Weishaupt (Spartacus): Was für Mittel giebt es die Unbeständigkeit der Menschen in geheimen Gesellschaften so zu fixieren, dass sie ohne allen äußeren Zwang gehorchen, und daß man ihnen ohne Gefahr alles vertrauen kann?

From Illuminaten-Wiki
Jump to: navigation, search


  • Dokument Leithandschrift: Schwedenkiste Band 13, Dokument SK13-063a
  • Standort: GStA PK, Freimaurer, 5.2. G 39 JL. Ernst zum Kompaß, Gotha, Nr. 111. Schwedenkiste. Abhandlungen und Geschichte, v.a. Illuminatenorden, 1757-1784
  • Titel: "Was für Mittel giebt es die Ungeständigkeit der Menschen in geheimen Gesellschafte so zu fixieren, dass sie ohne allen äußeren Zwang gehorchen, und daß man ihnen ohne Gefahr alles vertrauen kann?"
  • Autor: Johann Adam Weishaupt (Spartacus)
  • Datierung: undatierte Abschrift, teils von Knigges Hand, mit Notiz zur Autorschaft am Ende von SK13-063b. Muss daher mit großer Wahrscheinlichkeit vor Knigges Ausscheiden aus dem Orden im Juli 1784 entstanden sein.
  • Erschließung: Olaf Simons / Markus Meumann
  • JPG: SK13 (561-576)
  • Erstdruck: In engl. Übersetzung in The Secret School of Wisdom, 2015, S. 428-37

Commentary

Das Dokument 63 der Schwedenkiste bietet zwei Probeaufsätze Adam Weishaupts, die dieser zu einer der Gradinstruktionen begleitend verfasste. Die Ausätze sind übertitelt von der Frage, die hier auf den Kontext verweist, die jedoch im Dokument, das in SK13 überliefert ist, durchgestrichen steht. Das Dokument ist teils in Knigges Handschrift verfaßt und von diesem offenkundig an Bode gelangt mit der Versicherung, daß Weishaupt der Verfasser sei - so der Nachsatz unter dem zweiten Aufsatz.

Wir halten die beiden Aufsätze im folgenden getrennt - die Probeschrift A als SK13-63a und die Probeschrift B als SK13-063b.

Die beiden Probeschriften stehen unter zwei Fragen, in denen es explizit um Geheimgesellschaften, ihre Zwecke, ihre Konstruktion und ihre ihre Effizienz sowie ihre Berechtigung im Staat geht. Es geht mit den Antworten letztlich unmittelbar um den Illuminatenorden. Die Fragen sind vorgeblich von den Ordensoberen gestellt. Der sie beantwortet, bezieht sich auf Instruktionen des Ordens.

Die Kommunikationssituation ist intrikat. In der Probeschrift "Was für Mittel giebt es die Unbeständigkeit der Menschen in geheimen Gesellschaften so zu fixieren, dass sie ohne allen äußeren Zwang gehorchen, und daß man ihnen ohne Gefahr alles vertrauen kann?" legt ein Mitglied des Ordens, das selbst unter den Ordensoberen steht, Überlegungen vor, wie er eine Organisation begründen und führen würde, wenn ihm die Ordensoberen dazu Freiheit gäben - eine Organisation, die ihm persönlich gehorchen würde.

Eine hypothetische Prämisse steht zu Beginn, und überschattet, ohne selbst bewiesen worden zu sein, die gesamte Erörterung:

    Wenn Pfaffen und
    Fürsten sich darinn vereinigen, die menschliche Vernunft zu unter-
    drücken, Wenn diese, um der Menschen Aufmerksamkeit von
    ernsthaften für sie interessanten Gegenständen abzuleiten, uns Tände-
    leyen und Flittergold vorwerfen

...dass Fürsten und Pfaffen, die Öffentlichkeit von den Themen ablenken, die öffentliche Entscheidungen verlangen, wird zur Ausgangslage, die die Einrichtung von Geheimgesellschaften rechtfertigt. Sie entstehen im Abseits, in das sich die weiseren Menschen begeben, um ungestört vom notierten thematischen "Flittergold" denken zu können. "Geheime Weisheits-Schulen" gründen sich im Abseits mit dem Ziel, die Menschheit denn doch zu dem Ziel zu führen, das ihr Gott bestimmt hat. In Altertum und Neuzeit habe es solche "Gesellschaften von Biedermännern" gegeben, nur Erfolg sei eher den geheimen Banden von Straßenräubern vergönnt gewesen als diesen guten Gesellschaften. Die Wahl der Männer habe zu wünschen übrig gelassen. Hier sieht sich der Verfasser in der Lage, wenn den die Ordensoberen es erbäten, mit einer kleinen Gruppe beginnend das Werk zu leisten:

    Erlauchten Obern gemäß, meine Gedanken entwerfen; ich glaube
    würklich die Frage verstanden und ausgelegt zu haben; Und man
    gebe mir 5 oder 6 angesehene und getreue Mitarbeiter, so stehe
    ich auch für die Ausführung.

Die Personen müssten diesmal besser ausgewählt werden. Man müsse sie zweitens individuell soweit verbessern, dass sie dem hohen Zweck gerecht würden. Die Geheimhaltung müsse drittens besser organisiert werden. Die Organisation müsste viertens einen attraktiven Anstrich ihres Projektes finden. Fünftens müsse man die Gesellschaft so strukturieren, dass die Mitglieder Gelegenheit zum Guten in ihr eher denn zum Bösen fänden. Sechstens dürfe eine solche Gesellschaft nicht zu schnell wachsen. Die praktischen Maßgaben will der Verfasser siebtens aus seiner Kenntnis vergleichbarer Orden zusammenstellen.

Unter diesen Maßgaben fällt zunehmend die Ausrichtung der zu gründenden Organisation auf ihren Begründer und geheimen Führer ins Gewicht. Es geht hier um eine Gesellschaft, die der Verfasser so einrichten würde, dass sie ihm voll und ganz gehorchen würde und dies, ohne dass die Mitglieder es selbst merkten. "Alle ihre bisherigen, mir entgegen stehenden Meinungen" will der Verfasser "schwächen und noch gar ausrotten". "Ich wollte dasjenige, so ich zu meinem Vorhaben brauchte, nach und nach, als selbst erfunden, entstehen lassen", so drittens die praktische Maßgabe der Manipulation, bei der die Mitglieder nicht mehr notieren, dass sie gleichgeschaltet agieren. Das wird in einem vierten praktischen Leitsatz fixiert. Es gelte, "Diese neu entstandenen Grundsätze in ihrer [das heißt der einzelnen Mitglieder] Seele so befestigen, daß sie bey sich einen Zwang fänden, so und nicht anders zu denken."

Entsprechend manipulativ sind die praktischen Hinweise, unter diesen Punkten. Er würde individuelle Notlagen nutzen, und denen, die er gewinnen will, Hilfe anbieten, um sie damit an sich zu binden. Er würde dabei so verfahren wie es in "unserer Instruction pro recipientibus vortreflich entworfen ist" - das gibt vor, dass der Verfasser nicht eben der Verfasser der Instruktionen ist, aber sich im Illuminatenorden mit seinen Vorschlägen bewegt.

Bei der Wahl der Mitglieder fallen Mitglieder mit "eigenen Systemen", eigener intellektueller Beheimatung (etwa in religiösen Orden oder konkurrierenden philosophischen Systemen) sowie persönlicher politischer Macht aus. Im Zentrum steht das junge zu formenden Mitglied.

Dieses Mitglied wiederum wird gezielt einer unklaren Situation ausgesetzt, in der es sich überwacht fühlen muss:

    In der Vorbereitungs-Classe oder dem so genannten Noviziat,
    wollte ich ihn nicht alle Mitglieder kennen lassen, ich wollte ihn
    dadurch reitzen, aus Furcht von 1000 Augen beobachtet zu
    werden, sein Herz zu bessern, und dem allgemeinen Wohl-
    wollen zu öfnen. Ich wollte ihnen dazu Anleitung geben
    und sie auch Prüfungen unterwerfen

Ein Mysterienkult wird an dieser Stelle aufgebaut. Er soll den jungen Mitgliedern die Chance geben, sich in ein mutmaßlich geheimes Wissen hineinzugeben. Enthusiasmus wird eingesetzt, um Enthusiasmus zu schaffen: "Um Enthusiasten zu machen, muß er es selbst seyn, und sich so zeigen, denn nichts steckt so sehr an, als der Enthusiasmus." Von hier werden Maximen zur Gestaltung des Unterrichts und zur Gestaltung des Geheimordens abgeleitet.

Auffallen muss die Fixierung aller Mitglieder auf ihn den unsichtbaren Führer, dessen Gedanken sie teilen, ohne es zu bemerken. Das possessive "mein" durchdringt den Text:

    Ich würde meine Leute selbst erst bilden und mir vorberei-
    ten, nicht wie sie sind, sondern so wie ich sie zu meinem
    Zwecke nöthig hätte.

Die die vermuten, sie beherrschten ihn, werden in der Macht und Besitzphantasie seine Werkzeuge:

    So wolte ich dem Ehrgeizigen das Vergnügen vorstellen, im Stil-
    len zu herrschen, ohne bemerkt zu seyn; aus seinem Zimmer der
    Welt eine andre Wendung zu geben, vielleicht über die zu herrschen,
    die meine Herren zu seyn glauben, und das alles so sicher,
    daß keine andre Macht meine Grösse untergraben kann.

Eine mephistophelische Vorfreude auf den Moment, an dem er mit den Mitgliedern tun kann, was auch immer "ihm gefällt", bricht durch diesen Gestus durch:

    Ist einmal bey meinem Candidaten gutes Herz, Begierde
    sich durch geheime Kenntnisse, auch über den vornehmen Pöbel zu
    erheben, hat er Achtung gegen seine Obern und den Glauben sei-|<13>
    ne Neugierde nur in dieser Gesellschaft zu befriedigen; dann ist er
    mein, und ich fange mit ihm an, was mir gefällt. Ich gehe mit ihm
    auf folgende Art zu Werke...

Im folgenden das Traskript. Siehe zum zweiten Probeaufsatz den Kommentar und das Transkript SK13-063b

Olaf Simons

Transcript

Beylage A.


Probe-Schrift zur Beantwortung der Preis-Frage:
Was für Mittel giebt es; die Unbeständigkeit der
Menschen in geheimen Gesellschaften so zu fixieren, daß
sie ohne allen äussern Zwang gehorchen, und daß man
ihnen ohne Gefahr alles vertrauen kann?


Formés par des parents, qui ne raisonnent presque jamais;
élévés par des instituteurs, à qui la raison est odieuse;
entourés d’une société remplie de préjugés de toutte espe-
ce; gouvernés par des Maîtres qui se croyent intéréssés à la|<2>
durée des opinions, sur lesquelles ils fondent leur empire;
le mensonge est, pour ainsi dire, identifié avec les hommes!
Est-il donc surprenant, de ne trouver par tout que des êtres déraisonables?

                                                        Système social T. I. chap. II[1]

Wenn dieser mein Vorspruch gegründet ist; Wenn Pfaffen und
Fürsten sich darinn vereinigen, die menschliche Vernunft zu unter-
drücken a) [2] Wenn diese, um der Menschen Aufmerksamkeit von
ernsthaften für sie interessanten Gegenständen abzuleiten, uns Tände-
leyen und Flittergold vorwerfen; so ist allzeit Ursache genug, wa-
rum die Weisheit in die Winkel flieht, und, um der Verfolgung zu
entgehen, in ihren geheimen Verbindungen unter ihren getreuen Freun-
den und Anhängern noch die heiligen Funken bewahrt, die einst, alles
Drucks ohngeachtet, in ein großes Feuer ausbrechen, die Freuden
der Vernunft begehren, und die Rechte der gedrückten Menschheit
erretten sollen.

Diesen zerstreuten und stillen Verehrern der ewigen
Wahrheit hat man es also zu verdanken, daß die Welt nicht ganz|<3>
im Argen liegt, daß der Aberglauben, der Unglauben, die Heucheley,
der Despotismus noch seine Gegner und Wiederstand findet, und
daß die Welt zwar untergehe, aber das Reich der Wahrheit ewig
ungestört seyn wird.

Wenn also Eigennutz im Kleinen sowohl als Großen die
Welt beherrscht; Wenn man nur sagen darf, was mit solchem
bestehn kann, und dies allein Wahrheit heisst; Wenn die Menschen
über ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit, selbst über ihr mora-
lisches Betragen so wenig aufgeklärt sind, daß Irthum, Unwissen-
heit und übel verstandenes Interesse die Triebfedern ihrer Hand-
lungen sind; so ist es nicht nur gut, daß es geheime Weisheits-
Schulen gebe; sondern, wenn anders Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit
Freundschaft und Wahrheit noch auf der Erde sollen erhalten werden;
so ist es sogar nothwendig – das menschliche Geschlecht hätte an
ihnen eines der grössten Werkzeuge der Vorsicht verlohren, durch
welche Gott und die Natur die Sterblichen durch die Mitte der
Verderbnisse und Verfolgungen hindurch, zu den höchsten Gipfel
ihrer Höhe und Vollkommenheit hinauf führen wollen.

Aber ganz gewiß muß sodann der Gegenstand dieser
stillschweigenden Vereinigung der stillen Freunde der Wahrheit
groß und wichtig seyn. Nichts wenigers noch geringers als die
Glückseligkeit, nicht eines Einzelnen, nicht einer Familie, einer
Nation, nein! des ganzen menschlichen Geschlechts. Ihr Wohlwol-
len muß sich nicht auf ein Zeitalter oder eine Nation ver-
breiten, es muß, so zu sagen, die ganze ungeheure Ewigkeit|<4>
und den ganzen Weltraum umfassen. Es müssen nicht theore-
tische Speculationen, sondern ernsthafte, werkthätige Anstalten
seyn. Sie müssen die Wurzel des menschlichen Elends angreifen,
Irthum, Vorurtheile, Unwissenheit und Eigennutz zerstöhren, und
das Licht der Wahrheit über die ganze Erde verbreiten. Sie
müssen durchsetzen, was Religion und Staat, oder[3] nicht thun wol-
len, noch oder, nach der jetzigen Verderbnis, nicht zu thun im Stande sind zu thun.

Das haben viele der Ehrlichen eingesehn. Oft ist bey
ihnen der Wunsch entstanden, diese Gesellschaft von Biedermännern
anzutreffen, um ihrer Fahne beyzutreten, und bey grossen, von
Menschenliebe glühenden Seelen und Geistern hat der Gedanke
so tiefe Wurzel geschlagen, daß sie es wagten, selbst der-
gleichen Verbindung zu errichten, und so wohl das Alterthum
als neuere Zeiten sind reich an Männern, bey denen
dieses Vorhaben entstanden und mit der Ausführung der
Anfang gemacht worden. Nur Schade daß beinahe allzeit
der Erfolg ihren Bemühungen entgegen war, und daß solche
Gesellschaften nicht sobald entstanden, als sie auch wieder
erloschen. Wem es hier um seiner und der Menschen Glück-
seligkeit zu thun ist, dem mögte das Herz bluthen, daß
die Verderbnis und Blindheit so groß und mächtig unter
den Menschen eingerissen ist, daß zu den schändlichsten, ver-
ächtlichsten, eigennützigsten Endzwecken, so gar zum Strassen-|<5>
raube sich der Mitarbeiter unendliche darbieten, und unter sich eine
dauerhafte Verbindung errichten; zu der einzigen Vervollkomm-
nung aber der menschlilchen Natur kaum drey oder vier in ein
dauerhaftes Bündniß treten.

Hat denn die Tugend gar so geringe Reize und das Laster
gar so eifrige Vertheidiger? Wo liegt hier der Fehler, und
wie kann ihm geholfen werden?

Die Erlauchte Gesellschaft sucht, durch die aufgeworfene Frage,
der Sache auf den Grund zu kommen. Nicht als ob sie es selbst
nicht wüsste, und nicht helfen könnte, sonst wäre ihre eigene
Einrichtung fehlerhaft, sondern um den Mann zu prüfen und
auszuspähen, der ihrem Bunde beytreten soll, ob er die dazu
erforderliche Stärke und Eigenschaft hat. Aber, mit dem allen
muß ich gestehen, daß diese Aufgabe von unendlicher Schwere
sey und daß derjenige, der sie richtig auflösen wird, als
der größte Wohltäter des menschlichen Geschlechts anzusehen sey:
denn Er ist es, der den sichern Weg zeigt zu dem zu gelangen,
was dem Menschen zwar aüsserst wichtig, ist aber das mit dem
allen tausenden mislungen ist. Dazu gehöret tiefe Kenntnis
der menschlichen Seele. Und wer die Menschen in ihrer Unbeständig-
keit kennt:

Chi soli nel variar sono costanti:[4] dem schaudert
das Herz über die Frage, wie er sie zum Guten fixiren soll.
Was Kerker und Ketten, die Liebe zum Leben, Furcht vor
dem Tode, und sogar künftiges Schicksal in andern Welten,
mit allen ihren Leiden und Freuden, bisher zu bewürken nicht
im Stande waren, das soll eine einzige geheime Verbindung|<6>
ohne allen äusserlichen Zwang zu Stande bringen – Wenn das
geschehen kann, so muß Wahrheit und Tugend dein Reich und deine Macht
groß sein! Und nur der Stärke der Wahrheit ist es zuzuschrei-
ben, wenn es geschehen kann. Ich will also dem Auftrage der
Erlauchten Obern gemäß, meine Gedanken entwerfen; ich glaube
würklich die Frage verstanden und ausgelegt zu haben; Und man
gebe mir 5 oder 6 angesehene und getreue Mitarbeiter, so stehe
ich auch für die Ausführung.

Ich frage hiermit noch zuvor, warum haben sich bisher alle
geheime Anstalten zum Guten so leichtlich zerschlagen?

1) Weil die Mitarbeiter im Anfange nicht gut gewählt wor-
den. Sie waren entweder nicht uneigennützig genug, zu wenig
von der Güte der Sache durchdrungen, oder sie zerfielen aus
Ehrgeiz und Herrschsucht unter sich.

2.) Weil die Mitarbeiter das menschliche Herz nicht genug ge-
kannt, zu viel getrauet haben, weil der Grund nicht tief
genug gegraben worden, weil man die Leute so angenom-
men, wie sie schon waren.

3.) Weil sie nicht vorsichtig genug waren, und die Sache nicht
so geheim hielten, als es bey so gefährlichen Umständen
nothwendig ist; Weil sie also von denen, deren Interesse sie
bestritten, zerstöhret wurden.

4.) Weil sie ihren guten Sachen nicht die schöne Schale und
den Anstrich zu geben fähig waren, und endlich

5.) Weil sie das Interesse gut zu seyn, nicht so lebhaft
zeigen konten, als das Interesse, böse zu seyn, sich von
selbst darboth. |<7>

6.) Weil sie zu geschwind und zu frühzeitig auf ihre Ver-
mehrung und Verbreitung bedacht waren, und hauptsächlich

7.) Weil sie schon anfangs ohne alle Vorbereitung in das Ganze
einsehen liessen, weil sie auf einmal alles thun wollten. Um
einen Plan zu entwerfen, in welchem diese Mängel vermieden
sind, will ich sagen, was ich aus eigner Erfahrung, aus der Ge-
schichte, aus der Kenntniß anderer Orden, und Ordens-Stifter, nur
im Allgemeinen abgezogen habe; Ihr Gutes will ich beybe-
halten und ihre Fehler sollen mir die gegentheilige Regel
ausfindig machen. Ich sage also:

Wenn gewisse, zu menschlicher Glückseligkeit unentbehrliche
Grundsätze, die aber das Interesse Anderer zu sehr be-
leidigen, sollen allgemein gemacht, unter Menschen verbrei-
tet und erhalten, und der Gegenstand einer geheimen Gesell-
schaft werden; so werde ich solches nicht als das Werk eines
Tages, nicht eines Jahres oder Jahrhunderts; sondern von Jahr-
Tausenden ansehen; ich wäre mit kleinen unmerklichen Pro-
gressen schon zufrieden; ich würde die totale Entwickelung des
Systems nicht übertreiben noch übereilen; ich wollte nicht mehr
thun als meine jedesmalige Stärke, (Zeit und Umstände mitge-
rechnet,) sicher, ohne weit vorher gesehenen Schaden erlaubten.
Ich würde meine Leute selbst erst bilden und mir vorberei-
ten, nicht wie sie sind, sondern so wie ich sie zu meinem
Zwecke nöthig hätte.

Zur Bildung meiner Mitarbeiter wollte ich folgende
Maaßregeln ergreifen: |<8>

– I. Ich wollte in ihnen die Lust zu geheimen Verbindungen lebhaft machen.

– II Ich wollte alle ihre bisherigen, mir entgegen stehenden Meinungen schwä-
chen und noch gar ausrotten.

– III. Ich wollte dasjenige, so ich zu meinem Vorhaben brauchte, nach und
nach, als selbst erfunden, entstehen lassen.

– IV. Diese neu entstandenen Grundsätze in ihrer Seele so befestigen,
daß sie bey sich einen Zwang fänden, so und nicht anders zu denken.

I. Die Kunst, zu machen, daß eine Lust zu geheimen Verbindun-
gen entstehe.


1. Ich wollte die Zeit der öffentlichen Bedrängniß nützen. Dort fühlt
der Mensch am stärksten, wie nothwendig ihm sein Nebenmensch ist.

2. Wären keine öffentlichen Bedrängnisse, so wollte ich die Zeit er-
warten, bis ein Unglück oder irgendetwas anderes den Mann,
den ich mir gesucht habe, nöthigte, Andere um Hülfe anzu-
gehn, dort wollte ich ihm zeigen, was der Mensch allein kann,
und wie stark vereinigte Kräfte sind.

Aus dem Mangel dieser Gelegenheit und nöthigen Hülfe sind
Grosse, Mächtige, Reiche, selten gute Gesellschafter. Ich
würde sie nicht so sehr suchen, aber auch nicht ausschliessen.

3. Kurz, ich würde so mit ihnen verfahren, wie es in unse-
rer Instruction pro recipientibus vortreflich entworfen ist.

II. Um die Grundlage eines Candidaten zu ändern, würde ich

1. Nur solche aussuchen, die sich einer Führung und Leitung
unterwerfen würden, mithin vor allem, junge Leute,
besonders in Oertern, wo schon etliche ansehnliche Männer sich |<9>
zu der Gesellschaft bekannt hätten. a)[5][6]

2. Von Erwachsenen solche, die noch einer Leitung fähig sind, die
beynahe schon das denken, was ich will; die noch nicht zu
viel wissen, aber Aufklärung wünschen; die von Vorurthei-
len frey sind, und kein zu starkes gegenseitiges Interesse
haben. darum würde ich niemals wählen,

a,. Leute, die schon ein ausgebildetes System haben,

b, sich auf solches etwas zu gute dünken,

c, Ordens-Geistliche

d, Eigennützige, und besonders Herrschsüchtige.

e, Hohe und Mächtige, es sey denn, sie wären von Kindheit
an dazu erzogen.

f, Andächtler und Heuchler.

g, Alle, denen die Eigenschaft des guten Herzens fehlt.
dies wäre die erste Eigenschaft, so ich verlangte.

3. Ich wollte in ihnen die Lust zur Unsterblichkeit, sich selbst durch
schöne Thaten zu überleben, rege machen; wollte ihnen ihr
eingeschränktes Pflanzen-Leben vorstellen; wollte ihnen ihre
Bestimmung zeigen; die Sphäre von Würksamkeit, in welche
sie versetzt würden; ich würde das Vergnügen angreifen,
ins Allgemeine zu würken, auch in niedern Stande groß zu
seyn: Kurz, ich würde ihm allzeit den Orden auf der Seite zei-
gen, die mit seiner herrschenden Neigung übereinstimmte, wo-
durch solche bestätigt wird und nirgends besser als da be-|<10>
stätigt wird.

So wolte ich dem Ehrgeizigen das Vergnügen vorstellen, im Stil-
len zu herrschen, ohne bemerkt zu seyn; aus seinem Zimmer der
Welt eine andre Wendung zu geben, vielleicht über die zu herrschen,
die meine Herren zu seyn glauben, und das alles so sicher,
daß keine andre Macht meine Grösse untergraben kann.

4, In der Vorbereitungs-Classe oder dem so genannten Noviziat,
wollte ich ihn nicht alle Mitglieder kennen lassen, ich wollte ihn
dadurch reitzen, aus Furcht von 1000 Augen beobachtet zu
werden, sein Herz zu bessern, und dem allgemeinen Wohl-
wollen zu öfnen. Ich wollte ihnen dazu Anleitung geben
und sie auch Prüfungen unterwerfen.

5, Ich wollte ihn anbey mistrauisch gegen sich selbst, gegen
seine Erkenntnisse, gegen alle Wahrheiten machen; ich woll-
te ihn die grosse Kunst lehren, an allem zu zweifeln.

6, Auch die Begierde zum Neuen, zum Sonderbaren, sich zu
unterscheiden, über die gemeine Gedenkungs-Art zu erhe-
ben, wollte ich bey ihnen rege machen, den Wunsch entste-
hen lassen, etwas mehr als der gröste Theil der Menschen
zu wissen.

7, Ich wollte ihn aus der Geschichte der Eleusinischen Ge-
heimnisse, der Orgien des Bachus, den Mysterien der
Isis zeigen, daß von jeher die reinen Grundsätze, nur in ge-
heimen Schulen aufbehalten worden.

8, dadurch müsste er vorbereitet werden in die aller verborgen-
ste Weisheit einzudringen.

9, Ich würde ihnen die dahin führende Bücher mittheilen und die|<11>
Probe an gewissen, von ihnen für unwiederleglich gehaltenen Mey-
nungen machen, und ihnen dadurch zeigen, daß unser Wissen noch
lange das nicht ist, was es seyn sollte und könnte.

10, Ueberhaupt müsste bey ihnen die Bereitwilligkeit entstehen, gegen
besser erkannte Wahrheit und Gründe alles bisherige fahren zu
lassen.

Finde ich diese Bereitwilligkeit bey meinem Manne, hat
sie auch schon Wurzel bey ihm geschlagen, so muß sie auch leb-
haft gemacht und unterhalten werden.

Dazu gehöret auch noch, daß derjenige, der dem Andern
das Thor verborgener Weisheit öfnen soll, ein Mann
seyn muß, von dem man solches mit Grunde erwarten kann.
Er mus daher:

1. Geheimnißvoll thun; keine eigennützige Absichten zeigen;
nicht das Gegentheil seyn von dem, was er sagt, das der Andere
werden soll.

2, Er muß eine sonderbare, vom unwürdigen Theile der Menschen
abgesonderte Lebensart führen.

3, In dem Rufe der Aufklärung stehen und auch Einsichten zeigen.

4, Vergnügen an Arbeit und Studien äussern.

5, Man muß es für ein Glück halten, mit dem Manne bekannt
zu seyn, zu dem so wenige und nur Edle, den Zutritt haben.

6, Wenn er von der Sache spricht, muß es niemals anders als mit
Schauder und Ehrfurcht, allzeit bey verschlossenen Thüren geschehen.

7, Nur so viel reden, als nöthig ist: Von dem Orden nur ein
allgemeines, von der besondren Einrichtung nichts avanciren.

8, Seine Aufklärung, Glückseligkeit, Zufriedenheit, diesen Anstalten|<12>
verdanken. Kurz

9. Um Enthusiasten zu machen, muß er es selbst seyn, und sich so zeigen,
denn nichts steckt so sehr an, als der Enthusiasmus.

Verfahre ich mit meinem Candidaten auf die Art, so wird nicht nur
allein Achtung gegen mich, sondern auch gegen die ganze Gesellschaft
entstehen. Um so mehr:

1. Wenn mein Mann davon, als der einzigen, mithin ausschliessenden
Quelle des Zwecks überzeuget ist:

2. Wenn man wenig befiehlt, aber von dem, so befohlen wird,
auf die genaueste Vollziehung dringt.

3. Wenn keine Dispensationen, Privilegien, noch Lieblinge ange-
troffen werden.

4. Wenn man sieht, daß zu dieser Gesellschaft keine andern, als
Würdige, und diese mit erstaunender Mühe, Vorbereitung und Prüfung,
gelangen. Dann ist es der Mühe wehrt, sich darum zu bewerben,
das zu suchen, was nicht Alle haben, noch erhalten können, und
wenn es auch noch so geringe wäre. Allzeit schätzen die Men-
schen ungleich mehr, was sie nur durch Mühe erhalten, und
wozu mühsame Anstalten erfordert werden.

Dieser Gedanke, daß nur wenige dieser Grösse, dieses Har-
ren und Ausdauerns fähig sind, reizt die Eigenliebe zu sehr, als
daß man nicht auch das erhalten wollte, was so wenige erhalten. Un-
terscheidung gefällt allzeit, und wenn ich mich auch nur durch die elendeste Klei-
nigkeit unterscheiden kann. Sobald es aufhört Unterscheidung zu seyn,
weil es zu gemein wird, geht alle Achtung und Neigung verlohren.

Ist einmal bey meinem Candidaten gutes Herz, Begierde
sich durch geheime Kenntnisse, auch über den vornehmen Pöbel zu
erheben, hat er Achtung gegen seine Obern und den Glauben sei-|<13>
ne Neugierde nur in dieser Gesellschaft zu befriedigen; dann ist er
mein, und ich fange mit ihm an, was mir gefällt. Ich gehe mit ihm
auf folgende Art zu Werke: Und dieses ist dann das

IIIte Der Unterricht

1, fange ich an, ihm Sätze vorzutragen, aber nicht die Hauptsätze.

2, darum würde ich mein System in mehrere Classen abtheilen.

3, In der ersten kämen Vorbereitungs-Lehren. Allgemeine Lehren, solche,
wo der Candidat noch nicht siehet, wo sie hinaus wollen.

4. So einfache Lehren, daß sie jeder leicht einsehen kann, und eben
so leicht vernehmen.

5. Wäre er von diesen überzeugt, so wollte ich ihn weiter führen;
ich würde ihm neue und solche Sätze vorlegen, die er als ein Denker,
schon kraft der Vorbereitungs-Sätze errathen könnte, also die
nächsten Sätze, die unmittelbaren Folgen der vorhergehenden.

6. Auch diese würde ich ihm nicht platthin vortragen. In feyerlicher
Stille, unter dem Schauer geheiligter und dazu schicklicher Cäremo-
nien, wollte ich sie seinem Herzen beybringen.

7. Und das in Bildern, Hieroglyphen, deren Bedeutung er selbst
errathen müsste.

8. Nicht genug, auch in die öftern Versammlungen, würden diese Sätze
erwiesen, sinnlich gemacht, durch Fabeln, Beyspiele, Allegorien, da-
mit nicht ein theoretischer Satz, sondern ein ausgezeichnetes Bild, in
seiner Seele wäre. Ausgezeichnet mit allen den Fällen und
einzelnen Erfahrungen, von welchen der Satz abstrahiret worden.

9. Die Reden in den Versammlungen müssen voll von Wärme
Geist und Feuer seyn. Enthusiasmus müßte überall hervorscheinen.|<14>

10. Und wenn mein Candidat wieder anfienge, die weiteren Fol-
gen zu vermuthen, auch bey sich den Zwang fühlte, die ersten Sätze
als ausgemacht mehr zu denken, dann, und nicht anders, würde
er weiter befördert, bis endlich durch noch langes Fortrücken
das ganze System mit der Final-Folge vor seiner Seele läge. –
Der Endzweck dieser bisherigen Art zu verfahren, läuft auf
den Satz hinaus, eine Festigkeit in der Tugend zu gründen.
L’habitude de la vertu n’est jamais que la vertu, très
souvent méditée, pratiquée, réiterée et changée en un bésoin.

1. Wage ich keinen Misbrauch von den offenbahrten Wahrheiten,

2. Darf und kann ich nicht befürchten, daß er weicht.

3. Daß er die Geheimnisse der Gesellschaft an Andre übertrage.

4. traue ich mir, gegen alles zu wetten, daß er die vollständige
Entwickelung abwarte und vor keiner Wahrheit erschrecke,
wenn sie ihm vorher noch so auffallend gewesen:

IV Und dann darf ich vor das IVte gar nicht mehr sorgen. Das
habituelle Vergnügen, so er im Orden genossen, seine
darin erhaltene Bildung, das Beyspiel der Mitbrüder, das
Gute so er gewürkt, die grosse Sphäre von Würksam-
keit in die er sich versetzt sieht, die unüberwindliche Ge-
walt der in Bilder gehüllten Wahrheit, machen, daß er
sein Interesse mit dem Ganzen vereinigen und für die
gute Sache der Menschheit, Verfolgungen und den Tod selbst
erduldet. In diesem hätte ich hinlänglich gezeigt, wie die
Menschen zum Guten zu fixiren sind: Alles habe ich lange nicht|<15>
gesagt, und vielleicht unter dem, was ich gesagt, manches unrichtig. Aber
wenn Alles falsch und untauglich wäre; dann ist es böse um die beste
Sache. Ich weiß keinen andern Weg, Menschen standhaft zu vereinigen,
und dann bleibt dem ehrlichen Manne nichts weiter übrig, als zu dulden
und zu schweigen. Dann heißt es: Sous un gouvernement vicieux (et
quel gouvernement ne l’est pas?) on ne trouve de vertu que dans
un petit nombre de gens de bien isolés, qui, content de quelques
approbateurs, resistent au torrent universel, ou jouissent à l’écart
des vertus domestiques, dont ils savent gouter les douceurs.[7]

Aber die Weisheit und Güte Gottes wird unser erlittenes
Unrecht rächen, und wir verlassen uns darauf. Donnés le tems
à la sagesse, et le bonheur sera pour elle; donnés le tems à
la folie, et elle se punira elle-même.

Ich wünsche mir also zu dem Gegenstande einer geheimen
Gesellschaft:

1, Ein für die menschliche Glückseligkeit höchst interessantes,
bisherer unbekanntes System

2, vorgetragen stufenweise

3, in möglichster Geheimheit und Feyerlichkeit passender
Ceremonien

4, in Hieroglyphen und Bilder gehüllt,

5, mit äusserster Behutsamkeit,

6, Wenigen, aber dem würdigsten Theil der Menschen vorge-
tragen zu sehn, Menschen, die noch über dies

7, die Entschlossenheit und Festigkeit hätten, es in der Welt

8, durch unmerkliche, und in Jahrtausende hinein entfernte|<16>
Anstalten zu realisieren.

Und das, glaube ich, kann und muß der Wunsch jedes Weisen, und
die Galle jedes, beim Gegentheil interessierten Bösewichts seyn.


Notes

  1. Henri Thiry d’Holbach, Systême social ou principes naturels de la morale et de la politique, tome premier (Londres, 1773) Google Books
  2. [Fußnote a) des Dokuments] L’ignorance, les préjugés, l’opinion, l’éducation, les gou-
    vernemens injustes, la paresse, voilà les sources permanentes
    de la corruption publique.
    au même endroit. Si la morale réligieuse fut fondée sur des chimères
    dépourvues des motifs connus, subordonnée aux intérêts des prêtres,
    si elle n’eut rien de ce qu’y fallut; pour contenir ou diriger les pas-
    sions des hommes – les loix, au lieu d’être les oracles de l’équité
    ne furent que les oppressions des injustes, des fantaisies p –
  3. das Wort oder hätte an dieser Stelle zusammen mit dem noch der nächsten Zeile gestrichen werden müssen.
  4. Ital. „die einzige im Sich-Wandeln beständig sind“. Woher stammt das Zitat?
  5. [Fußnote des Dokuments:] a.) Tout homme, qui donne au public des idées nouvelles, ne peut
    espérer d’estime que de deux sortes d’hommes; ou de jeunes gens,
    qui n’ayant point adopté d’opinions, ont encore le désir et le
    loisir de s’instruire, ou de ceux dont l’esprit, ami de la
    vérité et analogue à celui de l’auteur, soupçonné déja l’exi-
    stance des idées qu’il leur donne.
                            de l’Esprit T. I. Diss: 2. chap. IV.
  6. Helvétius, De l’Esprit/Discours 2/Chapitre 4. Das Zitat lautet dort etwas abweichend: „Or, si les hommes supérieurs, entièrement absorbés dans leur genre d’étude, ne peuvent avoir d’estime sentie pour un genre d’esprit trop différent du leur, tout auteur qui donne au public des idées nouvelles ne peut donc espérer d’estime que de deux sortes d’hommes; ou des jeunes gens qui, n’ayant point adopté d’opinions, ont encore le desir et le loisir de s’instruire; ou de ceux dont l’esprit, ami de la vérité et analogue à celui de l’auteur, soupçonne déja l’existence des idées qu’il lui présente. Ce nombre d’hommes est toujours très petit: voilà ce qui retarde les progrès de l’esprit humain, et pourquoi chaque vérité est toujours si lente à se dévoiler aux yeux de tous.“
  7. Paul Henri Thiry d’Holbach], Systême social ou principes naturels de la morale et de la politique, tome premier (Londres, 1773), p.232-233. Google Books