Pandemiemüdigkeit oder pandemic fatigue wird von der WHO (2020) beschrieben als geringe Risikowahrnehmung, geringe Bereitschaft, sich zu informieren und weniger Schutzverhalten. Die Risikowahrnehmung, Bereitschaft, sich zu informieren und das Schutzverhalten wurden in COMSO seit April (14.04.20) regelmäßig erfasst.

Die Teilnehmenden können anhand statistischer Verfahren (Clusteranalyse) zwei Gruppen zugeordnet werden: die Pandemiemüden und die Nicht-Pandemiemüden.

Die Gruppe der Pandemiemüden zeigt eine geringere Risikowahrnehmung, weniger Bereitschaft, sich zu informieren und weniger Schutzverhalten als die Gruppe der Nicht-Pandemiemüden.

1 Anteil pandemiemüder Personen

Ergebnisse einer Clusteranalyse über die Daten seit April (14.04.) zeigen, dass die Gruppe der Pandemiemüden über den Sommer leicht größer geworden ist, jedoch der Anteil in den letzten Wochen zurückgegangen ist. Während im September noch ca. 50% der Befragten zu den Pandemiemüden zählten, sind es derzeit ca. 35%.

2 Gruppe der Pandemiemüden

Es ist eher pandemiemüde, wer:

  • männlich ist,

  • jünger ist,

  • im Gesundheitsektor arbeitet,

  • nicht chronisch krank ist,

  • keine Kinder unter 18 Jahren hat,

  • weniger Vertrauen in Institutionen oder den medizinischen Sektor hat,

  • glaubt, dass die Krankheit weiter entfernt ist,

  • glaubt, dass sich die Krankheit langsamer verbreitet,

  • mehr Selbstwirksamkeit hat und gefühlt besser vorbereitet ist,

  • Corona als Medienhype wahrnimmt,

  • weniger über die Krankheit, Schutzmaßnahmen und Regelungen weiß,

  • die Maßnahmen übertrieben findet,

  • keine Infizierten Menschen im Umfeld hat.

  Pandemiemüdigkeit
Variablen Odds Ratios CI p
Zeitpunkt 0.98 0.98 – 0.99 <0.001
Alter 0.97 0.97 – 0.97 <0.001
Geschlecht: weiblich 0.85 0.79 – 0.91 <0.001
Schulbildung: 10+ Jahre
(ohne Abitur) vs. 9 Jahre
1.02 0.90 – 1.15 0.799
Schulbildung: Abitur vs.
9 Jahre
0.95 0.85 – 1.08 0.445
Beruf im
Gesundheitssektor
1.14 1.01 – 1.29 0.029
Chronisch krank (vs.
nicht chronisch krank)
0.86 0.80 – 0.93 <0.001
Keine Kinder unter 18
Jahren (vs. Kinder unter
18 Jahren)
1.16 1.08 – 1.25 <0.001
Mittelstadt vs.
Kleinstadt
0.97 0.89 – 1.06 0.559
Großstadt vs. Kleinstadt 1.01 0.93 – 1.09 0.884
Vertrauen in
Institutionen
0.86 0.83 – 0.89 <0.001
Vertrauen in den
medizinischen Sektor
0.93 0.90 – 0.97 <0.001
Gefühlte Distanz der
Krankheit
0.67 0.65 – 0.68 <0.001
Gefühlte Verbreitungs-
geschwindigkeit der
Krankheit
0.85 0.83 – 0.88 <0.001
Selbstwirksamkeit 1.11 1.08 – 1.15 <0.001
Gefühltes Vorbereitetsein 1.04 1.01 – 1.07 0.017
Wahrgenommener Medienhype 1.13 1.10 – 1.16 <0.001
Wahrgenommenes Wissen 0.64 0.62 – 0.67 <0.001
Wissen über die Krankheit 0.71 0.60 – 0.84 <0.001
Wissen über
Schutzmaßnahmen
0.24 0.19 – 0.31 <0.001
Wissen über Regelungen 0.58 0.47 – 0.72 <0.001
Maßnahmen übertrieben
finden
1.18 1.15 – 1.20 <0.001
Infizierte im
persönlichen Umfeld
0.81 0.74 – 0.89 <0.001
Observations 20666
Cox & Snell’s R2 / Nagelkerke’s R2 0.301 / 0.404

Interpretation: Dargestellt sind die Ergebnisse binär-logistischer Regressionsanalysen. Die Odds ratio trifft eine Aussage darüber, inwieweit das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein eines weiteren Merkmals B (z.B. Masken tragen) zusammenhängt. CI sind die 95% Konfidenzintervalle der Koeffizienten. Fettgedruckte Einflussfaktoren sind signifikant und haben einen statistisch bedeutsamen Einfluss. Werte über 1: Höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen dazu, dass die Person eher in der Gruppe der Pandemiemüden ist. Werte unter 1: Kleinere Werte auf diesem Einflussfaktor führen dazu, dass die Person eher nicht in der Gruppe der Pandemiemüden ist.

Variablen im Modell: Alter, Geschlecht, Bildung, Arbeit im Gesundheitssektor, chronische Erkrankung, ein Kind haben unter 18, Gemeindegröße, Vertrauen in die Behörden, Vertrauen in den Gesundheitssektor, verschiedene Aspekte bezogen auf die Wahrnehmung des Virus (wahrgenommene Nähe und Ausbreitungsgeschwindigkeit), gefühltes und echtes Wissen (COVID-19, Schutzmaßnahmen, Verfügungen), Selbstwirksamkeit und wahrgenommene Sicherheit in Bezug auf effektive Schutzmaßnahmen, Wahrnehmung des Ausbruchs als Medienhype, Infizierte im persönlichen Umfeld (bestätigt und unbestätigt vs. nicht) und die Einschätzung ob die aktuellen Maßnahmen übertrieben sind.

3 Unterschiede im Wissen

Unterscheiden sich die zwei Gruppen im Bezug auf das Wissen über den Übertragungsweg des Virus?

Pandemiemüde wissen seltener, dass das Virus über Aerosole übertragen wird. Dieses Wissen hängt mit der Bereitschaft Maske zu tragen zusammen.

Unterscheiden sich die zwei Gruppen im Bezug auf das Wissen über Ansteckung bei Personen ohne Symptome?

Die meisten Befragten wissen, dass sie sich auch bei Menschen ohne Symptome anstecken können. Bei Pandemiemüden fällt das Wissen etwas geringer aus.

4 Selbst eingeschätzte Pandemiemüdigkeit

In den Wellen 24, 25, 26, 31, 32 und 33 wurden die Teilnehmer direkt nach der Pandemiemüdigkeit befragt. Dabei wurde nach der Zustimmung zu 6 Aussagen (z.B. Ich bin es leid, von COVID-19 zu hören) gefragt. Die Antworten wurden zu einem Score gemittelt, der im Zeitverlauf leicht zugenommen hat. Weitere Analysen ergaben signifikante Korrelationen der selbstberichteten Pandemiemüdigkeit mit

  • weniger Schutzverhalten, z.B. weniger Masketragen (r = -0.26) und weniger Abstandhalten (r = -0.27)

  • geringer eingeschätzter Anfälligkeit (r = -0.22) und geringer eingeschätztem Schweregrad einer Infektion (r = -0.33)

5 Ergebnisse aus früheren Erhebungen

Achtung: Die Bereitschaft Schutzmaßnahmen mitzugestalten wurde in der Welle vom 10.11.2020 erhoben.

5.1 Partizipationbereitschaft (Stand 10.11.2020)

28.2% der in der am 10./11.11.2020 befragten Personen geben an, sich an der Gestaltung der Schutzmaßnahmen, Hygiene- und Kontaktregeln in ihrer Region beteiligen zu wollen.

Partizipationsbereitschaft nach Pandemiemüdigkeit