„Mehr als nur ein Spiel“ – Was mich an der Sportkultur der US-Unis beeindruckt hat – Erik Stratmann

„Mehr als nur ein Spiel“ – Was mich an der Sportkultur der US-Unis beeindruckt hat – Erik Stratmann

Wenn man aus Deutschland kommt, verbindet man Universitätssport oft mit Hochschulsportkursen, Uniliga und vielleicht einem lockeren Turnier am Semesterende. In den USA ist das völlig anders. Dort sind viele Unisportmannschaften ein zentraler Bestandteil der regionalen Identität und die Unterstützung durch Studierende, Alumni und Fans reicht weit über den Campus hinaus. Während meines Aufenthalts hat mich besonders beeindruckt, wie breit diese Unterstützung ist, vom Tailgating auf den Parkplätzen bis zur elektrisierenden Atmosphäre im Stadion oder in der Halle, und sogar Menschen, die aus anderen Bundesstaaten anreisen, um „ihre“ Unimannschaft zu sehen.

Tailgating: Das Spiel beginnt Stunden vor dem Anpfiff

Eines der eindrücklichsten Rituale ist das sogenannte Tailgating. Stunden vor dem Kick-off verwandeln sich die Parkplätze rund um die Stadien in riesige, informelle Straßenfeste. Familien, Studierende, Alumni und Freundeskreise treffen sich mit Grills, Kühltaschen, Klapptischen und Spielen wie Cornhole. Es wird gemeinsam gegessen, getrunken, musiziert und vor allem: über „die eigene“ Mannschaft gesprochen.

Auch bei Spielen der Temple Owls, etwa im Football im Lincoln Financial Field in Philadelphia, beginnt der Spieltag lange vor dem eigentlichen Spiel. Die Fans planen ihre Tailgates im Voraus, bringen aufwändig vorbereitete Speisen mit, schmücken ihre Zelte und Fahrzeuge in „Cherry and White“, den offiziellen Temple Farben und stimmen sich mit lauter Musik und Fangesängen ein. Oft kommen Menschen, die selbst vor Jahrzehnten an der Uni waren, jedes Jahr wieder; manche besuchen regelmäßig Heimspiele, obwohl sie längst in anderen Bundesstaaten leben. Für sie ist der Samstag im Stadion ein Stück Heimat, der sie immer wieder anzieht. Bemerkenswert ist, dass Tailgating nicht nur „Vorglühen“ ist, sondern eine eigene soziale Praxis. Ein Ort, an dem Generationen von Fans miteinander ins Gespräch kommen, wo Erstsemester neben Alumni aus den 1980er-Jahren stehen und sich über alte Spiele, legendäre Comebacks oder große Spieler austauschen. Manchmal bleiben Menschen sogar nur beim Tailgate und gehen gar nicht ins Stadion, die Atmosphäre draußen reicht ihnen schon als Erlebnis aus.

Unimannschaften als Identifikationsfiguren

Während in Deutschland die große mediale Bühne dem Profifußball gehört, sind in den USA die Universitätsteams selbst „Big Time“. Besonders sichtbar wird das in den klassischen College-Sportarten Football und Basketball. Die Temple Owls sind dafür ein gutes Beispiel.

Im Football spielen die Owls auf einem hohen College-Niveau, mit Heimspielen in einem großen NFL-Stadion. Die Mannschaft ist in der Stadt präsent, auf Plakaten, in Social Media und im Alltag der Studierenden. Im Basketball, gerade im Men’s Basketball, ist Temple historisch eines der traditionsträchtigsten Programme des Landes. Die Spiele finden in stimmungsvollen Hallen statt, in denen Studierende, Alumni und lokale Fans Seite an Seite stehen, Trommeln, Band und „Student Section“ sorgen für eine Atmosphäre, die eher an ein professionelles Playoff-Spiel als an „Unisport“ erinnert.

Was mich dabei besonders beeindruckt hat, ist die Konstanz der Unterstützung. Es sind nicht nur die aktuell Studierenden, die ihr Team anfeuern. Sie kommen kostenlos in die Stadien und werden mit typisch amerikanischen Schulbussen zu den Spielen gefahren. Viele Fans sind längst im Berufsleben, haben Familie, teilweise eine lange Anfahrt und kommen dennoch jedes Wochenende oder zumindest zu ausgewählten Spielen. Alumni, die seit Jahrzehnten jedes Homecoming-Wochenende fest im Kalender haben, Familien, für die der Spieltag ein generationenübergreifendes Ritual ist, Großeltern, Eltern und Kinder im gleichen Fan-Outfit, sowie ehemalige Studierende, die aus anderen Bundesstaaten einfliegen oder weite Autofahrten auf sich nehmen, um „ihre“ Uni live zu erleben, prägen dieses Bild. Diese Art der Bindung erzeugt das Gefühl, dass eine Universitätsmannschaft nicht nur das Team der aktuell eingeschriebenen Studierenden ist, sondern einer lebendigen, über Generationen gewachsenen Community gehört.

Die amerikanische Erfahrung zeigt eindrucksvoll, wie Sport als sozialer Kitt wirken kann, gerade in Institutionen, in denen Menschen nur einige Jahre verbringen, die sie aber ein Leben lang prägen. Die Temple Owls und viele andere US-Teams machen vor, wie es aussieht, wenn eine Universität über Generationen hinweg zu einem emotionalen Bezugspunkt wird, der weit über Hörsäle und Prüfungen hinausreicht. Die Fans, die Jahr für Jahr anreisen, Tailgates organisieren und ihre Teams anfeuern, halten nicht nur eine sportliche Tradition lebendig, sondern auch die Erinnerung an ihre eigene Studienzeit, an Freundschaften und prägende Erfahrungen. Was ich von meinem Aufenthalt mitnehme, ist daher weniger eine bestimmte Statistik oder ein spektakuläres Spielergebnis, sondern die Erkenntnis, wie stark geteilte Rituale, Orte und Symbole eine Gemeinschaft formen können und wie eindrucksvoll das an einer Universität sichtbar wird, wenn ein ganzer Campus (und weit darüber hinaus) für seine Unimannschaft „brennt“, und somit verabschiede ich mit einem kräftigen „GOOO OWLS“!

Von rechts nach links: Lara Rehhagen, Hooter, Sophie Otto und Erik Stratmann (Uni Erfurt)