Seit Anfang Mai wurden die Impfbereitschaft und Zustimmung zu einer Impfpflicht sowie die „5C“, ein validiertes Maß zur Erfassung der Impfmüdigkeit, bezogen auf eine hypothetische Impfung gegen COVID-19 erfasst. In der Auswertung der Impfbereitschaft werden seit 23.02.2021 bereits geimpfte Personen (in der aktuellen Welle N = 783 bzw. 82.3%) nicht mehr berücksichtigt.

Bitte beachten: Generell ist der Anteil der mindestens einmal Geimpften in der COSMO Stichprobe höher als im Impfquoten-Monitoring berichtet (75-82% in COSMO und 62-66% Erst-Impfquote (Our World in Data) zwischen Juli und September). Dies legt nahe, dass die Stichprobe in der COSMO Studie dem Impfen positiver gegenübersteht als die Allgemeinbevölkerung, was daher möglicherweise den Anteil der Impf-Unwilligen unterschätzt und die erreichbare Impfquote überschätzt. Auch werden hier nur Erwachsene im Alter zwischen 18 und 74 befragt und auf diese Gruppe die Impfquote umgerechnet.

1 Verhältnis zwischen Impfbereitschaft und Impfstatus

1.1 Allgemein

Die ungeimpften Befragten können nach ihrer Impfabsicht den Kategorien “Verweigerer”, “Zögerliche”, “Unsichere” und “Bereite” zugeteilt werden. Aus der unteren Abbildung sieht man, dass die Anteile der Verweigerer und Zögerlichen über die Zeit relativ konstant bleibt. Der Anteil der Bereiten und Unsicheren sinkt, während der Anteil der Geimpften steigt. Das bedeutet, dass sich wahrscheinlich das Gros der Geimpften aus urspünglich Bereiten und Unischeren zusammensetzt.

1.2 Nach Alter

2 Informationsverhalten Ungeimpfter

53% informieren sich (sehr) häufig über Corona.

3 Gründe des (Nicht-)Impfens bei Ungeimpften

Die Gründe sich (nicht) gegen das Coronavirus impfen zu lassen wurden mithilfe der 5C-Kurzskala (Betsch et al., 2019) erfasst. Die 5C umfassen folgende Aspekte:

  • Confidence (Vertrauen) beschreibt das Ausmaß an Vertrauen in die Effektivität und Sicherheit von Impfungen, das Gesundheitssystem und die Motive der Entscheidungsträger (Ich habe vollstes Vertrauen, dass die Impfungen gegen COVID-19 sicher sein werden.).

  • Complacency (Risikowahrnehmung) beschreibt die Wahrnehmung von Krankheitsrisiken und ob Impfungen als notwendig angesehen werden (Impfungen gegen COVID-19 werden überflüssig sein, da COVID-19 keine große Bedrohung darstellt.).

  • Constraints (Barrieren in der Ausführung, auch: Convenience) beschreibt das Ausmaß wahrgenommener struktureller Hürden wie Stress, Zeitnot oder Aufwand (Alltagsstress wird mich davon abhalten, mich gegen COVID-19 impfen zu lassen.).

  • Calculation (Berechnung) erfasst das Ausmaß aktiver Informationssuche und bewusster Evaluation von Nutzen und Risiken von Impfungen (Wenn ich darüber nachdenken werde, mich gegen COVID-19 impfen zu lassen, werde ich sorgfältig Nutzen und Risiken abwägen, um die bestmögliche Entscheidung zu treffen.).

  • Collective Responsibility (Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft) beschreibt das Ausmaß prosozialer Motivation, durch die eigene Impfung zur Reduzierung der Krankheitsübertragung beizutragen und damit andere indirekt zu schützen, z. B. kleine Kinder oder Kranke (Wenn alle gegen COVID-19 geimpft sind, brauche ich mich nicht auch noch impfen lassen.; umgekehrt abgefragt).

Die 5 Gründe werden auf einer 7-stufigen Skala von 1 (stimme überhaupt nicht zu) bis 7 (stimme voll und ganz zu) erfasst.

Insgesamt ist das Vertrauen in die Sicherheit der Impfung und die Wahrnehmung eines eigenen und sozialen Nutzens am relevantesten. Bei all diesen Faktoren zeigen sich immer wieder bestimmte soziodemographische Faktoren, die auf eine geringe Impfbereitschaft durch fehlendes Vertrauen, geringe Risikowahrnehmung und Trittbrettfahren hinweisen. Gerade diese Aspekte sind durch Aufklärung änderbar. Bei den Sicherheitsbedenken der Ungeimpften oder Unsicheren (offene Abfrage) wurde eine nicht ausreichende Forschungslage und schnelle Zulassung genannt sowie mögliche unbekannte Spätfolgen; es wurde angegeben, dass die Wirkung unzureichend sei und generelle Angst vor Nebenwirkungen und Verunsicherung durch Medien ausgedrückt. Die Ungeimpften gaben an, was passieren müsste, damit sie sich impfen lassen (offene Abfrage). Die meisten hatten die Impfung für sich komplett ausgeschlossen, andere wären bereit, sich nach einer längeren Testphase impfen zu lassen, vermissen eine Impfempfehlung für Schwangere oder würden sich impfen lassen, wenn die Impfung weniger Nebenwirkungen hätte oder verpflichtend wäre

Seit Anfang Mai sinkt das Vertrauen in Impfungen und das Risiko hinsichtlich der Krankheit. Gleichzeitig steigt das Informationsbedürfnis und auch die Überzeugung sich eher auf den Impfschutz der Anderen zu verlassen. Allerdings ist zu beachten, dass sich nicht zwangsläufig die 5C der gesamten Stichprobe verändert haben. Immer mehr Impfwillige erhalten nun ihre Erst- bzw. Zweitimpfung. In den Abbildungen und Analysen zu den Gründen des (Nicht-)Impfens werden nur ungeimpfte Teilnehmer berücksichtigt. Diese Teilnehmer stehen den Impfungen tendenziell eher unsicher oder ablehnend gegenüber.

Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften

Wer mindestens eine (vs. gar keine) Impfung hat, der

  • hat höheres Vertrauen in die Sicherheit der Impfung
  • sieht die Impfung eher als notwendig an
  • nimmt eher weniger praktische Hürden wahr
  • hat ein geringeres Informationsbedürfnis
  • verlässt sich weniger auf den Schutz durch andere

3.1 Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland

Ungeimpfte in Ostdeutschland geben eine niedrigere Impfbereitschaft und weniger Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen (Confidence) an, empfinden die Impfung eher als nicht Notwendig (Complacency) und nehmen weniger Verantwortung für die Gemeinschaft wahr (Collective responsibility).

4 Impfdurchbrüche und Effektivität

Wer von Durchbruchimpfungen gehört hat, schätzt die Impfung im allgemeinen nicht als weniger effektiv ein, aber bewertet die Effektivität gegen schwere Verläufe als besser.

5 Nichtimpfung als Ausdruck von Unzufriedenheit

Etwa die Hälfte der bisher Ungeimpften mit niedriger Impfbereitschaft möchte sich nicht impfen lassen, weil sie sich gedrängelt fühlen. Für 18% der Ungeimpften mit niedriger Impfbereitschaft ist das Nichtimpfen eine Möglichkeit, die Unzufriedenheit mit der Regierung auszudrücken. Wer angibt, mit der Nichtimpfung die eigene Unzufriedenheit ausdrücken zu wollen, zeigt auch mehr Reaktanz (r = 0.32)

6 Wahrnehmung Ungeimpfter durch Geimpfte

7 Infektionszahlen und Anteil der Geimpften - Experiment

Im Rahmen des Experiments wurde untersucht, wie sich Informationen über Durchbruchinfektionen (mit vs. ohne Erklärung) und eine nach Geimpften und Ungeimpften aufgetrennten 7-Tage Inzidenz auf die wahrgenommene Effektivität von Impfungen auswirken.

Den Teilnehmenden wurden dabei folgende Texte präsentiert:

  • Mittlere Inzidenz: Die 7-Tage Inzidenz beträgt 116,9 pro 100.000. (oder aufgetrennte Inzidenz: Die 7-Tage Inzidenz beträgt 272,3 pro 100.000 bei Ungeimpften oder teilweise Geimpften, und 9,7 bei vollständig Geimpften.)
  • ohne Erklärung: Unter den Personen, die mit COVID-19 ins Krankenhaus kommen, steigt der Anteil der doppelt Geimpften. (oder zusätzlich diese Erklärung: Dies liegt daran, dass immer mehr Leute geimpft sind und die Impfung nicht zu 100% schützt. Wären alle geimpft, läge der Anteil der Geimpften im Krankenhaus bei 100%.)

Anschließend wurde die Effektivität der Impfung gegen Corona im Allgemeinen sowie gegen schwerwiegende Infektionen mit Krankenhausaufenthalt erfragt.

Es zeigte sich, dass die aufgetrennte Inzidenzangabe zu einer höheren allgemeinen Effektivitätsbewertung führte.

##                  Df Sum Sq Mean Sq F value  Pr(>F)   
## INFO              1    0.3   0.307   0.097 0.75540   
## AUFTRENNEN        1   23.4  23.412   7.402 0.00664 **
## INFO:AUFTRENNEN   1    2.0   2.044   0.646 0.42173   
## Residuals       947 2995.5   3.163                   
## ---
## Signif. codes:  0 '***' 0.001 '**' 0.01 '*' 0.05 '.' 0.1 ' ' 1
##                  Df Sum Sq Mean Sq F value Pr(>F)  
## INFO              1   10.7  10.670   3.398 0.0656 .
## AUFTRENNEN        1    6.8   6.819   2.172 0.1409  
## INFO:AUFTRENNEN   1    1.0   1.044   0.333 0.5643  
## Residuals       947 2973.4   3.140                 
## ---
## Signif. codes:  0 '***' 0.001 '**' 0.01 '*' 0.05 '.' 0.1 ' ' 1

8 Über das Impfen reden und die eigene Überzeugung vertreten

Wer von der Sicherheit der Impfung überzeugt oder geimpft ist, redet auch eher mit anderen über das Impfen und versucht eher, andere davon zu überzeugen. Geimpfte tun dies häufiger als Ungeimpfte.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Gesprächen über das Impfen und …

  • Vertrauen in die Impfung (Confidence): 0.16

  • Verschwörungsglaube - Corona sei menschengemacht: -0.04
  • Verschwörungsglaube - Corona sei ein Schwindel: -0.21

  • Impfstatus: 0.08

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Tendenz, andere zu überzeugen und …

  • Vertrauen in die Impfung (Confidence): 0.41

  • Verschwörungsglaube - Corona sei menschengemacht: -0.12
  • Verschwörungsglaube - Corona sei ein Schwindel: -0.35

  • Impfstatus: 0.26

9 Grundimmunisierung durch Impfen

Teilnehmende sollten einschätzen, wie viel Prozent der Bevölkerung geimpft oder genesen sein muss, um Gemeinschaftsschutz zu erreichen. Mit einem offenen Antwortfeld sollten Teilnehmende die Prozentzahl angeben. Werte unter 1 und über 100 wurden ausgeschlossen. NA% der Befragten sind aktuell der Meinung, dass mehr als 80% Immunität erreicht sein muss, um Herdenimmunität zu erreichen.

Aktuell denken 30% der Befragten, dass die Pandemie durch alleiniges Impfen von Erwachsenen kontrolliert werden kann; 70% gehen davon aus, dass dafür auch Kinder und Jugendliche geimpft werden müssen.

10 Impfabsicht & Impfpflicht

Die Befragten sollten angeben, ob Sie sich gegen COVID-19 impfen lassen würden, wenn sie nächste Woche die Möglichkeit dazu hätten. Zudem sollten sie angeben, inwiefern sie einer Impfpflicht gegen das Coronavirus zustimmen würden.

Im Vergleich zur ersten Erhebung sind weniger Personen bereit, sich impfen zu lassen. Allerdings sind in dieser Betrachtung bereits geimpfte Personen nicht berücksichtigt. Die persönliche Impfabsicht hatte im Pandemieverlauf zunächst abgenommen, zeigte seit Dezember aber einen zunehmenden Trend. Die Zustimmung zu einer verpflichtenden Impfung ist auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung.

Sollten sich alle, die dazu bereit sind, auch tatsächlich impfen lassen, so ergäbe sich aus den Geimpften und den Impfbereiten eine Impfquote unter Erwachsenen zwischen 18 und 74 Jahren von 86%. Das bedeutet, dass nicht zwangsläufig die Impfintention der gesamten Stichprobe gesunken ist. Immer mehr Impfwillige erhalten nun ihre Erst- bzw. Zweitimpfung. In den Abbildungen und Analysen zur Impfintention und zu den Gründen des (Nicht-)Impfens bleiben ungeimpfte Teilnehmer übrig, die Impfungen tendenziell eher unsicher oder ablehnend gegenüberstehen.

Was die Impfabsicht beeinflusst

Interpretation: Dargestellt sind die Ergebnisse einer linearen schrittweisen Regressionsanalyse (bestes statistisches Modell). CI sind die 95% Konfidenzintervalle der Koeffizienten (betas). Wenn diese Null einschließen, hat die entsprechende Variable keinen statistisch bedeutsamen Einfluss. Fettgedruckte Einflussfaktoren sind signifikant und haben einen statistisch bedeutsamen Einfluss. Das heißt für Werte mit positivem Vorzeichen: höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu mehr Impfbereitschaft. Das heißt für Werte mit negativem Vorzeichen: höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu weniger Impfbereitschaft

Die Impfbereitschaft gegen COVID-19 ist aktuell (18.05.21) höher für Personen, die:

  • der Impfung mehr vertrauen,

  • das Risiko der Krankheit nicht unterschätzen, die Impfung nicht für überflüssig halten,

  • weniger Kosten und Nutzen einer Impfung abwägen,

  • nicht Trittbrettfahren wollen

  • Impfungen als persönlicher Beitrag zur Infektionskontrolle sehen,

  • Impfungen als Möglichkeit zum Zurückkehren in eine Normalität wahrnehmen

  • chronisch krank sind

Variablen im Modell: Alter, Geschlecht, Bildung, Arbeit im Gesundheitssektor, chronische Erkrankung, Gemeindegröße, die 5C der Impfakzeptanz, Durch Impfung mehr soziale Kontakte, Impfung ist persönlicher Beitrag zur Infektionskontrolle, Durch Impfung zurück zur Normalität.

Hinweis: Die Regressionen beziehen sich ausschließlich auf die aktuelle Welle.

Bereits geimpfte Personen wurden von der Analyse ausgeschlossen.

  Bereitschaft, sich impfen zu lassen
Variablen std. Beta standardized CI p
Confidence (Ich habe
vollstes Vertrauen, dass
die Impfungen gegen
COVID-19 sicher sein
werden)
0.31 0.19 – 0.43 <0.001
Constraints
(Alltagsstress wird mich
davon abhalten, mich
gegen COVID-19 impfen zu
lassen)
0.07 -0.02 – 0.17 0.146
Calculation (Wenn ich
darüber nachdenken werde,
mich gegen COVID-19
impfen zu lassen, werde
ich sorgfältig Nutzen und
Risiken abwägen, um die
bestmögliche Entscheidung
zu treffen)
-0.18 -0.27 – -0.08 <0.001
Durch Impfung mehr
soziale Kontakte
0.19 0.04 – 0.34 0.013
Durch Impfung zurück zur
Normalität
0.32 0.17 – 0.46 <0.001
Observations 168
R2 / adjusted R2 0.668 / 0.658

Was die Impfabsicht beeinflusst - über die Zeit betrachtet

Die Impfintention wurde dafür dichotomisiert. Das heißt, wenn Personen eine höhere Intention als 5 (auf einer Skala zwischen 1 und 7) hat, wird sie als impfend gewertet. Werte bis einschließlich 5 gelten als nicht geimpft.

Interpretation: Dargestellt sind die Ergebnisse binär-logistischer Regressionsanalysen. Die Odds ratio trifft eine Aussage darüber, inwieweit das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein eines weiteren Merkmals B (z.B. Masken tragen) mit einem Merkmal A zusammenhängt. CI sind die 95% Konfidenzintervalle der Koeffizienten. Werte über 1: Höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu mehr Maske tragen. Werte unter 1: Kleinere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu weniger Maske tragen. Überschneiden die Fehlerbalken die horizontale Linie, so ist der Einflussfaktor nicht signifikant.

11 Impfbereitschaft und Akzeptanz von Impfungen im Kontext von Migration

Seit der Erhebung vom 24.03.2020 wird im COSMO der selbstberichtete Migrationshintergrund mit der Frage „Sind Sie oder eines Ihrer Elternteile im Ausland geboren?“ und den Antwortoptionen „Ja“, „Nein“, „Weiß nicht“ erfasst.

Im Folgenden werden die Impfansicht und die Gründe des (Nicht-)Impfens getrennt dargestellt. Personen, die „weiß nicht“ angegeben haben, wurden in den Analysen nicht berücksichtigt.

Vorab: In langen Online-Umfragen wie COSMO ist es generell schwierig, den Effekt von Migration zu erfassen. In COSMO wird diesbezüglich nicht repräsentativ erhoben. Zudem ist es möglich, dass eine Selbstselektion stattfindet, da nur Personen an der Studie teilnehmen können, die den langen Fragebogen auf Deutsch gut verstehen.

Es zeigt sich, dass Personen mit Migrationshintergrund im Frühjahr eine geringere Impfintention aufwiesen als Personen ohne Migrationshintergrund. Der Abstand ist zuletzt aber verschwunden.

Auch in Bezug auf die 5C der Impfakzeptanz gibt es Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund.