1 Akzeptanz der Einschränkung von Freiheitsrechten

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Akzeptanz der Maßnahmen mit dem Infektionsgeschehen variiert.

Die Zustimmung zu der Vorsorglichen Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen steigt nach einem zwischenzeitlichen Tief Anfang März 2021 wieder, bleibt jedoch hinter der Zustimmung aus April 2020 (Welle 1) weit zurück.

Weitere Einschränkungen, deren Akzeptanz nicht mehr stetig erhoben wird finden sich unter “Ergebnisse vergangener Erhebungen”.

2 Risikowahrnehmung und Akzeptanz der Maßnahmen

Nach einem Rückgang im Februar 2021 stieg die Zustimmung zu Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen erneut an. Das kognitive Risiko (Einschätzung zu Wahrscheinlichkeit und Schweregrad der Infektion) bleibt stabil, das affektive Risiko (Angst, Sorge vor der Infektion) steigt seit der letzten Erhebung leicht. Die durchschnittliche Einschätzung der Maßnahmen als “übertrieben” ist seit dem Jahreswechsel um etwa einen Skalenpunkt angestiegen.

Das affektive Risiko hängt stärker mit der generellen Akzeptanz der Maßnahmen zusammen, wie die folgenden Korrelationen zeigen.

Interpretation der Korrelationskoeffizienten: In der folgenden Übersicht zeigen höhere Werte einen stärkeren Zusammenhang an, Werte nahe Null zeigen, dass es keinen Zusammenhang gibt, um 0.1 einen kleinen Zusammenhang. Werte um 0.3 zeigen einen mittleren Zusammenhang, ab 0.5 spricht man von einem starken Zusammenhang. Ein negatives Vorzeichen bedeutet, dass hohe Werte der einen Variable mit niedrigen Werten der anderen Variable einhergehen. Fettdruck zeigt statistisch bedeutsame Zusammenhänge an.

Kognitive Risikowahrnehmung und …

  • Ablehnung der Maßnahmen: -0.25

  • Affektives Risiko: 0.42

Affektive Risikowahrnehmung und …

  • Ablehnung der Maßnahmen: -0.38

3 Anteil der Maßnahmen-Ablehnenden im Zeitverlauf

Der Anteil derer, die die Maßnahmen übertrieben finden (rot), rangierte im Herbst und Winter 2020 relativ stabil zwischen 22% und 28%. Seit Beginn des neuen Jahres ist der Anteil derer, die die Maßnahmen für übertrieben halten, auf aktuell 35% gestiegen.

4 Einstellung zu Maßnahmen

5 Einstellung zu mehr Freiheitsrechten mit bestehender Immunität

37% stimmten (eher) zu, dass Personen mit nachgewiesener Corona-Immunität mehr Freiheiten bekommen sollten (z.B. mehr Menschen treffen). Die Zustimmung zu mehr Freiheiten bei nachgewiesener Corona-Immunität hat seit Anfang Februar 2021 damit kontinuierlich zugenommen.

6 Ergebnisse aus vergangenen Erhebungen

6.1 Akzeptanz weiterer Einschränkungsmaßnahmen im Detail

6.2 Rechte und Pflichten von Personen mit Immunität (letzter Stand: 23.02.21)

22% gaben an, dass Personen mit nachgewiesener Corona-Immunität verpflichtet werden sollten, gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Die eher geringe Akzeptanz ist seit Mai 2020 stabil.

6.3 Einstellung zur Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen

In der Welle vom 23.02.21 wurden die Teilnehmer außerdem gebeten, die Schulschließungen zu bewerten.

Die Zustimmung zur Aufrechterhaltung der Schließungen variiert je nach Einrichtung zwischen 37% und 51%. Mit Ausnahme der Hochschulen und Berufsschulen sprechen sich mindestens ein Drittel der Befragten für ein Ende der Schließungen aus.

Menschen mit Kindern in Kindertagesstätten und Grundschulen stimmen der Aufrechterhaltung der Schließung dieser Einrichtungen weniger zu als andere Menschen.

Was sagt die Zustimmung zur Aufrechterhaltung der Schließung von Krippen und Kindertagesstätten vorher?

Interpretation: Dargestellt sind die Ergebnisse einer linearen Regressionsanalyse. CI sind die 95% Konfidenzintervalle der Koeffizienten (betas). Wenn diese Null einschließen, hat die entsprechende Variable keinen statistisch bedeutsamen Einfluss. Fettgedruckte Einflussfaktoren sind signifikant und haben einen statistisch bedeutsamen Einfluss. Das heißt für Werte mit positivem Vorzeichen: höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu mehr Akzeptanz. Das heißt für Werte mit negativem Vorzeichen: höhere Werte auf diesem Einflussfaktor führen zu weniger Akzeptanz

Die Zustimmung ist höher für Personen, die:

  • junger sind,

  • ein höheres gefühltes Risiko haben,

  • in einer Großstadt leben,

  • weniger davon überzeugt sind, dass durch die Schließungen langfristige Nachteile für Kinder entstehen,

  • nicht im Gesundheitssektor arbeiten.

  Zustimmung zur Aufrechterhaltung der Schließung von Krippen und Kindertagesstätten
Variablen std. Beta standardized CI p
Kind im relevanten Alter -0.06 -0.12 – 0.00 0.062
Alter -0.07 -0.13 – -0.00 0.040
Geschlecht: weiblich -0.00 -0.06 – 0.05 0.879
Schulbildung: 10+ Jahre
(ohne Abitur) vs. 9 Jahre
-0.06 -0.16 – 0.03 0.199
Schulbildung: Abitur vs.
9 Jahre
-0.05 -0.15 – 0.05 0.313
Mittelstadt vs.
Kleinstadt
0.03 -0.04 – 0.09 0.376
Großstadt vs. Kleinstadt 0.07 0.00 – 0.13 0.039
Aktuelle Belastung -0.05 -0.11 – 0.01 0.110
Beruf im
Gesundheitssektor
-0.09 -0.15 – -0.03 0.004
Chronisch krank (vs.
nicht chronisch krank)
0.03 -0.03 – 0.09 0.276
Affektives Risiko 0.24 0.19 – 0.30 <0.001
Sorge um psych.
Gesundheit der Kinder
-0.05 -0.13 – 0.03 0.209
Sorge um langfristige
Nachteile bei Kindern
-0.21 -0.29 – -0.14 <0.001
Observations 1012
R2 / adjusted R2 0.142 / 0.131

6.4 Ausfüllen von Kontaktdokumenten bei der Beanspruchung von Dienstleistungen (Erhebungswelle 28: 01.12.2020)

89.19 % achten häufig oder immer darauf, die Kontaktdokumente in Restaurants, Bars, bei Frisören, etc. korrekt auszufüllen (Vorwelle: 91.12 %). Personen über 30 Jahren (91.26 %) achteten zuletzt stärker darauf als Personen unter 30 Jahre (81.29 %).

Vielfach wurde diskutiert, ob durch einen Vertrauensverlust (z.B. durch die Nutzung der Kontaktinformationen durch die Polizei) die Kontaktinformationen nicht mehr korrekt ausgefüllt werden. Im Folgenden wird daher der Zusammenhang zwischen Verhalten (zu Kontaktformularen) und Vertrauen (in die Bundesregierung, in die Gesundheitsbehörden) in einer Korrelation überprüft.

Häufigkeit korrektes Ausfüllen (zum aktuellen Erhebungszeitpunkt) und …

  • Vertrauen in die Bundesregierung: 0.18

  • Vertrauen in die Gesundheitsbehörden: 0.22

Der Zusammenhang zwischen Vertrauen ist gering und positiv, was bedeutet, dass Personen, die den Behörden mehr vertrauen, auch häufiger korrekte Angaben machen und umgekehrt Personen mit wenig Vertrauen seltener korrekte Angaben machen.

Interpretation der Korrelationskoeffizienten: In der folgenden Übersicht zeigen höhere Werte einen stärkeren Zusammenhang an, Werte nahe Null zeigen, dass es keinen Zusammenhang gibt, um 0.1 einen kleinen Zusammenhang. Werte um 0.3 zeigen einen mittleren Zusammenhang, ab 0.5 spricht man von einem starken Zusammenhang. Ein negatives Vorzeichen bedeutet, dass hohe Werte der einen Variable mit niedrigen Werten der anderen Variable einhergehen. Fettdruck zeigt statistisch bedeutsame Zusammenhänge an.

6.5 Akzeptanz von Maßnahmenbündeln (Erhebungswelle 26: 10.11.2020)

Methode: In der 26. Welle wurde zum fünften Mal ein Discrete Choice Experiment (DCE) eingesetzt. Es ermöglicht eine komplexe Abfrage von Präferenzen, die als Kombinationen von Maßnahmen und Folgen vorgestellt werden. Die Befragten beurteilen dabei mehrere Eigenschaften einer potenziellen Lage gleichzeitig, d. h. sie müssen ggf. zwischen verschiedenen Eigenschaften abwägen. Ziel ist es, die jeweilige Bedeutung einer Maßnahme oder Folge vor dem Hintergrund der jeweils anderen und damit deren relative Bedeutung für die Befragten zu bestimmen.

Den Befragten wurden jeweils zwei Szenarien mit sechs Bereichen zur Entscheidung gegenübergestellt. Die Bereiche betrafen die Organisation des Schulunterrichts (häuslicher Unterricht, halber Schulunterricht; d. h. Schüler werden in halben Klassenstärken abwechselnd in der Schule und zu Hause unterrichtet, voller Schulunterricht), Restaurants und Kneipen (geschlossen, ab 22 Uhr geschlossen, geöffnet), die Höhe des Bußgeldes bei Verstoß gegen die Maskenpflicht (10, 100, 500 €), die häusliche Isolationspflicht für Risikogruppen (nein, ja), die Kapazitäten der intensivmedizinischen Versorgung (ausreichend, mehrere Wochen überlastet) sowie die Höhe der Arbeitslosenquote (5, 10, 20 %).

Abbildung: Beispiel für das Stimulusmaterial. Abgebildet sind die auf der Basis der Ergebnisse zusammengestellten Kombinationen, die sich aus den relativen Wichtigkeiten ergeben haben (beste Situation, schlechteste Situation). Quelle: MH

Abbildung: Beispiel für das Stimulusmaterial. Abgebildet sind die auf der Basis der Ergebnisse zusammengestellten Kombinationen, die sich aus den relativen Wichtigkeiten ergeben haben (beste Situation, schlechteste Situation). Quelle: MH

Interpretation: Die folgende Abbildung zeigt die relativen Wichtigkeiten (Koeffizienten mit 95% Konfidenzintervall. Wenn dieses die Null-Linie schneidet, ist die Eigenschaft nicht relevant.) Je größer der Wert, desto wichtiger ist diese Eigenschaft. Wenn die Balken nach rechts weisen (positiver Einfluss), führt das Vorhandensein dieses Merkmals zu einer höheren Akzeptanz eines Szenarios, das diese Eigenschaft besitzt. Wenn die Balken nach links weisen (negativer Einfluss), führt das Vorhandensein dieses Merkmals zu einer geringeren Akzeptanz eines Szenarios, das diese Eigenschaft besitzt

Als wichtigste Merkmale präferierten die Befragten insgesamt eine ausreichende intensivmedizinische Versorgung ohne Überlastungen (s. Abbildung) und die Vermeidung einer Arbeitslosenquote von 20 %. Ähnlich bedeutsam war den Befragten ein halber Schulunterricht. Von nachgeordneter Wichtigkeit war die Verhängung eines Bußgeldes in Höhe von 100 € oder mehr und die Öffnung von Restaurants und Kneipen bis 22 Uhr. Die häusliche Isolation von Risikogruppen blieb in Relation zu den übrigen Themen ohne Bedeutung.

Männer und Frauen stimmten in der Bewertung der drei identifizierten wichtigsten Themen Gesundheit, Arbeitslosenquote und Organisation des Schulunterrichts im Wesentlichen überein. Bei den nachgeordneten Themen fielen Unterschiede auf: Frauen lehnten die Isolationspflicht für Risikogruppen ab, während Männer indifferent waren. Während Männer offene Restaurants und Kneipen wünschten, präferierten Frauen eine Schließung ab 22 Uhr. Bei Verstoß gegen die Maskenpflicht tolerierten Männer höhere Bußgelder als Frauen.

Der Vergleich der Altersgruppen deckte bei Älteren ab 65 Jahren abweichende Präferenzen auf. Im Gegensatz zu den Jüngeren war Älteren eine vollständige oder teilweise Schließung von Restaurants und Kneipen wichtiger. Ältere befürworteten die Isolationspflicht für Risikogruppen. Bußgelder spielten für Ältere in Relation zu den anderen Themen keine Rolle. Die Vermeidung der intensivmedizinischen Überlastung war Älteren tendenziell wichtiger als Jüngeren. Befragten mit Kindern unter 14 Jahren war die Vermeidung von häuslichem Unterricht besonders wichtig.

Schlussfolgerungen: Sicherstellung der intensivmedizinischen Versorgung und Vermeidung hoher Arbeitslosigkeit sind akzeptierte Ziele für die Befragten. In anderen Bereichen muss die Politik mit Präferenzunterschieden zwischen betroffenen Bevölkerungsgruppen umgehen: Organisation des Schulunterrichtes und Isolation von Risikopersonen.

6.6 Einheitlichkeit der Regelungen für Risikogebiete (Erhebungswelle 24: 27.10.20)

In der Welle vom 27.10.20 wurden die Teilnehmer zu deutschlandweiten Einheitlichkeit für Maßbnahmen in Risikogebieten befragt

  • 77.8 % stimmen zu, dass deutschlandweit die gleichen Regeln für Risiko- Gebiete gelten sollten.

  • 83.4 % wissen, welche Regeln aktuell für sie gelten.

6.7 Bestimmungen zu Privaten Feiern und Alkohol (Erhebungswelle 22: 30.09.20)

In der Welle vom 30.09.20 wurde die generelle Akzeptanz verschiedener Regelungen mit der Akzeptanz gegeben 35 und 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern verglichen. Generell gilt: Maßnahmen werden eher akzeptiert, je mehr Neuinfektionen auftreten. Nur 60% befürworten eine generelle Begrenzung der Personenanzahl bei privaten Feiern. Wenn es zu einem kritischen Infektionsgeschehen kommt, befürworten über 75% die Einschränkung der Personenanzahl bei privaten Feiern im privaten oder öffentlichen Raum (ob die Feiern im privaten oder öffentlichen Raum stattfinden wirkt sich dabei nicht auf die Akzeptanz aus). Ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum wird eher bei höheren Fallzahlen akzeptiert; 69% (74%) würden es bei 35 (50) Neuinfektionen/100.000 Einwohnern akzeptieren. Einer Ausweitung der Maskenpflicht bei 35 oder 50 Neuinfektionen stimmen über 70% zu. Bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern stimmen 53% einer potenziellen Regelung zu, die besagt, dass Personen den betroffenen Landkreis nicht verlassen dürfen.

6.8 Zustimmung zum Beherbergungsverbot (Erhebungswelle 23: 13.10.20)

In der Welle vom 13.10.20 wurden die Teilnehmer zum Beherbergungsverbot befragt.

  • 41.9 % stimmen zu, dass es Personen aus Corona- Risikogebieten nicht erlaubt sein sollte, in Nicht-Risikogebieten in Hotels, Pensionen, etc. zu übernachten (sogenanntes “Beherbergungsverbot”).

  • 69.4 % befürworten eine deutschlandweit einheitliche Regelungen zur Beherbergung von Personen aus Corona-Risikogebieten.

  • 76 % stimmen zu, dass deutschlandweit die gleichen Regeln für Risiko- Gebiete gelten sollten.

  • 85.6 % wissen, welche Regeln aktuell für sie gelten.

6.9 Zustimmung zum Alkoholverbot (Erhebungswelle 23: 13.10.20)

In der Welle vom 13.10.20 wurden die Teilnehmer zum Alkoholverbot befragt.

  • 63.9 % stimmen zu, dass in Corona-Risikogebieten der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum (z.B. auf Plätzen und im Stadtpark) nicht erlaubt sein sollte.

  • 69.9 % befürworten eine deutschlandweit einheitliche Regelungen zum Alkoholkonsum im öffentlichen Raum in Corona-Risikogebieten.

6.10 Zustimmung zu Bußgeldern (Erhebungswelle 23: 13.10.20)

In der Welle vom 13.10.20 wurden die Teilnehmer zu Bußgeldern befragt.

81.5 % stimmen der folgenden Aussage zu: Ob es Bußgelder bei Verstößen gegen die Corona-Verordnungen gibt (z.B. gegen die Maskenpflicht) und wie hoch diese sind sollte deutschlandweit einheitlich geregelt sein.

6.11 Einhaltung von Empfehlungen aus Rücksicht (Erhebungswelle 23: 13.10.20)

In der Welle vom 13.10.20 wurden die soziale Norm der Rücksicht auf vulnerable Gruppen und Gesundheitspersonal erhoben.

79.8 % stimmen der folgenden Aussage zu: Aus Rücksicht auf Risikogruppen und das Gesundheitspersonal sollte sich jede*r freiwillig an Empfehlungen zu Abstand, Feiern und Reisen halten.