Pandemiemüdigkeit oder pandemic fatigue wird von der WHO (2020) beschrieben als geringe Risikowahrnehmung, geringe Bereitschaft, sich zu informieren und weniger Schutzverhalten. Die Risikowahrnehmung, Bereitschaft, sich zu informieren und das Schutzverhalten wurden in COMSO seit April (14.04.20) regelmäßig erfasst.

Die Teilnehmenden können anhand ihrer Angaben zu zwei Gruppen zugeordnet werden: die Pandemiemüden und die Nicht-Pandemiemüden.

Die Gruppe der Pandemiemüden zeigen geringere Risikowahrnehmung, weniger Bereitschaft, sich zu informieren und weniger Schutzverhalten.

Ergebnisse einer Clusteranalyse über die Daten seit April (14.04.) zeigen, dass die Gruppe der Pandemiemüden insgesamt leicht größer wird, jedoch der Anteil in den letzten Wochen stark zurückgegangen ist.

Wie kann man die Gruppe der Pandemiemüden genauer beschreiben?

Wer männlich oder jünger ist, weniger Wissen und Vertrauen in Institutionen hat, gehört eher in diese Gruppe. Diese Personengruppe denkt auch eher, dass die Corona-Pandemie ein medialer Hype ist, Corona sich weniger stark verbreitet und weiter entfernt ist. Diese Befragten haben weniger Infizierte im Umfeld, finden insgesamt die Maßnahmen eher übertrieben, fühlen sich mehr vorbereitet und zeigen mehr Selbstwirksamkeit.

In der letzten Erhebung zeigt sich jedoch wieder ein leicht steigender Trend beim Schutzverhalten – was mit der steigenden Fallzahl zu tun haben könnte. Dennoch geben 11% an, nicht häufig oder immer eine Maske zu tragen, 16% halten nicht häufig oder immer Abstand und 19% waschen nicht immer oder häufig 20 Sekunden die Hände.

  Pandemiemüdigkeit
Variablen Odds Ratios CI p
(Intercept) 1190.25 714.94 – 1981.54 <0.001
Zeitpunkt 1.01 1.01 – 1.02 0.001
Alter 0.97 0.97 – 0.97 <0.001
Geschlecht: weiblich 0.84 0.78 – 0.91 <0.001
Schulbildung: 10+ Jahre
(ohne Abitur) vs. 9 Jahre
0.99 0.86 – 1.14 0.862
Schulbildung: Abitur vs.
9 Jahre
0.90 0.78 – 1.03 0.137
Beruf im
Gesundheitssektor
1.06 0.92 – 1.22 0.418
Chronisch krank (vs.
nicht chronisch krank)
0.84 0.77 – 0.91 <0.001
Keine Kinder unter 18
Jahren (vs. Kinder unter
18 Jahren)
1.14 1.05 – 1.25 0.003
Mittelstadt vs.
Kleinstadt
1.00 0.91 – 1.11 0.969
Großstadt vs. Kleinstadt 1.03 0.94 – 1.13 0.486
Vertrauen in
Institutionen
0.86 0.83 – 0.90 <0.001
Vertrauen in den
medizinischen Sektor
0.92 0.88 – 0.97 <0.001
Gefühlte Distanz der
Krankheit
0.68 0.66 – 0.70 <0.001
Gefühlte Verbreitungs-
geschwindigkeit der
Krankheit
0.89 0.86 – 0.91 <0.001
Selbstwirksamkeit 1.10 1.06 – 1.14 <0.001
Gefühltes Vorbereitetsein 1.05 1.01 – 1.08 0.010
Wahrgenommener Medienhype 1.17 1.13 – 1.21 <0.001
Wahrgenommenes Wissen 0.64 0.62 – 0.67 <0.001
Wissen über die Krankheit 0.56 0.45 – 0.69 <0.001
Wissen über
Schutzmaßnahmen
0.24 0.19 – 0.32 <0.001
Wissen über Regelungen 0.51 0.40 – 0.65 <0.001
Maßnahmen übertrieben
finden
1.18 1.15 – 1.21 <0.001
Infizierte im
persönlichen Umfeld
0.80 0.72 – 0.90 <0.001
Observations 15817
Cox & Snell’s R2 / Nagelkerke’s R2 0.298 / 0.400

Interpretation: Dargestellt sind die Ergebnisse binär-logistischer Regressionsanalysen. Die Odds ratio trifft eine Aussage darüber, inwieweit das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein eines weiteren Merkmals B (z.B. Masken tragen) zusammenhängt. CI sind die 95% Konfidenzintervalle der Koeffizienten. Fettgedruckte Einflussfaktoren sind signifikant und haben einen statistisch bedeutsamen Einfluss. Werte über 1: Höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen dazu, dass die Person eher in der Gruppe der Pandemiemüden ist. Werte unter 1: Kleinere Werte auf diesem Einflussfaktor führen dazu, dass die Person eher nicht in der Gruppe der Pandemiemüden ist.

Variablen im Modell: Alter, Geschlecht, Bildung, Arbeit im Gesundheitssektor, chronische Erkrankung, ein Kind haben unter 18, Gemeindegröße, Vertrauen in die Behörden, Vertrauen in den Gesundheitssektor, verschiedene Aspekte bezogen auf die Wahrnehmung des Virus (wahrgenommene Nähe und Ausbreitungsgeschwindigkeit), gefühltes und echtes Wissen (COVID-19, Schutzmaßnahmen, Verfügungen), Selbstwirksamkeit und wahrgenommene Sicherheit in Bezug auf effektive Schutzmaßnahmen, Wahrnehmung des Ausbruchs als Medienhype, Infizierte im persönlichen Umfeld (bestätigt und unbestätigt vs. nicht) und die Einschätzung ob die aktuellen Maßnahmen übertrieben sind.

Unterscheiden sich die zwei Gruppen im Bezug auf das Wissen über den Übertragungsweg des Virus?