Die Bundesregierung hat im März 2026 ein neues Klimaschutzprogramm vorgelegt. Es musste sicherstellen, dass die deutschen Klimaziele erreicht und die Lücken, die es im alten Klimaschutzprogramm gab, geschlossen werden.
Da das Klimaschutzprogramm von Expert:innen (Expertenrat für Klimafragen) als nicht ausreichend diskutiert wurde (Deutschlandfunk) und frühere Studien schon gezeigt haben, dass große Teile der Bevölkerung mehr Klimaschutz erwarten (Klimafakten.de - PACE-Studie), wurde untersucht, wie sich diese beiden Informationen auf die Wahrnehmung des Klimaschutzprogramms auswirken und ob sie die Aspekte der Handlungsbereitschaft beeinflussen.
Etwas mehr als ein Viertel der Befragten geben an, dass sie die Berichterstattung zum neuen Klimaschutzprogramm der Bundesregierung eher oder äußerst aufmerksam verfolgt haben. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten haben die Berichterstattung (überhaupt) nicht aufmerksam verfolgt.

Ein Teil der Befragten (n = 274) las einen Artikel über die Bewertung des Klimaschutzprogramms durch den Expertenrat für Klimafragen mit dem Tenor: Das Klimaschutzprogramm reicht nicht aus, um die deutschen Klimaschutzziele zu erreichen, ist wenig ambitioniert und bringt kaum neue Ansätze.
Ein Teil der Befragten (n = 272) las Ergebnisse (einer Studie) zur Frage, wie Bürger:innen den staatlichen Klimaschutz bewerten: Die meisten Befragten erwarten mehr Klimaschutz als sie gerade in der Politik von ihrer bevorzugten Partei und von der Bundesregierung sehen.
Ein weiterer Teil erhielt beide Texte (n = 273) und eine Kontrollgruppe gar keine Texte (n = 276).
Die Befragten gaben an, was sie von dem neuen Klimaschutzprogramm halten. Auf einer Skala von 1 (reicht überhaupt nicht aus) bis 7 (reicht voll und ganz aus) bewerteten sie, ob das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung ausreicht.
Wenn die Befragten die Bewertung des Expertenrates gelesen hatten (blauer und roter Balken), schätzten sie das Klimaschutzprogramm eher als unzureichend ein, als wenn sie diese Information nicht hatten. Die Erwartungen der Bevölkerung hatte keinen Effekt auf die Einschätzung.

Befragte gaben an, was sie von der Bundesregierung erwarten (im Vergleich zu dem, was im neuen Klimaschutzprogramm steht).
Auf einer Skala von 1 (sollte weniger Klimaschutz machen) bis 7 (sollte mehr Klimaschutz machen) gaben sie ihre Erwartung an.
Befragte, die die Einschätzung des Expertenrates gelesen haben (blauer und roter Balken), denken eher, dass die Regierung für mehr Klimaschutz sorgen sollte als Personen, die diese Information nicht hatten. Die Bewertung durch die Bevölkerung hatte keinen Einfluss auf die Erwartung.

Die Wahrnehmung der eigenen Wirksamkeit war in jeder Gruppe höher als die der staatlichen Klimaschutzmaßnahmen (siehe positive Differenzwerte in der ersten Grafik).
Der Hinweis auf Expertenkritik vergrößert diese Asymmetrie (blauer und roter Balken), und zwar weil die Wahrnehmung der Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen sinkt (zweite Grafik). Die Wahrnehmung des eigenen Handelns bleibt davon unberührt.

Am Ende der Befragung konnten die Befragten Tipps zu eigenem klimafreundlichen Verhalten und/oder zu politischem Engagement anfordern.
Über alle Befragten hinweg gaben 38% an, Tipps zum eigenen Handeln zu wollen, 30% zum politischen Engagement. Tatsächlich klickten 12% bzw. 7% den entsprechenden Link.
Von denen, die sich Tipps zu politischem Engagement wünschen, klicken nur etwa 23 % auf die Tipps – bei Tipps für individuelles Verhalten immerhin 32%.
Diese Asymmetrie zwischen Reden und Tun fällt für Politisches Engagement also etwas größer aus, ist aber unabhängig von den gelesenen Informationen zum Klimaschutzprogramm.
Generell fällt auf: Eigenes Klimahandeln ist durchgängig beliebter als politisches Engagement – sowohl wenn Befragten Tipps wollen als auch wenn sie den Link dafür anklicken.

Das Vertrauen in die Bundesregierung in Sachen Klimaschutz ist insgesamt sehr niedrig. Die Bewertungen durch den Expertenrat oder die Bevölkerung hatten keinen weiteren Einfluss auf Vertrauen.
Über alle Gruppen hinweg zeigt sich: Nur etwa 18% der Befragten vertrauen der Bundesregierung, dass …

Die Befragten wurden in vier Gruppen aufgeteilt und erhielten unterschiedliche Informationen: Einen Bericht mit Kritik am Klimaschutzprogramm durch den Expertenrat, einen Bericht über die Erwartungen der Bevölkerung nach mehr Klimaschutz, beides oder keine Information.
Wenn der Expertenrat das Programm kritisiert hat, verschlechterte sich die öffentliche Bewertung deutlich. Der Hinweis, dass die Bevölkerung mehr erwartet, hatte keinen Effekt. Das unterstreicht die Bedeutung unabhängiger wissenschaftlicher Beratung und ihrer öffentlichen Sichtbarkeit.
Expertenkritik verstärkte dabei die Privatisierung der Klimaverantwortung statt politische Mobilisierung auszulösen: Die ohnehin bestehende Asymmetrie (“eigenes Handeln ist wirksamer als das der Regierung”) wurde durch Expertenkritik weiter vergrößert, da das Vertrauen in die Wirksamkeit staatlicher Klimamaßnahmen weiter sank. Die Wahrnehmung des eigenen Handelns blieb unverändert.
Bestehende Wahrnehmungen werden verstärkt („Mein eigener Klimaschutz ist wirksamer als der staatliche“), aber eventuell entstehende Handlungstendenzen („Dann mache ich es eben selbst oder gehe dagegen auf die Straße“) wurden dann nur selten in Verhalten umgesetzt – besonders politischer Druck scheint nicht zu entstehen: Die Befragten sagen zwar, sie wollten mehr Klimaschutz, viele klicken dann aber nicht einmal auf einen Link, der ihnen konkrete Tipps geliefert hätte. Tipps für politische Beteiligung wurden sogar systematisch weniger nachgefragt als Tipps für eigenes Verhalten.
Die Effekte finden vor einer Kulisse gesunkenen Vertrauens statt: Nur etwa 18% der Befragten vertrauen der Bundesregierung, dass sie in der Lage ist, Klimaschutz umzusetzen, dass sie dabei ehrlich ist und ehrlich kommuniziert sowie dass sie es gut mit den Bürger:innen meint. Die zusätzliche Information hatte keinen weiteren Effekt auf Vertrauen.
Zur kritischen Einordnung der Befunde:
Die gezeigten Effekte sind signifikant, aber klein: Expertenkritik verschiebt die Bewertung um etwa einen halben Skalenpunkt; dies kann aber auf Populationsebene bedeutsam sein.
Kurzfristige Reaktion auf einmalige Information: Ob sich die Effekte verfestigen oder nach Tagen abklingen, ist offen.
Klicks als Verhaltensmaß: Wer einen Link nicht klickt, engagiert sich nicht zwangsläufig auch außerhalb der Studie nicht politisch. Die Ergebnisse könnten also den wahren Effekte unter- oder überschätzen.