in einer ununterbrochenen Linie z.B. durch den Templerorden übermittelt wurde.<a href="#_ftn311" name="_ftnref311" title="">[311]</a>

Eine Besonderheit dieses Grades bildet das aus dem clermontschen Freimaurersystem übernommene sog. Liebesmahl oder Agape, eine feierliche Handlung, die die Brüder des geheimen Kapitels in Anwesenheit des Oberen, zelebrierten. Das Zeremoniell war eine im weitesten Sinne säkularisierte Form der christlichen Eucharistie.<a href="#_ftn312" name="_ftnref312" title="">[312]</a> Während des Liebesmahls wurde Tugenden wie Mäßigkeit, Sittlichkeit, Strenge, echte Bruderliebe und Ergießung des Herzens zu unschuldiger sorgloser Fröhlichkeit gehuldigt. Das was in den Mysterien auf der nächsten Stufe zu erkunden war, setzte eine gefestigte, im Denken und Handeln geübte Persönlichkeit voraus sowie einen gereinigten und vom ethischen Standpunkt her unbeugsamen Charakter, der von Mitgefühl und Menschenliebe bestimmt sein sollte, daher sollte sich jeder Illuminatus dirigens prüfen, „ob Liebe in seinem Herzen wohnt.“<a href="#_ftn313" name="_ftnref313" title="">[313]</a> In Anlehnung an das christliche Vorbild wurden Schottische Ritter dem „alte[n] Meisterwort Jehova“ und damit vorchristlichen Traditionen verpflichtet.<a href="#_ftn314" name="_ftnref314" title="">[314]</a>

Auch wenn über die Bildungsinhalte im Schottischen Rittergrad Differenzen zwischen den Auffassungen ihres Urhebers Knigge und Weishaupt bestanden<a href="#_ftn315" name="_ftnref315" title="">[315]</a>, so ist doch seine Zielstellung eindeutig festgelegt. Sie bestand in Anleitung und Administration aller unter ihm befindlichen Grade: „Die schottischen Ritter sollten das mechanische des Gebäudes dirigieren, und da auf dieser Stufe die mehrsten Leute stehen blieben, so sollte man ihnen etwas halb wahres, halb falsches zur Befriedigung geben. Wir bedürfen einer Menge Ill. dir. zur Arbeit.“<a href="#_ftn316" name="_ftnref316" title="">[316]</a> Über diesen Grad hinaus sollten nur wenige geführt werden, zumal der bis dahin erreichte Stand an Kenntnissen und Fähigkeiten in Rücksicht auf Bildung und Aufklärung der Mitglieder als ausreichend erschien.

Die Zugehörigkeit zu den Illuminati dirigentes konfrontierte einen Inhaber dieses Grades mit einem neuen pädagogischen Anspruch. Er sollte sich nunmehr in freier Verantwortung „durch Beschäftigung mit höheren Gegenständen“<a href="#_ftn317" name="_ftnref317" title="">[317]</a> vertiefte Kenntnisse und Einsichten verschaffen und durch Übungen der Selbsterkenntnis eine breite Erfahrungsbasis für eine Selbstbildung gewinnen: „Sie haben jetzt Fingerzeige genug! – Prüfen Sie, lesen Sie, denken Sie nach. – Es giebt eine Menge Dinge, welche man zwar nicht ohne Anleitung finden, aber auch nicht durch bloßen Unterricht lernen kann, und diese Wahrheiten, wovon man Ihnen hier das Alphabet gegeben hat, erfordern Fleiß und Studium.“<a href="#_ftn318" name="_ftnref318" title="">[318]</a> Es versteht sich von selbst, daß der Illuminatus dirigens seine Selbstbildung methodisch vorantrieb, sich mit religiösen und philosophischen Problemen auseinandersetzte und den Bildungsprozeß dokumentierte. Er wurde angehalten „den rohen Stein“<a href="#_ftn319" name="_ftnref319" title="">[319]</a>, seinen „nicht geläuterten Geist, so [zu] bearbeiten, daß er gerade und richtig wie der behauene Stein werde“<a href="#_ftn320" name="_ftnref320" title="">[320]</a>, er müsse seine „Handlungen mit den Werkzeugen der Vernunft und Tugend messen, abwägen und richten, und sich in Nachforschungen über hohe Gegenstände üben.“<a href="#_ftn321" name="_ftnref321" title="">[321]</a> Die mit dem Verweis auf den zu bearbeitenden Stein anklingende maurerische Symbolik gewann in diesem Grad besondere  Bedeutung.<a href="#_ftn322" name="_ftnref322" title="">[322]</a>

Der Schottische Ritter zeichnete verantwortlich für Aufnahme, Beobachtung, pünktliches Einreichen der monatlichen Aufgaben aller unter ihm befindlichen Mitglieder. Er prüfte die eingehenden  Arbeiten und leitete sie zur Begutachtung an seine Oberen weiter. Der Illuminatus dirigens und seine Mitbrüder sollten ihre Arbeit in dem Bewußtsein verrichten, „daß sie Vorsteher einer großen Anstalt zum Besten der Menschheit sind. Also muß bei ihnen alle Eitelkeit, eine Rolle im Orden zu spielen, wegfallen.“<a href="#_ftn323" name="_ftnref323" title="">[323]</a> Sie waren die Garanten für die Qualität der intellektuellen und sittlichen Bildung im Orden. Das Hauptaugenmerk sollte auf die Ausmerzung dreier charakterlicher Mängel gerichtet werden, auf die Begierde, alles zu genießen, auf die Begierde, sich durch sinnliche Mittel zu erheben und auf die Neigung, sich die Untätigkeit zueigen zu machen. In der Funktion des Oberen mußte der Schottische Ritter jeden Kandidaten genau kennen und sollte dies jedem auch beweisen. Dazu bedurfte es der gründlichen Auswertung der eingesandten Materialien. Außerdem sollte er immer wieder Überprüfungs- und Bewährungssituationen arrangieren. In einer unter vier Augen stattfindenden Unterredung sollte dem Kandidaten „durch verfängliche Fragen in Verlegenheit setzen, damit man sehe, ob er Gegenwart des Geistes habe; und wenn er nicht fest in seinen Grundsätzen ist, und hier Blöße zeigt, so soll man ihn das fühlen lassen, damit er empfinde, wie viel ihm noch fehlt, wie sehr er unsrer Leitung bedarf.“<a href="#_ftn324" name="_ftnref324" title="">[324]</a> Um einem Mißverstehen dieses mitunter an die Grenzen der Aufrichtigkeit stoßenden Vorgehens vorzubeugen, wurde er zu selbstloser Haltung im Umgang mit dem Kandidaten ermahnt: „Wir müssen immer nur geben, nie nehmen“<a href="#_ftn325" name="_ftnref325" title="">[325]</a> und aufgefordert, „der Neugier und Eitelkeit [zu] entsagen, und auf seinem Platze zum Besten des Ganzen [zu] wirken, was er kann.“<a href="#_ftn326" name="_ftnref326" title="">[326]</a>

Der Illuminatus dirigens stand mehreren Minervalkirchen vor, zu seinen Aufgaben gehörte, alles zu referieren, was bei ihm abgeliefert wurde, Tabellen für den sogenannten äußeren Orden zu verfertigen, quibus licet durchzusehen bzw. weiterzuleiten sowie Strategien zur Vermehrung der Ordenskassen zu entwickeln. Die Hauptaufgabe bestand in der Beobachtung der einzelnen Kandidaten wie auch des Ordenslebens, um daraus praktischen Nutzen für den Orden zu ziehen. Es waren Methoden zu entwickeln, die Ordensaktivitäten optimierten: „so soll jeder Schottische Ritter alle Mängel beobachten, Entwürfe machen, wie in einer Provinz der Zusammenhang unter den Mitgliedern enge und genau, die Unterwürfigkeit ohne Sklaverey Strenge könne erhalten.“<a href="#_ftn327" name="_ftnref327" title="">[327]</a>

Der Umgang mit anderen Menschen, seien es Mitbrüder oder Ordensexterne, sollte strategisch organisiert werden, stets in dem Bewußtsein, das Anliegen des Ordens zu fördern. Zwackh  zitiert in diesem Zusammenhang häufig den auch in den Statuten verwendeten Satz: „Der Zweck heiligt die Mittel.“<a href="#_ftn328" name="_ftnref328" title="">[328]</a> Diese unbedacht formulierte Maxime wurde außerhalb des Ordens meist negativ gewertet. Die Illuminaten fühlten sich mißverstanden, wenn „in hiesigen Gegenden am meisten der Satz [fällt], welcher in unseren Statuten war, man bediene sich derjenigen Mittel, welche der Betrug zur Boßheit anwendet.“<a href="#_ftn329" name="_ftnref329" title="">[329]</a> Zurecht konnten sie entgegnen, daß ihnen willentliche Täuschung fern lag und es allein ihr Anliegen war, das Ordensprojekt zu realisieren: „Ueberhaupt muß der Schottischen Ritter vorzügliches Studium seyn, auf alle Menschen zu wirken, wie es ihnen gefällt, weltklug, ohne Falschheit, vorsichtig, beredt ohne Geschwätzigkeit, einschmeichelnd und unermüdet zu Durchsetzung des Zwecks zu seyn.“<a href="#_ftn330" name="_ftnref330" title="">[330]</a> Dieser Auftrag steht im Zusammenhang mit einer weiteren Aufgabe des Illuminatus dirigens. Er sollte sich in anderen Gesellschaften umsehen und eruieren, ob sich für die Illuminaten lohnende Ideen gewinnen ließen. Ein Illuminatus dirigens sollte seine Mitbrüder auf dem Weg zur Autonomie, die er sich mit diesem Grad erworben hatte, geleiten. 

 

4. Die dritte Klasse – Führungskompetenz und Freiheit 

   1. Priester  - Leitung der illuminatischen Akademie

In einer der Einführung in ein kirchliches Amt ähnlichen Zeremonie<a href="#_ftn331" name="_ftnref331" title="">[331]</a> vollzog sich die Initiation in den Grad des Priesters oder Presbyters und damit der Eintritt in die dritte und letzte Klasse des illuminatischen Bildungsgangs. Hier begann das Studium der durch Christoph Meiners<a href="#_ftn332" name="_ftnref332" title="">[332]</a> vermittelten „wahren Mÿsterien, wo alles Spielwerk, alle FrMrÿ aufhörte, wo alles erklärt wird.“<a href="#_ftn333" name="_ftnref333" title="">[333]</a> Nach langem Ausbildungsgang sollte nun auch dazu befähigt werden „diese nackten Wahrheiten zu ertragen,“<a href="#_ftn334" name="_ftnref334" title="">[334]</a> d.h., es sollte die höchste Einsicht vermittelt, auf den Grund der Wahrheit gesehen werden. Das illuminatische Priesteramt war intendiert zur Beförderung der reinen Religion. Die Fähigkeit, vernünftig zu begehren, die bereits dem Illuminatus minor nahegebracht wurde, spielte hier eine Rolle. Es sollte dem Willen Gottes größeres Gewicht als dem eigenen zugestanden werden. Dieser Grad stand unter dem Zeichen I.N.R.I. und verpflichtete seine Inhaber, sich dem Vorbild Christi anzunähern.

In diesem und im folgenden Grad standen die Lehrbefugnisse und –aufgaben im Vordergrund. Dem Aufzunehmenden wurde aufgezeigt, warum er den Weg, den er über die einzelnen Stufen gegangen war, hatte einschlagen müssen: „Wären Menschen gleich anfänglich das, was vernünftige Menschen seyn sollten; könnte ihnen gleich bey dem ersten Eintritt die Heiligkeit der Sache und die Herrlichkeit des Plans vorgelegt und einleuchtend gemacht werden.“<a href="#_ftn335" name="_ftnref335" title="">[335]</a> Der Boden für die Teilhabe am höheren Wissen schien nunmehr bereitet. Ein Kandidat aus den Reihen der Illuminati dirigentes erhielt im Vorhinein vom Präfekten den entsprechenden Fragenkatalog<a href="#_ftn336" name="_ftnref336" title="">[336]</a>, der von ihm außerhalb der Ordensveranstaltungen zu beantworten und dann dem Dekan der Provinz zuzuleiten war. Die Fragen waren sehr genereller Natur, sie betrafen ein großes Spektrum an Problemen „unsere[r] jetzigen Welteinrichtung“<a href="#_ftn337" name="_ftnref337" title="">[337]</a> und mündeten in die Prämisse der Illuminaten, eine Verbesserung der Verhältnisse sei am ehesten über geheime Gesellschaften zu erzielen. Daran schloß sich der sog. Unterricht im ersten Zimmer an. Er war Bestandteil der Initiationszeremonie, bei der dem Kandidaten eine Abhandlung über das Verhältnis zwischen christlicher Religionsausübung und der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse verlesen wurde. Während der Absolvierung der Rituale in zwei Vorzimmern wurde ihm die Möglichkeit eröffnet „Weisheit [zu] lernen“<a href="#_ftn338" name="_ftnref338" title="">[338]</a> sowie  „Menschen klüger, besser, frey und glücklich [zu] machen“.<a href="#_ftn339" name="_ftnref339" title="">[339]</a>

Im weiteren Verlauf der Zeremonie wurde eine zweite Anhandlung verlesen, die geschichtsphilosophische Erörterungen zum Inhalt hatte, diese war ein weiterer zentraler Bestandteil der Initiation. In ihr wurde die Rückbesinnung auf die eigentlichen Intentionen von Religion und Politik gefordert. Die Errichtung einer Gesellschaftsordnung mit neuen Qualitäten wurde darin in Aussicht gestellt, da mit dem Illuminatenorden „der Same zu einer neuen Welt [...] nunmehr unter Menschen geworfen“<a href="#_ftn340" name="_ftnref340" title="">[340]</a> sei. Geheime Weisheitsschulen wurden als prädestiniert angesehen, die notwendigen Veränderungen durchzuführen. Sie seien „vor allzeit die Archive der menschlichen Rechte, durch sie wird der Mensch von seinem Fall sich erholen, Fürsten und Nationen werden ohne Gewaltthätigkeit von der Erde verschwinden, das Menschengeschlecht wird dereinst eine Familie, und die Welt der Aufenthalt vernünftiger Menschen werden. Die Moral allein wird diese Veränderungen unmerkbar herbeyführen.“<a href="#_ftn341" name="_ftnref341" title="">[341]</a> Der Illuminatenorden als Weisheitsschule, der den Menschen auf die Freiheit vorbereiten konnte, sah seinen Auftrag in der Verbreitung der Aufklärung. Diese sollte es ermöglichen, „den Menschen den Zustand ihres vorigen Elends und ihrer gegenwärtigen Glückseligkeit begreiflich“<a href="#_ftn342" name="_ftnref342" title="">[342]</a> zu machen. Es wurde die These vertreten, „daß es kein ausschließendes Vorrecht der Vornehmen seye, den Wahrheiten der Vernunft Beyfall zu geben.“<a href="#_ftn343" name="_ftnref343" title="">[343]</a> Bildung und Aufklärung sollten allen zugestanden werden.

Der Priestergrad verhieß zudem: „sey frey und löse die Fesseln von Dir.“<a href="#_ftn344" name="_ftnref344" title="">[344]</a> Das lapidare Versprechen mußte verblüffend wirken, stand es doch in einem krassen Spannungsverhältnis zu den Anstrengungen des Kandidaten. Es galt der Grundsatz, daß „Freyheit ein Gut sey, dessen nicht ein jeder fähig ist.“<a href="#_ftn345" name="_ftnref345" title="">[345]</a> Aufgrund dieser Prämisse wurde eine Unterscheidung vorgenommen zwischen denjenigen Presbytern mit berechtigten Chancen zum weiteren Aufstieg in den Mysterien und denjenigen, welche in diesem Grad verbleiben sollten.

Letztere, die sog. kleinen Presbyter, stellten den bei weitem größten Teil dieser Klasse. Von den neun Priestern einer Provinz waren sieben ausschließlich zu Vorstehern der illuminatischen Wissenschaftsakademie bestimmt: „wer sich zu nichts besserm schickte, finde auch hier Befriedigung in der Mittheilung der geläuterten wissenschaftlichen Kenntnisse.“<a href="#_ftn346" name="_ftnref346" title="">[346]</a> Die während der Initiation übermittelten geschichtsphilosophischen und weltanschaulichen Ideen machten den ihnen zugedachten Anteil an den Mysterien aus. Sie wurden dem Kandidaten dann als höchst mögliche Einsicht dargestellt.

Dem Priester oblag es, die dem Minervalgrad vorstehende Akademie des Ordens zu leiten,  administrative Leitungsfunktionen hatte er kaum noch zu erfüllen. Er mußte bereits „als Minerval gezeigt haben, daß er sich derjenigen Wissenschaft, welche er sich zu seinem Lieblingsfach gewählt, mit Ernst gewidmet, und in derselben keine gemeine Fortschritte gemacht habe, als worüber er Proben ablegen, und eine Aufgabe beantworten muß.“<a href="#_ftn347" name="_ftnref347" title="">[347]</a> Vom Orden wurden Priester als Diener im Tempel des wahren Lichts betrachtet, sie sollten nach Möglichkeit keinen weltlichen Geschäften mehr nachgehen: „Entsagen sie daher vorerst (diese Probe müssen wir von ihnen verlangen) allen Ansprüchen auf Regierung, und widmen sich eine Zeit lang der Direction ihres wissenschaftlichen Faches.“<a href="#_ftn348" name="_ftnref348" title="">[348]</a> Der Priester war Mehrer und Verwalter der illuminatischen Wissensbestände zugleich. Die ihm zukommende Funktion in der Ordensgemeinschaft war die eines der obersten Vertreter der gelehrten Fakultät. Die sieben kleinen Priester widmeten sich je einer Klasse der wissenschaftlichen Akademie, die jeweils eine physische, medizinische, mathematische, naturhistorische, politische, künstlerisch-handwerkliche sowie eine geheime Wissenschaften betreibende Klasse umfaßte. Die Vorsteher dieser Klassen hatten sich fachspezifische Kompetenzen anzueignen, um auf Anfragen, die von den einzelnen Minervalkirchen kamen, fundierte Antworten geben zu können. Die Provinzialakademien arbeiteten unabhängig voneinander.

Der Presbyter konnte sich zur Bewältigung seiner Arbeit Gehilfen aus unteren Graden heranziehen: „Jeder Priester sorgt also für eine hinlängliche Anzahl Unterarbeiter in seinem Fache und stellt eine Art von Facultät her. Die Leute müssen unter ihm arbeiten und forschen.“<a href="#_ftn349" name="_ftnref349" title="">[349]</a> Die wissenschaftliche Arbeit sollte auf Empirie basieren. Gemäß der empirischen Methode sollte in allen wissenschaftlichen Fächern verfahren werden. Ein Priester war dafür zuständig, daß Beobachtungsdaten und daraus resultierend Erkenntnisse gesammelt, systematisch erfaßt und geprüft wurden, so daß Schlußfolgerungen gezogen, Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden konnten. Er war Garant der wissenschaftlichen Arbeit des Ordens: „Da nun alle scientifischen Anfragen bey eben dem Fach an ihn kommen, und er die Leute befriedigen muß: so liegt ihm ob, sich zu bemühen, feste Systeme herzustellen“<a href="#_ftn350" name="_ftnref350" title="">[350]</a> Diese dienten als Basis für den sogenannten Real-Katalogus, eines Sammelbeckens von Kenntnissen und relevanten Begriffen, dessen Nutzung jedem Mitglied offen stehen sollte. Jeder Presbyter führte ein Buch, in das er nach alphabetischer Ordnung Erkenntnisse eintrug, die als gesichert gelten konnten. Ziel war es, die Wissensbestände zu bearbeiten „bis endlich, nach und nach ein untrügliches System sich bildet und entstanden ist.“<a href="#_ftn351" name="_ftnref351" title="">[351]</a> Jedes erstellte Teilarchiv wurde jährlich während der Synodalversammlung der Priester zur Mehrung der Kenntnisse des Ordens an das National-Archiv in scientificis abgeliefert.

Neben der Leitung der Ordensakademie oblag es den Priestern, die besten Ausarbeitungen der Minervalen aufzubewahren oder sie nach eingehender Prüfung weiter zu befördern. Sie waren darüber hinaus dafür verantwortlich, in regelmäßigen Abständen Fragestellungen für Aufsätze, Debatten etc. vorzuschlagen. Die Vorschläge wurden an den Dekan geschickt, der sie in den Minervalkirchen austeilte, damit die „Zöglinge beschäftigt“<a href="#_ftn352" name="_ftnref352" title="">[352]</a> werden konnten.

Die beiden zur Beförderung bestimmten Presbyter oder Magi erhielten als „kleine Regenten“ Unterweisungen in der sog. gereinigten Religion, der unverfälschten Lehre Christi. Diese sei in der Kirche, insbesondere im Jesuitenorden nicht zu finden. Ein Magus sollte die Kunst, sich zu seinem Vorteil selbst zu regieren, den Menschen predigen. Diese Unterweisung wurde „nur solchen Leuten, die Licht ertragen können“<a href="#_ftn353" name="_ftnref353" title="">[353]</a> zuteil, d.h. denjenigen, die eine kritische Auffassung gegenüber Staat und Kirche vertraten und gewillt waren, aktiv gegen die gesellschaftlichen Mißstände anzutreten.

Magi wurden als Bindeglied zwischen der vergangenen und der zukünftigen Welt betrachtet. Sie gehörten zur Generation aufgeklärter Männer, die wiederum der nachwachsenden Generation die Hand bieten sollten auf dem Weg zur Vollkommenheit. Sie hatten ihren Verstand aufgeklärt, ihr Herz gebessert und auch sich und andere erkennen und bilden gelernt, waren fähig, „andere zu erleuchten und zu regieren.“<a href="#_ftn354" name="_ftnref354" title="">[354]</a> Das war „die höchste Ehre, wonach der edlere Mann streben soll.“<a href="#_ftn355" name="_ftnref355" title="">[355]</a> Insbesondere die Magi verpflichteten sich, „in dem Furchtsamen Muth, in dem Lauen und Trägen Eifer und Thätigkeit erwecken, dem Unwissenden predigen und lehren: den Gefallenen aufrichten, den Wankenden und Schwankenden stärken, den Hitzigen zurückhalten, Uneinigkeiten zuvorkommen, entstandene beylegen, alle Mängel und Schwächen verbergen, gegen das Eindringen neugieriger Forscher und Witzlinge auf seiner Hut stehen, Unvorsichtigkeiten und Verrath verhüten, und endlich Subordination und Achtung gegen Obere, Liebe und Neigung unter sich, und Verträglichkeit gegen die, so außen seyend, bey den Deinigen zu bewirken.“ <a href="#_ftn356" name="_ftnref356" title="">[356]</a>

Es war das erste Anliegen dieses Grades, Menschen „ohne äußeren Zwang in einer dauerhaften Vereinigung, einerley Geist und Seele ein [zu] hauchen.“<a href="#_ftn357" name="_ftnref357" title="">[357]</a> Der Priester sollte Selbständigkeit und Mündigkeit im Sinne der Aufklärung verkörpern und diese bei den  Adepten befördern. Sein Wirken sollte dazu beitragen, daß jegliche staatliche Gewalt, ob sie von monarchischen oder republikanischen Regierungen ausgeht, sich erübrigt: „Wer also allgemeine Aufklärung verbreitet, verschafft zugleich eben dadurch allgemeine wechselseitige Sicherheit, und allgemeine Aufklärung und Sicherheit machen Fürsten und Staaten entbehrlich. Oder wozu braucht man sie sodann?“ <a href="#_ftn358" name="_ftnref358" title="">[358]</a> 

Um diesen Prozeß zu beschleunigen, sollte ein Illuminat dieser Klasse über staatsmännische Kompetenzen verfügen, daß er „Stütze jedes guten Fürsten“<a href="#_ftn359" name="_ftnref359" title="">[359]</a> sein kann. Der Magus sollte also nicht nur „diesen Grad der Kultur und Aufklärung nach unserm Plan zu lenken“<a href="#_ftn360" name="_ftnref360" title="">[360]</a> sondern auch nach dem Vorbild der Jesuiten Strategien entwickeln, um in die Gesellschaft hinein zu wirken z.B. über Erziehungsinstitute, staatliche Einrichtungen. Magi sollten auch Pfründe dem Orden zuführen, junge progressive Schriftsteller illuminatisch beeinflussen und ein Sprachrohr des Ordens in der Öffentlichkeit sein. Ihnen oblag es, den unteren Klassen den Orden „heilig [zu] machen“<a href="#_ftn361" name="_ftnref361" title="">[361]</a>. Sie sollen sich den Ruf der höchsten Aufklärung verdienen. Die Zöglinge sollten durch sie die reine Weisheit erfahren; dank ihrer sollte die „Vernunft zur Religion der Menschen“<a href="#_ftn362" name="_ftnref362" title="">[362]</a> werden.

 

  

 

   2. Regent – Lenkung des gesamten Ordens      

Obwohl die Adepten bereits in der oberen Priesterklasse auf die Lenkung des Ordens eingestimmt wurden, war dies lediglich eine Vorübung zur Regierung des gesamten Systems. Erst als Mitglied des Regentengrades war man in unterschiedlichen Funktionen, wie Präfekt oder Provinzial, befähigt, die Direktion sämtlicher Grade und die politische Leitung der Provinz zu übernehmen. Auf dieser Klasse beruhte „das ganze Wohl des Ordens.“<a href="#_ftn363" name="_ftnref363" title="">[363]</a> Die aus der höheren Priesterklasse mitgebrachte Erfahrung in Menschenführung sollte nun zielgerichtet eingesetzt und wirksam werden.

Das bei der Initiation für diesen Grad angewandte Ritual war dem einer Herrscherkrönung nachempfunden. Der Orden bediente sich, trotz seines aufklärerischen Anspruchs, für das Gute zu wirken, der Zeremonien und Insignien des feudalabsolutistischen Staates. Aufgenommen wurde ein Kandidat in den Regentengrad dann, „wenn er Weltklugheit mit Freyheit im Denken und Handeln, Vorsichtigkeit mit Kühnheit, Nachgiebigkeit mit festem Sinn, Geschicklichkeit und Kenntniß mit Einfalt und gerader Vernunft, Originalität mit Ordnung, Größe des Geistes mit Ernst und Würde verbindet; wenn er zu rechter Zeit schweigen und reden kan; wenn er mäßig und verschwiegen ist; wenn er zu gehorchen und zu befehlen versteht.“<a href="#_ftn364" name="_ftnref364" title="">[364]</a> Um den Stellenwert das Auserwähltsein zu betonen, sprach man von den Regenten als denjenigen, die in der „Arche“ Platz gefunden hätten. Ihre exponierte Stellung war mit der Aufgabe verbunden, ein neues Menschengeschlecht zu begründen. Während der Zeremonie wurde dem Adepten vor Augen geführt, welchen Weg er hinter sich und welche Erfolge er errungen hatte. Die Oberen befanden ihn für geeignet, in ihren Kreis einzutreten, gleichsam ein Zeichen für die Tauglichkeit des illuminatischen Konzepts, eine freie Persönlichkeit hervorzubringen: „Er war im Finstern, und ihr habt ihn erleuchtet. Ihr habt ihn regiert. Er kann sich jetzt selbst regieren, und nun will er frey werden. [...] Sein Herz und sein Verstand sind uns Bürge dafür, der Orden hat ihn geläutert. Er hat gelernt, seine Leidenschaften zu bezwingen. Er hat sich selbst erforscht, die Oberen haben ihn geprüft.“<a href="#_ftn365" name="_ftnref365" title="">[365]</a>

Bevor die Aufnahme abgeschlossen war, galt es, noch eine Befähigung an den Kandidaten weiterzugeben. Wenn auch der Priestergrad dem im Gradsystem Emporgestiegenen die Freiheit verhieß, war doch diese Zusage nicht sogleich eingelöst. Die Initiation zum Regenten gibt davon Zeugnis, denn der Kandidat, der seine Freiheit sucht, wird noch als Sklave bezeichnet, in Abhängigkeit von der bestehenden Gesellschaft, die „Vortheil aus seiner Sclaverey“<a href="#_ftn366" name="_ftnref366" title="">[366]</a> ziehen wolle.

Das beiderseitige Vertrauen zwischen Kandidat und Orden hatte sich als fruchtbar erwiesen. Dem Adepten wurde nunmehr wahrhaftig Freiheit zuteil: „Du hast dich uns voll Zutrauen in die Hände geliefert, es ist Zeit, dir zu zeigen, daß wir die Freyheit, welche wir so reitzend darstellen, auch geben wollen. [...] sey ein freyer Mensch, das heißt ein Mensch, der sich selbst zu regieren weiß, der seine Pflichten, der seine dauernde Vortheile kennt, der niemand als der Welt dient.“<a href="#_ftn367" name="_ftnref367" title="">[367]</a> Zum Zeichen dafür, daß es dem Orden ernst damit war, erhielt der Kandidat seine sämtlichen eingesandten Dokumente wie Reverse, Tabellen etc. zurück. Er wurde nunmehr für fähig gehalten, ohne verborgene Leitung mit sich selbst und anderen umgehen zu können. Nun war er lebenslänglich dem Illuminatenorden verpflichtet und konnte nicht ohne weiteres davon ausgeschlossen werden. Er war aufgefordert, ein Schriftstück abzugeben, das seinen letzten Willen enthielt. Freiheit bedeutete nicht die Entlassung aus dem Orden, vielmehr die Pflicht, das persönliche Interesse dem allgemeinen Wohl unterzuordnen. Von diesem Moment an unterblieb jegliche Kontrolle durch die unbekannten Obern. Sie wurde jedenfalls bedeutungslos: „Es wird Ihnen nun auch ziemlich gleichgültig seyn, die Oberen zu kennen und auch nicht zu kennen.“<a href="#_ftn368" name="_ftnref368" title="">[368]</a>

Der Regent sollte in jeder Hinsicht vorbildlich sein, es war das besondere Interesse des Ordens, „daß die Lehrer und Regierer der Menschheit auch öffentlich als die besten Menschen bekannt werden müssen. Ein Regent soll also einer der vollkommensten Männer sein, klug, vorsichtig, geschickt, beliebt, gesucht, frey von Vorwürfen und Tadel, im allgemeinen Rufe von Einsicht, Aufklärung und Menschenliebe, voll Integrität, Uneigennützigkeit, Liebe zum Großen, Allgemeinen und Außerordentlichen.“<a href="#_ftn369" name="_ftnref369" title="">[369]</a> Inhaber dieses Amtes waren z.B. August, Prinz von Sachsen-Gotha-Altenburg {Walther Fürst}, Franz Dietrich Freiherr von Ditfurth {Minos}, Gottlieb Hufeland {Oldendorp}, Christoph Friedrich Nicolai {Lucianus}, Carl Joseph Nepomuk Freiherr von Sonnenfels {u.a. Pompilius Romanus} und Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach {Aeschylus}, sie alle traten als überzeugte und handelnde Aufklärer in Erscheinung. Wo der Orden über Einfluß verfügte, agierten Illuminaten dieses Grades an der Seite von Partikularfürsten, einige der Fürsten waren selbst Mitglieder des Ordens.

Die zentralen administrativen Positionen wurden mit erfahrenen Mitgliedern aus den Regentenkonventen besetzt. Aus ihren Reihen wurden Präfekten, Provinziale und Nationalobere rekrutiert. Sie dirigierten das illuminatische Netzwerk in den 1781 vom Areopag bestimmten Provinzen. Innerhalb des Ordens galt jeder Regent als Teilhaber an Weisheit und Aufklärung, man baute auf seine Befähigung: „du bist ein geprüfter und fester Mensch. Sey es immer und regiere künftig mit uns die gedrückten Menschen. Führe sie zur Tugend, zur Freyheit.“<a href="#_ftn370" name="_ftnref370" title="">[370]</a> Mit der Wahl geeigneter Mitglieder für den Regentengrad gewann die Ordensarbeit an Effektivität. An der Spitze glaubte man, daß die Regenten die Ordensgeschäfte sukzessive gänzlich übernehmen könnten. Knigge äußerte sich schon 1781 zuversichtlich: „Jetzt können wir es ruhig abwarten, was sie ferner aus der Sache machen.“<a href="#_ftn371" name="_ftnref371" title="">[371]</a> Er setzte auf ihr Engagement sowie auf die perfekte Organisation: „Meine Leute, die den Regentengrad haben, sind nicht zufrieden, sie sind entzückt darüber, und in demselben ist ja alles so mechanisch vorgeschrieben, daß sie keinen Zweifel haben können.“<a href="#_ftn372" name="_ftnref372" title="">[372]</a>

Um seine administrativen Aufgaben optimal zu erfüllen, hatte der Regent die Möglichkeit, Visiteurs zu entsenden, die ihm von der jeweiligen Loge und Minervalkirche Bericht erstatteten. So wie der Illuminatus dirigens den Plan über das gesamte Ordenssystem erhielt, wurde dem Regenten der sog. ganze Operationsplan ausgehändigt, nach dem er zu arbeiten hatte. Er war zuständig für die Finanzen in seinem Teil der Provinz, entschied z.B. über die Verteilung der Mitgliederbeiträge, über Unterstützung von finanzschwachen Mitgliedern wie auch über Anschaffungen. Eine vorrangige Bedeutung hatte die Verbesserung des Lehrangebots und der Unterweisung.

Der Präfekt wurde aus den Reihen der Regenten berufen und sollte an acht Orten innerhalb der Provinz Minervalkirchen oder Freimaurerlogen errichten. Er hatte in jedem Quartal die „Generaltabelle“ für seinen Zuständigkeitsbereich zu verfertigen und über Beförderungen zu entscheiden. Untergebenen sollte er von Zeit zu Zeit andeuten, daß der Orden an öffentlichen aufklärerischen Aktivitäten und Projekten beteiligt sei, um so dessen gesellschaftliche Bedeutung herauszustellen. Er sollte sich angewöhnen, auf gestellte Fragen möglichst schriftlich zu antworten, um unbedachte Äußerungen zu vermeiden. Zu seinen Pflichten gehörten die Einflußnahme auf Schulen, das Bemühen um Volksaufklärung im Geiste der Illuminaten und, wie schon angesprochen, gesellschaftlich-politische Einwirkung: „Darum soll der Präfect in seinem Lande um die Schulen, Erziehung der Jugend und ihre Lehrer sich bemühen, und dieselbe mit O.’s mitgliedern zu besetzen suchen. Denn auf diese Art bringt man der Jugend des O’s Maximen bey, bildet ihre Herzen, bearbeitet die besten Köpfe, für uns zu würken, gewöhnt sie an Ordnung und  Disciplin, erwirbt sich ihre Achtung, sieht einst die ersten Stellen im Staate mit unsern Zöglingen besetzt etc.“<a href="#_ftn373" name="_ftnref373" title="">[373]</a> Der ersten Illuminatengeneration gehörten überwiegend Mitglieder an, die in ihrem dritten und vierten Lebensjahrzehnt waren, die bevorzugte Zielgruppe bei der Anwerbung war jedoch die Jugend. Man war bestrebt, frei werdende politische Ämter zu besetzen, Schriftsteller als Mitglieder oder als Propagandisten zu gewinnen. Die unmerklich vonstatten gehende Vereinnahmung öffentlicher Einrichtungen glich der Vorgehensweise der Jesuiten. Man übte dieses Praxis trotz des damit verbundenen negativen Odiums und Weishaupt rechtfertigte sie: „Wie bey den geistlichen O. der katholischen Kirche leider! die Religion nur ein Vorwand war, so muß sich auch auf eine edlere Art unser O. hinter irgend eine gelehrte Handlungsgesellschaft zu verstecken suchen.“<a href="#_ftn374" name="_ftnref374" title="">[374]</a> Daß man dieser Strategie folgte, beweisen viele Beispiele, bei denen es Illuminaten, häufig im Regentengrad, gelang, Schulen, Behörden u.ä. im Sinne des Ordens zu unterwandern. Darunter zählen u.a. die Hohe Karlsschule in Stuttgart, einige Philanthropine wie das von Bahrdt oder Salzmann, eine große Zahl von Lesegesellschaften, Ämter wie die Zensurbehörde in Bayern, das Reichskammergericht in Wetzlar.<a href="#_ftn375" name="_ftnref375" title="">[375]</a>

Der ebenfalls aus dem Regentengrad rekrutierte Provinzial, der alle illuminatischen Unternehmungen  in einer Ordensprovinz verantwortete, sollte sich mit der Verfassung des Ordens so vertraut machen, „daß er das System im Kopf habe, als ob er es erfunden hätte.“<a href="#_ftn376" name="_ftnref376" title="">[376]</a> Wenn die Provinzialen sich als höchste Ordensinstanz, als Verantwortliche für das gesamte Ordensgebäude, ausgaben, glaubte man, die Spur in die höchste Leitungsebene verwischen zu können. Hierzu hieß es in den Instruktionen: „Höhere Grade müssen den untern allezeit verschwiegen bleiben. Man ist geneigter, von Personen, die man nicht kennt, Befehle anzunehmen, als von Bekannten, an denen man nach und nach allerley Mängel wahrnimmt. Man kann auch die Untergebenen besser beobachten, und diese werden sich besser und vorsichtiger betragen, wenn sie immer von Aufsehern umringt zu seyn glauben, und so lange gut handeln, bis ihnen die Tugend zur Gewohnheit wird.“ <a href="#_ftn377" name="_ftnref377" title="">[377]</a>  Der Provinzial sollte auch durch die Einrichtung einer Bibliothek, eines Mineralienkabinetts, eines Museums oder einer Manuskriptensammlung die Bildungsmöglichkeiten des Ordens verbessern. Die anderen Regenten waren die Konsultatoren des Provinzials. Der Umgang mit den Mitgliedern der unteren Grade basierte auf der Einsicht in die Notwendigkeit der Subordination: „Denn man hat es mit freywillig gehorchenden Menschen zu thun, die nicht nur ihr Joch nicht fühlen, sondern überhaupt kein Joch tragen müssen. Man will die Menschen an der Hand ihrer eigenen Vernunft zu ihrem Besten leiten.“ <a href="#_ftn378" name="_ftnref378" title="">[378]</a>  Die Anleitung der Zöglinge sollte unter keinen Umständen in einem schulmeisterlichen Stil erfolgen: „Man vermeide also jenen schulmäßigen Ernst, wodurch man sie nur zurückstößt, und sich bey klugen Weltleuten lächerlich macht.“<a href="#_ftn379" name="_ftnref379" title="">[379]</a> Das Verhältnis zwischen dem Regenten und den ihm Untergebenen sollte aufrichtig und ernsthaft sein. Der Regent sollte den Adepten Vertrauter, Vater, auch Schüler sein und sich nur in Ausnahmefällen als unerbittlicher Oberer zeigen: „du seyest es müde, hier den Schulmeister, den Zuchtmeister eines Menschen zu spielen, der längst gelernt haben sollte, sich selbst zu führen.“<a href="#_ftn380" name="_ftnref380" title="">[380]</a>

Der Regent hatte, egal welches Amt er in diesem Grad bekleidete, Vorbildfunktion. Er war Lehrer in intellektueller, moralischer, lebenspraktischer, politischer Hinsicht und sollte in dem Bewußtsein handeln, daß er diesen Pflichten freiwillig nachkommt. Ohne den Anschein eines Herrschers sollte er unumschränkt walten, durchsetzen, was dem Orden dient, ohne demonstrativen Gebrauch seiner Autorität: „Wir verlangen nicht Tyrannen, sondern Lehrer der Menschheit zu seyn.“<a href="#_ftn381" name="_ftnref381" title="">[381]</a> Zu seinen Tugenden sollten Verschwiegenheit, Verborgenheit sowie Vorsicht und Besonnenheit, gehören. Sie sollten gewährleisten, daß „jedes Menschen Seele erweitert und gegen große Entwürfe fühlbar gemacht“ und der Orden „für jedes Zeitalter das Ideal der vollkommensten menschlichen Regierung.“<a href="#_ftn382" name="_ftnref382" title="">[382]</a> werden kann Ein illuminatischer Regent entsprach seiner Funktion nach einem Staatsoberhaupt im öffentlichen Raum. Die Regenten verkörperten die pädagogischen Grundsätze des Ordens, die im illuminatischen Bildungsgang Stufe um Stufe übermittelt wurden. So konnten eine relativ einheitliche Ausrichtung der Mitglieder auf den Ordenszweck  und auch Anhänglichkeit und Gehorsam erreicht werden. Die Lehrinhalte sollten praktischen Wert haben, die Unterweisung sollte anschaulich und anregend sein und die Vorstellungskraft fördern, der Unterweisende sollte sich bemühen „jede Lehre mit dem Interesse des Lernenden zu verbinden“<a href="#_ftn383" name="_ftnref383" title="">[383]</a>. Das Bildungsziel wurde erst als erreicht betrachtet, wenn „bey jedem Mitglied eine Fertigkeit zum Guten zu würcken und edel zu handeln“ <a href="#_ftn384" name="_ftnref384" title="">[384]</a> vorhanden war. 

 

 3. Philosoph – Überwindung von Denk- und Handlungsgewohnheiten

Der Zutritt zu den höheren Mysterien war nur den ausgesuchtesten Mitgliedern vorbehalten, deren Loyalität nicht angezweifelt wurde und mit dem Ordensprogramm Übereinstimmung bekundeten. Den Kandidaten für diesen Grad wurde bedeutet, daß sie nach dem Erringen ihrer Freiheit sich nunmehr der höchsten Ebene näherten und der letztendlichen Weisheiten  teilhaftig würden: „Steige also, wenn Du kannst zu Uns herauf. Dieses Heraufsteigen, dieses Verallgemeinern deines Gesichtspunktes, ist der Berg, oder die große Leiter zum Vergnügen, auf welcher der Auserwählte sich schon hienieden zur Gottheit, zur Glückseligkeit aufschwingt, weil er mit jeder höhern Stuffe, von seiner wachsenden Höhe herab, unten in der Tiefe, ein immer mehr ihm vorher unbekanntes Land der Freude und des Vergnügens entdeckt. Das, was Unten zu häßlich, zu unschicklich schien, erhält erst von dieser Höhe sein gehöriges Verhältniß und Ebenmaß.“<a href="#_ftn385" name="_ftnref385" title="">[385]</a> Erst die Ausbildung und Reinigung des Charakters ermöglichte es dem Kandidaten, das Weltgefüge allmählich zu durchschauen. Die noch bestehenden Trübungen und Verblendungen des inneren Auges sollten mit dem Schritt in die höheren Mysterien nun vollends entfernt und die Erkenntnisse von subjektiver Sicht befreit werden: „Du hast bis jetzt durch ein gefärbtes Glas geschauet, [...] Nun stehe hier, [...] wo Wir stehen, und schau von Neuem in die Welt hinaus – und erstaune! Eine andre, neue, herlichere Welt!“<a href="#_ftn386" name="_ftnref386" title="">[386]</a> Das bedeutet zugleich Überwindung geistiger Trägheit, Abschied von bisherigen Auffassungen und Wahrnehmungsgewohnheiten: „Du siehst die Welt freylich nicht, wie sie ist, sondern wie man sie von deinem Standorte, durch das von deinen Wünschen gefärbte Glas sehen kann; und dieser Standort ist dir zu lieb, als daß du ihn verlassen wolltest.“<a href="#_ftn387" name="_ftnref387" title="">[387]</a> Der Introducendus sollte sich um einen Standpunkt bemühen, „wo die Häßlichkeit zu Schönheit wird und anscheinende Unordnung zur regelmässigsten Uebereinstimmung.“<a href="#_ftn388" name="_ftnref388" title="">[388]</a>

Auf dieser Stufe des Gradsystems wird offenbar, daß das am Beginn Versprochene auch erreicht werden konnte. Das „Forschen in dem allgemeinen Zusammenhang der Dinge“<a href="#_ftn389" name="_ftnref389" title="">[389]</a> sollte dem Adepten den Weg in die geistige Unabhängigkeit weisen und ihn zur Haltung innerer Gelassenheit führen. Erst diese Einstellung, so wird ihm vermittelt, „wird deine Begierden ordnen, wird dich mit der Wahrheit aussöhnen, die Quellen deines Vergnügens deiner Glückseligkeit vermehren, deine Schmerzen vermindern, das Schwarze deiner Einbildungskraft verscheuchen: es wird dich überzeugen, daß alles moralisch Gute und Böse sich nach dem Standorte richten, aus welchem man die Welt überschauet: [...] daß ein weiser Mann sich bemühen müsse, alle Gegenstände nach dieser Beziehung zu beurtheilen.“<a href="#_ftn390" name="_ftnref390" title="">[390]</a>

Die Illuminaten wollten ihren bewährten Anhängern die Augen öffnen, diese sollten nicht mehr Gefangene ihrer eigenen Fehlschlüsse und Projektionen sein. Sie sollten den Dingen auf den Grund sehen lernen. Derjenige, der nicht versteht, daß es dazu einer objektivierten Sichtweise bedarf, „dessen Urtheile sind schief, dessen Begierden thörigt, seine Entwürfe eitel und schwankend, seine Klugheit unsicher und er läuft Gefahr, dem Uebel eben dadurch in die Hände zu fallen, daß er ihm entgehen will.“<a href="#_ftn391" name="_ftnref391" title="">[391]</a> Die Texte der höheren Mysterien entstanden in der Spätphase des Ordens und wurden nachweislich ab 1783 eingesetzt. Wie aus einer neueren Arbeit Hermann Schüttlers hervorgeht, hatte neben Weishaupt und anderen auch der Heidelberger Ordensprovinzial Johann Friedrich Mieg {Epictet} einen nicht unbedeutenden Anteil an ihrer Ausgestaltung.<a href="#_ftn392" name="_ftnref392" title="">[392]</a> Weishaupt selbst schreibt über seine mit den Abhandlungen über die höheren Mysterien verfolgte Intention: „Von den Mysterien will ich ihnen indessen soviel sagen, daß ich alle meine Erfindungskraft, Philoso­phie und Eloquenz darauf verspare; und ich will auch solche so einrichten, daß es ein geübter Kenner seyn muß, der mir die Neuheit daran sieht, und daß jeden die Feyerlichkeit davon freuen und an­ziehen soll. Aber sie kosten mich noch viel Lesen und Denken.“<a href="#_ftn393" name="_ftnref393" title="">[393]</a> Diese Texte sollten dem Kandidaten ob der vermeintlichen Gefahr des unverantwortlichen Gebrauchs lediglich vorgelesen werden.

In diesen Grad stiegen z.B. der kurmainzische Statthalter in Erfurt, spätere Kurfürst von Mainz und Fürstprimas des Rheinbundes Carl Theodor Freiherr von Dalberg {Baco di Verulam} und der Göttinger Philosophieprofessor Johann Georg Heinrich Feder {Marc Aurel} auf. Dalberg war seit 1784 Ordenspräfekt in Erfurt, Feder bekleidete dieses Amt zur selben Zeit in Göttingen {Andrus}. Auch der Generalsuperintendent in Gotha und spätere Hofprediger in Hannover Johann Benjamin Koppe {Accacius} war von 1782 bis 1784 Präfekt in Göttingen gewesen  und hatte 1784 den Philosophengrad erhalten.

Der für den Philosophen bestimmte Unterricht war vorwiegend geschichtsphilosophischen Betrachtungen gewidmet. Auch wenn, wie Reinhart Koselleck für die geschichtsphilosophischen Erörterungen der unteren Grade anmerkt<a href="#_ftn394" name="_ftnref394" title="">[394]</a>, ebenfalls in diesem Grad das vermittelte Bild der Geschichte der Menschheit mechanistisch anmutet, nach wissenschaftlichen Kriterien sogar naiv ist und sich keineswegs mit den Entwürfen der Zeitgenossen messen läßt, so hatte es diesen gegenüber den Vorteil, daß es sich für das Anliegen des Ordens instrumentalisieren ließ, indem man den Adepten aufzeigte, die Instanz zur Beseitigung der geschilderten gesellschaftlichen Misere gefunden zu haben.

Die illuminatische Geschichtsphilosophie basiert auf der Annahme der inneren Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus der Erforschung der Vergangenheit sollten Perspektiven für die Gestaltung der Zukunft gewonnen werden: „Untersuche das Vergangene, vergleiche damit das Gegenwärtige, und du wirst die Zukunft finden. Mache das Vergangene zur Zukunft.“<a href="#_ftn395" name="_ftnref395" title="">[395]</a>  Es wird unterstellt, daß diese drei Zeitmodi so miteinander verbunden sind, daß aus dem Vergangenen geschöpfte Erkenntnisse zukunftsdienlich genutzt werden können. Koselleck interpretiert diesen geschichtsphilosophischen Ansatze als „Prognostizierbarkeit von historischen Ereignissen“<a href="#_ftn396" name="_ftnref396" title="">[396]</a>. Gemäß dieser Auffassung war ein Adept auch im Philosophengrad gehalten, sich zu vergegenwärtigen, „daß in der Welt nichts ohne Ursach und Vorbereitung geschehe [...], daß jeder ihrer vorhergehenden Zustände [...] Vorübung sey, um wieder einen nächsten bessern hervorzubringen.“<a href="#_ftn397" name="_ftnref397" title="">[397]</a> Weishaupt vertrat, wie seine Ordensbrüder, eine auf dem Kausalitätsprinzip basierende Geschichtsauffassung, die von der Überzeugung, daß stetiger Fortschritt möglich sei, getragen war. Alle Ereignisse und Bestrebungen stehen in der großen „Reihe und Kette der Dinge“<a href="#_ftn398" name="_ftnref398" title="">[398]</a>. Der momentane Zustand der menschlichen Gesellschaft sei aufgrund falsch gesetzter Prämissen, vornehmlich seitens ihrer Lenker, weit entfernt von der Vollkommenheit. Es wäre „unphilosophisch zu glauben, daß die Erde und das Menschengeschlecht keiner weitern Vervollkommnung, außer der jetzigen fähig sey.“<a href="#_ftn399" name="_ftnref399" title="">[399]</a> Der Anwärter auf den Philosophengrad wurde mit der Geschichte der Menschheit, von den Anfängen bis in die Gegenwart vertraut gemacht. Er lernte die Abfolge der menschlichen Kulturen kennen. Der vollkommene vorgeschichtliche Zustandes und der Abfall des Menschen von seiner Bestimmung durch die zunehmende Zivilisierung waren ein zentrales Moment innerhalb der Darstellung. Der sich daraus ergebende Befund lautete, die Menschheit habe sich von dem Schrecken der Sintflut noch nicht erholt. Deshalb sei „der wahre Gegenstand der ältern und neuern, und auch der gegenwärtigen Mysterien [...], die Folgen der diluvianischen Schrecken zu vermindern.“<a href="#_ftn400" name="_ftnref400" title="">[400]</a> Die Menschheit sei nunmehr an einem Wendepunkt angekommen, wo der Zustand der Roheit übergehen sollte in den der entwickelten und aufgeklärten Gesellschaftsordnung.

Eine wesentliche Triebfeder des Fortschritts bildet das Bevölkerungswachstum, das als Indikator für die sich ausbreitende Aufklärung gesehen wird. Viele Zeitgenossen glaubten, so auch Weishaupt, „daß der Mensch erst dann am glücklichsten und aufgeklärtesten seyn wird, wenn die Erde am bevölkertsten seyn wird.“<a href="#_ftn401" name="_ftnref401" title="">[401]</a> Also sollte die Strategie verfolgt werden, „durch Vermehrung der Menschen die Wildheit von der Erde zu vertreiben.“ <a href="#_ftn402" name="_ftnref402" title="">[402]</a> Die Entwicklung der Menschheit vollziehe sich von Osten nach Westen hin, mit dem Erreichen Amerikas habe sie „ihre erste Reise um die Welt vollendet“<a href="#_ftn403" name="_ftnref403" title="">[403]</a> und werde in Nordamerika ihren höchsten Stand erreichen, danach werde es einen zweiten Aufbruch geben, der die Vollkommenheit des Menschen bringen werde. Die Zukunftsgesellschaft, die „nach durchwanderten Mittelstufen einst am Ziel stehen“<a href="#_ftn404" name="_ftnref404" title="">[404]</a> wird, lebt in Verhältnissen, die der Vorstellung vom Jenseits gleichen, mit dem Unterschied, daß dieser Zustand von Menschen erschaffen wurde. Jeder ist dann Herr über sich selbst: „Die ganze Erde wird zu einem Garten, und die Natur hat sodann hienieden ihr Tagewerk vollendet; mit der möglichsten Menschenmenge dauerhafte Aufklärung, Frieden und Glückseligkeit herbeygeführet: sie hat jeden Menschen zu seinem Richter, Priester oder Könige gesalbt: sie hat den so lange verlachten Roman vom goldenen Zeitalter, [...] zur Wirklichkeit gebracht.“<a href="#_ftn405" name="_ftnref405" title="">[405]</a>

Weishaupts Vision, die aus „geschichtsphilosophische[r] Unbekümmertheit“<a href="#_ftn406" name="_ftnref406" title="">[406]</a> hervorgegangen ist, verfehlte insofern nicht ganz die historische Realität, als die prognostizierte wichtige Rolle der Geschichtswissenschaft durch ihre Entwicklung im 19. Jahrhundert und die Vorreiterrolle der USA im 20. Jahrhundert eine gewisse Bestätigung gefunden haben. Auch hier zeigt sich, daß die illuminatische Lehre die Ende des 18. Jahrhunderts vertretenen Ideen und virulenten Vorstellungen bündelte und in politischer und pädagogischer Hinsicht wirkungsvoll zur Geltung zu bringen vermochte – ein Tatbestand, den Koselleck kommentierte: „theoretische Naivität schützt nicht vor Erfolg.“<a href="#_ftn407" name="_ftnref407" title="">[407]</a> Die Aufnahme der Geschichtsphilosophie in das illuminatische curriculum entsprach dem Trend der zeitgenössischen Diskussion. Historisches Bewußtsein bildete die Grundlage für eine weitere in diesem Grad angestrebte Kompetenz: die Fähigkeit anhand der Analyse von Vergangenheit und Gegenwart Zukünftiges zu erkennen. Die Forderung, gewohnte Sichtweisen aufzugeben und sich für neue zu öffnen, soll der Zukunftsorientierung den Weg bahnen. Solange wir „zu sehr an die heutigen Formen und Einrichtungen gewöhnt [sind], beurtheilen wir alle Zukunft nach solchen.“<a href="#_ftn408" name="_ftnref408" title="">[408]</a> Doch „nicht alles ist unmöglich, dessen Möglichkeit wir nicht einsehen.“<a href="#_ftn409" name="_ftnref409" title="">[409]</a>

Der illuminatische Philosoph sollte sich quasi divinatorisch im Erkennen zukünftiger Ereignisse und Umstände üben. Er sollte Gedanken zu Sachverhalten anstrengen, die in der Zukunft realisierbar sein würden: „Viele Dinge scheinen uns dermalen noch unmöglich, weil die noch vorher nöthige vorbereitete Mittelerfindungen fehlen. Auch diese mußt Du mit in den Plan aufnehmen, mußt denken, welche Felder stehen dem ErfindungsGeiste der Menschen noch leer? Erforsche ihre Erwartungen, ihre dringendsten Bedürfnisse, und du kannst vielleicht vorhersehen, welche Straße die entsetzliche Wirksamkeit des menschlichen Geistes einschlagen wird. Jede solche Aufgabe, wenn sie auch unmöglich und lächerlich schiene, wird dich neue Verhältnisse, neuen Zusammenhang der Dinge lehren.“<a href="#_ftn410" name="_ftnref410" title="">[410]</a> Es sollte beispielsweise darüber nachgedacht werden, ob und wie der Mensch in der Zukunft imstande sei, zu fliegen. Solche und ähnliche Gedankenexperimente sollten gesammelt werden und den Fundus an Ideen bereichern. So wollte der Orden zu einem Sammelbecken innovativer Ideen und sowohl Erfinder hervorbringen als auch sich bemühen, Erfinder als Mitglieder zu gewinnen.

Futuristische Aufgabenstellungen sollten den Erfindungsgeist anregen und Entwicklungsmöglichkeiten ausloten. Sie galten als wichtig, wenn auch vieles Spekulation blieb und Irrtümer sich einschlichen, „freylich läuft man dabey Gefahr, aus Mangel an richtiger und richtiger Uebersicht aller mit unter laufenden Umstände, eine Menge falscher Schlüsse zu machen.“<a href="#_ftn411" name="_ftnref411" title="">[411]</a> Weishaupt glaubte aber, durch solche Übungen die Erkenntnisfähigkeit steigern zu können. Dem Moment der Übung wurde im Bildungsprozeß große Bedeutung zugemessen. Deshalb riet Weishaupt: „vernachlässige diese Uebungen nicht“ und begründet dies folgendermaßen: „Du lernst doch dadurch eine Menge neuer Verhältnisse kennen; überzeugst dich dadurch immer näher von der seligsten aller Lehren, von dem Zusammenhang und der Güte der Welt.“ <a href="#_ftn412" name="_ftnref412" title="">[412]</a> Der Adept im Philosophengrad erlangte eine Kompetenz, die ihn befähigte, sich den Aufgaben seiner Zeit zu stellen.

 Diese erste Berührung mit den höheren Mysterien bedeutete nicht, daß die bereits in diese Klasse Erhobenen den Eintretenden durchaus als gleichwertiges Mitglied ansahen. Es sollte ihm damit lediglich eine Chance eröffnet werden. Ihm wurde deutlich gesagt, daß er noch nicht als ein Gleicher unter Gleichen akzeptiert war: „Wir halten dich für klein, weil wir dich gegen uns vergleichen; deine Gestalt häßlich, und deine Kräfte eingeschränkt, weil sie nicht die unsrigen sind.“<a href="#_ftn413" name="_ftnref413" title="">[413]</a> Dieses rigide Vorgehen sollte gewohnte Denk- und Handlungsmuster aufbrechen, er sollte erschüttert und zum Überdenken seiner Einstellung veranlaßt werden, damit er seine Stellung im Gefüge der Welt begreife und annehme: „Er, der allein wahr und richtig urtheilt, bestimmt den Werth jedes Dinges nicht nach der Beziehung welches es auf thörigte Wünsche hat, sondern nach der Beytragsfähigkeit, nach dem Abzwecken zur Universalmassa der Seligkeit aller Wesen, zur Offenbarung der Größe seines Urhebers: er findet, daß alles, alles lebende Signatur und Gepräge der Gottheit sey.“<a href="#_ftn414" name="_ftnref414" title="">[414]</a> Auch in dieser Passage ist der Überschwang der von ihren Ideen eingenommenen Aufklärer deutlich vernehmbar, wie auch die Überzeugung, für das Gute zu wirken und zu den Auserwählten zu gehören: „Du aber freue Dich, daß Dich die Vorsicht auf die gute Seite gestellt hat.“<a href="#_ftn415" name="_ftnref415" title="">[415]</a>

 

   4. Docet - Einsicht in die Unverfügbarkeit des Absoluten

Im letzten Grad des Ausbildungsganges, dem des Doceten oder Rex, konnten die Adepten die höchste Stufe erreichen und das Tor zu den letzten Wahrheiten aufstoßen, welche „die Grundlage des ganzen Gebäudes“<a href="#_ftn416" name="_ftnref416" title="">[416]</a> bildeten. Diese Wahrheiten verhießen „geheimgehaltene oder wenig bekannte Aufschlüsse über Geschichte, Philosophie, und Naturwissenschaft“<a href="#_ftn417" name="_ftnref417" title="">[417]</a>, sie waren bisher verhüllt von der diffusen Umschreibung „esoterisch-gnostische Wahrheiten“, meist jedoch von dem Begriff der Mysterien. Auf der Basis eines nochmals erweiterten curriculums erschlossen sich den Adepten hinter der geheimnisvollen Terminologie drei „Wahrheiten“ – eine illuminatische Erkenntnislehre, eine Metemspychosislehre sowie der Erkenntnis der prinzipiellen Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen Erscheinung und Sein. Damit war das Endziel des im Novizengrad begonnenen Erkenntnisweges erreicht, dieses erwies sich als weniger okkult, als es scheinen mochte. Es ging vorwiegend um Erkenntnisse von praktischem Wert, wie sie den Erwartungen der rational-aufklärerisch denkenden Mitglieder entsprachen. Eine Aussage Bodes kann wohl als Beleg für die vorherrschende Einstellung gelten: „Erwartet habe ich nie, und erwarte noch, keine übernatürliche Offenbarung; keine Magie, Alchimie keine thaumaturgische, und überhaupt keine so genannte Philosophia occulta. Aber der stuffenweise Fortschritt der Grade, von den Untern bis zu den höhern mir bekannt gewordenen Classen hat mich auf hohe praktische Weißheit vorbereitet.“<a href="#_ftn418" name="_ftnref418" title="">[418]</a> Nur einer kleinen Gruppe von Mitgliedern war die Unterweisung in diesem Grad vorbehalten, dies betraf hauptsächlich Angehörige der Gothaer Ordensniederlassung, wie z.B. Ernst II., Herzog v. S.-G.-A. {Timoleon}, die Gothaischen Kammerherrn Christian Georg v. Helmolt {Chrysostomos} und Joachim Friedrich Ernst v.d. Lühe {Cato Uticensis} oder aber den Hamburger Kaufmann und Senator Gustav Heinrich Sieveking {Osman}.  Diesen wurde wie auch im vorigen Grad das zu Erkennende lediglich verlesen. Das Innehaben der Position eines Doceten war nicht gleichbedeutend mit dem Recht, andere zu initiieren.

Die vom Illuminatismus angestrebte Apotheose  begann mit dem Versuch, sich aufzumachen, die Quellen von Wahrheit und menschlicher Erkenntnis zu erkunden und auch dem nachzuspüren, was jenseits der Begrifflichkeiten liegt. Das war ein entscheidender Schritt, die vertraute Gedankenwelt hinter sich zu lassen, „sich aus dieser allgemeinen Täuschung heraus zu arbeiten, sich auf eine Zeit vom Körper und den Sinnen los zu machen, sich zu verklären und in eine andre Welt hinein zu denken.“<a href="#_ftn419" name="_ftnref419" title="">[419]</a> Die illuminatischen Lehren boten – wie der Theologieprofessor und Präfekt von Göttingen Johann Benjamin Koppe {Accacius} an Weishaupt schrieb - die „den Menschlichen Geist bis an die äusserste Grenzen seines Wissens hinführende Philosophie.“<a href="#_ftn420" name="_ftnref420" title="">[420]</a>

Die erkenntnistheoretische Position Weishaupts basierte auf der Hypothese, daß der Mensch ausschließlich durch den Einsatz und das Zusammenspiel seiner Sinne zu Einsichten gelänge. Die Sinnesorgane bestimmten die Qualität der Erkenntnisse: „Kein Mensch hat angeborne Begriffe. All unsre Begriffe erhalten wir erst durch die Sinne, in dem Maaße als solche besser oder schlechter, deren mehrere oder weniger sind.“<a href="#_ftn421" name="_ftnref421" title="">[421]</a> Die sensualistische Auffassung erklärt den menschlichen Geist zum bloßen Empfänger äußerer Sinneseindrücke, das impliziert, daß das Wahrgenommene jede Person anders erreicht und damit unterschiedlich verarbeitet wird, so daß eine allgemeingültige Sichtweise nicht existiert und die Vorstellungen über Sachverhalte etc. nicht gänzlich übereinstimmen können. Weil sich die Welt als solche als eine Ansammlung von subjektiven „Erscheinungen“<a href="#_ftn422" name="_ftnref422" title="">[422]</a> darstellt, „haben wir alle Ursach, mit der größten Zuversicht zu behaupten, daß diese Erde so wohl als alle übrigen Theile der Welt das nicht an und vor sich seyen, was sie uns erscheinen; daß [...] all unser Wissen auf dieses schwankende Suppositum gebaut sey: daß alles diese unsre darauf gebauete Begriffe und Abstractionen nicht in das Innere der Sache selbst führen; [...] daß die uns bekannte fünf Sinne ohne Grund als die einzige und letzte angenommen werden, aus welchen man sich die Welt vorstellen kann.“<a href="#_ftn423" name="_ftnref423" title="">[423]</a>

Um zu einer Erkenntnis zu gelangen, die über die Ebene der Erscheinungen hinausgeht, bedürfe es derer, die – wie es Docetengrad geschieht - sich „den höchsten Betrachtungen der Natur und ihres Wesens widmen, welche bis an die Gränzen der menschlichen Vernunft vorzurücken gedenken.“<a href="#_ftn424" name="_ftnref424" title="">[424]</a> Aus der sensualistischen Deutung des Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses ergibt sich konsequent die im Orden geforderte und praktizierte Übung und Schärfung der Sinne. Auf diesen Zweck waren viele Aufgabenstellungen im Stufengang der Bildung ausgerichtet, insbesondere die gezielten Beobachtungsaufträge der Sinnesschulung.

 Anders als bei vielen Sensualisten, deren Auffassungen hin zu Atheistismus und Materialismus neigten, findet man in der Mysterienlehre Weishaupts eine Hinwendung zur Metempsychosis, die auf dem Gedanken basiert, daß die unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen nicht nur auf mehrere Wesen verteilt sind, sondern, daß sie mehr als eine Existenz ermöglichen. Die einzelnen angenommenen Existenzformen befinden sich in einem Kreislauf des Werdens und Vergehens, jede einzelne von ihnen konstituiert sich unter veränderten Voraussetzungen, beeinflußt durch die jeweilige Wahrnehmungsfähigkeit und Auffassungsgabe: „Welche trostreiche Aussicht für die Fortdauer unseres Ichs! Sterben heißt, hier aufhören, so zu sehen, zu erkennen [...] Aber Sterben heißt hier nicht, gänzlich aufhören, ohne Vorstellung zu seyn. Es heißt vielmehr, eine andere Organisation erhalten; seine Receptivität verändern, diese nämliche Gegenstände  auf eine andre Art sehen, erkennen [...] Sterben heißt geboren werden, und geboren werden heißt sterben, unter einer Gestalt aufhören, um unter einer anderen zu wirken, zu erscheinen.“<a href="#_ftn425" name="_ftnref425" title="">[425]</a> Der Mensch gehört in eine Kette von Wesen<a href="#_ftn426" name="_ftnref426" title="">[426]</a>, er trifft auf unterschiedlich organisierte Verhältnisse, je nach Apperzeptions- und Erkenntnisvermögen: „der Tod, der uns erwartet, wird vielleicht nicht der einzige seyn.“<a href="#_ftn427" name="_ftnref427" title="">[427]</a> Dies bedeutet für das Individuum, es kann vor seiner gerade erfahrenen Existenz und auch danach über Erkenntnisse aus verschiedenen geistigen Welten verfügen bzw. diese noch erhalten.

Die Wahrnehmungsorgane ermöglichen erst eine Vorstellung von Welt. Das Nebeneinander von sensualistischer Erkenntnislehre und Metempsychosislehre wirkt irritierend, weil beider Prämissen einander widersprechen. Die sensualistische Erkenntnistheorie leugnet angeborene Ideen, die Palingenesisauffassung wurde von Denkern vertreten, die – wie z.B. Plato – die Möglichkeit der Erkenntnis allein auf angeborene Ideen gegründet sehen. Die Koexistenz so unterschiedlicher Denkwelten läßt sich wohl nur aus einer eklektizistischen Einstellung, wie sie Weishaupt eingenommen hat, erklären. Martin Mulsow, der bei seiner Deutung des Docetengrades eine Verbindung von Sensualismus und Metempsychosislehre unterstellt, verkennt, daß die dem Docetengrad zugrundeliegende Intention sich dieser Ideen lediglich bedient, um dem Adepten auf drei unterschiedlichen Wegen die Unverfügbarkeit des Absoluten näherzubringen, nicht aber auf ihre Verschränkung hinausläuft<a href="#_ftn428" name="_ftnref428" title="">[428]</a>.

Die von den Sinnen evozierte Erkenntnis kann über die Ebene der Erscheinungen nicht hinausgehen, ihr wird lediglich ein Verhaftetsein in den eigenen Empfindungen nachgewiesen. Die eigentliche Beschaffenheit der Dinge ist damit jedoch nicht erfaßt. Der sich daraus ergebende Wahrheitsbegriff unterliegt demnach Entscheidungen, die allein von der  Apperzeption bestimmt sind: „Wenn dann weiter alles, was wir empfinden und erkennen nicht in das Innre der Sachen selbst führt, sondern bloßes Resultat der Einwirkung von Dingen außer uns, auf so und nicht anders organisirte Wesen ist: so muß es nothwendig eine zweifache Wahrheit geben, Eine, welche anzeigt, was an der Sache selbst ist, das objective und absolute Wesen, der Kräfte außer uns; die Andre, welche die Wirkung anzeigt, welche diese innere Objective in Uns so organisirten Wesen, unsere Receptivität hervorbringt; und diese letzre ist nicht absolut, ist relatif, ändert sich mit ihrem Grunde, ist so verschieden als es die Organisation und Empfänglichkeit der Wesen ist; führt nicht in das Innre der Sachen, ob sie gleich durch solches hervorgebracht wird, bestimmt nur, wie die Sache erscheint, wie sie unter diesen Umständen, dieser Receptivität erscheinen muß; ist für uns soviel als Wirklichkeit, Realität; auf sie sind all unsere Künste und Wissenschaften gegründet, und sind eben darum auch alle relatif.“<a href="#_ftn429" name="_ftnref429" title="">[429]</a>

Der Sache selbst, ihrem Wesen ist auf diese Weise nicht beizukommen. „Relative“ Wahrheiten sind bedingt durch die Umstände, in denen sie gewonnen werden und abhängig von der sensorischen Ausstattung des Subjekts. Sie ermöglichen dem Individuum, sich als ein solches begreifen, sie führen es zu einer subjektiven Auffassung der Welt sowie zu Gewohnheiten im Denken und Handeln. Sie vermögen nicht die Welt wiederzugeben, wie sie objektiv ist, sind nicht umfassend und können deshalb nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen: „Von aller relativen Wahrheit ist nichts wahr, als daß unsichtbare, außer uns befindliche Kräfte, bey so organisirten Wesen, unter dieser Lage und Umständen so erscheinen, um bey einer andern anders zu erscheinen.“<a href="#_ftn430" name="_ftnref430" title="">[430]</a> Von einem Illuminaten auf der Stufe des Doceten wurde erwartet, die Gründe relativer und damit bedingter Wahrheiten zu erkennen und sich der Tatsache bewußt zu sein, daß auch die eigenen Ansichten und Urteile falsifiziert sein können. Mitgliedern, denen der Docetengrad verliehen wurde, sollten Einsichten wie diese bereits intuitiv erspürt haben und im Grunde eine Bestätigung ihrer Ahnungen erhalten. In seinem Schreiben an Weishaupt berichtet Johann Benjamin Koppe {Accacius} von der Wirkung, die die Lektüre des für den Doceten bestimmten Textes hervorgebracht hat : „Habe ich jemals bei irgendeiner philosophischen Lecture mich des Glücks, ein nicht ganz ungebildeter, an eigenes Denken nicht ganz ungewohnter Mensch zu seÿn, innigst, und dankbar gegen den Himmel, erfreut, so war es jezt da ich dies Meisterstück wahrer höherer Philosophie mir eigen zu machen durch Sie, Bester Geliebtester Sp. das Recht erhielt. Den Hauptgedanken selbst: daß in der Welt, wie in einem schönen Zauber[Ballet] nur alles Traum [und] Erscheinung seÿ, hatte ich freÿlich wohl längst dunkel gefast: aber so entwikkelt, so dargestellt, so von seiner practischen Seite gezeigt, so auf die genauere Bestimmung dessen was Wahrheit, verschiedene menschliche Wahrheit ist, angewandt, erschien es mir nie.“<a href="#_ftn431" name="_ftnref431" title="">[431]</a> Die Doceten sollten Distanz zu wahren verstehen, um sich objektivierend der Wahrheit zuwenden zu können, die von Weishaupt als dritte relative oder, was sehr viel zutreffender ist, ontologische Wahrheiten bezeichnet wurden. Diese Wahrheiten standen für den höchsten Grad der Einsicht, zu dem sich aufzuschwingen der Mensch in der Lage sei: „Diese ontologischen Wahrheiten sind die Grundlage unsers Wissens; das Rectificatorium unsrer Sinne und aller unserer Erscheinungen, das untrügliche Kenntzeichen, ob Etwas bloße Erscheinung sey; der Leitfaden, an welchem wir uns bey dieser Ungewißheit und Täuschung zu halten haben; der feste Grund auf welchem Wir stehen; der Ort, von dem wir ausgehen. [...] Diese sind die Anfangsgründe unsrer Erkenntniß.<a href="#_ftn432" name="_ftnref432" title="">[432]</a>

Ontologische Wahrheiten verschaffen dem Menschen jedoch nicht die Erkenntnis, die es ihm ermöglicht, die Urgründe seiner Existenz zu erfassen. Das Heraustreten aus den um sich selbst kreisenden Eindrücken versetzt ihn in den Stand, weitergefaßte Urteile zu treffen, Gesetzmäßigkeiten und Handlungsmaximen abzuleiten. Diese Urteile bieten Orientierung innerhalb der Erscheinungen der äußeren Welt, vermögen aber nicht, bis zum Letzten vorzudringen. Die das Wesen der Welt umfassende Wahrheit, die als absolut bezeichnet wird, kann der Mensch nicht erschließen, er vermag nur ihre Wirkungen wahrzunehmen, nicht jedoch ihre Ursachen: „Absolute Wahrheit ist das, was an und für sich in der Sache selbst ist. Sie ist diese unsichtbare Kraft, die uns durch ihre Wirkungen erscheint; auf uns verschiedentlich organisirte Wesen verschiedentlich wirkt [...] Sie kann niemalen verändert werden.“<a href="#_ftn433" name="_ftnref433" title="">[433]</a> Die anfangs versprochenen unverrückbaren, höheren Weisheiten werden dem illuminatischen Adepten also nur soweit aufgewiesen als es überhaupt möglich ist. Der Docet erhielt die Gewißheit, im Besitz dessen zu sein, was der Mensch erkennen und wissen kann, und daß es Erscheinungen und Sachverhalte gibt, deren Zusammenhänge wohl vernehmbar, jedoch weder begrifflich noch auf sonst eine andere Weise faßbar sind.

Höhere Wahrheiten sind nach dieser Vorstellung nur zu erahnen, man kann ihrer nicht habhaft werden, insofern soll der Docetengrad lediglich als Fingerzeig, wie es um die Wahrheitsfrage steht, verstanden werden. Der Mensch kann gleichwohl nicht darüber verfügen. Ahnungen sind gleichwohl das Äußerste, wozu der Mensch im Hinblick auf absolute Wahrheit und Erkenntnis fähig ist. Die für diese Überlegungen verwendeten Ideen von Sensualismus, Metempsychosis und Wahrheitslehre waren als dreifache Veranschaulichung ein und desselben epistemologischen Grundproblems gedacht. Sie stellten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen Prämissen kein einheitliches Konzept dar.

Der Docet sollte zur Meisterschaft in praktischer Philosophie geführt werden. Er sollte andere, die sich zur Teilhabe an den illuminatischen Lehren eignen, nicht nur erkennen, er sollte sie durch das Gradsystem führen, dahin, wo er selbst stand, sollte versuchen, ihre persönlichen Ansichten einem umfassenden Urteilsvermögen unterzuordnen. Auch die Mysterienlehren waren mit einer pädagogischen Intention verbunden. Ihr Gegenstand durfte „keine betrugliche Hoffnungen der Menschen ernahren.“<a href="#_ftn434" name="_ftnref434" title="">[434]</a> Er sollte vielmehr dazu dienen, „die Menschen aufgeklarter, ruhiger, vergnugter gesellschafftlicher, mit ihrer Lage und der welt zufrieden zu machen. Er mus Ideen enthalten, welche die Majestat Gottes in das Licht sezen, uns selbst aber vertrauen auf ihn und unsre Wurde in hohem Grad einflossen: welche nahern Bezug auf unsre geistige Gluckseeligkeit haben, er mus dadurch, das er alle Gegenstande der Welt in einem andern grossern Gefuhlspunct zeigt den Verstand und die Begriffe der meisten und eben dadurch ihr ganzes Begierden System andern, und folglich eben dadurch [...] Menschen ins bessere modificiren.“<a href="#_ftn435" name="_ftnref435" title="">[435]</a> Der Status eines Doceten bedeutete für einen Illuminaten, einem hohen Anspruch auf zwei Ebenen gerecht zu werden, neben dem epistemologischen Anliegen ist hier ein zweites angesprochen, die Erziehung zur sittlichen Persönlichkeit.

Das Phänomen Illuminatenorden wird u.a. den politischen Utopien des 18. Jahrhunderts zugeordnet, gleichwohl ist seine eigentliche Absicht nicht vorrangig politisch, wie die Texte der höheren Mysterien beweisen. In seiner Entwicklung bis an diesen Punkt gelangt, hätte ein Illuminat nach Weishaupt zu seiner wahren Bestimmung und Natur gefunden und würde dem Politischen entsagen können bzw. seiner nicht weiter bedürfen. Das Ziel des illuminatischen Bildungsganges war kein staatsbürgerlich-politisches, sondern ein pädagogisches: die sittliche Persönlichkeit. Ein regulierender Staat ist solange nötig, wie die Menschen nicht zur Kenntnis ihrer selbst gelangt sind. Aus diesem Grunde ist die staatsbürgerliche, häufig als politisch bezeichnete, Dimension im Gradsystem lediglich bis zum Regentengrad zu finden. Dieser Zusammenhang beantwortet auch die Frage, warum Weishaupt „die illuminatische Lehre nicht auf ihrer letzten Stufe gänzlich politisiert und säkularisiert, das Bild einer freien und gleichen Zukunftsgesellschaft in der Immanenz entworfen?“<a href="#_ftn436" name="_ftnref436" title="">[436]</a> hat, die Monika Neugebauer-Wölk stellt. Eine Politisierung bzw. Staatsdenken war in der höheren Mysterienlehre nicht notwendig, da Menschen, die in diese Grade aufgenommen wurden, keiner wie auch immer gearteten Staatsform mehr bedurften. Illuminaten und später alle Menschen sollten gelernt haben, sich sowohl durch Kenntnis ihrer selbst als auch anderer sittlich so zu verhalten, daß Vergesellschaftungsformen wie Staaten, die nach Weishaupts Auffassung nur deshalb bestünden, um den u.a. von Rousseau postulierten gesellschaftlichen Zwischenzustand zu überwinden, nicht mehr notwendig seien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erziehung, die wir in ganzen Ländern gerne geben wollten,

aber nicht geben können,

kann irgend ein Individuum durch Zufall genossen haben.

Lichtenberg, Sudelbücher, Heft F, Nr. 895

 

 

 

IV. Die konstituierenden Momente des pädagogischen Prozesses

 

1.Vorbemerkungen

In einem Brief an Zwackh und Hertel aus dem Jahre 1779 konstatiert Weishaupt, andere Sozietäten nähmen „die Leute an auf blosse Empfehlung ohne sie zu beobachten, zu praeparieren, zu unterrichten“<a href="#_ftn437" name="_ftnref437" title="">[437]</a> und verweist damit auf ihm wesentliche konstituierende Momente des Bildungsganges. Präparation, Beobachtung und Unterricht erscheinen als Schlüsselbegriffe der illuminatischen Pädagogik. Sie bilden den Rahmen für ein terminologisches Gefüge, für das die in diesem Kapitel dargestellten Begriffe als repräsentativ gelten können. Sie wurden nach Maßgabe der Häufigkeit ihres Gebrauchs aus Weishaupts Schrifttum gewonnen und – den drei Schlüsselbegriffen subsumiert. Weishaupt hatte sehr früh damit begonnen, eine auf die pädagogischen Belange des Ordens zugeschnittene Terminologie zu entwickeln. Die dazugehörigen Begriffe sollten möglichst eindeutig bestimmt werden, daß sie die pädagogische Aufgabe und Zielsetzung erkennen lassen, diese verbindlich machen und Mißverständnisse ausschließen. Weishaupt wollte vermeiden, daß sie „schwankend und unzuverlässig bleiben“<a href="#_ftn438" name="_ftnref438" title="">[438]</a>. Er war überzeugt, die Ordensphilosophie sei weit genug gediehen, daß sie nicht mehr „auf das Ansehen gelehrter Vorgänger“ angewiesen sei und „Stärke genug besitzt, um ihren eigenen Flug zu wagen.“<a href="#_ftn439" name="_ftnref439" title="">[439]</a>

Seine Kategorie der Präparation unterteilt er in Vorbereitung und Stufengang. Unter Vorbereitung versteht Weishaupt die allgemeine Einstimmung des Adepten sowie die propädeutische Phase auf jeder Stufe des illuminatischen Bildungsweges. Mit dem Begriff des Stufenganges lenkt er auf den methodisch aufgebauten und kontrollierten Bildungsgang hin. Der Kategorie der Beobachtung ordnet er die Begriffe Beobachtungsgeist, Ideenreihe und Selbsterkenntnis zu. Entwickelter Beobachtungsgeist sollte den Bildungsbemühungen die nötige Erfahrungsbasis verschaffen. Der Begriff der Ideenreihe ist bezogen auf die notwendige Ordnung und Bewertung der gewonnenen Sinneseindrücke, der der Selbsterkenntnis umschreibt die doppelte Aufgabe, Kenntnisse über sich zu erlangen und selbstkontrolliert zu agieren. Mit vier weiteren Begriffen bzw. Begriffspaaren – Einheitlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Menschenkenntnis und Menschenführung sowie Welt- und Regierungskunst – verbindet Weishaupt wesentliche Prinzipien und Ziele des illuminatischen Unterrichts. Der Begriff der sittlichen Vollkommenheit repräsentiert das übergreifende Prinzip und Anliegen der Bildung im Orden, die Vollkommenheit des Menschen: „Immer wachsende Vollkommenheit und Entwicklung des menschlichen Geschlechts, Vermehrung der Sittlichkeit, als die einzige Quelle aller wahren Menschenglückseligkeit, als der Grund aller dauerhaften Reformen, Unterordnung der Zwecke, innere Vollkommenheit als das höchste Gut des Menschen."<a href="#_ftn440" name="_ftnref440" title="">[440]</a> Bildung und Entwicklung sollten dem Menschen größtmögliche Glückseligkeit zu verschaffen. Daß Weishaupt sich diesem Ziel von Beginn an verpflichtet fühlte, belegt die frühe Bezeichnung des Ordens als Bund der „Perfectibilisten“.

 

2. Formen und Wege der Präparation

 

   1. Funktion und Maßnahmen der Vorbereitung

Die Vorbereitung sollte nach Weishaupt die illuminatische Bildung grundlegen und auf das Ziel weisen, sie sollte „zu großen Dingen“<a href="#_ftn441" name="_ftnref441" title="">[441]</a> führen. Vorbereitende Übungen, wie die des Noviziats, sollten dem einzelnen Ordensmitglied die Möglichkeit verschaffen, seine Bildung nach illuminatischen Maßstäben auszurichten. Erst wenn dies geschehen war, konnten ihm weitere Mittel an die Hand gegeben werden. In der Hinführung des Adepten an den Verhaltens- und Moralkodex des Ordens und in der Befähigung zur sachgerechten Erledigung verschiedenster wissenschaftlicher Aufträge bestand die Hauptaufgabe der sog. ersten Vorbereitung. Man müsse „die Menschen, ehe man sie in höherer Weisheit unterrichten kann, erst ganz anders stimmen, und für die Weisheit empfänglich machen.“<a href="#_ftn442" name="_ftnref442" title="">[442]</a> Weishaupt ging davon aus, daß der Mensch nicht in genügendem Maße befähigt sei, sich selbst zu vervollkommnen. Der Mensch müsse einsehen, daß er „noch nicht [ist], was er späterhin seyn wird“<a href="#_ftn443" name="_ftnref443" title="">[443]</a> und in der Tat daran arbeiten, seinen unvollkommenen Zustand zu überwinden. Damit war die pädagogische Aufgabe gestellt, den Adepten auf ein bestimmtes Bildungsziel auszurichten. Das bedeutete für den Illuminatenorden aber auch, sich auf einen langwierigen und mühsamen Bildungsweg einzustellen: „Wir müßen die Leute erst machen, und das kostet Mühe.“<a href="#_ftn444" name="_ftnref444" title="">[444]</a> 

Die Vorbereitung des illuminatischen Zöglings ist als pädagogische Hilfestellung zu verstehen, mit deren Hilfe bereits vorhandene Fähigkeiten und Kenntnisse angesprochen, aufgegriffen sowie gebündelt werden sollten, um so den Zugang zu weiterführendem Wissen zu ermöglichen. Ihr Ziel bestand in Aufbau und Festigung von Lernstrategien. Aufgabe der Vorbereitung ist die Orientierung des Adepten, dieser „muß sich in der moralischen wie in der physischen Welt, soviel wie möglich orientiren.“<a href="#_ftn445" name="_ftnref445" title="">[445]</a> Derjenige, der dies unterläßt, „treibt sich ewig im Zweifel und Irrthum umher, ohne jemals an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen.“<a href="#_ftn446" name="_ftnref446" title="">[446]</a> Wissen und Orientierung der Adepten sollten auf dem Wege der Übungen gewonnen werden. Damit der Zögling Wertbewußtsein entwickelt, sollte er „belehrt werden, welche die vorzüglichern Gesichtspunkte eines gegebenen Gegenstandes sind. Es muß von jedem derselben der Werth bestimmt werden, und der Mensch muß auf diesem Wege die Weisung erhalten, welcher Gesichtspunkt in der vorliegenden Sache den Vorzug verdiene.“<a href="#_ftn447" name="_ftnref447" title="">[447]</a> Eine solche Unterrichtung könne sein Unterscheidungsvermögen stimulieren, ein Gespür für wesentliche Werte entwickeln, neue Erfahrungen erschließen und seinen Horizont erweitern.

Der Orden nahm die Auswahl der Bildungsinhalte für die Heranzubildenden vor und bestimmte die Lehr- und Lernmethoden. Themen und Fragestellungen sollten nach pragmatischen Kriterien ausgewählt werden, aber auch kanonisches Wissen berücksichtigen. Sie sollten weit ausgreifend sein, daß sie nicht als Einschränkung erfahren wurden und die Wißbegierde des Adepten erstickten. Ihr Wert ließ sich danach bestimmen, inwieweit sie dem Adepten nach der propädeutischen Phase nützten. Weishaupt befriedigt damit das Grundbedürfnis des Menschen, zu einem Verständnis von Welt zu gelangen, um sich in dieser zu behaupten.

Die vorbereitende Anleitung sollte sich nicht bloß auf die intellektuelle Bildung beschränken, sondern ebenfalls sein sittliches Verhalten befördern. Menschen, denen weder Zuwendung noch Unterweisung zuteil wurden, haben sich nach Weishaupts Überzeugung „noch nicht genug über Vorurtheil, Leidenschaft und Privatintereße erhoben“.<a href="#_ftn448" name="_ftnref448" title="">[448]</a> Die Ausmerzung dieser aus der unmittelbaren Reaktion auf äußere Einflüsse resultierenden charakterlichen Hemmnisse betrachtete er als eine wichtige Aufgabe im illuminatischen Bildungsgang. Ob und wann während der Absolvierung des Propädeutikums ein Aufstieg möglich war, wurde durch geeignete Prüfungen festgestellt. Der Zögling mußte sowohl durch sicheres, anwendungsbereites Wissen als auch durch sein auf Loyalität bedachtes Verhalten signalisieren, daß er die gestellten Anforderungen erfüllte.

Für den Unterweisenden war damit die weitere Aufgabe verbunden, „den O. zu eines jeden Steckenpferde machen.“<a href="#_ftn449" name="_ftnref449" title="">[449]</a> Dazu mußte er seine „Lehre mit dem Interesse des Lernenden zu verbinden wissen,“<a href="#_ftn450" name="_ftnref450" title="">[450]</a> dieses durch geschickte Impulse verstärken und den Lernprozeß begünstigen. Ist der Lehrende im Rahmen vorbereitender Unterweisung dazu in der Lage, den Grundstein nicht nur für das jeweils zu Vermittelnde, sondern auch für vom Zögling ausgehende selbständige Aneignung von Lehrinhalten zu legen, kommt er erst seiner Vermittlungsaufgabe nach. Die Vorbereitung von Adepten bedeutet, sich einer Aufgabe zu stellen, die der Mensch von sich aus kaum leisten kann. Sie setzt voraus, den Zögling und seine Möglichkeiten zu kennen. Der Lehrende unterstützt im Grunde lediglich den Aneignungs- und Verstehensprozeß seines Schülers, indem er das, was erkannt und beherrscht werden soll, nachvollziehbar aufbereitet und den Schüler mental vorbereitet: „Jeder Mensch muß vorher seine Seele dazu stimmen, und die nöthigen Vordersätze und Begriffe durch Unterricht, oder noch besser durch eigene Erfahrungen sammeln. Darum giebt es auch bey jedem guten Unterricht gewisse vorbereitende höchst einfache Lehren, von welchen jeder Lehrer ausgehen sollte, um den Geist seiner Schüler zu stimmen, und für spätere zusammengesetzere Lehren empfänglich zu machen.“<a href="#_ftn451" name="_ftnref451" title="">[451]</a>  Weishaupt fährt mit methodisch-didaktischen Übungen fort. Er sieht „die große Kunst des Unterrichts und Lehrens darin, daß der Lehrer die Begriffe gehörig ordnet, vorbereitet, vom Bekannten und Einfachen von Erfahrungen und Thatsachen zum minder Bekannten und zusammengesetzten zu höhern und abstractern Begriffen und Grundsätzen übergeht. Und die Verbindung zwischen beyden eindeutig und einleuchtend macht.“<a href="#_ftn452" name="_ftnref452" title="">[452]</a>

Innerhalb eines Propädeutikums wird sowohl die Eignung des Adepten erkennbar, als auch inwieweit er Leistungsanforderungen zu erfüllen vermag. Die Art der Unterweisung und die Befähigung der beauftragten Lehrkraft haben ebenfalls Anteil am Ergebnis der vorbereitenden Bildungsphase, die Verbindlichkeit von pädagogischen Inhalten allein gewährleistet nicht schon erfolgreiche Bildungsprozesse. Weishaupt dringt deshalb auf pädagogische Kompetenz der Vermittler und plädiert für Methodenvielfalt und Individualisierung: „Darum taugt nicht jede Art des Unterrichts so wie jeder Lehrer für jeden Menschen und daher sollte jeder Zögling subjectiv nach seiner Art, nach seinen Begriffen behandelt, diese erforscht, mit solchen der Anfang gemacht und alle neue Begriffe an diese älteren gereiht werden.“<a href="#_ftn453" name="_ftnref453" title="">[453]</a> Es liegt im Ermessen des Lehrenden, das individuelle Bildungsvermögen seines Zöglings einzuschätzen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welcher Unterricht ihm zugute kommen sollte. Ein Lernender ist demnach darauf angewiesen, daß „jeder Lehrer sich in deßen Denkungsart vollkommen hineindenken“<a href="#_ftn454" name="_ftnref454" title="">[454]</a> kann. Weishaupt zählt diese Fähigkeit zu den entscheidenden Voraussetzungen eines fruchtbaren Verhältnisses von Lehrer und Zögling.

Vorbereitung soll zur Beherrschung geeigneter Methoden für die Aneignung von Kenntnissen, zur Ermittlung der Bedürfnisse des Zöglings beitragen und die Wahl geeigneter Formen des Lehrens und Lernens erleichtern. In dieser Lernphase, die auch Probezeit ist, sollen die Fundamente für den weiteren Entwicklungsgang gelegt werden. Dessen Verlauf und Qualität hängen vom Leistungsvermögen des Zöglings wie auch von Geschick, Eindringlichkeit und Wohlwollen des Lehrenden ab.

 

   2. Weiterführung in Stufen

Der  illuminatische Bildungsgang beginnt mit der ersten Vorbereitung als Prüfungsphase und vollzieht sich aufsteigend von Stufe zu Stufe über die bekannten jeweiligen Teilziele bis zum eigentlichen Ziel, dem vollkommenen Menschen. Die Stufenfolge bezeichnet den Weg des menschlichen Werdens hin zur Vollkommenheit. Die Denkfigur des Stufengangs ist keine originäre Kategorie der Illuminaten und der Aufklärung. Sie fand bereits in der Didaktik des 17. Jahrhunderts beispielsweise durch Ratke und Comenius verstärkt Beachtung. Der spanische Moralist Baltasar Gracian y Morales, dessen Begriffswelt von Weishaupt früh rezipiert wurde, hat die Altersstufen des Geistes mit dem Stufengang der Bildung direkt miteinander in Beziehung gesetzt<a href="#_ftn455" name="_ftnref455" title="">[455]</a>. Er verbindet die Vorstellung des in einer Stufenfolge sich vollziehenden Entwicklungsprozesses des Menschen mit dem Heranreifen seiner Kräfte. Gracian deutet den Werdeprozeß des Menschen nicht einfach als Entwicklung, sondern hebt die Bedeutung der Katharsis hervor: „Der Vorgang des Reifens hat offenbar wenig gemein mit einer ‚Entwicklung’. Er vollzieht sich wesentlich durch die Klärung, Reinigung und Entschlackung der Seele, im Durchdringen des beständigen Wesens. [...] Reif sein heißt, zu sich selbst gekommen zu sein.“<a href="#_ftn456" name="_ftnref456" title="">[456]</a> Weishaupts Vorstellung vom Stufengang folgt dieser Auffassung.

Voraussetzung für die Reifung des Menschen ist beim Übergang von Stufe zu Stufe ein Innehalten, die Rückschau und das Überdenken des Erreichten. Jede Stufe unterliegt einer Gesetzmäßigkeit, keine kann übersprungen werden. Für Weishaupt war jedwede Art des Fortschreitens in Wissen und Fähigkeiten mit dem Modell des Stufenganges verbunden. Deshalb wurden potentielle Ordensmitglieder auf die Notwendigkeit eines stufenweisen Vorgehens hingewiesen und ihnen damit auch zu Bewußtsein gebracht, daß Bildung Anstrengung und Ausdauer erfordert. Hatte der Obere den Eindruck, daß ein Insinuant zu ungeduldig war, sollte er einen Aufsatz über Sinn und Notwendigkeit des Stufenganges verfassen: „einem, der gern bald oben seyn möchte, gibt man das Pensum von der Stuffenbeförderung.“<a href="#_ftn457" name="_ftnref457" title="">[457]</a>

Das präparatorische Moment ist dem Stufengang immanent. Auf jeder Stufe müssen vorbereitende Übungen absolviert werden und jede einzelne Stufe fungiert als Vorbereitung der nächstfolgenden. Die Ausbildung des Zöglings muß „von der untersten Stufe ausgehen, und sich nach und nach durch die regegewordenen Bedürfnisse veredeln und verbessern.“<a href="#_ftn458" name="_ftnref458" title="">[458]</a> Weishaupts pädagogische Auffassung ist in dieser Hinsicht kein Novum. Das Modell der Stufenfolge hat seine Geschichte. Es bestimmt auch die Organisation schulischen Lernens. Schulbildung erfolgt stufig in aufeinander aufbauenden Klassen. Einstimmung und Vorbereitung auf die Lern- und Bildungsaufgaben der jeweiligen Stufe und die Hinführung zu den jeweils verbindlichen Leistungsstandards bleiben permanente Aufgaben.

Weishaupt bleibt nur Spielraum für eine Variante. Das Voranschreiten in Stufen entspricht dem Weg, der dem Individuum von der Natur vorgezeichnet ist: „Dies ist unsere Art zu verfahren, nicht von uns so eingeführt, sondern vom Schöpfer selbst in der Natur der Dinge gegründet.“<a href="#_ftn459" name="_ftnref459" title="">[459]</a>

Ein Merkmal des Stufengangs ist die hierarchisierte Abfolge, bei der eine einmal absolvierte Stufe die Grundlage der nächsten bildet. Weishaupt argumentiert in diesem Sinne: „Die Natur, welche stuffenweise Entwickelung eines unendlichen Planes ist, wo das nämliche Urbild in allen möglichen Veränderungen, Graduationen und Formen zum Grunde liegt, und von uns Menschen nach der Verschiedenheit seiner Gestalt verschiedene Nahmen erhält, macht in allen diesen ihren Veränderungen keinen Sprung: sie fängt von dem kleinst-möglichen und unvollkommenen an, durchlauft ordentlich alle Mittelstuffen, um zum größten und vollkommensten dieser Art zu gelangen, welches höchste, vielleicht neuerdings  die niederste Stuffe einer neuen höhern Veränderung ist.“<a href="#_ftn460" name="_ftnref460" title="">[460]</a> Das Ende eines Stufengangs bedeutet nicht automatisch das Erreichen von Vollkommenheit. Nach der metemspychotischen Weltsicht Weishaupts ist Vollkommenheit zwar innerhalb einer Lebenszeit möglich, jedoch keinesfalls zwangsläufig. Es ist nur konsequent, wenn er die Forderung nach individueller Unterweisung erhebt und auch nicht jedes Mitglied des Illuminatenordens zu den höheren Mysterien geführt wird. 

Die nach Anforderungsstufen organisierte und standardisierte Ausbildung im Illuminatenordens könnte – so scheint es – einen einheitlichen Kenntnisstand gewährleisten, faktisch aber differiert dieser nach Maßgabe der Lernkapazitäten. Anfängliche Schwierigkeiten im Bildungsgang waren einkalkuliert und wurden als Herausforderungen gewertet: „alle Uebel sind bloß niedere Stuffen, die wir durchlaufen, um zu höhern zu gelangen; sie sind Mittel zur Vervollkommnung unseres Geistes; ohne solche wären diese ein Unding; sie hören nun auf, Uebel zu seyn und werden sogar vorzügliche Güter.“<a href="#_ftn461" name="_ftnref461" title="">[461]</a> Die Entwicklung des Menschen endet nicht während einer seiner Lebensphasen, es besteht vielmehr zeitlebens die Verpflichtung, seine Möglichkeiten zu steigern und sich entsprechend voranzubringen. Das Verharren auf ein und derselben Stufe ist nicht akzeptabel, denn „die Natur eines perfektiblen Wesens erfordert, daß es bey seinem Entstehen sowohl, als durch seine ganze Dauer hindurch wachse; daß es in keinem vorhergehenden Zustande sey, was es in dem nachfolgenden werden soll; daß es lediglich umso unvollkommener sey, je weiter wir auf seine erste Entstehung zurückgehen.“<a href="#_ftn462" name="_ftnref462" title="">[462]</a>

Das Erreichen einer Entwicklungsstufe ermöglicht eine Einschätzung des Bildungsstandes, es lassen sich definitive Aussagen über Fähigkeiten und Möglichkeiten des Zöglings treffen. Es ist jedoch vorher genau festzulegen, welche Anforderungen in jeder einzelnen Stufe gestellt werden können. Daran ist das zu Vermittelnde auszurichten, der Mensch soll „in jeder Periode des Lebens so viel finden, als er jedes Mal tragen kann.“<a href="#_ftn463" name="_ftnref463" title="">[463]</a> Der Stufengang der Bildung wird ebenfalls bestimmt von dem jeweiligen Vermögen des Adepten, d.h., die zu jeder Stufe gehörigen pädagogischen Angebote sind nach Kriterien der individuellen Entwicklung auszuwählen. Zunächst müssen allgemeine Grundbegriffe vermittelt werden, das, was bereits als Wissen verfügbar ist, muß methodisch durchdrungen und von einengenden Sichtweisen gereinigt werden, bevor vertiefende Kenntnisse und weiter gefaßte Einsichten angeboten werden können: „Die Ausbildung eines jeden Menschen fängt erst von seinen gröbern Sinnen an, und geht von diesen zu den feinern über. Nach diesem trift die Reihe die Einbildungskraft, das Anforderungsvermögen, den Verstand. Auf jeder dieser Stufen der Ausbildung sind die Vorstellungen vom Guten und Besten, vom Schädlichen und Nüzlichen, nach welchen sich doch jedes Begehrungsvermögen, sammt allen menschlichen Handlungen auf das genaueste richtet, sehr verschieden. Der Gesichtspunkt, aus welchem wir die Gegenstände betrachten, ist anfänglich sehr beschränkt. Die Folgen, welche in Betracht kommen, sind nicht sogleich die entfernteren, sondern die unmittelbaren und nächsten.“<a href="#_ftn464" name="_ftnref464" title="">[464]</a> Diese Prozedur ist auf jeder einzelnen Stufe einzuhalten.

Weishaupt steht mit seinem Verständnis des Stufengedankens nicht allein. Mit der Etablierung eines flächendeckenden Schulsystems und der Einführung der nationalen Schulpflicht im Jahre 1919 setzt sich das Prinzip der Stufenfolge in der Organisation schulischer Bildung durch. Auch in der Didaktik kommt es zur Geltung, z.B. in der Formalstufentheorie der Herbartianer. Innerhalb der pädagogischen Reformbewegung begegnet man beispielsweise bei Wilhelm Flitner einer stärker die Individualität des Menschen berücksichtigenden Auffassung des Stufenganges, die damit verbundenen Implikationen sind denen von Weishaupts Auffassung nicht unähnlich: „Der Bildungsprozeß zeigt [...] einen Stufengang, nach welchem sich Individualität entwickelt, indem ihr die Natur, die geschichtlich-gesellschaftliche Welt und schließlich der Geist begegnen und Bedürfnisse dauernd erweckt, aber auch Forderungen immer umfassender und strenger geltend gemacht werden. Echte Forderungen aber müssen zu Bedürfnissen des Zöglings werden, wenn sie ihn fördern und nicht hemmen sollen. Umgekehrt sind die vorhandenen Bedürfnisse des Zöglings in echte zu verwandeln.“<a href="#_ftn465" name="_ftnref465" title="">[465]</a> Bei Flitner finden sich nahezu sämtliche Merkmale des Stufengangs, wie sie Weishaupt vorschwebten, er berücksichtigte sowohl den Umstand, daß jeder Zögling entsprechend seiner Voraussetzungen behandelt werden sollte, als auch die Verbindlichkeit der Reflexion des Erreichten vor dem weiteren Voranschreiten. Flitner setzt das Prinzip des Stufengangs mit einem Prozeß der Verinnerlichung gleich, dessen Ziel erreicht ist, wenn die von außen gebotenen und angeregten Gegenstände verstanden und habitualisiert worden sind. Das Prinzip des Stufenganges steht somit im Dienste der Vervollkommnung des Menschen, die Anzahl der zu durchlaufenden Stufen bestimmt  die Dauer der Angleichung des Ist-Zustandes an das Ideal der Vollkommenheit.

 

2. Die Beobachtung – ihre Funktion und ihre Folgen

 

   1. Schulung des  Beobachtungsgeistes

Das in seinem Denken empirisch ausgerichtete 18. Jahrhundert hat der Beobachtung besondere Bedeutung beigemessen, das Fehlen von „Beobachtungsgeist“ wurde als Mangel bewertet. So beklagt z.B. Knigge, daß es manchen Ärzten „bei der gründlichsten Kenntnis an Beobachtungsgeist“<a href="#_ftn466" name="_ftnref466" title="">[466]</a> fehle. Mit der verstärkten Hinwendung zu den Naturwissenschaften vom Ende der Renaissance an hat das Beobachtungsvermögen eine wichtige Funktion bei der Gewinnung von Erkenntnissen erhalten. Gegenstand der Beobachtung war alles, was die äußere Erfahrungswelt des Menschen ausmachte. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Mensch als Objekt der Beobachtung interessant und die Erkenntnis des Menschen auf den – wie es im Sprachgebrauch der Zeit hieß – Beobachtungsgeist gegründet. Nachdem das Projekt ‚Mensch’ von der Aufklärung in Gang gesetzt worden war, wurde der Mensch zum Studienobjekt seiner selbst erhoben. Es ist mithin keinesfalls zufällig, daß mit dem Interesse des Menschen an seiner eigenen Verfassung und allen ihn betreffenden Vorgängen sich Anthropologie und in deren Gefolge Pädagogik und Psychologie zu konstituieren beginnen. 

Empirisch angelegte Methoden sind auf das Observieren angewiesen. Beobachtung treibt Wahrnehmungsprozesse voran und ermöglicht überprüfbare Erkenntnisse, sie ist zielgerichtet. Die durch sie gewonnenen Erfahrungsdaten bedürfen der Interpretation durch das beobachtende Subjekt. Die Verquickung des Beobachters mit dem beobachteten Objekt kann zu Ungenauigkeiten und Fehlern führen, die in bezug auf das Beobachten des Menschen besonders kraß und irreführend sein können. Das Observieren menschlicher Handlungen und Regungen, die Systematisierung der Befunde und die sich aufdrängenden Schlußfolgerungen hält Kant, wie er in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht feststellt, für recht problematisch: „Der Mensch, der es bemerkt, daß man ihn beobachtet und zu erforschen sucht, wird entweder verlegen (geniert) erscheinen, und da kann er sich nicht zeigen, wie er ist; oder er verstellt sich, und da will er nicht gekannt sein, wie er ist. [...] Will er auch nur sich selbst erforschen, so kommt er, vornehmlich, was seinen Zustand im Affekt betrifft, der alsdann gewöhnlich keine Verstellung zuläßt, in eine kritische Lage: nämlich, daß wenn die Triebfedern in Aktion sind, er sich nicht beobachtet; und wenn er sich beobachtet, die Triebfedern ruhen.“<a href="#_ftn467" name="_ftnref467" title="">[467]</a> Auch Weishaupt war dieser Umstand bewußt, er zog jedoch andere Schlußfolgerungen als Kant und baute weit mehr auf die Möglichkeiten des Beobachtens. Er nahm an, man könne durch gezielte Beobachtung zu verläßlichen Aussagen gelangen. Er forderte allerdings, Beobachtungen aufs Präziseste vorzunehmen, ihre Resultate unter größtmöglichem Ausschluß subjektiver Fehlinterpretationen zu gewinnen und durch ständige Revision und kritische Auseinandersetzung zu extrahieren.

Die auf empirischem Wege gewonnenen Erfahrungen vom Menschen sollten zusammengefaßt und methodisch aufbereitet werden, „um aus allem das beste zu ziehen und ein ordentliches und weitläufiges System über den Beobachtungsgeist zu entwerfen.“<a href="#_ftn468" name="_ftnref468" title="">[468]</a> Eine gründlich durchgeführte Beobachtung setzt nach Weishaupt verschiedene Fähigkeiten voraus. Dazu gehören Aufmerksamkeit und Konzentration, um einen gezielten Einsatz der Sinne zu gewährleisten. Darüber hinaus braucht der Beobachtungsgeist, um präzise wahrzunehmen, den esprit de detail, der als höchste Form der Aufmerksamkeit eine minuziöse Differenzierung und ein fundiertes Urteil ermöglicht. Um diese Fähigkeiten optimal ausbilden zu können, wurden die Priester im Illuminatenorden dazu angehalten, methodisch vorzugehen. Es sollten: „1) Junge Leute zum Beobachtungsgeiste gewöhnt; 2) Facta und ungezweifelte Beobachtungen in Menge gesammelt; 3) diese gehörig untersucht, verglichen, benuzt werden.“<a href="#_ftn469" name="_ftnref469" title="">[469]</a> Beobachtungen sollten die Grundlage aller pädagogischen Handlungen bilden. Der Dekan der Presbyter sollte beispielsweise dafür sorgen, daß die Mitglieder ihren Beobachtungsgeist mobilisieren und entsprechend tätig werden. Weishaupt war der Auffassung, daß Wirklichkeit durch wiederholte, differenzierte und vergleichende Beobachtung gründlich erfaßt werden kann. Der Beobachter soll sich seines Beobachtungsgegenstandes vergewissern: „Unser ganzes Wissen beruht auf richtige Facta, auf richtige Schlüsse, und richtige Anwendung auf andre Fälle. Ist daher unser Wissen irrig, so muß der Fehler im Factum, im Schließen oder im Anwenden liegen. Der Beobachter kan mithin sich nie genug von der Richtigkeit des Factums versichern.“<a href="#_ftn470" name="_ftnref470" title="">[470]</a>

Wie Weishaupt war auch Lavater von der Leistungsfähigkeit des Beobachtungsgeistes überzeugt, dieses Phänomen war das wesentliche Element für seine physiognomischen Studien. In seiner Anleitung für Physiognomen heißt es: „Diese feinen Sinne müssen seinen Beobachtungsgeist bilden, und hinwiederum durch den Beobachtungsgeist ausgebildet und zum Beobachten geübt werden. Der Beobachtungsgeist muß Herr über sie seyn. Beobachten ist die Seele der Physiognomik. Der Physiognomist muß also den feinsten, schnellesten, sichersten, ausgebreitetsten Beobachtungsgeist haben. Beobachten ist aufmerken. Aufmerken ist etwas aus einer Menge Gegenstände herausnehmen, und mit Beyseitsetzung aller andern insbesondere betrachten, und die Merkmale und Besonderheiten davon sich zergliedern; folglich unterscheiden. Beobachten, aufmerken, unterscheiden, ist das Werk des Verstandes. Der Physiognomist muß also einen scharfen, hohen, und ausnehmenden Verstand besitzen, um theils richtig zu beobachten, theils die gehörigen Folgen aus den Beobachtungen herzuleiten; nicht mehr und nicht weniger zu sehen, als sich der Beobachtung darstellt; nicht mehr und nicht weniger zu schließen, als richtige Prämissen in sich fassen.“<a href="#_ftn471" name="_ftnref471" title="">[471]</a> Weishaupt, der kurzzeitig mit dem Schweizer Geistlichen in Verbindung stand, geht es nicht nur um den Aspekt des Physiognomischen, er will ein auf Beobachtung fußendes System der Menschenkunde etablieren.

Es war ihm bewußt, daß die Beobachtung durch vielerlei Störfaktoren beeinträchtigt, durch eine strenge methodische Vorgehensweise aber reduziert oder beseitigt werden können. Aus diesem Grunde hielt er die illuminatischen Presbyter, denen die Vermittlung des Beobachtungssystems oblag, dazu an, möglichst objektiv zu beobachten: „Aber Ihre Leidenschaften, Ihre Neigungen und Abneigungen müssen keinen Einfluß auf ihre Beobachtungen haben. [...] Diesen Fehler begehen so viele Menschenbeobachter, daß sie sich sogleich beim ersten Blick einnehmen lassen.“<a href="#_ftn472" name="_ftnref472" title="">[472]</a>  Er war der Überzeugung, daß effektives Beobachten erlernt werden könne, deshalb sollten die Priester „die Leute zum Beobachten anführen und darinn üben.“<a href="#_ftn473" name="_ftnref473" title="">[473]</a>

Die Beobachtung sollte am konkreten Beispiel erfolgen und sie sollte solange aufrecht erhalten werden, bis das unbedeutendste Detail erfaßt war. Sie sollte möglichst verdeckt ausgeführt werden, denn Verborgenheit „schärft den Untersuchungsgeist, sammt der Aufmerksamkeit; sie vermindert die Einseitigkeit im Denken.“<a href="#_ftn474" name="_ftnref474" title="">[474]</a> Die Möglichkeiten des Beobachtungsgeistes verringern sich, wenn die Beobachtungsintention offenkundig wird.

Der Beobachtungsgeist wurde ein zentraler Begriff im Orden und Beobachtung gehörte zu den Hauptbeschäftigungen der Mitglieder, die bis hin zum Ausspionieren anderer reichte. Weishaupt beschreibt sein diesfälliges Anliegen folgendermaßen: „in specie mache ich darinnen jeden zum Spion des andern, und aller.“<a href="#_ftn475" name="_ftnref475" title="">[475]</a> Was er durch Beobachtung zu erreichen hoffte, sollte auch zur Festigung der Struktur des Ordens beitragen und war nicht frei von machtpolitischen Erwägungen. Doch wird diese Intention erträglich durch Weishaupts wohlwollende Grundhaltung gegenüber dem Menschen. Der Auftrag zur konsequenten Observierung anderer führte bei den Illuminaten selbst zu unterschiedlichen Reaktionen. Adolph Heinrich Friedrich Schlichtegroll {Gronovius} z.B. zeigte sich verlegen, wie aus einem seiner quibus-licet-Berichte hervorgeht. Er tat sich schwer mit dem Beobachten der ihm bekannten Illuminaten Mereau {Thuanus} und Weidner: „Mit einiger Schaamröthe geh’ ich daran, Urtheile über diejenigen meiner Bekanten niederzuschreiben, die zu beobachten mir der erlauchte Orden aufgetragen hat. Ich, selbst mit wankendem Schritt auf einer glatten Bahn gehend soll den Gang anderer beurtheilen?“<a href="#_ftn476" name="_ftnref476" title="">[476]</a> Andere Mitglieder wandten sich erzürnt vom Orden ab, wie das Beispiel des schließlich zum entschiedenen Illuminatengegner gewordenen Baron Joseph von Utzschneider {Seneca} zeigt. Utzschneider war ungehalten über diese Praxis. Weishaupt sah in dieser Reaktion lediglich ein Mißverstehen seiner Absichten, er glaubte, „daß die Illuminaten bey diesem vorgeblichen Verbrechen sich im Grund von nichts weiter schuldig gemacht, als was ieder Vater, ieder Vormund, ieder Hofmeister über seine Zöglinge und Kinder thun muß, wenn er sie wohl und gut zu erziehen gedenkt.“ <a href="#_ftn477" name="_ftnref477" title="">[477]</a> Die gebotene Zurückhaltung im Umgang mit persönlichen Informationen war keineswegs in jedem Falle gewährleistet, was zwangsläufig zu Problemen führen mußte und dazu beigetragen hat, den Illuminatenorden in Verruf zu bringen.

Auch Knigge plädierte dafür, nicht dem Eindruck, den man intuitiv von einer Person erhält, zu trauen, sondern respektvolle Distanz zu wahren. Dadurch werde das Verhältnis der Menschen zueinander weniger persönlich, die gegenseitige Aufmerksamkeit nicht geringer, Takt bestimme den Umgang miteinander und gleichzeitig könne sich die Wahrnehmung des anderen versachlichen und damit verbessern: „man eifere nicht so heftig gegen den wahren feinen Weltton. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht außer acht zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern Beobachtungsgeist, gewöhnt uns daran, ohne zu kränken und ohne gekränkt zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können.“<a href="#_ftn478" name="_ftnref478" title="">[478]</a> In der Atmosphäre kultivierten Umgangs könne der Beobachtungsgeist wirksam werden, ohne bestimmend zu sein.

Auch wenn Weishaupt, ebenso wie Knigge, seine Auffassung zu Wesen und Wertigkeit des Beobachtungsgeistes weniger euphorisch zu formulieren lernte, schrieb er Beobachtung und dem Beobachtungsgeist doch weiterhin einen hohen Stellenwert zu. Selbst nach Ende seiner Illuminatentätigkeit stellte er Kritikern ironisch die Frage: „Es soll gefährlich seyn, den individuellen Menschen zu beobachten, seine Absichten zu erforschen, dem Gang seiner Neigungen nachzuspähen, von besonderen Fällen allgemeine Regeln abzusondern,  die Regeln selbst erst zu erfinden und zu entdecken? [...] Es soll mir erlaubt seyn, den Menschen im Allgemeinen zu beurtheilen? Wo ist der Mensch im Allgemeinen, der abstrakte Mensch? Er ist nirgends, wenn er nicht in dem individuellen Menschen aufgesucht werden darf. Von dem individuellen Menschen haben unsere Vorgänger den abstrakten Menschen abgesondert. Diesen mußten sie zuerst beobachten. Wir müssen dieselbe Freyheit haben, damit wir einsehen und prüfen können, welchen Grund die bisherigen Theorien haben, damit wir in Stand gesetzt werden, einseitige Theorien und Urtheile zu berichtigen, und falsche Anwendungen zu vermeiden.“<a href="#_ftn479" name="_ftnref479" title="">[479]</a> Nachdem Weishaupt den im Überschwang seiner aufklärerischen Absichten hochgelobten Beobachtungsgeist relativiert hatte, sah er in der Beobachtung doch eine entscheidende Orientierung für das pädagogische Handeln: „Ohne diese ist keine Leitung und Bildung der Menschen möglich oder zu denken, der Zweck mag seyn, welcher er will.“<a href="#_ftn480" name="_ftnref480" title="">[480]</a> Weishaupt  plädierte später für eine empirisch fundierte Wissenschaft vom Menschen und zeigt auf, daß diese auf die konsequente Beobachtung aller menschlichen Regungen nicht verzichten kann.

 

   2. Ideenreihe – ihre Bedeutung als Faktor bei der Bewußtseinsbildung

Der Beobachtungsgeist ist auf äußere Vorgänge gerichtet und führt Sinneseindrücke dem Bewußtsein zu. Darüber, auf welchem Wege dies vollzogen wird, entscheidet eine Instanz, die bereits vorhandene Bewußtseinsinhalte „verwaltet“ sowie neu hinzukommende aufnimmt und miteinander verbindet. Das Zusammentreffen verschiedener Sinneseindrücke verlangt intrapersonal nach einer Gewichtung, welche die Abfolge und Wertigkeit von Vorstellungen bestimmt. Diese Instanz erzeugt aus dem sensorischen Material Vorstellungen, also einen geordneten Zusammenhang, der mit dem Begriff Ideenreihe umschrieben wird und im 18. Jahrhundert geläufig war. Weishaupt definiert ihn folgendermaßen: „Alle Vorstellungen eines gegebenen Menschen bilden also eine sukzessive und simultane Reihe, welche, weil kein Mensch ganz von denselben Gegenständen, in ganz derselben Zeit, in gleicher Anzahl und Stärke affiziert wird, bei keinem Menschen ganz dieselbe sein kann. [...] Nicht so sehr darauf kommt es an, welche Vorstellungen ein gegebener Mensch hat, (denn diese können bei vielen Menschen grösstenteils dieselben sein), als vielmehr in welcher Ordnung die Vorstellungen koexistieren oder aufeinander folgen.“<a href="#_ftn481" name="_ftnref481" title="">[481]</a> Die Verarbeitung von Bewußtseinsinhalten unterliegt demnach individuellen Präferenzen. Zwar  können bisweilen einzelne Vorstellungen identisch sein, sie lassen sich u.U. sogar quantitativ erfassen, aber das entscheidende Moment ist ihre Aneinanderreihung, die nicht bis ins Detail nachvollziehbar ist, da sie stetig Erweiterung, Neuordnung und Überlagerung erfährt. Die Ideenreihe selbst wird bestimmt von der „Willkür“ der Vorstellungen, die zum einen auf Wahrnehmungen beruhen, zum anderen ein Produkt der Introspektion sind. Eine Ideenreihe präsentiert Bewußtseinsinhalte, die mannigfaltig sind und sich stetig erweitern. Sie  hat dynamischen Charakter.

Der Begriff der Ideenreihe beschäftigte auch andere Zeitgenossen, Jean Paul beispielsweise kritisiert in diesem Zusammenhang Kant, der seiner Meinung nach in seinen epistemologischen Überlegungen nicht berücksichtige, daß eine Bestimmung von ursprünglichen Bewußtseinsinhalten unmöglich ist. Jean Paul meint, Kant „vermenge die Schwierigkeit, Ideen zu bilden, mit der untergeordneten, neue zu bilden, die Schwierigkeit des Übergangs mit der Unerklärlichkeit des Stoffs.“<a href="#_ftn482" name="_ftnref482" title="">[482]</a> Jean Paul hält das Phänomen der Ideenreihe für nicht greifbar. Fast ehrfürchtig führt er weiter dazu aus: „Ich erschrecke und erstaune über die verhüllte Allmacht, womit der Mensch seine Ideenreihe ordnet, d.h. schafft. Mir ist kein besseres Symbol der Schöpfung bekannt als die Regelmäßigkeit und Kausalität der Ideenschöpfung in uns, die kein Wille und kein Verstand ordnen und erzielen kann, weil eine solche Ordnung und Absicht die unerschaffene Idee ja - voraussetzte.“<a href="#_ftn483" name="_ftnref483" title="">[483]</a>

Jean Paul verweist auf das Paradoxon, das mit dem Begriff der Ideenreihe verbunden ist. Es erscheint ihm im Grunde nicht möglich, der Welt der im Innern des Menschen sich regenden Vorstellungen Herr zu werden. Es müssen daher Orientierungspunkte zur Strukturierung der Gedankengüter des Menschen geschaffen werden. Um zu einer strukturierten Ideenreihe zu kommen, plädiert Weishaupt für ein Kriterium, das eine Entscheidung ermöglicht, für eine idea victrix, die er folgendermaßen charakterisiert: „Die Idee, welche den Menschen orientiert oder den Kopf zurecht setzt, ist eigentlich diejenige, welche allem Streit und allem Missverstand ein Ende macht. Sie ist das, was die Schule idea victrix nennt, was in der Sache den Ausschlag gibt.“<a href="#_ftn484" name="_ftnref484" title="">[484]</a> Mit ihr sei ein verläßlicher Maßstab für die Bewertung aller Gedanken und Handlungen des Menschen gefunden. Dem Weishauptschen Lösungsvorschlag widerspricht der Hallesche Arzt Johann Christian Reil. Er schließt die Möglichkeit einer direkten Einflußnahme auf Bewußtseinsinhalte aus: „Direct sind wir zwar eigentlich nie Meister unserer Vorstellungen; aber uns stehen indirekte Mittel zu ihrer Leitung zu Gebote. Wir ändern nemlich die Objekte und erregen neue Ideenreihen, durch welche die vorhandenen modificirt oder getilgt werden.“<a href="#_ftn485" name="_ftnref485" title="">[485]</a>

Durch sich herausbildende typische und wiederkehrende Muster in den Gedankenabläufen kommt es bei jedem einzelnen zu entsprechenden Präferenzen. „Wenn einmal der menschliche Geist einen gewissen Gang genommen, eine gewisse bestimmte Ideenreihe zu durchlaufen gewohnt ist: so entschließen wir uns selbst zum bessern nicht ohne Widerwillen und Abscheu. So kann lange Gewohnheit mit dem Uebel ausöhnen und vertraut machen, und das angenehmste missfällt, wenn der Uebergang zu auffallend ist. Nur der Lauf der Zeit und öftere Wiederholung samt einem vertrautern Umgang mit dem neuen Gegenstand söhnen uns mit solchem aus, gründen eine neue Fähigkeit, machen uns den ältern vergessen.“<a href="#_ftn486" name="_ftnref486" title="">[486]</a> Gewohnheiten, die sich für den einzelnen hilfreich erweisen, sollten beibehalten werden. Ist das Gegenteil der Fall, so sollte eine Veränderung durch gezielte Maßnahmen angestrebt werden.

Da die Ideenreihe offensichtlich den Bildungsprozeß wesentlich mitbestimmt, sollte sie gründlich pädagogisch reflektiert werden. Auch Jean Paul lenkte die Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zwischen Bildungstrieb und Ideenreihe und er verweist darauf, daß das Bedürfnis des Menschen nach Bildung die nötigen Willenskräfte freisetze, die es ermöglichen, einmal gefasste Vorstellungen zu revidieren. Die Fähigkeit zur Modifizierung der Ideenreihe schrieb er ausschließlich dem Menschen zu. Sie wird begleitet von reflektierendem Denken, kreativem Schaffen und zielgerichtetem Handeln: „Der geistige Bildungstrieb, der höher als der körperliche nach und durch Willen schafft, nämlich die neue Idee aus den alten Ideen, ist das Abzeichen des Menschen. Kein Wollen bedingt die Vorstell-Reihe des Tiers; im Wachen denken wir selber, im Traume werden wir gedacht, dort sind, hier werden wir unserer bewußt; im Genie erscheint dieses Ideen-Schaffen als schöpferisch, im Mittel-Menschen nur als besonnen und notwendig.“<a href="#_ftn487" name="_ftnref487" title="">[487]</a> Da nach Jean Paul die Erzeugung von Ideenreihen im wachen Bewußtseinszustand erfolgt, zeigt er, daß die Vorstellungen willentlicher Beeinflussung unterliegen. Im Zustand des Träumens werden die Ideen sich selbst überlassen und wirken auf das Unterbewußtsein des Menschen.

Auch Weishaupt vertritt die Ansicht, der Mensch neige von Natur aus dazu, seine Vorstellungswelt zu erweitern und zu verändern. Dabei ist die Auswahl dessen, was er von sich aus zu lernen begehrt, von Qualität und Ausrichtung seiner Ideenreihe abhängig. Die vorhandenen Bewußtseinsinhalte bestimmen über Ausmaß und Intensität der Hinwendung zu einem Wissensgebiet. Die sich regenden Interessen fungieren als treibende Kräfte bei der Formierung des bevorzugten Wissensbereiches. Weishaupt argumentiert ähnlich wie Jean Paul:  „Alles, was der Mensch weiß, weiß er vollkommen so, wie es zu seiner vorhandenen Ideenreihe passt. Jedes Fach, welches sein Geist bearbeitet, wird nach und nach von ihm soviel wie möglich erschöpft. Da, wo ein lebhaftes Interesse seinem Geist vorschwebt, kennt seine Thätigkeit keine Gränzen. In allen Fällen, wo wir an geistiger Entwicklung zurückstehen, fehlt es unserm Geist entweder an den erfoderlichen Gründen und Triebfedern, oder wir fühlen ein entgegengesetztes lebhaftes Interesse.“<a href="#_ftn488" name="_ftnref488" title="">[488]</a> Der Lehrende, der die Vorlieben und Interessen seiner Zöglinge kennt, kann Einfluß nehmen und bereits vorhandenes Wissen vertiefen. Er kann darüber hinaus, Bildungsinhalte in den Blick bringen, die bisher nicht im Interessengebiet des Schülers lagen.

 

   3. Selbsterkenntnis als Schlüsselkompetenz

Weishaupt sah in der Selbsterkenntnis ein wichtiges Ziel illuminatischer Bildung und hatte sie auf dem Übungsweg des Illuminatus maior zur hauptsächlichen Aufgabe bestimmt. Mit ihr sollte der entscheidende Schritt hin zur autonomen Persönlichkeit getan werden.  Selbsterkenntnis war angewiesen auf die Schulung des Beobachtungsgeistes und die Bemühungen um strukturierte Ideenreihen. Ihre Problematik liegt in dem Umstand, daß im Akt des Selbsterkennens der Mensch zugleich die Rolle des Subjekts und des Objekts einnehmen muß. Selbsterkenntnis ist aber unverzichtbar, auch wenn sie nur begrenzt möglich ist. Ohne sie kann der Mensch in seiner persönlichen Entwicklung nicht vorankommen und auch seine Lebensanforderungen nicht realistisch und konstruktiv bewältigen. Weishaupt hielt sein Plädoyer für Selbsterkenntnis durch alle Phasen der Ordensentwicklung aufrecht. Doch die frühe enthusiastische Hochschätzung wich allmählich einer differenzierten und relativierenden Sicht.

Bereits in der Antike wurde der Selbsterkenntnis, wie das Motto des delphischen Apolloheiligtums gnwqi sauton und der Anspruch der sokratischen Mäeutik belegen, große Bedeutung. Im 18. Jahrhundert wurde der Mensch Objekt seiner eigenen Erkenntnisinteressen, sowohl Selbsterkenntnis als auch Menschenkenntnis im allgemeinen wurden zu einem zentralen Thema der wissenschaftlichen Anthropologie.

Selbsterkenntnis dient der Selbsterziehung und Selbstvervollkommnung. Ihr steht die Neigung des Menschen entgegen, seinen Vorlieben zu folgen und der Wirklichkeit auszuweichen. Eine von täuschenden Einflüssen möglichst befreite Selbsteinschätzung ist Voraussetzung für wirkliche Erkenntnis der eigenen Person. Selbstwahrnehmung erfordert einen unversperrten und kritischen Blick auf sich selbst, emotionale Gereiztheit z.B. trübt die Sicht. Hauptzweck  der Selbsterkenntnis sollte das Ermitteln und schließlich die Beseitigung sittlicher Mängel sein. Weishaupt spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit der Selbstverleugnung, die jedoch nicht in Selbstbezichtigung ausarten soll. Darüber hinaus soll sich der in Selbstkenntnis Übende ein förderliches menschliches Umfeld suchen.  Er sollte sich jedoch davor hüten, die äußeren Umstände als auf den Gang seines Lebens allein bestimmende Faktoren anzusehen. Je mehr er andere verantwortlich macht für das, was ihn betrifft, desto weniger hat er sein eigentliches Wesen und seine Pflichten erkannt. Weishaupt macht die Selbsterkenntnis von einer klaren und distanzierten Sicht abhängig. Diese gilt es zu erreichen und zu wahren. Selbsterkenntnis verhilft zur „Mäßigung, [zu] Macht über sich selbst.“<a href="#_ftn489" name="_ftnref489" title="">[489]</a> Sie geht einher mit der „Aufhellung dessen, was in der Seele dunkel ist.“<a href="#_ftn490" name="_ftnref490" title="">[490]</a>

Zur Gewinnung von Erkenntnissen über sich selbst bedarf es der geschulten Aufmerksamkeit, hellen Anschauungsvermögens, eines sicheren inneren Gefühls, praktischen Verstandes sowie eines höheren Grades „des feinen Beobachtungsgeistes“.<a href="#_ftn491" name="_ftnref491" title="">[491]</a> Diese „Fertigkeiten“ sollen auch dazu befähigen, die Motive und Intentionen von Handlungen aufzudecken. Der Adept soll selbst eine „Semiotik der menschlichen Handlungen“<a href="#_ftn492" name="_ftnref492" title="">[492]</a> erarbeiten. Dazu muß er in der Lage sein, seine Absichten zu erforschen und selbstkritisch zu prüfen. Er muß die Symptome erkennen, die mit Absichten einhergehen und lernen, korrigierend einzugreifen.

Selbsterkenntnis ist für Weishaupt „ein praktisches Geschäft, das ganz in der individuellen Ausübung und Anwendung besteht,“<a href="#_ftn493" name="_ftnref493" title="">[493]</a> sie ist die „konkreteste aller Kenntnisse“.<a href="#_ftn494" name="_ftnref494" title="">[494]</a> Sich selbst zu kennen heißt dann auch, die eigenen Vorstellungen im Detail zu kennen, die eigene Denkungsart, die eigene Handlung- und Reaktionsweise: „Der Selbstkenner, gleichwie er mit Recht verlangt, daß er von anderen, wenn sie bei ihm ihren Zweck erreichen wollen, nach seiner Art behandelt werde, wird sich auch ein gleiches gefallen lassen und andere subjektiv behandeln. Er, welcher mit allen Gründen unserer Handlungen so vertraut ist, wird sich sehr leicht in den Geist und die Denkungsart anderer Menschen versetzen. Er wird keinen Erfolg übereilen, er wird der beste Geschäftsmann, der erste Gesetzgeber, Sittenlehrer und Erzieher sein. Er wird keine Unmöglichkeiten fordern, er wird in allen Vorfällen Menschen behandeln, wie sie unter solchen Umständen und bei solchen Voraussetzungen behandelt werden müssen.“<a href="#_ftn495" name="_ftnref495" title="">[495]</a>

Strategien der Selbsterkenntnis erlernen zu können, wie sie bei der Anwerbung neuer Mitglieder vom Illuminatenorden in Aussicht gestellt wurden, galt als besonders attraktiv. Der Orden präsentierte sich als geistige Bewegung auf der Höhe der Zeit. Auch Bode, der sich im weiteren Verlauf der Ordensgeschichte um die Menschenführung verdient gemacht hatte, erschien dieser Aspekt in einem seiner ersten Briefe an Weishaupt als erstrebenswert: „ganz besonders aber hoffe ich, sicher erprobte Hülfsmittel kennen zu lernen, wodurch die Selbstkenntniß zum festen Grunde der Ruhe und Zufriedenheit und die Selbstliebe zur ergiebigen Quelle der allgemeinen Menschenliebe erhöhet werde.“<a href="#_ftn496" name="_ftnref496" title="">[496]</a>

Das, was Bode u.a. sich von den Illuminaten erhofften, war die Erlangung allgemeiner Menschenkenntnis auf dem Wege der Selbsterkenntnis. Die Kenntnis der eigenen Wesenheit, die durch Erfahrungen im Umgang mit sich selbst erst ermöglicht wird, wurde als Voraussetzung für die Einschätzung und Leitung anderer angesehen: „Selbsterkenntnis ist das magische Glas, durch welches Sie in den Seelen anderer lesen können. [...] Von unserm eignen Herzen aus geht der Weg hinüber zu den Herzen Anderer. Machen Sie also mit sich den Anfang: untersuchen Sie sich oft nach den Fragestükken [...] Beschauen Sie sich fleißig. Glauben Sie wohl, das innerlich zu seyn, was Sie äußerlich scheinen? Erforschen Sie Ihre Gestalt, öfters, täglich, stündlich. Sie werden immer neue Züge entdekken, und nach diesen Zügen auch andere beurtheilen lernen.“<a href="#_ftn497" name="_ftnref497" title="">[497]</a> Jede noch so gute auf der Beobachtung anderer fußende Schlußfolgerung wurde für wertlos befunden, wenn ihr nicht eine auf sich selbst gerichtete vorausgegangen war: „In sich selbst, in Ihrem Herzen, werden Sie alle Menschen finden. [...] Wer sich recht kennt, kennt alle, wer sich nicht kennt, kennt niemand.“<a href="#_ftn498" name="_ftnref498" title="">[498]</a>

Selbsterkenntnis ist die Vorstufe für das Wahrnehmen und Beurteilen anderer. Je mehr sich der Mensch kennt und von seinen Vorurteilen und Meinungen distanzieren kann, desto besser wird er es verstehen, die Prinzipien der Menschenkenntnis zu erfassen: „Sich selbst kennen heißt also [...] soviel wie über sich urteilen, bestimmen welche von allen möglichen kontradiktorisch entgegengesetzten Eigenschaften und Prädikaten mir individuellen Wesen kraft einer modifizierten Ideenreihe zukommen.“<a href="#_ftn499" name="_ftnref499" title="">[499]</a> Das pädagogische Ziel der Selbsterkenntnis ist es, Einfluß auf die eigene Ideenreihe zu nehmen. In einem dynamischen Prozeß können die Ideenreihe optimiert und die persönliche Gedankenwelt aufgebaut werden. Wer andere erziehen will, wird seine eigene Ideenreihe vorher „erforschen und diese verbessern, ehe er Dinge gebietet, welche eine gewisse Ideenreihe voraussetzen. Er wird zu diesem Ende die Ideenreihe dessen, auf welchen er zu wirken gedenkt, mit der seinigen vergleichen und nach der sich ergebenden Übereinstimmung oder Verschiedenheit seinen Plan entfalten oder seine Maßregeln ändern.“<a href="#_ftn500" name="_ftnref500" title="">[500]</a> Dies ist eine Herausforderung, die Konsequenz und Aufrichtigkeit im Umgang mit sich selbst verlangt. Nur wenige sind dazu von sich aus bereit oder in der Lage. Auch Weishaupt war dieser Umstand bewußt: „Kein Wunder also, daß wir uns doch sehr wenig kennen.“<a href="#_ftn501" name="_ftnref501" title="">[501]</a> Selbsterkenntnis befördert nicht nur die Erkenntnis anderer, sie ist auch methodische Vorbereitung für die Menschenführung. Sie soll jener Aufgabe dienen, der sich der Orden verschrieben hat.

 

4. Ziele illuminatischen Unterrichts

 

   1. Einheitliche Ausrichtung und Wirksamkeit

Die mit dem Unterricht anvisierten Bildungsziele des Illuminatenordens sollten sich nach Weishaupt durch für alle verbindliche Grundsätze auszeichnen und äußerste Bestimmtheit und Eindeutigkeit aufweisen: „Wo Einförmigkeit der Grundsätze herrscht, ist Einförmigkeit der Gesinnungen und Handlungen eine notwendige Folge.“<a href="#_ftn502" name="_ftnref502" title="">[502]</a> Der eng mit der Vorbereitung verbundene Begriff der Einheitlichkeit wurde von ihm bereits während der Unterweisung der ersten Illuminaten als zentrales Moment betrachtet. Er diente der Ausrichtung auf verbindliche Normen und Stabilisierung der Organisationsstrukturen. Weishaupt, später unterstützt durch Knigge und andere, versuchte von Beginn an planmäßig vorzugehen, wie der häufig in diesem Zusammenhang verwendete Terminus ‚System’ beweist. Nach seiner Auffassung mußte eine Institution, die sich über Erziehung und Bildung definiert, ihren Adepten Gewißheit und Orientierung geben. Die abgeschlossene, in ihrem Bildungsanspruch umfassende Einrichtung des Illuminatenordens war zeitweise auf dem Weg zu einer autark arbeitenden Organisation. Die Maxime „wo eine Gesellschaft ist, muß Ordnung seyn“<a href="#_ftn503" name="_ftnref503" title="">[503]</a> hat er zu keinem Zeitpunkt aufgegeben. Er begründete ihre Notwendigkeit damit, daß man der Vervollkommnung des Menschen nur so dienen könne. Nichts sei vollkommen, „dem nicht die Einheit zugrunde liegt.“<a href="#_ftn504" name="_ftnref504" title="">[504]</a>

Einheitlichkeit ist im Grunde ein allen pädagogischen Unternehmungen eigenes Anliegen. Sie wird bezogen auf Lerninhalte und Lehrorganisation. Sie erstrebt die Bündelung aller Faktoren zu einem verbindlichen Ganzen: „Die einzelnen Kräfte müssen eine Richtung erhalten.“<a href="#_ftn505" name="_ftnref505" title="">[505]</a> Vereinheitlichung soll Kontinuität und mit ihr Beständigkeit und Erfolg gewährleisten. Weishaupt charakterisiert ihren Nutzen folgendermaßen: „Da wo vorher alles ohne Sinn, und von gleicher Bedeutung war, entsteht, sobald sich diese Einheit vor die Nullen stellt, eine Rangordnung, eine Unterordnung der Begriffe, der Wahrheiten, der  Ursachen, der Folgen, der Zwecke, der Güter und der Gesichtspuncte.“<a href="#_ftn506" name="_ftnref506" title="">[506]</a> Von dieser Position aus erklärt sich die z.T. übertrieben anmutende Kontrolle der pädagogischen Maßnahmen im Gradsystem der Illuminaten. 

Ein wichtiger mit der Einheitlichkeit in Verbindung stehender Begriff ist der des „ein und desselben Zwecks“, dem sich sowohl das Verhalten der Adepten als auch ihre Bildung unterordnen sollte: „In unserer Verbindung muß jeder denselben Zweck vor Augen haben, nur das thun, was sicher dazu führt, alles übrige aber unterlassen.“<a href="#_ftn507" name="_ftnref507" title="">[507]</a> Dieser Zweck sollte sich an einem universellen Maßstab ausrichten und allen Illuminaten Orientierungshilfe sein: „Wir bedürfen also, wie es scheint, eines Unwandelbaren und Absoluten.“<a href="#_ftn508" name="_ftnref508" title="">[508]</a> An der dogmatisch anmutenden These orientierte sich die Disziplin der Adepten wie auch die Ausformung gesellschaftlicher Normen. Die Ausrichtung an einem umspannenden Zweck sollte der Verbesserung des Miteinander dienen: „Soll daher Uebereinstimmung und Friede unter den Menschen werden; sollen wir gleichförmiger, als bisher, denken, handeln, und Hand in Hand zu einem gemeinschaftlichen Ziele gehen; sollen wir erfahren und mit Ueberzeugung einsehen lernen, was in der That, unabhängig von willkührlichen Urtheilen, gut oder bös, recht oder unrecht ist: - so müssen diese individuellen Gesichtspunkte, welche jeder, kraft seiner besondern Lage hat, in etwas berichtigt und mit bessern vertauscht werden können.“<a href="#_ftn509" name="_ftnref509" title="">[509]</a>

Der einheitliche Zweck sollte von Beginn an die sozialen Fähigkeiten befördern, den Willen zur Subordination, Liebe und Neigung unter den Mitgliedern sowie Verträglichkeit nach außen. Die Liebe zum Zweck „und der Zwang, der daraus entsteht, ist der edelste der sich denken läßt.“<a href="#_ftn510" name="_ftnref510" title="">[510]</a> Dieser Anspruch konnte nur dann glaubwürdig vertreten werden, wenn er von den Oberen selbst verkörpert wurde. Knigge unterstützte Weishaupts Forderungen nach Einheitlichkeit und Subordination, gab aber zu bedenken, daß insbesondere mit der Anwendung jesuitischer Praktiken auch Gefahren verbunden waren: „Despotismus thut doch in der Folge nicht gut, wir selbst predigen dagegen, und wollen doch mit jesuitischer Gewalt die Leute in Formen zwängen? – Das seÿ fern! Es giebt eine sichrere Art zu herrschen, eine innere Würde, von Demuth und Bescheidenheit begleitet; Nicht Maske, nein! aus einem wahrhaftig liebevollen Herzen hervorstrahlend! Eine Würde, die uns dann alle Gemüther zu eigen macht, daß man nicht unserer Gewalt, nur unserer Güte huldige, daß Sÿmpathie die Leute zu uns ziehe. Es ist so süß, alle Menschen als Brüder zu betrachten.“<a href="#_ftn511" name="_ftnref511" title="">[511]</a> 

Vornehmste Aufgabe der Oberen sollte sein, ihren Zöglingen den „Orden zum Lieblingsgegenstand [zu] machen“<a href="#_ftn512" name="_ftnref512" title="">[512]</a>, und diese ohne Drangsalierung, Nötigung oder gar Züchtigung an Gehorsam und Ordnung zu gewöhnen. Der Einsatz von Zwangsmitteln sollte vermieden werden, die pädagogische Praxis des Ordens sollte die Adepten zu freiwilligem Gehorsam veranlassen: „Eine geheime Gesellschaft, welche gar keinen wirklichen Zwang über ihre Mitglieder ausüben kann, findet sich ihrer Natur nach in der Lage und Nothwendigkeit, daß sie, um sich zu erhalten, nur die reinsten untadelhaftetesten Mittel erwählen kann.“<a href="#_ftn513" name="_ftnref513" title="">[513]</a> Daraus ergab sich für den Lehrenden die Verpflichtung, durch seine Lehrart die Lehrinhalte verbindlich zu machen, jedoch auch offen zu bleiben für die imponderabilen Momente des Unterrichtens.

Wie die Oberen durch ihr eigenes Beispiel überzeugen und bei den Adepten Einsicht zur Befolgung der Anweisungen hervorrufen könnten, sagt die Maxime, der Obere leite „alle Macht aus der Uebereinstimmung des Willens her.“<a href="#_ftn514" name="_ftnref514" title="">[514]</a> Knigge wollte seine Führungsrolle folgendermaßen verstanden wissen: „Ich bin der Sklave aller meiner Untergebenen, aber sie lieben mich, und folgen mir, wünschen mich, wenn ich von ihnen entfernt bin, in ihre Arme zurück; Auch arbeite und wache ich unaufhörlich für sie, und würde nie ruhig schlafen, wenn ich wüsste, daß mich ein Einziger fürchtete.“<a href="#_ftn515" name="_ftnref515" title="">[515]</a> Auch Weishaupt machte immer wieder deutlich, daß „nicht der Person, sondern der Heiligkeit und Zweckmäßigkeit ihrer Aufträge“<a href="#_ftn516" name="_ftnref516" title="">[516]</a> zu folgen sei. Er war nicht der Despot, für den mancher ihn hielt<a href="#_ftn517" name="_ftnref517" title="">[517]</a>, sondern betrachtete seine Vorrangstellung solange als notwendig bis andere Mitglieder die Befähigung zur Leitung erlangt hatten: „An dem Subordinations System hangen wir nicht so angstlich, daß wir nicht von ganzem Herzen jeder Nation, jeder Provinz, so gar jeder Prafectur wenn sie einmahl in gang ist, zugestehen sich eigenmachtig und unabhangig zu Dirigiren.“<a href="#_ftn518" name="_ftnref518" title="">[518]</a>

Die Qualität der Arbeit im Illuminatenorden hing nicht zuletzt davon ab, inwieweit die Mitglieder, vor allem in den unteren Graden, das Postulat der Einheitlichkeit und Subordination akzeptierten. Es zeugt keineswegs von Uneinsichtigkeit, wenn Weishaupt in bezug auf eine einheitliche Vorgehensweise auch später bei seinen Überzeugungen blieb. Das im Illuminatenorden angewandte Prinzip der Alleinherrschaft, dem die gezielte Bündelung aller Kräfte unterstand, erschien ihm naturgegeben: „Die Alleinherrschaft ist, wie wir gewahr werden, das Schooskind der Vernunft, die Seele der intellektuellen, der moralischen und der politischen Welt. Sie ist diejenige, welche die Natur allenthalben eingeführt und befolgt hat, auf welche aller Gang der menschlichen Thätigkeit hinausführt. Sie ist die Quelle und Bedingung aller möglich erreichbaren Vollkommenheit.“<a href="#_ftn519" name="_ftnref519" title="">[519]</a> Innerhalb dessen, was ein Zögling zu erlernen hatte, gehörten die auf Gehorsam basierende einheitliche Ausrichtung sowie die aus Selbstdisziplin erwachsene Fähigkeit zu systematischen Arbeitsweisen zu den Aktivposten des Ordens. Ohne sie hätten die anspruchsvollen Bildungsziele, die im folgenden zu erörtern sind, nicht erreicht werden können.

 

 2. Wissenschaftlichkeit und Aufklärung

Obwohl sich in Weishaupts Schriften keine direkten Hinweise auf das Gebot der Wissenschaftlichkeit finden lassen, zeigt doch die pädagogische Praxis im Illuminatenorden, welch hoher Rang der intellektuellen und wissenschaftlichen Schulung innerhalb der illuminatischen Bildung zugedacht war. Allein die Errichtung der ordensinternen Akademie mit ihren verschiedenen auf jeweils ein Fach spezialisierten Klassen beweist das Interesse des Ordens, die zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Möglichkeiten zur Beförderung gelehrter Bildung  zu nutzen.

In diesem Konzept finden sich Elemente gelehrter Gesellschaften ebenso wie Formen und Inhalte wissenschaftlicher Forschung und Lehre innerhalb des akademischen und universitären Bereiches. Der Orden wollte seinen Mitgliedern zunächst die gleichen Möglichkeiten wie sie in anerkannten Institutionen der Gelehrsamkeit bestanden, bieten, sie längerfristig aber in ihrer Leistung überrunden. Mit diesem Vorhaben wollten die Illuminaten quasi wissenschaftliche Autarkie erreichen. Sie hegten sogar die Erwartung, daß der Orden zu einer Monopolstellung innerhalb der Bildungslandschaft des 18. Jahrhunderts gelange, so daß er „der übrigen profanen Welt nothwendig, sich aber dieselbe im Gegentheil entbehrlich mache.“<a href="#_ftn520" name="_ftnref520" title="">[520]</a>  So sollte er in die Lage kommen, einen „Vorrat der tiefsten und verborgensten Weisheiten“<a href="#_ftn521" name="_ftnref521" title="">[521]</a> zur Verfügung zu haben.

Der Akademiegedanke wie er innerhalb des Illuminatenordens vertreten worden ist, wurde von zwei wissenschaftlichen  Errungenschaften der Epoche geprägt; zum einen vom Encyclopèdieprojekt der französischen Aufklärer, das alles verfügbare Wissen zugänglich machen sollte, zum andern von der akademischen Tradition der Preisfrage, die zur schriftlichen Auseinandersetzung mit einem aktuellen Problem herausforderte. Diese beiden Momente haben die Idee eines illuminatischen Real-Catalogus, einem „wahren Behältnis aller menschlichen Erkenntnisse“ <a href="#_ftn522" name="_ftnref522" title="">[522]</a>  hervorgebracht. Zu ihm sollte vom Minervalgrad an jedem Mitglied freier Zugang ermöglicht werden. Das aus der Aneignung dieser Wissensbestände resultierende geistige Potential sollte dazu dienen, daß der Orden „dann das durch Arbeit und Weisheit seiner Mitglieder erworbene Licht austheilen könne, an wen er will.“<a href="#_ftn523" name="_ftnref523" title="">[523]</a>

Um eine qualitative Überlegenheit in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen zu erreichen, sollte jedes Mitglied in den einzelnen Klassen der Ordensakademie sich einem Sachverhalt gründlich und solange zuwenden, „bis die Materie in ihrem kleinsten Theile erschöpft“<a href="#_ftn524" name="_ftnref524" title="">[524]</a> sei. Die fachliche Ausrichtung sollte dem Adepten nicht vorgeschrieben werden. Er sollten seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen: „Es müssen alle Mitglieder zu den verschiednen Wissenschaften, zu welchen sie Lust und Anlage haben, und in welchen sie beobachten sollen und wollen, abgetheilt werden.“<a href="#_ftn525" name="_ftnref525" title="">[525]</a> Davon versprach man sich eine höhere Motivation und positive Auswirkungen auf die Qualität der Gelehrsamkeit. Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit sollte also eingelöst werden auf der Ebene wissenschaftlicher Motivation und Kompetenz geeigneter Adepten wie auch auf wissenschaftsorganisatorischer Ebene, durch Schaffung einer Forschungs- und Bildungsinstitution.

Die angestrebte gelehrte Akademie stellte sich in den Dienst der Vervollkommnung des Menschen. Ein Aufgenommener war zu intensiver Forschungstätigkeit angehalten: „Da, wo über die Welt selbst, über ihren Gang, über das gesamte Menschengeschlecht, über unsere endliche Bestimmung abgesprochen werden soll, - da wird es nöthig seyn, daß der Forscher an die Gränzen unsers Wissens so lange vorrücke, bis er auf Totalität, auf volle Beruhigung stößt.“<a href="#_ftn526" name="_ftnref526" title="">[526]</a> Mit anderen Worten bestand die wissenschaftliche Mission der Illuminaten nicht nur im Erzielen von hervorragenden Leistungen in einem Gebiet, sondern auch in der Erhellung von Problemen und dem Aufweis der Grenzen der Erkennbarkeit. Gelehrsamkeit galt Weishaupt jedoch nicht als das endgültige Ziel. Sie sollte dem Adepten zu seiner Vervollkommnung Orientierung bieten, aber auch lebenspraktischen Wert haben: „Alle Theorie und Speculation, selbst alle Gelehrsamkeit sind nur insofern würdige Gegenstände unsers Wissens, als die practischen Wahrheiten und Disciplinen ohne sie nicht deutlich und vollständig erkannt werden können. Alle Wissenschaften, Theorien, Speculationen, und blos gelehrte Untersuchungen, sind sammt der ganzen eigentlichen Gelehrsamkeit, nichts weiter als das Gerüst zu dem größten aller Gebäude – zur Weisheit des Lebens, zur Wissenschaft zu leben und zu sterben.“<a href="#_ftn527" name="_ftnref527" title="">[527]</a>

Die illuminatische Auffassung von Gelehrsamkeit ist zugleich Kritik an den vom Staat getragenen Bildungseinrichtungen, den höheren Schulen und der Universität. Deren Mangel bestehe darin, die in ihnen ausgebildeten Adepten nur einseitig und keineswegs umfassend zu bilden. Diese Institutionen verfügten nicht über die Mittel, Menschen für den Erwerb von Kenntnissen zu begeistern. Ihre „Fakultätsgelehrsamkeit“ kollidiere mit dem praktischen Leben und besitze wenig bis gar keinen Nutzen. Im Illuminatenorden wurde wissenschaftliche Bildung lediglich als ein Element, nicht jedoch als das eigentliche Ziel von Bildung angesehen: „Facultätsgelehrsamkeit war keine Beschäftigung der Illuminaten, weil sie ohnehin in iedem Staat Brodwissenschaft ist, und wenig oder gar keine weitere Ermunterung nöthig hat. Aber versäumt wurde sie von keinem. Dafür war Ermunterung zu Kenntnissen, die einem Staat nicht minder nüzlich, aber wozu die Aufmunterungen meistentheils sehr schwach sind. Die Illuminaten haben also mehr gethan als ihre bürgerlichen Pflichten mit sich bringen.“<a href="#_ftn528" name="_ftnref528" title="">[528]</a>

Mit diesem Hinweis konnte Weishaupt dem Vorwurf begegnen, den sich Universitäten häufig gefallen lassen mußten, ihre Studenten und Absolventen verfügten zwar über gute Kenntnisse, doch ließen deren Persönlichkeit oft eine ihrem Wissenstand angemessene Reife vermissen. Weishaupt konnte mit Recht behaupten, ein Gegenmittel gefunden zu haben. Die Unterweisung der Adepten im Illuminatenorden habe den Vorzug, daß man sie „besser ordne und ausbilde“<a href="#_ftn529" name="_ftnref529" title="">[529]</a> und jeder lerne, „was er thun soll.“<a href="#_ftn530" name="_ftnref530" title="">[530]</a> Die der menschlichen Natur gemäße Verbindung von Geistesbildung und Charakterbildung gehörte seit jeher zu den wesentlichen pädagogischen Forderungen. Der Orden sei dank seines Bildungskonzeptes  in der Lage, eine Lücke zu schließen, die im Rahmen des öffentlichen Bildungswesens zu diesem Zeitpunkt nicht zufriedenstellend ausgefüllt werden konnte.

 

   3. Menschenkenntnis und Menschenführung

Ein Mensch, der es vermag, über die Selbsterkenntnis hinaus seinen Beobachtungsgeist auf andere zu lenken, das nosce te ipsum mit einem nosce alios zu verbinden, wird nicht nur seine persönliche Entwicklung und geistige Reifung voranbringen, sondern auch andere Menschen führen können und zur Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens beitragen. Deshalb sollte der Erwerb von  Menschenkenntnis Vorrang haben und das Hauptstudium eines jeden Mitglieds werden. Das Studium des Menschen wurde als die „größte Wissenschaft“<a href="#_ftn531" name="_ftnref531" title="">[531]</a> angesehen. Durch gezieltes methodisches Vorgehen sollte die Persönlichkeit eines Menschen erschlossen werden. Um seine Motive und Handlungen zu verstehen, sollten Langzeitbeobachtungen angestellt werden: „Menschenkennen, heißt die Gründe ihrer Handlungen und zugleich ihre Absichten kennen. Dies sei gegenwärtig unsere erste Arbeit, unser erster Grad. Der Erforschung derselben wollen wir eine gute Zeit widmen. Denn darauf kommt alles an. Die Absichten, die Triebfedern unserer Handlungen, die Bewegungsgründe, bestimmende Vorstellungen sind das Alphabet durch dessen Hilfe man das schwere Buch, das Herz des Menschen, entziffern und lesen kann.“<a href="#_ftn532" name="_ftnref532" title="">[532]</a> Weishaupt glaubte, daß ausschließlich Personen von ausgeglichenem Charakter zur Menschenkenntnis fähig seien, daß erst dann „der Mensch aus seinem Schlummer geweckt und gereitzt werde, sich und andere besser zu erforschen.“<a href="#_ftn533" name="_ftnref533" title="">[533]</a> Eine entsprechende Schulung der Mitglieder und Lehrenden hielt er für unumgänglich. Sie sollten lernen, psychologische, soziologische, anthropologische sowie pädagogische Aspekte fruchtbar miteinander zu verknüpfen und der Erforschung des Menschen dienstbar zu machen. Erste Aufgabe war, sich in unvoreingenommener Beobachtung zu schulen und sich zu „überzeugen, daß jede Handlung des Menschen, ja sogar jedes Nicht handeln, jede Unterlassung, den Zustand der Seele, seinen Karakter verrathe. Denn kein Mensch handelt ohne Ursache. Jede Ursache ist abermal eine Wirkung einer weiteren Ursach, die sich endlich in dem Zusammenhang und der Ordnung des Weltalls verliert; und aus den Wirkungen erkennen wir in der moralischen sowie in der physischen Welt die geheime Triebfedern und Ursachen.“ <a href="#_ftn534" name="_ftnref534" title="">[534]</a> Weishaupt strebte offensichtlich eine kausal-erklärende Psychologie an und eine entsprechende Technik psychologischer Forschung: „So wie es eine Physiologie, Pathologie und Semiotik bei körperlichen Unfällen giebt, so gilt auch ein Gleiches von der Seele, von den Gemüthszuständen der Menschen. Der Seelenforscher geht in seinen Untersuchungen  mit dem Arzt des Körpers einen durchaus ähnlichen Gang: Er schließt von dem, was er sieht, auf das, was er nicht sieht.“<a href="#_ftn535" name="_ftnref535" title="">[535]</a>

Es sollten die somatische, intellektuelle und psychische Dimension des Seelenlebens Berücksichtigung finden. Eine methodische Vorgehensweise sollte subjektive Verzerrungen überwinden. Sinnlichkeit gilt ihm als eine trübe Quelle von Störfaktoren, die eine  vorurteilsfreie Erforschung des Menschen behindert, sie „erzeugt Schüchternheit und Blödigkeit, und verursacht, daß der Mensch sich nie selbst angehöre. Sie ist es auch, welche uns ausser Stande sezt, Beleidigung und Zurücksetzung mit Anstand und Würde zu ertragen, welche uns nöthigt, unsere Zuflucht zu Falschheit und Verstellung zu nehmen.“<a href="#_ftn536" name="_ftnref536" title="">[536]</a>

Der Priestergrad der Illuminaten arbeitete an einem empirischen System zur Menschenforschung und -kenntnis. In zehn Punkten war zusammengefaßt, worauf die Untersuchungen gerichtet werden sollten: „1. Die herrschenden Leidenschaften und Ideen eines Menschen. 2. Das Entstehen und Wachsen dieser Leidenschaften. 3. Die Ideen, so er Kraft seines Karacters am ersten annehmen und verwerfen werde. 4. Wie eine gewisse Neigung bey diesem Menschen nach diesen datis könne erweckt oder geschwächt werden? 5. Welche Personen im O. man dazu am fähigsten nüzen könne? 6. Wie er über Religion und Staatsverfassung denke? 7. Ob er so weit gekommen sey, alle Vorurtheile abzulegen, nur die Wahrheit, selbst gegen sein Interesse aufzusuchen? 8. Ob er ohne Eigennuz aller Art Standhaftigkeit und Anhänglichkeit genug besize? 9. Wenn eins von diesen Stücken fehlen sollte, wie ihm solches, und durch wen beyzubringen sey? 10. Zu welchen Aemtern im Staat und im O. er tauglich, wozu er nüzlich seyn könne?“<a href="#_ftn537" name="_ftnref537" title="">[537]</a> Die gewonnenen Antworten sollten zu einer Gesamteinschätzung des jeweiligen Mitglieds führen, aber auch allgemeine anthropologisch-psychologische Schlußfolgerungen und die Ableitung elementarer Regeln psychologischer Forschung ermöglichen: „Wenn alle Bemerkungen gesammelt, durch die data aus dem Karacter und Lebenslauf erläutert, und so berichtigt worden, so wird denn im allgemeinen ein Gutachten aufgesezt [...] Aus diesen vielfältigen Bemerkungen aber werden allgemeine Regeln und Maximen zur Menschenkenntniß abgezogen, gesammelt, in den Realkatalog eingetragen und eingeschickt.“<a href="#_ftn538" name="_ftnref538" title="">[538]</a>  

Weishaupts Bemühungen reihen sich ein in die damaligen Versuche, eine Wissenschaft vom Menschen zu etablieren. Zeitgenossen wie Johann Kaspar Lavater und Carl Philipp Moritz waren mit diesem Thema befaßt. Sein eigener Ansatz geht auf die Begeisterung über Christoph Martin Wielands Bildungsroman Agathon zurück. Einen weiteren Anstoß zu Weishaupts Interesse an der Beförderung der Menschenkenntnis gab la Bruyere mit seiner Rezeption des griechischen Naturwissenschaftlers und Gelehrten Theophrast, eines unmittelbaren Aristotelesschülers, der in seiner Schrift Charaktere<a href="#_ftn539" name="_ftnref539" title="">[539]</a> archetypische Grundeinstellungen herausgearbeitet hat.

Einer der hervorhebenswerten zeitgenössischen Versuche zur Erforschung des Menschen ist in der 1792 erschienenen  Anthologie Menschenkunde<a href="#_ftn540" name="_ftnref540" title="">[540]</a> dokumentiert, in der ähnlich wie in oder Carl Phillip Moritz’ Zeitschrift GNWQI SAUTON<a href="#_ftn541" name="_ftnref541" title="">[541]</a> reichliches Beobachtungsmaterial zusammengetragen ist. In seiner Art einzig ist der Ansatz Lavaters, welcher jedoch lediglich die physiognomischen Merkmale des Menschen zum Thema hat.<a href="#_ftn542" name="_ftnref542" title="">[542]</a> Georg Christoph Lichtenberg gehörte ebenfalls zu denjenigen, die für eine Wissenschaft der Menschenkenntnis eintraten. Er sprach sich jedoch ganz explizit gegen Lavaters Ansatz aus. Nützlicher als die Physiognomielehre Lavaters schien ihm „ein anderer Weg, den Charakter des Menschen zu erforschen, der sich vielleicht wissenschaftlich behandeln ließe: Nämlich aus bekannten Handlungen eines Menschen, die zu verbergen er keine Ursache zu haben glaubt, andere, nicht eingestandene zu finden.“<a href="#_ftn543" name="_ftnref543" title="">[543]</a> Kants Überlegungen zur Menschenkenntnis muten eher konservativ an, da sie auf die von der Temperamentenlehre geprägten vier Charaktertypen Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker zurückgriffen.

Die menschenkundlichen Ansätze bei Weishaupt und anderen Autoren des ausgehenden  18. Jahrhunderts, zu denen auch Wilhelm von Humboldt mit seinem Plan einer vergleichenden Anthropologie aus dem Jahre 1795 und seiner Theorie der Menschenkenntnis von 1797 zu zählen ist, wurden auf vielfältige Weise ergänzt und bis ins 20. Jahrhundert hinein als Menschen- und Charakterkunde zu einer wichtigen Hilfswissenschaft der Pädagogik weiterentwickelt<a href="#_ftn544" name="_ftnref544" title="">[544]</a>.

Die Menschenführung ebenso wie Subordination sind von den Zeitgenossen häufig skeptisch beäugt<a href="#_ftn545" name="_ftnref545" title="">[545]</a> und später von der Illuminatenforschung kritisch bewertet worden.  Auch Friedrich Schiller gehörte zu denen, die dem Orden gegenüber mißtrauisch eingestellt waren. Die Geheimbundaktivitäten seines Freundes Christian Gottfried Körner inspirierten ihn, die Figur des Raphael in seinem Roman Der Geisterseher als von Menschenkennern manipuliert darzustellen. Körner-Raphael „wird mit Mitteln psychologischer Menschenkenntnis, durch Erschütterung und Verunsicherung, durch einen ihm im Augenblick der Krise zur Seite tretenden lenkenden Erzieher auf ein bestimmtes Glaubensbekenntnis eingeschworen.“<a href="#_ftn546" name="_ftnref546" title="">[546]</a>

Die kritischen Anmerkungen sollten nicht übersehen lassen, daß Weishaupt, diejenigen, die sich zum Menschenführer qualifiziert hatten, mahnte, „vorsichtig, väterlich, sorgsam“<a href="#_ftn547" name="_ftnref547" title="">[547]</a> mit den ihnen Anvertrauten umzugehen. Sie sollten befähigt sein, von den „äußern Zeichen auf den Zustand der Seele“<a href="#_ftn548" name="_ftnref548" title="">[548]</a> zu schließen. Aus der Erforschung der Stimmungen der uns umgebenden Menschen war die Semiotik der Seele abzuleiten. Erst dem erfahrenen Oberen war es erlaubt, lenkend einzugreifen. Dem illuminatischen Priester wurde zu Bewußtsein gebracht, daß er zu humanem und behutsamen Umgang verpflichtet war: „Das, was du bis jetzt weist, und was du in dieser Stunde noch lernen wirst, giebt dir Ueberlegenheit und Einsichten über andere Schwächere, und eben diese Ueberlegung ist die einzige wahre Quelle der Macht des Menschen über andere Menschen.“<a href="#_ftn549" name="_ftnref549" title="">[549]</a> Er sollte dem jeweiligen Individuum gerecht werden und jederzeit gegenwärtig haben, es „wird keiner auf eben die Art, wie der andere behandelt, sondern ein jeder seiner Richtung und seinen Fähigkeiten gemäß geführt und in Thätigkeit gesezt, desfalls ist es beynahe in eines jeden Hand, ob, wie weit und wie bald er an unserm Plane Theil nehmen will.“<a href="#_ftn550" name="_ftnref550" title="">[550]</a> Die mit der Führung von Menschen Betrauten sollten Wohlwollen und Toleranz gegenüber ihren Zöglingen walten lassen. Ein Verständnis für Menschen auf ihrem Entwicklungsweg war erreicht, wenn die Maxime galt: “je weiter man es in dieser Kunst bringt, um desto nachsichtiger und duldender wird man, um desto mehr sieht man, wie sehr wir von den Umständen und Leidenschaften regiert werden, wie wenig es oft an uns liegt, daß wir nicht besser oder nicht schlimmer sind. Also scheuen wir uns nicht, einander unsere Fehler zu gestehen, und brüderlich darauf aufmerksam zu machen, und dadurch unsern Scharfsinn und unseren Beobachtungsgeist zu üben.“<a href="#_ftn551" name="_ftnref551" title="">[551]</a> Mit dieser Bemerkung, die von Wohlwollen und Nachsicht zeugt, befreit Weishaupt Menschenkenntnis und -führung vom Odium der Allmacht und Manipulation. Er zeigt auf, daß die Neigung des Menschen zu Fehlern zu keinem Zeitpunkt wirklich aufgehoben werden kann, daß es grundsätzlich nicht möglich ist, endgültige Aussagen über den Charakter eines Menschen zu treffen. Nur in diesem Bewußtsein konnte die Berechtigung zum Führen von Menschen erworben werden.  Weishaupt versteht Menschenführung als „Kunst, andere zu beurtheilen, zu leiten, und sich selbst zu betragen.“ <a href="#_ftn552" name="_ftnref552" title="">[552]</a> Ein solcher Menschenführer bewirkt, „daß andere gut von ihm urtheilen.“<a href="#_ftn553" name="_ftnref553" title="">[553]</a> Seine vorbildliche Rolle kommt ihm selbst zugute, „er wird aufmerksam auf sich selbst und bessert sich.“<a href="#_ftn554" name="_ftnref554" title="">[554]</a>

 

   4. Welt- und Regierungskunst

Eine weitere wichtige Aufgabe des illuminatischen Unterrichts galt der staatsbürgerlichen Bildung. Die Adepten sollten neben der notwendigen Subordination, dem Wissen sowie den Fähigkeiten zur Anleitung von Menschen auch Kenntnisse in staatstheoretischen und politischen Belangen besitzen und in der Lage sein, einen Standpunkt begründet zu vertreten. Nach Weishaupts politischen Vorstellungen sollte der Staat nicht dem Regenten, sondern seinen Bürgern dienen. Der Regent sollte zur Erfüllung seiner Aufgaben durch talentierte und kenntnisreiche Berater unterstützt werden. Offensichtlich schwebte ihm vor, die neuen politischen Berater im Orden auszubilden und sie in all den Fähigkeiten zu schulen, die er unter dem Begriff der Welt- und Regierungskunst zusammenfaßte.

Weishaupt und die Illuminaten sahen im Absolutismus keineswegs die optimale Staatsform. Neben der bestehenden Herrschaftsform sollte ein sog. Sittenregiment errichtet werden. Dieses sollte kosmopolitischen Charakter haben und wirksam werden als „eine Regierungsform, die allgemein über die ganze Welt sich erstreckt, ohne die bürgerliche Bande aufzulösen, in welcher alle übrigen Regierungen ihren Gang fortgehen, und alles thun können, nur nicht den großen Zweck vereiteln, das Gute wieder über das Böse siegend zu machen.“<a href="#_ftn555" name="_ftnref555" title="">[555]</a> Die Hauptantriebskraft für ein solches Regiment war eine moralische: Sie war mit der Überzeugung verbunden, daß sich Handlungen, die vom Guten bestimmt sind, die Gesellschaft menschlicher machen. Für ein Sittenregiment konnte nur der Grundsatz gelten, Menschen zu „regieren, ohne sie zu beherrschen.“<a href="#_ftn556" name="_ftnref556" title="">[556]</a>

Dem Sittenregiment sollte ein Regent vorstehen, der wiederum die Hilfe von moralisch integren und gebildeten Männern in Anspruch nehmen kann. Man versprach sich eine Verbesserung der Verhältnisse durch eine moralische und in die Gesellschaft hineinwirkende Instanz. Bemerkenswert ist die von Thomas Freiherr von Bassus {Hannibal} vorgetragene Begründung: „ich glaube auf keinem irrwege zu seÿn, wenn ich beÿ Einführung eines allgemeinen Sitten Regiments mehr auf ein gutes Herz, als auf glänzende Verstandes Kräften baue, denn diese sind zu geneigt alle Gattungen von Regierung zu hassen, oder zu verachten, wenn Sie nicht selbst allezeit das Steürruder führen können.“<a href="#_ftn557" name="_ftnref557" title="">[557]</a> Es herrschte im Orden die Vorstellung, ein Zusammenschluß der Gutwilligen könne wesentlich zur Moralisierung der Gesellschaft beitragen, gemäß dem Ideal des römischen Staatsmanns Marcus Portius Cato, des Älteren, die staatliche Ordnung mit Moralität, Vorsicht, Klugheit, Freiheit und Tugend zu durchdringen.

Die Formierung eines Sittenregimentes nach Weishaupts und auch Knigges Vorstellungen sollte im Illuminatenorden vorbereitet werden. Das illuminatische Netzwerk sollte zur Rekrutierung geeigneter Persönlichkeiten genutzt werden: „Man muß um die Mächtigen der Erde her, eine Legion von Männern versammlen, die unermüdet sind, alles zu dem großen Plan, zum Besten der Menschheit zu leiten, und das ganze Land umzustimmen; dann bedarf es keiner äußern Gewalt.“<a href="#_ftn558" name="_ftnref558" title="">[558]</a> Ein gesellschaftliches Gefüge sollte davon bestimmt sein, „daß keiner über den anderen mehrere Gewalt fordert, als ihm gebührt, daß sich jeder mit dem seinigen begnügt.“<a href="#_ftn559" name="_ftnref559" title="">[559]</a> Das bedeutete nichts anderes, als daß die „Rechte der Menschheit“<a href="#_ftn560" name="_ftnref560" title="">[560]</a> gelten. Die Qualität der Regierung war nach Weishaupt erkennbar an dem Status, der dem Volk zugestanden wurde. Ziel sollte sein, die Würde des Menschen zu achten, jedem Individuum gerecht zu werden. Der Einzelne sollte sich als Staatsbürger verstehen und sich verpflichtet fühlen zur aktiven Teilnahme an öffentlichen Belangen. Das Sittenregiment sollte die Menschen allmählich und unbemerkt auf einen tugendhaften Weg führen und sie motivieren, ihre staatsbürgerlichen Pflichten zu erfüllen. Darin sah Weishaupt das gemeinsame Anliegen von Regierung und Religion für das die Menschen empfänglich zu machen seien. Der Weg zu diesem Ziel konnte nur mit Hilfe der Erziehung beschritten und auf diesem Wege geeignete Menschen gebildet werden, die das Anliegen des Sittenregiments in die Gesellschaft hineintragen konnten. Der Unterschied zwischen den Herrschenden und den Unterdrückten – Weishaupt sprach in den späteren Schriften von beiden Gruppen – sollte durch das Sittenregiment gemindert und schließlich aufgehoben werden.  Er war trotz seiner gesellschaftskritischen Haltung kein Verfechter der Aufhebung von Ständen. Er war sogar der Überzeugung, daß jede Gesellschaftsschicht entsprechend ihrer Möglichkeiten einen Beitrag im gesellschaftlichen Gefüge leisten müsse: „Jeder Stand der Menschen kann daher als eine Pflanzschule oder Boden angesehen werden, in welchem gewisse Vollkommenheiten als einheimische Pflanzen zur Reife gelangen.“<a href="#_ftn561" name="_ftnref561" title="">[561]</a> Das Sittenregiment sollte zur Entwicklung und Beherrschung der Welt- und Regierungskunst beitragen und ein neues Verständnis von der Aufgabe des Regierens schaffen: „Regieren heißt von nun an, nicht nach Willkühr gebieten, sondern leiten und dahin führen, wohin wir, wenn wir durchaus vernünftig wären, von selbst gehen würden. [...] Wir selbst sind in einer solchen Verfassung unsere Gesetzgeber. Alle Gesetze sind unser Willen. Der Regent ist das Organ unserer Vernunft, unsers Willens. Wir gehorchen nicht ihm, sondern uns selbst.“<a href="#_ftn562" name="_ftnref562" title="">[562]</a>

Die Besten sollten für den Dienst am Staat gewonnen werden, Menschen von hohem ethischen Bewußtsein und Geschick zur Menschenführung. Für sie sollte die Idee des allgemeinen Besten Richtschnur sein. Weishaupt war überzeugt, es ließe sich „mit so viel geschickten, moralisch gebildeten, folgsamen, im Verborgnen arbeitenden Männern alles ausrichten, alles edle möglich, alles schlechte unwürksam machen.“<a href="#_ftn563" name="_ftnref563" title="">[563]</a> Die Bildung zu dieser Funktion stützte sich auf eine „Theorie der geheimen Politik“<a href="#_ftn564" name="_ftnref564" title="">[564]</a>, die die charakterlichen und instrumentellen Elemente einer leistungsfähigen Welt- und Regierungskunst zum Gegenstand hat.

 

 5. Sittliche Vollkommenheit als oberste Bildungsmaxime

„Aller Inhalt dreht sich schon vom Anfang um einige wenige, aber große Hauptgedanken, die sich immer mehr ausbilden und zu einer höhern Vollkommenheit gelangen.“<a href="#_ftn565" name="_ftnref565" title="">[565]</a> Diese Passage aus Weishaupts Apologetik weist auf das Ziel seiner pädagogischen Bemühungen. Zwar sollten alle hier behandelten Konstitutiva des Bildungsprozesses einzeln und für sich genommen perfektioniert werden, doch konnte erst ihr Zusammenwirken zur Vollendung von Bildung und Erziehung führen, den Flüssen gleich, die „sich am Ende in ein Meer ergießen, in welchem sich alles vereinigt.“<a href="#_ftn566" name="_ftnref566" title="">[566]</a> Vollkommenheit bedeutet für Weishaupt ein „universelles Leitbild menschlicher Aktivität“,<a href="#_ftn567" name="_ftnref567" title="">[567]</a> ein ideales Ziel, für das alle Kräfte mobilisiert werden sollten, wenngleich nur eine asymptotische Annäherung zu erreichen ist. Es kann weder empirisch ermittelt werden noch läßt es sich auf sonst eine Weise greifen. Es erzeugt für die menschlichen Bestrebungen die nötige Triebkraft. In diesem Sinne schreibt Moses Mendelssohn: „Wir haben es auch nicht gehört, nicht gefühlt; kein äußerlicher Sinn hat uns je einen Begriff von Weisheit, Güte, Vollkommenheit, Schönheit, Denkungsvermögen, u.s.w. zugeführet, und dennoch wissen wir, daß diese Dinge außer uns wirklich sind, in dem allerhöchsten Grade wirklich sind.“<a href="#_ftn568" name="_ftnref568" title="">[568]</a> Vollkommenheit ist Antrieb und ideales Ziel zugleich. In dem Begriff Perfektibilität<a href="#_ftn569" name="_ftnref569" title="">[569]</a> ist die Fähigkeit zur Vervollkommnung gefaßt, der, wie bereits erläutert, im 18. Jahrhundert zu einem zentralen Begriff der Pädagogik geworden ist und in einem engen Zusammenhang mit der Fortschrittsidee der Aufklärung steht.  

Er findet sich bei Moses Mendelssohn ebenso wie beispielsweise bei Lessing und Lichtenberg, doch kamen auch allmählich Zweifel an der Perfektibilität des Menschen auf. Der von Mendelssohn so emphatisch als natürlich angesehene Hang des Menschen zur Vervollkommnung war für Hegel eine diffuse Größe: „Perfektibilität [ist] beinahe etwas so Bestimmungsloses als die Veränderlichkeit überhaupt; sie ist ohne Zweck und Ziel: das Bessere, das Vollkommenere, worauf sie gehen soll, ist ein ganz Unbestimmtes."<a href="#_ftn570" name="_ftnref570" title="">[570]</a> Der Glaube an die Perfektibilität des Menschen ist bei Hegel erschüttert, die Skepsis gegenüber der vormals so klar scheinenden Bestimmung des Menschen hält Einzug.

Weishaupts Vorstellung von der Option des Menschen auf Vollkommenheit ist mit der Annahme eines vollkommenen Zustandes in bezug auf Leib, Seele, Gelehrsamkeit, Moral und Sittlichkeit verknüpft. Vollkommenheit erscheint identisch mit der Glückseligkeit des Menschen, mit dem Gedanken, „daß die endliche Bestimmung aller Menschen die Glükseligkeit, der Zustand eines überwiegenden und dauerhaften Zustands sey, daß diese Glükseligkeit nur nach dem Maas unserer innern Vervollkommnung erreicht werden könne.“<a href="#_ftn571" name="_ftnref571" title="">[571]</a> Es herrschte die Überzeugung, Vollkommenheit könne stufenweise erlangt werden. Weishaupt unterstellt einen Vervollkommnungstrieb, der sowohl auf die Lebenswelt des Menschen als auch auf ihn selbst gerichtet ist: „Der Mensch wird also glükseeliger, indem er vollkommener wird, dadurch, daß er entweder seinen äußern Zustand, oder sich selbst, oder beydes zugleich zu verbessern sucht.“<a href="#_ftn572" name="_ftnref572" title="">[572]</a> Martin Mulsow hat Weishaupts diesfällige Position als „theoretisch wie praktisch entwickelte Philosophie der Perfektibilität“<a href="#_ftn573" name="_ftnref573" title="">[573]</a> bezeichnet.

Der Mensch „ist unvollkommen, um vollkommen zu werden.“<a href="#_ftn574" name="_ftnref574" title="">[574]</a> Vervollkommnung heißt, sich beständig fordern, seine Motive und Absichten läutern und sich um höhere Einsicht in die wahre Beschaffenheit aller Dinge und Erscheinungen zu bemühen. Auf den Weg der Vollkommenheit gelangt nur, wer nach dem Guten strebt und nach „höhern Absichten handelt.“<a href="#_ftn575" name="_ftnref575" title="">[575]</a> Auf welche Weise der Prozeß der Vervollkommnung verläuft, ist von der individuellen Befähigung dazu abhängig.

Bei der Beurteilung, ob ein Mensch oder auch ein Sachverhalt sich ihrer Vollkommenheit annähern, legte Weishaupt folgenden Maßstab an: „Ein Ding ist vollkommen, wenn es das wirklich ist, was es kraft seiner ursprünglichen Anlage werden kann; wenn seine Anlagen, Fähigkeiten und Kräfte größtmögliche Ausbildung erhalten haben; wenn von seinen so mannigfaltigen Fähigkeiten und Kräften keine den Gebrauch der andern hindert oder aufhebt.“<a href="#_ftn576" name="_ftnref576" title="">[576]</a> Er ist dann auf diesem Wege, wenn seine Beweggründe und Intentionen von dem Willen bestimmt sind, Gutes zu wirken und dem Allgemeinwohl zu dienen. Die Vervollkommnung des Menschen gründet aber – das ist eine bemerkenswerte, aber nicht überraschende Annahme – „auf der Vollkommenheit seines Verstandes. Derjenige Verstand ist der vollkommenste, wo keine Vorstellung die andern aufhebt, der von allem Irrthum so frei als möglich ist; welcher die meisten Gegenstände mit der größten Deutlichkeit, nach ihren möglichen Beziehungen, Verhältnissen und Folgen, nach ihrem wahren und eigentlichen Gesichtspunkte erkennt und beurtheilt.“<a href="#_ftn577" name="_ftnref577" title="">[577]</a>

Der Rückgriff auf die Verstandeskräfte befähigt den Menschen zur Einschätzung von Situationen und Problemstellungen sowie zum Abwägen seiner Handlungen. Weishaupt verweist darauf, daß der Mensch zwar nach Vollkommenheit streben könne und solle, diese aufgrund seiner physischen wie auch mentalen Disposition aber nicht vollends erreichbar sei. Die Entwicklung des Menschen geht jedoch fehl, wenn er die Vervollkommnung seiner Anlagen unterlasse: „Der Mensch kann sich von diesem Ziel nicht entfernen, ohne die Folgen zu empfinden; aber reines, lauteres, ungestörtes Vergnügen ist eben so wenig für den Menschen, welcher sich auf dieser Erde herumtreibt, aus der Ursache, weil seine Vollkommenheit nur in der Annäherung besteht, und mehr Vervollkommnung als Vollkommenheit seyn und genannt werden kann.“<a href="#_ftn578" name="_ftnref578" title="">[578]</a>

Nach Weishaupts Auffassung existiert eine Form der Vollkommenheit, die innere Vollkommenheit, die der Mensch für sich selbst erwerben kann. Sie besteht im Einssein mit sich selbst. „Innere Vollkommenheit ist die Fähigkeit, alle Güter am unschädlichsten zu geniessen. Innere Vollkommenheit ist das einzige Gut, das von allen Menschen, zu allen Zeiten erreicht und genossen werden, das kein Zufall rauben und keine Macht entziehen, das jeder Mensch sich allein geben kann, das den Menschen unzertrennlich begleitet.“<a href="#_ftn579" name="_ftnref579" title="">[579]</a> Mit sich eins sein bedeutet auch, sich selbst genug zu sein, innere Standfestigkeit zu haben und im Leben bestehen zu können. Diese Art der Vollkommenheit ist von ethischer Qualität, sie ist verantwortungsbewußtem Handeln verpflichtet. Weishaupt hatte den Optimismus, dieses Ziel mit pädagogischen Mitteln erlangen zu können.

Die Aussicht, sich selbst vervollkommnen zu können, faszinierte die Menschen der Zeit. Sie entsprach dem aufklärerischen Postulat, mündig zu werden und sich seines Verstandes zu bedienen. Für die Einlösung dieses Postulats haben die Illuminaten eine vielversprechende Plattform geboten. Die Auflösung des Ordens rief daher auch Enttäuschung hervor. In einem Brief an Bode heißt es: „Mein Herz, das sich vordem beÿ der Wärme, die der O.zur Tugend einflößte, so wohl befand und so große Hofnung zur Erreichung desjenigen Grades von Ausbildung, der hier stete innere Ruhe gewährt, hegte, ward beÿ allen diesen Erfahrungen, welche auf einmal die Aussicht in eine schöne Zukunft verschlossen, zusammen gepresst. Die Welt fing an ihr Interesse für mich zu verliehren, da ich es täglich überzeugender fühlte, daß dem aufrichtigsten Streben nach innerer Vervollkommnung so mächtige Hindernisse entgegenstehen, welche ich, als ein einzelner Mensch nicht wegzuräumen vermogte und denen ich doch immer gänzlich zu unterliegen befürchten musste.“<a href="#_ftn580" name="_ftnref580" title="">[580]</a> Es ist verständlich, daß man sich in Sachsen-Gotha um eine Fortsetzung des illuminatischen Vorhabens bemühte und einem Grundbedürfnis des Menschen und dem aktuellen Bedürfnis der Zeit entsprechen wollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geling’ es zum Besten der Menschheit!

Zum Nachtheil des allgemeinen Besten gelinge Nichts!

Amen!!!

Basilius, Schwedenkiste, Reproche 1

 

V. Mittel und Techniken illuminatischer Bildungspraxis  

 

1. Vorbemerkungen

In den beiden vorausgehenden Kapiteln wurde dargelegt, daß der Illuminatenorden von Anfang an der Pädagogik grundlegende Bedeutung beigemessen hat. Seine pädagogische Praxis im Rahmen des Gradsystems läßt deutlich werden, daß der Orden selbst erfolgreiche Erziehungs- und Bildungsarbeit zu leisten vermochte. Dies widerlegt die von Rene LeForestier im Jahre 1914 vorgenommene Einschätzung, der pädagogische Wert des Illuminatenordens sei gleich null.<a href="#_ftn581" name="_ftnref581" title="">[581]</a> Die Mittel, Techniken und Maßnahmen, von denen die Illuminaten in ihrer pädagogischen Arbeit Gebrauch machten, bildeten ein vielfältiges Instrumentarium, das im folgenden aufgewiesen werden soll.

In einem der siebzehn quibus-licet-Berichte, die von Carl Gotthold Lenz {Justus Lipsius}<a href="#_ftn582" name="_ftnref582" title="">[582]</a> in der Schwedenkiste verwahrt sind, werden gleich mehrere Komponenten des pädagogischen Instrumentariums der Illuminaten erwähnt. Es gibt Hinweise auf im Orden üblich gewordene Aufgabenstellungen und auf typische Bearbeitungsformen, die die Kandidaten einzuhalten hatten. Sie sind verstreut in Lenzens ausführlich begründeter Empfehlung zur Aufnahme von Carl Christian Erhard Schmid<a href="#_ftn583" name="_ftnref583" title="">[583]</a> – des Hofmeisters Novalis’, Theologen, späteren Philosophen und Pädagogen in Jena {Butus} – in den Orden zu finden und belegen, daß das im Rahmen der Darstellung des Gradsystems skizzierte Erziehungs- und Bildungsprogramm auch umgesetzt wurde. Gleich zu Beginn seines quibus-licet-Berichtes verweist Lenz auf die „Tabelle“; es handelt sich um eine der einzureichenden conduite-Tabellen, die den Oberen erlaubte, sich ein Bild über persönliche Umstände, Charakter, Neigungen und sozialen Umgang eines Mitgliedes zu verschaffen. Sodann spricht er die Lektüreempfehlungen an. Er gab Schmid den Anstoß zur Beschäftigung mit Kant. Schmids Abhandlungen zur Kantischen Philosophie, die er in der Vorbereitungszeit niederschrieb, erfüllen den Anspruch eines illuminatischen pensums. Lenzens Hinweise auf Kants Schriften gleichen wiederum Lektüreempfehlungen. Durch diese Mittel wurde der Orden zu einem „Vehiculum [...], in Menschen zu würken“<a href="#_ftn584" name="_ftnref584" title="">[584]</a>. Am Beispiel Schmids läßt sich zeigen, daß kräftige geistige Impulse aus dem Orden kamen, die die wissenschaftliche Entwicklung seiner Mitglieder wesentlich beförderten. Schmid wurde einer der einflußreichsten Wegbereiter der Kantschen Philosophie in Deutschland. Die aufschlußreiche Passage des genannten quibus-licet folgt im vollen Wortlaut:

Ich habe in der eingereichten ersten tabelle, derer ich in den O. aufgenommen zu sehen wünschte, angab, unter anderen Hn. M. Schmidt, dessen vater Prediger in Wenigen-Jena ist, genannt, u. ich bin so frey Sie nochmals an ihn zu erinnern. Zwar bin ich vieljähriger vertrauter freund dieses jungen mannes, und also vielleicht kein ganz unpartheiischer beurtheiler: allein ich hoffe, daß diejenigen so ihn etwas genauer kennen, ihn für einen mann von nicht gemeinen talenten und von einem wohlwollenden, edlen herzen halten werden. Erlauben Sie, daß ich beydes nur mit einem beyspiele belege. Vor 2½ jahren kam M. Schm. aus einer condition, in der er einige jahre bey Coburg gestanden hatte, hierher zurück, um sich zu habilitieren und hier theologische, besonders exegetische vorlesungen zu halten. Er that dieses den ersten winter mit viel beyfall. Noch vor winters anfang sprach ich zuweilen mit ihm von Kants reformen in der philosophie und erzählte ihm von der critik der reinen vernunft, auf die er blos durch die goth. gel. zeitung war aufmerksam gemacht worden, so viel ich davon wußte. Dies veranlaßte in ihm den wunsch, dieses schwere buch mit einigen freunden gemeinschaftlich zu lesen. Wir kamen den ganzen winter durch täglich zusammen, und lasen und erklärten uns das gelesene gemeinschaftlich so gut wir konnten. Schmidt übersah uns bald alle. Noch ein neuling in der Kantischen philosophie hatte er, ungeachtet er die bescheidenheit selbst ist und es ohne vielfältiges zureden nie wagt mit etwas öffentlich hervorzutreten und sein licht leuchten zu lassen, den muth, über Kants critik zu lesen und den leitfaden des schulzischen auszugs bey seinen vorless. zu folgen.  Er that es und arbeitete sich glücklich durch alle schwierigkeiten hindurch, fühlte aber sehr oft das unbequeme des schulzischen auszugs zu einem lehrbuch, und beschloß, selbst auf einigen bögen in aphorismen die summe der Kantischen critik zusammen zu fassen und sie seinen zuhörern bey seinen künftigen vorlesungen in die hände zu geben. Er ging an die arbeit und lieferte mehr als er versprach. Er schrieb sein lehrbuch und begleitete es mit einem erklärenden wörterbuch der Kantischen philosophie, worin er sogleich seine eignen zweifel und meinungen vorbringt. Alles dies geschah in 1½ jahr, und seit dieser zeit hat er sich ganz der philosophie ergeben, und es wäre schade, wenn er durch mangel an unterstützung von dieser laufbahn abgebracht würde.<a href="#_ftn585" name="_ftnref585" title="">[585]</a>

Von der pädagogischen Wirkung des Ordens und dem Nutzen seines Instrumentariums geben manche quibus licet Zeugnis. Der Illuminatus maior Cassiodorus {Schack Hermann Ewald}, von welchem die recht ansehnliche Sammlung von dreiunddreißig quibus-licet-Berichten erhalten blieb, ist von den pädagogischen Maßnahmen des Ordens überzeugt, weil sie den Menschen ganzheitlich ansprechen „alle unmittelbar die Bildung des Verstandes, des Herzens und der Sitten bewürken“<a href="#_ftn586" name="_ftnref586" title="">[586]</a>. Im Gegensatz zu der vorherrschenden Praxis in zeitgenössischen Bildungseinrichtungen lobt er, „daß sie so sanft, so menschlich, so friedlich, so liebenswürdig sind.“<a href="#_ftn587" name="_ftnref587" title="">[587]</a> 

Neben den intellektuellen Anregungen durch den Orden wurde die Erfahrung der Zugehörigkeit und geistigen Gemeinschaft besonders geschätzt. Bei manchem Mitglied stellte sich nach der Aufhebung des Ordens ein massives Verlusterlebnis ein, wie die Reaktion des nach Dresden geflohenen Mitgliedes Kaspar Danzer {Bellarminus/ Mercur} belegt: „sollte ich denn auf meiner Wanderschaft gar keinen Kreis solcher Menschen mehr finden können, die diese Grundsätz handhaben, die mich unter sich aufnehmen, durch Freundschaft und Aufmunterung meinem Herzen neue Wärme mittheilen, neues Interesse für Tugend geben? Ich ein schwacher einzelner bedarf solcher Antriebe.“<a href="#_ftn588" name="_ftnref588" title="">[588]</a> Daß das Gemeinschaftserlebnis für viele der Mitglieder von vorrangiger Bedeutung gewesen sein dürfte, vermutet auch Florian Maurice, der konstatiert, „daß es darauf ankommt, welche Funktionen diese Vereinigungen im Leben ihrer Mitglieder erfüllen konnten.“<a href="#_ftn589" name="_ftnref589" title="">[589]</a>  Man suche „an einer falschen Stelle [...], wenn man bei Vereinigungen die in ihnen vertretenen Lehren oder Ideen für das Wesentliche hält.“<a href="#_ftn590" name="_ftnref590" title="">[590]</a> Viele Belege aus illuminatischem Quellenmaterial bestätigen, daß es nicht in erster Linie die Rituale in den Graden waren, die äußeren Formen des Ordenslebens, sondern die Möglichkeit der Begegnung von Gleichgesinnten in einer solidarischen Gemeinschaft. Dies und die gebotenen Chancen  machten die Attraktivität des Ordens aus.

 

2. quibus licet als Führungs- und Bildungsmittel

Zu den zahlreichen Publikationen, welche durch die „Entdeckung“ der Illuminaten veranlaßt worden sind, gehört u.a. die von Ernst August Göchhausen verfaßte und anonym erschienene Persiflage Freimaurerische Wanderungen des Weisen Junkers Don Quichote von Mancha und des großen Schildknappen Herrn Sancho Pansa aus dem Jahre 1787. Darin wird von den illuminatischen Ordensoberen gesagt, „sie seyen die bisher verborgen gewesenen höchsten Obern dieses Ordens, und die eigentlichen Besitzer der königlichen Kunst, unter dem bescheidenen Namen: quibus licet.“<a href="#_ftn591" name="_ftnref591" title="">[591]</a> Dabei wird offensichtlich unterstellt, bei dieser „königlichen Kunst“ handele es sich um nichts anderes als Herrschaftsausübung.

Die sogenannten quibus-licet<a href="#_ftn592" name="_ftnref592" title="">[592]</a>-Berichte, die nach ihrer Einsendung von den Ordensoberen kontrolliert und beantwortet wurden, waren im Orden bald Usus geworden und dienten primär der Bildung seiner Mitglieder. Die Tendenz, die Berichte als Instrumente des Ausspionierens und Manipulierens zu deuten, ist vielleicht auch in Agethens Formulierung „Technik der Menschenführung“<a href="#_ftn593" name="_ftnref593" title="">[593]</a> im Spiel. Die quibus-licet-Praxis war jedoch keineswegs als Machtübung des Illuminatenordens intendiert. Es waren hauptsächlich pragmatische Gründe, die Weishaupt von Beginn an dazu veranlaßten, einen in schriftlicher Form einzureichenden Nachweis der Tätigkeit der einzelnen Mitglieder zu verlangen. Die quibus licet glichen eher der im Pietismus geläufigen Führung eines Diariums zu Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle. Solange man nicht die Gewißheit hatte, Bildung und Erziehung der Eigeninitiative der Adepten überantworten zu können, sollte der Orden als Kontrollinstanz fungieren. Weishaupt neigte dazu, die Praxis der Berichterstattung im Hinblick auf die Praxis im Jesuitenorden als Beichte zu interpretieren.<a href="#_ftn594" name="_ftnref594" title="">[594]</a>  Die von ihm gebrauchte Metapher deutet darauf hin, daß er jedes Mitglied mit der Anfertigung von Berichten einem Läuterungsprozeß zu unterziehen gedachte.

Jedes Ordensmitglied war zu regelmäßiger Berichterstattung verpflichtet: „Diese Verordnung des einzuschickenden Blates, dauert durch alle Grade hindurch, und ist niemand davon ausgenommen.“<a href="#_ftn595" name="_ftnref595" title="">[595]</a> Daß die Mitglieder dieser Aufgabe gewissenhaft in ihrem „diario“ nachkamen, beweist die Tatsache, daß allein in den Bänden XI und XII der Schwedenkiste 806 quibus licet aufbewahrt sind<a href="#_ftn596" name="_ftnref596" title="">[596]</a>. In den Berichten findet sich neben „verschloßene[n] Beschwerden“<a href="#_ftn597" name="_ftnref597" title="">[597]</a>, die „Schilderung von Charakteren“<a href="#_ftn598" name="_ftnref598" title="">[598]</a>, hervorgegangen aus einem unmittelbaren Briefwechsel zwischen dem einzelnen Mitglied und seinem zuständigen Oberen. Aus Sicherheitsgründen behielten die Oberen eingegangene quibus licet ein, forderten jedoch ihre darauf gegebenen Antworten zurück. Die quibus licet waren ein wichtiger Bestandteil des Systems interner Kommunikation des Ordens. Die schriftliche Verbindung zwischen Mitglied und Oberem sowie zwischen den Oberen untereinander sollte gewährleisten, daß ihnen alles, was für den Orden bedeutsam sein könnte, bekannt wurde.

Die Berichterstattung erfolgte in drei Stufen. Vom Noviziat an waren alle zwei Wochen quibus licet zu verfassen. Ab dem Grad des Illuminatus minor war der Report einmal im Monat fällig. Besondere Anliegen wurden direkt zur höheren Leitungsebene befördert, wenn der Bericht mit der Aufschrift soli eingereicht wurde. Um mit dem General des Ordens in Verbindung zu treten, war der Brief durch primo zu kennzeichnen.

Den Regenten oblag die Öffnung und Kontrolle der quibus licet aller Mitglieder, die ihnen unterstellt waren. Es war ihnen ebenso gestattet, die soli-Berichte der kleinen Illuminaten, Magistraten und Illuminati maiores sowie die primo-Berichte der Novizen zu öffnen. Die quibus licet der Schottischen Ritter und Presbyter ebenso wie die primo-Berichte der Minervalen, die soli-Berichte der Ritter und Presbyter und quibus licet der Regenten selbst waren an das Provinzcollegio zu senden. Generell gingen die soli-Berichte dem Provinzial zu, die primo-Berichte wurden an den General weitergeleitet.

Ausgenommen von dieser Praxis war lediglich Weishaupt, der als General des Ordens keinem der Grade angehörte. Dieser Umstand erwies sich bald als problematisch, was Knigge 1781 veranlaßte, den General darauf aufmerksam zu machen: „Die quibus licet sind eine vortrefliche Einrichtung um die Mittel-Obern in Ordnung zu halten, aber man wird immer sagen: ‚Am Ende hängt doch alles vom Eigensinne des Generals ab, eines Mannes, den wir nicht einmal dem Nahmen nach kennen.’“<a href="#_ftn599" name="_ftnref599" title="">[599]</a> Um dieses berechtigte Bedenken auszuräumen, schlug Knigge vor „die Leute glauben [zu] machen, daß der General von dem höchsten Regente<a href="#_ftn600" name="_ftnref600" title="">[600]</a>n-Grade, oder den Areopagiten gewählt und abgesetzt werden könnte.“<a href="#_ftn601" name="_ftnref601" title="">[601]</a> Weishaupt hatte die Struktur des Ordens, wie sie sich in seiner Anfangszeit in München und Ingolstadt als günstig erwiesen hatte, beibehalten wollen, ohne die Folgen des Wachstums zu berücksichtigen. Knigge brachte diesen Kompromiß in die Diskussion ein, um weiterhin ein reibungsloses Ordensprocedere zu gewährleisten. Mag nach Knigges Auffassung das quibus-licet-System auch als nicht hinreichend konsequent erscheinen, im Blick auf seine pädagogische Funktion erwies es sich als höchst effizient.

Die quibus licet wurden zum Großteil für die Beantwortung der obligatorischen Fragen an die Illuminaten aller Grade genutzt. <a href="#_ftn602" name="_ftnref602" title="">[602]</a>  Ihre thematische Ausrichtung beschränkte sich nicht nur auf die in den Statuten festgesetzte Beantwortung von standardisierten Fragen, wie sie beispielsweise ein Novize einzusenden hatte, sondern konnte auch die Rückantwort auf zuvor erhaltene Reprochenzettel, auf Berichte über die Tätigkeit im Orden oder auf Berichte über die Aktivitäten der Logen beinhalten. Darüber hinaus waren quibus licet geeignete Mittel, dem Orden Vorschläge für in Betracht kommende Mitglieder zu unterbreiten. Mitunter dienten sie auch dazu, Einschätzungen und Charakterisierungen von anderen Mitgliedern zu geben oder wurden als Plattform theoretischer Erläuterungen und Essays in Form eines pensums genutzt.

Einigen Mitgliedern war es ein regelrechtes Bedürfnis, dem Orden Aufschluß darüber zu geben, was sie von ihm erwarteten, wie sie ihn einschätzten und auch, wie man seine Aktivitäten verbessern könne. Quibus licet Berichte waren hauptsächlich Mittel der Menschenführung. Bereits die Oberen der Minervalen konnten, eingeschlossen im quibus licet, Einschätzungen und Anmerkungen zu den ihnen Anvertrauten einsenden. Als vorbildlicher und verantwortungsvoller Pädagoge erweist sich der Volksaufklärer Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus}. Seine Berichte über die Minervalen, für die er verantwortlich zeichnete, geben einen Eindruck von der Gewissenhaftigkeit und dem Wohlwollen, mit denen er seinem pädagogischen Auftrag nachkam. Er verbindet seinen Bericht über den ihm untergebenen Guido della Torre {Friedrich Carl Ernst von Helmolt} mit perspektivischen Überlegungen. Helmolt „fängt jetzt einmahl an, auf seine Bestimmung aufmerksam zu werden. Zum ersten Mahl habe ich 8 Tage lang Eifer und Fleiß an ihm bemerkt. Ich habe ihn sogleich auf einem vertraulichen Fuß behandelt, seine Arbeit gebilligt, und gefunden, daß es fruchtet – wofern anhaltende Nachfrage und Erinnerung zu Hülfe käme. Ich wage es daher die E.O. zu bitten, ihn wegen seiner letzten Vorlesung von der Bestimmung des Menschen einigen Beyfall zubringen. So unvollkommen sie an sich selbst ist: so verdient sie es doch in Ansehung seines darauf verwandten Fleißes. Und dann ersuche ich dieselbe, den jungen Mann oft daran zu erinnern, daß er das nicht hat, was dem Menschen seinen Werth giebt, und daher anhaltend fleißig sein muß.“<a href="#_ftn603" name="_ftnref603" title="">[603]</a>

Becker beobachtete seine Zöglinge genau. Ihm war mehr an der Motivation und Begeisterung des Zöglings gelegen als an einer strikten Befolgung der Regeln. Aufgrund seiner Beobachtungen schlägt er den Oberen von Guido della Torre vor, nicht Leistungen zu fordern und anzumahnen, die er nicht zu erbringen vermag, vielmehr seine Regsamkeit zu loben, von der allein ein bescheidenes geistiges Fortkommen erhofft werden könne. Hier zeigt sich, daß Becker im Philanthropin Schnepfenthal wertvolle pädagogische Erfahrungen gesammelt hatte und bestrebt war, sie in die pädagogisch Arbeit des Ordens einzubringen.

Die in den quibus licet vorgenommenen Einschätzungen anderer waren für die Menschenführer des Ordens eine wichtige Zuarbeit. Sie dienten der individuellen Lenkung der Adepten. Knigge z.B. enthält sich in einem Bericht über den Wetzlaer Reichskammergerichtsassessor Franz Dietrich Freiherr von Ditfurth {Minos} keineswegs der Kritik und setzt diese konstruktiv ein, indem er nach einer knappen Charakterisierung des Kandidaten zu folgender Strategie zur Behebung einer vermeintlichen Charakterschwäche Ditfurths rät: „Er ist eifrig, thätig, und vernünftig, auch strenge redlich, aber ein bisgen geschwätzig und weitschweifig. Man wird gar nicht fertig, wenn er anfängt zu erzählen, wie auch sein q. l. zeugt. Das kömmt aber aus Eitelkeit her; Er hört sich gern selbst. Man muß ihn also immer in Unterwürfigkeit erhalten, nemlich in so weit, daß er nicht die Schwäche des O. merke, sonst will er selbst erfinden, und dazu denkt er nicht tief genug. Von einer andern Seite aber muß er doch auch etwas zu sagen haben, sonst kehrt er um.“<a href="#_ftn604" name="_ftnref604" title="">[604]</a> Ditfurth wurde später ein Mitglied der höheren Leitungsebene. Die an ihm bemerkte Weitschweifigkeit läßt sich anhand der von ihm vorliegenden Dokumente belegen, doch war er nicht der einzige mit einer solchen Neigung. Knigges Offenheit verblüfft ebenso wie seine Treffsicherheit, mit der er Ditfurth und die Konsequenzen einer falschen Behandlung einschätzt. Er löst das Problem, indem er diese Unzulänglichkeit geschickt für das Wohl des Ordens zu nutzen weiß.

Auch das nächste Beispiel zeigt die Schwierigkeit, an anderen Menschen eine für sie selbst wie auch ihre Mitmenschen abträgliche Neigung anzusprechen und diese zu korrigieren. Der pädagogisch geschickte Gronovius {Adolph Heinrich Friedrich Schlichtegroll} reagierte auf die unsensiblen Verhaltensweisen eines Illuminatenbruders mit folgender Mitteilung an den Orden: „Melanchthon<a href="#_ftn605" name="_ftnref605" title="">[605]</a> wohnt jetzt in Justs. Lips. u. meiner Gesellschaft. Er ist sicher ein sehr guter Mensch; eins wünsche ich ihm nach, das ich den ‚feinen moralischen Geschmak’ nennen möchte. [...] Er beobachtet die Hauptgeseze der Moral; aber die kleinen Sittlichkeiten des gemeinen Lebens u. des abgewognen geprüften Ausdruks im Reden sind ihm fremd u. gleichwohl urtheilt unser delicates Zeitalter so sehr nach diesen leztern. Ich glaube, man muß dies von seinen Freunden bekannt machen, damit sie nicht misverstanden, verkannt, wohl aber durch kleine Winke aufmerksamer gemacht werden.“<a href="#_ftn606" name="_ftnref606" title="">[606]</a> Schlichtegroll bekundet hier mit Taktgefühl, daß ihm ernsthaft daran gelegen ist, die Umgangsformen des Melanchthon zu verbessern. In der Regel führen Maßregelungen, die das Benehmen betreffen, zu Unsicherheiten bei demjenigen, dem sie gelten. Die Möglichkeiten des quibus licet nutzt Schlichtegroll, um dem anderen Ordensmitglied indirekt und behutsam zu Hilfe zu kommen.

Wer über ein anderes Ordensmitglied Bericht erstattete, gab gleichzeitig Auskunft über seinen Charakter. Sollte die Einschätzung eines Ordensbruders bei den Oberen ernsthafte Berücksichtigung finden, mußte sie mit der gebotenen Distanz und Aufrichtigkeit verfaßt werden. Der Missbrauch von Charakterbeschreibungen und persönlichen Informationen innerhalb der quibus licet durch Dritte war zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber aufgrund der Praxis, Urteile von verschiedenen Personen einzuholen, doch recht gering. Dies galt weitgehend auch für die Einschätzungen, die Obere abzugeben hatten, obwohl sie einer weniger strengen Kontrolle unterstanden. Daß Fehlgriffe nicht völlig auszuschließen waren, zeigt das folgende Schreiben Costanzos an Zwackh: „In einem Q. L. ohne Unterschrift, das ich aber aus Nauplis {Straubing} kommen vermuthe weil es unter die andere Q. L. von dieser Kirche sich befand, sind Eure Hochwürden auf eine ganz abscheuliche Art überschrieben, nicht allein überschrieben, sondern verschwärzt worden.“<a href="#_ftn607" name="_ftnref607" title="">[607]</a> Costanzo machte Zwackh auf den mißlichen Umstand aufmerksam und warnte freundschaftlich: „Sie müßen sich lieber, theuerster Freund, entsetzlich in Obacht nehmen; denn sie haben erstaunlich viele Feinde, und Neider. Es ist doch ein Glück, daß ich immer gewohnt bin, die Q. L. allein aufzumachen, ehe ich sie dem Alfred mittheile; denn sonst hätte dieser Mann, Gott weiß was, denken können.“<a href="#_ftn608" name="_ftnref608" title="">[608]</a> Wie in diesem Beispiel bedurfte es im Falle des Verstoßes gegen das Gebot der gegenseitigen Achtung des umsichtigen Eingreifens der Verantwortlichen. Generell wurden Informationen, die über andere eingingen, zunächst aufgenommen, überprüft und in geeigneter Weise zumeist als Ratschlag an die Betreffenden zurückgegeben.

Mitunter konnte sich die in Gang gekommene Kommunikation zwischen Adept und Oberen bis hin zum Briefwechsel ausweiten. Der Volksaufklärer Rudolph Zacharias Becker versichert in einem quibus licet, daß er sich der Hinweise, die er auf einen früheren Bericht hin erhalten hat, annehmen werde: „Für den letzten weisen Spruch: whenever i loose a persone’s Friendship p. möchte ich dem Br. Basilius die Hände küssen. Ich sehe daraus, daß er weiß, wo es mir fehlt. [...] Sollte es dem Br. Basilius belieben mir einen bestimmten Mann zu nennen, der mein Feind ist, weil ich mir keines solchen bewußt bin: so werde ich mich bestreben, die herrliche Lehre buchstäblich zu befolgen.“<a href="#_ftn609" name="_ftnref609" title="">[609]</a> In diesem quibus licet zeigt sich, daß der Austausch mit dem Oberen sowohl der Lösung zwischenmenschlicher Probleme zugute kam als auch zu sittlicher Bildung und Menschenkenntnis beitrug.

Eine weitere wichtige Aufgabe erfüllten die quibus licet bei der Rekrutierung neuer Ordensmitglieder, wie die zahlreichen Vorschläge, wer als geeignetes Mitglied in Betracht kommen könnte, beweisen: „Der Br. Walther Fürst hat den Herrn Professor Garve in Breslau, in einem Q. L. vorgeschlagen [...] Der Professor Garve ist einer unsrer besten deutschen Philosophen, aber von sehr kränklichen Körper. [...] Möchte ich gerne den Herrn von Rochau, zu Retkan, einen sehr practischen Philosophen, Menschenfreund und guten Schriftsteller in der Pädagogic, vorschlagen. Beyde Männer wären gewiß eine vortrefliche Acquisition für den Orden.“<a href="#_ftn610" name="_ftnref610" title="">[610]</a> Es war durchaus keine Seltenheit, daß namhafte Persönlichkeiten vorgeschlagen wurden, wie in diesem Beispiel der Philosoph Christian Garve oder der Philanthropinist von Rochow. Bode schlägt angesichts der prominenten Persönlichkeiten vor, ausnahmsweise folgendermaßen zu verfahren. Er will „d. Walther Fürst {August von S.-G.-A.} eine angenehme O. Beschäftigung damit machen, wenn ich Ihm die Korrespondenz mit Garve auftragen dürfte. Mit Rochau würde [ich] das Geschäft unmittelbar selbst, oder durch den Damasus pontifex {Johann Gottfried Herder} besorgen. Ich bitte ganz gehorsamst hier über um Belehrung, denn es kommt mir nicht sowohl darauf an, gedeckt, als überzeugt zu seyn, daß ich nicht gegen die Regeln handle.“<a href="#_ftn611" name="_ftnref611" title="">[611]</a> Garve trat dem Orden nicht bei, auch für Rochow ist die Mitgliedschaft nicht gesichert. Die Kommunikationsmöglichkeiten via quibus licet ermöglichten dem Orden, durch die Mitwirkung seiner Mitglieder ohne große Mühen auf potentielle Neulinge aufmerksam zu werden. Es war dann nur noch Aufgabe der Oberen, die geeignetsten unter diesen zu kontaktieren und in Erfahrung zu bringen, wie sie einem möglichen Eintritt gegenüberständen.

Die quibus licet Berichte wurden außerdem gelegentlich für die einzureichenden Abhandlungen genutzt. Zwar sollten Aufsätze gesondert eingeschickt werden, doch bot es sich zuweilen wohl an, niedergeschriebene Gedanken zu einer bestimmten Thematik dem Schreiben an den Oberen beizufügen. Die auf diesem Wege übersandten Abhandlungen galten unterschiedlichen Themen, sie reichten von der recht häufig bearbeiteten Frage, ob  mehr gute oder böse Menschen auf der Welt seien, über die auch recht oft erörterte Frage nach den Vor- und Nachteilen geheimer Gesellschaften bis zur der These, die Castellio {Georg Anton Wahl} von der Minervalkirche in Buttstädt {Picentia} bei Rudolstadt aufgestellt hat: „Es ist ein schädliches Vorurtheil daß so viele Kindbettnerinnen ohne Noth Sechswöchnerinnen werden, das heißt, sich volle sechs Wochen zu Hause halten, ohne dazu durch irgend eine Unpäßlichkeit veranlaßt zu werden“<a href="#_ftn612" name="_ftnref612" title="">[612]</a>.

Quibus- licet-Berichte erfüllten, wie schon ausgeführt, unterschiedlichste Funktionen. Sie ermöglichten einheitliches Vorgehen, denn jeder Neuaufgenommene war zu regelmäßiger Berichterstattung verpflichtet. Sie legten ebenso Zeugnis ab vom Fortgang des Bildungsprozesses, beförderten die Sozialkompetenz und dienten der Schulung der Geisteskräfte der Zöglinge. Für die Oberen bedeuteten die quibus licet eine Materialsammlung zur Beförderung ihrer Menschenkenntnis. Sie gaben Fingerzeige zum Anleiten der Zöglinge und waren ein Prüfstein der Motivation der Adepten.

 

3.  Reprochen zur Ermutigung, Belehrung und Evaluation der Adepten

Die Antworten auf die quibus-licet-Berichte, die sogenannten Reprochen, sind für den Erziehungswissenschaftler besonders von Interesse, da sie die von den Mitgliedern eingesandten Beobachtungen, Gedanken und Aufsätze beurteilen und den Werdegang jedes einzelnen ‚überwachen’. Bildeten die quibus licet hauptsächlich eine Verpflichtung für die Adepten des Ordens, so waren die Regenten, die zur Öffnung der eingehenden Berichte befugt waren, im Gegenzug gefordert, diese zu beantworten, die eingesandten Beiträge zu korrigieren, sie zu bewerten, ebenso Ratschläge zu erteilen oder neue Aufgaben anzuregen. Bestand dazu die Notwendigkeit, wurde auch Kritisches angemerkt. Sollte, was im Zwischenmenschlichen nicht ausbleibt, es zu Meinungsverschiedenheiten oder gar Auseinandersetzungen kommen, so waren keine direkten Verweise oder Zurechtweisungen zu geben. Es oblag einzig dem Provinzialen, kritisierend einzugreifen. Dies geschah ebenfalls auf dem Wege der Reprochen, die als Korrektive da, wo es nötig schien, eingesetzt wurden. Hierbei wurde auf ein unpersönliches Verfahren gesetzt, indem der Kritiker mit dem anonymen Ordensnamen Basilius unterzeichnete: „Wenn einem Mitglied, was man nicht hart angreifen darf, Verweis zu geben ist, so soll er dies mit unbekannter Hand unter dem Namen: Basilius thun. Dieser Nahme, welchen niemand führt, ist ausdrücklich im Orden zu diesem Endzweck bestimmt.“<a href="#_ftn613" name="_ftnref613" title="">[613]</a> Die Erstellung der Reprochen oblag den Provinzialen, ausnahmsweise konnte auch ein Funktionsträger unterhalb des Provinzials, so der Präfekt in Jena {Butus} Karl Leonhard Reinhold {Decius}, die Aufgabe des Basilius übernehmen<a href="#_ftn614" name="_ftnref614" title="">[614]</a>. Inwieweit davon Gebrauch gemacht wurde kann aufgrund der Dokumentenlage nicht mehr nachvollzogen werden. 

Drei prominente Ordensobere traten unter dem Namen Basilius jedenfalls in Erscheinung. Obwohl Weishaupt als General des Ordens in der Rangordnung weit über den Provinzialen stand, übernahm auch er diese Aufgabe. Reprochen von seiner Hand waren am Anfang des Jahrhunderts Forschern wie LeForestier<a href="#_ftn615" name="_ftnref615" title="">[615]</a> noch zugänglich. Er verweist darauf, daß Weishaupt unter dem Namen Basilius agierte, was auch Fuchs<a href="#_ftn616" name="_ftnref616" title="">[616]</a> unter Berufung auf die Monographie des Franzosen hervorhebt. Daß Weishaupt tatsächlich neben den für ihn bestimmten primo-Berichten eingehende quibus licet beantwortete, bestätigt ein Brief an Zwackh, in welchem er berichtet: „Die Reprochenzettln werde ich verfertigen; aber ich muß erst abwarten, bis mich mein Componiergeist anwandelt, um hinlängliches Feuer zu haben, und mitzutheilen. Ich hoffe sie alle auf gute Wege zu bringen.“<a href="#_ftn617" name="_ftnref617" title="">[617]</a> Weishaupt besorgte demnach das Verfassen der Reprochen mit Gewissenhaftigkeit. Die Inspiration, von der er ihre Erstellung abhängig machte, sollte sich auf die Adepten übertragen.

Ebenso wie Weishaupt war es Knigge gestattet, unter dem Namen Basilius pädagogisch tätig zu werden, wie seiner Mitteilung an Weishaupt zu entnehmen ist, er habe Georg Ernst von Rüling {Simonides} und Ernst Friedrich Hektor Falcke {Epimenides} „im Nahmen H Basilius einliegende Fragen zu beantworten aufgelegt.“<a href="#_ftn618" name="_ftnref618" title="">[618]</a> Knigge zeichnete während der Etablierung der im hessisch-niedersächsischen Raum gelegenen Provinzen und des Aufbaus der Minervalkirche in Frankfurt verantwortlich für die Reprochen der dortigen Mitglieder. Falcke und Rüling wurden später selbst zu Provinzialen ernannt und hätten diese Funktion bekleiden können.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

Der Provinzial von Ionien {Obersachsen} und spätere Kopf des Ordens, Bode, füllte das Amt des Basilius erwiesenermaßen mit großem Engagement aus. Der in den „Gothaischen gelehrten Zeitungen“ im Mai 1784 erschienene Nachruf läßt keinen Zweifel an seiner Pflichterfüllung als Illuminat. Wenn der Verfasser „die seltene Menschenkenntnis, die er sich erworben hatte“<a href="#_ftn619" name="_ftnref619" title="">[619]</a> hervorhob, so geschah dies auch als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber dem pädagogischen Lenker des verbliebenen Ordens, dessen Reprochen von seiner unaufdringlichen Belehrungskunst als auch von seiner Anteilnahme an dem Fortgang der Bildung jedes einzelnen Mitgliedes zeugen.

Die in der Schwedenkiste befindlichen Reprochen sind zu einem Großteil Bode zuzuschreiben. Sie werden angeführt von drei Dokumenten, zwei davon in seiner Handschrift, die belegen, daß er mit der Prüfung der quibus licet befaßt war. Im ersten formuliert er die Maxime, die seine Handlungen als anonymer pädagogischer Ratgeber leiten soll: „Geling’ es zum Besten der Menschheit! Zum Nachtheil des allgemeinen Besten gelinge Nichts! Amen!!!“ Er wollte zum Wohle der Ordensbrüder wirken und gelobte, sein Tätigkeit auf die ihm „anbefohlene, geheime, niemand kränkende, jedem Bruder und Genossen unsers heiligen Bündnisses, heilsame Art und Weise, auszuüben.“<a href="#_ftn620" name="_ftnref620" title="">[620]</a>

Das zweite Reprochendokument der Schwedenkiste zeigt, daß die Beantwortung der quibus licet für die Loge in Gotha sowie die mit ihr in Verbindung stehenden Illuminatenversammlungen und Minervalkirchen durch Basilius nicht von Anfang an erfolgte. Den Mitgliedern wurde in einem Schreiben u.a. mitgeteilt, daß die Überprüfung ihrer Berichte mit sofortiger Wirkung durch einen eigens zu diesem Zwecke eingesetzten Mitbruder besorgt würde: „Mit einigem Vergnügen berichte ich Ihnen, mein Bruder, das die Hindernisse, welche unsere Correspondenz bisher verzögert haben, nunmehr gehoben sind und daß sie von nun an auf jedes ihrer quibus licet und dem Inhalt desselben unausbleibliche Antwort des Basilius erhalten sollen. Sie werden sich an der Person dieses ihnen unbekannten Bruders am wenigsten irren, wenn Sie sich unter derselben nicht nur den Abgeordneten des Ordens, durch welchen die Obern die gewöhnlichen Erkundigungen über die bekannten Punkte einziehen, sondern auch einen brüderlichen Freund denken, der Ihnen die Resultate seiner aus längerer Erfahrung geschöpften Bekanntschaft mit dem Orden anbietet. Der Orden, der Ihnen den Basilius in dieser Eigenschaft vorstellt, hat denselben bereits hinlänglich in Stand gesetzt, Ihnen mit denjenigen Gesinnungen entgegen zu kommen, die Sie von einem Bruder erwarten können, der Sie weder von gestern her noch blos unter dem Charakter eines Ordensgliedes kennen, schätzen und lieben gelernt hat.“<a href="#_ftn621" name="_ftnref621" title="">[621]</a> Basilius will also Freund und Mentor sein, nicht übergeordneter Lehrmeister, der durch autoritäres Gebaren den Zögling zum Gehorsam zwingt. Er versteht sich als Mitglied, das über reiche Erfahrung verfügt und diese zum Nutzen aller weiterzugeben bereit ist. Damit konnte der Grundstein gelegt werden für ein Vertrauensverhältnis zwischen den Adepten und Basilius, der stets bestrebt sein wollte, seine Belehrungen entsprechend der individuellen Bedürfnisse der Zöglinge zu geben.

Zu den Grundvoraussetzungen dieses Verfahrens gehörte die strikte Geheimhaltung, von der die Glaubwürdigkeit der Reprochen wesentlich abhing. Es sollten alle zur Verfügung stehenden Mittel genutzt werden, auch die Tarnung durch andere Organisationen, die gewährleisten sollte, „daß wir auch dadurch eine völlig Geheimniß sichere Presse zu unserm Gebrauche erhalten; welches, besonders bey Basilii Briefen, höchst wichtig ist.“<a href="#_ftn622" name="_ftnref622" title="">[622]</a> Die Identität des Basilius blieb für die Mitglieder geheim. Die Reprochenzettel wurden von eigens dafür bestimmten Mitgliedern der Leitungsebene nach Erhalt entweder selbst abgeschrieben oder von Unbekannten vervielfältigt. Auf diese Weise konnten die Mitglieder lediglich Vermutungen anstellen, wer sich hinter diesem Amt verbarg. Aufgrund des vergleichsweise langsamen Informationsflusses im 18. Jahrhundert, weist Bode in einem Schreiben über das Prozedere der Reprochen Helmolt {Chrysostomos} darauf hin, es sei nicht ratsam, „daß auf die q.q.l.l. vom Mordad gleich im Schariver<a href="#_ftn623" name="_ftnref623" title="">[623]</a> etwas gesagt werde. Das würde nur Vermuthung über die große Nähe des Basilii“<a href="#_ftn624" name="_ftnref624" title="">[624]</a> erwecken, was keineswegs den Zwecken der Reprochen dienlich wäre. Bode scheint zu befürchten, daß Basilius als ein Illuminat vor Ort identifiziert werden könnte, wenn er so prompt seine Antwortschreiben versendet.

Die pädagogische Aufgabe der Reprochen war dahingehend bestimmt, die Mitglieder auf indirektem Wege „fähig, wissenschaftlich, wißbegierig, aufmerksam“<a href="#_ftn625" name="_ftnref625" title="">[625]</a> zu machen. Die unpersönlich ausgeübte Evaluierung ermöglichte ein unbelastetes Verhältnis zwischen Oberen und Adepten. In den Reprochen trat der Orden als Autorität in Erscheinung, die durch die Geheimhaltung gesteigert wurde. Den Adepten wurde das Gefühl der Zugehörigkeit und der Eindruck vermittelt, die gewichtige anonyme Instanz diene dem allgemeinen Besten. Die in den Dokumenten überlieferten Anweisungen und Aufträge sowie die entsprechenden Rückmeldungen beziehen sich auf Fragen, die für die wissenschaftliche Bildung von Belang waren. Die psychologischen Ratschläge dienen der Beförderung der Menschenkenntnis. Weitere Impulse wurden gegeben zur mentalen und aktiven Unterstützung von gesellschaftlich bedeutsamen Vorhaben des Ordens, wie z.B. zur Errichtung von Sozietäten.

Der in den Reprochen angeschlagene Ton war freundschaftlich und sachlich zugleich. Zurechtweisungen gehörten zu den Ausnahmen. Falls Angaben aus den quibus licet beanstandet werden mußten, sollte der Zögling entsprechend aufmerksam gemacht werden. Auch Mitglieder der oberen Leitungsebene sollten keineswegs gemaßregelt, sondern mit einem Hinweis in der Ordensversammlung bedacht werden: „Hat nun der Obere eine Klage gegen den Censor, so giebt er ihm den Reproschenzeddel mit dem Zusaz: Bessere dich und andre. Hat er aber keine Klage, so spricht er: Ich finde dich gerecht: sind es aber auch die andern Br? Hierauf theilt der Censor die Reproschenzeddel aus. Hat er aber gar keine Klage, so ruft er: Erlauchter Oberer, alles ist gerecht.“<a href="#_ftn626" name="_ftnref626" title="">[626]</a>

Die insgesamt 285 Reprochen wurden vom dem Gothaischen Geistlichen Lerp, der Anfang des 20. Jahrhunderts sämtliche Dokumente der Schwedenkiste ordnete, in Einzel- und  SammelReprochen unterteilt. Den weitaus größeren Teil mit einer Anzahl von 192 bilden die EinzelReprochen, die bereits für ihren jeweiligen Adressaten auf separate Bögen geschrieben waren. Anhand der verbleibenden 93 SammelReprochen wird nachvollziehbar, auf welche Weise die Dokumente zustande kamen. Bode schrieb seine Belehrungen, Kommentare und Aufgabenstellungen nacheinander nieder und versah den jeweiligen Text zur Orientierung der Kopisten mit Namen des Illuminaten, für den er bestimmt war.

Für die unteren Grade waren hauptsächlich Direktiven zur Bewältigung der pensa sowie Verhaltensregeln zu formulieren. Je mehr dem Adepten die Sympathien des Ordens sicher waren, desto vertraulicher konnte er sich an den unbekannten Mitbruder wenden. Die primäre Funktion der Reprochen bestand in einem geleiteten Gedankenaustausch zwischen dem Orden und dem Adepten, der so geführt werden sollte, daß sich späterhin Reprochen erübrigen und er eigenverantwortlich die Aufträge selbst erfüllen konnte. Es gehörte zu den pädagogischen Strategien des Ordens, Mitgliedern, die sich hervortaten, besondere Gratifikationen in Aussicht zu stellen: „Die Wärme, mit der Sie von dem würdigen Bruder Spartacus sprechen, ist ein Zeichen von großer Ähnlichkeit ihrer Köpfe und Herzen und ist beider Ruhm! Spartacus ist im Orden schon lange bekannt; und die Fürsehung wird schon dafür sorgen, daß seine Gaben an der rechten Stelle genüzzet werden. [...] Vielleicht hören Sie bald, daß Ihr Wunsch in diesem Punct erfüllt sey.“<a href="#_ftn627" name="_ftnref627" title="">[627]</a> Die Becker verheißene Begegnung mit Weishaupt<a href="#_ftn628" name="_ftnref628" title="">[628]</a> war ein Zeichen der Anerkennung seines Engagements und war als weiterer Ansporn gedacht. Der Austausch zwischen Becker und Bode über quibus licet und Reprochen zeigt die besonderen Möglichkeiten auf, die sich durch diese indirekte Art der Belehrung auftaten. Becker hatte in einem quibus licet, das nicht in der Schwedenkiste verzeichnet ist, über die Neigung des Mitbruders Thuanus {Friedrich Ernst Carl Mereau} zur Schwärmerei berichtet. Basilius überläßt es Becker selbst, welche Maßnahmen einzuleiten sind, um diesen vermeintlichen Hang nicht ausufern zu lassen: „Die Antwort, die sie dem Bruder Thuanus geschrieben, ist gut und wahr! Sollten Sie in der Folge wirklichen Hang zur Schwärmerey an ihm gewahr werden, so versäumen Sie ja kein Mittel, ihn davon zu heilen. [...] Glauben Sie meiner Hülfe bey diesem Bruder zu bedürfen: so sagen Sie es in Ihrem q.l. Aber weil meine Antworten nicht so prommt erfolgen, und besonders bey einem jungen Schwärmer, oft Pericula in mora seyn kann; so bitte ich Sie, lieber bald selbst, nach ihrer eigenen richtigen Einsicht zu Hülfe zu eilen, wann Gefahr eintritt.“<a href="#_ftn629" name="_ftnref629" title="">[629]</a> Diese Anweisung ermuntert Becker zu eigenverantwortlichem Handeln. Das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigt dieser, indem er Mereau auf geeignete Weise von seiner Neigung abzubringen suchte. Sollte ihm dies mißlingen, war ihm mit der Zusicherung von Unterstützung durch den Oberen weiterer Handlungsspielraum gegeben. Auch der Fall, daß Becker eine Fehleinschätzung unterlaufen sein könnte, fand bei Bode Berücksichtigung, obwohl dies wenig wahrscheinlich war. Das indirekte Verfahren der Reprochen ermöglichte die Eindämmung von gegenseitigen Unterstellungen, da zur Prüfung des Vorgebrachten jeweils die quibus licet der betreffenden Person herangezogen werden konnten. 

Neben Reprochen, in denen konkreten Problemen im Miteinander des Ordens nachgegangen wurde, gab es solche, in denen Antworten in Form von Zitaten aus den Werken namhafter Philosophen, Theologen oder Essayisten erteilt wurden. Die zitierten Passagen dienten der Motivation der Mitglieder. In Reproche 52 beispielsweise wird dem Mitglied Chrysostomos {Christian Georg von Helmolt} zur Einübung in die Menschenkenntnis die häufig zitierte Stelle aus Alexander Popes Essay on Man<a href="#_ftn630" name="_ftnref630" title="">[630]</a> vor Augen gestellt: „The proper study of Mankind is Man.“<a href="#_ftn631" name="_ftnref631" title="">[631]</a> 

Die pädagogischen Mittel der Illuminaten waren, wie sich auch hier zeigt, variabel und psychologisch geschickt eingesetzt. In dem angeführten Beispiel war das Zitat Antwort auf eine ausstehende Frage und darüber hinaus ein Wink, sich der Lektüre philosophischer u.ä. Abhandlungen zu befleißigen. Um pädagogische Impulse zu geben, bediente sich auch Karl Leonhard Reinhold {Decius} geeigneter Zitate. Er hatte neben Bode die Befugnis zum Verfassen von Reprochen, wie das einzige von ihm in der Schwedenkiste vorhandene quibus-licet-Dokument ausweist: „Da ich keine quibus licet zur Beantwortung gefunden, so habe ich ausser der allgemeinen Einleitung  zur Korrespondenz des Basilius, für jeden Bruder einen Text, meistens aus Garve der mir auf seine Individualität passend schien gewählt.“<a href="#_ftn632" name="_ftnref632" title="">[632]</a> Der Quelle ist außerdem zu entnehmen, daß Bode die Unterstützung von Reinhold hatte, der als Präfekt des Ordens in Jena {Butus} tätig war.

Einprägsame Sentenzen konnten längere und komplexe Antworten ersparen. Die Rückmeldung in Form von Zitaten entspringt einer persönlichen Neigung Weishaupts. Bereits zur Zeit des Bestehens des Ordens, jedoch vermehrt in seinen späteren Schriften, neigte er dazu, seine Gedanken zur Illustrierung oder auch Bestätigung des Gesagten mit passend erscheinenden Zitaten aus von ihm präferierten Werken zu versehen. Der im Orden gepflegte Usus, pädagogische Intentionen im Gewande von Sentenzen und Denksprüchen zu äußern wird gerade in den Sammelreprochen bestätigt. Es fällt auf, daß die ausgewählten Passagen mit der Unterschrift des Basilius versehen, die eigentliche Quelle aber nicht genannt war. Die Reprochen bestätigten die Mitglieder in dem Gefühl, daß sie ernstgenommen wurden. Auch wenn Agethen den pädagogischen Wert der Sentenzen wie überhaupt die Einrichtung der Reprochen bezweifelt, so ist doch festzuhalten, daß die Rückäußerungen Denkanstöße gaben und in dem graduellen Bildungsgang in Verbindung mit den anderen Mitteln und Maßnahmen nachhaltig wirkten. Schon der Umstand, daß die Reprochen an die Idee der Vervollkommnung anknüpften, macht sie bedeutsam. In einer Reproche an Chrysostomos {Christian Georg v. Helmolt}, heißt es: „Ein guter Künstler giebt kein Werk aus der Hand, das nicht vollendet ist. So sollten wir hier keinen Zögling entlassen, solange wir noch etwas an ihm zu bessern wahrnehmen.“<a href="#_ftn633" name="_ftnref633" title="">[633]</a> Helmolt selbst hatte den intendierten Vervollkommnungsprozeß durchlaufen. Er wurde Präfekt der Loge in Gotha {Syracus}, rückte bis zum Docetengrad auf und hatte die Aufsicht über die Entwicklung der gesamten Loge. Die Verpflichtung zur Rückmeldung in Form von quibus licet gab die Gewißheit, daß die Bemühungen der Adepten nicht verhallten, sondern wahrgenommen wurden. Angesichts eines solch effektiven Förderungssystems auf der Basis des Vertrauens mußten Verfolgung und Auflösung des Ordens bei vielen Mitgliedern Enttäuschung hervorrufen.  

 

4. conduite-Tabellen zur Menschenführung

Ein weiteres pädagogisches Mittel, eine Art „Technik der Menschenführung“, waren die in regelmäßigen Abständen wie die quibus licet zu verfassenden conduite-Tabellen. Sie erweisen sich als empirisches Verfahren, zu Informationen über eine Person zu gelangen. Natürlich liegt darin auch die Gefahr, die gesammelten Informationen zu mißbrauchen und dem Zögling damit oder durch manipulative Einflußnahme zu schaden. Diese Gefahrenquelle und die perfekte Organisationsstruktur des Illuminatenordens nahmen Verschwörungstheoretiker bis in 21. Jahrhundert zum Anlaß, eine Verbindungslinie zu der Personenführung in Geheimdiensten zu ziehen und das Anliegen des Ordens zu verdächtigen. Dieser Aspekt bedarf keiner Berücksichtigung, verkennt er doch die Intentionen der Illuminaten völlig.

Mittels der Tabellen erhielten die Oberen Informationen über die Fortschritte der ihnen Anbefohlenen und konnten sich darüber hinaus ein Bild von deren Lebensumständen und teilweise auch von ihren Befindlichkeiten machen. Nach dem enormen Wachstumsschub in den frühen 80er Jahren des 18. Jahrhunderts wurde es notwendig, Strategien zu entwickeln, die eine Übersicht über die Entwicklung in den einzelnen Logen auch an zentraler Stelle ermöglichte. Aus diesem Grunde wurden die von Weishaupt bereits in der Anfangszeit des Ordens eingeführten Tabellen später zunehmend bedeutsamer. Vor diesem Hintergrund ist Weishaupts Aufforderung an Zwackh aus dem Jahre 1781 zu verstehen, „daß die Tabellen eingeführt werden. Denn sie werden es selbst noch einsehen, sie sind das Fundament von allem. Was wollen sie, oder ein anderer Oberer vor gründliche Verfügungen treffen, wenn sie die Quantität und Qualität ihrer Leute nicht kennen.“<a href="#_ftn634" name="_ftnref634" title="">[634]</a> Wenn Weishaupt es für nötig befindet, die empirischen Daten zu jedem Mitglied quantitativ und qualitativ zu erhöhen, so geschieht dies nicht primär zur Verbesserung der ordensinternen Statistik, sondern weit mehr in der Absicht, sich eine solide Basis für pädagogische Maßnahmen zu schaffen. Der Beitritt eines neuen Mitgliedes erforderte die Eruierung von Informationen über Lebensumstände, Charaktereigenschaften, Aussehen der betreffenden Person.

Die neuen Mitglieder wurden vorab zum Ausfüllen der  sog. Initiationstabelle angehalten. Sie sollten eine detaillierte Lebensbeschreibung geben sowie ihre Verhältnisse darlegen. In dem von Zwackh {Cato} publizierten Anhang zu den Originalschriften wird diese Tabelle charakterisiert als ein Instrumentarium, welches „nur von einem Freund für Freunde geschrieben war, und welche meine äußerliche Leibsgestalt, meinen moralischen Charakter, meine Fähigkeiten und Leidenschaften und auch jene meiner Aeltern enthält“.<a href="#_ftn635" name="_ftnref635" title="">[635]</a> Zwackh betont, daß diese Art der Befragung durch das freundschaftliche Verhältnis der Mitglieder untereinander ermöglicht werde. Anhand der aufgenommenen Fakten wurde ein erstes Profil des Adepten erstellt, das den Oberen ermöglichte, speziell auf ihn abgestimmte Maßnahmen einzuleiten.

Die zu erfassenden Daten, die Zwackh oben beschrieben hat, boten auch entfernteren Oberen Anhaltspunkte, sich von einer Person, die sie nicht kannten, eine Vorstellung zu machen und einzuschätzen, wie sie im Orden wirksam werden könnte. Im Hinblick auf den Aufbau des illuminatischen Netzwerkes waren Informationen zu unterhaltenen Freundschaften und zum Briefwechsel von besonderem Interesse. Eine weitere Tabelle war von den Adepten in regelmäßigen Abständen einzusenden<a href="#_ftn636" name="_ftnref636" title="">[636]</a>.

Die Auswertung der Tabellen war für die einzelnen Grade unterschiedlich geregelt. In den unteren Klassen wurden sie auch zur Prüfung der Lernfortschritte herangezogen. Die Tabellen wurden zunächst den Illuminati minores zur Einsicht vorgelegt. Sie wurden dann vom Minervalmagistrat berichtigt und an die Illuminati dirigentis weitergegeben, die eine erste Sammeltabelle erstellten. Alle in einer Provinz entstandenen Tabellen wurden dann vom Präfekten in einem Bericht über die conduite der Mitglieder zusammengefaßt. Die Oberen hatten sich in ihrem Provinzialbericht um eine detaillierte Einschätzung der jeweiligen Person und ihrer Entwicklung zu bemühen. Die Einschätzung der Mitglieder wurde anhand folgender Bewertungskriterien vorgenommen:

1.Anhänglichkeit

2.Fleiß, Eifer, Tätigkeit

3.Punctualität und Folgsamkeit

4.Geschicklichkeit andere zu dirigiren 

5.Verschwiegenheit

6.Klugheit, Behutsamkeit

7.Gefühl und Reizbarkeit gegen große Entwürfe und Anstalten

8.Treue und Heiligkeit im Worthalten

9.Hauswirthschaft

10.  Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung, Macht

      über Leidenschaften, Aufopfrung des eigenen Interesse

11.  Sitten, Moralität

12.  Aufklärung

13.  Bestreben, sich vollkommen zu machen

14.  Ruf<a href="#_ftn637" name="_ftnref637" title="">[637]</a>

Die Provinziale erhielten zu diesen Kriterien eine Bewertungsskala, nach der sie sowohl einzelne Mitglieder als auch sämtliche Illuminaten einer Präfektur evaluierten. Die Bewertung sollte mit Symbolen zum Ausdruck gebracht werden. Folgende Symbole wurden verwandt: 0  wenn „jemand in allen Stücken im höchsten Grad erfunden wird“<a href="#_ftn638" name="_ftnref638" title="">[638]</a>;  ≡  für den höchsten Grad an Übereinstimmung mit den Anforderungen;  =  für eine mittlere Leistung;  - für „beynahe gar kein“<a href="#_ftn639" name="_ftnref639" title="">[639]</a> nachweisbares Fortkommen sowie v wenn der Obere zu einer Kategorie keine Aussagen machen konnte. Für die Auswertung waren Aussagen zu den Punkten 1, 2, 3, 5, 6, 8, 9, 11, 14 von besonderem Interesse. Diese Verfahrensweise wurde im Februar 1783 eingeführt, um von jedem Mitglied „genau unterrichtet“<a href="#_ftn640" name="_ftnref640" title="">[640]</a> zu sein. Provinzialberichte verfertigten z.B. Knigge {Philo}, Stolberg-Roßla {Campanella} oder von Rüling {Simonides}. Erstmals wurden solche Berichte neben Lebensläufen und ausgefüllten Tabellen als Teile des sog. Engbundarchivs im Staatsarchiv Hamburg aufgefunden. Laut Vorschrift hatte ein Präfekt Monat für Monat penibel auf die Erstellung der Tabellen zu achten. Sie sollten mit der nötigen Sorgfalt verfertigt werden: „Je detaillierter diese sind, desto besser, denn darauf beruht der ganze Operationsplan des O.s. Man sieht daraus die Anzahl der Glieder, ihre Bildung, die Fuge und den Zusammenhang der Maschine, die Stärke und Schwäche des Ganzen, und das Verhältniß der Theile gegeneinander, die Personen, welche eine Beförderung im O. verdienen, und den Werth der Versammlungen und Vorsteher.“<a href="#_ftn641" name="_ftnref641" title="">[641]</a>Obwohl die Oberen dazu angehalten waren, in bezug auf die Tabellen sorgfältig vorzugehen, wurde eine nicht korrekte Befolgung dieser Anweisungen selten wirklich geahndet.

Die Korrespondenz der Präfekten und Provinziale zeigt sogar, daß es häufig Verzögerungen gab, sowohl bei den quibus licet als auch bei den Tabellen. Einige der Präfekten erledigten ihre Arbeit nicht mit der notwendigen Gewissenhaftigkeit, wie z.B. Mieg {Epictet}, auf dessen Nachlässigkeit von Ditfurth {Minos} aufmerksam macht: „in keiner Tabelle die Epictet eingeschickt hat, stehet es ob die recepti eine religion und welche haben, Maurer oder nicht Maurer sind, und dennoch sind dies wichtige Verhältniße. Die recipienten müßen nochmahls ernsthaft aufgemuntert [werden,] kein Verhältniß des recepti auszulaßen, sondern die Tabelle zurückzugeben. Oft ist in den Tabellen der O. Nahme ausgelaßen pp. Sie nehmen es mir gewiß nicht übel, wann ich bitte einen praefect zu machen, der hierin Ordnung hält, dazu Fähigkeit und Fleiß hat.“<a href="#_ftn642" name="_ftnref642" title="">[642]</a> Es ist anzunehmen, daß Ditfurths Anliegen über Knigge zu Weishaupt gelangte. Zu diesem Zeitpunkt war Mieg, der Weishaupt bei der Erstellung der Mysterientexte unterstützte, bereits so fest in die Leitung des Ordens integriert, daß die monierte Nachlässigkeit nicht zu Buche schlug. Anhand der Tabellen konnten nicht nur Kenntnisse über die einzelnen Mitglieder gewonnen werden, sondern auch ein Überblick über das Ordensgeschehen und ein Anhalt für optimale Organisation und Administration.

Das Ideal maschinenmäßigen Funktionierens wie es sich aus der Philosophie des französischen Materialisten Julien Offray de la Mettrie herleiten und für die Perfektionierung der Gesellschaft sowie gesellschaftlicher Systeme in Anspruch nehmen läßt, war für Weishaupt eine faszinierende Maßgabe. Auch im Orden gab es den Glauben, Abläufe und Maßnahmen gemäß einer perfekt arbeitenden Maschine könnten Vervollkommnung bewirken, deshalb sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Doch gab es auch den Zweifel an der Einlösung der Idee der Perfektion, daran, ob über die Erhebungsverfahren authentische Daten in jedem Falle zu gewinnen seien und ob jeder nach bestem Wissen Auskunft gibt. Skepsis bezüglich eines Mitgliedes äußerte beispielsweise Knigge: „Ich glaube noch immer, daß Epimenides {Ernst Friedrich Hektor Falcke} in seinem Herzen anders denkt, als er auf seiner Tabelle geschrieben hat.“<a href="#_ftn643" name="_ftnref643" title="">[643]</a> Diese Äußerung zeigt, daß kritische Prüfung der Daten geboten und ein Urteil auf möglichst umfassende und aus unterschiedlichen Quellen kommende Informationen zu gründen ist.

Die conduite-Tabellen sind ein im Illuminatenorden angewandtes Mittel zu Erfassung personenspezifischer Daten. Sie ergänzen und komplettieren die in den quibus licet erfragten allgemeiner gehaltenen Informationen. Die Tabellen wurden zum Großteil unter Verwendung der Ordenspseudonyme ausgefüllt, damit war für Datenschutz im weitesten Sinne gesorgt. Die Erhebung und Aufzeichnung von persönlichen Informationen für pädgogische Zwecke findet sich auch außerhalb des Illuminatenordens. Ein instruktives Beispiel liefert Johann Christoph Friedrich GutsMuths, einer der ersten Lehrer der Erziehungsanstalt Schnepfenthal, die im Einflußbereich der Illuminaten lag. GuthsMuths selbst war erklärtermaßen kein Freund des Ordens. In einem Brief an die Mutter seiner Zöglinge Carl und Hans Ritter in Quedlinburg, in dem er über deren Erziehungs- und Bildungsfortschritte berichtet, ist zu erfahren, daß am Philanthropin in Schnepfenthal in ähnlicher Weise Tabellen angelegt und genutzt wurden. In diesen Tabellen wurde der Fortgang in der Erziehung und Bildung dokumentiert: „Um Ihnen künftig das Betragen Ihrer Lieben noch pünktlicher bekannt zu machen, hab ich jezt noch ein Mittel mehr. Die Sitten der Kinder werden jezt nach gewissen Rubriken des Abends geprüft, und es werden ordentl. Tabellen über dieselben gehalten. Diese Tabellen will ich Ihnen von Zeit zu Zeit mittheilen.“<a href="#_ftn644" name="_ftnref644" title="">[644]</a> Auch der bereits erwähnte Schweizer Pädagoge Pestalozzi setzte auf diese Methode.<a href="#_ftn645" name="_ftnref645" title="">[645]</a>

Es zeigt sich, daß diese Art der pädagogischen Maßnahme nicht direkt in den Erziehungs- und Bildungsprozeß eingreifen kann, daß ihre Anwendung jedoch Einfluß auf die Qualität der Unterweisung hat, da sie dem Lehrenden Orientierung im Umgang mit dem Lernenden bietet, solange die eruierten Daten von ihm nicht als Direktiven mißverstanden werden.

 

5. Beförderung der Gelehrsamkeit durch pensa

Die ebenfalls im Rahmen der pädagogischen Praxis des Illuminatenordens zum Einsatz gekommenen sog. pensa, regelmäßig abzufassende Abhandlungen über einen konkreten Gegenstand, sollten den Oberen Aufschluß sowohl über den Kenntnisstand der Adepten  als auch über ihre Denkungsart geben: „Möchte man z.B. gern wissen, wie jemand über einen Punkt denkt, so läßt man ihn darüber eine Ausarbeitung machen.“<a href="#_ftn646" name="_ftnref646" title="">[646]</a> pensa forderten den Adepten heraus, „selbst reiflicher [...] nachzudenken“ <a href="#_ftn647" name="_ftnref647" title="">[647]</a> und boten die Chance, seine geistigen Kräfte zu erproben und sie zu entwickeln. Der Obere erhielt Gelegenheit, Interessen und Arbeitsweise des Adepten kennenzulernen und seine Entwicklungsmöglichkeiten abzuschätzen. Letztere interessierten unter dem Aspekt eines möglichen Beitrags zur Ordensarbeit und der Übernahme entsprechender Funktionen. pensa sollten nicht bloß eine akademische Übung sein, vielmehr praktischen Nutzen bringen und den Adepten in seiner sozialen und sittlichen Reifung voranbringen. Es war daher darauf zu achten, daß „keine theoretische, speculativische, sondern nur solche, welche wahrhaftig Einfluß auf den Willen, auf die Besserung des Charakters, und auf das gesellschaftliche Band haben, damit die Leute beschäftigt seyen, ihre Fähigkeiten entwickeln, an Ordnung und Fleiß gewöhnt werden, und sich in verschiedene Lagen zu denken lernen.“<a href="#_ftn648" name="_ftnref648" title="">[648]</a>

pensa gehörten zu den regelmäßig zu erfüllenden Pflichten eines Illuminaten, die monatlich auszuarbeiten waren. Es waren immer neue Themen und Aspekte zu durchdenken, zu strukturieren sowie in nachvollziehbarer Weise darzustellen. Die Qualität eines pensums konnte ausschlaggebend für die Beförderung im Orden werden. Die Zuweisung einer Thematik erfolgte durch den Oberen, der aufgrund seiner Kenntnis des jeweiligen Adepten ihm eine angemessene Aufgabe stellen konnte. Weishaupt ließ dem zuständigen Oberen freie Hand: „Für das Pensum und Anleiten sorgen Sie; denn sie kennen ihn näher.“<a href="#_ftn649" name="_ftnref649" title="">[649]</a> In der Regel wurde das Thema vorgegeben, es kam jedoch auch vor, daß er sich für ein Thema aus mehreren möglichen entscheiden konnte: „Dem Pythagoras {Anton Drexl} lassen sie die Wahl unter folgenden drey Abhandlungen. 1. Ueber die Indolenz des Epicurus. 2. Ob es besser sey elend, oder gar nicht zu seyn? NB. alles aus philosophischen Gründen. 3. In wie fern der Anspruch des Sokrates wahr sey: die höchste menschliche Weisheit bestehe darinn, daß man wisse, daß man nichts weiß.“<a href="#_ftn650" name="_ftnref650" title="">[650]</a>  Neben den hier vorgeschlagenen Arbeitsthemen zu historischen Persönlichkeiten und mehr philosophischen Fragestellungen, umfaßte das thematische Spektrum zeitkritische Themen, pädagogische Fragestellungen, die Interpretation literarischer Werke oder Anleitungen für die Praxis. Zu den am häufigsten gewählten Themen gehörten ‚Über die Glückseligkeit`, ‚Klassen der Irrtümer’ oder auch ‚Geselliger Zeitvertreib’. Fragestellungen mit pädagogischem Bezug waren beispielsweise ‚Zweck und Mittel bei Bildung eines jungen Weltbürgers’, mit dem sich Rudolph Zacharias Becker auseinandergesetzt hat. Von Dorotheus Friedrich von Prittwitz {Conradin} stammen ‚Königsbriefe über die Erziehung der adligen Jugend’. Schack Hermann Ewald {Cassiodor} arbeitete an einem ‚Rezept zur Veredlung unserer Bildung’.  In seiner Vollständigen Geschichte der Verfolgung der Illuminaten listet Weishaupt weitere 57 Themen auf. Unter ihnen dürften besonders interessant erscheinen  ‚In welchem Verhältniß müssen Religion und Staatsverfassung stehen, daß keine der andern schade, und jede das allgemeine Beste hervorbringe?’ oder auch ‚Welches unter den vielen Büchern, die über die Erziehung geschrieben wurden, ist sowohl in Ansehung der moralischen, als physischen Erziehung das beste, und brauchbarste, und warum?’, ‚Was ist in Rouseaus Emile, und Feders Anti-Emile lobens- und tadelswürdig?’<a href="#_ftn651" name="_ftnref651" title="">[651]</a>

Eine besondere Form der pensa waren die Preisfragen, die nach dem Vorbild akademischer Ausschreibungen den wissenschaftlichen Wettbewerb innerhalb des Illuminatenordens beleben sollten. Sie sind in den Statuten ausdrücklich hervorgehoben: „Um die Mitglieder mehr zum Arbeiten aufzumuntern, und ihre Mühe in etwas zu belohnen, wirft der O. jährlich eine oder mehr Preisfragen auf: Jedem stehet es frey, mitzuarbeiten; der Preis und die Einsendung aber wird nach der Schwere der Frage allemal  bey der Aufgabe festgesetzt.“<a href="#_ftn652" name="_ftnref652" title="">[652]</a> Preisfragen sollten zur Beförderung der angestrebten wissenschaftlichen Autarkie des Illuminatenordens beitragen. Ihre Bearbeitung durch Mitglieder sollte diese in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung schulen und darüber hinaus verwertbare Ergebnisse liefern.

Das Verfassen eines pensums war für die Ordensmitglieder, ungeachtet ob Preisfrage oder nicht, in jedem Falle nutzbringend. Qualitätvolle Texte wurden in den Ordensversammlungen vorgetragen und bildeten die Grundlage von Diskussionen. Sie verschafften den Mitgliedern Reputation. Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus} hat z.B., wie er in seinem quibus licet berichtet „in einer Minervalversammlung zu Epidamnus {Mainz} einen Aufsatz über die Menschenfurcht verlesen.“<a href="#_ftn653" name="_ftnref653" title="">[653]</a> Viele solcher Abhandlungen wurden als Lehrmaterialien in der ordensinternen Bildung eingesetzt.

Nicht immer wurden die Abhandlungen im Sinne der Initiatoren des Ordens beachtet, vor allem, wenn sie Grundsätze des Bundes in Frage stellten. Aus dem Bericht des österreichischen Nationaloberen Leopold von Kolowrat-Krakowsky {Navius} an Weishaupt ist zu entnehmen: „erst kürzlich hat ein Minerval, so wie Mir Arian selbst erzelte eine Ausarbeitung vorgelesen, in welcher Er beweißen wollte, daß es für den O. weit fürträglicher wäre, wenn die hohen Oberen allgemein bekannt wären.“<a href="#_ftn654" name="_ftnref654" title="">[654]</a> Diese These wurde, wie im weiteren zu erfahren ist, sofort bestritten: „Arian hat über dieses Pensum eine Gegenarbeit verfasset, die Er Samstag bey lafontaine {Franz Carl von Hompesch) durch einen dritten wird vorlesen lassen.“<a href="#_ftn655" name="_ftnref655" title="">[655]</a> Versuche dieser Art, gegen die Verfahrensweisen des Ordens zu protestieren, waren  wohl eher selten.

pensa sollten eigentlich dazu beitragen, verwirrende Dispute zu vermeiden, sie wurden zuweilen mit der Absicht vergeben, Mitglieder, die zu kritisch auftraten, von den Ordensgrundsätzen zu überzeugen. Knigge schlug deshalb vor: „Ich glaube es ist kein übler Kunstgriff einem Candidaten ein Pensum aufzugeben, darinn er gerade die Materie abhandeln muß, worüber er am wenigsten mit dem O. gleich denkt. Z. B. wenn ich merken werde, daß jemand nicht leicht Subordination verträgt; so lasse ich ihn die Frage ausarbeiten: Welche Regierungsform in einer geheimen Gesellschaft die beste ist? Dadurch gewinne ich nicht nur, daß er selbst die Sache reiflicher überdenkt, sondern auch daß ich die ganze Stärke seiner Einwürfe kennen lerne.“<a href="#_ftn656" name="_ftnref656" title="">[656]</a> Im günstigsten Falle gelangte der Betreffende von selbst zu der Auffassung des Ordens. War dies nicht so, gab das pensum des Kritikers Aufschluß über seine Argumentationsstruktur, der man dann in geeigneter Weise begegnete konnte.

pensa sollten hauptsächlich der Förderung der Gelehrsamkeit dienen. Sie wurden auch dann vergeben, wenn bei Mitgliedern Defizite, beispielsweise im Hinblick auf seinen Wissensstand, diagnostiziert wurden. Das Thema für ein pensum wurde dann so gestellt, „daß der Recipiendus dadurch mit nöthigen Ideen bekannt werde, die ihm am meisten fehlen.“<a href="#_ftn657" name="_ftnref657" title="">[657]</a> Dennoch beharrte man nicht auf der Abfassung von Aufsätzen, wenn ein Mitglied keinerlei Affinität oder Talent dafür zeigte, besonders dann nicht, wenn die Person anderweitige Aufgaben innerhalb des Ordens ohne Mühen übernehmen konnte.  So wurde es beispielsweise im Falle des Mitgliedes Plinius minor {Sebastian Knorr} gehandhabt, der von Weishaupt für eine besonders schnelle Beförderung vorgesehen war. Er wies Zwackh an: „Mit Pensis müßen sie ihn nicht foltern, denn erstens ist er zu scheu dazu etwas zu schreiben, und weiters ist es auch nicht nöthig, weil ich ohnehin weiß, wie er denkt; er wird aber sicher um so mehr handeln, und sich bemühen, die Leute abzurichten. Zum Censor ist er gebohren.“<a href="#_ftn658" name="_ftnref658" title="">[658]</a> Auch wenn Knorrs Illuminatenkarriere nicht in den Bahnen verlief, die Weishaupt ihm zugedacht hatte - er erreichte lediglich den Minervalgrad - verdeutlicht sein Beispiel, daß es dem Orden nicht daran gelegen war, Mitglieder, denen das Verfassen von Aufsätzen nicht gegeben war, zu verärgern. Sie erhielten anstelle dieser Aufgaben solche, für die sie sich besser eigneten.

Um sicherzustellen, daß der Vorrat an Problemstellungen nicht aufgebraucht wurde, zeichneten die Presbyter dafür verantwortlich, einen sog. catalogus desideratum anzulegen, auf den man im Bedarfsfalle zurückgreifen konnte: „Man soll sich sehr viele Fragen notiren, deren Erläuterung wichtig ist, und welche einst könnten aufgeworfen werden, z.E. in dem Fache der practischen Philosophie die Fragen: In wie fern ist der Satz wahr, das alles, was zu einem guten Zwecke führt, auch ein erlaubtes Mittel sey? [...] Solche und ähnliche Fragen schickt man an den Decan, der sie unter die verschiednen Minervalkirchen austheilt, wodurch die Zöglinge beschäftigt werden, und manche neue, kühne, brauchbare Idee in unser Magazin kommt.“<a href="#_ftn659" name="_ftnref659" title="">[659]</a> Die Anlage dieses catalogus erfolgte nach Maßgabe des Nutzens, den der Orden aus der jeweiligen Thematik ziehen konnte. Die pensa waren demnach nicht ausschließlich zur Bildung der Mitglieder aufgegeben worden, sie sollten auch einen Beitrag zum Aufbau der illuminatischen Akademie leisten. Mit der Überprüfung der pensa waren ebenfalls hauptsächlich die Presbyter betraut. Sie hatten auch den größten Einfluß auf die Auswahl der zu bearbeitenden Themenstellungen. Hinsichtlich des Verbleibs der Abhandlungen war festgelegt, daß diese ungeachtet ihrer Qualität innerhalb des Ordens aufbewahrt werden sollten: „Abhandlungen und Aufsätze von geringem Werth bleiben bei der Magistratsversammlung liegen, die bessern werden an das geheime Kapitel eingeschickt, und dem Lokal-Obern ist alsdann angewiesen, was weiter damit vorgehen soll.“<a href="#_ftn660" name="_ftnref660" title="">[660]</a> Man beabsichtigte sogar, die besten pensa zum Druck zu befördern. Es gab im Orden das Bestreben, eigene Publikationen zu ermöglichen und dazu den schriftstellerisch besonders ambitionierten Mitgliedern eine Plattform zu verschaffen. Damit wurden unterschiedliche Zwecke verfolgt, zum einen konnte illuminatisches Gedankengut multiplikativ innerhalb der lesenden Öffentlichkeit verbreitet werden, zum anderen sollten die geistigen Produkte der Mitglieder zur Finanzierung des Ordens beitragen: „Muntern sie auch ihre Leute auf, kleine periodische, satyrische und auf die Zeit sich schickende Aufsätze in Versen oder Prosa zu machen, besonders solche, die nicht im Stand sind, eine Geldeinlage zu thuen. Diese kann man nachmalen zum Druck befördern, wenn es der Mühe werth ist, und daß sie die Aufmerksamkeit des Publicums rege machen, um etwas Geld daraus zu lösen.“<a href="#_ftn661" name="_ftnref661" title="">[661]</a> Es wurden zur Umsetzung dieses Vorhabens Kontakte zu Verlegern aufgenommen, wie z.B. zu Strobel in München, Göschen in Leipzig oder Grattenauer in Nürnberg. Hier zeigt sich, daß der Einfluß der Illuminaten im Verlagswesen des 18. Jahrhunderts ein bisher unberücksichtigt gebliebener Aspekt der Forschung ist. Die literarische Produktion von Ordensmitgliedern sollte daher auch unter diesem Aspekt untersucht werden und z.B.  Reinholds {Decius} Die hebräischen Mysterien oder Schlossers {Dion} Wudbianer sollten auch vor diesem Hintergrund interpretiert werden.<a href="#_ftn662" name="_ftnref662" title="">[662]</a>

 

6. Lektüre zur Entwicklung von Sittlichkeit und Gelehrsamkeit

Ein weiteres Bildungsmittel, das ebenso wie die pensa auf die Gelehrsamkeit des Adepten abzielte und eng mit diesen in Verbindung stand, waren die zentral durch den Orden vorgeschriebenen oder individuell abgestimmten Empfehlungen zur Lektüre geeigneter, das Wissen sowie die Sittlichkeit des Adepten befördernder Literatur. Wie die zeitgenössischen Lesegesellschaften, zuweilen auch als solche getarnt, war man bestrebt, das populärste Bildungsmedium der Zeit, das gedruckte Wort, in Form von Büchern oder Zeitschriften, für illuminatische Zwecke zu nutzen. Weishaupt setzte auf die multiplikative Wirkung des Lesens. Lektüre wurde deshalb in den Versammlungen als auch im Rahmen der Selbstbildung der Mitglieder kultiviert. Die Auswahl der Lektüre erfolgte nach keinem festen Plan, lediglich für die Novizen wurde ein Kanon an moralphilosophischen Werken aufgestellt. Darin waren folgende Autoren aufgenommen: „Seneca, Plato, Cicero, Isocrates, Antoninus, Epictet, Wieland sowie Bücher, die reich sind an Bildern und moralischen Maximen.“<a href="#_ftn663" name="_ftnref663" title="">[663]</a> Als verpflichtende Lektüre galten Vom Verdienste von Thomas Abbt sowie Christoph Meiners’ Vermischte philosophische Schriften. In ihnen war nach Weishaupts Auffassung die Tugend als liebenswürdig, das Laster im Gegensatz dazu als abschreckend und sich selbst  zur Strafe beschrieben.

Die Oberen waren angehalten, durch regelmäßige und gezielte Hinweise auf geeignete Schriften, die sie z.T. selbst vorschlagen konnten, auf das Leseverhalten ihrer Zöglinge Einfluß zu nehmen und sie zu fleißigen und kritischen Lesern erziehen: „Oft daßelbe lesen, denken, hören, sehen, verbunden mit den Gegenständen, die uns am öftersten vorkommen, und darnach handeln, das giebt eine Fertigkeit, die zulezt zur Gewohnheit wird, so und nicht anders zu denken.“<a href="#_ftn664" name="_ftnref664" title="">[664]</a> Wie die Ideenreihe und deren Modifizierung sollte auch die gelenkte Lektüre die richtige Denkungsart hervorbringen und befördern. Wesentlich war die Qualität des Gelesenen. „Das Lesen allein genommen versetzt die Seele in einen blos leidenden Zustand. Es unterhält daher unsern Hang zur Trägheit. Die meisten Leser gleichen Menschen, welche, um Vorstellungen zu erhalten, sich ganze Tage hindurch an das Fenster stellen.“<a href="#_ftn665" name="_ftnref665" title="">[665]</a> Die Lektüre der empfohlenen Schriften sollte einhergehen mit intensiver Reflexion, wodurch am sichersten Erweiterung des Wissens und Festigung ethischer Grundsätze erzielt werden konnten.

Eine kritische Haltung gegenüber der damaligen Literaturproduktion veranlaßte Weishaupt dazu, weitestgehend auf Autoren der Vergangenheit, hauptsächlich aus der griechisch-römischen Antike, teilweise auch der Renaissance zurückzugreifen. Für einen der bedeutendsten Vertreter hielt er den römischen Gelehrten und Dichter Quintus Horatius Flaccus, den er als Welt- und Menschenkenner schätzte. Neben Horaz galten ihm der Moralist Lucius Annaeus Seneca d. J. und auch der spanische Philosoph Baltasar Gracian y Morales als „die Häupter der Weltweisheit.“<a href="#_ftn666" name="_ftnref666" title="">[666]</a> Die Mitglieder des Illuminatenordens rezipierten jedoch nicht nur die im Kanon der Novizen vertretenen Autoren, sondern auch ausgewählte aktuelle Literatur. Zu weiteren von Weishaupt präferierten Autoren zählten Basedow, Bellegarde, La Chambre, Dante, Helvetius, d’Holbach, Machiavelli, Meiners, Montaigne, Petrarca, Pope, Robinet, Smith.<a href="#_ftn667" name="_ftnref667" title="">[667]</a>

Die Ordensniederlassungen verfügten je nach Engagement ihrer Mitglieder über einen Bestand an grundlegenden Schriften. Bei der Beschaffung von Lektüre wurde oftmals auf private Ressourcen zurückgegriffen. Jedes Mitglied war verpflichtet, Angaben über Bücher, die sich in seinem Besitz befanden, zu machen. Die Oberen der höheren Grade waren darüber hinaus dazu angehalten, mit Bibliotheken in Verbindung zu kommen und Quellen aufzutun, um den Mitgliedern Bücher, Zeitschriften etc. zugänglich zu machen. Weishaupt war am Aufbau von Logenbibliotheken sehr gelegen, er stellte daher Überlegungen an, wie dies zu erreichen sei: „Eure Bibliothek werde ich selbsten auch mit vielen kostbaren und seltenen Duppleten ver­stärken. Ich erwarte nur gute Gelegenheit, solche überschicken zu können. Es werden auch alle Bücher in triplo, quadruplo und centuplo genommen. Man kann solche verkaufen, und damit die Cassa verstärken, oder an andern Orten Bibliotheken errichten. Nehmen sie also von guten Büchern, was und wieviel sie bekommen.“<a href="#_ftn668" name="_ftnref668" title="">[668]</a> Es sollten vornehmlich moralphilosophische Abhandlungen, Briefliteratur, poetische Werke wie auch naturwissenschaftliche Schriften angeschafft werden. Eine gewisse Vorzugsstellung nahmen Bildungsromane wie beispielsweise Lawrence Sternes Tristram Shandy oder Romane mit anthropologischen Fragestellungen wie Christoph Martin Wielands Agathon ein.

Ausgedehnten Besprechungen von Schrifttum widmete man sich hauptsächlich in den Minervalversammlungen, aber auch in den Versammlungen höherer Grade wurde markante Lektüre behandelt. Für die Minervalen war der Gedanken- und Meinungsaustausch über Gelesenes verpflichtend, er erfolgte innerhalb der Versammlungen nach festem Ritus. Der Leiter der Versammlung verlas eine ihm lohnend erscheinende Stelle aus einem moralphilosophischen Werk. Meist wurde sie so ausgewählt, „daß sie auf eingerissene Fehler, die abgeändert werden müssen“<a href="#_ftn669" name="_ftnref669" title="">[669]</a> paßte. Sie sollte Impuls sein zu anhaltender moralischer Selbsterziehung und immer auch zur Gelehrsamkeit beitragen. Die Adepten sollten während der Zusammenkunft jedoch nicht nur rezipieren. Sie wurden animiert, eigenes Wissen und eigene Gedanken einzubringen. Der Obere fragte im Anschluß an seine Lesung: „ist nicht jemand unter euch, der uns mit seiner eigene Arbeit belehren möchte?“ <a href="#_ftn670" name="_ftnref670" title="">[670]</a> Darauf sollten „die Br. nach der Ordnung entweder eigne, oder von andern eingesandte Arbeiten“ <a href="#_ftn671" name="_ftnref671" title="">[671]</a> lesen. Den Abschluß der Sitzung bildete die Befragung jedes einzelnen: „Dann steht einer nach dem anderen, auf des Obern gegebenes Klopfzeichen auf und wird gefragt: 1. Welches Buch er lese? 2. Was er in der Zwischenzeit vorzüglich gelesen habe?“<a href="#_ftn672" name="_ftnref672" title="">[672]</a> Die Antworten der Adepten wurden protokolliert und in der Versammlung ausgewertet. Rechenschaft über ihre Lesetätigkeit legten sie auch in den quibus licet ab, in breitem Umfang z.B. Amphion {Ludwig Heinrich Reinhard von Röder} und Theobald Brusciato {Identität nicht bekannt}<a href="#_ftn673" name="_ftnref673" title="">[673]</a>.

Dem späteren Kondirektor der Gothaer Hofbibliothek und Verfasser des Nekrologs der Deutschen Adolph Heinrich Friedrich von Schlichtegroll {Gronovius} war die Rechenschaft über sein Lesepensum eine angenehme Pflicht, der er in seinen quibus licet gern nachkam. In einem seiner Berichte beurteilt er Cicero enthusiastisch: „Selten habe ich eine so unterhaltende und lehrreiche Lectüre gehabt als [...] an Cicero von den Pflichten mit Garve’s Erläuterungen. Bei seiner Uebersetzung vergißt man es, daß man einen alten ließet, und seine Erläuterungen zeigen, wie groß die Fortschritte sind, die neuere Denker in der Philosophie gemacht haben.“<a href="#_ftn674" name="_ftnref674" title="">[674]</a> Ihm war Lesen willkommen und er empfand die Beschäftigung mit wertvoller Literatur als bereichernd.

Lesebereitschaft und Leseertrag der Zöglinge waren von den Oberen in den monatlichen Reporten gesondert zu vermerken: „Die fleißigen Berichte der Superioren müssen ausweisen, wie viel Nutzen die Leute aus dieser Lektüre gezogen.“<a href="#_ftn675" name="_ftnref675" title="">[675]</a>  Es mußte deutlich hervorgehen, inwiefern das Lesen der Bildung des einzelnen zugute kam. Weishaupt war sowohl das Verstehen des Gelesenen wie auch die Anteilnahme an dem Dargestellten wichtig. Hatte er den Eindruck, daß die Lektüre keine nachhaltige Resonanz hervorgerufen hatte, monierte er dies ohne Umschweife: „Ihre Lecture gefällt mir recht wohl; aber lesen sie doch so, daß es ihnen dabey ums Herz warm wird.“<a href="#_ftn676" name="_ftnref676" title="">[676]</a>

Daß es zweckmäßig war, zu methodischem Leseverhalten anzuleiten, beweist eine Passage aus dem Lebenslauf des Präfekten von Neuwied Carl Christian Kröber {Agis}. Er beschreibt darin, wie wenig Nutzen er aus wahllos gelesenen Schriften gezogen hatte: „Einen warmen Trieb zum Studieren hatte ich, allein niemand hatte die Barmherzigkeit, mir zu sagen, wie ich mein Studium einrichten sollte. Ich schwärmte deßwegen von einem Buche zum anderen.“<a href="#_ftn677" name="_ftnref677" title="">[677]</a> Die von den Illuminaten angebotene und von ihren Oberen gelenkte Lektüre kam offensichtlich einem Bedürfnis der Zeit entgegen. Die Lektüreliste spiegelt Denkweise und Erwartung der Menschen am ausgehenden 18. Jahrhundert. Im Hinblick auf einen zeitgemäßen Lektürekanon ist bemerkenswert, daß Lichtenberg auf einer seiner mit „zu Lesen“<a href="#_ftn678" name="_ftnref678" title="">[678]</a> überschriebenen Listen vom April 1775 u.a. Robinet, Hume, Pascale oder Sterne aufzählt, die z.T. auch in den Lektüreempfehlungen der Illuminaten zu finden sind. Auch Pestalozzis Bemerkungen zu gelesenen Büchern, die vor allem aus seiner Illuminatenzeit stammen,  belegen die damalige rege Lesetätigkeit der Gesellschaft. Der Illuminatenorden ist wohl der Ort an dem die Leseaktivitäten am besten organisiert betrieben wurden.

Nach einem knappen Jahrzehnt war erreicht, was Weishaupt sich erhoffte, intern entstand Schrifttum, das dem Orden auf unterschiedliche Weise zugute kam. Die Publikationen konnten neben den pensa zur wissenschaftlichen Reputation und finanziellen Autonomie des Ordens beitragen. Es wurden Projekte begonnen und z.T. realisiert, um illuminatische Gedanken einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.  Man vermied es, die Schriften als illuminatische ausdrücklich kenntlich zu machen.

Zwei prominente Beispiele illuminatischer pädagogischer Literatur sind Rudolph Zacharias Beckers Noth- und Hülfsbüchlein und seine „Zeitschrift für die Jugend und ihre Freunde“. Für diese Projekte suchte er Rückhalt, Rat und Unterstützung im Orden, wie ein quibus licet Beckers sowie die darauf bezugnehmende Reproche belegen. Becker schreibt in seinem Bericht: „Mein Advertisement von dem Volksbuch, das ich ausarbeiten will, wird nun nach und nach in aller Bbr. Hände kommen: und ich ersuche sie dafür zu thun, was jeder vermag – Rath oder Geld – und wer kann, beydes.“<a href="#_ftn679" name="_ftnref679" title="">[679]</a> Er erhielt daraufhin die nachstehende Antwort des Basilius: „Wenn mir Anmerkungen über Ihr Volksbuch eingesandt werden, oder ich selbst Zeit und Ursach finden sollte, welche zu machen, so werde ich solche Ihnen brüderlichst mitzutheilen nicht unterlassen. Auch wird sonst geschehen, was zur Beförderung dieses Buches nach den jezigen Zeitläuften möglich ist.“<a href="#_ftn680" name="_ftnref680" title="">[680]</a> Aus der in den GGZ erschienenen Rezension des Volksbuches ist die Intention der Illuminaten zu erkennen, ihren volkspädagogischen Bestrebungen über große Leserkreise zum Erfolg zu verhelfen.  Es sollten „Bücher, von vielen tausenden von Menschen zugleich gelesen, [...] Würkung hervorbringen“<a href="#_ftn681" name="_ftnref681" title="">[681]</a>. Beckers Vorhaben wurde durch den Orden große Unterstützung zuteil.

Dies gilt auch für sein anderes Projekt, obwohl die Zeitschrift für die Jugend anfänglich nicht die volle Zustimmung der Ordensbrüder hatte. Ihm wird mitgeteilt: „Die O.s vorsteher sagen nicht gerne, was sie zum Besten eines oder des andern B.s thun wollen noch gethan haben. Deswegen habe ich Ihnen in Ansehung Ihrer Zeitung, hier weiter nichts zu sagen, man siehet mit Vergnügen die Veränderung, die dieses Jahr in diesem Blatte, mit der Wahl der Materien, oder auch seines Haupttones im Ausdruck gemacht worden.“ <a href="#_ftn682" name="_ftnref682" title="">[682]</a> Beckers Zeitschrift erschien in den Jahren von 1784 bis 1787, also während der aktiven Zeit des Ordens.

Ein weiteres Beispiel illuminatischer Publikationstätigkeit datiert aus dem Jahre 1778. Weishaupt drückt in einem Brief an Hertel und Zwackh seine Zufriedenheit über eine von dem Areopagiten Ernst Leopold Troppanegro {Coriolanus} verfaßte Streitschrift aus: „Bravo! Coriolanus hat seine Sache vortreflich gemacht. Sein Gespräch geht hier reissend ab. Unsre Cassa wird doch auch einen Vortheil davon haben? – Bey einer zweyten Auflag behal­te ich mir vor, Zusätze dazu zu liefern, welches auch andere thun werden.“<a href="#_ftn683" name="_ftnref683" title="">[683]</a> Publikationen des Ordens sollten also auch kommerziell genutzt werden. Bemerkenswert ist, daß Weishaupt in die schriftstellerischen Arbeiten der Mitglieder korrigierend eingreifen wollte. Dem Autor allen Fällen schriftstellerischer Projekte des Ordens lief es so. Christoph Meiners, der Reputation als angesehener Philosoph genoß, konnte selbstbewußt schreiben: „Es wird diese Ostern von mir ein Bändchen von Briefen über die Schweiz erscheinen, von welchen ich glaube, daß sie die Zwecke unsrer G[esellschaft] werden mitbefördern helfen.“<a href="#_ftn684" name="_ftnref684" title="">[684]</a>

Es gab jedoch nicht nur publikatorische Erfolge zu vermelden. Andere Projekte, wie der Vorschlag  zu einem Periodikum, das als „Historisches Museum für Bayern und angränzende Gegenden“<a href="#_ftn685" name="_ftnref685" title="">[685]</a>, in Anlehnung an Schlözers „Staatsanzeiger“, das „Deutsche Museum“ oder Wekhrlins „Chronologen für Deutschland“ konzipiert war, kamen nicht zustande. Ziel dieses Vorhabens sollte es sein, dem Leser eine angenehme historische Lektüre zu bieten. Diese Zeitschrift sollte zudem eine Materialsammlung für die Bildung künftiger Geschichtsschreiber Bayerns werden und auch Beiträge zur Erziehungs- und Schulgeschichte enthalten. 

Contend thyself to be obscurely good.

Addison, Cato

 

VI. Johann Adam Weishaupt als Beförderer der pädagogischen Idee der Aufklärung

 

1. Pädagogische Impulse im postilluminatischen Schrifttum Weishaupts

Um ein umfassendes Bild von der Position Weishaupts zu entwerfen, ist es notwendig, auch seine Tätigkeit nach der Auflösung des Ordens, die sich hauptsächlich in seinen schriftstellerischen Versuchen manifestiert, in den Blick zu nehmen. Daher sollen im folgenden seine weiterführenden pädagogischen Ideen, eingebettet in den Kontext der Aufklärung, aufgewiesen werden.

Den Beginn der fast unfreiwilligen Tätigkeit Weishaupts als Schriftsteller markieren seine apologetischen Schriften. Er wurde über anderthalb Jahrzehnte nach der Aufdeckung des Ordens durch anonyme Schriften, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Pamphleten häufig beleidigt und mit dem Stigma der Verschwörung zur gebrandmarkten Persönlichkeit. In der Schrift Eine Rede über den Illuminaten-Orden aus dem Jahre 1793 behauptet der in hannoverschen Diensten stehende Arzt und Illuminatengegner Johann Georg Zimmermann beispielsweise, die Illuminaten seien trotz des Verbotes weiterhin aktiv: „Beynahe alle unsere Fürsten sind mit Illuminaten umgeben.“<a href="#_ftn686" name="_ftnref686" title="">[686]</a> Sie hätten „nichts verändert als ihren Namen“ und brächten „Despotismus übers Menschengeschlecht.“<a href="#_ftn687" name="_ftnref687" title="">[687]</a> Mit den Mitteln der Übertreibung wird in dieser Schrift ein verzerrtes Bild von den Illuminaten  gezeichnet, das deren eigentlichen Aktivitäten völlig entgegenstand.<a href="#_ftn688" name="_ftnref688" title="">[688]</a> Zimmermann holte zum Rundumschlag gegen „Illuminatismus, Jakobinismus und Philanthropinismus“<a href="#_ftn689" name="_ftnref689" title="">[689]</a> aus, indem er unterstellte, sie speisten sich aus ein und derselben Quelle. Die diesen Bewegungen eigene freiheitlich-aufklärerische Grundhaltung nimmt er zum Anlaß für eine pauschale Verurteilung.

So wie er verhielten sich auch andere Anhänger der Reaktion gegenüber den Illuminaten, besonders Ludwig Adolph von Grolman {Gratianus}, der bis zum Regenten aufgestiegen war. Er setzte seine Kenntnis des Ordens zu harscher Kritik und Polemik ein. Seine Argumentation, vor allem gegen Weishaupt, basiert z.T. auf Unterstellungen. Neben ihm gelten der ebenfalls vormalige Illuminat Leopold Alois Hoffmann {Sulpicius}, Begründer der Wiener Zeitschrift sowie der Prälat und Freimaurer Johann August Starck zu den erklärten Feinden der illuminatischen Idee. Sie machten die Illuminatendebatte zu einem der Hauptthemen in den reaktionären Publikationsorganen wie der Eudämonia oder dem von Starck begonnenen St Nicaise-Streit<a href="#_ftn690" name="_ftnref690" title="">[690]</a>. Sie zeigten sich gut organisiert und vermochten es, die Öffentlichkeit geschickt einzubeziehen. Die von ihnen für die Beweisführung herangezogenen illuminatischen Schriften wurden mit tendenziösen Kommentaren bedacht oder lediglich auszugsweise und ohne Kontext wiedergegeben, in einem bloß buchstäblichen Sionne ausgelegt und nur insoweit sie der Intention ihrer Verfolger dienten, verwendet.

In den apologetischen Schriften erfolgt die gedankliche Neuausrichtung des Weishauptschen Konzeptes, die ihm eine Rehabilitierung verschaffen sollte. Er sieht sich als nicht vollkommen gescheitert an, sondern nimmt die Aufhebung des Ordens zum Anlaß für neue Überlegungen und Klärungen. Weishaupt hat aus seinen Fehlern gelernt: „Das Glück giebt Ueberfluß und äußerliche Ehre, aber beschränkt zugleich die Erkenntniß: und das Unglück entschädigt durch die hohen Weisheitslehren, auf die es führt, um das Bittere zu versüßen.“<a href="#_ftn691" name="_ftnref691" title="">[691]</a> Er wollte also keinesfalls sein Vorhaben aufgeben, deshalb machte er deutlich, daß mit ihm noch zu rechnen war. Fern lag ihm, was seine Gegner erwartet oder erhofft hatten, „daß ich aus Mangel von erheblichen Gegenvorstellungen von nun an verstummen, und in meiner Beschämung und Erniedrigung das Feld räumen würde.“<a href="#_ftn692" name="_ftnref692" title="">[692]</a> Seine Apologetik zeigt, daß die Aufhebung des Ordens den Gründer zur Rekapitulierung seines Tuns und damit zu einer Verdichtung und Konsolidierung seiner Ideen bringt. Die Schwierigkeiten trugen sogar dazu bei, daß seine „Begriffe immer geläuterter und besser“<a href="#_ftn693" name="_ftnref693" title="">[693]</a> wurden. Den Illuminatenorden sah er als einen ersten Versuch einer Bildungsanstalt im Sinne der Aufklärung, die ihre Bildungsarbeit an umfassenden anthropologischen Prämissen ausrichten sollte. Im Blick auf den Entwicklungsweg des illuminatischen Systems stellt er rechtfertigend fest, daß es „von einem sehr kleinen und unbedeutenden Anfang ausgegangen sey, daß nichts in der Welt in seinem ersten Entstehen vollkommen sey.“ Er fügt selbstkritisch hinzu, daß es anfänglich an hinreichender Kompetenz fehlte, daß er „sowohl als alle übrige, die dazu nöthige Ausbildung erst erhalten sollten; daß uns die zu einem solchen Unternehmen nöthige Erfahrung gemangelt.“<a href="#_ftn694" name="_ftnref694" title="">[694]</a> Als Lenker des Illuminatenordens hatte er darauf vertraut, den Weg zu finden und die richtigen Mittel zur Hand zu haben, um persönliche Unzulänglichkeiten zu beheben. Er wollte das Konzept schrittweise verbessern und war darauf bedacht, gegebenenfalls „auch andere aus ihrem Irrthum zu reißen.“<a href="#_ftn695" name="_ftnref695" title="">[695]</a> Es war seine ausdrückliche Intention, seine Ideen mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen und sie zu einem Faktor des Fortschritts zu machen. Auf die Realisierung legte er großen Wert und behauptete von sich selbst, daß er „das Gute nicht blos gekannt, gewollt, oder wie so viele Lehrer nicht blos gelehrt“, sondern, daß er „mehr gethan, daß [er] zu seiner größeren Verbreitung würkliche Anstalten getroffen, daß [er] dazu eine eigene Schule gegründet habe; daß [er] der erste war, der auf diese Art Menschen, von Thorheiten abgewandt, und von Verirrungen zurückgehalten“<a href="#_ftn696" name="_ftnref696" title="">[696]</a> habe.

Der Orden war zur Erreichung seiner Ziele auch darauf eingestellt, sich aus eigener Kraft immer wieder zu erneuern und gegebenenfalls eine andere Richtung einzuschlagen. Das große Entwicklungspotential, das vorhanden war und das man jedem Mitglied zusprach, machte ihn höchst reformfähig, so daß er imstande war, hinderliche Verhaltensweisen und Einstellungen sowie Fehlentwicklungen zu korrigieren, z.B. „allzu enge Schranken niederzureißen, womit Eigennuz und kleinliche Denkungsart die Herzen so mancher verschanzt hat“<a href="#_ftn697" name="_ftnref697" title="">[697]</a> und seine Mitglieder „zu belehren, daß auch Menschen, welche eine andere Religion, eine andere Sprache, andere Regierungsform und Sitten haben, Anspruch auf unsere Liebe, unsere Achtung, und wenn es ohne Abbruch der uns näher gelegenen Pflichten geschehen kann, unsere Hülfe und Beystand zu machen berechtiget sind“<a href="#_ftn698" name="_ftnref698" title="">[698]</a> Hier äußern sich Offenheit und Toleranz und ein Kosmopolitismus, der von mancher Seite dem Vorwurf ausgesetzt war.

Weishaupt konnte in seiner Apologetik mit Fug und Recht behaupten, die Adepten des Illuminatenordens hätten sich durch eine solide Bildung hervorgetan: „ausgezeichnete Kenntnisse in nützlichen und andern Studien aller Art, waren fast allgemeine Kennzeichen“<a href="#_ftn699" name="_ftnref699" title="">[699]</a> und der Orden selbst zeichne sich vor anderen Gesellschaften, wie den Freimaurern, dadurch aus, daß er es nicht bei einem pädagogischen Programm belassen, sondern seine Mitglieder ohne das Zwangsmittel der Autorität vielseitig gebildet habe. Als Bildungsanstalt sei der Orden „Zufluchtsort, eine Heimath der Freyheit“<a href="#_ftn700" name="_ftnref700" title="">[700]</a> geworden.

Daß der Orden im Geheimen operierte, rechtfertigte Weishaupt folgendermaßen: „weil eben das Gute, und nichts so sehr als das Gute so häufige Widersacher hat; weil die Verborgenheit, nach aller Erfahrung, der Sache einen größern Reiz giebt: weil gewisse Dinge nicht für alle Menschen sind, und folglich durch ihre Kundmachung mehr schaden, als nutzen würden; weil gewisse Sachen erst durch gehörige und langwierige Vorbereitung so können verstanden werden, wie man sie verstehen soll; [...] weil die christliche Religion selbst in ihrem Entstehen eine geheime Gesellschaft war, die einen großen Theil ihrer Lehren und Gebräuche verborgen.“<a href="#_ftn701" name="_ftnref701" title="">[701]</a> Bezüglich der Geheimhaltung berief er sich nicht nur auf das Urchristentum, das in seinen Anfängen gezwungen war, sich vor der Öffentlichkeit zu verbergen, sondern auch auf die Pythagoräer. Den Namen Illuminaten glaubt er bei den spanischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert zu finden<a href="#_ftn702" name="_ftnref702" title="">[702]</a>. Der Jesuitenorden war Vorbild für das illuminatische Disziplinierungssystem, die Beobachtungspraxis und das Novizentum.

Die Verwahrung wirksamer Lehren im arcanum besitzt Tradition. Sie erzeugt eine Erwartungshaltung, die  - wenn mit einem Bildungsprogramm verbunden - in hohem Maße motivierend sein kann: „Alle Mitglieder einer geheimen Gesellschaft erwarten etwas mehr, als sie in der Welt hören, sie erwarten mit Recht etwas ausgezeichnetes und großes, etwas, das nicht jedermann weiß.“<a href="#_ftn703" name="_ftnref703" title="">[703]</a> Der Reiz des Verborgenen erscheint Weishaupt als ein pädagogisch bedeutsames Moment, aber er möchte auch auf die Schwächen des Menschen Rücksicht nehmen, ihn mit der Wahrheit nicht unvermittelt konfrontieren, sondern diese allmählich erschließen: „Alle, alle Weltweisen kommen darin überein, daß die Wahrheit unter einer Hülle vorgetragen werden müsse. Nicht aus der Ursache, als ob sie das Licht scheute, sondern, weil die Menschen so schwach sind, sie in ihrer Nacktheit zu erkennen.“<a href="#_ftn704" name="_ftnref704" title="">[704]</a> Die Illuminaten betrachteten es als eine wichtige Aufgabe, eine leistungsfähige Didaktik und Methodik zu entwickeln, das Lernen zu stimulieren und zu intensivieren. Es sollen „neue Beweise, iedem auf seine Art, aufgestellt, das Interesse lebhafter gemacht, und Lagen ersonnen werden, durch welche diese Gedanken zum Bedürfniß gemacht, Menschen aus der Zerstreuung in welcher sie leben, gesammelt, und vor allem andern die Sophismen aufgedekt werden durch welche man die widrigen Folgen zu entfernen sucht.“<a href="#_ftn705" name="_ftnref705" title="">[705]</a> So könnte der Kampf gegen Desinteresse, Autoritätshörigkeit und die falsche schulmeisterliche Praxis geführt werden.

Weishaupt spricht in seiner Schrift Gedanken über die Verfolgung der Illuminaten vom Wert des „geheimem Unterrichts“ – dieser Begriff findet in seiner Apologetik zum ersten Mal Erwähnung – weil er „tiefer in die Seele“<a href="#_ftn706" name="_ftnref706" title="">[706]</a> eindringe. „Ein Unterricht, dessen eigentlicher Urheber unbekannt, vorgetragen von Männern, welchen wir unsre ganze Achtung und Vertrauen geschenkt, an einem Ort, von welchem alle Zerstreuung entfernt ist, zu einer Zeit, wo wir das Bedürfnis darnach fühlen, das man unmerklich in uns erweckt: ein Unterricht, der uns gegeben wird, nachdem man vorher alles sorgfältig entfernt, was eine günstige Wirkung erschweren könnte, ganz nach unserm dermaligen Fassungsvermögen eingerichtet, vorgetragen, im Mittel gleichgestimmter, von uns verehrter Menschen, in einer feyerlichen Stille, dargestellt als Mittel, um an das Ziel unsrer eifrigsten Wünsche zu gelangen, und eben darum zum Geschäft, zur eigenen Lebensangelegenheit gemacht, durch häufige zweckmäßige Uebung beständig erneuert, und noch vollends uns allein, aus bloßem Vertrauen, Liebe und Wohlwollen mitgetheilt, allen übrigen verborgen und unbekannt.“<a href="#_ftn707" name="_ftnref707" title="">[707]</a> Er verspricht sich von „geheimem Unterricht“, daß die Adepten Voreingenommenheiten nicht so leicht entwickeln können. Der Initiator werde nicht genannt, die Lehrenden seien genötigt, sich, unter Wahrung der gebotenen Distanz, die Akzeptanz der Lernenden zu verdienen. Der Schüler sollte das Bedürfnis nach Unterweisung haben, das Lernen individualitätsgerecht unter Gleichgesinnten an einem Ort der Abgeschiedenheit lebenslang geschehen. Weishaupt war von der überlegenen Wirksamkeit des geheimen Unterrichts überzeugt: „Ich kenne kein besseres Mittel, die individuelle Gedenkungsart, Karakter, Talente, Fähigkeiten der Menschen auf das genaueste zu erforschen, Erfahrung, Welt- und Menschenkenntnis zu sammlen, sich in Führung der Menschen, fern von aller Gewaltthätigkeit, zu üben, gesunde Grundsätze zu verbreiten, [...] Reiz für Tugend und Sittlichkeit zu erwecken, auf das Innere der Menschen zu wirken, und die Verbindlichkeit zu natürlichen sowohl, als bürgerlichen Pflichten zu verstärken.“<a href="#_ftn708" name="_ftnref708" title="">[708]</a>

Die „feierliche Stille“ hält Zerstreuung und Ablenkung von den Lernenden weitgehend fern und begünstigt konzentrierte Arbeit. Nicht bloß Wissen, sondern auch Einfühlungsvermögen und pädagogisches Engagement der Lehrkraft werden bald erkennbar und auch, ob die Einstellung des Lehrenden von Wohlwollen, wie es Weishaupt gefordert hat, getragen wird, ob sie dem Wortsinne nach wahre Philanthropen sind. Der Lehrer selbst sei Vorbild in dem, was die Zöglinge erreichen sollen: „Mache dich innerlich so vollkommen als du kannst, versuche das nemliche bey andern, und lehre sie ein Gleiches zu thun. Verlange nicht mehr und sey ruhig, betrachte alles übrige als Gewinn, und überlaß es der Vorsicht und dem Gang der Zeit. Die Folgen werden sichtbar werden, wenn die Zeit dazu gekommen ist.“ <a href="#_ftn709" name="_ftnref709" title="">[709]</a> Und er brauche Geduld für seine Unterrichts- und Erziehungstätigkeit, eine Tugend, die erlernt werden könne.

Weishaupt forderte ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrer und Zögling, das auch Kritik seitens des Zöglings ermöglichte. Lehrende sollten sich des Zwecks ihrer Tätigkeit und ihrer Verantwortung bewußt und zu Selbstkritik fähig sein: „Allzeit ist der Fehler an dem Lehrer der Wahrheit, an der Art seines Vortrages, wenn er Widerstand findet. Er glaubt so gern, was ihm bewiesen scheint, müße eben darum allen anderen nicht weniger bewiesen seyn; er bedenkt nicht, daß sich ieder die Sache nur auf seine Art denken kann, und daß es offenbare Gewaltthätigkeit und unordentlicher Geisteszwang ist, von dem andern zu fordern, daß er an sich geschehen lasse, was man an sich selbst niemahls erfahren will.“<a href="#_ftn710" name="_ftnref710" title="">[710]</a> Es ist das Verdienst der Aufklärungspädagogik, dem Zögling Individualität zuerkannt und ihm dadurch den Weg zu eigenständigem Denken und kritischem Umgang mit der Welt geebnet zu haben. Weishaupts Forderungen decken sich mit den pädagogischen Neuerungen seiner Zeit. Aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit den Methoden der Jesuiten in Ingolstadt plädierte er für taktvolle Distanz zwischen Lehrer und Schüler, „wenn sich jeder in die Lage des andern dächte, wann er diesem nichts thäte, was er nicht wollte, daß ihm selbst widerfahre, wenn jeder dem andern helfen und ihn lieben würde, wenn jeder alle niedrige Güter nicht so übermäßig, nur als Mittel seiner innern Vervollkommnung begehren würde.“<a href="#_ftn711" name="_ftnref711" title="">[711]</a> Vornehmlich jedoch müßten sich Lehrende darum bemühen, diesen habituell zu machen. In den zentralen pädagogischen Gedanken in Weishaupts Apologetik kommt der Kern des Illuminatismus zum Vorschein, das politische und pädagogische Engagement des Ordens. In seinen späten Schriften wollte er der Welt beweisen, daß er integer war und lebte, was er gelehrt hatte<a href="#_ftn712" name="_ftnref712" title="">[712]</a>.

Erwähnenswert ist eine Schrift, deren Idee mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits der Illuminatenzeit entstammte und deren Kürze nahelegt, daß sie ursprünglich als Aufsatz im Sinne eines illuminatischen pensums konzipiert war: Ueber die Schrecken des Todes. Sie wurde parallel zu den ersten apologetischen Schriften sowie zu der 1786 beginnenden Auseinandersetzung Weishaupts mit Kant veröffentlicht. In ihr beschäftigt er sich mit dem Tod, der in vielfältiger Weise dem Leben begegnet und in es eingreift. Weishaupts Lebenseinstellung ist vom Gedanken der steten Gegenwärtigkeit des Todes geprägt<a href="#_ftn713" name="_ftnref713" title="">[713]</a>: „Aus der Vergessenheit unsrer Sterblichkeit schreiben sich unsere Entwürfe und Plane her; diese bleiben unvollendet, denn sie reichen über unsere Jahre hinaus, und erschweren den Übergang in ein Leben, wo höhere Gegenstände unsre Kräfte beschäftigen, und alle Geschäftigkeit der Erde bis zum Kinderspiel herabsezen.“<a href="#_ftn714" name="_ftnref714" title="">[714]</a> Dem Ende des Lebens wird bei der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst in der Regel mit Schaudern begegnet. Nach Weishaupts Auffassung ist die häufig anzutreffende Abwendung vom Tod, das Ausklammern der Endlichkeit des Lebens aus dem Bewußtsein, ein gravierender Fehler. Der Tod sollte bei der Gestaltung des Lebens miteinbezogen werden. Weishaupt geht sogar soweit vorzuschlagen, der Mensch sollte aus der Erkenntnis seiner Endlichkeit dem Leben Sinn und Ausrichtung geben: „Unternimm etwas, das ewig dein ist, was keine Zeit und keine Ewigkeit von dir trennen kann. Und was ist so sehr dein als du selbst, als die Aeusserungen und Entwicklungen deiner Kräfte, als die innre Vollkommenheit, die du hier unten erworben?“<a href="#_ftn715" name="_ftnref715" title="">[715]</a>

Dieser Gedanke ist ihm Anlaß, um zum Handeln aufzurufen und das memento mori für sein pädagogisches Anliegen zu nutzen. Für Weishaupt war das Ende des menschlichen Lebens der Übergang in eine andere, bessere Daseinsform. Der irdische Lebensweg ist lediglich Präludium in höhere Erkenntniswelten. Die Konfrontation mit der Todesthematik verhelfe dem Menschen zu einer Seelenruhe, die ihn die Vorfälle des Lebens mit Gleichmut ertragen lasse. Ein Mensch, der sich in diesem Sinne verhalte, laufe weniger Gefahr, sich von äußeren Einflüssen oder Gefühlen stören zu lassen: „Aus der Seelenruhe, aus der Gleichheit des Geistes ganz allein kann der ächte Schüler der Weisheit erkannt werden.“ <a href="#_ftn716" name="_ftnref716" title="">[716]</a> Wer innerlich unruhig ist, lebt fern der Weisheit: „so lang du noch unruhig bist, den Neid fühlest, vor den Schrecken des Todes erzitterst, so lang du dich noch ärgerst und nicht die Kunst verstehest, aus allen Vorfallenheiten des Lebens Vergnügen zu ziehen, so lang ist deine Weisheit sowohl als Glückseligkeit schwach und unvollendet.“<a href="#_ftn717" name="_ftnref717" title="">[717]</a> Gleichmut verändert die Sicht auf Ereignisse und Umstände. Der gleichmütige Mensch räumt dem unmittelbaren Erleben weniger Bedeutung ein, er konzentriert sein Handeln auf sein geistiges und seelisches Fortkommen. Die Umorientierung hin zum Gleichmut vollzieht sich langsam. Es bedarf daher der sukzessiven Unterweisung und korrektiven Auseinandersetzung mit den Geschehnissen, um den Menschen dahin zu bringen, seine Lage zu verstehen, sie einzuschätzen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für sich zu nutzen: „Vergleicht euch nicht mit falschen Idealen, vergleicht euch mit dem Zweck der Welt: und ihr werdet finden, daß euch nichts mangele, daß ihr alles seyd, was dieser erfordert, und dieser erfordert ein stuffenweises Besserseyn; und dieses stuffenweise Besserseyn erfordert, daß ihr nicht schon im Anfang seyd, was ihr später werden sollt.“<a href="#_ftn718" name="_ftnref718" title="">[718]</a>

Das Wissen um den Tod kann zum Antrieb werden, sich bestmöglich zu entwickeln und zu bilden, sich zu bemühen, innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges seinen Platz zu finden und sich dienend in die bestehende Ordnung einzugliedern: „Höre also auf, thörichte Wünsche zu fassen, füge dich als ein Theil in die Ordnung und die Gesetze des Ganzen.“<a href="#_ftn719" name="_ftnref719" title="">[719]</a> Doch dazu braucht der Mensch Unterstützung durch andere. Die Pädagogen sollen ihn an dem mentalen Ort, an dem er sich befindet, abholen, ihn Stufe für Stufe weiterführen. Abholen, das heißt, zöglingsgerecht agieren. Für Knigge ist dies ein elementarer „Grundsatz der Kinder-Erziehung“<a href="#_ftn720" name="_ftnref720" title="">[720]</a> In einem Brief an Weishaupt schreibt er, daß man sich dem, den man erziehen wolle, „gleich stellen [...] muß, um etwas auszurichten.“<a href="#_ftn721" name="_ftnref721" title="">[721]</a>

Um die rechte Lebenseinstellung zu finden, soll man sich freihalten von negativen Erfahrungen. Sie seien die Ursache unseres Leidens und beruhten auf Irrtümern und unlauteren Motiven. Deshalb sei es geboten, daß der Mensch seine Handlungen und die zugrundeliegenden Absichten analysiert und die wahren Ursachen des Elends aufdeckt. Man werde dann erkennen, „daß es eine gewisse Stimmung des Geistes gebe, welche über das Mißvergnügen erhebt, daß unser Elend nicht unheilbar sey, daß sich mit der Läuterung unserer Absichten unser Vergnügen vermehre, daß die Klagen der Menschen unleugbare Beweise von der Unlauterkeit ihrer Absichten seyen, daß jede unlautere Absicht ein Irrthum des Verstandes sey, der Mißvergnügen zur Folge hat.“<a href="#_ftn722" name="_ftnref722" title="">[722]</a> Eine lautere Gesinnung hingegen läßt jegliches Unglück ertragen.

Dem Zusammenhang zwischen dem Leiden und den sog. Handlungsursachen, geht Weishaupt den beiden Schriften Apologie des Mißvergnügens und des Uebels sowie Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts nach. In ihnen erläutert er in Form eines Dialogs seine Vorstellung von einem bewußt handelnden Individuum; es ist imstande, seine Absichten zu korrigieren. In dem drei Teile umfassenden ersten Lehrgespräch Apologie des Missvergnügens treffen zwei gegensätzliche Auffassungen vertretende Protagonisten aufeinander. Eine an Weishaupt gemahnende Ich-Figur kommt mit einem als „Leidender“ charakterisierten Archetypen ins Gespräch. Beide legen in einer Debatte über den gesellschaftlichen Zustand der Welt ihre Auffassung dar. Der Leidende, der pauschalierende ins Negative verkehrte Ansichten vertritt, wird nach und nach durch die Argumente des starken Ichs davon überzeugt, daß sein Leiden auf seinen Standpunkt, den er der Welt gegenüber einnimmt, zurückzuführen sei. Ihm wird im Verlaufe der Konversation auseinandergesetzt, daß seine Haltung nicht Resultat der auf ihn wirkenden Einflüsse ist, sondern aus seiner irregehenden Sichtweise auf die Dinge resultiert. Er wird zu der Einsicht geführt, daß eine Korrektur von Intentionen und Handlungen die Gemütslage wandeln kann und so zum glückseligen Leben führt.

Weishaupt kritisiert damit eine häufig bei Menschen, die sich schwierigen Situationen gegenübersehen, anzutreffende passive Haltung. Sie sind geneigt, den äußeren Umständen nachzugeben und machen häufig andere für ihre Situation verantwortlich. Wenn dies wirklich zuträfe, konstatiert Weishaupt, dann „sind die Gegenstände außer uns, unsere Herren und Gebieter; wir sind nichts weiter als ihre Sklaven, ihre Machinen auf welchen jeder nach Gefallen sein Spiel treibt. Wir hangen von allem ab; nichts hängt von uns ab; sie sind die einzigen thätigen Geschöpfe, wir sind bloß leidende Geschöpfe, ohne alle Wirksamkeit und Kraft, oder wozu hätten wir solche, wenn es so unmöglich ist, entgegen zu wirken?“<a href="#_ftn723" name="_ftnref723" title="">[723]</a> Er propagiert die Eigenständigkeit des Individuums, indem er aufzeigt, daß dem Menschen Entscheidungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume gegeben sind und er selbst für sein Tun verantwortlich ist.

Da Urteile über Handlungen zu fällen, keineswegs zu den notwendigen Einsichten führt, ist es erforderlich, den Motiven der jeweiligen Handlung nachzuspüren: „Die Ursachen der menschlichen Handlungen, sowohl als ihre  Unterlassungen, sind keine anderen als die Absichten, welche jeder Handelnde hat, das vorhergesehen Gute, das er durch solche hervorbringen will. Diese Absichten mußt du erforschen, diese müssen dir bekannt seyn.“<a href="#_ftn724" name="_ftnref724" title="">[724]</a> Das Erkennen von Handlungsabsichten gehört nicht zu den Fähigkeiten, über die ein Mensch von sich aus verfügt. Er ist dazu nur durch gezielte und vorurteilslose Beobachtung und dadurch nach und nach erworbene Erfahrung in der Lage. Zum Erkennen von Intentionen und Motiven stellt Weishaupt eine Beobachtungsmethode bereit. Er illustriert sie am Beispiel des Lernverhaltens und rät, folgendermaßen vorzugehen: „mache dir alle mögliche Absichten und Zweke bekannt, welche du bei verschiedenen Menschen, bei ihrer Begierde zu lernen bemerkt hast [...]. Diese zeichne sehr fleißig auf, um bei anderen ähnlichen Fällen davon Gebrauch zu machen.“<a href="#_ftn725" name="_ftnref725" title="">[725]</a> So ermittelt er beispielsweise die Motivation, die eine Neigung zum Lernen auslöst. Er gibt zehn Motive vor, läßt von den genannten lediglich zwei gelten: „um Andern dadurch zu nuzen“<a href="#_ftn726" name="_ftnref726" title="">[726]</a> und „aus Überzeugung seiner inneren Verbindlichkeit und Verbindlichkeit, um sich über seine wahre, dauerhafte Verhältnisse aufzuklären, um seine höhere Bestimmung zu erfüllen, seine Seelenkräfte zu entwicklen, seinen Willen zu vervollkommnen, höhere Bewegungsgründe für die Sittlichkeit zu erhalten.“<a href="#_ftn727" name="_ftnref727" title="">[727]</a> Anderen wie „Zwang“, „um anderen Menschen zu gefallen, sie zu unterhalten“<a href="#_ftn728" name="_ftnref728" title="">[728]</a> oder „um des Unterhalts willen“<a href="#_ftn729" name="_ftnref729" title="">[729]</a> räumt er keine oder nur bedingt Berechtigung ein. Indem er aufzeigt, daß sich für die zunächst unerklärlich scheinenden Handlungen des Menschen Gründe und Nachweise finden lassen, rüttelt er an dem „Glauben an die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Herzens“.<a href="#_ftn730" name="_ftnref730" title="">[730]</a> Anhand von Analogien sollte es nach seiner Auffassung möglich sein, dem Wesen eines Menschen auf den Grund zu kommen und Strategien zur Verbesserung von Absichten und damit Handlungen zu entwickeln. Das bedeutet, daß der Mensch seine Motive verändert, daß er „endlich auf eine Absicht stoßen muß, die ihn beßer befriedigt“.<a href="#_ftn731" name="_ftnref731" title="">[731]</a> Dazu ist es geboten, negative Strebungen im eigenen Denken und Handeln zu erkennen und sie zu läutern.

Unlautere Absichten sind erst ausgemerzt, wenn das persönliche Interesse im Einklang mit ethisch vertretbaren Normen steht. Die Nichtbeachtung des ethischen Prinzips, der Wunsch, daß „die Leidenschaft [...] der Richter ist“<a href="#_ftn732" name="_ftnref732" title="">[732]</a>, führt in Verstrickung und Leiden. Deshalb appelliert Weishaupt an den Menschen, Geduld im Leiden zu haben, seine wahre Bestimmung durch „durch alle Hindernisse [zu] verfolgen, sich durchaus gleich [zu] bleiben, aufrecht [zu] halten, aus[zu]dauren, und sich allein in unhörbaren Selbstgesprächen [zu] ermuntern.“<a href="#_ftn733" name="_ftnref733" title="">[733]</a> 

Die Ideen der Apologie des Mißvergnügens, die wohl noch in die Zeit von Weishaupts Wirken für den Orden fallen<a href="#_ftn734" name="_ftnref734" title="">[734]</a>, erfahren eine Fortsetzung in einem zweiten Dialog, der von manchem ehemaligen Illuminaten sehnlichst erwartet wurde.<a href="#_ftn735" name="_ftnref735" title="">[735]</a> Dieser wurde zwischen einem als „Zweifler“ und der schon bekannten Ich-Figur aus dem vorigen Band geführt. In der Schrift Geschichte der Vervollkommnung des menschlichen Geschlechts, die ein Jahr nach der Apologie erschien, ist das Ziel des Lehrgesprächs, zu erkennen, daß der Mensch sich und andere zur Vollkommenheit bringen kann. Voraussetzung hierfür ist die Beherrschung seiner selbst. Der Gedanke vom Menschen als sich selbst überantwortetem Wesen wird hier wieder aufgegriffen und weiter ausgeführt. Der Mensch an sich besitzt nicht nur die Fähigkeit, sich zu seinem Besten zu entwickeln. Er kann gleichzeitig anderen Beistand gewähren, indem er ihnen hilft, die Ursachen ihrer Umstände zu erkennen sowie die Beweggründe ihrer Absichten zu veredeln: „Wir sind Zweck und zugleich um unsrer selbstwillen sind wir Mittel, und wir müssen beitragen, selbst durch Unfälle und widrige Schicksale beitragen, damit auch andere werden, um diese Ordnung zu gründen, um sie immer höher und anschaulicher zu machen, um dadurch die Quellen unsers Vergnügens zu mehren.“<a href="#_ftn736" name="_ftnref736" title="">[736]</a> Diese Hilfeleistung hat zur Voraussetzung, daß er, ohne natürlich in seiner Entwicklung einzuhalten, demjenigen, dem er die Hand bieten soll, voraus ist, d.h., den Zustand verkörpert, den  es zu erreichen gilt.

Weishaupt spricht in diesem Zusammenhang von dem Unterweisenden als einem Seelenarzt, der dem Menschen so nötig sei wie der Arzt des Körpers. Daraus wird ersichtlich, daß er – wie die Pioniere der Psychologie im 18. Jahrhundert - dieser Wissenschaft eine beträchtliche Bedeutung beigemessen hat. Weishaupts Gedanken bewegen sich in diesen beiden Schriften um Kernideen der Pädagogik. Er konstatiert die Bildsamkeit des Menschen und räumt ihm Chancen ein zu einer ethischen Existenz, die er aus sich selbst heraus aufbauen kann. In der Vermittlung für andere festigt der Mensch überdies das, was er weiß und zeigen kann. Weishaupt würdigt die besonderen Möglichkeiten des Lernens durch Lehren. Beide Tätigkeiten sie ergeben sich als natürliches Bedürfnis des Menschen. Der Lehrende, der mit wachem Bewußtsein handelt, ist am ehesten in seinem Tun unabhängig von persönlicher Voreingenommenheit und weiß, woran es dem Lernenden in seiner Entwicklung noch mangelt. Ungeachtet der jeweiligen Situation gehören Bewußtheit und Selbstkontrolle zum Handeln eines jeden aufgeklärten Menschen. Sie sind im Verein mit der Übung Voraussetzung für den Zugewinn an Erfahrung und Erkenntnis: „Wir lernen also, bei einer künftigen Gelegenheit manche Umstände, die uns sehr unbedeutend waren, als wichtiger zu betrachten, und den Gegenstand selbst von allen Seiten zu beleuchten. was kann es also schaden, wenn die ersten Versuche mißlingen? Wer ist jemals ohne Fehler klüger geworden? Die Übung wird unsern Blick verfeinern, wird machen, daß wir nach und nach glüklicher rathen. Durch die Uebung bilden wir uns zu jedem Geschäft.“<a href="#_ftn737" name="_ftnref737" title="">[737]</a> Mit dem Hinweis auf die Übung unterstreicht Weishaupt ein wesentliches Element seines Konzepts, wie er es bisher vertreten hatte, und betont die Wichtigkeit des Übungsgedankens auch für künftige pädagogische Unternehmungen.

In der Trilogie Über Wahrheit und sittliche Vollkommenheit wollte Weishaupt die Physiologie der Seele ergründen, deren Pathologie darstellen, praktische Weltweisheit vermitteln sowie Anleitung zu Lebensweisheit und Glückseligkeit geben. Im Hinblick auf die Bildung des Menschen bekräftigte er die Notwendigkeit für den Erzieher, die Anlagen des Menschen zu beachten: „Wer den Menschen heilen und bessern will, muß daher offenbar, dahin arbeiten, daß er ihn zu dem mache, was er seiner Natur und Anlage nach werden kann und soll. Bei der Besserung und Veredlung der Menschen kommt daher alles auf die Begriffe an, welche jeder von dem hat, was der Mensch werden kann, welchen Begriff sich jeder von dem gesunden und mangelfreien Zustand der Seele macht, worinn jeder die Vollkommenheit sieht. Sind diese Begriffe falsch, so werden aus dieser Schule nichts anderes als sittliche Carricaturen hervorkommen.“<a href="#_ftn738" name="_ftnref738" title="">[738]</a> Obwohl das, was jeder einzelne vermag, den jeweiligen Entwicklungsweg bestimmt, ist es unumgänglich, Bildung und Erziehung an einer ethischen Norm zu orientieren. Diese findet Ausdruck im Begriff der sittlichen Vollkommenheit, an dem Weishaupt sämtliche pädagogischen Ziele und Maßnahmen ausrichtet. Die Frage „was ist alle Erkenntnis, wenn sie nicht beruhigend ist?“<a href="#_ftn739" name="_ftnref739" title="">[739]</a> macht auf einen wichtigen pädagogischen Anspruch aufmerksam. Der Lehrende ist verpflichtet, sich zu „bestreben, das, was ungewiß ist, gewiß zu machen.“<a href="#_ftn740" name="_ftnref740" title="">[740]</a> Er ist nicht nur zur Wissensvermittlung sowie zur Entwicklung seines Einfühlungsvermögens verpflichtet, er muß darüber hinaus in dem, was er als Pädagoge tut, Standfestigkeit zeigen und dem Zögling Gewißheit geben können.

Weishaupt stellt die Bedeutung der Erkenntnis für die Vervollkommnung des Menschen heraus und greift den Gedanken der Glückseligkeit als Bestimmung des Menschen wieder auf. Glückseligkeit könne nur dann erreicht werden, wenn das, was der Mensch für sich erkannt hat, stetig überdacht und u.U. revidiert werde. Der Wert der Erkenntnis bestimmt sich danach, in welchem Maße sie zur Glückseligkeit führt, die im Zuge praktischer Erkenntnis erreicht werden kann. Theoretische Erkenntnisse dienen lediglich der Untermauerung der Praxis. Es kommt daher nicht darauf an, sich immer neue Erkenntnisse zu verschaffen, sondern das einmal Erkannte optimal für die eigenen Belange zu nutzen. In einer weiteren Schrift Die Leuchte des Diogenes, die  1804 erschien, erläutert Weishaupt, daß es des planmäßigen Vorgehens bedarf, um auf den Weg der Vervollkommnung zu gelangen: „Wo kein Plan ist, da ist auch keine Weisheit, da geschieht alles durch die Gewalt des Ungefährs.“<a href="#_ftn741" name="_ftnref741" title="">[741]</a> Diese Erkenntnis beruht u.a. auf den Erfahrungen aus der Anfangsphase des Illuminatenordens. Planmäßigkeit stützt den pädagogischen Prozeß, der Mensch braucht klare Zielvorstellungen und darf nicht „ohne weitere Zurechtweisung sich selbst überlassen werden“<a href="#_ftn742" name="_ftnref742" title="">[742]</a>. Wer pädagogische Weisungen geben will, „muß ein Ziel vor den Augen haben.“<a href="#_ftn743" name="_ftnref743" title="">[743]</a> Ist der Erzieher sich seines Zieles bewußt, kann er erfolgreich an der Verbesserung der Welt arbeiten. „Wohlthäter des Menschengeschlechts“<a href="#_ftn744" name="_ftnref744" title="">[744]</a> oder gar „Schöpfer einer neuen und bessern moralischen Welt“<a href="#_ftn745" name="_ftnref745" title="">[745]</a> könne er nur werden, wenn es ihm „gelingen würde, die Begriffe von gut und bös, recht und unrecht, wahr und falsch zu fixieren, und die Menschen von dem alle Moral und Vernunft vernichtenden Wahn zu heilen, als wenn diese Begriffe blos relativ oder die Folge einer Konvention und Verabredung wären, als wenn es keine absolute Güte, Wahrheit und Recht gäbe.“<a href="#_ftn746" name="_ftnref746" title="">[746]</a> Mit dieser Einschätzung verweist Weishaupt auf die Grenzen von Erziehung und Bildung. Mögen diese auch dazu beitragen, dem Menschen zu seiner Bestimmung zu verhelfen, können sie doch nicht die Urkonflikte des menschlichen Wesens lösen. Sie bedürfen, um an dieser Klippe nicht zu scheitern, der ethischen Orientierung. Obwohl der Mensch bildsam ist und Erziehung und Bildung möglich macht, bewegt sich der Pädagoge auf schwierigem Terrain. Er sieht sich der diffizilen Aufgabe gegenüber, das Gleichgewicht zwischen angestrebtem Ziel und freier Entwicklung zu wahren. Dazu braucht er Offenheit und Flexibilität, wodurch wiederum eine objektive und prinzipienfeste Orientierung fragwürdig wird.  Weishaupt geht in seiner Zeitschrift „Materialien zur Beförderung der Welt- und Menschenkunde“ sogar so weit zu behaupten, daß jede pädagogische Position zwangsläufig relativ sei, weil die Bestimmung der Wirklichkeit nicht eindeutig gelinge: „Wer kann wissen, ob es nicht wir selbst sind, welche alle Realität und Gesetze in die Welt denken? ob es wirklich Gegenstände außer uns giebt? ob nicht ich selbst der Schöpfer dieses Ganzen, mein eigener Lehrmeister und Schüler bin?“<a href="#_ftn747" name="_ftnref747" title="">[747]</a>

Handeln müssen in nicht eindeutiger Situation, das ist das grundlegende Dilemma der Pädagogen. Sie dürfen aber nicht die Möglichkeiten des Menschen unterschätzen und sich in Untätigkeit flüchten. Sie sind herausgefordert, müssen bereit sein zum Wagnis und auf die Vernunft bauen:  „Wer der Vernunft Stillstand gebieten, und dem Menschen sagen darf: bis hierher und nicht weiter sollst du gehen“ muß „dadurch beweisen, daß er selbst an der Gränze aller menschlichen Wißbegierde und Thätigkeit stehe, oder es liegt ihm ob, zu zeigen, wo diese Gränzen sind, und gesucht werden müssen.“<a href="#_ftn748" name="_ftnref748" title="">[748]</a> Da dies niemand vermag, ohne in der einen oder anderen Richtung restriktiv zu wirken, besteht die Aufgabe eines Lehrenden darin, stets eingedenk des bestehenden Risikos und der eigenen Fehlbarkeit zu handeln. Sich Irrtümer einzugestehen, sie als Teil der eigenen Wesenheit anzunehmen und entsprechend auch mit den Fehlern anderer umzugehen, gehört zu den pädagogischen Aufgaben der Lehrenden. Sie müssen sich bewußt sein, daß der Mensch „seiner Natur nach ein Sklave seiner Angewöhnung“<a href="#_ftn749" name="_ftnref749" title="">[749]</a> ist. Es geht aber darum, ihn aus dieser Rolle herauszuführen. Diese Möglichkeit besteht, weil die Gewöhnung des Menschen „seine weitere Veredlung nicht ausschließt, sobald es möglich ist, daß sich mit den Umständen die Ursachen verändern.“<a href="#_ftn750" name="_ftnref750" title="">[750]</a>.

Eines der Hauptthemen, denen sich Weishaupt in dieser Schrift zuwendet, betrifft den Streit der „Schule mit der Welt“, d.h., die Diskrepanz, die zwischen vermitteltem Wissen, idealen Lehrgebäuden und ihrer Verwirklichung besteht. Er sieht hierin das Haupterschwernis bei der Bildung der Gesellschaft. Auch kann vieles von dem verfügbaren Wissen nicht zur Anwendung gebracht werden, da es sich der Lebenswelt der meisten Menschen entzieht. Der Praktiker und der Theoretiker, „Weltmann“ und „Philosoph“, vermögen es aufgrund ihrer nahezu gegensätzlichen Wahrnehmung der Welt nicht, sich einander zu nähern. Weishaupt sieht den Grund für diese Unzulänglichkeit nicht primär bei den geistigen Kapazitäten des Weltmanns, sondern glaubt, daß Gelehrte sich weniger zu einer Annäherung bewogen fühlen könnten: „Mir ahndet sogar, der nur in der Erfahrung und in Thatsachen lebende Weltmann werde der friedlichen Annäherung weniger Hindernisse entgegen stellen, als der von seiner Theorie geblendete und irre geführte Philosoph.“<a href="#_ftn751" name="_ftnref751" title="">[751]</a> Die bei Weishaupt anzutreffende  äußerst kritische Haltung gegenüber der Welt der Gelehrsamkeit besteht vor allem gegenüber bereits etablierten Erziehungseinrichtungen, denen er vorwarf, sie würden ihren Schülern das Leben vorenthalten und sie statt dessen mit Theorien überfrachten. Er hegt sogar den Verdacht: „Unsere Großen fürchten die Wahrheit; unsere Lehrer erfüllen die Köpfe ihrer Zöglinge mit Wortkram, Hypothesen, Speculationen und Sophistereyen.“<a href="#_ftn752" name="_ftnref752" title="">[752]</a>

Trotz seiner Skepsis sieht er in den Philosophen mehr als in den Weltmenschen das Potential, Menschen zu unterweisen und zu bilden. Ihre Bildung verpflichtet sie dazu, ihre Mitmenschen für die Bildungsgüter zu interessieren und ihnen eine Teilhabe zu ermöglichen. Ganz besonders die Schriftsteller, zu denen er sich beim Erscheinen der „Materialien“ bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten selbst zählte, sollten sich als Menschheitslehrer verstehen. Schriftstellern und Philosophen allein hätte man jedoch diese Obliegenheit nicht übertragen können. Weishaupt sah in ihnen nicht die Hauptakteure auf dem Gebiet der Bildung, sondern verlangte lediglich den ihnen möglichen Beitrag. Die volle Verantwortung zur Bildung des Menschen konnte im Grunde nur von der Gesellschaft als Ganzes übernommen werden. Sowohl der Staat und als auch die Kirche sollten sich aufgrund der ihnen offenstehenden Möglichkeiten dazu verpflichten, den Menschen in das Zentrum ihrer Bemühungen zu stellen: „Dann ist der Mensch nicht Mittel sondern Zweck, und kann von seinen Führern verlangen, daß er als solcher behandelt, und seiner Bestimmung gemäß gelehrt und erzogen werde.“<a href="#_ftn753" name="_ftnref753" title="">[753]</a>

In seinen späteren Schriften, also nach den Ereignissen der französischen Revolution, nimmt Weishaupt in Fragen des Staatswesens und der Regierungsform eine indifferente Position ein. Aufgrund der Erfahrungen während der turbulenten Revolution war er zu dem Schluß gekommen, daß es letztlich keine immer gültige Staatsform geben könne: „Eine Regierungsform, welche für alle Zeiten und Völker paßt, muß daher mit Recht in das Land der Träume verwiesen werden.“<a href="#_ftn754" name="_ftnref754" title="">[754]</a> Für ihn war die Abhängigkeit der Pädagogik von der herrschenden Staatsform unbezweifelbarer Tatbestand und er meinte, daß Erziehung und Bildung nur so gut sein könnten, wie die jeweilige staatliche Ordnung dies zuließe. Seine Hoffnung war, der Staat möge „nie vergessen, daß er selbst ein Theil, eines ungleich größern Ganzen ist. Er sollte bedenken, daß seine ihm zugetheilte Rolle temporär und vorübergehend ist. Er sollte wissen, was aus diesem Ganzen werden soll, wohin sich am Ende alles neigt.“<a href="#_ftn755" name="_ftnref755" title="">[755]</a> Weishaupt wollte dem Staat pädagogische Verantwortung übertragen und ihm die Aufgabe zuweisen, den Menschen Möglichkeiten zu ihrer Entfaltung zu bieten. Der Illuminatenorden sollte den Staat unterstützen, auch deshalb wollte er – wie er 1782 in einem Brief an die Münchner Areopagiten ausführt - das Gradsystem von vornherein so gestalten, daß Regenten zu gegebener Zeit ihre Staaten an dem Vorbild und den Prinzipien der Illuminaten hätten ausrichten können: „Die Machine muß so einfach werden, daß sie ein Kind dirigiren, und in Bewegung setzen kann. Hoc nondum est: sie wäre es aber, wenn man mich nicht gehindert hätte. Die Grade müßen nicht nur allein nichts für uns gefährliches, zweydeutiges enthalten, sondern sie müßen so eingerichtet seyn, daß uns Fürsten bitten, sich in ihren Landen niederzulassen, und solche ein­zurichten.“<a href="#_ftn756" name="_ftnref756" title="">[756]</a>

Er hatte die Verbindung mit und die Einflußnahme auf Landesfürsten recht früh im Kalkül und beabsichtigte, mit ihrer Hilfe eine leistungsfähige Institution ohne Korruption und Begünstigungen aufzubauen. Während der Illuminatenzeit gab es bereits einen Regenten, der sich diesen Ideen ganz besonders öffnete und sich nach Meinung der Illuminaten als tauglicher Partner erwies. Es war Ernst II. von Sachsen - Gotha – Altenburg, der seine Herrschaft zum Wohle der Menschen ausübte. Sein Großvater Herzog Ernst I., auch genannt der Fromme, hatte bereits im 17. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht in seinem Herzogtum eingeführt. Ernst II. wurde zu Pflichtbewußtsein erzogen. Er und sein Bruder August erhielten zur Beförderung ihrer Kenntnisse Aufträge, mußten deren Erfüllung in einem Heft dokumentieren, das in regelmäßigen Abständen von ihrer der Aufklärung offenen Mutter Herzogin Luise Dorothèe kontrolliert wurde. Es ist augenfällig, daß diese Praxis der der pensa und quibus licet nicht unähnlich war. Ernst gehörte bereits seit seiner Jugend Geheimbünden an. Er war im Freimaurerorden aktiv und Mitglied des Ordre des Hermits de bonne humeur am Gothaer Hof. Die humanistischen und aufklärerischen Gedanken, die von diesen Bünden vertreten wurden, prägten den Herzog. Die früheren Geheimbunderfahrungen führten ihn auch zu den Illuminaten.<a href="#_ftn757" name="_ftnref757" title="">[757]</a> Aber anders als in Weishaupts Idealvorstellungen hatte nicht der Herzog die Illuminaten kontaktiert. Sie hatten ihn umworben, was im Orden nicht unumstritten war, Bode hatte ihn überzeugt. Ernst protegierte die ihn umgebenden Illuminaten über einen langen Zeitraum. Er hatte in den Gothaer Illuminaten hoch qualifizierte und gebildete Ratgeber.

Ernst war von den Illuminaten als „treuen zur höchsten Sittlichkeit gebildeten Menschen“<a href="#_ftn758" name="_ftnref758" title="">[758]</a> überzeugt, welche „gelehrt worden, alles innere mehr als das äußere zu schätzen, welche dem Ehrgeiz, der Sinnlichkeit, der Geldgierde weniger ergeben“<a href="#_ftn759" name="_ftnref759" title="">[759]</a> waren.  Die Besetzung staatlicher Ämter mit solchen Persönlichkeiten versprach Nutzen für das gesellschaftliche Ganze, doch wurden die Anstellungen noch immer nicht ausschließlich nach dem Leistungsprinzip vergeben, sondern häufiger nach dem gesellschaftlichen Stand. Weishaupt sah sich auch später genötigt zu der kritischen Feststellung: „Die bloße Geburt gibt noch immer ein ausschließendes Recht auf öffentliche Stellen.“ <a href="#_ftn760" name="_ftnref760" title="">[760]</a>  Er propagierte vernünftige Monarchie in konstitutioneller Form, hielt es jedoch für eine irrige Vorstellung, daß der Regent und seine Familie als Eigentümer eines Landes gelten sollten. Vielmehr sollten diese wahrhaft ihrem Volke verpflichtet sein, vorbildlich leben und für die Bildung und Sittlichkeit ihres Staates wirken. Er trat dafür ein, daß der Regent sich die Vervollkommnung seines Volkes zur Aufgabe macht und auf dem Weg in die Zukunft voranschreitet: „Der größte Revolutionär des Staates sollte daher der Regent seyn.“<a href="#_ftn761" name="_ftnref761" title="">[761]</a> Er muß „vorhersehen können, was gefordert werden kann. Er muß unmerklich allen Forderungen zuvorkommen.“<a href="#_ftn762" name="_ftnref762" title="">[762]</a> Dazu bedarf es tiefer Einsicht in die Disposition des Menschen. Der Staatslenker ist moralisch in die Pflicht genommen, seine Tätigkeit zum Besten seiner Bürger zu verrichten. Er vertritt in einem Sittenregiment die Stelle des aufgeklärten Menschen, so daß die Untertanen auf dem Weg zur Vollkommenheit sich an ihm orientieren können. Der Regent wird zum Erzieher des Volkes. Weishaupt fordert die Umkehrung der machiavellistischen Auffassung, in der die Untertanen sich der vom Fürsten bestimmten Politik fügen.  Wo „wahre Staatskunst“<a href="#_ftn763" name="_ftnref763" title="">[763]</a> herrscht, „ist der Mensch etwas großes. Im System des Machiavellismus ist er nichts.“<a href="#_ftn764" name="_ftnref764" title="">[764]</a> Das Geschäft der Regierung sollte „für nichts weiter angesehen werden, als für eine Art von Vormundschaft, welche gleich dieser mit der Volljährigkeit des Mündels aufhört und hinwegfällt. Diesem zufolge kann keine Regierung bei ihren Untergebenen den Gang der Cultur hindern, so wenig als der Vormund berechtigt ist, die Volljährigkeit seines Pupillen aufzuhalten oder zu verzögern. Daher ist auch jede Verlängerung, jede Verzögerung, jedes geflissentliche Hinderniß einer höhern Cultur, jedes Verbot und Beschränkung der Aufklärung, jede Anstalt zur Beförderung der Dummheit und des Aberglaubens ein Attentat gegen die unveräußerlichen ersten Rechte der Menschheit, eine wahre und eigentliche Usurpation. Aus gleichen Ursachen kann und darf keinem Menschen, er sey welchen Standes er wolle, keine Wahrheit und kein Aufschluß über seine Rechte vorenthalten werden.“ <a href="#_ftn765" name="_ftnref765" title="">[765]</a>

Erziehung und Bildung sind nicht nur eine Funktion des Staates, sein ganzes Wesen muß auf ihren Prinzipien fußen, soll er den Menschen und ihrer Vervollkommnung dienen. Diese Vorstellung deckte sich jedoch nicht mit der Realität. Staat und Politik zeigten oft wenig oder gar kein Interesse an Mündigkeit und Selbständigkeit der Bürger und versuchten sogar, von dem vorherrschenden Untertanengeist zu profitieren. Weishaupt kritisierte, daß der Staat dem Prozeß der Volksaufklärung oftmals noch im Wege stehe, „daß es durch die Staats-Einrichtungen sehr möglich wird, ohne höhere Läuterung der Absichten zur Macht und zur Ehre zu gelangen, [...] daß der Staat kein Interesse zu einer höhern, mehr geläuterten Menschenkenntniß gibt, [...] daß folglich die Staatsverbindung allein genommen auf keine Art ein zureichendes Mittel ist, um die noch übrige primitive Unwissenheit, Trägheit und Eigenmächtigkeit ganz zu vertilgen, die menschliche Thätigkeit für die höchsten Güter zu reitzen, und den Menschen auf die ihm mögliche Art zu vervollkommnen.“<a href="#_ftn766" name="_ftnref766" title="">[766]</a> Bildung und Erziehung könnten unter diesen Umständen keinesfalls der alleinigen Obhut des Staates anvertraut werden. Weishaupt schlußfolgert daraus, daß „noch etwas, eine weitere Anstalt erfodert wird, welche dem Unvermögen des Staats zu Hilfe eilt, wenn der Mensch seine Bestimmung und das letzte Ziel seiner Wünsche erreichen soll.“<a href="#_ftn767" name="_ftnref767" title="">[767]</a> Sein Interesse gelte vorwiegend dem Bürger, weniger dem Menschen. Weishaupt sah sich nunmehr als Ratgeber des Staates und legte dar, welcher Voraussetzungen es bedürfe, um auf dem Wege der Erziehung einen gesellschaftlichen Wandel im Sinne des Gemeinwohls zu anzuregen: „Eine Reformation, welche wahrhaft seyn soll, muß auf das Ideal der menschlichen Vollkommenheit arbeiten [...]. Sie muß ein Ganzes seyn, sie muß den übrigen Lauf der Welt so wenig stören als möglich ist; sie muß nicht verlangen, was durch die Umstände nicht möglich ist, sie muß ein Kind der Überzeugung und des Bedürfnißes seyn, sie muß folglich niemanden aufgedrungen werden, sie kann nur bei denjenigen anfangen, welche das Bedürfniß fühlen. Diesen liegt es ob, dieses Bedürfniß durch zweckmäßigeren Unterricht oder Anstalten bey mehrern nach und nach entstehen zu machen.“<a href="#_ftn768" name="_ftnref768" title="">[768]</a> Keine der öffentlichen Einrichtungen hätte zum damaligen Zeitpunkt eine solche Aufgabe vollbringen können. Dieser Befund veranlaßte ihn dazu, die Idee der geheimen Gesellschaft unter veränderten Vorzeichen wieder ins Spiel zu bringen.

Die Bildungsarbeit einer Geheimgesellschaft sollte als Erweiterung des staatlichen Bildungsangebotes verstanden werden. Sie könnte neue Impulse schaffen, ihre gezielte Inanspruchnahme durch den Staat dazu beitragen, Defizite im Bildungswesen zu beseitigen.  Für Weishaupt waren geheime Verbindungen „unleugbar eine Art von Menschenvereinigung; [...] ein Versuch, ein Bestreben, das bisherige Band enger zu schließen, die Geselligkeit zu erhöhen und zu erweitern; [...] Wenn es auch ausgemacht seyn sollte, daß die bürgerliche Gesellschaft, die höchste menschliche Erfindung ist; so ist es nicht minder ausgemacht, daß diese bürgerliche Vereinigung einer noch weitern Vervollkommnung fähig ist.“<a href="#_ftn769" name="_ftnref769" title="">[769]</a>

Die Existenz von Geheimgesellschaften und ihre Bildungsbestrebungen sollten vom Staat nicht nur akzeptiert werden, sondern ihre effektiven Strukturen sowie Erziehungs- und Bildungspraxis sollten zum Vorbild werden für ein sukzessive auszubauendes flächendeckendes System in staatlicher Verantwortung.  Pädagogische Konzepte könnten erprobt und der Übernahme erfolgreicher Modelle in das staatliche Bildungssystem könnte risikolos vorgearbeitet werden. Nach Weishaupts Konzept hätte das illuminatische System eine staatlich sanktionierte Geheiminstitution werden können. Die im Dienste des Staates agierende Gesellschaft hätte, unter der Voraussetzung, daß ihre Ziele und Mittel lauter seien und ihre Aktivitäten im Verborgenen liefen, mindestens „so lange gebraucht werden können, bis der Zweck erreicht“<a href="#_ftn770" name="_ftnref770" title="">[770]</a> war, was aber realiter bedeutete, daß sie doch eine dauerhafte Institution werden müßte.

Ein im Geheimen erteilter Unterricht hätte eine höchstmögliche Versachlichung des erzieherischen Verhältnisses und, „unpartheyischere Urtheile zu hören“<a href="#_ftn771" name="_ftnref771" title="">[771]</a> bewirken können. Der Erzieher wäre im Hintergrund geblieben, wie ein „Maler, [der] sich hinter sein[em] Gemälde“<a href="#_ftn772" name="_ftnref772" title="">[772]</a> verbirgt.  Der erste Schritt zur Vorbereitung auf die volkspädagogische Aufgabe der Geheimgesellschaft bestünde in der Heranbildung von Lehrern nach dem Konzept, das für die Ausbildung des Ordensnachwuchses im Gradsystem maßgebend war.

Der Staat sollte nicht mit Disziplinierungsmaßnahmen und Drillmethoden seine Bürger erziehen wollen. Weishaupt stellte fest, daß „nicht die Menschenliebe, sondern die traurigen Folgen einer sehr vernachlässigten Erziehung, einer ebenso vernachlässigten Armen-, Kranken- und Rechtspflege; ihr widriger Einfluß sowohl auf das Ganze, als auf einzelne Bürger, [...] Schulen, Armen-, Kranken- und Waisenhäuser, Gerichtshöfe und eine ordentlichere Rechtspflege“<a href="#_ftn773" name="_ftnref773" title="">[773]</a> notwendig gemacht hätten. Er behauptet sogar, pädagogische und karitative Einrichtungen seien von unlauteren Motiven bestimmt: „Aus der Ursache, aus welcher wir unsere Todten begraben, damit sie uns Lebenden nicht zur Last werden, hat die menschliche Eigenliebe sich entschloßen, auch für andere zu sorgen.“<a href="#_ftn774" name="_ftnref774" title="">[774]</a>

Die für den Reformprozeß in Staat und Gesellschaft notwendige mentale Umorientierung sollte mit der Einstellungsänderung der Lehrenden beginnen. Diese sollten die Disposition und Lebenslage ihrer Schüler wahrnehmen lernen und ihre Lernhilfen entsprechend individualisieren. Weishaupt kritisierte den Zwang in Schule und Öffentlichkeit. Er ging von der Erfolglosigkeit von Zwangsmitteln aus und fragt kritisch, „wer kann Absichten erzwingen?“ <a href="#_ftn775" name="_ftnref775" title="">[775]</a> Vielmehr sei es so, daß Zwang Spontaneität bei den Schülern ersticke, Desinteresse hervorrufe und Vertrauen zerstöre. Schüler zu motivieren verlange, ihre Möglichkeiten realistisch einzuschätzen und zu erkennen, daß ihre Motivation von entwicklungsgemäßen Aufgabenstellungen abhängt. Weishaupt sah sich veranlaßt, die institutionellen Träger der Erziehung und Bildung der unpädagogischen Haltung zu zeihen: „Mir scheint es, die Kirche sowohl als die Schule lassen sich nicht genug zur menschlichen Schwäche herab, sie fordern auf einmal zu viel, und kommen dieser Schwäche nicht genug zu Hülfe. Der Mensch ist nun einmal so beschaffen, daß er nie ohne Interesse thätig wird; wenn er handeln soll, so muß er ein Gut vorhersehen, zu dessen Erreichung die Kraft seiner Anstrengung zureichend ist, ein Gut, das er kennt, das für ihn ein Gut ist, so lange er diese Denkungsart besitzt.“<a href="#_ftn776" name="_ftnref776" title="">[776]</a> Er forderte aus der Erfahrungswelt der Zöglinge stammende Inhalte zu vermitteln und didaktische Prinzipien zu beachten, d.h. mit dem Lebensnahen zu beginnen und erst allmählich sich Komplexerem zuzuwenden. Lehrende würden den Zöglingen ständig Leistungen abfordern, selbst aber nicht an ihrer eigenen Weiterentwicklung arbeiten und in dem Bewußtsein agieren, ihr Status sei unantastbar. Ein einmal zum Lehren Befähigter erhebe einen Allmachtsanspruch, dem zu widersprechen nicht ratsam und sogar riskant sei. Allein schon des Amt des Lehrers verleihe diesem Autorität, er müsse sich keiner weiteren Herausforderung oder gar Evaluierung stellen, um sie zu verdienen.

Weishaupts Kritik an den Bildungseinrichtungen der Kirche zielte auf das Vorenthalten von Persönlichkeitsrechten. Der Zögling werde in der kirchlichen Pädagogik „zu einer bloßen Maschine umgeschaffen, welche Gott und der Satan wechselweis bewegen.“<a href="#_ftn777" name="_ftnref777" title="">[777]</a> Letztendlich entstehe dadurch der Eindruck, der Teufel sei mächtiger als Gott selbst. Eine misanthropische Einstellung befördert die Neigung, Adepten zu zwingen und zu verfolgen anstatt sie zu belehren und zu unterrichten. Sie bewirke eine weltfremde Abrichtung, überbetone Wissen und Intellekt und stelle sich dem Glück der Schüler entgegen. Die Herzensbildung werde vernachlässigt. Dies gelte insgesamt für die öffentlichen Schulen. Aus ihnen „kommen mehr gelehrte als gute und große Menschen hervor.“<a href="#_ftn778" name="_ftnref778" title="">[778]</a> Mag seine Kritik auch übertrieben sein, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, daß Schule und Unterricht durch eine Verabsolutierung des Verpflichtungs- und Disziplinierungsgedankens ihren umfassenden pädagogischen Auftrag leicht aus den Augen verlieren.<a href="#_ftn779" name="_ftnref779" title="">[779]</a> Weishaupt beklagt das Fehlen einer Schule der Vorbereitung auf das Leben: „Wir haben keine Erziehungsanstalt, welche eine Uebungsschule der Tugend wäre, in welcher die aufkeimenden Leidenschaften in ihrem Grund angegriffen, wo die Quellen des Leidens und Mißvergnügens untersucht, wo die Absichten geprüft werden. Wir haben keine Erziehungsanstalt, wo junge Gemüther, ehe sie in die Welt treten, mit der Welt bekannt und auf alles vorbereitet werden, was dort ihrer wartet; wo sie die große Kunst gelehrt werden, den Werth der menschlichen Handlungen wahrhaft zu beurtheilen, ihre Erwartungen herab zu stimmen, vernünftiger zu begehren, sich in alle künftigen Lagen zu finden, um aus allen widrigen Vorfällen Vergnügen zu schöpfen, wo sie auf den bevorstehenden Uebergang aus der Schule in die Welt und vorzüglich auf den auffallenden Widerspruch zwischen beyden vorbereitet, und gegen das sodann entstehende Mistrauen über die Brauchbarkeit höherer Grundsätze verwahrt werden. Es mag seyn, daß es solche Anstalten gibt, aber ich kenne keine Schule, deren erstes Augenmerk der Mensch ist.“<a href="#_ftn780" name="_ftnref780" title="">[780]</a>

Die von ihm geforderte Lebensschule begreift den Menschen als Maß der Dinge. Sie sollte ihre Adepten befähigen, Menschen richtig einzuschätzen und situationsbezogen zu handeln. Es wurde eine Charakterbildung angestrebt, die den Menschen zur Standfestigkeit verhelfen sollte. Der innere Drang zum Lernen sollte genährt werden durch Erfolgserlebnisse und positive Rückmeldungen. Erfolg erzeugt ein „anhaltendes, dringendes Bedürfniß, seine Absichten zu veredeln, diese Veredlung als ein großes Gut zu begehren.“<a href="#_ftn781" name="_ftnref781" title="">[781]</a> Als eine wesentliche Ursache für das Versagen der Schule erweist sich der Mangel an Ermunterung der Zöglinge, der „Beyfall“ für sie. Ermunterung ist ein Zeichen der Bejahung. Sie vermittelt dem Zögling das sichere Bewußtsein, daß der Lehrende auf seiner Seite steht. Der gute Pädagoge trägt diesem elementaren Bedürfnis, der „Begierde nach Beyfall“ <a href="#_ftn782" name="_ftnref782" title="">[782]</a> und dem Bedürfnis “subjectiv behandelt [zu] seyn“<a href="#_ftn783" name="_ftnref783" title="">[783]</a> Rechnung.

Alle Pädagogen, gleich, welche  gesellschaftliche Position sie bekleiden, sollten nicht nur über Gelehrsamkeit verfügen, sondern auch von ihrem Auftrag erfüllt sind und über Sendungsbewußtsein verfügen: „Wer kann für die höchsten Güter andere empfänglich machen, ohne selbst dafür zu glühen?“<a href="#_ftn784" name="_ftnref784" title="">[784]</a> Die Auswahl geeigneter Kandidaten und deren Ausbildung sollte zu den Angelegenheiten des Staates gehören. Die Festlegung der zu vermittelnden Lehrinhalte erweist sich als weniger problematisch als die Art der Vermittlung. Im Hinblick auf die Realisierung seines Vorschlages erlag Weishaupt jedoch keinerlei Illusionen. Er war sich 1790 vollauf bewußt, daß aufgrund der Illuminatendebatte und den gegen ihn bestehenden Vorbehalten, die öffentliche Meinung „geheimen Verbindungen durchaus entgegen ist, daß ihre günstigen Zeiten ganz vorüber sind.“<a href="#_ftn785" name="_ftnref785" title="">[785]</a>

Weishaupt brachte seine bildungspolitischen Vorstellungen im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in erweiterter Form und anderen Bezügen noch einmal in die öffentliche Diskussion ein. In seinen Schriften Über die Staatsausgaben und –auflagen von 1817 sowie Über das Besteuerungssystem aus dem Jahre 1820 setzte er sich dafür ein, daß der Staat seine Bürger als mündig betrachtet und ihnen Eigentumsrechte zugesteht. Parallel zu seinen bildungspolitischen Ideen trug er auch beachtenswerte wirtschaftspolitische Überlegungen vor. Die soziale Diskrepanz, wie sie sich in den Besitzverhältnissen spiegelte, sollte gemindert werden und zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation führen: „Nicht der Luxus, welcher selbst nur Wirkung ist, sonder seine Ursache, - die zu große Ungleichheit der Reichthümer – ist die Ursache von dem Verfall der Staaten.“<a href="#_ftn786" name="_ftnref786" title="">[786]</a> Das Beispiel Großbritanniens, dessen Staatsverschuldung nicht zum Niedergang der Nation, sondern zu ihrem wirtschaftlichem Aufschwung geführt hatte, nahm er als Indiz dafür, daß die Bürger eines Staates in schwierigen Wirtschaftslagen nicht zur Einschränkung gezwungen werden sollten, sondern, daß es der Wirtschaft dienlicher sei, Anreize zur Zirkulation von Waren und Finanzmitteln zu geben<a href="#_ftn787" name="_ftnref787" title="">[787]</a>.

Seine Schrift Pythagoras sollte seiner Rechtfertigung dienen und den Beweis der Unschädlichkeit und Brauchbarkeit seiner Lehre erbringen. In ihr hob er hervor, daß seine Motive und  Intentionen durchgängig die gleichen gewesen seien: „Wer sich die Mühe geben will, das letzte System mit dem ersten zu vergleichen, wird finden, daß meine Absicht immer dieselbige war,“<a href="#_ftn788" name="_ftnref788" title="">[788]</a> nämlich Aufklärung und Bildung möglich zu machen. Das illuminatische Anliegen, Staat und Gesellschaft zu dienen, war mit der Überzeugung verbunden, „daß Erziehung der einzige Weg seye, auf Menschen zu wirken.“<a href="#_ftn789" name="_ftnref789" title="">[789]</a> Weishaupt hielt das Gros der Menschen aufgrund der am Ende des 18. Jahrhunderts vorherrschenden politischen Situation noch nicht für reif, um als selbstbestimmte Bürger handeln zu können. Unter der Voraussetzung jedoch, daß der Staat ein Interesse an der Mündigkeit seiner Bürger hat, sollte es möglich werden, die Bevölkerung nach und nach dazu zu befähigen, sollte die Erziehung ihr Ziel schließlich erreichen können.

 

2. Weishaupts pädagogische Lebensleistung

Wenn Friedrich Schiller im November 1789 anläßlich seiner Antrittsvorlesung an der Universität Jena von „Brodgelehrten“<a href="#_ftn790" name="_ftnref790" title="">[790]</a> spricht, um akademische Lehrer zu charakterisieren, die das Lehren lediglich als einen Beruf, nicht aber als Berufung ansehen, die von ihrer Aufgabe, ihr Wissen und ihre Erfahrung an andere weiterzugeben, nicht beseelt sind, dann kritisiert er denselben Mißstand im Bildungswesen, den Johann Adam Weishaupt dreizehn Jahre zuvor mit der Gründung des Illuminatenordens zu beheben suchte.  Sowohl Weishaupt als auch Schiller forderten eine offene Haltung gegenüber einem Zögling, um pädagogische Erfolge zu erzielen. Die Qualität der Vermittelung ist abhängig davon, wie der Lehrende seine Aufgabe begreift und wie es ihm gelingt, dieser gerecht zu werden. 

Aus den vorangegangenen Ausführungen wird ersichtlich, daß der Gründer des Illuminatenordens sich in seinen pädagogischen Bestrebungen um die Einlösung der Postulate der Aufklärung bemüht und ein beachtenswertes pädagogisches Konzept bereitgestellt hat. Weishaupt hat sich nach allen seinen pädagogischen Stationen vom Professor über den Ordenslenker bis hin zum Schriftsteller als Lehrer der Menschheit gesehen, des Menschen als zu vervollkommnendes Geschöpf, obwohl er selbst nur wenig Gelegenheit hatte, Personen anzuleiten. Eines der wenigen, dennoch prominenten Beispiele ist der schleswig-holsteinische Herzog Friedrich Christian, der zu Beginn des Briefwechsel mit Weishaupt sich von ihm in Menschenkenntnis unterweisen ließ. Auch hier erfolgte der Unterricht, wie im Illuminatenorden üblich, aus der Ferne. Weishaupt setzte auf sein Konzept der Menschenkunde und wies Friedrich Christian an, nach gründlicher Beobachtung Überlegungen zu den Ursachen menschlicher Handlungen anzustellen. Er bekam eine positive Rückmeldung: „So wie ich ihren Brief erhielt, habe ich angefangen, mir für jeden Tag einige Zettel zu rechte zu legen, auf welche ich meine Bemerkungen über die Gründe menschlicher Handlungen aufzeichne, und zugleich das, was ich dahin Gehöriges in meinem Gedächtnis finde, was mir entweder aus dem Unterricht meiner Lehrer oder aus meiner Lektüre aufgesamlet worden ist niederschreibe.“<a href="#_ftn791" name="_ftnref791" title="">[791]</a> Weishaupt vermochte es jedoch nicht, den Herzog dauerhaft für seine pädagogischen Ziele zu begeistern. Schulz, der den Briefwechsel untersucht hat, nahm dies zum Anlaß, um Weishaupt mit ironischem Unterton als „Lehrer der Menschenkenntnis“<a href="#_ftn792" name="_ftnref792" title="">[792]</a> zu apostrophieren.

Weishaupts Leistung besteht nicht in ausgedehnter Lehrerfahrung und überzeugender eigener Unterrichtspraxis, sondern darin, daß er es verstanden hat, innovative pädagogische Köpfe seiner Zeit anzuziehen und sie im Sinne des Illuminatismus pädagogisch aktiv werden zu lassen. Die von ihm initiierte Pädagogik hatte eine allgemeine Menschenbildung zum Ziel. Die Mittel, die er zur Verbesserung und Veredlung des Menschen ersonnen hatte, wurden innerhalb und außerhalb der Ordensstrukturen wirksam. Pädagogen wie Rudolph Zacharias Becker {Henricus Stephanus} oder Jacob von Abel {Pythagoras Abderitis} griffen Weishaupts Ideen auf und halfen mit, sie im Raum der Schul- und Volksbildung zu verbreiten.

Die illuminatische Pädagogik stellte ihre Bemühungen in den Dienst des Individuums und setzte auf den Gedanken der Selbstbildung. Die Adepten sollten dazu befähigt werden, sich selbst zu führen. Sie konnten darauf bauen, daß der Orden sie entsprechend anregt und leitet und die jeweiligen Ergebnisse evaluiert. Ziel dieser Bemühungen war es, gebildete und urteilsfähige Menschen zu erziehen, und sie nach Eignung und Neigung zu Funktionsträgern der Gesellschaft heranzubilden. Weishaupts Forderung nach einer „Schul vom Unterricht“<a href="#_ftn793" name="_ftnref793" title="">[793]</a>, einer ordensinternen Lehrerbildung, zielt darauf ab, von den mittleren Graden an, eine umfassend gebildete Lehrelite zu schaffen, die sich in den Dienst der Fortbildung anderer Mitglieder stellte. Ein Illuminat sollte also auch ein guter Lehrender werden und sich der Bildung und Führung seiner Mitmenschen annehmen.

Weishaupt vermochte es, der nach Unabhängigkeit strebenden bürgerlichen Gesellschaft genüge zu leisten und dadurch bei vielen Gehör zu finden, wie auch der Zulauf zum Orden beweist. Seine Theorie und Praxis der Erziehung des Menschen konnte sich – worauf bereits Agethen in den 80er Jahren hingewiesen hat – auf bewährte Ideen stützen.<a href="#_ftn794" name="_ftnref794" title="">[794]</a> Dies gilt z.B. hinsichtlich der Selbstkontrolle, die im Pietismus Usus war, der Disziplinierung, die im Jesuitenorden vielfältig praktiziert und der staatsbürgerlichen Erziehung, wie sie von der Aufklärung vorbereitet worden ist. Beim Blick in das Innere des Ordens zeigt sich jedoch, daß die Sicht Agethens einer Relativierung bedarf. Die pädagogische Praxis im Orden und gerade die Ideen in den höheren Mysterien stehen seiner Annahme entgegen, das illuminatische Erziehungssystem hätte die Ordensmitglieder zu maschinenmäßig funktionierenden Gliedern innerhalb eines straff organisierten Apparates abrichten können. So entschieden Weishaupt für die Bildung eindeutiger und einheitlicher Vorstellungen eintrat, so hat er nicht weniger durch die konsequente Individualisierung eine geistige Offenheit erzeugt, die jeglicher Uniformierung entgegenstand.

Der Verlauf der Unternehmung hat gezeigt, daß Weishaupts Pädagogik sich allmählich herausbildete und er erst nach und nach zu klaren Vorstellungen über die Elemente der pädagogischen Praxis gelangte. Rückblickend vergegenwärtigt er sich: “Wie sich der erste Keim einer Idee [...] von Zeit zu Zeit mehr entwickelt und läutert; wie ich immer näher zu meinem Ziele komme; und wie endlich aus diesen mangelhaften Versuchen, aus diesen Trümmern und Bruchstücken das Gebäude hervorsteigt, das ich letzhin bekannt gemacht.“<a href="#_ftn795" name="_ftnref795" title="">[795]</a> Weishaupts pädagogisches Konzept ging aus den anthropologischen Prämissen der Zeit und verschiedenen Mysterienlehren hervor. Es entsprach in seiner Gesamtheit den pädagogischen Forderungen der Aufklärung.

Der Illuminatenorden wurde von Weishaupt verstanden als der erste Versuch einer allgemeinen Menschenschule, die sich an einem „Welterziehungsplan“ ausrichtete. Sein Leitspruch war das sapere aude der Aufklärung, ergänzt um ein facere aude. Er gehörte zu denen, die entschlossen waren, ihre Pläne zur Verbesserung der Gesellschaft umzusetzen: „Das ist keine Kunst, einen grossen Ent­schluß zu fassen; aber der Zeit zu trotzen, es dagegen auszuhalten, was man groß gedacht, auch groß und standhaft auszuführen.“<a href="#_ftn796" name="_ftnref796" title="">[796]</a> Er gab seine entschlossene Haltung auch später nicht auf, sondern zeigte sich optimistisch, weil auch das Scheitern einer Unternehmung neue Chancen bietet. Selbstbewußt fragt er fünf Jahre nach der offiziellen Auflösung des Ordens: „Warum verzweifeln, wenn der erste Versuch mißlingt, wenn nicht sogleich die vollendete Muster erscheinen?“ <a href="#_ftn797" name="_ftnref797" title="">[797]</a>

Die erziehungspolitische Leistung des Gründers des Illuminatenordens könnte man darin sehen, daß er die tiefgreifenden Umbrüche der Zeit in ihrer gesellschaftsverändernden Bedeutung erkannt hat und willens war, die bisher vernachlässigten breiteren Bevölkerungsschichten zu unterstützen. Der Illuminatenorden spielte in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle und erzielte über sein ins Bildungswesen hineinreichendes Netzwerk eine beachtliche Breitenwirkung. So ist denn auch die Feststellung Hagbards berechtigt, Weishaupt habe „das alte pädagogische Regime gerade durch anerkennenswerte Neuerungen durchbrochen.“<a href="#_ftn798" name="_ftnref798" title="">[798]</a> Auch wenn sich in der kurzen Zeit des Bestehens des Ordens verbindliche pädagogische Merkmale wie z.B. didaktische Modelle  nicht bilden konnten, so bleibt doch zu konstatieren, daß Weishaupts Bestreben stets geleitet war von dem Anspruch, Aufklärung und Bildung realiter möglich zu machen. Sie sollten als Mittel fungieren, um die Teilhabe und Teilnahme aller am gesellschaftlichen Leben zu erreichen. Die von der Forschung mitunter geäußerte Kritik<a href="#_ftn799" name="_ftnref799" title="">[799]</a>, die Vorstellungen der Illuminaten ließen sich nicht auf das Gesellschaftssystem übertragen, sind nach diesen Ausführungen nicht völlig berechtigt. Weishaupts Ideen stehen in der Nähe erfolgreicher, heute selbstverständlicher Erziehungs- und Bildungsmaximen, die für die Pädagogik von großer Bedeutung waren und sind, wie. z.B. die Einführung der Schulpflicht für alle Bürger des Staates, die einheitliche Ausbildung von Lehrkräften oder die Einbeziehung psychologischer Erkenntnisse in die Schulpraxis. Er wußte, daß der Illuminatenorden ein Versuch „zum Besserseyn, aber nicht [...] das Besserseyn selbst“<a href="#_ftn800" name="_ftnref800" title="">[800]</a> war und teilte mit anderen die Auffassung, man brauche zur Erzeugung der nötigen Reformkräfte eine geeignete Plattform. Sie sollte aber nicht bloß das sein, was sich Johann Georg Schlosser {Accacius} wünschte: „ein geheimes Paradies mit einem Cherub vor dem Eingang, wo man dann und wann hingehen, und sich wieder ausathmen könnte.“<a href="#_ftn801" name="_ftnref801" title="">[801]</a> Das wäre ein Ort, „die kostbahre Ladung von Wahrheit [zu] bewahren [...] ohne Furcht daß Böße Buben nicht Galle darauf gößen.“<a href="#_ftn802" name="_ftnref802" title="">[802]</a> Weishaupt wollte mehr. Sein Anliegen war, eine äußere Instanz zu schaffen, die eine Orientierung bot für eine Erziehung und Bildung zur Vervollkommnung des Menschen. Er befürwortete zwar, daß „im Grunde jeder sich selbst folge,“<a href="#_ftn803" name="_ftnref803" title="">[803]</a> doch sollte er auch den Willen entwickeln, auf das gesellschaftliche Leben zu wirken und die Verhältnisse für alle zu verbessern.

Den Weg zu diesem Ziel darzustellen, war eine der Intentionen der vorliegenden Arbeit. Das Bild, das sich aus dem ausgewerteten Material ergeben hat, könnte von Seiten der Erziehungswissenschaft durch die Sichtung weiterer, noch nicht erschlossenen Quellen vervollständigt werden. Es sollte in jedem Fall ergänzt werden durch Studien über die Einflüsse illuminatischer Pädagogik auf das öffentliche Bildungswesen. Dazu wäre erforderlich, das personale Netzwerk des Ordens und das pädagogische Schrifttum im näheren Umfeld in den Blick zu nehmen.

Weishaupts Grundanliegen war der aktive und gestaltende Eingriff in den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung. Seine politische und seine pädagogische Zielsetzung sind eins. Er selbst faßt seine Intentionen folgendermaßen zusammen:

Ich habe nicht seit heute erst, sondern solange ich lebe, die oberste Gewalt und Religion als wesentliche unabänderliche Bedürfnisse des Menschen betrachtet, und die Gründe dieser meiner Ueberzeugung lege ich der Welt in eben diesen Blättern vor; aber ich habe zu einer Zeit, wo des Spielens und Mißbrauchens in geheimen Gesellschaften kein Ende war, gewollt, daß diese Schwäche des Menschen zu reellern und würdigern Absichten, zum Wohl der Menschen benuzt werde. [...]

Ich habe gewollt, daß geistliche und weltliche Macht weniger gemißbraucht, und ihrer erhabenen Bestimmung gemäs zum Glück und Wohl des Menschen, um derentwillen beyde vorhanden sind, benuzt werden; dieß leztere will und wünsche ich noch, und werde nie aufhören, es zu wünschen. – Ich habe gewollt, daß die vernünftigern und bessern Menschen, um sich zu retten, um gegen die Verführungen und das Gelächter der Weltaushalten, und ihrer Ueberzeugung nicht untreu werden zu dürfen, sich zusammenhalten, sich in ihrer Ueberzeugung bestärken, in ihrem Kreise bilden, und dann der Erziehung bemächtigen sollen, um Menschen zu erziehen, welche Religion und Gewalt weniger mißbrauchen. Ich habe gewollt, daß bey einigen der bessern Menschen ein dringendes Bedürfniß nach einer genauern Menschenkenntniß und eigner innerer Vollkommenheit entstehen soll, indem ich sie in eine gefahrvolle Lage versetze, wo sie entweder ihres Zwecks zu ihrem Nachtheil ganz verfehlen, oder das Studium ihrer sowohl, als anderer Menschen zur ersten Lebensangelegenheit zu dieser dieser Gedanke groß, obgleich für solche Zeiten zu früh, und folglich unglücklich berechnet war.<a href="#_ftn804" name="_ftnref804" title="">[804]</a>

Weishaupt hat ohne Zweifel erkannt, welche Veränderungen in der Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts nötig waren, um einem jeden ein würdigeres und menschlicheres Dasein zu ermöglichen. Es ist fraglich, ob er recht hat mit der Behauptung, er wäre seiner Zeit voraus gewesen. Unternehmungen von der Art des Illuminatenordens, in denen vieles von dem zusammenfließt, was die Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert umgetrieben hat, sind keineswegs avangardistisch, noch treten sie je verfrüht in Erscheinung, sie sind Ausdruck des im Menschen sich regenden, immerwährenden Strebens nach Besserung. Das Scheitern des Ordensprojektes an der öffentlichen Meinung des ausgehenden 18. Jahrhunderts hat zwar dem pädagogischen Versuch ein Ende gesetzt, doch konnte die illuminatische Weisheitsschule während der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits beträchtliche pädagogische Erfolge vorweisen. Dem Illuminatismus Weishauptscher Prägung gebührt, und dies beweis en die angeführten von ihm beeinflußten Projekte und Bestrebungen, Anerkennung als pädagogisches Phänomen der Aufklärungszeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Appendix

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabellen und Übersichten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entwicklungsstufen des Gradsystems

 

Die folgende Übersicht zeichnet die wesentlichen Entwicklungslinien des illuminatischen Gradsystems von seinen Anfängen bis hin zu Weishaupts Überlegungen in seiner Schrift Verbessertes System der Illuminaten nach. Die hieraus ersichtlichen Veränderungen, Verbesserungen und Neuausrichtungen sind ein deutliches Indiz dafür, daß eine umfassende und endgültige Form für den Ausbildungsgang der Illuminaten bis zur offiziellen Aufhebung nicht gefunden wurde. Die ausgewählten Beispiele zeigen, daß mit der Expansion des Ordens zunächst die Anzahl der Grade vermehrt wurden und nachdem eine verbindliche Grundstruktur gefunden war, eine weitere Differenzierung und Variierung erfolgte. Die Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ihr Anliegen ist es, die wesentlichen Entwicklungsstufen des Gradsystems aufzuzeigen.

 

 

 

I. Weishaupt in einem Brief an Zwackh vom 25. 2.1778 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

Generelle Unterteilung für alle Klassen

1. Ceremonien,

2. Statuten,

3. Allegorie,

4. Mysterien

 

 

II. Notiz auf einem Quartblatt von Zwackh 13.  3. 1778 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

1. Insinuati

2. Wirkliche Mitglieder

3. Oberste Cohorte des Spartacus

 

 

III. Gemeinschaftlicher Schluß des Areopagus 1781 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

1. Kleine Mysterien

Novize

Minerval

Illuminatus minor

Illuminatus maior

Scientifischer Grad

2. Große Mysterien

    (Abteilungen sind noch zu bestimmen)

 

 

 

 

 

 

 

 

IV. Adolph Freiherr von Knigge in Anlehnung an die Freimaurerei

 

1. Brief von Knigge an Weishaupt. 19./ 20. 9. 1781 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

{A Vorbereitungs-Aufsatz

{ I Noviciat

{ II Minerval-Grad

{A Freymaurer-System der untern drey Grade

{III dirigierender Minerval

{ IV Illum minor

{ V Illum. major.

 

 

2. Brief von Knigge an Weishaupt Winter 1782/ 83 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

            { 1, Novize

Ist Classe         { 2, Minerval

            { 3, dirigierender Minerval, Magistrat p

Darauf müßte man Freymaurer werden

IIt Classe         { 1, Schottischer Lehrling

kleiner             { 2, Geselle

Illuminat         { 3, Schottischer Meister

IIIt Classe        { 1, Mitregent, Consultor, der Provincial Instruction, nach   

   vorhergegangener Prüfung, gelesen hat

{ 2, Provincial, und der die geheimen Instructionen gelesen hat,

  Großer Illuminat

{ 3, Vollkommener Mensch, dem man dreist alles geistliche und   

  weltliche Regiment anvertrauen kann National, General

 

 

 

 

V. Johann Adam Weishaupt an die Münchener Areopagiten, Ingolstadt, 15. 3. 1782

 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

1. Novitiat. Bleibt beynahe ganz.

2. Jung und Minerval werden in einen Grad zusammengeworfen.

3. Kleiner Illuminat und Gesell. Ebenfalls.

4. Meister und grosser Illuminat similiter.

5. Ill. dirigens und Baumeister Architect similiter.

Die schottische Reiterey gefällt mir nicht.

Tandem Mysteria, die gewiß der Mühe werth sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

VI. Brief von Knigge an Zwackh, [Heidelberg] 20. 1.1783 in: Markner/ Schüttler, Korrespondenz

 

Vorbereitungsaufsatz

Noviziat

Minervalis

Illuminatus minor

Einweihung eines Magistrats

1. Symbolische [Freimaurerei]

2.Schottische [Freimaurerei]

 

1. Kleine [Mysterien]

f a. Lehrling. A. Ritualbuch.

  b. Gesell.

  c. Meister B. Constitutionsbuch

A.     Illum. maj. oder Schottischer Noviz.

B.     Illum. dir. oder Schottischer Ritter

 

A. Presbyt

B. Princeps

 

2. Grosse  [Mysterien]  

A. Magus

B. Rex

 

 

VII. Grolman, Spartacus und Philo, S. 8f

 

Erste Klasse: Minervalen

 a. Novize

 b. Minerval

 c. Minervalis illuminatus oder Illuminatus minor

 

Zweyte Klasse: Freymaurer

 a. Lehrling

 b. Geselle

 c. Meister

 

Dritte Klasse: Mysterienklasse

  a. Illuminatus maior, oder Schottischer Noviz

  b. Illuminatus dirigens, oder Schottischer Ritter

 

Die höhern Mysterien bestehen in einem

  a. Priestergrad; wobey die eigentlichen Priester, als Vorsteher der wissenschaftlichen Sätze, von den Magis oder höhern speculativischen Köpfen unterschieden und also bereits zwey Abtheilungen in diesem Grad vorausgesetzt wurden

   b. Regentengrad; damals noch ohne weitere Abtheilung, welche erst nachher dazu kam

 

 

 

 

 

 

VIII. Gädicke, Freimaurer-Lexikon, S. 273

 

Erste Classe. Pflanzschule

  a. Vorbereitungsaufsätze

  b. Noviziat

  c.  Minervalis

  d. Illuminatus minor

  e. Einweihung eines Magistrats

Zweite Classe. Freimaurerei

  I. Symbolische

   a. Ritualbuch der Lehrlinge, der Gesellen und Meister

   b. Constitutionsbuch

 II. Schottische

   a. Illuminatus maior oder Schottischer Novize

   b. Illuminatus dirigens oder Schottischer Ritter

Dritte Classe. Mysterien

   I. Kleine

   a.  Presbyter oder der Priestergrad

   b.  Princeps oder der Regentengrad

  II. Große

    a. Magus

    b. Rex

 

 

 

 

IX. LeForestier, Les Illuminés, S. 250

                                                

Cahier préparartoire

                                                 Noviciat

Ire Classe: Pépinière                           Minerval

                                                 Illuminatus minor

                                                 Consécration des Magistrats

 

                                                            

a) Symbolique A) Rituel                     Apprenti

                                                                                                            Compagnon

IIe Classe: Franc-Maconnerie                                                                        Maître

                                                                         B) Code maconnique

   

                                                 b) Ecossaise     Illuminatus maior/ Novice Ecossais

 Illuminatus dirigens/ Chevalier Ecossais

 

 

                                      a) petits Mystères        Prêtre

IIIe Classe: Mystères                                                              Prince

                                                 b) grands Mystères      Mage

                                                                                     Roi

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

X. Neugebauer-Wölk, Esoterische Bünde, S. 34

 

                                                    Novize

I. Vorbereitungsklasse     Minerval

                                        Kleiner Illuminat

 

                                        englische Maurerei

Lehrling

                            Geselle

II. Freimaurerei                Meister

                                        Hochgrade

Großer Illuminat

                                        Dirigierender Illuminat

    

                                        kleine Mysterien                                            

Priester

                                        Regent

III. Mysterien                 große Mysterien

                                        Magus

                                        Docet             

 

 

 

 

XI. Schüttler, Illuminatengrade (Typoskript)

 

I.  Klasse  - Vorbereitungsklasse

  1. Novize

  2.a Minerval

  2.b Minervalis dirigens

  3. Illuminatus minor

 

II. Klasse – Freimaurerei

   1. Lehrling – Geselle – Meister

   2. Illuminatus maior oder Schottischer Novize

   3. Illuminatus dirigens oder Schottischer Ritter

 

III. Klasse – Mysterien

    Kleine

    1. Presbyter oder Priester

    2. Regent oder Princeps

    Große

    1. Magus oder Philosophus

    2. Rex oder Docet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

XII. Weishaupt, Verbessertes System

 

1.        Unterricht für die Mitglieder des ersten Grades

2.        Classe – Philosophie des Glücks und der Weltleute

3.        Classe – ars semper gaudendi

4.        Classe – Philosophie des Unglücks

5.        Classe – Entwicklung des menschlichen Geschlechts; Gang der Welt

6.        Classe – Mein System über den Idealismus

7.        Classe – Unterricht für die Aufnehmer und Manuductoren

8.        Classe – Weitere Instructionen der Manuductoren zur Bildung und

        Leitung ihrer Mitglieder.

9.        Allgemeiner Unterricht über die Ordenskonstitution

10.     Unterricht für alle Mitglieder, welche zu theosophischen Schwärmereyen                                                                     

        geneigt sind

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersicht der in der Schwedenkiste verzeichneten

quibus licet und Reprochen

 

Zum besseren Nachvollzug der Ausführungen in Kapitel V, 2 wurde eine um die Klarnamen der Mitglieder ergänzte Transkription der Aufstellung zu den quibus licet und Reprochen aus Schwedenkiste Band XI und XII übernommen. Darin ist ebenfalls die Anzahl der erhaltenen quibus licet der Mitglieder aus Bodes Verantwortungsbereich enthalten, die einen Anhalt für die Regsamkeit der jeweiligen Persönlichkeit bietet. 

 

 

Inhalt von Band XI der „Schwedenkiste“:

Quibus licet“ von A bis S (581 Stück einschl. 1a)

 

 Mitgl. Nr.  

                    Ordensname {Klarname}

 q.l. – Nr.

1.

Walther Fürst

{Prinz August von Sachsen – Coburg – Gotha}

1  -  7

2.

Aaron

{Carl, Landgraf von Hessen-Kassel}

8

3.

Adrianus Imperator

{Traugott Andreas Freiherr von Biedermann}

       9  -  11

4.

Aeschinus

{Identität nicht bekannt}

12

5.

Ali

{Friedrich Christian Rudorff}

13  -  37

6.

Alphonsus costatus

{Christoph Christian Ludwig Hönniger}

38  -  45

7.

Amasis

{Identität nicht bekannt}

46  -  54

8.

Amphion

{Ludwig Heinrich Reinhard von Röder}

55  -  59

9.

Anaximander

{Hermann Christoph Gottfried Demme}

60  -  61

10.

Appolonius

{nicht nachweisbar}

62

11.

Baillet

{Ludwig Wolf Uetterrodt zum Scharfenberg}

63

12.

Theob. Brusciato

{Identität nicht bekannt}

64  -  69

13.

Cassiodorus

{Schack Hermann Ewald}

70  -  103

14.

Castellio

{Johann Georg Anton Wahl}

104  -  125

15.

Cato von Uttica

{Johann Friedrich Ernst von der Lühe}

126  -  129

16.

Chrysostomos

{Christian Georg von Helmolt}

130  -  140

17.

Cicero

{Johann Georg Geißler ?}

141

18.

Cleobulus

{Heinrich Christian Wehmeier}

142  -  154

19.

Colbert

{Georg Hartmann von Witzleben}

155  -  165

20.

Conradin

{Dorotheus Friedrich von Prittwitz}

166  -  169

21.

Cratippus

{Johann Bernhard Wenzel}

170

22.

Crusius

{Johann David Heubel}

171  -  175

23.

David

{Friedrich Ernst Heinrich Heubel}

176  -  181

24.

Decius

{Karl Leonhard Reinhold}

182

25.

Dicaearch

{Identität nicht bekannt}

183  -  184

26.

Dioscoridos

{Johann Friedrich Weißenborn}

185

27.

Eccardt

{Wilhelm Ernst Christoph Eisenhuth}

186  -  189

28.

Eginhard

{August Gottlob Dörrien}

190  -  195

29

Sextus Empiricus

{Identität nicht bekannt}

196  -   203

30.

Eustathius

{nicht nachweisbar}

204  -  205

31.

St. Evremont

{Hans Ulrich von Gadow}

206  -  235

32.

e Fabiis

{Johann Carl Christian Lauhn}

236  -  268

33.

Flavianus

{Georg Lorenz Batsch}

269  -  271

34.

Fridericus Sapiens

{Carl Wilhelm von Buchwald}

272 -  301

35.

Gangrado di Verona

{Johann Nikolaus Nicolai}

302  -  305

36.

Graevius

{Georg Wilhelm Ernst von Uetterrodt zum Scharfenberg}

306  -   308

37.

Gronovius

{Adolph Heinrich Friedrich von Schlichtegroll}

309  -   343

38.

Guido della Torre

{Friedrich Carl Ernst von Helmolt}

344 -  351

39.

Hector

{Identität nicht bekannt}

352

40.

Hevelius

{Identität nicht bekannt}

353

41.

Homerus

{Friedrich Wielhelm Brömel}

354 -  357

42.

Daniel Huetius

{Benjamin Gottlob Friedrich Conradi}

358 -  362

43.

ab Imola

{Johann Justin Weißmantel}

363 -  365

44.

Krito

{Hermann Heinrich Draguhn}

366

45.

Lincke

{Identität nicht bekannt}

367. 368

46.

Justus Lipsius

{Carl Gotthold Lenz}

369  -  387

47.

Macrobius

{Identität nicht bekannt}

388 -  391

48.

Marquis de l’hopital

{Ernst Wilheln Eccard}

392  -  395

49.

Philipp Melanchthon

{Identität nicht bekannt}

 

396 -  401

50.

Miltiades

{Müller – zu Zerbst gehörig}

402

51.

Nadasti

{Friedrich Wilhelm von Seltzer}

403

52.

Wilhelm Occam

{nicht nachweisbar}

404 -  407

53.

Oldendorp

{Gottlieb Hufeland}

408 -  431

54.

Petersen

{Franz Johann Friedrich Ludwig von Holleben}

432 -  436

55.

Pomponatius

{Wilhelm Heinrich Carl v. Gleichen, gen. v. Rußwurm}

437 -  444

56.

Rabirius

{Philipp Werner Loos}

445 -  457

57.

Richelieu

{Friedrich Carl von Schlotheim}

458 -  459

58.

Antonius Roccus

{Friedrich Heinrich Christoph Bergmann}

460 -  466

59.

Paolo Sarpi

{Johann Joachim Bellermann}

467 -  470

60.

Annaeus Seneca

{Friedrich Bernhard Günther Gebel}

471 -  474

61.

Seth

{Identität nicht bekannt}

475. 476

62.

Spannheim

{nicht nachweisbar}

477 -  521

63.

Spinoza

{Gottlieb Franz Münter}

522. 523

64.

Henricus Stephanus

{Rudolph Zacharias Becker}

524 -  532

65.

Robertus Stephanus

{Christian Friedrich Chrysostomus Schenk}

533 -  578

66.

Sully

{Identität nicht bekannt}

579. 580

 

 GStA PK Berlin-Dahlem Freimaurer 5.2. G 39 JL Ernst zum Kompaß Nr. 110 (SK XI)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt von Band XII der „Schwedenkiste“: Q.L. u. Reprochen

(225 Q.L. u. 285 Reprochen, zus. 510 Stück)

 

 

Quibus licet

 

67.

Cornelius Tacitus

{Johannes von Weißborn}

Nr. 581

68.

Tasso                                                        

{Michael Wendelin Ernst}

582 -  594

69.

Taulerus

{Johann Kaspar Trom(m)sdorf}

595 -  612

70.

Terentius

{Gottwerth Heinrich Löber}

613

71.

Jacob Thomasius

{Johann Ernst Christian Haun}

614 -  654

72.

Thuanus

{Friedrich Ernst Carl Mereau}

655 -  684

73.

Tillotson

{Gottlob Konrad Meyer}

685 -  693

74.

Trattner

{Johann Ernst Schlegel}

694 -  697

75.

Barnabo Visconti

{Andreas Bianchi}

698 -  703

76.

Matth. Visconti

{Johann Gottfried Klimm}

704 -  710

77.

Welfo

{Leopold Schönberg von Brenkenhoff}

711 -  747

78.

Wiclef

{Heinrich August Ottokar Reichard}

748 -  777

79.

Xenophilus

{Johann Jakob Gerhard?}

778 -  779

80.

Xenophon

{Ernst Friedrich Freiherr von Schlotheim}

780 -  782

81.

Zinzendorf

{Gotthelf Wilhelm Hofmann}

783 -  800

82.

Zizka 

{nicht nachweisbar}<a href="#_ftn805" name="_ftnref805" title="">[805]</a>

801 -  804

83.

Zwinglius

{Joachim Peter Tamm}

805 -  806

 

Reprochen

I.                    Einzel-Reprochen   Nr. 1 - 192

II.                 Gesamt-Reprochen Nr. 193 – 285

 

GStA PK Berlin-Dahlem Freimaurer 5.2. G 39 JL Ernst zum Kompaß Nr. 111 (SK XII)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Themenspektrum illuminatischer pensa

 

Mit der Übernahme der in der Schwedenkiste befindlichen Übersichten zu den Aufsätzen und Abhandlungen der Mitglieder soll die Bandbreite der von ihnen bearbeiteten Themen illustriert werden. Es wurde eine Transskription der von Lerp erarbeiteten Übersichten aus SK XIII, XIV und XVI vorgenommen, wobei Dokumente, die vor der Illuminatentätigkeit datieren und zur Gothaer Freimaurerloge Ernst zum Kompaß gehören, ausgespart wurden. Zum besseren Verständnis wurden die häufig in Abkürzung aufgenommenen Titel um die jeweiligen Wortbestandteile ergänzt. An die Übersichten schließt sich eine Passage aus Weishaupts Schrift Vollständige Geschichte der Verfolgung der Illuminaten in Baiern an, in welcher der Ordensgründer zur Rechtfertigung seiner Ordensaktivitäten mögliche Themen zur Erörterung vorschlägt. Auch sie gibt Aufschluß über die Vielfalt der Sujets, mit denen sich ein Mitglied auseinandersetzen konnte.

 

SK XIII  Abhandlungen.

I.                    Von Herzog Ernst II.                                                                                          

1.Von H[er]z[o]g Ernst über die Behandlung d[e]r Gefangenen                               

2. QS. – Über d[ie]. Ursache d[e]r. meisten Irrthümer –

3. v. H[er]z[o]g E[rnst]. – desgl[eichen].

II.                 Von Walther Fürst.

                  4. – 6. 2 Classen der Irrtümer.  -- desgl[eichen].                                                      21. Dim 1154

7. Über den Unterschied zwischen Verstand u[nd]. Gewissen                       24. Dec.1783

III.               Von Acacius.

8. Üb[er]. den Grund der wahren Glückseligkeit u[nd]. Erk[enntnis]. G[o]t[te]s .

9. Ist d[e]r Verstand zulänglich od[er]. nicht zur Erkenntnis d[e]r

    Wahrh[ei]t?                                                                                                   Mord. 1154

10. Üb[er]. die Erkenntnis d[e]r Natur als Mittel zur Glückseligk[ei]t.

11. Üb[er]. die Glückseligkeit als Zweck d[e]r Schöpfung.

12. dasselbe wie 9)

13. Beantwortete Fragen (vgl. 8)

IV.              Von Aemilius.

14.Über Faustin z. B[e]d[eu]t[un]g. einiger Worte.                                8. Nov. 1782

15. D[e]r kurze Weg d[e]s Gemüts etc.

V.                 Von Ali:

16. Nutzen der Geschichte.                                                                     1. Pharv. 1154

17. Pflicht des Wohlwollens.

18. Geselliger Zeitvertreib.

VI.              Von Basilius

19. Dass[elbe]. wie 9) u[nd] 12).

VII.            Von Bayle

20. über Gregor VII

VIII.         Von Cassiodor

21. Üb[er]. Aufklärung                                                                                 15. Chord. 1154

22. Üb[er]. d[en]. gesell[igen]. Zeitvertreib (vgl. 18)

23. Recept zur Veredl[un]g unsrer Bild[un]g                                             6. Tir. -55

24. Cassiodors Antworten                                                                

25. Widerspr[uch] zw[ischen] Pflicht u[nd]. Vorteil                                                     15. Ab.

IX.              Von Cleobul:

26. zum Jahreswechsel

X.                 Von Colbert

27. Bereicherg d[e]s Staats auf Kosten d[e]s Volks

XI.              Von Conradin

28. Königs-Briefe Üb[er]. d. Erziehg. d[e]r adl[igen] Jugend

29. Zweck G[o]tt[e]s bei Erschaff[un]g d[e]r Creaturen

30. Edle Züge