Die Reformation auf Abwegen

Wie die Verfolgung der Täufer auch in Thüringen von Reformatoren gebilligt wurde: „Non vi sed verbo“ – Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort. Dieses Luther-Zitat und Motto der frühen Reformationsbewegung beanspruchten die Reformatoren gern für sich selbst. Ein Toleranzgedanke, der sich wohl für die friedliche Verbreitung und Etablierung der reformatorischen Ideen unter den Augen der katholischen Kirche einsetzte und der sich bis in die Gegenwart in gewaltfreien Protestbewegungen wie die von Martin Luther King über Mahatma Gandhi bis hin zu den Montagsdemonstrationen oder der Orangen Revolution widerspiegelt. Dass die Toleranz der Reformatoren, denen wir den modernen Freiheitsbegriff verdanken, jedoch auch hier und dort an ihre Grenzen stieß, das zeigten letztlich nicht nur Luthers Einstellung zu den Juden und seine Polemik gegen die aufständischen Bauern. Auch die Verfolgung der neoreformatorischen Bewegung der Täufer bildet einen weiteren dunklen Fleck in der Geschichte des Luthertums. Im Kloster Reinhardsbrunn bei Gotha etwa wurden 1530 insgesamt neun Täufer – vermutlich unter Anwendung von Gewalt – verhört und zum Widerruf gedrängt. Sechs von ihnen beharrten laut dem Verhörprotokoll auf ihrem „unchristlichen Irrsal wider gott“ und wurden einige Tage später hingerichtet – unter den Augen der mitteldeutschen Reformatoren Friedrich Myconius, Justus Menius und Philipp Melanchthon. Nicht nur ein regionalgeschichtlich bedeutendes Ereignis, sondern auch „theologisch höchst relevant“, sagt Dr. Sascha Salatowsky von der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt – und macht dieses Thema zum Teil der Jahresausstellung „‘Ich habe einen Traum‘ – Myconius, Melanchthon und die Reformation in Thüringen“, die die Forschungsbibliothek gemeinsam mit der Stiftung Schloss Friedenstein ausrichtet. mehr